Health and Illness, Volume I

GA 348 — 23 December 1922, Dornach

Achter Vortrag

Meine Herren, wie ich das letzte Mal gesagt habe, bleibt noch einzelnes übrig zu betrachten, und das möchte ich gerne heute tun. Vielleicht können Sie sich dann während der Weihnachten beraten, was in der nächsten Stunde besprochen werden soll, damit Sie auch in dieser Richtung auf Ihre Rechnung kommen.

Wichtig für den Menschen, damit er die Welt erkennen lernt, sind seine Sinne, und wir haben ja von den Sinnen jetzt schon das Auge und das Ohr betrachtet; wir haben auch den über den ganzen Menschen ausgebreiteten Gefühlssinn betrachtet, wir haben den Geschmackssinn und den Geruchssinn betrachtet. Alle diese Sinne aber sind nur wichtig dafür, daß der Mensch seine Umgebung kennenlernt, und daß er, wie ich Ihnen auch gesagt habe, seinen Körper gestalten kann. Leben kann er nicht durch seine Sinne, sondern leben tut er durch seinen Atmungsprozeß. Also wenn Sie fragen, warum Sie ein aufrechtes Wesen sind, warum die Nase mitten im Gesicht sitzt und so weiter, dann müssen Sie sich die Antwort geben: weil meine Sinne so und so sind. Wenn Sie aber fragen, warum Sie leben, dann müssen Sie nach Ihrem Atem sehen, denn der Atem hängt mit dem ganzen Leben zusammen. Nun atmen ja die Menschen auf eine Weise, wie auch die höheren Säugetiere; aber es gibt viele Tiere, die atmen anders. So zum Beispiel atmen die Fische, die ja im Wasser leben, und die das können, von dem ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, daß es der Mensch eben nicht kann, weil er die betreffenden Organe verkümmert hat, die Fische atmen im Wasser, da sie schwimmen können und immer im Wasser leben. Sie können also im Wasser atmen.

Wenn wir nun zunächst auf den Menschen schauen, so haben wir beim Menschen den Einatmungsprozeß. Ich habe Ihnen ja diese Dinge von einem andern Gesichtspunkte aus schon beschrieben; wir wollen sie heute einmal so betrachten, daß Sie daraus sehr viel sehen. Der Atmungsprozeß ist zuerst ein Einatmungsprozeß. Wir atmen aus der Luft, die uns umgibt, ein, und zwar dasjenige, was für unser Leben notwendig ist, den Sauerstoff. Der Sauerstoff breitet sich dann in unserem ganzen Körper aus, und in unserem ganzen Körper, da liegt umher, oder ich möchte sagen, schwimmt umher, oder auch fliegt umher in ganz kleinen Partikelchen Kohlenstoff.

Sehen Sie, Kohlenstoff, den wir in uns tragen, finden Sie sonst auch in der Natur, und zwar ist der Kohlenstoff in sehr verschiedener Weise vorhanden. Der Kohlenstoff, der ist zunächst einmal, wie Sie wissen, in den Steinkohlen vorhanden. Dann aber ist der Kohlenstoff auch in jeder Pflanze vorhanden, denn die Pflanze besteht aus Kohlenstoff, mit Wasser und so weiter, aber Kohlenstoff ist der hauptsächlichste Bestandteil der Pflanze. Und wenn Sie einen Bleistift haben und da Graphit drinnen ist, so schreiben Sie mit Kohlenstoff. Und endlich ist der Demant, der Diamant, der ein so wertvolles Material, ein wertvoller Stein ist, auch Kohlenstoff. Der Diamant ist durchsichtiger Kohlenstoff, die Steinkohle ist undurchsichtiger Kohlenstoff. Es ist schon interessant, daß in der Natur so etwas, was nun nicht gerade Staat machen kann mit seinem Wesen wie die Kohle, die nicht elegant ist, genau derselbe Stoff ist wie dasjenige, was zum Beispiel als etwas besonders Wertvolles — weil es groß ist als Stein —, als Diamantstein in der Krone von England ist; dasselbe, nur in anderer Form. Also solchen Kohlenstoff haben wir in der verschiedensten Gestalt in uns.

Wir atmen also den Sauerstoff ein. Der breitet sich überall in unserem Körper aus und verbindet sich mit der Kohle. Wenn sich der Sauerstoff mit der festen Kohle verbindet, entsteht wiederum ein Gas, Kohlensäure; Kohlensäure ist Sauerstoff und Kohlenstoff zusammen. Diese Kohlensäure atmen wir dann aus. So daß also unser Leben eigentlich darinnen besteht, daß wir unseren Körper in die übrige Welt dadurch einschalten, daß wir Sauerstoff einatmen und Kohlensäure ausatmen.

Nun können wir aber auch so sagen: Wenn wir immer bloßen Sauerstoff einatmen würden, dann würden wir unermeßlich viel Kohlenstoff haben müssen, und die Kohlensäure müßte in uns bleiben. Ja, das müßte dann so sein, daß wir uns durch das Einatmen immer aufblasen würden, und zuletzt ganz riesig werden würden wie die Erde selber. Dann könnte man immer einatmen, einen einzigen riesigen Einatmungszug machen. Aber wir haben nicht so viel Kohlenstoff. Der muß immer wieder erneuert werden. Wir könnten nicht leben, wenn wir immer nur einatmen würden. Wir müssen wieder ausatmen und Kohlenstoff neu bilden. Und diese Kohlensäure, die wir bilden, die ist der Tod.

