Die Stimme der Stille (Teilübertragung)

Dieser Unterricht ist für diejenigen, welche die Gefahren nicht kennen, die dem Menschen aus seinen niederen Seelenkräften erwachsen.

Wer die Stimme des Geistes außer sich vernehmen will, der muss das Wesen seines eigenen Geistes erst verstehen.

Wenn der Lernende die äußere Wahrnehmungswelt nicht mehr als die Hauptsache betrachtet, so muss er den Erzeuger dieser Wahrnehmungen suchen, den Hervorbringer der Gedanken, den, welcher die Sinnenwelt zur Scheinwelt macht.

Durch denkendes Vertiefen in sich wird der Schein des Wirklichen durchschaut in seiner Nichtigkeit.

So soll der Lernende den Schein von sich streifen.

Denn:

Wenn er den Schein als Eigenschaft des Wirklichen erkannt hat, dann wird er erkennen, was an ihm selbst Schein ist, sowie man erkennt, dass Traum Traum ist, und nicht Wirklichkeit, sobald man erwacht.

Wenn er nicht mehr die vielen Wesenheiten des Scheins als solche vernimmt, dann wird sein Blick auf das Eine Wahre gerichtet.

Nur dann, erst dann, wird sich sein Gefühl verschließen dem Reich des Falschen und öffnen dem Reich des Wahren.

Bevor die Seele sehen kann, muss der innere Friede erlangt sein, und die fleischlichen Augen müssen schweigsam geworden sein mit ihren Aussagen.

Bevor die Seele hören kann, muss des Menschen Scheinbild taub geworden sein für das Laute und das Leise, für das gellende Gebrüll der Hunde, wie für das Summen der Fliege.

Bevor die Seele den Geist schauen und sich an seine Taten erinnern kann, muss sie geeint sein mit dem, was geistig spricht und sinnlich schweigt, sowie der Thon des Töpfers ablassen muss von den Kräften, die ihm von Natur eignen, und wenn er zum Gebilde werden soll, sich einen muss dem Geiste des Töpfers.

Dann wird die Seele hören und begreifen:

Die Stimme der Stille

und sagen:

Wenn Deine Seele lächelt, während sie sich bewegt im Sonnenlichte des Lebens — wenn deine Seele singt in ihrem Hause von Fleisch und Stoff — wenn deine Seele weint in ihrer Schale von Schein — wenn deine Seele abgerissen hat den silbernen Faden, der sie bindet an den schaffenden Geist, dann, o Lernender, gehört sie der Erde.

Wenn deine Seele auf den Lärm des Tages hinhorcht, — wenn deine Seele sich erfüllt mit dem Brausen der großen Scheinwelt, — wenn deine Seele beim Schreien des Jammers in sich selbst flieht gleich der Schildkröte, die sich furchtsam dem Eindruck von außen entzieht, dann ist deine Seele ein unwürdiges Haus des Geistes.

Wenn aber, stärker geworden, deine Seele der stofflichen Behausung sich entwindet, und diese verlassend, den silbernen Faden weiter bildet, aber nur sich selbst, ihren eigenen Schein an ihn bindet, dann ist sie im schlimmsten Scheine befangen.

Die Stoffwelt, o Lernender, ist die Stätte der Verführung; sie führt dich auf einen Weg schwerer Prüfungen; sie verlockt dich zum Glauben, dass dein Schein-Ich dein wahres Ich sei.

Diese Stoffwelt, o Lernender, ist nur ein Eingang zum Lichte, eine Vorbereitung zur Stätte des wahren Lichtes, zu jenem Lichte, dessen Schein kein Sturm verlöscht und das leuchtet ohne Docht und Öl.

Die hohe Stimme des Geistes spricht:

Willst du das Selbst der Welt leuchtend schauen: du musst erst das glimmende, gleißende Lichtlein deines eigenen Selbstes schauen. Um diese Erkenntnis zu erlangen, musst du das Schein-Selbst als Nicht-Selbst durchschauen, dann kannst du ruhen in den Armen des Allwesens. In diesen Armen wartet deiner ein Licht, das nicht auf Geburt und Tod seinen Schein wirft, sondern auf das, was durch Ewigkeiten lebt: Aum.

Ergebe dich in die Arme des Allwesens, wenn du wissend werden willst.

Stirb und werde. Drei Hallen, o scheinbedrückter Wanderer, führen dich an das Ende deiner Bedrücktheit. Drei Hallen, o du Überwinder der Scheinwelt, werden dich durch drei Zustände in einen vierten heben, und dann in die sieben Welten, in die ewige Stätte der Gottseligkeit.

