123. Gegensatz in den Weltanschauungen des Abend- und Morgenlandes
Auf den tiefgehenden Gegensatz in den Weltanschauungen des Abend- und Morgenlandes ist in dieser Wochenschrift schon öfter hingedeutet worden. Von einer wirklichen Einsicht in diesen Gegensatz wird es abhängen, wie die Verständigung zwischen den beiden Kulturgebieten zustande kommen wird. Und diese Verständigung ist notwendig für die Weiterentwicklung der Erdenmenschheit. Deren wirtschaftliches Zusammenarbeiten kann sich nur auf der Grundlage des geistigen Verstehens entfalten. Zu diesem Verstehen ist nicht notwendig, dass das eine Erdgebiet sich die geistigen Charaktereigenschaften des andern aneigne. Das könnte nur der Fanatismus fordern. Verstehen kann nur sein, den vorurteilslosen Blick für die Art des Andern [zu] haben, und mit ihm zusammenzuwirken, ohne seine Eigenheiten zu unterschätzen oder sie unterdrücken zu wollen.
Der Gegensatz tritt auf den verschiedensten Gebieten zutage. Besonders stark ausgeprägt ist er in den Auffassungen, die man auf beiden Seiten von der menschlichen Seele hat. Das Morgenland hat eine Kultur, die ganz auf dem Innen-Erleben der Seele beruht. In der Seele offenbart sich die Welt in ihrer Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit. Die Weisheit ist nicht Wissen von irgendetwas. Sie ist Wesenheit. Sie ist Leben. Und ihr Leben spricht aus den Untergründen der Menschenseele. Die äußere Natur hat nur einen Wert als der Mutterschoß des Seelischen. Die abendländlische Kultur hat den Blick für den Eigenwert der Natur entwickelt. Die Seele gibt sich ihren Wert dadurch, dass sie in die Gesetze und Geheimnisse der Natur eindringt. Die Weisheit ist der Abglanz dieser Gesetze und Geheimnisse.
Doch dies alles ist nur die Oberfläche des Seelenlebens. Das Seelische offenbart sein Wesen nicht durch die Vorstellungen, sondern durch die aus seinen Tiefen heraufschlagenden Gefühlserlebnisse. Es gibt Unterströmungen des Seelischen. Von ihnen hat das Bewusstsein nicht klare Vorstellungen, sondern nur mehr oder weniger dunkle Stimmungen. Diese aber bilden die Grundfärbung des menschlichen Wesens. Der Mensch empfindet sie als seine Seelen-Verfassung. Er erlebt sie in der Wirkung auf das bewusste Seelenleben.
Von diesem Gesichtspunkte aus angesehen ist sowohl der Wille wie auch der Gedanke etwas anderes für den Morgenländer als für den Abendländer. Für das Gefühl des Morgenländers ist im Gedanke etwas Ähnliches wie die Atemluft. Die Sinne sind [bricht ab]