Wir können schon sagen: Sauerstoff ist für uns das Leben, Kohlensäure ist der Tod. Denn wenn Sie zum Beispiel den Raum hier mit Kohlensäure ausfüllen und hineingehen, müssen Sie sterben. Wir wechseln immer ab, indem wir einatmen, mit der Lebensluft, und indem wir ausatmen, mit der Todesluft. Fortwährend ist in uns Leben und Sterben. Und sehen Sie, es ist nun interessant, wie dieses Leben und Sterben überhaupt in den Menschen hereinkommt. Damit Sie das begreifen, mache ich Sie aufmerksam darauf, daß ja in der ganzen Natur überall kleinwinzige Lebewesen vorkommen — Sie haben schon von ihnen gehört —, Bakterien, Bazillen. Jedesmal, wenn wir durch die Luft gehen, fliegen in der Luft unzählige solche Lebewesen herum.

Wenn wir irgendeinen Muskel aus einem Tiere nehmen, leben darinnen unzählige kleine Lebewesen. Ja, diese kleinen Lebewesen — auch davon habe ich Ihnen schon gesprochen -, die haben die Eigenschaft, daß sie sich riesig vermehren. Kaum ist irgendwo eines da, so können, gerade von den kleinsten, Millionen schon da sein; sie vermehren sich riesig. Darauf beruhen ja die sogenannten Infektionskrankheiten. Nicht daß etwa diese kleinsten Lebewesen die Krankheit bewirken, sondern wenn irgend etwas in uns krank ist, dann fühlen sich diese kleinen Lebewesen wohl. Wie die Pflanze im Mist, so fühlen sich diese kleinen Lebewesen in den erkrankten Organen in uns wohl. Sie halten sich dort gerne auf. Derjenige, der behauptet, daß von den kleinen Lebewesen die Krankheiten kommen, der zum Beispiel sagt: die Grippe kommt von dem Grippebazillus und so weiter, der ist natürlich geradeso gescheit, als wenn einer sagt, der Regen kommt von den Fröschen, die quaken. Natürlich, wenn der Regen kommt, quaken die Frösche, weil sie es spüren, weil sie ja in dem Wasser sind, das angeregt ist durch dasjenige, was den Regen bewirkt. Aber die Frösche bringen nicht den Regen. Ebenso bringen die Bazillen nicht die Grippe; aber sie sind da, wo die Grippe ist, geradeso wie die Frösche auf eine unerklärliche Weise hervorkommen, wenn der Regen kommt.

Also man darf nicht auf der einen Seite sagen, daß einem die Bazillenuntersuchung nichts nützt, Sie nützt einem so viel, daß man weiß, daß der Mensch der Krankheit ausgesetzt ist, wie man weiß, daß die Frösche quaken, wenn es regnet. Also man darf nicht das Kind mit dem Bad ausschütten und sagen, die Bazillen zu untersuchen sei unnötig. Aber man muß auf der anderen Seite wissen, daß die Bazillen nicht die Krankheit machen. Sonst wird man niemals richtig erklären, wenn man immer nur sagt: Für die Cholera gibt es die Bazillen, für die Grippe gibt es die Bazillen und so weiter. Das ist natürlich nur eine Faulenzerei dafür, daß die Leute die wirklichen Krankheitsursachen nicht untersuchen wollen.

Nun aber, wenn Sie solche Bazillen, also solche kleinwinzigen Lebewesen nehmen, und sie von dort wegnehmen, wo sie sind, dann können sie nicht mehr leben. Sie können zum Beispiel nicht einen Cholerabazillus aus dem menschlichen Gedärm herausnehmen und irgendwo beliebig leben lassen. Das können Sie nicht. Er kann nur im menschlichen Gedärm oder im Gedärm von Ratten und dergleichen leben. Also diese kleinwinzigen Lebewesen, die brauchen, damit sie leben können, immer eine gewisse Umgebung.

Nun, warum ist denn das? Das ist nämlich eine sehr wichtige Sache, daß diese kleinsten Lebewesen eine ganz bestimmte Umgebung haben. Sehen Sie, in demselben Moment, wo, sagen wir, der Cholerabazillus im menschlichen Gedärm sich aufhält, da wirkt auf ihn zum Beispiel die Schwerkraft nicht so stark, als wenn er draußen ist, und die Schwerkraft der Erde ruiniert ihn gleich, den Cholerabazillus, wenn er aus seinem Element draußen ist.

Aber ein solches kleinwinziges Lebewesen, wie diese unzähligen, ist ja auch der Mensch, wenn er anfängt zu leben. Der Mensch ist nämlich als Ei, als Keim auch ein solches kleines Lebewesen, ein solches winziges kleines Lebewesen. Und da kommen wir auf ein sehr wichtiges Kapitel, meine Herren.

Nehmen wir einen solchen Cholerabazillus und vergleichen wir ihn mit dem Menschen. Dieser Cholerabazillus, der muß also im Gedärm des Menschen leben. Alle diese Bazillen müssen irgendwo leben, wo sie geschützt sind vor der Erde. Was heißt denn das aber: sie sind geschützt vor der Erde? Das heißt, etwas anderes als die Erde wirkt auf sie ein. Und tatsächlich ist es so, daß auf alle diese Lebewesen der Mond einwirkt, so sonderbar das ist, daß das Mondenlicht, das also bald so, bald so auf die Erde hinscheint, solche Wirkungen haben soll. Das ist schon so: Diese Lebewesen müssen geschützt sein vor der Erde, damit sie sich dem Kosmos, der großen Welt, und hauptsächlich dem Mondeneinfluß hingeben können.

Sehen Sie, so ist dem Mondeneinfluß hingegeben auch der Menschenkeim in seinem allerersten Zustand. Er ist ihm hingegeben, bevor noch eine sogenannte Befruchtung durch den männlichen Samen eingetreten ist. Gerade so, meinetwillen, wie der Cholerabazillus in dem Gedärm lebt, so lebt zunächst im menschlichen Weibe dieser kleine Menschenkeim, und der ist geschützt zunächst. Aber der menschliche Frauenorganismus ist so eingerichtet, daß der Menschenkeim nur anfangs geschützt ist. In dem Augenblick, wo er zu weit herauskommt aus dem Körper, da ist er nicht mehr geschützt; da wirkt auf ihn die Erde ein. Das ist eine sehr interessante Tatsache.

