Health and Illness, Volume II

GA 348 — 30 December 1922, Dornach

Zehnter Vortrag

Es wird eine Frage gestellt in bezug auf Schwangerschaft und Beeinflussungsmöglichkeiten während der Schwangerschaft.

Dr. Steiner: Diese Dinge, meine Herren, sind Angelegenheiten des Lebens, die als außerordentlich wichtig behandelt werden müssen. Es ist ja im allgemeinen so, daß man auf das Kind während der Schwangerschaft nicht einen außerordentlich großen Einfluß anders nehmen kann als auf dem Umweg durch die Mutter, denn das Kind hängt ja, wie Sie aus manchem ersehen werden, was ich hier schon gesagt habe, durch zahlreiche feine Blutgefäße mit der Mutter so zusammen, daß es von der Mutter Nahrungsstoffe bekommt, auch eine ganz andere Atmung später, und daß es die Dinge, die es braucht, von der Mutter bekommt.

Nicht wahr, die Dinge, die Sie jetzt berührt haben, die können wir am besten betrachten, wenn wir uns ein bißchen noch beschäftigen, gerade mit Rücksicht auf Ihre zwei Fragen, mit dem Krankwerden und Gesundsein des Menschen überhaupt. Denn bei der Schwangerschaft ist es so, daß es wirklich noch schwerer als beim gewöhnlichen Hunger und Durst zu sagen ist, wo die Hinneigung zur Krankheit schon anfängt und wo sie aufhört.

Außerdem kommen bei der Schwangerschaft Dinge in Betracht, die schlagend beweisen, wie das Seelische der Mutter auf das künftige Kind einen außerordentlichen Einfluß hat. Sie brauchen nur einmal zu verfolgen, was geschieht, wenn zum Beispiel die Mutter, namentlich in den ersten Monaten der Schwangerschaft, einen großen Schreck bekommt. Das trägt das Kind in der Regel das ganze Leben hindurch. Da könnten Sie nicht sagen, daß natürlich von vornherein eine physische Veränderung am Kind vorgegangen ist, sondern die Mutter hat einen Schreck bekommen. Wie kann ein Schreck bei der Mutter auf das Kind wirken?

Sehen Sie, darauf gibt die heutige Wissenschaft im Grunde genommen nur ganz unzureichende Antwort, weil sie von dem, was seelisch und geistig im Menschen wirkt, überhaupt nichts weiß, oder wenigstens nichts zu wissen vorgibt. Man kann zu diesen schwierigen Fragen — denn schwer sind gerade diese Fragen, die jetzt der Herr Dollinger gestellt hat - am besten kommen, wenn man zwei Lebenserscheinungen, die in der Krankheit hauptsächlich auftreten, einmal scharf ins Auge faßt. Das sind erstens das Fieber, und zweitens der Kollaps. Das sind zwei entgegengesetzte Erscheinungen, welche der Mensch durchmacht, das Fieber und der Kollaps.

Was ist das Fieber? Nun ja, das kennen Sie ja: es zeigt sich äußerlich dadurch, daß der Mensch bei der gewöhnlichen Messung nicht mehr als 36 bis 37 Grad Körpertemperatur hat; wenn die Körpertemperatur höher hinaufgeht, so sagt man, der Mensch habe Fieber. Äußerlich sichtbar ist das Fieber dadurch, daß der Mensch heißer wird.

Was ist der Kollaps? Der Kollaps ist eigentlich der entgegengesetzte Zustand. Der Kollaps tritt dann ein, wenn der Mensch nicht imstande ist, sich genügend Wärme in seinem Innern zu entwickeln. Wenn Sie zum Beispiel, sagen wir, von einem gewissen Giftstoff, der aber auch als Heilmittel verwendet wird, eine gewisse Menge einnehmen, wenn Sie zum Beispiel den Giftstoff nehmen, den man in der Medizin Hyoscyamin nennt — das ist also vom Bilsenkraut — und geben den in einer zu großen Menge, über eine bestimmte Menge hinaus, so setzt man den Menschen der Gefahr aus, daß er einen Kollaps kriegt.

Der Vorgang ist ja der, daß gerade im Unterleib der Mutter, wo ja auch das Kind ausgebildet werden muß, durch den Kollaps alle die Häute, die da sind - also die Häute von den Gedärmen, aber auch die Häute von denjenigen Organen, in denen das Kind während der Schwangerschaft drinnen liegt, die Häute des sogenannten Uterus, der Gebärmutter —, also alle die Häute im Unterleibe dadurch, daß solch ein Gift zum Beispiel eingeführt wird, weit werden. Es ist gerade so, wie wenn ich einen Sack ausdehne über seine eigene Haltekraft, dann wird er schleißig, und er kann dann die Dinge nicht mehr halten. Und so schoppen sich allerlei Stoffe, die durch die Nahrungsmittel zugeführt werden, bei solcher Zuführung von Bilsenkrautgift an, und der Mensch hat nicht mehr die Möglichkeit, ordentlich in seinem Unterleib zu arbeiten, in der Art, wie ich es Ihnen gerade das vorige Mal erzählt habe. Es häuft sich in seinem Unterleib eine Menge von Sachen an, die er nicht verarbeiten kann.

Nun, meine Herren, um zu verstehen, wie da eigentlich gearbeitet wird, muß man wiederum tiefer in den menschlichen Organismus hineinschauen. Was geschieht denn da eigentlich, wenn im Unterleib nicht ordentlich gearbeitet wird? Da wird nicht nur im Unterleib nicht ordentlich gearbeitet, sondern man wird jedesmal finden, wenn im Unterleib nicht ordentlich gearbeitet wird, daß das Gehirn gerade in seinem vordersten Teil nicht in Ordnung ist. Ein sehr interessanter Zusammenhang!

