Wie ist die Gegnerschaft gegen Anthroposophie oft geartet?
Die Gegner der anthroposophischen Anschauung behaupten, daß diese dem Menschen die Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen raube. Man stützt diese Behauptung darauf, daß Anthroposophie nach Erkenntnismitteln für die geistige Welt sucht. Daß sie die Brücke schlagen will zwischen Glauben und Wissen. Aber, so meint man, die Stellung des Menschen zum Geistigen dürfe nicht in den Bereich des Wissens «herabgezogen » werden. Das Wesen des Glaubens müsse darauf beruhen, daß der Mensch sich zu seinem Inhalte aus freier Hingabe, durch kindliches Vertrauen bekenne, während die wissenschaftliche Erkenntnis ein solches Vertrauen nicht fordere, sondern sich mit der Anerkennung dessen begnüge, was vor den Sinnen ausgebreitet und durch den allgemein gültigen Verstand einzusehen ist. Die Gegenstände des Wissens könnten durch ihr eigenes Wesen den Menschen nicht über sich selbst erheben. Wenn die Anthroposophie das Übersinnliche erforschen wolle, so fördere sie nicht das religiöse Empfinden, sondern untergrabe es.
Man kann nicht leugnen, daß in diesen Behauptungen heute für viele religiös gestimmte Menschen eine große Schlagkraft liegt. - Und dennoch sind sie nur herbeigeführt durch die Seelenverfassung der materialistisch gerichteten Anschauung. Diese hat durch die Selbstbewußtheit, mit der sie aufzutreten weiß, die Denkgewohnheit großgezogen, die wie selbstverständlich behauptet, daß nur sie von sicheren Voraussetzungen ausgeehe und in logisch beweisender Art zu ihren Ergebnissen komme. Religiöse Naturen fügen sich, ohne dieses Auftreten näher zu prüfen, der mit großer Sicherheit an sie herankommenden Behauptung. Sie werden für ihr religiöses Empfinden ängstlich; und aus dieser Angst heraus möchten sie das Übersinnliche möglichst weit von dem Erforschlichen abrücken. Sie fühlen, daß die materialistische Anschauung zuletzt doch den Blick für das Geistige trübt; und weil doch nur sie wissenschaftlich sein könne, müsse man seine Zuflucht zu etwas nehmen, das der Mensch anerkenne, obgleich er ihm gegenüber auf jede wissenschaftliche Einsicht verzichten müsse.
Man sagt dem, der solche Gedanken vorbringt heute, er rede in einer veralteten Art. Echte Wissenschaftlichkeit habe doch den materialistischen Standpunkt in vielen ihrer anerkannten Vertreter verlassen. Und man dürfe diesen deshalb der fortgeschrittenen Wissenschaft nicht mehr zuschreiben. Aber dieser Einwand beruht aufeiner Illusion. Diejenigen, die ihn machen, beachten nicht, daß zwar Viele so weit gekommen sind einzusehen, daß das Sinnliche und Verstandesmäßige überall über sich selbst hinaus zu einem Übersinnlichen weist; aber sie lassen doch nur eine Forschungsart gelten, die durch den Materialismus großgezogen ist; sie möchten über das Materielle hinausdenken; aber sie lassen Gedanken nicht gelten, die sich wirklich vom Materiellen losmachen. Der religiös Gesinnte kann sich nicht zufrieden geben mit dem, was sie vorbringen. Deshalb nimmt er lieber noch die ältere Meinung an, daß Wissenschaft notwendig materialistisch sein müsse; die Wahrheit über den Geist könne deshalb nur einem nicht wissenschaftlichen Glauben zugänglich sein.
Eine unbefangene geschichtliche Besinnung über die Entstehung der Glaubensbekenntnisse muß diese Meinung erschüttern. Denn sie zeigt, daß alle Glaubensinhalte von etwas ausgegangen sind, das die Menschheit einmal als Wissen anerkannt hat. Die Wissenschaft ist fortgeschritten; und diejenigen, welche mit dem Fortschritt nicht mitgekommen sind, haben eine ältere Wissensschichte als ihr Bekenntnis behalten. Dieses ist dadurch zum Glauben geworden. Jedes Glaubensbekenntnis galt einmal als Wissenschaft.