Die Frauen sondern alle vier Wochen solche Menschenkeime ab. Zunächst, ganz kurze Zeit, sind sie dem Mondeneinfluß hingegeben. Da sind sie geschützt. Nun ist aber der weibliche Organismus so eingerichtet, daß er durch den Ablauf von der monatlichen Periode den Menschenkeim nach auswärts befördert. Da kommt er unter den Erdeneinfluß, und der Erdeneinfluß zerstört den Menschenkeim.

Sehen Sie, so wunderbar ist dieser menschliche Organismus eingerichtet, daß er einen Gegensatz bildet zu den Bazillen, sagen wir, zu den Cholerabazillen. Die bleiben im Darm. Die hüten sich, zu weit herauszugehen. Wenn sie sich selbst überlassen sind, da bleiben sie da, wo sie geschützt werden können vor dem Erdeneinfluß. Der Menschenkeim ist auch zunächst im Leibe der Mutter geschützt vor dem Erdeneinfluß, aber er dringt dann vor, er muß vordringen durch die Blutzirkulation der Frau, kommt weiter nach auswärts, kommt unter den Einfluß der Erdenschwerkraft. Vernichtet wird er jedesmal, wenn beim Weibe die monatliche Periode eintritt, die ja mit dem Mondengang zusammenhängt. Da sieht man, daß das mit dem Mondeneinfluß zusammenhängt. Jedesmal dann wird eigentlich ein Menschenkeim vernichtet. Er ist noch nicht ein richtiger Menschenkeim, denn damit er ein richtiger Menschenkeim ist, muß er eben vor der Vernichtung bewahrt bleiben, und das geschieht durch die Befruchtung.

Was also geschieht denn eigentlich durch die Befruchtung? Durch die Befruchtung wird eben dieser Keim, der sonst, wenn er einfach dem Erdeneinfluß überlassen wird, zugrunde geht, in eine ganz feine Materie eingehüllt, die ätherisch ist, und wird geschützt vor der Erde, und so kann er im Leibe der Mutter ausreifen; so daß also die männliche Befruchtung den Schutz des Menschenkeimes vor den Erdenkräften bedeutet. Jedesmal also, wenn eine Befruchtung eintritt, dann wird ein Menschenkeim geschützt vor der Vernichtung durch die Erdenkräfte.

Nun aber ist es so: Dasjenige, was da vernichtet wird im unbefruchteten Menschenkeim, das geht ja in die ganze Umgebung über. Das verschwindet natürlich nicht. Es löst sich auf in der ganzen Erdenumgebung. So daß fortwährend das richtig vor sich geht, daß sich in der ganzen Erdenumgebung solche für die Erde nicht brauchbaren Keime eigentlich ausbreiten.

Sehen Sie, da kann Ihre Aufmerksamkeit auf etwas fallen, worauf die Menschen sehr selten kommen. Sehen wir zum Beispiel von dem Menschen ab, sehen wir nur auf die Heringe im Meer. Ja, meine Herren, die Heringe legen Millionen und aber Millionen Eier ab. Die wenigsten werden befruchtet. Diejenigen, die befruchtet werden, werden beschützt vor dem Erdeneinfluß. Diejenigen, die nicht befruchtet werden — beim Menschen ist es etwas anders, denn der Mensch ist kein Hering; wenigstens nicht immer -, also alle diese Heringseier, die im Meer abgelegt werden, die entziehen sich dem Erdeneinfluß dadurch, daß sie gewissermaßen verdunsten. Und nun nehmen Sie die Heringe und alle anderen Fische und anderen Tiere, und die Menschen dazu, so werden Sie sich sagen: Ja, da fällt ja mein Blick auf etwas, was fortwährend von der Erde in den Weltenraum hinaufsteigt. Meine Herren, nicht nur das Wasser verdunstet hinauf, sondern von der Erde gehen ja fortwährend solche unbefruchteten Keime in den Weltenraum hinaus. Es geschieht eben noch viel mehr im Weltenraum, als die materialistische Wissenschaft annimmt.

Wenn also einer zum Beispiel so etwas wahrnehmen könnte und auf der Venus oben sitzen würde, so würden ihn die Dünste, die da aufsteigen — die fallen ja sehr bald wieder als Regen herunter —, wenig interessieren; aber dasjenige, was, wie ich es Ihnen jetzt beschrieben habe, in den Weltenraum fortwährend hinaufsteigt, das würde er oben als ein grünlich-gelbliches Licht sehen; denn von der Ferne angeschaut, ist das eine Art grünlich-gelbliches Licht. Und man kommt da darauf, daß aus dem Leben von irgendeinem Weltenkörper das Licht herauskommt. Dann wird man schon dazu geführt, daß auch die Sonne nicht ein so physischer Körper ist, wie ihn die materialistische Wissenschaft vorstellt, sondern daß da droben auf der Sonne ein viel größeres, stärkeres Leben noch ist. Und jedesmal ist es so, wie ich Ihnen auch früher einmal gesagt habe: Dasjenige, was Licht ausstrahlt, muß befruchtet werden, wie die Sonne befruchtet werden muß, damit sie Licht durchs Leben ausstrahlen kann.

Nun aber haben wir ja diesen Unterschied: Wenn ein Menschenei also nicht befruchtet wird, so geht es eigentlich in den Weltenraum hinaus, dunstet hinaus; wenn es befruchtet wird, bleibt es eine Zeitlang auf der Erde.

