Die Übersinnliche Welt und Ihre Erkenntnis
Begreiflich ist, daß bei den meisten, die heute von übersinnlichen Wahrheiten hören, sogleich die Frage auftaucht: «Wie kann man selbst zu solchen Erkenntnissen gelangen?» Es wird ja oft als ein Charakterzeichen der Menschen unserer Gegenwart hingestellt, daß sie nichts auf Treu und Glauben, auf «eine bloße Autorität» hin annehmen, sondern nur auf ihr eigenes Urteil bauen wollen. Wenn daher Mystiker und Theosophen Erkenntnisse aussprechen über die übersinnlichen Teile des Menschen, über das Schicksal von Menschenseele und Menschengeist vor der Geburt und nach dem Tode, so wird ihnen, aus der genannten Grundforderung unserer Zeit heraus, entgegnet: derlei «Dogmen » haben für den Menschen erst dann eine Bedeutung, wenn ihr ihm den Weg weist, auf dem er sich selbst von ihrer Wahrheit überzeugen kann.
Diese Forderung ist gewiß berechtigt; und es kann keinen wahren Mystiker oder Theosophen geben, der diese Berechtigung nicht anerkennen wollte. Aber ebenso gewiß ist, daß bei vielen, die heute diese Forderung stellen, sich zugleich die Gefühle des Zweifels und der Ablehnung gegenüber den Behauptungen des Mystikers geltend machen. Diese Ablehnung tritt besonders dann deutlich zutage, wenn der Mystiker damit anfängt, Andeutungen darüber zu machen, wie man zu den von ihm dargestellten Wahrheiten gelangt. Man sagt ihm dann gar oft: was wahr ist, muß sich beweisen lassen; beweise uns also, was du behauptest. Man deutet weiter an: die Wahrheit muß eine einfache, klare Sache sein, die dem «schlichten » Verstande einleuchtet; sie kann doch nicht der Besitz einiger weniger Auserwählter sein, die sie einer besonderen «Erleuchtung» verdanken. Und so sieht sich der Träger übersinnlicher Wahrheiten gar oft vor Menschen gestellt, die ihn zurückweisen, weil er, nach ihrer Meinung, ihnen für seine Behauptungen nicht die Beweise erbringen könne, die ihnen doch der Naturforscher zum Beispiel in einer ihnen verständlichen Sprache erbringe. - Andere sind wieder, die vorsichtiger mit der Zurückweisung sind, die aber doch zurückzucken vor einer wahrhaften Beschäftigung mit diesen Dingen, weil sie «ihrem Verstande einmal nicht begreiflich erscheinen». Sie begnügen sich dann wohl mit der — meist halben - Beruhigung: was über Geburt und Tod hinausliegt, was man nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann, davon «kann der Mensch eben nichts wissen».
Nur einige von den Empfindungen und Gedanken sind damit angeführt, auf die gegenwärtig der Träger einer spirituellen Weltanschauung stößt. Aber sie sind mit all den andern gleichartig, die einen Grundton unseres Zeitalters bilden. Über diesen Grundton muß sich derjenige klar sein, der sich in den Dienst einer spirituellen Bewegung stellt.
