An die Mitglieder des Berliner Zweiges

In dem Namen HP Blavatsky vereinigen sich am heutigen Tage die Gedanken aller Theosophen des Erdenrundes. Nur wenige aber wissen schon heute, was der geistige Fortschritt der Begründerin unserer Bewegung zu danken hat. Und auch diese wenigen wissen es noch recht unvollständig. Denn die tiefen Weisheiten, die in der «Geheimlehre» liegen, enthüllen sich dem Menschen erst langsam und allmählich. Immer, wenn man selbst wieder ein wenig fortgeschritten ist auf dem Pfade, der sich in schwindelnden Höhen für jeden menschlichen Blick verliert, entdeckt man in diesem Buche neue Geheimnisse, für die man vorher noch nicht das rechte Verständnis haben konnte. Und so gehört HPB zu den Individualitäten, für welche der Grad der Verehrung mit der eigenen Entwicklung ein immer höherer wird. Man muss Erfahrungen haben in solcher Steigerung der Schätzung für sie, wenn man gegenüber HPB den rechten Gesichtspunkt gewinnen will. Man muss lernen, sie in rechter Art zu verehren.

Anfangs, da frägt man wohl noch nach Äußerlichkeiten ihres Lebens, um ein Verhältnis zu ihr zu gewinnen. Es gibt aber einen Standpunkt, wo alles Äußere schwindet, gegenüber der Empfindung von der unermesslich bedeutungsvollen spirituellen Sendung HPBs, und ihrer großen Aufgabe innerhalb der gegenwärtigen Geistesbewegung. Wer dann wirklich etwas wahrnimmt von dieser spirituellen Sendung, dem erfließt aus ihr, aus der Erkenntnis, die Art, wie er sich zu unserer großen Bahnbrecherin zu stellen hat. Er lernt dann auch einsehen, dass ein Mensch, der eine solche Sendung hat, notwendig zunächst Verkennung, sogar Verleumdung auf sich nehmen muss. Derartiges gehört zu den Opfern, die er dem Leben zu bringen hat. Das Wirken von HPB fiel in eine Zeit, in welcher die materialistische Denkart und Gesinnung in einer ungeheuren Ausdehnung begriffen war. Wissenschaft, Leben, alles schien dem Materialismus die Bausteine zu liefern zu einem riesenhaften Gebäude. Kompliziert musste die Persönlichkeit sein, die in einer solchen Zeit der Menschheit wieder ein Bewusstsein brachte von der Wahrheit einer spirituellen Welt. Man hat zu bedenken, dass es nicht allein von der Wahrheit abhängt, wie sie den Menschen überliefert werden soll, sondern von den Menschen selbst. Unendlich schwierig war es, einer materialistischen Denkart und Gesinnung die Wahrheit in einer solchen Form zu bringen, dass sie verstanden werden konnte. Wie HPB aufzutreten hatte, wurde ihr durch das Maß des Verständnisses vorgeschrieben, das ihr die Zeit entgegenbringen konnte. Wenn ein Hammer auf einen Gegenstand schlägt, so hängt es nicht allein von dem Hammer ab, was geschieht. Glas zerspringt und Blei wird zu einer dünnen Platte geschlagen. Wenn der große Geist Großes gibt, so muss er seine Gaben doch in die Gefäße gießen, die ihm von den Empfangenden entgegengehalten werden. - HPB gegenüber wird man allmählich nur unterscheiden lernen zwischen der äußeren Form und dem inneren Wert ihrer großen Gaben. - Gerade der Geist der Zeit, in welcher sie ihre Sendung zu erfüllen hatte, machte diese zu einer so unendlich schwierigen. Dass sie diese Sendung doch übernommen hat, bezeugt für den Einsichtigen die Größe der Persönlichkeit; bezeugt aber auch, wie groß die Bereitwilligkeit dieser Persönlichkeit war, die Opfer zu bringen, welche mit der Mission verbunden waren.

