Einige Worte über Solowjow als Zusatz zum vorangehenden Vorwort

zu Wladimir Solowjow: Zwölf Vorlesungen über das Gottmenschentum, Stuttgart 1921

Wer mit west- oder mitteleuropäischen Begriffen von Welt und Mensch an Solowjow herantritt und dessen Weltanschauung nacherleben will, der fühlt sich wie in einem unsicheren seelischen Fahrwasser. Er muss sich in Ideeninhalte und Zusammenhänge hineinfinden, die ihm fremdartig sind. Ideen, auf die ihn die Erörterungen über Weltanschauungsfragen, in die er eingewöhnt ist, gar nicht führen. Man braucht nur einige dieser Ideen Solowjows an sich herankommen zu lassen, und man wird dies sogleich erleben. Man nehme die Ideen «Gnade», «Sünde» und man nehme die Art, wie der russische Denker von dem «Christuserlebnis» redet.

Aber Solowjow redet doch in den Begriffen eines an Kant, an Schelling, Hegel, den modernen Positivisten und der Naturwissenschaft herangebildeten Philosophen. Er redet in diesen Begriffen nicht nur anders als die westlichen und mitteleuropäischen Denker; er redet auch über Anderes.

Dieses Andere kann man aber finden, wenn man Scotus Erigena liest. Der Seeleninhalt und die Seelenverfassung dieses Denkers aus dem neunten Jahrhundert lebt in Solowjow. Und er ist bei diesem in eine innere Wärme getaucht, die sich schon bei Scotus Erigena nicht mehr findet, die aber bei dessen Vorgängern vorhanden gewesen sein muss. Und so kann man sich beim Lesen Solowjows zurückversetzt fühlen in die Zeit der christlichen Weltanschauungsentwicklung vom vierten bis zum achten Jahrhundert. Über alles, was aus dieser Entwicklung heraus durch Solowjow beim Leser Seelenerlebnis wird, ist der Geist moderner europäischer Begriffe ausgebreitet.

Man kann auch in West- und Mitteleuropa noch Denker finden von der Seelenverfassung Solowjows. Wer sich in Willmanns bedeutende «Geschichte des Idealismus» einliest, wird das empfinden. Aber bei einem solchen Denker waltet wieder etwas anderes. Er ist beschwert mit all den Begriffsnuancen, die aus der Abwehr des LockeHume’schen und des kantisch-protestantischen Denkens entspringen. Auf seiner Seele lasten die Gedankenerlebnisse, die Europa seit dem zehnten Jahrhundert durchgemacht hat. Bei Solowjow ist das nicht der Fall. Er bedient sich wie eines Gedankeninstrumentes der modernen philosophischen Ideen; aber er lebt, unberührt von jenen Gedankenerlebnissen in der Seelenverfassung, die bei Scotus Erigena noch heraufklingt, die aber bei ihm schon in die Kälte abstrakter Gedankenerörterung übergegangen ist.

Ideen wie «Sünde», «Gnade», das «Christuserlebnis» tauchen bei Solowjow auf wie bei Scotus. Dadurch ist auch seine Idee von «Natur» ähnlich der des alten Philosophen. Der Begriff von «Natur» ist bei ihm ein anderer als bei west- und mitteleuropäischen Denkern. Für diese ist «Natur» ein vieles umfassender Begriff, der auf den Ergebnissen von Beobachtung, Experiment und Verstandeserwägung ruht. In diesen Begriff muss sich eingliedern, was über den Menschen und sein Verhältnis zur Welt gedacht wird. Man kommt da, indem man über menschliche Seelenerlebnisse nachsinnt, zu Ideen über die Art, wie die Natur sich in den Menschen herauf fortsetzt. Aber man kann in dem geradlinig fortschreitenden Denken nicht zu den Begriffen von «Gnade» und «Sünde» kommen. Will man von diesen doch sprechen, dann muss man ihren Ursprung in der rein ideellen Sphäre der menschlichen Bewusstseine suchen. Und will man ihnen eine objektive Bedeutung beimessen, dann muss man sie in einer Welt suchen, von der man auf andere Art überzeugt wird als von der natürlichen. Man muss neben der Wissensüberzeugung der Naturerkenntnis zu einer Glaubensüberzeugung seine Zuflucht nehmen. Aus der Wissensüberzeugung heraus kann man sich Begriffe machen über «Wahrnehmen», «Empfinden», «Begreifen»; man kann von einer Verursachung des «Willens» durch Gedanken sprechen; aber man kann nicht sagen, dass in das menschliche Seelenleben herein «Gnade-Wirkungen» erfolgen. Denn diese setzen voraus, dass außer der Naturwelt eine objektive Geisteswelt vorhanden ist, in der sich der Mensch so drinnen weiß wie in der Welt der Luft oder des Wetters.

Auch den Begriff der «Sünde» kann man nicht finden in der Reihe der Naturbegriffe. Denn objektiv gefasst, ist «Sünde» das Aufgehen des Menschen in der Naturordnung. Im Vermeiden der Sünde reißt sich der Mensch von der Naturordnung los, nicht bloß um in eine ideelle, sondern um in eine objektive geistige Ordnung sich einzufügen.

In Solowjow lebt ein Naturbegriff, der das Aufsteigen zu solchen Geistbegriffen möglich macht. Auch bei Scotus stehen der Gnaden- und der Sündenbegriff so da, dass zwischen ihnen und dem Naturbegriff nicht ein Abgrund klafft.