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Nehmen Sie an, Sie haben den Menschen: Unterleib, Brustleib, hier etwa das Zwerchfell (siehe Zeichnung), also Unterleib, Brust, Kopf. Gerade wenn im Unterleib etwas nicht in Ordnung ist, so ist im vordersten Teil des Gehirns auch etwas nicht in Ordnung. Also diese gehören zusammen. Die gehören innerlich im Menschen zusammen: vorderes Gehirn und Unterleib. Und wiederum, wenn hier etwa das Herz ist mit den Adern, so wie ich es Ihnen beschrieben habe, so gehört das Herz und das mittlere Gehirn zusammen. Und wenn da dann die Atmung ist, das Obere mit den Lungen, so gehören die Lungen mit dem hintersten Teile des Gehirns zusammen.

Jedesmal, wenn etwas mit der Atmung nicht in Ordnung ist, ist auch etwas nicht in Ordnung im hintersten Teil des Gehirnes. Man kann das schon dadurch verfolgen, daß, wenn jemand an Atemnot leidet, wenn er zu wenig Sauerstoff bekommt, immer im hintersten Teile seines Gehirns etwas nicht in Ordnung ist. Wenn jemand an Herzunordnung leidet, namentlich wenn die Herztätigkeit nicht rhythmisch vor sich geht, so daß der Puls nicht in Ordnung ist, findet man immer auch, daß etwas nicht in Ordnung ist im Mittelgehirn. Und wenn im Unterleib etwas nicht in Ordnung ist, findet man immer etwas Unregelmäßiges auch im Vordergehirn. So wunderbar hängt alles im Menschen zusammen. So daß man sagen kann: Gerade das, was in seinem Unterleib vor sich geht, hängt zusammen mit seiner vorderen Gehirnkonfiguration.

Sehen Sie, manchmal wollen die Leute das nicht wahrhaben, weil sie in der Stirnbildung das Alleredelste sehen und im Unterleib das weniger Edle. Und wenn man ihnen dann die Wahrheit sagt, so finden sie das für den Menschen unwürdig. Aber aus meinen Vorträgen werden Sie schon gesehen haben, daß schließlich das Ernährungssystem so zusammenhängt wiederum mit dem Gliedmaßensystem, daß das etwas sehr Wichtiges ist beim Menschen.

Ich habe einmal einen Herrn gekannt, der hatte eine solche Stirnbildung, eine sehr seltene Stirnbildung (siehe Zeichnung S. 179, links). Eine griechische Stirne ist anders. Die ist so (siehe Zeichnung, rechts). Bei allen griechischen Statuen finden wir diese Stirnbildung, die gerade entgegengesetzt, nach rückwärts geht. Bei diesem Herrn war tatsächlich hier ein mächtiger Bug, und oben stand das vordere Gehirn ganz heraus. Ich bin überzeugt, der Mensch, der dieses Gehirn so weit vorgerückt hatte, der hatte einen furchtbar gut ausgebildeten Unterleib und litt nie an Durchfällen oder an Verstopfung zum Beispiel; niemals litt er auch an Bauchschmerzen und dergleichen. Der Betreffende war tatsächlich ein Mensch, der ungemein feine Empfindungen hatte. Aber diese Empfindungen waren so, daß er eigentlich immer darauf angewiesen war, sich innerlich behaglich zu fühlen. Das deutete etwas darauf hin, daß seine mächtige, nach vorn gebeugte Stirn niemals zuließ, daß in seinem Unterleib etwas nicht in Ordnung war. Also Sie sehen daraus, daß in merkwürdiger Weise der Mensch in bezug auf seine Kopforgane zusammenhängt mit seinem Unterleib.

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Wenn ich nun einem Menschen zu viel Saft vom Bilsenkraut gebe, bekommt er also einen Kollaps. Worauf beruht dieser Kollaps? Ja, es ist nämlich in seinem Vordergehirn dann etwas nicht in Ordnung, weil alles mögliche sich in seinem Unterleib ablagert. Das Merkwürdige ist aber: Wenn ich nun einen Menschen habe, der mir über eine bestimmte Art von Bauchweh klagt, das vielleicht davon herkommt, daß er eine kleine Verstopfung in den Gedärmen hat, dann kann ich mit gutem, mit allerbestem Gewissen den Bilsenkrautsaft, sehr, sehr stark verdünnt, geben, und dann wird er gesund. Er kriegt ein bißchen Fieber und wird gesund.

Also Sie sehen, die merkwürdige Tatsache liegt vor: Wenn ich einem Menschen, der meinetwillen sogar gesund ist, zu viel Bilsenkrautsaft gebe, so kriegt er einen Kollaps, und sein Unterleib kommt in eine furchtbare Unordnung; sein Kopf wird kalt, sein Unterleib wird auf Tafel 13 gedunsen und die Gedärme werden weit, und der Unterleib arbeitet nicht mehr. Was sehen Sie daraus? Sie sehen daraus, daß ich in den Magen hinein zu viel Bilsenkrautsaft gegeben habe. Dadurch habe ich den Magen in die Notwendigkeit versetzt, den Magen dazu angeregt, daß er recht viel verdauen sollte, denn Bilsenkraut ist furchtbar schwer zu verdauen. Giftig sein heißt nichts anderes als: schwer zu verdauen. Also der Magen soll furchtbar viel tun. Das Gehirn ist nicht stark genug dazu, das vordere Gehirn. So hängen die Dinge zusammen im menschlichen Leibe. Das Gehirn ist nicht stark genug, daß es den Magen anregt, diese furchtbar starke Tätigkeit auszuführen, und das Gehirn wird kalt, und der Mensch bekommt den Kollaps.

