Ein Stück aus meiner englischen Reise

Bericht in: Das Goetheanum, Jg. 3, Nr. 5

Rudolf Steiner

Margaret Mc Millan und ihr Werk

Als ich am 4. August in England zur Abhaltung der beiden Vortragsreihen, die in Ilkley und Penmaenmawer stattfanden, ankam, erwartete mich das Buch «Education through the Imagination» von Margaret Mc Millan, das mir als Geschenk zugedacht war. Sogleich nachdem ich die ersten Seiten durchflogen hatte, empfand ich, wie gut dies Buch in die Stimmung sich hineinwob, aus der heraus ich meine erste Vortragsreihe zu halten hatte. Dieselbe sollte die Erziehungs- und Unterrichtskunst schildern, die in der der Stuttgarter Waldorfschule ihre Verwirklichung findet. Es war mir nun eine innige Freude, dies Buch zu lesen. Es geht, um fruchtbare Erzieherkräfte zu finden, von den an der Oberfläche des kindlichen Menschenwesens sich offenbarenden Lebensäußerungen auf die tiefere Seelenkraft der Imagination zurück, die diese alle zusammenhält und sie von innen aus beleuchtet und durchkraftet. Es entwickelt ein Bewusstsein davon, wie die kindlichen Gedanken Schattenbilder sind dieser Seelenkraft und von ihr das eigentliche Leben empfangen. Es verfolgt, wie die Imagination gestaltend in die kindliche Gefühlswelt einströmt, wie sie in der Willensbetätigung lebt.

Mit «Imagination» ist da natürlich nicht die Seelenkraft gemeint, die in dieser Wochenschrift öfters als diejenige beschrieben worden ist, durch die man die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis erlangt, aber doch deren instinktiver Abglanz, der in jedem Menschengemüte wirkt, und der besonders im Kinde der Träger des seelischen Lebens ist. «Der Mensch der Straße» hält nicht viel «von diesem wundervollen Ding. Denn für ihn ist das «Imaginative nahezu etwas rein «Visionäres und jemand, der imaginiert, ist ein Mensch, der Dinge sieht, die völlig unwirklich sind.» «Bei dem im praktischen Leben stehenden Menschen wird die Imagination als eine Art Schwäche angesehen.» Mc Millan ist anderer Meinung. Sie sucht einen Weg von den offenbaren Seelenkräften zu den mehr verborgenen; und sie kommt auf diesem Wege dazu, zu sagen, dass die wundervolle Kraft der Imagination nicht nur in den schöpferischen Geistern der Wissenschaften und Künste vorhanden ist, sondern, dass sie als die eigentlich treibende Kraft auch in allem wirkt, was der Mensch für das alltägliche Leben tut. «Es wäre ebenso begründet, zu sagen, dass das Licht nur auf den Berggipfeln scheine, wie zu sagen, dass die schöpferische Kraft nur in den Seelen der Künstler und Wissenschaftsträger sei. Sie strömt und flammt ... Das Gehirn eines jeden Erwachsenen und eines jeden Kindes ist in seiner Art eine Welt, in der Grade der schöpferischen Kraft sich offenbaren.» Sobald der Mensch über die bloße Routine hinauswächst, stellt sich die imaginative Schöpferkraft ein, die ihn als denkendes und tätiges Wesen durch das Leben trägt.

In dem Kinde, dessen Betätigung noch nicht in die Routine eingelaufen ist, offenbart sich die Imagination als die wahrhaft treibende Seelenkraft. An sie muss sich der Erziehende und Unterrichtende wenden.

Mit einem wirklichen Erziehergenie sucht Mc Millan die Eigenheiten des kindlichen Gemütes zu durchschauen. Das Buch ist eine Schatzkammer der kostbarsten Beobachtungen der kindlichen Seele und von Erzieher-Anweisungen, die aus diesen Beobachtungen geholt werden. Ein Kapitel wie «The child as artisan» kann man nur mit tiefster Befriedigung lesen.

Ich empfand, nachdem ich das Buch durchgelesen, wie gut man von der Verfasserin verstanden werden könne, wenn man sagt: Wer so in das Erziehen und Unterrichten einzudringen in der Lage ist, der müsse von diesen Ausgangspunkten aus auch auf dem Wege mitgehen können, über den ich in meiner Vortragsreise in Ilkley zu sprechen hatte.

