49. Theosophie Und Sozialismus
Mannigfaltig sind die Gründe, warum gegenwärtig die theosophische Gesinnung sich schwer den Zugang zu den Herzen der Menschen erobern kann. Auf der einen Seite stehen ihr die Vorurteile des klügelnden Verstandes gegenüber, der sich einmal gewöhnt hat, nur das Handgreifliche gelten zu lassen. Auf der andern Seite begegnet sie den zweifelnden Empfindungen derjenigen, die da sagen: die Pflege des höheren geistigen Lebens mag ja etwas Herrliches, etwas Edles sein; aber wir haben heute — Wichtigeres zu tun. Solche Einwände entspringen oft echter Menschenfreundlichkeit, wahrem Mitgefühl mit den Nöten und Leiden der Menschheit. Es wird darauf hingewiesen, wie viele Menschen in dem bittersten Elend ihr Dasein verbringen, wie viele vom Hunger gequält, von Lebensverhältnissen, die wahrhaft unmenschlich sind, stumpf gemacht werden. Seht euch an, so ruft man den Theosophen zu, die Tausende in den Großstädten in ihren finsteren Löchern, die nicht menschliche Wohnungen genannt zu werden verdienen. Viele Personen sind da zusammengepfercht in einem Raum, der sie zu physischer und moralischer Verkommenheit verurteilt. Seht euch an die Arbeiter, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend um den kärglichsten Lohn ihre Kräfte opfern, und die zu einem menschenunwürdigen Dasein verdammt sind! Ist es nicht vor allen Dingen nötig, der Menschheit in dieser Richtung zu helfen? Die so sprechen, sehen die theosophischen Bestrebungen als eine Arbeit müßiger Köpfe an, die nichts wissen von dem, was am meisten not tut. — Und man kann nur sagen, daß solche Einwände gegen die Theosophie vielen Schein des Rechtes für sich haben. Man müßte die Augen verschließen vor Dingen, die von allen Seiten an uns herandringen, wenn man das nicht zugeben wollte. Es ist ja zweifellos richtig, daß die bitterste Not unzähligen Menschen es ganz unmöglich macht, an die höheren Ziele des Lebens auch nur einen Augenblick zu denken. Es kann leicht sogar als ein Frevel, als eine Versündigung an der Menschheit erscheinen, wenn der Theosoph einigen wenigen, die das Glück eines mehr oder weniger sorgenfreien Daseins haben, von der «Bestimmung des Menschen», von dem «höheren Leben der Seele» spricht, während die große Masse in materiellem Jammer verkommt. Die 'Theosophie ist nur für einige Schwärmer, die keinen Sinn haben für die wahren, für die nächsten Aufgaben des Lebens: das kann man nicht nur von böswilligen Gegnern, sondern auch von edlen Menschenfreunden hören, von Personen, die ein kluger Verstand und ein edles Herz vor allem dazu zwingen, ihre Kräfte der Verbesserung der materiellen Lebenslage ihrer Mitmenschen zu widmen. Solchen ist die «soziale Frage» die wichtigste in der Gegenwart. Und sie fordern von den Theosophen, daß die Lehren von «allgemeiner Menschenliebe» und «Brüderlichkeit» vor allen Dingen da betätigt werden, wo das praktische Leben, wo Hunger und Jammer, wo physische und moralische Verkommenheit laut nach Abhilfe rufen.
Man sollte auf theosophischer Seite solchen edlen Menschenfreunden nicht einfach damit entgegnen, daß man sagt: die Theosophie wolle mit den Kämpfen der Parteien, mit den Interessen des Tages nichts zu tun haben. Gewiß: es kann nicht Aufgabe des Theosophen sein, in den politischen Parteistreit unmittelbar einzugreifen. Auf anderen Wegen muß er der Menschheit zu dienen und zu helfen suchen, als es die Parteien und Gesetzgebungen tun können. Aber er muß auch dessen eingedenk sein, daß er mit einem weltfremden, für Tausende und aber Tausende von Menschen wertlosen Streben sich schwer vergehen würde gegen das, was wirklich not tut. Der Theosoph spricht von der Notwendigkeit, die edlen geistigen Kräfte in der Kindesseele nicht verkümmern zu lassen; er spricht davon, daß in jedem Menschen der Keim eines Göttlichen verborgen liegt, und daß Lehrer und Erzieher in Haus und Schule es sich zur Aufgabe machen müssen, diesen Keim des Göttlichen zu pflegen, daß sie die Seele des Kindes zu einem Bürger im Reich des Ewigen machen sollen. Und der sozial empfindende Menschenfreund erwidert ihm: du magst lange reden; sehe sie doch einmal an, diese Kinder, für welche die Eltern kein Frühstück haben, die schwach, hungernd und frierend, mit ganz stumpfen Seelenkräften zur Schule kommen. Ist ihnen gegenüber nicht vor allem etwas ganz anderes vonnöten, als an die Ewigkeit ihrer Seele zu denken?