Sehen Sie, dasjenige, was da vorgeht, das ist auch ähnlich dem Einatmen und Ausatmen. Wenn ich bloß ausatme, so gebe ich eigentlich mein Wesen geradeso immer dem Weltenraum ab, wie abgegeben wird das unbefruchtete Menschenei an den Weltenraum. Und bedenken Sie, wie interessant das ist: Sie atmen aus; in der Luft, die Sie da ausatmen, da ist Ihr eigener Kohlenstoff drinnen. Sehen Sie, wie fein das eigentlich ist. Denken Sie sich einmal: Heute haben Sie vielleicht in Ihrer großen Zehe eine kleine Partie Kohlenstoff drinnen. Sie atmen ein. Der Sauerstoff breitet sich aus. Die kleine Partie Kohlenstoff, die Sie heute in Ihrer großen Zehe haben, verbindet sich mit dem Sauerstoff, geht als Kohlensäure da heraus, und dieses Stückchen Kohlenstoff ist morgen irgendwo meilenweit in der Welt draußen. So ist es schon. Fortwährend hat der Mensch auch während des Lebens dasselbe in sich, was eigentlich der Menschenkeim, wenn er befruchtet wird, in sich hat. Und würden wir nur ausatmen und niemals einatmen, so würden wir eben fortwährend sterben, würden wir uns fortwährend im Weltenraum auflösen. Da atmen wir eben wieder ein und schützen uns vor dem Sterben. Jedesmal, wenn wir einatmen, schützen wir uns vor dem Sterben.

Aber sehen Sie, wenn das Kind noch im Murtterleibe ist, so ist es also aus dem befruchteten Menschenkeim entstanden. Es ist geschützt davor, sich aufzulösen. Es reift im Leibe der Mutter aus. Aber seinen ersten Atemzug für die äußere Luft macht es ja eigentlich erst, wenn es, wie man immer so schön sagt, das Licht der Welt erblickt. Wenn es im Kommen ist, im Augenblick der Geburt, da macht es den ersten Atemzug. Das Kind macht also den ersten Atemzug, wenn es heraustritt in die Welt. Vorher muß es sich versorgen mit dem Sauerstoff aus dem Leibe der Mutter. Und da geschieht etwas ganz Besonderes. Da geschieht das, daß zuerst der Mensch von der Außenwelt die Möglichkeit bekommt, zu leben. Er kann ja ohne Sauerstoff nicht leben. Aber im Leibe der Mutter lebt er doch, ohne daß ihm die äußere Luft Sauerstoff gibt. Er muß sich den Sauerstoff aus dem Leibe der Mutter verschaffen.

Man kann also sagen: Wenn der Mensch die Erde betritt aus dem Leibe der Mutter heraus, dann ändert er eigentlich seinen ganzen Lebensprozeß. Es wird aus seinem ganzen Lebensprozeß etwas anderes. Er nimmt äußeren Sauerstoff auf, während er sich im Leibe der Mutter den Sauerstoff innerlich verschaffen kann. Ja, nun denken Sie doch, gibt es irgendwo in der Welt eine Maschine, die einmal so und einmal so sich heizt? Wir leben ja während neun Monaten oder zehn Mondenmonaten im Leibe der Mutter, bevor wir das Äußere der Erde betreten. Da versorgen wir uns mit dem, was uns das Leben gibt, in einer ganz anderen Weise als dann, nachdem wir den ersten Atemzug gemacht haben.

Jetzt wollen wir etwas anderes betrachten, was damit im Zusammenhange steht, und nachher wiederum zu dem zurückkommen. Denken Sie einmal, Sie haben einen, sagen wir, etwas gestörten Schlaf. Sie werden es schon erlebt haben, daß Sie aus einem gestörten Schlaf mit einem rechtängstlichen Traum aufgewacht sind. Sie werden es vielleicht erlebt haben, daß Sie zum Beispiel aufgewacht sind mit dem Traum, daß Sie irgendwo waren, zurückkommen und Ihr Haus zugesperrt finden, nicht herein können. Aber in dem Haus drinnen erwartet man Sie. Sie möchten rasch herein, und Sie quälen sich furchtbar ab, das Tor aufzuschließen. Dies oder ähnliches werden Sie schon erlebt haben. Man kann ja im Traume solche Angstzustände durchmachen.

Wenn man aber nachschaut, was da eigentlich ist, wenn der Mensch solche Angstträume hat, dann findet man immer: mit der Atmung ist erwas nicht in Ordnung. Solche Angstträume kann man sogar experimentell herstellen. Wenn Sie ein Taschentuch nehmen und es sich in den Mund oder in die Nase stopfen, so bekommen Sie die schönsten Angstträume — das heißt, sie sind nicht schön, aber als Angstträume sind sie schön —, weil Sie eben nicht richtig einatmen können.

Es ist doch eigentümlich, daß einfach mit dem Einatmen und Ausatmen, also mit Sauerstoff und Kohlenstoff zusammenhängt, ob wir solche Angstzustände haben oder nicht. Wir leben — das kann man daraus sehen — mit unserem Seelischen in der Luft drinnen. Wir leben mit unserem Seelischen eigentlich nicht in unseren Muskeln oder in unseren Knochen; wir leben mit dem Seelischen in der Luft drinnen. Und unser Seelisches selber schwimmt eigentlich mit der Luft in uns beim Einatmen und Ausatmen. So ist es. So daß wir sagen können: Das Seelische sucht sich die Luft auf, in der es schwimmt, nachdem das Kind den ersten Atemzug gemacht hat. Vorher hat es den Sauerstoff auf andere Weise aufgenommen.

