The Founding of the Christian Community
GA 344 — 11 September 1922, Dornach
Sechster Vortrag
Meine lieben Freunde! Wir haben uns also zunächst vorbereitet in bezug auf die Ausgestaltung der Gesinnung und der Seelenverfassung für das Amt des Seelenpflegers, des Seelenhirten. Bevor wir nun auf der Grundlage des Geschaffenen weitergehen, müssen wir uns über einiges ganz klar werden, weil die ganze Auffassung, in die Sie dadurch eingetreten sind, daß Sie gewissermaßen Ihr Ich in ein unmittelbares Verhältnis zur geistigen Welt gestern gestellt haben, eine solche ist, die schon ein einem gewissen Sinne eine geisteswissenschaftliche Grundlage notwendig macht.
Es handelt sich darum, daß ja der Begriff des «Priesters» - den Namen werden wir später noch finden - wie ich in meinen ersten Auseinandersetzungen gesagt habe, auf etwas anderes hindeutet als auf das, was in der heutigen evangelischen Auffassung gegeben ist. In dieser ist der Priester doch mehr ein Lehrer. Nun handelt es sich darum, daß es ja in einer gewissen Weise gerechtfertigt erscheinen muß, sich zu unterscheiden von dem gewöhnlichen Laien. Diese Rechtfertigung könnte es gar nicht geben, das heißt, was wir gestern getan haben, wäre eine ungerechtfertigte Tat, wenn nicht die ganze Auffassung Ihres Berufes in eine geistige Atmosphäre, wenn ich so sagen darf, gerückt würde. Und da müssen wir fragen: Können wir den Begriff der «Gemeinde» oder, wenn wir das alte Wort gebrauchen, der «Ecclesia» zu einem realen machen?
In den Gemeinden, die in der neueren Zeit begründet worden sind, auch wenn ein anderes Wollen vorlag, war ja diese Gemeinde im wesentlichen eine Vereinigung aus einzelnen Personen, und außer diesen einzelnen Personen ist eigentlich nichts anderes da, dessen man sich ganz bewußt wäre. Nun müssen Sie sich einmal erinnern — was ich jetzt sage, ist nicht mit der Absicht einer Theorie gesagt, sondern damit es Ihr Wirken durchdringe, weil dieses Wirken erst dadurch zu einem rechten wird -, Sie müssen sich einmal erinnern, daß ja alles Höhere, was sich in einer menschlichen Urzeit ausgelebt hat durch die einzelnen Menschen, uns zurückführt auf den Begriff einer Gruppen- oder Artseele. Nur war es in älteren Zeiten eben so, daß Menschengruppen durch die Blutsbande als Stämme oder später als größere Blutsgemeinschaft, Verwandtengemeinschaft zusammengebunden waren. Aber was da zusammengebunden war, das war nicht so, daß man es einfach hätte zählen können: eins, zwei, drei und so weiter als soundsoviele einzelne Menschen, sondern es war eine Gemeinschaft. Niemals wurde im Mysterienwesen eine solche Gemeinschaft als eine bloße Summe von Menschen aufgefaßt, sondern sie wurde so aufgefaßt, daß ein realer Gemeinschaftsgeist da ist, als nicht inkarniert auf der Erde, der aber immer gegenwärtig ist, wenn es sich darum handelt, daß etwas aus der Gemeinschaft heraus geschehen soll.