Solche und ähnliche Reden wird der Theosoph immer wieder hören müssen. Und es ist nicht zu verwundern, wenn diejenigen ihn einen müßigen Schwärmer nennen, die da glauben, das Rechte zu tun, um vor allem materieller Not und materiellem Jammer eine Linderung zu verschaffen. — Jammer und Elend ertöten in dem Menschen auch jeden geistigen Trieb, sie stumpfen ihn für alle höheren Bestrebungen ab. Und spricht man einer Menschenmenge, die darbt, vom geistigen Leben, so predigt man Ohren, die nicht fähig sind, die Worte zu fassen.
Damit ist auf Tatsachen hingewiesen, über welche sich der Theosoph klar sein muß. Der oberste Grundsatz der «Theosophischen Gesellschaft» ist: «den Kern einer brüderlichen Gemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechtes erstreckt». Dies ist sogar der einzige Grundsatz, der für die Mitglieder dieser Gesellschaft als verbindlich betrachtet wird. Alle übrigen Bestrebungen sollen ja nur Mittel zu dem großen Ziele sein, das in dieser wesentlichen Forderung ausgesprochen wird. — Viele sozial empfindende Menschen der Gegenwart werden nun einwenden: für eine solche Forderung brauchen wir keine Theosophie. Diese Forderung erheben doch auch viele humanitäre Vereinigungen unserer Zeit und in umfassender Weise erheben sie diejenigen Parteien, welche eine Verbesserung der sozialen Lage der wirtschaftlich und geistig unterdrückten Volksklassen anstreben. Aber — so wird gesagt — die sozialistischen Parteien stellen sich auf den Boden des praktischen Lebens, der wirklichen Interessen, für welche die Massen Verständnis haben müssen; der Theosoph aber begnüge sich mit mehr oder weniger allgemeinen Redensarten, mit Predigen und mit einem Betonen von Dingen, die dem Unterdrückten durchaus nicht helfen können. Und radikale sozialistische Zeitungsschreiber und Agitatoren sind schnell bereit zu sagen: das theosophische Gerede ist nur geeignet, Verwirrung in den Köpfen derer anzurichten, die für eine wahre Verbesserung ihrer Lebenslage gewonnen werden sollen. Sie behaupten: «Wir müssen die Unterdrückten herausfordern zum Kampf gegen die Unterdrücker; wir müssen denen, die heute wirtschaftlich schwach sind, die Macht in die Hände arbeiten, damit ihre Arbeit nicht immer eine Beute bleibe derjenigen Klassen, von denen sie beherrscht werden. Die Macht der arbeitenden Klassen muß mit allen Kampfmitteln erobert werden. Aus seinem wohlverstandenen Interesse heraus muß der Arbeiter kämpfen; und ihr, Theosophen, wollt ihm von «allgemeiner Menschenliebe> vorschwärmen; ihr wollt ihm . von «Brüderlichkeit, reden. Damit wollt ihr ihn nur ablenken von dem, was ihm wirklich helfen kann. Haben denn die heute herrschenden Klassen ihre Macht je auf die und « Brüderlichkeit> gebaut? Es ist ein Hirngespinst, wenn ihr glaubt, daß jemals solche Ideale die Welt beherrschen können. Was die herrschenden Klassen errungen haben, das haben sie aus den egoistischen Interessen ihrer Klassen heraus erreicht; und ebenso können die heute Unterdrückten nur aus ihrem Klasseninteresse heraus handeln.» Und an solche Voraussetzungen wird dann die wie selbstverständlich klingende Schlußfolgerung geknüpft: «Die arbeitende und darbende Bevölkerung könnte lange warten, wenn sie darauf bauen wollte, daß ihr, Theosophen, mit eurem Gerede von «Liebe, und «Selbstlosigkeit, irgend jemand dazu bringt, die Lösung einer sozialen Aufgabe zu erstreben, wenn diese Lösung seinem Klasseninteresse zuwider ist.» — So könnte es scheinen, als ob die TTheosophie gegenüber den ernsten, sozialen Pflichten in unserer Zeit eine ziemlich überflüssige Sache sei. Daß sie das ist, werden insbesondere demagogische Redner und Schriftsteller betonen; und sie werden angesichts der Zeitverhältnisse gewiß den Beifall der Menge für sich haben.