Wir wollen einmal studieren, woher denn der Mensch den Sauerstoff vorher genommen hat. Vorher ist beim Menschen ja eine eigentliche Atmung noch nicht vorhanden. Im Leibe der Mutter ist beim Menschen noch nicht eine eigentliche Atmung vorhanden, sondern alles geht durch die Säfte vor sich. Vom Leib der Mutter gehen in den Embryo, in den Menschenkeim allerlei Gefäße hinein, die dann weggerissen werden, und da geht mit den Säften, mit dem Flüssigen, auch der Sauerstoff hinein. So daß der Mensch, wenn er geboren wird, sein eigentliches Lebens-Prinzip aus dem Flüssigen, aus dem Wässerigen in die Luft herausträgt. Der Mensch also trägt aus dem Wässerigen, in dem er sein Lebensprinzip vor der Geburt hat, dieses Lebensprinzip in die Luft heraus, wenn er geboren wird.

Daraus können Sie entnehmen, daß erstens der Mensch, bevor er befruchtet wird, überhaupt ein Wesen ist, das für die Erde gar nicht geschaffen ist, geradeso wie die Bazillen nicht für die Erde geschaffen sind. Erst ist der Mensch ein Wesen, das für die Erde gar nicht geschaffen ist; nachher wird er geschützt vor den Erdenkräften, kann sich im Leibe der Mutter weiter entwickeln; dann aber, wenn er nun wirklich geboren wird und also aus der Umgebung des Mutterleibes herauskommt, nicht mehr durch die Umgebung des Mutterleibes geschützt ist, dann ist er ja den Erdenkräften ausgesetzt. Dann wird er nur dadurch lebensfähig, daß er sich eine Tätigkeit angewöhnt, durch die er sozusagen in der Luft leben kann. Und er schützt sich nun selber während seines Erdenlebens vor den Kräften der Erde dadurch, daß er gar nicht mit der Erde lebt, sondern mit der Luft lebt.

Denken Sie nur, was es wäre, wenn Sie mit der Erde leben müßten! Stellen Sie sich einmal auf eine Waage, da haben Sie doch ein gewisses Gewicht, der Dünne weniger, der Dicke mehr, nicht wahr. Aber stellen Sie sich jetzt vor, Sie müßten sich an Ihrem Haarschüppel fortwährend nehmen und müßten den ganzen Kerl immerfort tragen, Ihr ganzes Gewicht. Das wäre ein schönes Abschleppen! Das spüren Sie ja gar nicht, was die Erdenschwere bei Ihnen ausmacht. Sie tragen wirklich Ihre Erdenschwere, aber Sie spüren es nicht. Warum? Weil die Atmung Sie schützt vor der Erdenschwere. Sie leben nämlich gar nicht in Ihrem Körper mit Ihrer Seele, Sie leben in Ihrer Atmung mit Ihrer Seele.

Sehen Sie, da können Sie sich nun leicht vorstellen, warum die materialistische Wissenschaft keine Seele finder. Die materialistische Wissenschaft sucht die Seele im Körper, der schwer ist, und sie verwendet dazu auch den Körper, der nicht mehr atmet, der schon tot ist. Den seziert sie. Ja, da kann sie nämlich die Seele nicht finden. Da ist sie nicht drinnen. Die materialistische Wissenschaft könnte die Seele nur finden, wenn wir fortwährend so durch die Welt gingen, daß wir uns selber tragen müßten und furchtbar dabei schwitzen müßten, weil wir uns selber tragen. Da hätte es einen Sinn, mit der materialistischen Wissenschaft die Seele zu suchen. Aber so hat es überhaupt keinen Sinn. Schwitzen müssen wir von was anderem, als daß wir uns selber tragen. Wir leben nämlich nicht, wenn wir aus dem Leibe der Mutter heraußen sind, in unseren festen Bestandteilen; da sind wir überhaupt nur zu zehn Prozent. Wir leben auch nicht in unserem Wasser; das beleben wir. Aber eigentlich leben wir mit unserer Seele in der Atmung.

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Nun, meine Herren, jetzt gehen Sie mit mir, mit einem Gedankengang, der für die heutige Zeit zum Allerwichtigsten gehört. Nehmen wir einmal an, wir haben diesen Menschenembryo (siehe Zeichnung). Ich will, wenn diese roten Striche sein Festes bedeuten, sein Flüssiges mit diesem Gelben bezeichnen. Das wäre sein Flüssiges. Er ist dann noch mit allerlei umgeben. Jetzt kommt er durch die Geburt nach außen, wird ein richtiger Mensch. Und jetzt atmet er durch seine Lungen die Luft ein und atmet wiederum aus durch die Nase. Jetzt können Sie es ja, ich möchte sagen, handgreiflich haben: Wenn der Mensch geboren ist, wenn er also da ist, so lebt er eigentlich in seinem Atmungsprozeß mit seinem Seelischen. Solange er im Leibe der Mutter ist, lebt er im Feuchten, im Wasser. Das, was der Mensch selber ist, springt gewissermaßen aus dem Wasser in die Luft, wenn der Mensch geboren wird. Und dasjenige, was also in uns lebt, während wir auf der Erde herumgehen als schon geborene Menschen, das kann nur in der Luft leben. Ja, versuchen Sie es einmal, springen Sie ins Wasser und versuchen Sie, ob Sie da weiterleben können! Sie müssen schwimmen können, damit Sie wieder herauskommen so bald als möglich, oder es muß Sie einer herausfischen. Wenn Sie einfach ins Wasser springen, können Sie ja nicht drinnen leben; Sie können als irdischer Mensch nur in der Luft leben, können nicht im Wasser leben. Aber vor der Geburt leben Sie im Wasser. Sie sind sogar bis in die dritte Woche hinein so wie' ein kleines Fischlein gestaltet, damit Sie im Wasser leben können. Sie leben bis dahin im Wasser. Die Erde gestattet Ihnen nicht, im Wasser zu leben. Vor der Geburt leben Sie im Wasser. Was heißt denn das? Das heißt, Ihr Leben kann gar nicht von der Erde kommen, es muß von außerhalb der Erde kommen, denn die Erde gestattet Ihnen nicht, daß Sie leben. Sie müssen sich auch als geborener Mensch von der Erde herausheben in die Luft, damit Sie leben können.