Der Mystiker selbst weiß für sich, daß seine Erkenntnisse ebenso auf — übersinnlichen — Tatsachen beruhen, wie zum Beispiel die Beschreibungen, die ein Afrikareisender von seinen Erlebnissen und Wahrnehmungen gibt. Für ihn gilt, was Annie Besant in ihrer Schrift «Der Tod und was dann?» sagt: «Wenn ein wettergebräunter Afrikaforscher uns von seinen Erlebnissen erzählt, uns die Tiere beschreibt, deren Eigenschaften und Lebensgewohnheiten er studiert hat, uns die Gegenden schildert, welche er durchwandert hat und uns deren Produkte und charakteristische Eigentümlichkeiten aufzählt, so wird er sich wenig um die Kritik bekümmern, welche Leute, die diese Orte nie gesehen haben, über seine Berichte fällen. Ja selbst wenn er von solchen unerfahrenen Kritikern Widerspruch erfährt oder lächerlich gemacht und zurechtgewiesen wird, so wird er sich darüber weder ärgern, noch gekränkt fühlen, sondern er wird sich einfach gar nicht darum bekümmern. Ein Unwissender kann durch noch so oftmalige Beteuerung seines Wissens den, der etwas wirklich weiß, nicht überzeugen. Die Ansicht von hundert Personen über eine Sache, von der sie absolut nichts wissen und verstehen, fällt ebensowenig ins Gewicht wie die Ansicht eines einzelnen von ihnen. Die übereinstimmenden Aussagen vieler Zeugen, welche alle für ihre Kenntnis einer Tatsache eintreten, verstärken die Beweiskraft; aber wenn wir nichts auch mit tausend multiplizieren, so bleibt es doch immer nichts.» Damit ist die Lage charakterisiert, in welcher [sich] der Mystiker sich selbst gegenüber befindet. Er hört die Einreden, die ihm ringsherum gemacht werden. Er weiß, daß er sich mit ihnen gar nicht auseinanderzusetzen braucht, weil er sieht, daß andere, die nicht erlebt, erfahren haben, was er erlebt und erfahren hat, über seine Erkenntnisse urteilen. Er ist in dem Falle eines Mathematikers, der eine Wahrheit eingesehen hat, und dem diese Wahrheit auch dann gelten muß, wenn tausend Stimmen gegen sie sich erheben.
Aber hier kommt sogleich der Einwand der Zweifler: «Die mathematische Wahrheit kann jedem bewiesen werden», sagen sie. « Du hast sie zwar gefunden; aber wir nehmen sie erst an, wenn wir sie aus unserer eigenen Einsicht heraus erkannt haben.» Und dann glauben sie mit ihrer Einwendung im Rechte zu sein, da es doch sicher sei, daß jeder Mensch, der sich die nötigen Kenntnisse erwirbt, jede mathematische Wahrheit beweisen könne, während doch die von dem Mystiker behaupteten Erlebnisse von den besonderen Fähigkeiten einzelner Auserwählter abhingen, und man diesen «glauben » solle.
Aber für den, welcher diesen Einwand recht überdenkt und die Sachlage prüft, fällt zugleich die Berechtigung jeglichen Zweifels dahin. Denn jeder wahre Mystiker wird ganz so sprechen, wie diese Zweifler selbst. Er wird immer betonen: der Weg zu den höheren Erkenntnissen steht jedem Menschen offen, wenn er sich die nötigen Fähigkeiten erwirbt, ihn zu gehen; wie die Einsicht in die mathematischen Wahrheiten jedem offensteht, der sich die notwendigen Kenntnisse erwirbt. Der Mystiker behauptet also nichts, was seine Gegner nicht selbst behaupten müßten, wenn sie sich selbst auch nur richtig verstünden. — Sie aber stellen ihre Behauptung auf, um sogleich eine Forderung zu erheben, welche dieser ihrer eigenen Behauptung ins Gesicht schlägt. Sie wollen nämlich nicht dann erst die Aussagen des Mystikers prüfen, wenn sie sich die dazu erforderlichen Fähigkeiten angeeignet haben werden, sondern sie richten vorher über ihn, mit den Fähigkeiten, die sie schon haben, nicht mit denen, die er verlangen muß. Er sagt ihnen: ich will kein Auserlesener sein in dem Sinne, wie ihr meint. Ich habe nur an mir gearbeitet, um mir die Fähigkeiten anzueignen, die es mir möglich machen, jetzt von Einsichten in übersinnliche Gebiete zu sprechen. Das aber sind Fähigkeiten, die in jedem Menschen schlummern. Nur müssen sie eben ausgebildet werden. Seine Gegner aber sagen: du mußt uns deine «Wahrheiten» beweisen, so, wie wir jetzt sind. Sie gehen nicht ein auf sein Verlangen, erst die in ihnen selbst schlummernden Kräfte auszubilden, sondern sie verlangen den Beweis, ohne daß sie diese Ausbildung wollen. Und sehen nicht ein, daß das soviel heißt, wie wenn der Bauer am Pfluge von dem Mathematiker den Beweis eines höheren Lehrsatzes verlangte, ohne daß er sich zuerst der Mühe unterzöge, Mathematik zu lernen.