Mit dem «Christuserlebnis» betritt man allerdings ein anderes Gebiet. Doch in Bezug auf Solowjows Verhalten zur europäischen Seelenverfassung gilt ein ähnliches. Innerhalb der west- und mitteleuropäischen Lebensauffassung kann der Mensch in sich eine geistige Grundlage der Weltordnung empfinden. Er kann sich sagen: Ich werde in aller Naturordnung auf ein Göttliches gewiesen. Dieses Göttliche ist dann dasjenige, das in den Religionsbekenntnissen der «Vater» genannt wird. Aber von diesem Vaterprinzip zum Christus fortzuschreiten, dazu liefert das moderne religiöse Leben keine inneren Motive. Menschen, die aus diesem Erleben heraus von dem inneren Christuserlebnis reden, haben in Wirklichkeit doch nur das Vatererlebnis. Sie beziehen dann das Göttliche, das sie empfinden, auf die historisch überlieferte oder die dogmatisch festgelegte Jesuswesenheit. Aber das wirkliche innere Erlebnis, das sie dabei haben, ist von dem Erleben der allgemeinen Gottheit, des Vatergottes, nicht zu unterscheiden. Für solche Christen verliert sich jede Möglichkeit, durch Erkenntnisse an das Verhältnis des Vaters zum Sohne heranzukommen. Es ist durchaus begreiflich, dass eine moderne Theologie bei dem Standpunkte angekommen ist, Jesus nur noch als den Träger der Lehre vom Vater zu empfinden, dass sie das Evangelium als eine Offenbarung über den Vater durch Jesus nimmt, nicht mehr als eine Botschaft von dem Wesen des Sohnes. Für Solowjow liegen diese Dinge ganz anders. Für ihn gibt es ein vom Vatererlebnis so streng abgesondertes Christuserlebnis, dass er wie einst die christlichen Väter lebendig darüber philosophieren kann, ob der Sohn einer Wesenheit mit dem Vater ist oder nicht. Solche philosophische Diskussionen liegen nicht in der Linie, die von den neueren philosophischen Weltanschauungen in das Gebiet der geistigen Welt führen. Bei Solowjow redet über diese Dinge der Philosoph, der die Begriffssprache des neunzehnten Jahrhunderts spricht.

Was durch Christus in der Menschengemeinschaft lebt, das ist für Solowjow eine ebenso objektive Realität wie dasjenige, was durch die Schwerkraft lebt. In seine Seelenverfassung gliedert sich die Christuskraft nicht anders ein als die Schwerkraft. Das ist wieder etwas, was man in Westeuropa noch bei Scotus findet, was dann aber nicht mehr in dieser Weise angesehen werden kann. Solowjow ist der Christus ein in der Gesamtmenschheit unmittelbar gegenwärtiges Wesen. Was Er in den Menschenseelen spricht, muss Ausgangspunkt der sozialen Gliederungen werden. Diese Gliederungen haben nur ein Bestandsrecht, wenn in ihnen Christus als der unsichtbare Herrscher lebt.

Die geschichtliche Entwicklung der christlichen Kultur wird in der Seele lebendig, wenn der Angehörige des Westens oder Mitteleuropas sich mit Solowjow beschäftigt. In diesem leben die ersten christlichen Jahrhunderte auf wie in einem Zeitgenossen, der philosophisch zugleich auf der Höhe des neunzehnten Jahrhunderts steht. Und seine Weltanschauung strömt dadurch eine wunderbare Seelenwärme aus. Die Philosophie wirkt wie religiöse Betrachtung; die Religion wirkt wie in der Seele erlebte Philosophie. Russland und Europa im neunzehnten Jahrhundert erscheinen durch Solowjows Werke wie in einem Geistesspiegel. Man fühlt bei Solowjow ein Geisteslicht, das in früheren Jahrhunderten strahlte, und das für Europa verblasst ist. Man empfindet, wie sich die ersten christlichen Impulse im Osten bewahrt haben, und wie sie im Westen fortgeschritten sind, wie sie zugleich aber in abstrakte Kälte verfallen sind. Man muss daran denken, wie sich das Denken des Ostens und des Westens gegenseitig befruchten können, und wie ein Höheres gegenüber beiden aus dieser Befruchtung werden kann.

Solowjow, als der Mann des Ostens, spricht in Begriffen, die beweglicher, lebendiger sind, als die eines Denkers des Westens sein können. Aber er weist zugleich den Weg zur größeren Gedankenbeweglichkeit hin. Denn er ist moderner Philosoph, aber zugleich Weiser nach vorzeitlichen Begriffen.

In alledem liegt etwas, das Solowjow gerade unserer Gegenwart im Westen und Mitteleuropa zu einer im hohen Grade wichtigen Persönlichkeit macht.

Ich wollte mit diesen Ausführungen keine erschöpfende Charakteristik Solowjows geben; nichts, was Anspruch macht, ihn als «Denker» zu behandeln. Ich wollte nur sagen, was ich empfunden habe an denjenigen Abhandlungen, die ich von ihm kennenlernen konnte. Wie wenig es erschöpfend sein kann, wie sehr es ein ganz persönlich bedingtes Urteil ist, das empfinde ich schon daraus, dass er vieles geschrieben hat, das ich nicht kennenlernen konnte.

Rudolf Steiner.

German original of A Few Words about Solovyov as a Supplement to the Preceding Preface · ← Previous · Next →