Nun müssen Sie aber bis zu Ihrer Geburt im Wasser leben. Also muß Ihr Leben nicht von der Erde kommen. Die Erde kann Ihnen Ihr Leben nicht geben. Das seelische Leben, das Sie haben, wenn Sie auf der Erde herumgehen, das kann Ihnen die Erde nicht geben. Da müßten Sie schon ein kleines Gespenst sein, das schon atmen kann; aber Gespenster können nicht atmen. Also kann unmöglich die Erde Ihnen Ihr Leben geben, Ihr seelisches Leben. Also kommt das seelische Leben von außerhalb der Erde dazu. Wer versteht, wie das Leben eigentlich im Atmungsprozeß drinnen ist, und wie das Leben auch schon da ist im Kinde im Mutterleibe, aber im Wässerigen ist, der versteht sofort, daß sich in den Mutterkeim hinein dieses Leben von einer geistigen Welt hereinsenkt.

Sehen Sie, solch eine Aussage nennen die Leute oftmals unwissenschaftlich. Aber man kann wirklich viel Wissenschaft durchgemacht haben, und man kommt dann darauf: das, was die Herrschaften in ihrer Wissenschaft machen, ist viel, viel weniger logisch als dasjenige, was ich Ihnen jetzt gesagt habe; denn das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, ist absolut logisch. Und leider geht es in unserer Zeit so zu, daß die Kinder schon in der Schule darauf dressiert werden, daß sie überhaupt in der späteren Zeit so etwas nicht mehr hören, oder wenn sie es irgendwo hören, sagen sie höchstens: Wer so etwas sagt, ist ein verrückter Kerl, denn wir haben doch in der Schule gelernt, wie aus dem Menschenkeim alles herauswächst.

Aber wie haben sie das gelernt? Sie haben das so gelernt ungefähr, wie wenn man jemandem beibringen will, daß aus einem Kohlkopf ein Menschenkopf herauswächst. Ebensowenig kann aus dem Menschenkeim von selber ein Menschliches, die ganze menschliche Tätigkeit während des Lebens herauswachsen, wie aus einem Kohlkopf ein Menschenkopf herauswachsen kann. Aber den Kindern in der Schule werden ja solche Dinge schon beigebracht, die ganz unsinnig sind.

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Ich habe Ihnen schon einmal ein Beispiel dafür gegeben. Den kleinsten Kindern bringt man heute schon das bei, daß man sagt: Einmal war die Erde mit dem ganzen Sonnensystem ein riesiger Urnebel (siehe Zeichnung). Der Nebel, der tut natürlich nichts, wenn er ruhig ist. Und deshalb sagt man: er dreht sich; also dreht er sich flugs. Wenn sich der Nebel nun dreht, wird er allmählich dünner; dann spalten sich einzelne Körper ab, und in der Mitte bleibt der runde Körper zurück. Und man macht den Kindern das vor, man sagt: Das kann man nachmachen. — Man nimmt ein Scheibchen aus Kartenpapier, durch das man eine Stecknadel gesteckt hat, tut einen kleinen Öltropfen in ein Glas Wasser, der dann oben drauf schwimmt. Nun dreht man die Scheibe, der Öltropfen kommt in Bewegung, in Drehung, kleine Öltröpfelchen spalten sich ab, und in der Mitte bleibt der große Öltropfen. Und das ist ein kleines Planetensystem mit der Sonne. Ihr seht ja, Kinder — so sagt man —, man kann das im kleinen immer machen. So ist es ganz erklärlich, daß da einmal ein Nebel war, der hat sich gedreht, und es haben sich allmählich Weltenkörper abgespalten, und in der Mitte ist der große Weltenkörper geblieben.

Ja, aber, meine Herren, man darf das Wichtigste nicht vergessen. Warum dreht sich denn der Öltropfen? Weil da der Lehrer ist, der ihn dreht. Also muß da ein riesiger Schulmeister draußen im Weltenall sein, auf einem Stuhle sitzen und drehen, und nachher werden sich die Planeten abspalten! Meine Herren, wenn man das den Kindern in der Schule von vornherein beibringt, dann werden sie später «gescheite» Leute; dann sagen sie später, wenn einer logisch sein will und die Sache anzweifelt: Nun, der ist ein Phantast, ein Narr, denn wir haben ja schon in der Schule gelernt, wie die ganze Welt entstanden ist!

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Sehen Sie, solche Gedanken sind eigentlich gar keine Wirklichkeit, sie sind keine Wirklichkeit. Dieser Weltennebel, den einmal der Kant und der Laplace erdacht haben, ist ja keine Wirklichkeit; es ist so töricht, solche sich drehenden Weltennebel eine Wirklichkeit zu nennen. Denn der einzige Grund dafür ist vorhanden, daß man mit dem Fernrohr in den weiten Weltenraum hinaussehen kann, und dann sieht man angeblich solche Spiralnebel. Gewiß, da draußen sind solche Spiralnebel (siehe Zeichnung), das ist richtig. Aber wer dadurch, daß er mit einem Fernrohr da hinausschaut und diese Spiralnebel sieht, sagt: Nun ja, solch ein Spiralnebel war auch einmal unser ganzes Sonnensystem —, der ist ungefähr so gescheit, wie wenn einer in der Ferne einen Mückenschwarm sieht und ihn für eine Staubwolke hält. Man kann ja einen Mückenschwarm für eine Staubwolke halten; dann vergißt man nur, daß der Mückenschwarm lebt und die Staubwolke tot ist. Der Spiralnebel lebt eben draußen, hat Leben in sich. So hatte früher auch das ganze Sonnensystem sein Leben in sich, seine ganze Geistigkeit in sich. Und dieses Geistige wirkt heute noch. Wenn im Leibe der Mutter der Menschenkeim durch die Befruchtung geschützt wird, dann kann sich dieser geschützte Menschenkeim mit dem Menschengeist verbinden.