Das alles scheint so einfach, daß man fast sich scheuen möchte, es auszusprechen. Und dennoch bezeichnet es einen Irrtum, in dem gegenwärtig Millionen von Menschen leben. Macht man ihnen das Obige klar, so werden sie es in der Theorie immer zugeben, denn es ist so einfach, wie daß «zwei mal zwei vier» ist. In ihrem Verhalten zeigen sie aber fortwährend das Gegenteil. Man kann sich immer davon überzeugen. Der Irrtum ist vielen eben, wie man sagt, in «Fleisch und Blut» übergegangen; sie üben ihn, ohne weiter darüber nachzudenken, ohne den Willen, sich davon überzeugen zu lassen, wie sie gegen alles verstoßen, was sie selbst als Verstandesregel der allereinfachsten Art jeden Augenblick würden gelten lassen, wenn nur sie zur Ruhe des Nachdenkens kämen. — Ob sich der Mystiker heute unter denkenden Arbeitern, ob er sich unter «Gebildeten » bewegt, überall begegnet er der geschilderten Befangenheit, dem gekennzeichneten Widerspruch in sich selbst. Man findet ihn in populären Vorträgen, in allen Zeitungen und Zeitschriften, und auch in gelehrten Abhandlungen und Werken.
Nun muß man sich aber auch darüber klar sein, daß man eine Zeiterscheinung vor sich hat, die man nicht einfach als «Unzulänglichkeit» hinzustellen oder mit einer vielleicht richtigen, aber deshalb noch nicht berechtigten Kritik abzutun hat. Man muß wissen, daß diese Erscheinung, diese Befangenheit gegenüber den höheren Wahrheiten tief im Wesen unseres Zeitalters begründet liegt. Man muß sich darüber aufklären, daß die großen Erfolge, die unermeßlichen Fortschritte, welche dieses Zeitalter auszeichnen, notwendig zu dem genannten Fehler führten. Insbesondere das neunzehnte Jahrhundert hatte in dieser Beziehung die großen Schattenseiten seiner außerordentlichen Vorzüge. Die Größe dieses Jahrhunderts beruht auf seinen Entdeckungen in der Erkenntnis der äußeren Natur, auf seiner Eroberung der Naturkräfte für Technik und Industrie. Diese Erfolge konnten nur erzielt werden durch die Beobachtung der Sinne und durch die Anwendung des Verstandes auf diese Sinnenbeobachtung. Unsere Gegenwartskultur ist das Ergebnis der Schulung unserer Sinne und unseres mit der Sinnenwelt beschäftigten Verstandes. Jeder Schritt fast, den wir heute auf die Straße machen, zeigt uns, wieviel wir dieser Schulung verdanken. — Und unter dem Einfluß dieser Kultursegnungen haben sich die Denkgewohnheiten unserer Gegenwartsmenschen herausgebildet. Sie bauen auf Sinne und Verstand, weil sie ihnen so viel verdanken, weil sie durch diese groß geworden sind. Die Menschen mußten sich so gewöhnen, nur das gelten zu lassen, was Sinne und Verstand liefern. Und nichts neigt mehr dazu, die alleinige Geltung, die unbedingte Autorität für sich in Anspruch zu nehmen, als Sinn und Verstand. Hat sich der Mensch bis zu einer gewissen Schulung in ihnen durchgerungen, dann gewöhnt er sich einfach daran, alles ihrem Richterspruche, alles ihrer Kritik zu unterwerfen. — Und noch auf einem anderen Gebiete begegnet man einer ähnlichen Erscheinung: auf dem des sozialen Lebens. Der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts machte im vollsten Sinne des Wortes die absolute Freiheit der Persönlichkeit geltend, er verwarf die