Erziehungstagung

Nachrichtenblatt, 2. Jg., Nr. 11

in der Freien Waldorfschule in Stuttgart vom 2.-6. April 1925

Anthroposophische Menschenkunde als Grundlage der

Erziehung in Darstellungen aus der Arbeit der Freien Waldorfschule

Der Ruf nach Reform des Erziehungswesens tönt aus allen Lagern. Aber die Not des Erziehers ist auch durch die besten Programme heute nicht geringer geworden. Was wir brauchen, ist die Auferstehung der Pädagogik in unmittelbarer künstlerischer Praxis und lebendiger Technik. Sie kann nur aus einem wirklichen Durchschauen der menschlichen Gesamtwesenheit und ihrer Lebensbedingungen gefunden werden. Sie fällt daher in ihrem Wesen zusammen mit der bewusst-tätigen Beantwortung der Frage: Was ist der Mensch? Denn nie kann es heute mehr eine unseren Lebensbedingungen gemäße, bewusste Pädagogik geben, wo man auf diese Grundfrage der Erziehung keine Antwort geben kann.

Anthroposophie will die mit den menschlichen Seelenfragen heute selber fortschreitende Beantwortung dieser Schicksalsfrage auch der Pädagogik sein. Denn ihr ganzes Wesen ist die umfassende Ergründung der Menschenwesenheit im einzelnen Individuum mit seinen vollen Lebenszusammenhängen. Sie ist die Menschenkunde, die unmittelbar künstlerisch-pädagogische Phantasie und Technik werden will. Daher ist eine solche Menschenkunde auch kein Programm, wohl aber seit nun sechs Jahren stiller Erziehungsarbeit die lebendige starke Wurzel des gesamten Lebens in der Waldorfschule. Wir laden auch in diesem Jahre wieder alle Suchenden auf dem Gebiete des Erziehungswesens zu einer Östertagung nach Stuttgart, um auf dem Boden der Freien Waldorfschule mit uns an der Auferstehung der Pädagogik zu arbeiten.

Der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Die Lehrerschaft der Freien Waldorfschule.

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