Wenn du ihre Namen wissen willst, so merke:

Der Name der ersten Halle ist Unwissenheit. Das ist die Halle, in der du geboren bist, in der du lebst und sterben wirst.

Der Name der zweiten Halle ist der des Lernens. In ihr wird deine Seele des Lebens Blüten kennen lernen; aber in jeder Blüte lauert eine Schlange der Verführung.

Der Name der dritten Halle ist Weisheit; hinter ihr breitet sich das grenzenlose Leben des Allgeistes, der Quelle des Allwissens.

Willst du die erste Halle sicher durchschreiten, so lasse deine Seele nicht dadurch täuschen, dass du das Feuer der Lust und Begierde, das in ihr brennt, zum Sonnenlichte deines Lebens machst.

Willst du die zweite Halle sicher durchschreiten, so bleibe nicht stehen um der Selbstsucht Wohlgerüche zu atmen. Willst du frei sein von den Ketten, welche dich der Welt einschmieden, suche nicht in der Scheinwelt des niederen Selbst deinen Führer.

Die Weisen entziehen sich den Lockungen der Sinnenwelt. Die Weisen horchen nicht auf die verführenden Stimmen der Scheinwelt.

Nur wenn du in der Halle der Weisheit deine Wiedergeburt suchst, findest du das Licht, das kein Schatten trübt, und das in nie abnehmender Stärke leuchtet durch die Ewigkeiten.

Suche da, was unerschaffen in dir lebt; du findest es in dieser Halle. Wenn du es in rechtem Lichte schauen willst und eins mit ihm werden willst, so musst du den Trug des Scheins durchschauen. Dämpfe, was die im Fleisch wohnenden Sinne sprechen, gestatte keinem Bilde, das dir die Sinne formen, sich hinzustellen zwischen dich und dies Licht; dann nur kannst du eins mit ihm werden. Und wenn du den Trug deines Sinnenschauens erkannt hast, gehe hinweg da, wo nur gelernt wird. Die Halle des Lernens ist voller Gefahren in ihrer lockenden Schönheit; sie ist die Stätte deiner Prüfungen.

Hüte dich, indem du an der Stätte des Schein- und Wahn-Ich zögerst, festgehalten zu werden in der Blendung.

Dieses Licht des Wahn-Ich leuchtet aus dem Wesen des Verführers. Er hält dich in der Sinnenwelt befangen; er lügt deinem Verstande den Sinnenwahn als Wahrheit auf, und in den Wahn wird der Verführte wesenlos geschleudert.

Der Schmetterling wird hingezogen zu der leuchtenden Flamme deiner Nachtlampe und stirbt am unreinen Öl. Die verführte Seele, die im Schein verschlungen bleibt, muss zurückkehren zum Stoffe, den der große Verführer vom Wahn zur Wahrheit umtäuscht.

Blicke hin auf die Menge der Seelen. Erkenne wie sie schweben über der stürmischen See der menschlichen Lebenswoge, und wie sie, scheinverfallen, lichtgeblendet, kraftverloren, eine nach der andern hineinsinken in die stürmende Flut. Hin- und hergeworfen von den sinnerschaffenden Winden, erregt von den begehrlichen Stürmen wilder Triebe, fallen sie in die wesenlosen Wellen, und werden von dem nichtigen Wirbel verschlungen.

Willst du durch die Halle der Weisheit in das Thal der Seligkeit dich versetzen, o Schüler, schließe deine Sinne, die dir den trügenden Schein vieler Dinge vorhalten, und dich sondern von den Dingen, in welchen der Allgeist wohnt wie in dir selbst, und dir in deiner Absonderung die Ruhe nimmt.

Lass nicht den himmlisch Geborenen in dir versinken in die Fluten des Scheins und sich abkehren von seinen ewigen Vorfahren, sondern lass die feurige Gewalt still werden durch Einkehr in die innerste Kammer, die Herzenskammer, die Wohnung der Weltenmutter.

Dann wird aus dem Herzen jene Kraft in das sechste, das mittlere Reich, ziehen, in den Raum zwischen deinen Augen. Da wird dann ausfließen der Allseele Kraft, die das All durchklingende Stimme, die Stimme des schaffenden Geistes.

Dann kannst du werden Einer, der über der Sinnesweltenwoge hingleitet, und dessen Sohlen nicht die Wasser des Scheins benetzen.