Und dann, wenn wir nach und nach alt werden, macht sich erst die Schwere ein bißchen geltend, nämlich dadurch, daß unsere einzelnen Stoffe von der Schwere erfaßt werden. Denken Sie sich einmal, das ist ein menschlicher Unterschenkel (siehe Zeichnung); der Mensch hat etwas gestörte innere Verdauung; das hat zur Folge, daß das Leben nicht ordentlich durchgeht. Dann bilden sich in den Muskeln allerlei solche kleine feste Körper. Solche Muskeln werden ausgefüllt mit kleinen festen Körpern, kleinwinzigen Harnsteinen, und wir haben die Gicht. Da fangen wir an, die Schwere zu merken.

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Wenn wir gesunde Menschen sind und der Sauerstoff durch die Atmung richtig belebend durch unseren Körper geht, dann bilden sich keine solchen Harnsteine, dann kriegen wir nicht die Gicht. Gicht bildet sich nur dann, wenn der Sauerstoff nicht richtig belebend durch unseren Körper geht und nicht richtig den Kohlenstoff aufnimmt. Wenn der Sauerstoff nicht richtig durch unseren Körper geht, dann richtet der Kohlenstoff allerlei Unrichtiges an, und da sind dann überall in unseren Blutadern kleinwinzige Bröckelchen. Wir gehen herum und spüren das jetzt als eine Wirkung der Erde. Vor der müssen wir gerade geschützt werden. Wir leben eigentlich nur dadurch, daß wir fortwährend in der Atmung geschützt sind vor der Erde und ihren Einflüssen. Die Erde ist eigentlich für uns bloß dadurch nicht schädlich, daß wir fortwährend geschützt sind vor ihr. Würden wir der Erde fortwährend ausgesetzt sein, würden wir fortwährend krank sein. Es ist sehr interessant.

Sehen Sie, so ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit, wo die Naturwissenschaft ihre großen materialistischen Erfolge gehabt hat, da waren die Leute ganz verblüfft von dem, und haben alles von dem erklären wollen, was auf der Erde vorgeht. Da war namentlich ein ganz besonders begeisterter Stoffler, ein Stoffhuber — so hat man sie dazumal genannt -, ein besonders begeisterter war «der dicke Vogt» in Genf, Moleschott und so weiter. Es waren sehr gescheite Leute, Sie haben die Menschheit von vielem befreit. Es soll gar nichts über sie gesagt werden, man kann sie sogar loben; aber sie waren eben ganz und gar vernagelt in die naturwissenschaftlichen Fortschritte und haben den ganzen Menschen so erklärt, als wenn auf ihn nur Irdisches Einfluß hätte. Sie haben nur eines vergessen: wenn nämlich diese irdischen Einflüsse anfangen auf den Menschen zu wirken, so wird er zuerst nervös, und nachher irgendwie krank. Gerade dadurch ist der Mensch gesund, daß er fortwährend vor den irdischen Einflüssen geschützt ist.

Aber nach und nach kommen sie über ihn, diese irdischen Einflüsse. Und wie machen sie sich geltend? Nun, diese irdischen Einflüsse machen sich dadurch geltend, daß der Mensch eben die Kunst des Atmens nicht mehr richtig versteht. Er verlernt allmählich, richtig zu atmen. Und wenn er es ganz verlernt hat, so kann er eben nicht mehr richtig einatmen, und er ist wiederum in demselben Zustand, in dem er war, bevor er befruchtet worden ist. Er löst sich in den Weltenäther zunächst auf und geht zurück in die Welt, aus der er gekommen ist. Er geht sozusagen mit dem letzten Atemzug zurück in die Welt, aus der er gekommen ist. Derjenige, der richtig das Atmen versteht, der versteht auch Geburt und Tod. Aber die ganze moderne Wissenschaft versteht eben nichts vom Atmen in der richtigen Weise.

Nun habe ich eben versuchen wollen, Ihnen ein bißchen klar zu machen, wie der Mensch zunächst durch das weibliche Ei lernt mit der Welt zu leben, durch die männliche Befruchtung lernt, selber eine Zeitlang auf der Erde zu leben, und wie er dann zurückgeht in den Zustand, wo er wiederum außerhalb der Erde allein leben kann. Man lernt allmählich Geburt und Tod begreifen und fängt erst an, einen richtigen Begriff zu bekommen von demjenigen, was er seelisch ist, was nicht geboren wird und nicht stirbt, sondern von außen kommt, sich mit dem Keim in der Mutter vereint, und wiederum nach außen in die geistige Welt geht.

Es ist heute so, daß man, gerade wenn man richtig Naturwissenschaft treibt, das unsterbliche Seelische verstehen muß, das gar nicht der Geburt und dem Tod unterliegt. Und sehen Sie, das ist etwas, was nun wirklich heute der Menschheit dringend notwendig ist. Die Menschheit hat durch viele Jahrhunderte und Jahrtausende einen Glauben gehabt an eine Unsterblichkeit, den sie heute unmöglich festhalten kann, weil man ihr lauter Dinge sagt, die eigentlich vor der Naturwissenschaft zerfallen, nichts sind vor der Naturwissenschaft, Alles das, was man heute glauben soll, muß man auch wissen können. Man muß richtig aus der Naturwissenschaft selber heraus, wie ich es hier in diesen Vorträgen bei Ihnen tue, das Geistige begreifen lernen. Und das ist die Aufgabe dieses Goetheanums und überhaupt der Anthroposophie, daß aus der Naturwissenschaft heraus richtig das Geistige begriffen wird.