Über diese Art, mit dem Geistigen in Zusammenhang zu sein, ist ja die Menschheit hinausgewachsen. Aber es liegt im Sinne dessen, was vom Mysterium von Golgatha ausströmt, auf einer höheren Stufe die Menschheit wieder zurückzuführen zu Vereinigungen, die realen Gemeinschaftsgeist haben, so daß sie etwas entwickelt, wodurch eine Wesenheit aus höheren Welten, im Sinne des Christentums ein Diener des Christus selbst, herabsteigt. «Diener des Christus» heißt in diesem Falle: ein Teil des Christus, so daß die Gemeinde nicht allein ist, sondern ein Teil des Christus da ist. In den Zeiten, als das Blut das Gemeinsamkeitsband gegeben hat, war das Hinneigen zu dem Geistigen ein instinktives und bedingt durch physische Grundlage. Im Sinne des Christentums muß das alles zu einem geistigen Niveau heraufgehoben werden. Die Menschen müssen fühlen: wenn sie sich mit freiem Willen versammeln in der Ecclesia, so bedeutet dies, daß sie in gewissem Sinne nur Glieder sind eines gemeinsamen feineren Leibes, der aber auch wirklich beseelt und durchgeistigt ist, und derjenige, der der Priester ist, fühlt sich dann als Träger dieses Gemeinschaftsgeistes. Es ist also nicht bloß eine verstandesmäßige, theoretische, symbolische Rede, wenn in den Ritualformen immer wieder auf das Reale der Gegenwart des Geistigen hingewiesen wird, wenn gewissermaßen in die Gemeinschaft der Gläubigen, in die «Ecclesia» das hereingerufen wird, was aus geistigen Welten sich herunterlebt. Deshalb ist es notwendig, daß bei der Wirksamkeit des Priesters auch äußerlich hervortrete die Abstreifung des Persönlichen. Der Priester hört bei den wichtigsten gottesdienstlichen Handlungen eigentlich auf, in seiner Persönlichkeit eine Bedeutung zu haben. Er ist da wirklich ein Diener des Wortes, nicht ein Lehrer des Wortes, er ist ein Übertrager des Wortes aus göttlichen Höhen in das irdische Dasein. Und das Bekleiden mit den Kultusgewändern hat eben den Sinn des Aufgebens der Persönlichkeit und des Erscheinens als ein Repräsentant einer höheren Ordnung, als es die Menschenordnung auf Erden ist.
Daher können wir sagen: Indem im Meßopfer, in der Menschenweihehandlung, begonnen wird mit dem Staffelgebet, dann vorgeschritten wird bis zur Lesung des Evangeliums, haben wir es, als mit dem ersten Teil der Messe, eigentlich erst zu tun mit einer Vorbereitung. Und wenn Sie sich erinnern an die ersten Worte des Ihnen gegebenen Staffelgebetes, so werden Sie da gleich die Worte finden: Lasset uns die Menschenweihehandlung würdig vollbringen. - Auf das «würdig» kommt es ungemein viel an in der Auffassung des Priesters. Der Priester muß jedesmal, wenn er zur Messe schreitet, sich bewußt werden, daß er um die Würdigkeit, die Messe zu vollbringen, erst ringen muß. In diesem Ringen nach der Würdigkeit, die Messe zu vollziehen, liegt eben die Abstreifung des Persönlichen. Der Priester ist in Priesterkleider gehüllt und schreitet in diesen zum Altar. Das heißt, was an ihm Mensch ist, irdischer Mensch, irdische Persönlichkeit in dieser bestimmten Inkarnation, das läßt er eigentlich völlig unberücksichtigt. Er muß das Werkzeug werden für den Geist, der sich durch ihn aussprechen soll. Daher muß er eben versuchen, jedesmal von neuem, um die Würdigkeit zu ringen. Und dann heißt es [im Staffelgebet]: Aus der Offenbarung Christi, in der Verehrung Christi, in der Andacht an Christi Tat. - Das sind Worte, die im unmittelbaren Anschluß an Christi Tat, an das Mysterium von Golgatha, zum Ausdruck bringen und unterstützen sollen das Ringen nach einem unpersönlichen Wirken.
Das ist das, womit die Messe beginnen muß. Man muß sich klar darüber sein, daß die katholische Kirche weitgehende Irrtümer in dieser Beziehung großgezogen hat. Sie hat recht damit, daß die Persönlichkeit des Priesters nicht in Betracht kommt, aber sie rechnet vielfach nicht mit dem Ringen nach Würdigkeit und mit der Schwierigkeit, diese Persönlichkeit loszuwerden; und so ist in die römisch-katholische Auffassung die Ansicht eingezogen, daß es schließlich ja nichts mache, wenn der Priester persönlich ein sündiger oder selbst ein schlechter Mensch sei, denn in dem Augenblick, wo er zelebriert, komme seine Persönlichkeit nicht in Betracht, da wirke die geistige Kraft, die geistige Gewalt. Das hat die katholische Kirche mit einem außerordentlich großen spirituellen Geschick in einseitiger Weise ausgebildet, und es ist das in das Bewußtsein der Gläubigen in hohem Maße eingezogen. Selbst die einfachsten, primitivsten Katholiken unterscheiden den Geistträger, der durch die symbolischen Gewänder vor dem Gläubigen steht, von dem lebendigen Kleiderstock unter den Gewändern, zu dem ja mancher katholische Priester wird; der mag ein sündhafter Mensch sein, aber er zelebriert ja nicht, es zelebriert der Geist, für den er bloß der Träger ist. Für diese Art katholischer Auffassung fällt natürlich jene Beziehung weg, die doch da sein muß zwischen der individuellen Persönlichkeit des Priesters und seinem priesterlichen Amt. Das priesterliche Amt ist etwas, was durchaus aus den höheren Welten stammt. — Aber es geht ja nicht anders, als daß mindestens in die Sprache des Priesters das hineinwirkt, was er als individueller Mensch ist, daß in seine Sprache auch hineinwirkt sein Herz und seine Gesinnung, daß er nach Würdigkeit strebt, als dieser eine persönliche Mensch in dieser priesterlichen Kleidung darinnenstecken zu dürfen. Deshalb ist es notwendig, eine richtige Auffassung der Weihe zu haben.