Daher fühlte ich es als Glück, dass diese Vortragsreihe von Margaret Mc Millan als Vorsitzende mit ihrer Eröffnungsrede eingeleitet wurde. Sie hielt diese Rede mit allem schönen Enthusiasmus, der aus ihr so intensiv spricht, und verwob diesen Enthusiasmus mit dem andern, den sie hat für die Erziehung der «Ärmsten der Armen». Diese Frau reden zu hören über die Seite der sozialen Frage, die in der Erziehung der «Kinder der Armen» liegt, ist ein großes Erlebnis.

Ein noch größeres, das Wort durch sie in Tat umgesetzt zu schen. Heute durfte ich einer Einladung Mc Millans in ihre Pflege- und Erziehungsanstalt in Deptford bei London folgen. Dreihundert Kinder aus den allerärmsten Bevölkerungsklassen im Alter von zwei bis zu zwölf Jahren hat da Mc Millan in eine wunderbare Pflege genommen. Eine selten hingebungsvolle, sicher zugreifende, umsichtige Schar von Erziehern wirkt um Mc Millan herum. Die Kinder werden in diese Anstalt in völlig verwahrlostem Zustand gebracht, buchstäblich aus dem Schmutze gezogen. Rachitisch, tuberkulös, mit noch viel Schlimmerem behaftet, seelisch stumpf, geistig schlafend empfängt diese Anstalt die zu Erziehenden. Und man sieht, nachdem die Pflege gewirkt, geistig regsame, seelisch glückliche, gesundende, sittsame junge Menschenwesen in den einzelnen Klassen.

Es ist ebenso befriedigend, diese Kinder spielen wie lernen wie essen und nach dem Essen ruhen zu sehen.

In einem der Klassenräume wurde eine Anzahl der älteren Kinder versammelt. Hier entwickelte sich praktisch, was in dem beschriebenen Buche über das «Kind als Künstler» steht. Reizvoll spielten diese Kinder Szenen aus Shakespeares «Sommernachtstraum». Ganz Seele, ganz dramatischer Ausdruck waren diese kleinen Darsteller. Dieser künstlerische Unterricht wird von Mc Millan selbst besorgt.

Einfach, barackenartig mit ganz dünnen Holzwänden sind die Klassenräume in eine Art Garten gestellt, der innerhalb eines bejammernswerten Armenviertels gelegen ist. Man gelangt fast unmittelbar aus den Pflegeräumen auf die Straßen, wo man die Kinder sieht, die nicht das Glück haben, unter den dreihundert von Mc Millan zu sein.

Diese Pflegeanstalt liegt an der Stätte, wo einstmals der Hofstaat der Königin Elisabeth gewohnt hat. Sie selbst hat in dem nahe gelegenen Greenwich gelebt. Shakespeare scheint an derselben Stätte ungefähr für diesen Hofstaat gespielt zu haben, an der heute die Kleinen sein Werk so reizvoll wiedergeben.

Anstoßend an diese Pflegeanstalt ist ein anderes Haus. Eine Heilstätte für Kinder der «Ärmsten». Mc Millan ist hier die Vorsteherin. Sechstausend Kinder gehen im Jahre durch diese Heilstätte durch.

Es schwebt eine edle Weihe über diesem Ganzen. Margaret Mc Millan hat im Jahre 1917 ihre von ihr innig geliebte Schwester «Rahel» verloren. Die Pflegestätte ist nunmehr deren Andenken geweiht. Der Wahlspruch dieser Frau war: «Erziehe jedes Kind, als ob es dein eigenes wäre». Und man begegnet Rahel Mc Millans Geist in allen Räumen. Margaret Mc Millan lebt in ihrer kraftvollen, liebegetragenen Arbeit ganz in diesem Geiste.

In dem Buche «The Nursery School» hat Mc Millan das Leben ihrer Pflegeschule geschildert. In der Vorrede stehen die schönen Sätze: «Jeder Lehrer ist ein Entdecker, jeder ein Erfinder, ein Führer in neue Methoden; oder er ist ein bloßer Handlanger, nicht ein Meister». Mc Millan darf diese Sätze schreiben.

Dass sie sich bei meinem eben gehaltenen ErzieherKursus über die «Waldorf-Schul»-Art in einer solch zustimmenden Art verhalten hat, wie es geschehen ist, erfüllt mich mit tiefster Befriedigung.

German original of A Bit about My English Journey · ← Previous · Next →