Vieles ist namentlich von gelehrter oder gelehrt sein wollender Seite gegen die Echtheit usw. der Leistungen HPBs eingewendet worden. Man hat bezweifelt, dass sie ihre Kundgebungen wirklich von der Seite habe, die sie bezeichnet hat. Kommt es denn aber darauf an? Kommt es nicht zunächst darauf an, das Werk zu verstehen und seinen inneren Wert zu erkennen? Wie viele müssten sich, bei gehöriger Vertiefung, sagen, dass sie an dem Quell von HPBs Schriften Dinge lernen können, die ihnen von irgendwo anders nicht geoffenbart werden könnten. Jedenfalls ist sie also die Vermittlerin. Ist es nun klug, Wahrheiten aus der Hand eines Menschen zu empfangen, die von den höchsten Dingen handeln, und dann noch über die Glaubwürdigkeit desselben Menschen in viel geringeren Dingen zu nörgeln? Durch nichts könnte HPB mehr zum Wunder gemacht werden, als wenn die gelehrten Einwendungen gegen sie irgendwelchen Grund hätten. Man vergegenwärtige sich nur einmal die Schlussfolgerung, die man ziehen müsste, unter solchen Voraussetzungen. - Angenommen, es zweifelt jemand daran, dass die Dzyan-Strophen «echt» seien. Man hat das getan, und viele tun es noch. Also jene uralte Quelle existierte gar nicht, welche HPB angibt. Nun gut; man stelle sich einmal probeweise auf einen solchen Standpunkt. Über die Echtheit mag man streiten; über die Wahrheit zu streiten, ist ein Unding. Denn von der Wahrheit kann sich jeder selbst überzeugen, wenn er dazu die rechten Wege einschlägt. Wer es tut, der erkennt in diesen Strophen die tiefsten Wahrheiten immer mehr und mehr. Ja, die Sache liegt so, dass man eigentlich bei jedem Vorrücken in der eigenen Erkenntnis von der abgrundartigen Tiefe dessen mehr überzeugt wird, und einem immer klarer vor Augen tritt, was man selbst bei vorgerücktem Verständnis noch dem Ahnen überlassen muss. - Was bedeutet demgegenüber, der dies wirklich weiß, noch die Anklage: HPB habe die Dzyan-Strophen erfunden? Das allerdings Sonderbarste hätte geschehen müssen: diese Frau findet die tiefsten Wahrheiten und erfindet dazu ein törichtes Märchen über die Herkunft. Nun die Schlussfolgerung ist so unmöglich, dass sie nur Zeugnis sein kann für die Unlogik der Gegner HPBs, dass sie aber von dem wirklich Verstehenden unbedingt nicht ernst genommen werden kann.

Zusammenbrechen müssen nach und nach alle Kartengebäude der Ankläger dieser Persönlichkeit, wenn man einmal in einem nur einigermaßen höhern Grade sich ein Verständnis erworben hat von ihrer spirituellen Kraft, von der Art ihrer Sendung. Und herausheben wird sich allmählich auch aus den Trümmern von Anklagen, Verkennungen usw. das Bild der Frau, welche ihre Fähigkeiten in einem bedeutungsvollen Wendepunkte gestellt hat in den Dienst einer Bewegung, deren Wert eben nur diejenigen nicht anerkennen werden, die dafür noch nicht das Verständnis sich erworben haben.

Wir Theosophen aber, werden den Lotustag, als den Erinnerungstag des Augenblickes, in dem HPB den physischen Plan verlassen hat, immer als einen Festtag begehen, als einen Tag auch der Liebe und des Dankes gegenüber der Stifterin unserer Bewegung. Den Verstehenden unter uns ist HPB keine Autorität in dem landläufigen Sinne, denn solche Autorität braucht sie nicht. Für die rechte, wahre Autorität aber, die ihr zukommt, wird die Erkenntnis ihres Werkes sorgen. Ein Autoritätsgefühl braucht nur da verlangt zu werden, wo es nicht freiwillig entgegengebracht wird. Wir schätzen, lieben HPB, weil wir unwahr gegenüber der von uns erkannten Wahrheit sein würden, wenn wir uns anders verhielten. Und wir ahnen, dass diese unsere Schätzung selbst eine sich entfaltende Lotusblume sein wird. Denn umso größer, verbreiteter werden die Blätter der Blume sein, je mehr wir selbst in der Erkenntnis aufsteigen. Aber zu diesem Aufsteigen ist HPBs Werk wieder die Leiter, die uns hält. Deswegen muss Dankbarkeit das Echo sein, das aus unseren Herzen strömt, wenn uns der Lotustag ein lebendiges Sinnbild ist unserer wachsenden Erkenntnis.

German original of To the Members of the Berlin Branch · ← Previous · Next →