In Sachen der zu gründenden Sektion der «Theosophischen Gesellschaft».
An den Zweig:
Verehrtester Herr!
Durch die Stiftungsurkunde vom 22. Juli 1902 hat Präsident H.S. Olcott die Begründung einer deutschen Sektion der «Theosophischen Gesellschaft» bewilligt. Auch beauftragt er mich durch ein besonderes Schreiben (vom 22. Juli), die Initiative zur Begründung dieser Sektion zu ergreifen.
Es ist begreiflich, dass ich selbst, in diesem Augenblicke der Gründung, einige Worte an die Brüder in den Zweigen zu richten, mich gedrängt fühle. Es wird dies umso erklärlicher erscheinen, als ich allen Grund habe, davon zu sprechen, wie sehr ich mir bewusst bin, dass mir durch die Inaussichtnahme für den Posten des Generalsekretärs ein ganz besonderes Vertrauen entgegengebracht worden ist. Auch der großen Verantwortung bin ich mir bewusst, die mir dies Amt auferlegt.
Ich musste ernstlich mit mir zu Rate gehen, als mir der Antrag gestellt wurde, das Amt zu übernehmen. Vor allen Dingen musste ich mich fragen, ob ich, angesichts meiner doch kurzen Zugehörigkeit zur «Theosophischen Gesellschaft», ein solches Amt annehmen dürfe.
Von den Theosophen, zu denen ich spreche, können meine Gründe nicht missverstanden werden. Der Zeitpunkt, in dem ich den Beitritt zur «Theosophischen Gesellschaft» vollzog, war für mich der Endpunkt einer langjährigen inneren Entwicklung. Ich trat nicht früher bei, als da ich wusste, dass die geistigen Kräfte, denen ich dienen muss, in der «Theosophischen Gesellschaft» vorhanden sind. Und von dem Zeitpunkte an war für mich volle Klarheit darüber vorhanden, dass ich der «Theosophischen Gesellschaft» angehören soll. Ich brauchte nunmehr gar nicht noch zu sagen, dass, im Falle mich die Angehörigen der deutschen Zweige der «Theosophischen Gesellschaft» für würdig erachten, ich dem Rufe nicht nur Folge leisten darf, sondern muss. Den Theosophen sage ich, dass meine Persönlichkeit für meinen Entschluss in dieser Richtung ebenso wenig maßgebend ist, wie sie es je in Hinkunft bei der Führung meines Amtes wird sein können. Ich will «dienen» in dem Sinne, den einer unserer besten deutschen Theosophen in einer demnächst erscheinenden Schrift zum Ausdruck bringen wird.
Für diejenigen, die erst in der letzten Zeit, sich der «Theosophischen Gesellschaft» angeschlossen haben, insbesondere für diejenigen, die in sich selbst noch zweifelhaft sind, ob es das Richtige ist, sich unserer Gesellschaft anzuschließen, die H. $. Olcott im Verein mit H. P Blavatsky begründet, und an deren Spitze Ersterer noch immer steht; oder ob es nicht besser sei, oder ebenso gut, sich einer anderen sog. «theosophischen Gesellschaft» anzuschließen; für sie bemerke ich Folgendes. Den Beweis, dass wir als deutsche Sektion der «theosophischen Gesellschaft» das erreichen werden, was jeder wahre Theosoph - mehr oder weniger bewusst - erreichen will, können wir nur durch unser zukünftiges Wirken erbringen. Insoferne ist der Anschluss an uns gegenwärtig für viele gewiss eine Vertrauenssache. Ich selbst weiß, dass in der «Theosophischen Gesellschaft» Kräfte vorhanden sind, das Angestrebte zu erreichen. Ich weiß es seit meinem Eintritt, und meine Anwesenheit bei der letzten Jahresversammlung (Juli 1902) in London, da ich den führenden Persönlichkeiten nahetreten durfte, war für mich eine neue Bekräftigung.
Ob wir innerhalb der deutsch sprechenden Bevölkerung das erreichen werden, wozu wir berufen sind, das wird von dem Vertrauen abhängen, das uns entgegengebracht werden wird, und nicht weniger davon, wie unser Wirken aufgenommen wird. Wir selbst werden niemand anderem dienen als den geistigen Mächten, die uns leiten. Was wir zu geben haben bei unserem «Dienen», kann nicht der Tag, sondern nur die Zeit enthüllen.
Nur noch das eine Wort. Wenn die deutsche Sektion der «Theosophischen Gesellschaft» das vollbringen soll, was ihr im Hinblicke auf die gegenwärtigen Geistesverhältnisse und auf die «Zeichen der Zeit» in Deutsch sprechenden Gegenden auferlegt ist, dann braucht sie eine theosophische Monatsschrift. Es wird meine Aufgabe sein, eine solche zu begründen. Ich kann hier nur die Versicherung abgeben, dass ich die Notwendigkeit einer solchen Zeitschrift sehe, und Sie alle bitten, diese Zeitschrift als Organ der deutschen Sektion der «Theosophischen Gesellschaft» anzunehmen.
In vorzüglicher Hochachtung und mit brüderlichem Gruß
Dr. Rudolf Steiner
Friedenau-Berlin, Kaiserallee 95