Was bedeutet denn eigentlich «weihen»? Wir kommen in dieser Beziehung nicht zu einem adäquaten Begriff, wenn wir einfach historisch das nehmen, was sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat. Wenn wir historisch vorgehen wollen, können wir das nur, wenn wir die Weihehandlungen, wie sie seit der Uroffenbarung bestanden haben und wie sie durch das Christentum erneuert worden sind, dem Geiste nach ins Auge fassen. Was bedeutet dann «weihen», «initiieren»? Es bedeutet, daß heruntergesenkt wird die geistige Welt über ein Irdisches, daß man also anzuschauen hat dieses Irdische als umhüllt von der geistigen Welt. Wir könnten also, wenn wir das symbolisch zeichnen wollen, es in der folgenden Weise tun (es wird an die Tafel gezeichnet). Ich lege Wert darauf, Ihnen diese Sache ganz klar zu machen. Nehmen wir zum Beispiel ein älteres vorderasiatisches Mysterium. Da war, sagen wir der sechste Grad der des «Sonnenhelden», der siebente Grad der des «Vaters». Was bedeutet das? Nun, wenn diese Figur einen Menschen dieses sechsten Grades darstellt, so bedeutete seine Würde das, was von oben sich heruntersenkte und ihn von oben umhüllte. Er ging als irdischer Mensch herum, doch für seine Bekenner stellte er nicht das dar, was von der Erde geschaffen war, sondern das, was von der Sonne, das heißt von der geistigen Sonne geschaffen ist. «Weihen» heißt also: etwas von der Erde wegnehmen. Das Gewand, das der Priester trägt, es umhüllt, wenn es als geweiht anzusehen ist, gewissermaßen die irdische Persönlichkeit; der Betreffende gehört, wenn er das Gewand angezogen hat, der geistigen Welt an. Es gibt nur eines, was davon eine Ausnahme macht, das natürlich noch nicht da war, als die persischen Mysterien eingesetzt und verrichtet wurden, und das ist das folgende: Bei den älteren Mysterien werden Sie überall finden, daß die Weihehandlung darin besteht, ein Himmlisches herunterzurufen über ein Irdisches. Das, was dem Irdischen aufgeprägt wird, ist auf Erden nicht da. Eine ‘Ausnahme machte nur der Christus Jesus, der auf der Erde da war und der bei der Abendmahlsfeier nicht das sagte, was ein alter initiierter Priester gesagt haben würde: Ich bringe dar das Brot als den Leib des himmlischen Geistes, ich bringe dar den Wein als das Blut des himmlischen Geistes. - Er würde es natürlich etwas anders eingekleidet haben, weil er nicht hätte sagen können «Leib» und «Blut», sondern «Ätherleib», «Ätherströmung» oder dergleichen, Worte, die heute nicht mehr klingen können, die aber damals bei der sakralen Sprache möglich waren. Die einzige Ausnahme ist das, was damals bei der Einsetzung des Abendmahls von Christus gesprochen wurden: Das ist mein Leib, das ist mein Blut.