Autorität auf den Gebieten des sozialen Zusammenlebens. Er suchte die Gemeinwesen so zu gestalten, daß die volle Unabhängigkeit, die Selbstbestimmung der Persönlichkeit sich ganz ausleben kann. Dadurch wurde er gewöhnt, alles auf das zu bauen, was dem Durchschnittsmenschen entspricht. Die höheren Kräfte, die in den Seelen schlummern, kann der eine in dieser, der andere in jener Richtung entwickeln. Der eine kommt weiter, der andere weniger weit. Die Menschen unterscheiden sich, wenn sie solche Kräfte entwickeln oder ihnen eine Geltung zusprechen. Man muß, wenn man sie zugibt, auch dem einen, der weiter gekommen ist, mehr Recht zuerkennen, über eine Sache zu sprechen oder in einer Richtung zu handeln, als dem andern, der weniger weit ist. In bezug auf Sinne und Verstand kann ein gleicher, ein Durchschnittsmaßstab angelegt werden. Es können, von diesem Gesichtspunkte aus, alle gleiches Recht, gleiche Freiheit haben. — Man sieht, auch die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens hat in der Gegenwart zur Auflehnung gegen die höheren Kräfte in der Menschennatur geführt. Der Theosoph sagt: im neunzehnten Jahrhundert hat sich die Kultur ganz auf dem physischen Plane bewegt; und die Menschen haben sich gewöhnt, sich ebenfalls nur auf diesem physischen Plane zu bewegen, sich da heimisch zu fühlen. Die höheren Fähigkeiten, die durch das Leben auf den anderen, nicht physischen Planen, entwickelt werden, und die Erkenntnisse, die sich auf diese andern Welten beziehen, wurden dadurch dem Menschen entfremdet.
Man braucht nur in Volksversammlungen zu gehen, um sich davon zu überzeugen, wie die Stimmführer ganz außerstande sind, einen anderen Gedanken zu haben als einen solchen, der sich auf die Sinnenwelt — auf den physischen Plan - bezieht. Ein gleiches kann man erleben an den Wortführern in unseren Zeitungen, Zeitschriften usw. Und überall auch die Erscheinung des hochmütigsten, absolutesten Ablehnens alles dessen, was sich nicht mit Augen sehen, mit Händen greifen läßt, was der Durchschnittsverstand nicht erfassen kann. Aber noch einmal sei es gesagt: nicht angeklagt, nicht verurteilt soll diese Erscheinung werden. Sie ist eine notwendige Stufe der Menschheitsentwickelung. Ohne den Hochmut und die Befangenheit von Sinn und Verstand hätten wir die großen Errungenschaften unseres materiellen Lebens nimmermehr, hätten wir es nicht dazu gebracht, der Persönlichkeit ein gewisses Maß freier Beweglichkeit zu geben - und könnten wir auch nimmermehr hoffen, daß uns noch manches Ideal verwirklicht werde, das gebaut werden muß auf des Menschen Freiheitsdrang und Persönlichkeitsgefühl.
Aber die gekennzeichneten Schattenseiten einer rein materiellen Kultur haben das ganze Wesen des modernen Menschen auch tief ergriffen. Man braucht gar nicht auf die erwähnten auffallenden Tatsachen sich, zum Beweise, zu beziehen; man kann gerade an Dingen, deren Bedeutung leicht besonders heute unterschätzt wird, zeigen, wie tief das Verwachsensein mit Sinn und Durchschnittsverstand in der Seele des Gegenwartsmenschen sitzt. Und gerade diese Dinge sind es, an denen man die Notwendigkeit einer Umkehr und einer Erneuerung des spirituellen Lebens ersehen kann.