Nun sollten aber die häßlichen Erscheinungen, die wir soeben innerhalb der sozialistischen Parteibestrebungen in Deutschland erleben, die tiefer Denkenden doch zur Einkehr mahnen. Wir erleben es, daß diejenigen, die jahrelang in dem oben gekennzeichneten Sinne von «Klassenkampf» und «Volksbefreiung» gesprochen haben, sich verfolgen und in blinder Leidenschaft gegen einander kämpfen. Eine Frage sollte da unbedingt auftauchen: Kann denn eine Bewegung zu einem gedeihlichen Ziele führen, deren Grundsätze in den leitenden Persönlichkeiten derartige Gesinnungen aufkommen lassen, wie wir sie heute beobachten können? Man denke nur einmal nach darüber, was es heißt: die Führung der Menschheit Köpfen anzuvertrauen, die nicht im geringsten imstande sind, ihrer eigenen Leidenschaften Führer zu sein. Können solche Menschen wirklich zur Besserung der allgemeinen Menschenlage etwas beitragen? Daß sich die Formen ändern würden, unter denen wir leben, wenn solche Persönlichkeiten ihre Ziele erreichten, soll nicht geleugnet werden. Daß das Wesen der menschlichen Gesellschaft ein anderes würde, das können nur geistig Unmündige behaupten. Es wird Gutgläubige geben, die sich damit trösten, daB die schlimmen Dinge, die heute in der Führerschaft der Massen zutage treten, nur vorübergehender Natur seien; und daß eine große Bewegung derlei Tatsachen notwendig zeitigen müsse. — Nun, die Gründe für manche betrübende Tatsache in der Gegenwart ist darin zu suchen, daß die Betrachtung über das soziale Leben, die unsere Zeitgenossen anstellen, und aus der heraus sie bessernd in die Verhältnisse eingreifen möchten, ganz und gar an den äußeren, materiellen Lebensverhältnissen haften bleibt. Dadurch können sie sich in ihrer sozialen Arbeit nur so anstellen, wie ein einfacher Dorfschlosser, der nie etwas von Elektrizität gelernt hat, sich verhalten müßte, wenn er einen Elektromotor machen wollte. Niemand kann die äußeren Handlungen der Menschen verstehen, der nicht die geistigen Gesetze kennenlernt, die. ihnen zugrunde liegen. Die Persönlichkeiten, die heute an den sozialen Wirkungen herumheilen wollen, müßten vor allen Dingen etwas über die Ursachen dieser Wirkungen erlernen. Und diese Ursachen liegen in den Tiefen der Menschennatur. Das, was die Theosophie als die seelische (astrale) und als die geistige Welt enthüllt, das enthält die Gesetze für das menschliche Leben, wie die Elektrizitätslehre die Gesetze für den Elektromotor enthält. Es ist begreiflich, daß man gerade in sozialistischen Kreisen von diesen Gesetzen der höheren Welten nichts wissen will, weil man gar nicht einmal eine Ahnung von ihrem Dasein hat. Aber solange man nicht willigist, einzugehen auf diesehöheren Welten, wird alle soziale Arbeit zur Ohnmacht verurteilt sein. Diejenigen, welche in gleicher Weise etwas von sozialen Verhältnissen und Theosophie verstehen, wissen das. Annie Besant, die Seele der theosophischen Bewegung in der Gegenwatt, stand jahrelang mitten im sozialen Schaffen, darinnen eine musterhafte und bedeutungsvolle Tätigkeit entwickelnd. Und als sie die Anschauungen der Theosophie zu den ihrigen gemacht hatte, da wurde es ihr klar, daß all solches Wirken ohne die Inkraftsetzung der geistigen Gewalten, zu denen die Theosophie den Schlüssel liefert, ohnmächtig ist. Sie sprach in ihrer Rede über «Theosophie und soziale Fragen» auf dem Theosophen-Kongreß zu Chicago 1892 die inhaltschweren Worte: «Ich, die ich so viele Jahre meines Lebens mich mit diesen — den sozialen — Fragen im materiellen Gebiet beschäftigt, die ich so viel Zeit und Nachdenken dem Bestreben gewidmet habe, ein Heilmittel zu finden für die sozialen Übel der Menschheit; ich erachte es für meine Pflicht ... zu sagen, daß eine einzige Stunde geistiger Energie, dem Wohle der Menschen gewidmet, hundertmal mehr Früchte trägt, als Jahre der Arbeit in der materiellen Welt.» Im folgenden soll die Aufgabe der Theosophie nach der hier angedeuteten Richtung dargestellt werden.