Damit haben Sie den radikalen Gegensatz zu allem, was früher an Weihehandlungen da war. Wenn Sie auf die Weihehandlungen früherer Zeiten schauen, so werden Sie sich sagen müssen, diese Weihehandlungen beruhten durchaus auf der Möglichkeit eines Hereinwirkens überirdischer Geschehnisse in das irdische Geschehen; sie waren also magisch. Als der Christus Jesus auf die Erde gekommen ist, wurde er Mensch unter Menschen, und die Folge davon ist, daß das Bekennerverhältnis und das Vertrauensverhältnis zu dem Christus Jesus jetzt eine solche Macht wird, wie sie früher nur in der magischen Macht dagewesen ist. So also wird jetzt eine Menschenweihehandlung möglich, die einfach beginnt mit den Worten: Lasset uns die Menschenweihehandlung würdig vollbringen aus der Offenbarung Christi, in der Verehrung Christi, in der Andacht an Christi Tat. — Ein alter Priester hätte sagen müssen: Lasset uns die Menschenweihehandlung würdig vollbringen in der Offenbarung außerirdischer Geistigkeit, in der Verehrung außerirdischer Geistigkeit, in der Andacht an die außerirdische Geistigkeit. - Dessen muß man sich bewußt sein; dann kommt man dazu, eben im christlichen Sinne die Trinität richtig zu fühlen und richtig zu erleben, und das soll durch das Staffelgebet ausgedrückt werden, das dann eben die Fortsetzung ist in der würdigen Vorbereitung. Sie werden es jedem Satze anhören, daß gerungen wird nach einer richtigen Auffassung der Trinität.
Ich habe Sie schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß das Johannes-Evangelium im Grunde genommen von den meisten Theologen nicht richtig verstanden wird, denn man nennt den Vatergott den «Schöpfer» und Christus, den Logos, bloß den «Erlöser». Im Johannes-Evangelium heißt es aber ausdrücklich: Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden. — Der Schaffende, der in der Welt Produzierende, der eigentliche Schöpfer ist der Sohnesgott, nicht der Vater, so daß eben die Trinitätsformel das Bekenntnis zu dem Sohnesgott als dem Schöpfer zum Ausdruck bringen muß. Der Vatergott muß als die allem zugrundeliegende Substanz, als das allem zugrundeliegende Sein empfunden werden; er muß empfunden werden in dem Satz «Der Vatergott sei in uns», wie der Sohnesgott, der durch Christus auf die Erde gekommen ist, richtig verstanden wird durch: «Der Sohnesgott schaffe in uns». Das ist einfach das Richtige im Sinne des Johannes-Evangeliums, und nach einer solchen richtigen Auffassung der Trinität muß gerungen werden im Beginne eines jeden Messelesens.
Im Bewußtsein unserer Menschheit erfühlen wir den göttlichen Vater.
Es wird unmittelbar hingedeutet auf das Sein mit diesem «erfühlen wir den göttlichen Vater».
Er ist in allem, was wir sind.
Er ist die allem zugrundeliegende Substanz.
Unsere Substanz ist seine Substanz. Unser Sein ist sein Sein. Er geht in uns durch alles Dasein.
Also das Seiende in dem Vater ist das, was zum Bewußtsein gebracht werden muß. Dann schreitet man vor zu dem Bekenntnis zum Sohnesgott:
Im Erleben des Christus in unserer Menschheit erfühlen wir den göttlichen Sohn. Er waltet als das Geist-Wort durch die Welt. Er schafft in allem, was wir schaffen. Unser Wesen ist sein Schaffen.
Also insofern in uns Schöpfung ist, sind wir geradeso wie alles andere durch das Wort entstanden, denn außer durch das Wort ist nichts von dem Entstandenen geschaffen worden.
Unser Leben ist sein schaffendes Leben. Er schafft durch uns in allem seelischen Schaffen.
Dann, wenn man das in richtiger Weise in sein Bewußtsein aufgenommen hat, kann man zu dem Geistgott, zu dem dritten Aspekt der Gottheit, das richtige Verhältnis gewinnen.
Im Ergreifen des Geistes durch unsere Menschheit erfühlen wir den heilenden Gott. Er leuchte als das Geist-Licht durch die Welt. Er leuchte in allem, was wir schauen. Unser Schauen sei durchtränkt von seinem Geist-Lichte. Unser Erkennen nehme er wohlgefällig in sein geistleuchtendes Leben auf. Er durchgeistige alles Walten unserer Menschenseele.