Der starke Widerhall, welchen die von Prof. Friedrich Delitzsch angeregte «Bibel-Babel-Frage» hervorgerufen hat, rechtfertigt es wohl, auf die Denkweise ihres Urhebers als auf ein Zeitsymptom hinzuweisen. Prof. Delitzsch hat auf die Verwandtschaft gewisser Überlieferungen des Alten Testamentes mit babylonischen Schöpfungsurkunden hingewiesen, von einer Stelle aus und in einer Form, so daß es von vielen bemerkt worden ist, die sonst wohl an diesen Fragen vorbeigehen. Viele sind dadurch veranlaßt worden, über den sogenannten «Offenbarungsbegriff» nachzudenken. Sie fragten sich: wie kann man annehmen, daß der Inhalt des Alten Testamentes von Gott geoffenbart sei, wenn man ähnliche Vorstellungen auch bei entschieden heidnischen Völkern findet? Auf diese Frage kann hier nicht näher eingegangen werden. Delitzsch fand viele Gegner, die durch seine Ausführungen die Grundfesten der Religion erschüttert glaubten. Er hat sich nun gegen diese in einer Schrift: «Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick» verteidigt. Es soll nun hier auf einen einzigen Satz der Schrift hingewiesen werden. Er ist wichtig, weil er die Anschauung eines bedeutenden Mannes der Wissenschaft über des Menschen Stellung zur übersinnlichen Wahrheit kennzeichnet. Und so wie Delitzsch denken und empfinden heute Unzählige. Der Satz gibt so recht Gelegenheit, die Herzensmeinung unserer Zeitgenossen da kennenzulernen, wo sie sich ganz ungezwungen, also in ihrer allerwahrsten Gestalt ausspricht. Delitzsch wendet sich gegen diejenigen, die ihm ein etwas weitherziges Umspringen mit dem Begriff «Offenbarung» vorgeworfen haben, die gerne diesen Begriff als eine «Art alter Priesterweisheit» ansehen wollen, der «den Laien nichts angeht». Dagegen sagt er: «Ich für meine Person bin der Ansicht, daß, wenn wir selbst und unsere Kinder in Schule, Konfirmandenunterricht und Kirche in der ‹Offenbarung› unterwiesen werden, es nicht nur unser Recht, sondern unsere Pflicht ist, über diese ernsten Fragen, die doch auch eine eminent praktische Seite haben, selbständig nachzudenken, schon um unsern Kindern nicht «ausweichend» antworten zu müssen. Eben deshalb wird es vielen Wahrheitsuchenden nur willkommen sein, wenn durch die babylonisch-assyrische und alttestamentliche Forschung im Verein das Dogma einer Israel zuteil gewordenen besonderen «Auserwähltheit» in das Licht einer höheren und weitherzigeren Geschichtsbetrachtung gerückt werden wird.» Und ein paar Seiten vorher liest man, wozu solche Denkweise führen soll: «Im übrigen würde es mir als das einzig Konsequente erscheinen, daß sich Kirche und Schule für die ganze Urgeschichte der Welt und der Menschheit mit dem Glauben an Einen allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde begnügten und jene alttestamentlichen Erzählungen etwa unter der Bezeichnung «Althebräische Sagen) für sich gestellt würden.» — Es darf wohl als selbstverständlich vorausgesetzt werden, daß in dem Folgenden niemand einen Angriff auf den Forscher Delitzsch sehen soll. - Was wird hier aus naiver Unbefangenheit heraus gesagt? Nichts anderes, als der auf Tatsachen der physischen Forschung gerichtete Verstand werfe sich zum Richter auf über die Erkenntnisse übersinnlicher Art. Es ist kein Bewußtsein davon vorhanden, daß dieser Verstand vielleicht auch ungeeignet sein könnte, über die Unterweisungen in der «Offenbarung» so ohne weiteres nachzudenken. Wenn das, was als «Offenbarung» auftritt, verstanden werden soll, dann müssen zu diesem Verständnis diejenigen Kräfte herangezogen werden, aus denen die «Offenbarung» selbst geflossen ist. Wer nun mystische Erkenntniskräfte in sich entwickelt, der sieht bald, daß