Was geschieht nun, wenn ich dem Menschen eine ganz kleine Dosis, das heißt, ganz verdünnt den Bilsenkrautsaft gebe? Da hat der Magen wenig zu tun, das Gehirn ist stark genug dazu, diese kleine Tätigkeit zu regeln, zu regulieren, und dadurch, daß ich doch ein wenig Bilsenkraut hineinbringe, was verarbeitet werden kann, rege ich gerade das Gehirn an, stärker zu arbeiten als früher. Wenn das Gehirn es bewältigen kann, so ist es gerade so, wie wenn ich einem Menschen eine Arbeit gebe, die er bewältigen kann. Gebe ich ihm eine Arbeit, die er bewältigen kann, so macht er es gut; gebe ich ihm einen Haufen für einen Tag, der eigentlich zehn Tage in Anspruch nimmt, so geht er dabei zugrunde. So ist es mit dem Gehirn. Da drin ist der Arbeiter für den Unterleib. Mute ich dem Gehirn zu wenig zu, wird er faul; wird er angeregt durch seine Tätigkeit, geht es gut; mute ich dem Unterleib aber zu viel zu, dann beteiligt er sich nicht mehr, und der Mensch kriegt den Kollaps.

Worauf beruht das Fieber? Das Fieber beruht darauf, daß eigentlich das Gehirn in eine überwiegende Tätigkeit kommt und den ganzen Menschen durchdringt. Nehmen Sie an, der Mensch bekommt in irgendeinem Organ, sagen wir in der Leber oder Niere, oder namentlich in den Lungen, irgendwie eine Unordnung auf die Weise, wie ich es Ihnen neulich erzählt habe. Da fängt nun das Gehirn an, dagegen zu revoltieren. Wenn die Lunge nicht mehr recht will, so fängt das Hintergehirn an, zu revoltieren und regt wiederum das Vordergehirn an, mitzurevoltieren gegen dieses Kranksein der Lunge, und dadurch entsteht das Fieber.

Das heißt aber, der Mensch wird von oben herunter, von seinem Kopfe aus erwärmt, von unten herauf erkaltet. Das ist gerade sehr interessant. Der Mensch wird wirklich von oben herunter erwärmt. Das Fieber machen wir mit unserem Kopf. Und wenn eine Entzündung in der großen Zehe auftritt - das Fieber, das wir kriegen, machen wir mit dem Kopf. Es ist sogar interessant, daß dasjenige, was am weitesten unten liegt, durch die allervordersten Teile des Gehirnes reguliert wird. Wie beim Hund das, was am allerweitesten hinten liegt, durch die Nase reguliert wird, so ist es auch beim Menschen. Wenn er in der großen Zehe Fieber kriegt, so liegt die Tätigkeit, die das Fieber erzeugt, ganz vorn. Der Mensch muß es schon mit seiner Würde vereinbar halten, daß, wenn er in der großen Zehe eine Entzündung kriegt, dann ihm sein Fieber von ganz da vorne kommt, da gerade über der Nase; so daß der Mensch immer von oben erwärmt wird und von unten erkaltet wird.

Damit hängt es auch zusammen, daß wir, wenn wir eben gewisse Stoffe in den Menschen in zu großer Menge einführen, Kollaps erzeugen, daß wir aber ein heilsames Fieber erzeugen können, wenn wir dem Gehirn nicht so viel zumuten, und durch geringe Mengen von Stoff eben die Gehirntätigkeit anregen. Aber die Gehirntätigkeit wird ja den ganzen Tag nicht nur durch Stoffe, die wir hineinbringen ins Gehirn, angeregt, das Gehirn wird immer angeregt, wenn Sie sehen, wenn Sie hören. Und auch indem Sie essen, stopfen Sie ja nicht bloß die Nahrungsmittel in den Magen hinein, sondern sie schmecken Ihnen. Der Geschmack wird angeregt. Der Geruch wird angeregt. Das sind alles Anregungen vom Gehirn aus.

Nun denken Sie sich einmal, eine Frau ist schwanger. Das Kind ist in der ersten Zeit der Schwangerschaft. Ja, das ist eine ungeheure Erhöhung der Unterleibstätigkeit. Das, was da vorgehen muß im Unterleib, braucht ja alles außerhalb der Schwangerschaft nicht, und bei Männern überhaupt niemals vorzugehen. Da wird also die Unterleibstätigkeit in ungeheurer Weise erhöht. Und wenn die Unterleibstätigkeit erhöht wird, werden die Sinnesnerven vor allen Dingen angeregt, denn Unterleib und vorderer Teil des Gehirns gehören zusammen.

Wenn der Mensch bloß Hunger hat, was bedeutet das? Ich habe Ihnen gesagt, da kann eine gewisse Tätigkeit nicht ausgeführt werden, die eigentlich fortwährend ausgeführt werden soll. Der Mensch sehnt sich, wenn er Hunger hat, nach Nahrung. Das heißt aber zu gleicher Zeit: es sollen seine Geschmacksorgane angeregt werden. Er sehnt sich nach einer Anregung seiner Geschmacksorgane. Nun schön, dem kann er abhelfen eben durch Essen.

Aber wenn die Frau schwanger ist, dann wird, wenn sie im Unterleib etwas zu besorgen hat zum heranwachsenden Kinde, auch im Gehirn, vorzugsweise in den Sinnesnerven, Geschmacksnerven, Geruchsnerven allerlei angeregt. Da hilft es dann für die Geschmacksnerven und für die Geruchsnerven nicht viel, daß man zu essen gibt, denn das kommt nicht unmittelbar in das Kind, sondern zunächst nur in den Magen, weil eine Übertätigkeit auszuüben ist. Gewissermaßen muß der Unterleib Überstunden machen. So tritt auch im Kopf ein Bedürfnis auf, Übergeschmäcke und Übergerüche zu haben. Und da handelt es sich darum, daß man für das Kind natürlich am besten sorgt, wenn man Verständnis hat für diese Dinge.