Es wird sich zeigen, wie wenig die Worte bloße Redensarten sind, die der große Buddha gesprochen hat: «Haß wird niemals besiegt durch Haß, sondern weicht nur der Liebe.»
Ein Volkswirtschaftslehrer, Professor Dr. Werner Sombart, kennzeichnet den Umschwung, der sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts in bezug auf das Denken in sozialen Fragen vollzogen hat, in den folgenden Sätzen: «Es ist überaus reizvoll, zu beobachten, wie seit der Mitte unseres (des neunzehnten) Jahrhunderts ... sich parallel mit der theoretischen Betrachtungsweise sozialer Dinge auch der Charakter der sozialen Bewegung in seinem Grundgedanken umgestaltet. Denn offenbar ist es dieselbe Wandlung: jene in der theoretischen Deutung und diese in der praktischen Nutzanwendung. Auch hier ist es nichts anderes, was wir wahrnehmen, als ein Ausfluß jener grundstürzenden Wandlung in der gesamten Welt- und Lebensauffassung, jener allmählichen Verdrängung dessen, was wir als idealistische oder besser ideologische Weltanschauung bezeichnen können, durch den Realismus... Was ich hier unter einer idealistischen Auffassung von Menschen und Leben verstehe, wie sie nun mehr und mehr sich vom Markte in die Gelehrtenstuben zurückzuziehen begann, ist jener Glaube an den von Natur guten Menschen, der, solange er durch keinerlei Irrtum oder Bosheit einzelner Bösen irregeleitet ward, in holdestem Frieden mit seinem Mitbruder lebte, der Glaube an jene «natürliche Ordnung: in Vergangenheit oder Zukunft, das felsenfeste Vertrauen, daß es nur der Aufklärung, des Zuspruches bedürfe, um die Menschen aus diesem Jammertale auf die lachenden Inseln der Seligen zurückzuführen, der Glaube an die Macht der ewigen Liebe, die durch ihre eigene Kraft das Böse überwinden, dem Guten zum Siege verhelfen werde ... Diese Grundstimmung nun wurde in die schlechthin entgegengesetzte verkehrt: dem Glauben an den von Natur guten Menschen machte die Überzeugung Platz, daß der Mensch von selbstischen, keineswegs «edlen» Motiven vornehmlich beherrscht werde, daß er das «Tier im Menschen; in seinem Innern trage auch in aller Kultur und trotz allem «Fortschritt». Und daraus die Konsequenz: daß man, um in der Welt etwas zu erreichen, vor allem das «Interesse» wachrufen müsse, die normalen, materiellen Triebe, daß aber auch - und das war die wichtigste Schlußfolgerung für das Schicksal der sozialen Bewegung -, weil nun einmal in der Welt das Interesse herrsche, wo es etwas zu erlangen galt, einen Zustand in einem bestimmten Sinne zu gestalten, eine Klasse zu ‹emanzipieren› wie das Proletariat, daß man da nicht dem Interesse der Kapitalistenklasse die ewige Liebe entgegenstellen dürfe, sondern daß man gegen die Macht eine Macht, eine reale Macht, eine durch das Interesse gefestigte Macht aufbieten müsse.» — Ohne Zweifel: was in diesen Sätzen ausgesprochen liegt, das ist immer mehr Gesinnung derer geworden, die eine führende Rolle in der sozialen Bewegung einnehmen wollen. Sie haben ihre Aufmerksamkeit völlig abgezogen von dem seelischen Leben des Menschen und sind der Meinung, daß man nur die materiellen Interessen, die wirtschaftlichen Verhältnisse im Auge zu haben brauche, wenn man eine günstige Lage der Menschheit herbeiführen wolle. Sie übersehen dabei ganz, daß zu den Ursachen, welche des Menschen Schicksal herbeiführen, doch vor allen Dingen die Triebe, die Instinkte seines seelischen Lebens gehören. Es ist ja durchaus richtig, daß die Herrschaft der Maschine, daß die Entwickelung der Industrie und des Weltverkehrs die Lage unseres Proletariats geschaffen haben. Aber sie haben diese Lage nur dadurch bewirken können, daß sie sich unter dem Einflusse jener Triebe und Instinkte entwickelt haben, die eben in den letzten Jahrhunderten in der Menschheit geherrscht haben. — Gerade darauf kommt es an, den Zusammenhang zwischen den menschlichen