Wir haben gesehen, indem zunächst probeweise die Menschenweihehandlung vor unsere Seele getreten ist, daß oftmals das Wort wiederkehrt «Christus in euch», worauf der Ministrant spricht: «Und deinen Geist erfülle Er». Der Priester wendet sich dabei zur Gemeinde, und es ist ja unmittelbar verständlich, was getan werden soll mit dem Aussprechen des Wortes «Christus in euch». Indem der Ministrant als der Repräsentant der Gemeinde vor dem Priester steht, ist der Ministrant gewissermaßen derjenige, der anzeigt, wo der irdische Plan, das irdische Niveau beginnt. Er spricht für die Gemeinde, und die Worte «Und deinen Geist erfülle Er» sind nicht ein Befehl der Gemeinde, auch nicht ein Wunsch der Gemeinde; wenn die Worte im Konjunktiv gesprochen werden, so bedeuten sie dasjenige, was von der Gemeinde eigentlich ausgeht. Verstehen Sie nun den ganzen Sachzusammenhang und den Konjunktiv? Was stellt der Priester dar? Der Priester ist ja nur derjenige, der den Gemeinschaftsgeist in sich darstellt, repräsentiert. In was waltet denn dieser Gemeinschaftsgeist als in seinem Leibe? In den Gläubigen, die da sind, in den Teilnehmern der Ecclesia. Das also, was die Gemeinde durch den Ministranten spricht, heißt: Christus erfülle deinen Geist, den Geist der Gemeinde. Also es wird eine Angelegenheit im Sinne des Gemeinschaftsgeistes der Gemeinde ausgesprochen; es wird abgelenkt von dem Menschlichen und hingelenkt zu dem Geistigen. «Und deinen Geist erfülle Er», dieses Wort in seinem Konjunktiv müssen Sie eben nur in der richtigen Weise verstehen. Auf solche Dinge kommt es durchaus an, es muß das Bewußtsein von diesen Dingen da sein.
Wenn diese Vorbereitung vorüber ist, dann kann in der Weise, wie es angedeutet worden ist, zu der Lesung des Evangeliums geschritten werden. Die Lesung des Evangeliums ist ja die Verkündigung des Gotteswortes durch den Priester. Die katholische Kirche fügt vor dem Evangelium an Festtagen noch das sogenannte «Gloria» ein. Es ist durchaus im richtigen Sinne die geistige Intention erfaßt, wenn Sie möglichst wenig Rücksicht - eigentlich gar keine — auf dasjenige nehmen, was erst im Laufe der Zeit aus dem römisch-katholischen Meßopfer geworden ist. Der Fortgang im Jahreslauf muß allerdings auch dadurch gekennzeichnet werden, daß im Laufe des Jahres die wichtigsten Abschnitte bei der Evangeliumlesung vor der Gemeinde gelesen werden, so daß man gewissermaßen das Evangelium aufteilt und den ganzen Vorgang von der Geburt Christi bis zur Himmelfahrt im Laufe des Jahres durch das Evangeliumlesen entwickelt, wobei es ja allerdings durchaus möglich ist, sich des einen oder des anderen Evangeliums zu bedienen. Das Richtigste ist, wenn Sie am Geburtsfeste Jesu, zu Weihnachten beginnen mit der Lesung des ersten Kapitels des Johannes-Evangeliums, und dann wieder bis Weihnachten so weit gekommen sind, daß im Laufe des Jahres das Evangelium durch Lesen der Messe absolviert ist.