sich ihm in gewissen von Delitzsch «althebräische Sagen» genannten Erzählungen des Alten Testamentes Wahrheiten höherer Art aussprechen, die nicht mit dem auf das Sinnliche gerichteten Verstande erfaßt werden können. Das eigene mystische Erleben führt ihn dazu, einzusehen, daß die «Sagen» aus mystischer Erkenntnis der übersinnlichen Wahrheiten geflossen sind. Und dann ändert sich der ganze Gesichtspunkt mit einem Schlage. So wenig man gegen die Wahrheit eines mathematischen Satzes etwas erfahren kann, wenn man nachweist, wer ihn zuerst gefunden hat, oder gar durch den historisch gewiß wertvollen Fund, daß ihn mehrere behauptet haben: so wenig kann irgend etwas gegen die Wahrheit einer biblischen Erzählung dadurch ausgemacht werden, daß man eine ihr ähnliche anderswo entdeckt. Statt zu fordern, daß jeder auf seinem Rechte, oder gar auf seiner Pflicht bestehen solle, über die sogenannten «Offenbarungen» nachzudenken, sollte vielmehr gesagt werden, daß nur der ein Recht habe, über diesen Begriff etwas zu entscheiden, der die in ihm schlummernden Kräfte entwickelt hat, die es ihm möglich machen, nachzuleben, was diejenigen Mystiker erlebt haben, welche «übersinnliche Offenbarungen» verkündet haben. — Hier hat man es so recht mit einem Beispiel zu tun, wie der zu den schönsten Triumphen auf dem Gebiete sinnlicher Erfahrung befähigte Durchschnittsverstand sich in naivem Hochmut zum Richter macht über Gebiete, die er gar nicht kennenlernen will. Denn auch die rein historische Forschung ist nichts anderes als sinnliche Erfahrung.
In ganz ähnlicher Weise hat sich die neutestamentliche Forschung selbst in eine Sackgasse geführt. Es sollte durchaus auf die Evangelien die Methode der «neueren Geschichtforschung» angewendet werden. Man hat diese Urkunden verglichen, sie mit allem möglichen in Beziehung gesetzt, um herauszubekommen, was sich eigentlich vom Jahre 1 bis zum Jahre 33 in Palästina zugetragen hat, wie die «historische Persönlichkeit», von der sie uns erzählen, gelebt, und was sie wirklich gesagt haben kann. - Nun, ein Mann des siebzehnten Jahrhunderts, Angelus Silesius, hat schon die ganze Kritik über diese Forschung gesprochen:
«Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren. Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen, Wo es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen.» —
Das hat kein Zweifler, sondern ein gut gläubiger Christ gesprochen. Und sein nicht minder gläubiger Vorgänger, der Meister Eckhart, hat im dreizehnten Jahrhundert gesagt: «Etliche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, als sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott lieb haben, als sie eine Kuh lieb haben... Einfältige Leute wähnen, sie sollen Gott ansehen, als stände er dort und sie hier. So ist es nicht, Gott und ich sind eins im Erkennen.» Gewiß sollen solche Worte nicht gegen die Erforschung der «historischen Wahrheit» geltend gemacht werden. Aber niemand kann die historische Wahrheit solcher Urkunden, wie es die Evangelien sind, richtig erkennen, der nicht zuerst den in ihnen liegenden mystischen Sinn in sich erlebt hat. Alle Analysen und Vergleiche in dieser Richtung sind wertlos, denn niemand kann finden, wer «zu Bethlehem geboren ist», der nicht in sich mystisch den Christus erlebt hat; und niemand kann entscheiden, wie «das Kreuz zu Golgatha» von dem Bösen erlöset, der es nicht in sich aufgerichtet gefühlt hat. «Rein historische» Forschung kann gegenüber der «mystischen Tatsache» nichts anderes entscheiden als etwa der zergliedernde Anatom über einen großen Dichtergenius erkunden kann. (Vergleiche meine Schrift: «Das Christentum als mystische Tatsache ».)