Empfindungen, Gefühlen, Trieben, und zwischen ihren Schicksalen kennenzulernen. Wer die wirtschaftlichen Verhältnisse verändern will, ohne zu erkennen, wie sie mit der menschlichen Seelenentwickelung zusammenhängen, der gleicht dem, der da glaubt, man könne den Plan eines Rathauses lediglich dadurch in den einer Kirche verwandeln, daß man die Steine anders behaue und andere Zutaten verwende. Wer dem Volke verschaffen will, was des Volkes ist, der muß vor allem sein Augenmerk auf die geistigen Zusammenhänge richten, von denen alles materielle Leben abhängt. Er muß sein Auge hinaufwenden zu den Seelenkräften, von denen das Volksschicksal gewoben wird. — Und es ist ein Unglück, daß in der Zeit, in welcher die soziale Frage zu einer brennenden geworden ist, zugleich eine materialistische Denkungsart die Massen, und namentlich ihre Führer ergriffen hat. In dem Lichte einer idealistischen, einer geistigen Vorstellungsart allein können die sozialen Fragen gedeihen. Unter dem Einfluß des materialistischen Denkens haben sich die Charaktereigenschaften der leitenden Persönlichkeiten unserer Zeit herausgebildet, so daß niemand mehr die höheren Gesetze der Menschennatur verstehen will, daß niemand mehr wirklich lernen will, was über die bloße sinnliche Wirklichkeit hinausgeht. Aber niemand kann einen wirklich günstigen Einfluß auf die Menschheitsgeschicke ausüben, der nicht weiß, welches die wahren Gesetze dieser Geschicke sind. Und die Theosophie ist der Weg, diese Gesetze kennenzulernen. Sie ist der Weg, die Seelen derer mit der rechten Gesinnung zu durchdringen, welche der materiellen Entwickelung die Richtung geben wollen. Wie dem Schmied sein Werkzeug nichts nützt, wenn er nicht die Gesetze seiner Handhabung kennt, so nützen dem « Weltbeglücker» alle ökonomischen Maßnahmen nichts, wenn er nicht von seiner Seele aus den Zugang gewinnt zu den Menschenseelen. Vom Geiste aus wird die Welt gelenkt, und wer etwas beitragen will zu ihrer Lenkung, der muß das Wesen des Geistigen erfassen. Die Theosophie muß deshalb die Seele der sozialen Dinge werden. Und nur, wenn sich auf der Grundlage, die sie schafft, die materiellen Interessen erheben, dann kann das Heil der Menschheit daraus folgen. Es kann deshalb nichts unrichtiger sein, als die Behauptung, die Theosophie sei eine weltenfremde Geistesströmung, von der man sich nichts versprechen könne für Völkerglück und Menschenbefreiung. Nein, in dem Theosophen lebt nur die Erkenntnis, daß man den Bau der menschlichen Gesellschaft nicht bewirkt, wenn man bloß Steine und Ziegel übereinander legt, sondern wenn man vor allen Dingen in voller Hingabe sich über den Plan dieses Baues unterrichtet. Und davon wollen gegenwärtig diejenigen nichts wissen, die den Anspruch darauf machen, in sozialen Dingen mitzuberaten und mitzutun. Sie ahnen nichts davon, und wollen in ihrer materialistischen Verblendung nichts davon ahnen, daß sie das wahre Wesen des Menschen erforschen müssen. Sie versprechen sich nichts von der «Liebe» in der Seele, weil sie gegenüber den Gesetzen dieser «Liebe» die Augen verschließen. — Es ist zuweilen das Schicksal der Wahrheit, daß sie gegenüber den Zeitverhältnissen paradox klingt. Das soll den Wahrheitliebenden nicht hindern, sie auszusprechen. Eine solche Wahrheit aber ist die: es können die Leiter der sozialen Fragen nicht im Sinne des Menschenheiles wirken, bevor sie sich nicht mit der Erkenntnis und der Gesinnung der Theosophie durchdrungen haben. — Es mag Theosophen geben, die weltfremd bleiben wollen, und immer wiederholen: es ist das Schicksal (Karma) der gegenwärtigen Völker, daß sie durch ihre rein materielle Gesinnung einmal geprüft werden. Ihnen ist zu sagen: gewiß, es ist auch das Schicksal des Kranken, krank zu sein; aber der versäumt seine Pflicht, der heilen soll und nicht heilt, weil er in der Krankheit eine Prüfung sieht.