Es wird sogar bei sehr vielen schwangeren Frauen vorkommen, daß sie gar nicht befriedigt sind, wenn man ihnen das verschafft, wonach gerade ihr Geschmack geht, denn wenn sie es haben, dann haben sie einen andern Geschmack. Sie sind nämlich zu gleicher Zeit außerordentlich launisch, haben dann schon wieder einen anderen Geschmack. Aber man befriedigt sie, wenn man nett zu ihnen ist, wenn man eingeht auf dasjenige, was sie eigentlich nach der Meinung, die man hat, in der Phantasie ausbilden. Denn es sind Geschmacks- und Geruchsphantasien, in denen die Schwangeren namentlich in den ersten Monaten leben. Und wenn man einfach nun sagt: Ach was, das ist alles eine Phantasie! — dann ist das wirklich schon für die Schwangere wie ein seelischer Schlag. Man stößt nämlich zurück das, was in ihr ganz natürlich sich bildet durch den Zusammenhang von Unterleib und Gehirn, Kopf. Wenn man ihr irgendwie Freude macht, indem man eingeht auf die Dinge, dann tritt viel leichter eine Befriedigung ein, als wenn man eben gerade, ich möchte sagen, entweder es zurückschlägt oder wörtlich darauf eingeht, daß, wenn also meinetwillen Vanillegeschmack verlangt wird, man gleich Vanille herbeischafft. Das ist manchmal gar nicht das Richtige; denn wenn man es verschafft hat, dann sagt sie: Ja, jetzt will ich aber Sauerkohl! Das ist schon so. Man muß sich schon bekanntmachen damit, daß, wenn so etwas Außerordentliches im Unterleib vorgehen soll, dann ganz besonders die Kindesentwickelung gefördert werden muß, und daß dann eben auch in einer besonderen Weise auf die Schwangere eingegangen werden muß.

Ja, meine Herren, das zeigt uns ja viel mehr. Das zeigt uns, daß auf das Kind die ganze Art und Weise, wie die Mutter geistig und seelisch leben kann, einen ungeheuren Einfluß hat. Derjenige, der einen Blick hat für gewisse Dinge, die im Leben einmal vorgehen, der kann zum Beispiel folgendes wissen. Es gibt Kinder, die werden mit einem Wasserkopf, Hydrozephalus, geboren. Man wird in den meisten Fällen, wo Kinder mit einem Wasserkopf geboren werden, darauf zurückgehen können, daß die Mutter, die vielleicht für recht viel Anregungen im Leben veranlagt war, sich während der ersten Monate der Schwangerschaft, namentlich während der ersten Wochen, scheußlich gelangweilt hat. Der Mann ist ins Wirtshaus gegangen und so weiter. Die Mutter hat sich scheußlich gelangweilt, und die Folge davon war, daß sie nicht die nötige Kraft gehabt hat, die Gehirngefäße zu beeinflussen. Die Langeweile macht ihren Kopf leer; der leere Kopf macht auch den Unterleib leer. Der entwickelt sich nicht stramm, daß er die Kräfte des Kopfes ordentlich zusammenhält. Der Kopf schwillt auf, wird ein Wasserkopf. Und manche Kinder wiederum werden mit zu kleinen Köpfen, namentlich mit zu kleinen Oberköpfen, mit sogenannten Spitzköpfen geboren. Man wird sehen, daß dies in den meisten Fällen damit zusammenhängt, daß die Mutter in den ersten Wochen der Schwangerschaft zu ausgelassen war, sich zu viel amüsiert hat. So daß man immer den Zusammenhang zwischen dem, wie das Kind wird, und der Art und Weise, wie die Mutter in den ersten Wochen der Schwangerschaft seelisch sein kann, wird bemerken können, wenn man dazu veranlagt ist, solche Sachen richtig zu sehen.

Natürlich, man kann da ja medizinisch viel machen, aber mit Bezug auf solche Sachen haben wir heute noch keine richtige Medizin, sondern mehr eine Medikasterei, weil die Zusammenhänge nicht richtig gesehen werden in der bloß materialistischen Wissenschaft. Diese Zusammenhänge muß man aber zumeist im einzelnen sehen, und man kann sie gerade beim Keimesleben des Menschen, beim Embryonalleben, also während der mütterlichen Schwangerschaft, am allerbesten bemerken.

Nehmen Sie also an, die Unterleibstätigkeit wird während der Schwangerschaft ganz besonders erhöht, der Unterleib muß furchtbar stark tätig sein. Das bedingt, daß namentlich auch das Vordergehirn möglichst stark tätig ist. Man braucht sich deshalb nicht zu verwundern, daß manche Mütter in den ersten Zeiten der Schwangerschaft geradezu ein bißchen verrückt werden. Sie werden zuweilen ein bißchen verrückt, weil eben der Unterleib und das Vordergehirn, das gerade denkt, innig zusammenhängen — wie es überhaupt sehr merkwürdig ist, wenn man die Zusammenhänge sucht zwischen dem Unterleib und demjenigen, was die Menschheit geistig leistet; dann kommt man zu interessanten Resultaten. Es ist etwas Kurioses, Komisches, daß gerade die Geisteswissenschaft auf diese Dinge aufmerksam machen muß, während die materialistische Wissenschaft da eben ganz versagt.

