40. Naturerkenntnis und Geisteserkenntnis — Von der Weisheit zum Glauben
Das Leben muss nach den Idealen geformt werden. — Also muss ein Einklang möglich sein zwischen Ideal und Leben.
Deshalb darf man nicht wie Harnack sagen: «Absolute Werturteile schafft immer nur Empfindung und Wille». Nein, dasselbe Leben, das draußen die Pflanzen schafft und die Tiere belebt, schafft in dem Menschen die Werturteile. Findet ihr den geistigen Quell des Lebens nicht in dem stummen Stein, nicht in der sprossenden Pflanze, so müsst ihr bald erlahmen, an ihn in eurer eigenen Seele zu glauben. Sind euch die Naturgesetze, die eure Wissenschaft erforscht, etwas für sich, und die Gesetze, die auch euren Wert geben, ebenso etwas für sich, etwas von jenen Getrennte: dann verliert ihr leicht die Sicherheit gegenüber den Letzteren. Dass ihr an die Naturgesetze glaubt, dazu zwingt euch eure wissenschaftliche Beobachtung, an die ihr glauben müsst, wenn ihr nicht eure Augen und Ohren und euren Verstand verleugnen wollt. Wisst ihr, dass ebenso fest im Weltall die andern, die höhern Gesetze wirken, die erst in eurer Seele aufblitzen, dann müsst ihr euch sagen: so wahr wie jene sind diese. Und wenn ihr nicht eure Ideale lebet, so ist es, wie wenn die Sonne nicht ihre Bahnen verfolgte. Eine Sonne, die nicht in diesen Bahnen kreiste, störte den Gang des Weltalls; ein Mensch, der nicht seine Ideale lebt, stört es ebenso. Und warum empfinden viele diese Störung nicht? Weil sie nicht den gleichen Quell in beiden sehen. Weil sie ihren Glauben von ihrem Willen trennen. Das Kind dieser Trennung ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben.
Es leben genug dieser Gleichgültigen heute unter uns. Sie genießen das Licht und die Wärme der Sonne, sie befriedigen ihre ihnen von den Naturgesetzen eingepflanzten Alltagsbedürfnisse. Und wenn sie das getan haben, dann ergötzen sie sich höchstens noch an einer oberflächlichen Literatur und Kunst, die nichts ist als ein Abglanz und Spiegelbild dieser Alltagsbedürfnisse. Scheu vorbeigehen solche an den weltumspannenden Fragen, die jahrtausendelang die Blütegeister der Menschheit belebt haben. Es geht ihnen nicht sonderlich tief, wenn man zu ihnen von den «ewigen» Bedürfnissen der Menschen, von dem spricht, was J. G. Fichte als die «Bestimmung des Menschen» gefasst hat.
Und warum tun sie so? Weil sie nicht dieselbe zwingende Gewalt fühlen bei den Gesetzen des Geistes wie bei denen des körperlichen Daseins. Eine andere Art hat das Gefühl angenommen, das vom Volke an die Faustgestalt des sechzehnten Jahrhunderts gehängt worden ist. Den Geist als Wissender wollte Faust erreichen. Das Volk aber wollte, dass man an den Geist glauben solle. Ein Geist, der ins Wissen treten will, ist des Teufels. — Denn er will verlockend an uns herantreten wie die Natur. Aber die Natur ist Sünde.
Dass man verdammt wird, wenn man sich dem Geiste ergibt, glaubt die heutige Menschheit nicht wie die des sechzehnten Jahrhunderts. Aber die Meinung ist ihr geblieben, dass man den Geist nicht erkennen könne, wie man die Natur erkennt. Kann sie dann nicht an ihn glauben, dann wird sie gleichgültig gegen ihn. Die Naturerkenntnis schreitet deshalb vorwärts und mit ihr alles, was durch sie getragen und entwickelt wird. Die Geist-Erkenntnis verkümmert, und nährt sich höchstens von den Empfindungen der Väter.
Und es ist nicht einmal bloß Gleichgültigkeit, die unsere Zeitgenossen veranlasst, sich so zu verhalten. Sucht der Mensch diesen Quell des Lebens in seinen Seelengesetzen, so weiß er, dass ohne ihn die Schöpfung ebenso wenig ungestört vorwärtsgeht, wie wenig ungestört die kosmische Entwicklung vorwärtsginge, hielte die Sonne nicht ihre Gesetze inne. Dann fühlt der Mensch auch, dass wahr ist, was der deutsche Mystiker Angelus Silesius sagt:
Gott mag nicht ohne mich ein einzig’s Würmlein machen: Erhalt” ich’s nicht mit ihm, so muss es stracks zerkrachen.
Ja, so wie die Sonne, die aus ihrer Bahn geht, die ganze Schöpfung, nicht nur sich selbst stört, so stört der Mensch das Leben des Würmleins, wenn er nicht seinen Seelengesetzen, seinen Idealen lebt. Und es steigt aus der Erkenntnis, dass ein Lebensquell unsere Lebensgesetze und die Naturgesetze entstehen lässt, eine kosmische Verantwortlichkeit für den Menschen. Das bedeutsame Symbol der in der Welt liegenden Weisheit, die von unserer Erkenntnis, unserem Wissen aufgenommen wird, ist Luzifer. Die andächtige Verehrung dieser Weisheit kann allein der Glaube sein. Soll nun die Weisheit ein Gegner des Glaubens, Luzifer ein Widersacher des im Glauben erfassten Gottes sein? Wohl ist der Glaube das Licht der Welt; aber das Wissen kann allein der Träger, der Bringer dieses Lichtes sein. Und Luzifer heißt Lichtträger. Ehe soll der Mensch nicht ruhen, bis seine Weisheit ihm den Glauben gebracht hat. Der Verkünder, nicht der Widersacher Gottes soll Luzifer sein. Weisheit soll Glauben, Wissen Religion gebären. —