Nun hat abet jede ältere Wissenschaft einen Ideengehalt von dem Übersinnlichen gehabt. Die ältere, später zu Glaubensbekenntnissen gewordenen Wissensinhalte standen keiner «modernen» bloß auf das Sinnlich-Materielle gerichteten «wahren» Wissenschaft gegenüber. Dieser Zustand ist erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten in der Menschheitsentwickelung heraufgezogen. Er hat im neunzehnten Jahrhundert seinen Höhepunkt erlangt. Die Wissenschaft hat das Geistige ganz aus ihrem Bereich verbannt.
Die Menschheit müßte zu diesem Entwickelungspunkte kommen. Nur an dem Zwang, dem sich die Menschenseele unterwerfen muß, indem sie dem streng notwendigen Gange der Naturtatsachen mit ihrem Denken folgt, konnte sie die logische Disziplin entwickeln, die ihr im Laufe des Fortschrittes eingepflanzt werden mußte. An diesem Entwickelungspunkte entstand die Naturwissenschaft, die von dem Geistigen nichts weiß. Sie hat durchaus in der Geschichte der Menschheitsentwickelung ihre Berechtigung.
Was man heute als Glaubensinhalte gelten läßt, sind ältere Wissensschichten mit geistigem Gehalte. Sie stehen nun der «modernen» Wissenschaft gegenüber. Will man sie gelten lassen, so muß man ihnen einen Wahrheitsgrund geben, der mit der Wissenschaft, die man als solche anerkennt, nichts zu tun hat.
Dem gegenüber steht nun die Anthroposophie. Sie ist voll Verständnis für den Grundcharakter der echten Naturwissenschaft. Nur will sie zeigen, daß deren Abwendung vom Geistigen einer bloß zeitlichen Notwendigkeit entsprungen ist. Sie geht von der strengen Forschungsart der modernen Wissenschaft aus, bleibt aber bei der Form nicht stehen, die sich in der neueren Zeit herausgebildet hat, sondern legt dar, daß der Mensch andere Erkenntniskräfte ebenso bewußt entwickeln kann wie die sinnliche Beobachtung und den an diese gebundenen Verstand und kommt so zu einer Wissenschaft des Geistigen, die aus derselben Denkgesinnung stammt wie die Naturwissenschaft.
Anthroposophie erkennt, wie das Vorurteil, das Wissen hemme des Menschen vertrauensvolle Hingabe an das Geistige, zu überwinden ist. Sie fordert, daß der Mensch, bevor er an die Erforschung des Geistigen herantritt, durch die Entwickelung der übersinnlichen Erkenntniskräfte über sich hinauskomme. Gelangt er auf solche Art as das Geistige, so ist die religiöse Stimmung mit der Erkenntnis verbunden. Wäre Wissenschaft an sich geeignet, diese Stimmung zu hemmen, so hätten alle Glaubensbekenntnisse dies zur Folge haben müssen. Denn sie waren alle einmal «Wissenschaft».
Damit ist auf einen der Punkte hingewiesen, in denen sich die Gegnerschaften gegen die Anthroposophie entfachen. Er ist besonders geeignet zu zeigen, wie diese Gegnerschaften aus einer mangelhaften Würdigung der Tatsachen, auf ungeprüfter Hinnahme dessen sich ergeben, was in eingewurzelten Denkgewohnheiten liegt. Anthroposophie möchte nicht ungeprüft hingenommen sein; aber derjenige, der sie mit vollem Bewußtsein in seine Überzeugung aufnimmt, der weiß, daß sie nichts von einer genauen Prüfung zu fürchten hat. Die Gegner meinen, sie könnte nur auf Autoritätsglauben gestützt sein. Sie ahnen oft nicht,wie ihre Ablehnung lediglich auf einem solchen Autoritätsglauben ruht.