Zum weiteren Fortgang der Messe ist dann noch zu sagen, daß, nachdem die Transsubstantiation vollzogen ist und die Kommunion noch bevorsteht, dann der richtige Ort in der Messe ist, um das Ritual, das wir vor drei Tagen probeweise gelesen haben, zu unterbrechen und das Vaterunser einzuschalten. Es ist ja in bezug auf das Vaterunser bei allen Konfessionen in der neueren Zeit eine große Lässigkeit eingetreten. Das Vaterunser ist ursprünglich eigentlich ein Kompendium wichtigster Weltenwahrheiten, gespiegelt durch das menschliche Gefühl. Im evangelischen Bekenntnis wird das Vaterunser in einer, ich möchte sagen durchaus nicht immer genügend vorbereiteten Art gesprochen. Denken Sie nur daran, welche Feierlichkeit vorliegt für das Sprechen des Vaterunsers, wenn die Transsubstantiation vorangegangen ist und das Vaterunser an dieser Stelle eingefügt wird. Ich will nicht sagen, daß das Vaterunser deshalb von dem Gläubigen nicht so oft wie immer möglich gebetet werden soll. Aber selbst das einfachste individuelle Gebet, wie es das Vaterunser ist, wird - bei allen Fehlern des Römisch-Katholischen - von dem Gläubigen würdiger gebetet dadurch, daß der römische Katholik das Vaterunser hört an einer wichtigen Stelle der Messe. Das gibt der ganzen Stimmung, in der das Vaterunser gebetet wird, eine gewisse feierliche Nuance. Die katholische Kirche hat allerdings verstanden, diese feierliche Nuance bei den Gläubigen gründlich zu vertreiben, indem bei der Beichte, wenn ein Beichtkind seine Sünden dem Beichtiger bekannt hat, dieser ihm dann sagt: Bete zur Buße jeden Tag fünf Vaterunser. — Dieses Tauschgeschäft zwischen Sünde und Vaterunserbeten ist natürlich etwas Furchtbares und entheiligt alles, was das Vaterunser an heiliger Färbung bekommt, wenn es während der Messe gehört wird und dadurch immer diesen feierlichen Grundton behält. Das, was in dieser Beziehung die katholische Kirche auch noch dadurch erreicht, daß sie ja in der dem Gläubigen nicht verständlichen lateinischen Sprache spricht, das können Sie, wenn Sie während der Messe das Vaterunser rezitieren, ersetzen durch die Gewalt, mit der das Vaterunser gesprochen wird, denn ein bloßes Hersagen des Vaterunsers entspricht eigentlich nicht dem Grandiosen, das in dem Vaterunser liegt. Obwohl hier auch nicht in der leisesten Art dafür Stimmung gemacht werden soll, daß irgend etwas an Magie Grenzendes getan werde — das hat ja die katholische Kirche erreicht durch die lateinische Sprache -, ist dennoch zu sagen, daß die lateinische Sprache in einer gewissen Beziehung sich auch für ein unmagisches Wirken erweist als nuancierend die tiefen Wahrheiten des Vaterunsers, die niemals trivial werden sollten. Eine gewisse Berechtigung hat es ja, daß der Gebrauch der lateinischen Sprache solange fortgesetzt wurde zu gewissen Zwecken, die die Menschheit hinauslenken sollten aus dem Persönlichen. Aber heute muß das, was durch die lateinische Sprache im Vaterunser gegeben werden konnte, bei dem Vor-der-Gemeinde-Beten des Vaterunsers ersetzt werden durch die Gewalt des Sprechens. Der Gläubige muß das Vaterunser bei der Kultushandlung, gerade weil es sein tägliches Gebet ist, in einer über das gewöhnliche Sprachmaß hinausgehenden Weise hören. Die lateinische Sprache hat ja das Vaterunser so nachgebildet, daß es in einem gewissen Sinne ein Mantram ist:
Oremus. Praeceptis salutaribus moniti et divina institutione formati, audemus dicere: Pater noster, qui es in coelis:
sanctificetur nomen tuum:
adveniat regnum tuum:
fiat voluntas tua, sicut in coelo et in terra.
Panem nostrum quotidianum da nobis hodie,
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem.
Sed libera nos a malo.
Es muß von dem, was im lateinischen Vaterunser schon in einer mantrischen Weise da ist, wieder etwas übergehen in das Vaterunser, wenn es in der Messe an der Stelle zwischen der Transsubstantiation und der Kommunion gebetet wird. Wir werden ja bei der nächsten Messe-Probe diese Dinge noch einfügen in die Messe.