Es wäre zum Beispiel einmal außerordentlich interessant, folgendes zu machen. Sehen Sie, in England hat es eine ganze Reihe von Philosophen gegeben, Hobbes, Bacon, Locke, Hume. Diese Philosophen, bis herauf zu John Stuart Mill, haben eigentlich den Anlaß gegeben, daß der Materialismus so sehr grassiert, so ganz groß geworden ist. Diese Philosophen haben alle solche schweren Gedanken gehabt. Sie konnten nicht mit ihren Gedanken in das Geistige eindringen. Sie hafteten mit ihren Gedanken am Stoffe. Nun würde ich es außerordentlich interessant finden, wenn man einmal untersuchen würde, was alle diese Philosophen, diese ganze Reihe von Philosophen, für eine Verdauung gehabt haben. Ich bin nämlich überzeugt davon, die litten allean Verstopfung! Und diese ganze Philosophie, von Hobbes, vom 17. Jahrhundert an bis ins 19. Jahrhundert hinein, die uns den Materialismus gebracht hat, die kommt eigentlich von der Verstopfung einzelner Philosophen! Und man hätte diesen Materialismus verhüten können - ich sage nicht, daß das Ernst ist, was ich jetzt sage, ich will nur einen Spaß machen -, aber man hätte ihn verhindern können, wenn man Hobbes, Bacon, Locke und anderen in der Jugend möglichst viel Abführmittel eingeführt hätte. Dann wäre dieser ganze Materialismus wahrscheinlich gar nicht gekommen!

Ja, sehen Sie, es ist merkwürdig, daß gerade in der Geisteswissenschaft auf solches hingewiesen werden muß, was die Leute sehr häufig materialistisch nennen. Aber das rührt ja davon her, daß eben gerade, wenn man den Menschen nun betrachtet, sich da, wo die anderen nur Materie sehen, eben der Geist enthüllt. In der Anthroposophie steht man eben gar nicht auf dem Boden, daß im Unterleib nur eine chemische Fabrik ist, sondern ich habe Ihnen einmal gesagt, daß die Leber ein wunderbares Organ ist, die Niere und so weiter ebenfalls ein wunderbares Organ ist. Nur dadurch begreift man die Organe, daß man überall den Geist findet. Hört man einmal auf, irgendwo den Geist zu finden, ist einem einmal die Verdauung zu materialistisch, um sie recht zu studieren auf geistige Art, so wird man gerade dadurch Materialist. Der Materialismus ist nämlich nur durch einen geistigen Hochmut gekommen. Es ist merkwürdig, sehen Sie, ich habe Ihnen das schon einmal gesagt: Wenn die alten Juden im Alten Testament in der Nacht schlechte Gedanken gehabt haben, so haben sie diese schlechten Gedanken, ungesunden Gedanken nicht auf den Kopf geschoben, sondern auf die Nieren: Gott hat in dieser Nacht meine Nieren geplagt, haben sie gesagt, und sie haben mehr recht gehabt als die heutige Medikasterei. Und die alten Juden haben auch gesagt: Gott gibt sich dem Menschen nicht durch seinen Kopf kund, sondern Gott gibt sich dem Menschen gerade durch seine Nierentätigkeit kund, überhaupt durch seine Unterleibstätigkeit kund.

Von diesem Gesichtspunkte aus ist es außerordentlich interessant, meine Herren: Ich weiß nicht, ob Sie schon einen alten Juden beten gesehen haben. Wenn ein alter, frommer Jude betet, so nimmt er seine Gebetsrolle nicht etwa von einer Tasche, die auf dem Herzen ist, heraus, oder gar von irgend etwas, was er sich an den Kopf hängt, sondern der hat seine Gebetsrolle am Unterleib, und betet mit der Gebetsrolle am Unterleib. Heute natürlich wissen die Leute das nicht mehr, wie der Zusammenhang ist; aber diejenigen, die einstmals den alten Juden so etwas als Gebote gegeben haben, die wußten den Zusammenhang.

Natürlich macht das einen besonderen Eindruck, wenn man in östlichen Gegenden Europas - in westlichen Gegenden haben ja die Leute gar nicht so viel Gelegenheit, das zu beobachten — die alten Juden beten sieht. Wenn sie sich zum Gebet herrichten, nehmen sie zuerst aus ihrem Hosenschlitz die Gebetsrolle heraus, und die hängt dann an ihnen. Ja, dann beten sie.

Also dieses, was einstmals gewußt worden ist, allerdings auf Grundlage von allerlei traumhaften, alten hellseherischen Kräften, das ist der Menschheit verlorengegangen, und heute ist sie noch nicht so weit, wiederum in aller Materie das Geistige zu finden. Denn man kann ja nichts begreifen, wenn man bloß die Gedanken hereinbringt, wenn man bloß in das Laboratorium hineingeht und mechanisch die Experimente macht und so weiter. Da denkt man ja nichts dabei. Man muß so experimentieren, daß einem der Geist überall entgegenspringt. Dazu müssen schon die Experimente eingerichtet werden.

Und so kann man sagen: Es ist zwar etwas komisch, daß gerade die Geisteswissenschaft, die Anthroposophie, aufmerksam darauf machen muß, wie das Gehirn des Menschen, und zwar der sogenannte edelste Teil, zusammenhängt mit dem Unterleib; aber das ist eben so. Und man kommt erst durch eine wirkliche Wissenschaft auf die Dinge drauf. Wenn einer zum Beispiel im Herzen etwas nicht in Ordnung hat, so kann das von allem möglichen kommen; es kann natürlich schon dadurch kommen, daß er, sagen wir, irgend etwas von innerer Unregelmäßigkeit hat, aber meistens wird eine unregelmäßige Herztätigkeit gerade darauf zurückzuführen sein, daß der Mensch - ich habe das hier (siehe Zeichnung S. 177) gelb gemacht, da ist wieder gelb —, daß der Mensch etwas nicht in Ordnung hat im Mittelgehirn. Auf dem Mittelgehirn beruhen nämlich auch die Gefühle. Nun ist es interessant: Sehen Sie, geradeso wie der Unterleib zusammenhängt mit dem vorderen Gehirn, so hängt wiederum seelisch zusammen dieses vordere Gehirn mit dem Wollen, und das mittlere Gehirn hängt mit dem Fühlen zusammen. Und eigentlich erst der hinterste Teil des Gehirnes hängt mit dem Denken zusammen. Wenn wir auf das Gehirn hinschauen, (so sehen wir, daß der hinterste Teil des Gehirns zusammenhängt) mit dem Atmen und mit dem Denken — das Atmen hat sogar einen sehr starken Bezug zum Denken.

