An die Mitglieder des Berliner Zweiges
Am 8. Mai ist der Jahrestag des Abganges von Helena Petrovna Blavatsky von dem physischen Plane. Als ein Erinnerungstag wird er daher bestehen bleiben innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Die Theosophen mögen da ihre Gedanken hinlenken in einem besonderen Maße zu der geistigen Vermittlerin eines gewaltigen Stromes von spiritueller Weisheit und spiritueller Kraft in unserer Zeit. Und sie mögen besonders an diesem Tage eingedenk sein der wichtigen okkulten Wahrheit, dass Gedanken Tatsachen sind. Wenn wir unsere Gedanken hinlenken zu dem Geiste, der bis zum 8. Mai in dem physischen Leibe von HPBlavatsky verkörpert war, so findet in unseren Gedankenkräften dieser Geist die Brücke, durch die er während des Festesaugenblickes in unsere Seelen hineinleuchten kann. Und durch dieses Hineinleuchten in unsere Seelen kann HPB auch gegenwärtig bei dem Werke sein, das mit ihren irdischen Taten verknüpft ist. — Es wird unserer Bewegung, besonders in den gegenwärtigen schwierigen Ereignissen der Gesellschaft, eine große Hilfe sein, wenn wir am weißen Lotustage uns diese Tatsachen vor die Augen der Seele stellen. Wir gewinnen dadurch die Kraft, der Gesellschaft Gutes zuzuführen. — Und wir sollen uns besonders an diesem Tage die Bedeutung des Lebens von HP Blavatsky vor Augen führen. Der Gang der Menschheitsentwicklung hatte es mit sich gebracht, dass das Leben in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts von dem Geiste des Materialismus durchsetzt sein musste. Mehr, als der Mensch der Gegenwart es sich zugestehen kann, ist das der Fall. Denn dieser Mensch der Gegenwart hat seine Vorstellungsart und seine Lebensrichtung in die materialistischen Gewohnheiten hineingezwängt, sodass er oft noch mit seinem Empfinden und Fühlen materialistisch ist, wenn er sich auch mit seinen Gedanken bestrebt, Idealist zu sein. Die großen Führer der Menschheit, die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen, haben in dieses materialistisch gefärbte Leben einen Strom von Spiritualität gegossen. Und die Seele HP Blavatskys war der Torweg, durch den dieser Strom der Menschheit zugeflossen ist. Um das zu erkennen, bedarf es nur eines unbefangenen Hinblickes auf die Werke HP Blavatskys. Heute stehen wir diesen Werken so gegenüber, dass wir viele von den okkulten Mitteilungen HP Blavatskys prüfen können. Und wer sie prüfen kann, der wird durch diese Prüfung nur ein immer größerer Verehrer der Schöpferin. Man kann sagen, dass Gegner von HPBlavatsky eigentlich nur diejenigen sein können, welche in ihre Werke nicht einzudringen vermögen.
Wer aber etwa anzweifeln möchte, dass HP Blavatsky mit den großen Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen in Berührung gestanden habe, der müsste die Frage beantworten: Woher stammen die spirituellen Weisheiten ihrer Schriften, die nur der anzweifeln kann, der sie nicht versteht. Für den Verstehenden sind diese Wahrheiten Tatsachen, und für ihn bedarf es keiner anderen. Oder wo hat man jemals solche Wahrheiten anders herbekommen als von den Quellen, wo die Einweihung entspringt? Was braucht es anderes, als diese Erkenntnis, um die Bedeutung HP Blavatskys sich vor die Seele zu führen?
Und in tiefer Liebe gedenken wir gerade in diesem Jahre an dem Lotustage auch des tapferen Mitkämpfers HP Blavatskys, der nun vor Kurzem auch den physischen Plan verlassen hat. Nur durch seine Tatkraft und nur durch sein organisatorisches Talent war es möglich, dass der durch HPBlavatsky fließende Strom des spirituellen Lebens [sich] auch in einer Gesellschaft verkörpert hat.
Wenn in kleinen Kreisen mit Achselzucken über die Kulturtat HP Blavatskys hinweggesehen wird, wenn die große Menge der Menschen des Erdkreises überhaupt noch nichts davon weiß, dann mögen die Theosophen daran denken, dass bei den zeitgenössischen Schriftstellern des Christus Jesus auch nichts über diesen zu finden ist. Die großen Fortschritte der Menschheitsevolution müssen aus kleinen Anfängen emporsteigen. Und die Theosophen müssen daran denken, dass auf ihre Kraft gerechnet ist im Geiste des Weltenlaufes, dass durch diese Kraft das Emporsteigen der theosophischen Bewegung bewirkt werden soll. Die erhabenen Führer der Menschheit sind die Seelen dieses Emporsteigens; aber wie die Menschenseele sich den Leib gliedern muss aus dem Stoffe des Fleisches, um auf dem physischen Plane zu wirken, so müssen die Führer der Menschheit sich den Geistkörper, der ihrem Werke dienen soll, aus den Menschenseelen formen. Und an uns ist es, durch Hingabe an die spirituelle Weisheit unsere Seelen ihnen zur Verfügung zu stellen.
Freiwillig muss die Menschenseele sich in diesem Sinne an den Geist der weisen Meister hingeben, wie das Fleisch sich durch die weisen Naturgesetze in den Dienst der Menschenseele stellt, wenn sich der Tempel des Menschenkörpers aufbaut für die Arbeit der Seele.
In diesem Sinne wollen wir unsere Gedanken gestalten, wenn wir am weißen Lotustage HP Blavatskys gedenken. Mehr noch als durch das, was sie uns gegeben hat, in ihren Schriften, ist sie uns durch die Tatsache, dass diese Persönlichkeit da war auf dem physischen Plane. Ein lebendiger Beweis ist sie uns dafür, dass die Geister der Weisheit mit der Menschheitsentwicklung sind. Ein lebendiger Beweis dafür auch, dass diese Geister der Menschheit im rechten Augenblicke der Evolution haben den Stoff finden können zu ihrem Führerwerke. Lernen können wir von HPBlavatsky, wie man Schüler wird der großen Führer, denn an ihrer Art des Lebens prägt sich die echte wahre Schülerschaft aus. Selbstlos in einem höchsten Sinne war ihre Hingabe, und nur durch eine solche wird jemand das Instrument für das Werk der großen Führer. Auch diese Selbstlosigkeit ist ja von manchen Seiten angezweifelt worden, doch aber nur von solchen, die von wahrem Seelenopfer keinen Begriff haben.
Etwas von ihren großen Eigenschaften wird die Theosophische Gesellschaft immer kräftigen, wenn deren Mitglieder ihr Herz beeinflussen lassen von dem vorbildlichen Charakter der Stifterin der Theosophischen Gesellschaft.