Die Messe wird jeder von Ihnen lesen. Damit ist zugleich das ausgedrückt, was aus jedem der Priester einen dem anderen Priester gleichen vor der geistigen Welt macht. Es ist dies die im Geiste aufgefaßte höchste Form des Demokratischen. So ist dasjenige, was im Geiste zu geschehen hat durch die Gemeindebildung, mit der Darbringung des Meßopfers erfüllt, und es ist im Sinne des Christentums die Priesterweihe eigentlich die einzige Form der Initiation. Die anderen, nicht unmittelbar im Christlichen stehenden Kultusgemeinden, vor allen Dingen die alten Kultusgemeinden, hatten die Grade, die Grade innerhalb der geistigen Hierarchienordnung. Man kann in einer gewissen Beziehung auch heute noch solche Grad-Initiationen einführen, sie haben ihren guten Sinn. Nur innerhalb einer christlichen Gemeindeleitung durch eine christliche Priesterschaft können sie eigentlich nicht eingeführt werden. Daher ist das, was in der christlichen Priesterschaft höhere Stufen sind, anders aufzufassen denn als höhere Grade. Als Priester stehen sich alle gleich. Aber was hineinkommen muß in die Kirche, das sind die menschlichen Verhältnisse. Innerhalb der menschlichen Verhältnisse brauchen wir eine Stufenfolge der Ämter; so daß also da, wo einer christlichen Gemeinschaft der recht verstandene Kultus zugrundeliegt, «Leitung» und «Oberleitung» und so weiter sich auf die Ordnung der Gemeinschaften auf Erden bezieht. Das muß sehr genau unterschieden werden. Die katholische Kirche hat nicht verstanden, diese Unterscheidung in der richtigen Weise zu vollziehen, sonst hätte sie zum Beispiel die Jugendfeier, die Firmung, nicht als ein Monopol der bischöflichen Würde ansehen dürfen. Es müßte jeder Priester die Firmung erteilen können. In diesen Dingen müssen strenge Auffassungen herrschen. Sie sehen in der Geschichte manchmal die strengeren Auffassungen durchblicken, zu gleicher Zeit aber sehen Sie daneben in der Geschichte die Konfusionen.
Unsere Zeit ist so weit vorgeschritten in der Menschheitsentwickelung, daß Sie, meine lieben Freunde, sich Konfusionen nach dieser Richtung nicht werden gestatten dürfen. Sie werden sich zum Beispiel ganz streng folgendes sagen müssen: Wenn wir die Sache so machen, daß nun ein Priester unter uns zuerst als geweihter Priester erscheint und dieser die anderen weiht, so werden ihm in bezug auf die Weihe alle gleich. Ist er dazu Oberlenker, so liegt darin, daß er den anderen die Weihe erteilt, nicht irgend etwas Übergeordnetes. Er erteilt die Weihe den anderen, weil er eben schon Priester geworden ist. Was aber dazukommt, das ist, daß mit der Weihe zugleich der Priester in das Amt eingesetzt wird, und das ist eine irdische Tat; das ist, wenn ich es mit einem profanen Wort bezeichnen darf, eine Verwaltungstat; die muß dazukommen. So kann man zum Beispiel sagen: Da der, welcher zum Oberlenker eingesetzt ist, auch eine Überschau hat, wie die einzelnen Priester, die geweiht werden sollen, gebraucht werden, so ist es das einfachste, wenn er zu gleicher Zeit die Weihen besorgt, aber die Weihe zum Priester besorgt er als Priester, die Einsetzung ins Amt als Oberlenker. Das tönt in der Geschichte durch in jenem berühmten Investiturstreit, wo in der Art und Weise, wie die Historiker darüber reden, etwas furchtbar Konfuses zum Vorschein kommt, während eben beachtet werden muß die Unterscheidung zwischen weltlichem Amt, weltlicher Amtserteilung und der Einreihung in eine geistliche Ordnung. Man konnte eben nicht ordentlich unterscheiden die Erteilung der priesterlichen Würde und die Erteilung des Amtes. Sie werden sehen, wenn die richtige Auffassung von diesen Dingen gleich von Anfang an unter Ihnen Platz greift, dann haben Sie eine Art Kitt geschaffen für all Ihr Zusammenhängen, der Ihnen sonst fehlen würde.
Was ich heute noch sagen möchte in bezug auf das Lesen der Messe, ist, daß die Einfachheit der vier Hauptteile erhalten werden sollte und nur bei den wichtigsten Jahresfesten und bei bestimmten anderen Gelegenheiten noch Einfügungen da sein müssen, von denen wir in den nächsten Tagen dann sprechen. So muß natürlich eine Weihnachtsmesse in den Teilen, die nicht die Hauptteile sind, noch etwas Besonderes enthalten, ebenso eine Ostermesse, eine Pfingstmesse und eine Messe, die für einen Toten gehalten wird oder eine Messe, die als ein irgendwie sonst gedachtes Fest angesehen wird.
Das ist es, was ich Ihnen heute sagen wollte.