Nun aber stellen Sie sich einmal vor: Ein Mensch entwickelt sich in seiner Jugend dadurch, daß man nicht eine solche Pädagogik anwendet, wie wir sie anraten aus der Waldorfschulpädagogik, wo über diese Dinge viel gesprochen wird, sondern ein Mensch entwickelt sich in seiner Jugend so, daß er eine Art Bosnickel wird. Da ist sein Fühlen nicht in Ordnung, denn wenn man bei jeder Gelegenheit boshaft wird, so ist das Fühlen nicht in Ordnung. Was heißt das? Das heißt, die Seele wirkt nicht ordentlich im Mittelgehirn. Wenn die Seele nicht ordentlich genährt wird, dann wird das Herz in unregelmäßigen Rhythmus versetzt, und Sie können einfach einen unregelmäßigen Herzrhythmus, alle möglichen Herzkrankheiten dadurch hervorrufen, daß Sie zu einem Bosnickel sich entwickelt haben.

Natürlich, wenn die schwangere Frau, sagen wir, in den ersten Monaten der Schwangerschaft in den Wald geht und ihr das Unglück passiert, daß sie just in dieser Zeit einen Erhängten, einen, der an einem Baume sich erhängt hat und schon tot ist, findet - wenn er noch zappelt, ist es noch schlimmer -, wenn sie den dort trifft, so schrickt sie furchtbar zusammen. Das wird in ihr ein Bild, und wahrscheinlich, wenn nicht andere Maßregeln ergriffen werden können, die meistens durch das Leben, gar nicht einmal durch die Kunst ergriffen werden können, wird sie ein Kind gebären, das bleich ist, das ein spitziges Kinn hat, das seine Glieder dünn hat und sich nicht recht bewegen kann. Bei einer schwangeren Frau genügt ein einziger solcher Anblick. Im späteren Leben, wenn man schon achtzehn, neunzehn, zwanzig Jahre alt ist, da genügt natürlich nicht, daß man einmal ein Bosnickel ist, sondern da muß man es schon gewohnheitsmäßig sein, und dann muß es längere Zeit dauern. Aber bei der schwangeren Frau genügt eben der einzige Anblick.

Es kann das viel weiter gehen. Sehen Sie, es kann folgendes geschehen: Eine Mutter ist mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, und in der Nähe — man hat ihr es nicht gesagt — ist gerade ein Manöver: die Kanonen fangen furchtbar an zu donnern; sie schrickt in ihrem Hören zusammen. Das Hören hängt außerordentlich stark zusammen mit dem, was im Hinterkopf ist; es hängt auch mit der Atmung zusammen, und wenn die Mutter zum Beispiel durch ein Manöver erschreckt wird, wird das Kind gerade in seinem Atmungssystem irgend etwas nicht in Ordnung haben.

Sie können jetzt sagen: Was erzählt uns der? Der erzählt uns eigentlich Dinge, die uns sagen, da müßte man ja eigentlich im Leben auf alles einzelne achtgeben! Ja, aber meine Herren, wenn eine gesunde Erziehung schon da ist, und überhaupt gesunde Lebensverhältnisse da sind, dann braucht man über viele Dinge nicht erst nachzudenken, sondern das entwickelt sich gewohnheitsmäßig, so wie sich andere Dinge auch gewohnheitsmäßig entwickeln. Ich glaube nicht, daß viele Männer furchtbar stark nachdenken, wenn sie in der zweiten Woche [des Monats] ihre Frau prügeln; sie tun es gewohnheitsmäßig. Es gibt ja solche. Warum prügeln sie sie? Weil ihnen da das Geld ausgegangen ist; sie können sich nicht mehr im Wirtshaus unterhalten; da unterhalten sie sich zu Hause und prügeln ihre Frau! Das sind solche Gewohnheiten, die sich herausbilden. Ja, meine Herren, hätten wir einmal eine ganz gesunde Volkserziehung, so gäbe es auch andere Gewohnheiten. Es könnte zum Beispiel die Gewohnheit geben, daß derjenige, der weiß, morgen ist ein Manöver, da wird es in der Gegend furchtbar böllern, daß er da eine schwangere Frau darauf aufmerksam macht, ganz gewohnheitsmäßig. So etwas kann Gewohnheit sein. Durch gesunde Erziehung und gesunde volksmäßige Verhältnisse könnten sich eben allerlei Gewohnheiten herausbilden, über die man dann gar nicht mehr nachzudenken braucht, sondern die man eben gewohnheitsmäßig befolgt. Das ist es ja, worauf hingearbeitet werden muß: den Menschen andere Gewohnheiten zu geben. Das kann eben eigentlich in der Grundlage nur durch eine ordentliche Erziehung gemacht werden.

Sehen Sie, so kann man sagen: Gerade die Geisteswissenschaft wird das Materielle wiederum in der richtigen Weise erklären können. Der Materialismus, der guckt ja das Materielle nur an, der weiß eben nicht, was in dem Materiellen alles drinnen lebt. Der guckt das Fieber an, weiß aber nicht, daß das Fieber auf Gehirnarbeit beruht, die sich ungeheuer ausdehnt. Der Materialismus ist ungeheuer erstaunt über den Kollaps, weiß aber doch nicht richtig, daß dieser Kollaps von dem Kaltwerden kommt, weil keine ordentliche Verbrennung mehr besorgt wird. Und so können wir sagen: Mit der Art und Weise, wie gerade der Kopf angeregt wird bei schwangeren Frauen, hängt es ungeheuer stark zusammen, wie das Kind ausgebildet wird.

