Was ich weiteres den jüngeren Mitgliedern zu sagen habe
Wo immer heute die «Jugendbewegung» auftritt, da offenbart sie, dass sie aus einem Entbehren heraus lebt. Was «entbehrt» der junge Mensch, dem sein Jung-Sein zum Bewusstsein kommt? Man kann doch innerhalb der heutigen Zivilisation so viel «lernen». Sie enthält nicht nur eine Fülle des Wissenswerten, sondern eine Überfülle. Es liegt nahe zu glauben, dass wegen dieser Überfülle die Jugend verwirrt werde, dass sie den Inhalt der Überfülle nicht «verstehen» könne. Aber die Erfahrung zeigt, dass dieser Glaube falsch ist. Der junge Mensch «versteht» ganz gut, was ihm die Zivilisation entgegenbringt. Verstehen kann man, was sich im Denken ergreifen lässt. Und unsere heutige Zivilisation ist trotz ihrer Überfülle fast ganz in Gedanken zu fassen.
Der junge Mensch wird gewahr, wenn er beginnt, zur Zivilisation ein Verhältnis zu gewinnen, dass er versteht. Und ein richtiger Instinkt sagt ihm, dass dieses Verstehen, dieses denkende Ergreifen auch sein ferneres Schicksal sein soll. Allein mit dem «Verstehen» lässt sich nicht jung sein. Man kann nur jung sein, wenn man mit vollem Herzen, mit ganzer Seele erlebt, was auf das Verstehen wartet. Und man ahnt als junger Mensch, dass man alt wird, wenn man das Erlebte allmählich in das Verstandene hinüberführt.
Die Jugend von heute nimmt aus der Zivilisation etwas auf, womit man alt werden, aber nicht etwas, womit man jung sein kann. Diese Zivilisation hat dem ersten Lebensalter fast gar nichts zu geben. Man müsste heute mit zwanzig Jahren die Erde betreten, dann könnte man sich mit dem Inhalt der Zivilisation durchdringen.
Diese Zivilisation hat den Geist verloren. Sie bringt nur die Materie in Gedanken. Diese Gedanken lassen sich nicht erleben; sie lassen sich nur verstehen. Und hat man sie verstanden, dann liegen sie wandlungsunfähig, steinhart in der Seele. Sie sind bei ihrem Entstehen schon völlig reif; sie können deswegen nicht wachsen. Der junge Mensch aber muss wachsen; und er will, dass was er in seine Seele aufnimmt, mit ihm wachsen kann.
Eine wirkliche Geisteswissenschaft kann auch nur in Gedanken sich offenbaren. Allein diese Gedanken sind anschaubar, erlebbar; sie können von niemand mit einem höheren Grad von Reife aufgenommen werden, als er selbst hat. Aber sie sind dem Wesen des Menschen verwandt. Sie wachsen und reifen mit ihm. Gibt mir als Achtzehnjährigen jemand Gedanken aus dem Materiellen, dann nehme ich sie so auf, wie ich das auch tun würde, wenn ich vierzig oder fünfzig Jahre alt wäre. Lässt mich jemand Gedanken, die aus dem Geiste quellen, an seiner Menschheitsentfaltung erleben, so mag er siebenzig Jahre alt sein; wenn ich selbst nur achtzehn Jahre zähle, so vereinigen sie sich harmonisch mit meiner achtzehnjährigen Seelenverfassung und wachsen heran, wie ich selber wachse.
Die materialistische Denkungsart und Anschauung fordert von der Jugend, dass sie sich innerlich mit «Altem» fülle. Die Jugend aber will ihr Jung-Sein erleben. Deshalb wird das «Alter erleben» der Jugend zur Entbehrung. Die Jugendsektion am Goetheanum möchte der Jugend eine Erkenntnis geben, die lebt, und mit deren Leben man das Jung-Sein lebendig in sich ergreifen kann. Die Zivilisation von heute hat keine Gedanken, mit denen man das «Jung-Sein» erleben kann. Eine wirkliche Geisteswissenschaft wird solche Gedanken haben.