Sehen Sie, meine Herren, die Menschen sind so schwer daran zu gewöhnen, ein Neues irgendwie zu begreifen. Jetzt ist Weihnachtszeit. Die Menschen könnten sich ja sagen: Nun, wir müssen in einer neuen Weise begreifen, wie im Menschengeschlecht der Geist lebt. - Wenn die Menschen sich besinnen würden, wie im Menschengeschlecht der Geist lebt, und würden versuchen, das durch richtiges Wissen zu gewinnen, dann hätten wir ja eigentlich alles neu. Wir könnten auch Weihnachten neu feiern, denn wir würden Weihnachten so feiern, wie man es in der modernen Zeit feiern soll. Statt dessen bleiben die Leute dabei, in der Wissenschaft immer nur das Tote zu erforschen und daneben das Alte fortzupflanzen, mit dem sie gar keinen Sinn mehr verbinden. Ich möchte wissen, was die Leute, die heute sich Weihnachtsgeschenke machen und Weihnachten feiern, was die noch für einen Sinn mit Weihnachten verbinden. Gar keinen! Die machen das aus alter Gewohnheit. Und daneben, nicht wahr, wird einfach eine Naturwissenschaft gelehrt, die in sich überall widerspruchsvoll ist. Nirgends will man eingehen darauf, daß die Naturwissenschaft selber etwas gibt, was zur Erkenntnis des Geistigen führen kann.

Aber man kann heute schon sagen: Wenn das Christentum noch einen Sinn haben soll, so muß es sich darauf einlassen, wiederum zu einem wirklichen Wissen vom Geist zu kommen. Das ist das einzig Mögliche, nicht bloß Altes fortzupflanzen. Nicht wahr, im alten Sinne zu den festlichen Zeiten den Menschen die Bibel vorzulesen, was heißt denn das eigentlich? Oder sogar den Kindern in der Schule bloß die gewöhnliche Bibel vorzulesen, was heißt denn das, wenn man einem nebenbei dann sagt: Da war ein Urnebel, der sich gedreht hat? Da kommen ja der Kopf und das Herz in vollständigen Gegensatz! Sehen Sie, und dann verlernt der Mensch überhaupt richtig auf der Erde ein Mensch zu sein, weil er sich ja gar nicht mehr kennt. Der ist ein Narr, der glaubt, wir bestehen auf der Erde als Menschen aus dem, was schwer ist, aus dem Kerl bloß, den wir auf die Waage legen und abwägen. Den brauchen wir gar nicht. Der ist ein Narr, der glaubt, wir bestehen aus diesen materiellen Stoffen, die ein Gewicht haben. In Wirklichkeit wird uns dieser Kerl gar nicht bemerklich, weil wir uns eben davor schützen, um nicht krank zu werden. Und das Kurieren der Krankheit besteht darinnen, daß man den Erdeneinfluß, der sich auf den Kranken geltend macht, wieder herausschafft. Derjenige, der jetzt nachgedacht hat, der weiß, daß alles Heilen eigentlich darinnen beruht, daß man den Menschen wieder wegkriegt vom irdischen Einfluß. Wenn man ihn nicht wegkriegt von der Erde mit ihren Einflüssen, dann kann man ihn nicht heilen. Dann legt er sich ins Bett, gibt sich dem Gewicht hin, läßt sich vom Bette tragen. Selber trägt man sich eben nicht, wenn man liegt.

Aber da haben wir eben auf der einen Seite die alten Gewohnheiten, auf der anderen Seite die moderne Wissenschaft, die den Menschen gar nicht aufklärt, was er als Mensch ist. Da kann nichts Gutes daraus werden. Und sehen Sie, es ist schon einmal so, der Weltkrieg mit all seinen Folgen, denen wir heute noch immer unterliegen, wäre eben nicht gekommen, wenn die Menschen schon vorher irgendwie etwas von ihrer Menschlichkeit gewußt hätten. Aber sie wollen es jetzt noch nicht. Sie wollen jetzt noch immer sich auf Kongressen versammeln, ohne neue Gedanken, sagen immer wiederum das Alte. Sie kriegen es nicht fertig — nirgends kriegen sie es fertig —, neue Gedanken zu haben. Denn dasjenige, was zuerst an vertrackten Gedanken in der Menschheit ist, das wird Lebensgewohnheit, und das ist heute unsere soziale Ordnung. Und wir kommen nicht wieder zu etwas in der Welt, bevor wir nicht von innen heraus wiederum den Menschen so recht spüren, was er eigentlich ist.

Das ist eigentlich dasjenige, was sich die, die verstehen, was die ‚Anthroposophie will, als Weihnachten vorstellen. Weihnachten soll uns daran erinnern, daß wiederum eine geistige Wissenschaft geboren werden soll. Es ist das beste geistige Wesen, das geboren werden kann, die geistige Wissenschaft. Die Menschheit hat schon ein Weihnachten nötig. Sonst bleibt ihr nichts anderes übrig, als von dem Christus bloß das Kreuz zurückzubehalten, und den lebendigen Christus wegzutun. Die gewöhnliche Wissenschaft ist nämlich bloß das Kreuz. Aber wir müssen eben wiederum zum Lebendigen kommen. Das ist dasjenige, was angestrebt werden muß.

Nun, meine Herren, das ist dasjenige, was ich als eine Ergänzung des Früheren gerade am heutigen Tage habe sagen wollen. Ich wünsche Ihnen damit recht gute Festtage!

German original of Concerning the Soul Life in the Breathing Process · ← Previous · Next →