Und wenn man an diese Dinge richtig denken würde - ich sage Ihnen jetzt etwas, was Sie vielleicht überraschen wird, was aber trotzdem angestrebt werden muß -, so würde auch etwas anderes entstehen, als heute entsteht. Sehen Sie, wenn heute eine schwangere Frau gerade fragen würde, was man ihr zu lesen geben will es gibt ja nichts! Man kann auch eigentlich schon zu gar nichts raten! Neulich bin ich in Basel in eine Buchhandlung gekommen, da fand ich das neueste Programm dessen, was gedruckt wird: ein Negerroman, wie überhaupt jetzt die Neger allmählich in die Zivilisation von Europa hereinkommen! Es werden überall Negertänze aufgeführt, Negertänze gehüpft. Aber wir haben ja sogar schon diesen Negerroman. Er ist urlangweilig, greulich langweilig, aber die Leute verschlingen ihn. Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen, und wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können - wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt zu werden, daß Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben werden, die mulattenähnlich aussehen werden!

So daß man sagen kann: Man beachtet eben heute gar nicht dasjenige, was in der geistigen Kultur enthalten ist. Es ist eben so, daß eine gesunde Erziehung auch allmählich in alles hineingehen wird, was wir lesen oder was wir uns erzählen lassen. Und da werden zum Beispiel einmal vielleicht, wenn man das beachtet, was Anthroposophie sagt, Romane entstehen für Schwangere. Wenn die Schwangeren diese lesen werden, werden sie schöne Menschen wieder vor sich haben, und die schönen Menschen werden aber auch geboren werden zu starken und schönen Menschen. Denn während der Schwangerschaft ist das Weib zugleich durch das, was sie im Kopfe tut, die Veranlassung zu der Tätigkeit, die in ihrem Unterleib vor sich geht. Sie macht die Formen des Kindes aus dem, was sie sich vorstellt, was sie empfindet, was sie will.

Und da, meine Herren, wird Geisteswissenschaft überhaupt handgreiflich. Da wird es so, daß man nicht mehr sagen kann: das Geistige hat keinen Einfluß auf den Menschen. Denn er steht sein ganzes Leben, wenn nicht später eine Erziehung das reguliert, unter dem Einfluß eigentlich desjenigen, was seine Mutter getrieben hat namentlich in den ersten Monaten der Schwangerschaft. In der späteren Zeit ist es nicht mehr so von besonderer Wichtigkeit, weil da der Mensch schon gebildet ist, in bestimmte Formen gebracht ist. Aber die ersten Monate sind ganz besonders wichtig und bedeutungsvoll. Gerade wenn man auf den physischen Ursprung des Menschen im Mutterleibe sieht, offenbart sich einem dasjenige, was einen am allermeisten zur Geisteswissenschaft hindrängt.

Ja, meine Herren, wenn einer nun wirklich vernünftig denkt, dann sagt er sich eben: Im Unterleibe muß in der richtigen Weise zusammenkommen die von oben strömende Wärme und die von unten strömende Kälte. Die müssen sich im Unterleib des Menschen immer in der richtigen Weise treffen. Das ist überhaupt etwas, worauf gesehen werden muß, daß sich dasjenige, was von oben kommt, in der richtigen Weise trifft mit dem, was von unten kommt.

Und wenn wir uns klar sind darüber, daß der Mensch von dem, was die Mutter einfach geistig-seelisch erlebt, in dieser starken Weise beeinflußt wird, daß er einen großen oder einen kleinen Kopf haben kann, daß sein Herz ruiniert werden kann, seine Atmung ruiniert werden kann, dann sehen wir: So wie der Mensch vor uns steht, ist er eigentlich ganz vom Geistig-Seelischen beeinflußt.

Aber, sehen Sie, das kommt nämlich auch vor: Wenn zum Beispiel die Mutter noch nie einen Menschen mit einer auffallend schiefen Nase gesehen hat und sie begegnet einem solchen gerade in den ersten Monaten der Schwangerschaft, so wird in den meisten Fällen, wenn nicht eine Regulierung eintritt, das Kind eine schiefe Nase bekommen. Und Sie werden sogar sehen können, daß in den meisten Fällen, wenn die Mutter überrascht wird durch einen, der die Nase schief nach rechts hat, so wird das Kind mit der Nase schief nach links geboren. Geradeso wie beim Menschen die rechte Hand mit dem linken Sprachzentrum zusammenhängt, wie sich im Menschen alles umdreht, so dreht sich auch da die Sache um. Wir können verfolgen: Wenn einer eine schiefe Nase hat, so hat er ganz sicher seine schiefe Nase davon, daß die Mutter einmal durch einen Menschen irgendwie erschreckt worden ist, der nach der andern Seite eine schiefe Nase hatte! Sehen Sie, so trägt der Mensch noch viele andere Merkmale an sich. Die materialistische Wissenschaft redet immer bei allem, von dem sie nicht weiß, woher es kommt, vom Vererben. Hat einer eine schiefe Nase - nun, er hat es halt geerbt; hat einer eine rote Gesichtsfarbe — er hat es halt geerbt; aber so liegen die Dinge eben nicht. Es kommt eben von solchen Dingen, wie ich sie Ihnen erzählt habe. Der Begriff der Vererbung ist einer der allerunklarsten, den die moderne Wissenschaft hat.

Wenn Sie nun hinschauen auf den Menschen, und Sie sehen eine schiefe Nase, Sie sehen Muttermale, da braucht die Mutter nicht gerade ein Muttermal gesehen zu haben, sondern sie kann irgend etwas anderes gesehen haben, wodurch sie das Blut des Kindes in eine falsche Richtung gebracht hat. Wenn Sie das sehen, so sind es immer Abweichungen von der normalen Menschengestalt. Aber es gibt ja auch eine normale Menschengestalt.