Hört man als älterer Mensch heute die Jugend sprechen, so hat man oft das Gefühl: Ach, wie alt klingen doch die Reden, die aus dem Jugendmunde kommen! Das aber sind die Reden, die der junge Mensch bei den «Alten» heute findet. Er nimmt sie auf; aber er vereinigt sie nicht mit sich. Indem er sie erleben will, fühlt er sich unwahr. Er redet, was in ihm keine Wahrheit haben kann; und er trägt seine Wahrheit in sich, ohne dass er sie vor sich selber offenbaren kann. Sie würgt ihn; sie wird ihm zu einem von innen kommenden Alpdruck.
Atmungsfreiheit im lebendigen Geistesleben will die Jugend, damit der Alpdruck verschwinde. Erwachen in gesunder Geistesanschauung will sie, damit das Bewusstsein sich mit dem Erleben des Jung-Seins erfüllen kann.
Die Jugend möchte im Jung-Sein wachen; allein die Gedanken der materialistischen Zivilisation lassen sie nur davon träumen. Aber man kann nur träumen, wenn man das Bewusstsein abgedämpft hat. So muss das Jugendbewusstsein abgedämpft durch die mechanische Wirklichkeit wandeln. Deren Hammerschläge, deren elektrische Wellen stoßen hinein in die Träume. Aber sie können nicht das Erwachen bewirken. Denn sie sind nicht menschlich; sie sind außermenschlich.
Geisteswissenschaft kann für Seelen sein, die erwachen wollen. Sie will dem Menschen nicht bloß Wissen vermitteln, sondern das Leben nahebringen. Dann wird es seiner Freiheit gegeben sein, das Leben in Wissen zu wandeln.
Menschen, die da glauben, Poeten zu sein, die aber doch nur Philister sind, wenden ein: Nehmet der Jugend die Träume, bringt sie zum Erwachen, und ihr nehmet ihr das Beste von ihrem Jung-Sein weg. Wer so spricht, der weiß nicht, dass Träume ihren vollen Wert erst erlangen, wenn sie von dem Lichte des Wachens bestrahlt werden. Die mechanistische Zivilisation bringt die Jugendträume nicht in ihrem freudigen Leuchten zur Offenbarung, sondern sie zermürbt sie schon im Entstehen, sodass sie drückend, lastend werden.
Nur in solchen Bildern kann hier gesagt werden, was die Jugendsektion wirken will. Sie wird kein «Programm» veröffentlichen; sie wird keine Erklärung des «Wesens der Jugend» geben. Sie wird versuchen, Leben werden zu lassen, was ihre Begründer selbst an den Entbehrungen der jungen Menschen von heute erleben können. Das wird eine «Jugendweisheit» geben, die im Leben sich täglich neu entfalten kann.
Junge Menschen, die am Goetheanum leben, haben sogleich nach dem Ankündigen der Jugendsektion und seither fortdauernd ihren Willen kundgegeben, innerhalb dieser Sektion arbeiten zu wollen. Enthusiasmus spricht aus diesen Kundgebungen. Ich habe im ersten Aufruf gesagt, die Jugendsektion wird wirken können, wenn verstanden wird, was mit ihr gemeint ist. Ich glaube wirklich, dass der Enthusiasmus das richtige «Verstehen» herbeiführen kann. Nicht jenes «Verstehen», von dem ich hier gesprochen habe und durch das die Jugend entbehrt, sondern jenes Verstehen, das zwar mit demselben Worte bezeichnet wird, das aber doch ein ganz anderes ist. Ein Verstehen, das nicht aus dem Verstande, sondern aus dem ganzen Menschen kommt.
Die Sehnsucht des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft kann nur sein, sich vor einem empfänglichen Enthusiasmus zu fühlen. Dann darf er hoffen, dass die Lebenskraft der Geisteswissenschaft hinreiche, um diesem Enthusiasmus zu geben, was er gerne tragen möchte. Mit der Jugend so leben, dass sie ihr Jung-Sein in wahrer Menschlichkeit dem Alter entgegenführen kann, das möchte dieser Vorstand, weil er glaubt, dass er damit gerade das trifft, was die Jugend entbehrt und wonach sie sehnenden Herzens verlangt.
(Fortsetzung in nächster Nummer.)