Bevor du deinen Fuß auf die obersten Leiterstufen setzen kannst, auf die Leiter der mystischen Töne, musst du des inneren Gottes Stimme siebenfältig ertönen hören.

Die erste Stimme klingt wie süßer Nachtigallenklang, einen milden Abschied singend den Scheingefährten deiner frühern Welt.

Die zweite Stimme spricht gleich den Tönen einer silbernen Zimbel von den Harmonien der weltlenkenden Wesen.

Die dritte ist ein melodischer Klagegesang, dumpf wie der gefangene Ton in der Meeresmuschel.

Wie der Laute Ton, ernst und würdig, klingt die vierte Stimme.

Die fünfte schmettert wie der Klang der Pfeifen aus Bambusrohr, bis zum Trompetengetose steigert sie sich.

Wie tobender Donner in der Felsenschlucht durchstürmt dich die sechste Stimme.

Im siebenten Ton ersterben alle andern Töne. Unvernehmbar sind sie in sein Wesen erflossen.

Wenn die sechs Stimmen also erstorben sind, und sich hingeworfen haben zu des Meisters Füßen; dann erst ist der Schüler eins geworden mit dem Einen; er lebt in ihm und es in ihm.

Bevor du diesen Weg betreten kannst, musst du erlöschen alle Glut deiner Triebe; die begehrlichen Gedanken musst du reinigen, und dein Herz musst du in Keuschheit tauchen.

Die reinen Flutwellen des ewigen Lebens, die durchsichtig sind wie Kristall, dulden keine Vermengung mit dem trübsinnlichen Gewoge der niederen Welt.

Der Tau des Himmels im Busen der Lotosblume, erglänzend im ersten Morgensonnenstrahl, wird zur Erde fallend selbst ein Stück Erdenstaub; ein schmutziges Tröpfchen ist die edle Perle geworden.

Lösche deine begierdeschweren Gedanken, damit der Begierde Druck dich in deinen Gedanken nicht unterliegen lässt. Gebare du mit ihnen begierdelos, wie sie triebbegabt mit dir gebaren würden; denn wenn du sie ungelöscht brennen lässt, so wisse, dass sie dich selbst in Begierde entzünden und dein Ich töten. Lasse der triebträchtigen Gedanken Spiegelbild auch nicht an dich herankommen. Denn diese Schatten werden wachsen; Größe und Kraft gewinnend, werden sie dein Wesen in ihre Fangnetze schlingen, bevor du das volle Bewusstsein erlangt hast von ihrer widerwärtigen Gegenwart.

Bevor die mystische Kraft den Gott in dir wecken kann, musst du vermögen, das Begierdefeuer in dir zu löschen.

Des Stoffes Selbst und des Geistes Selbst können sich niemals treffen. Wenn der eine in dir leuchten soll, muss der andere in der Finsternis stehen; nicht für beide hast du Raum.

Bevor deiner Seele Geisteskraft das innere Licht vernehmen kann, muss der Wahn der Persönlichkeit getilgt sein, der Wurm des Sinnenscheins auf immer getötet sein.

Ehe du dich nicht zum Pfade hinopferst, kannst du den Pfad nicht wandeln. Wie der Lotuskelch sein Herz der leuchtenden Morgensonne öffnet, so lasse du deine Seele offen sein, wenn der Allgeist aus der leidenden Kreatur dich ruft.

Lass von dem Sonnenfeuer nicht eine einzige Träne trocknen, ehe du sie genommen hast von der leidenden Kreatur.

Lasse der Geschöpfe Leiden an dein eigenes Herz fallen, und gib ihnen eine Stätte der Ruhe; tilge kein Mitleid in deinem Herzen, bis der Schmerz gelöscht ist, der es geboren hat.

Diese Tränen, o du, dessen Herz ist voll von Opferwilligkeit, sind die Fluten, welche die ewige Liebe leben. Auf diesem Boden wächst der ewigen Liebe Mitternachtsblume, schwerer zu finden und seltener zu sehen, als die Blume des Vogay-Baumes. Hast du sie gefunden, du hast den Ausblick gewonnen in das Reich, das nicht im Sinnenschein gefangen ist. Sie entledigt den mystisch liebenden Seher von Sinnenkampf und Sinnenlust; sie trägt ihn empor über die Gefilde des menschlich schwachen Daseins zur Stätte des Friedens, wo dir göttlich starke Selbstlosigkeit blüht.

German original of The Voice Of The Silence (First half of Fragment 1) · ← Previous