Wer in solchen Dingen klar sieht, der erkennt, wie tief eingewurzelt gegenwärtig der «Hochmut» des auf die sinnlichen Tatsachen gerichteten Verstandes ist. Er sagt: ich will nicht Entwickelung der Kräfte, damit ich zu höheren Wahrheiten gelange, sondern ich will mit meinen Kräften, so wie ich bin, über die höchsten Wahrheiten entscheiden. — In einer gut gemeinten, aber ganz aus dem charakterisierten Geist der Gegenwart geschriebenen Broschüre («Was wissen wir von Jesus?» Von A. Kalthoff, Schmargendorf-Berlin, Verlag Renaissance 1904) ist zu lesen: «Dem Christus, der das Gemeindeleben verkörpert, kann der heutige Mensch innerlich frei gegenübertreten, er kann ihn heute aus seiner Seele geradesogut schaffen, wie ihn der Schreiber eines Evangeliums geschaffen; er kann mit den Verfassern der Evangelien als Mensch sich gleichstellen, weil er ihren seelischen Prozeß in sich nachempfinden, weil er selber Evangelium sagen, Evangelium schreiben kann.» Diese Worte können wahr, sie können aber auch grundfalsch sein. Wahr sind sie, wenn sie im Sinne des Angelus Silesius oder des Meisters Eckhart gefaßt werden, wenn sie der Ausgangspunkt sind für die Entwickelung der in jeder Menschenseele schlummernden Kräfte, die den Christus der Evangelien in sich selbst zu erleben suchen. Grundfalsch sind sie, wenn aus dem Geiste der Gegenwart, der nur Sinnliches gelten lassen will, ein mehr oder minder seichtes Christus-Ideal geschaffen werden soll. - Das Leben im Geiste kann nur begriffen werden, wenn der Mensch es nicht nach dem äußerlichen Verstande kritisieren, sondern wenn er sich in seinem Innern dazu entwickeln will. Es kann niemand hoffen, über die höchsten dem Menschen zugänglichen Wahrheiten etwas zu erfahren, der verlangt, daß diese Wahrheiten bis zu dem «gemeinen Verständnisse» heruntergeführt werden sollen. - Nun könnte man ja einwenden: warum verkündet ihr Mystiker und Theosophen dennoch diese Wahrheiten vor Leuten, von denen ihr behauptet, daß sie dieselben noch nicht fassen können? Wozu gibt es eine theosophische Bewegung, die Lehren verkündet, da doch vielmehr erst die Kräfte entwickelt werden sollten, welche den Menschen zu der Erkenntnis dieser Lehren führen? Es wird gerade die Aufgabe dieser Zeitschrift sein, diesen scheinbaren Widerspruch zu lösen. An dieser Stelle wird gezeigt werden, daß die spirituellen Strömungen der Gegenwart in anderer Art und auf anderer Grundlage sprechen, als die auf den bloß sinnlichen Verstand bauende Wissenschaftlichkeit. Damit sind diese spirituellen Bewegungen nicht weniger wissenschaftlich als die auf «bloße Tatsachen» bauende Wissenschaft. Sie dehnen vielmehr das Gebiet wirklicher wissenschaftlicher Erkenntnis auf das Übersinnliche aus. Mit einer Frage, die gestellt werden kann, muß diesmal geschlossen werden: Wie gelangt man zu übersinnlichen Wahrheiten, und was tragen die spirituellen Bewegungen zu dieser Erlangung bei? Von der Beantwortung dieser Frage hängt auch die Ansicht ab, die man sich über die religiös-geistige Entwickelung der Gegenwart bilden kann. Ihr sollen Ausführungen gewidmet sein, die nächstens in dieser Zeitschrift hier erscheinen werden.