Man kann nicht einfach sagen: Die Abweichungen von der normalen Menschengestalt kommen nicht vom Körperlichen, sondern von geistigen Erlebnissen; der ganze Mensch aber kommt bloß aus dem Bauch der Mutter, von dem, was da drinnen materiell ist. Wenn man schon die Abweichungen geistig erklären muß, so muß man doch den ganzen Menschen erst recht geistig erklären! Aber die Mutter kann natürlich ebensowenig wie der Vater den Menschen geistig hervorbringen. Da müßte ja die ganze Menschenkunst da sein, und die gibt es überhaupt nicht, weil sie unendlich ist. Also führt uns das dazu, daß der Mensch vor seiner Geburt als geistiges Wesen schon da ist, und sich mit demjenigen, was ihm körperlich gegeben wird, als Seele vereint. Und bloß noch für die abnormen Merkmale bleibt übrig, daß der Embryo geistig beeinflußt werden kann. Aber seine normalen Merkmale: daß ich überhaupt die Nase mitten im Gesicht habe, daß ich zwei Augen habe — das ist ja alles viel mehr! Wenn ich bloß mit einer schiefen Nase geboren werde, so ist das ein abnormes Merkmal. Aber denken Sie, die Nase ist mitten im Gesicht, hat die wunderbare normale Gestalt, die ich Ihnen neulich aufgezeichnet habe, das Auge ist eine wunderbare Sache — das wächst nicht aus dem Mutterleibe heraus; das ist etwas, was überhaupt schon da ist im Seelischen, bevor der Mensch im Mutterleibe entsteht.

Und da kommt man gerade, wenn man richtig Naturwissenschaft versteht, zu dem, was menschliches Leben vor der Befruchtung in der geistigen Welt ist. Da sagen natürlich die heutigen Materialisten: Ja, das ist eine Phantasie. Warum sagen sie das? Ja, meine Herren, alle die alten Leute, die in uralten Menschheitszeiten noch gewisse traumhafte Erkenntnisse hatten, die wir nicht mehr haben können, die wußten, daß der Mensch da ist, bevor er auf der Erde ist. Aber das ganze Mittelalter hindurch war verboten, durch ein Verbot von der Kirche, an die sogenannte Präexistenz, das heißt an das vorirdische Sein zu denken. Das hat die Kirche verboten. Und wenn heute der materialistische Agitator am Rednerpult steht, so ist bei dem das Rednerpult nur die Fortsetzung der mittelalterlichen Kanzel, denn er redet nur dasjenige - wenn er auch nicht mehr im Kanzelpredigerton, sondern im Agitatorenton redet —, er redet nur dasjenige, was die mittelalterlichen Kanzelreden schon brachten. Der Materialismus hat auch nur die mittelalterlichen Kanzelreden übernommen. Und die heutigen Materialisten, die eigentlich nichts wissen, sondern nur das nachsagen, was schon im Mittelalter gelehrt worden ist durch Kirchengebote, die sind im Grunde genommen nicht diejenigen, die auf irgendeiner Wissenschaft aufbauen, sondern die gerade auf demjenigen aufbauen, was die Kirche lehrt. Der Materialismus kommt im Grunde genommen von der Kirche im Mittelalter. Da durfte nämlich keine Seele vor ihrem irdischen Dasein existent sein, weil man den Menschen lehren wollte, irgendein beliebiger Gott schöpfe halt die Seele, wenn eine Befruchtung eintritt. Inzwischen haben die Menschen die Laune gehabt, eine Befruchtung eintreten zu lassen - man weiß ja, daß das in sehr vielen Fällen eine Laune sein kann — und der Herrgott muß flugs hergehen und eine Seele dazu erschaffen! — Das ist schon das, was eigentlich im Grunde genommen Gebot war, daß man das richtig glaubte.

Ja, meine Herren, eine vernünftige Anschauung ist das aber nicht, wenn man den Herrgott bloß zum Diener macht der Laune der Menschen, daß der schnell eine Seele schaffen muß, wenn man hier auf der Erde die Laune einer Befruchtung gehabt hat! Wenn man über die Dinge nachdenkt, so findet man erst heraus, was eigentlich in der materialistischen Anschauung liegt, welch ein Untergraben der ganzen Würde des Menschen. Dagegen führt uns eine wirkliche, eine wahre Erkenntnis des Menschen dazu, daß wir sagen: Die Seele ist eben durchaus schon da, hat immer gelebt, und steigt eben einfach herunter zu dem, was ihr geboten wird durch den Menschenkeim und seine Befruchtung.

Auf diese Weise muß man sagen: Anthroposophie ist nicht deshalb zum Geist wiederum gekommen, weil sie das aus irgendeiner Phantasterei heraus gewollt hat, sondern einfach aus dem Grunde, weil sie muß, weil sie ernst nimmt die wissenschaftlichen Erkenntnisse, während die andern sie gar nicht ernst nehmen. Auf der einen Seite lernen sie Naturwissenschaft — die gerade zum Geist führen würde -, aber auf der anderen Seite sind sie zu faul, aus der Naturwissenschaft heraus selber zum Geist zu kommen, weil man da ein bißchen seine Grütze anstrengen muß im Kopf. Sie lassen sich von den alten Lehrern den Geist wegnehmen, und können daneben noch fromm sein! Aber sie sind dann eben unehrlich. Das ist zweierlei Rechnung geführt. Derjenige, der einerlei Rechnung führt, muß von der Natur zum Geist aufsteigen. Dazu führen uns gerade richtig solche Dinge, wie wir sie heute zum Beispiel betrachtet haben.

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