44. Lasse das Göttliche in deiner eigenen Seele leben
[Anfang fehlt] Zu den größten dieser Umwälzungen gehört die des scheidenden Mittelalters. Eine nach der andern jener Vorstellungen schwand dahin, die man so lange als äußeren Ausdruck göttlicher Schöpferweisheit genommen hatte. In derselben Zeit, in welcher der tiefsinnige Meister Eckhart und der gemütsstarke Johannes Tauler ihre Predigten hielten, um für den Christen-Gott zu zeugen, der in ihren Herzen in neuer Glorie aufgegangen war, sann der geniale Roger Baco auf andere Art dem Wirken der Naturkräfte nach, als dies das Mittelalter gewohnt war. Jene glaubten diesem Gottesgedanken eine neue Festigung zu geben, wenn sie zeigten, wie jeder Mensch seine Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung geistig wiederlebt; dieser verfolgte seine Taten in der äußeren Welt mit dem Scharfsinne des Verstandes und den Werkzeugen des Physikers. Und siehe: anders nahmen sich diese Taten in solchem Lichte aus, als man durch Jahrhunderte geglaubt hatte. Eine Wiedergeburt des «Wortes» erlebte man in den sinnigen Schriften Jacob Böhmes; aber Kopernikus und Kepler verwandelten das Weltbild, in dem man die Schöpfermacht dieses Wortes so lange bewundert hatte. Die jenes Wort zuerst verkündet hatten, sie hatten andere Gedanken über Erde und Sterne, als sich jetzt der forschenden Menschheit aufdrängten. War es nicht natürlich, dass mit dem Zweifel über ihre Weltvorstellung auch die damit verbundene Gottes- und Seelenvorstellung wankend wurde? Konnte man noch Vertrauen haben zu einer Schrift über das Wesen des Geistes, wenn diese Schrift die Taten des Geistes in einer Art darstellte, zu der man [sich] nicht mehr bekennen konnte? Und mussten [jene], die in dieser Schrift die Gewähr für das Heil ihrer Seele sahen, nicht die Männer verdammen, die erschütterten, was man innig verbunden glaubte mit dieser Schrift? Konnte von dem Geist des Guten kommen, was Roger Baco in der Beherrschung der Naturkräfte leistete, wenn er dadurch eingriff in die Verkündigung von Jahrhunderten? Die Natur verführte diese Geister, sich anders zur Welt zu verhalten, als ihnen von dieser Verkündigung befohlen war. Es musste die Ansicht entstehen, dass Forschen in der Natur «Sünde», und dass der Geist, der aus solchem Forschen aufsteigt, «Teufel» sei, wie das Goethe in genaue Worte geprägt hat. Der «Geist der Natur» war in seinem Widerspruche erkannt worden mit dem höheren Geist, der seine Stimme im Menschenherzen ertönen lässt. Faust, der Verbündete dieses Geistes der Natur, der die Bibel unter die Bank legte, musste den bösen Mächten verfallen. Luzifer, dieser Geist der Natur, der wie der «Morgenstern» in ewiger Harmonie zur Sonne weisen sollte, schien die Leuchtkraft dieses Gestirns zu bekämpfen. Menschenweisheit, aus der einst die Gottesweisheit ihren Ursprung genommen, schien deren ärgste Feindin. Und so ist es geblieben, die Jahrhunderte hindurch. Immer mehr leuchtete Menschenweisheit hinein in das ewige Walten der Naturkräfte. Wie Gottes Schöpferkraft aus den Himmeln zu weichen schien, als Galileis Fernrohr die unendlichen Räume erhellte, so schien im neunzehnten Jahrhunderte diese Schöpferkraft aus dem wunderbaren Bau der lebendigen Wesen zu weichen, als das Mikroskop hineinblicken ließ in die Kräfte, durch die sie aufgebaut sind, und als der strebende Blick die Gesetze enthüllte, nach denen sich die Formen des Lebendigen gestalten. Kalte nüchterne Anziehungskraft hatte Newton aufgrund der naturwissenschaftlichen Entdeckungen gesetzt dahin, wo früher Seraphime gewesen waren. Anziehung und Naturgesetz sollten verständig angeschaut werden, wo man geglaubt hatte, dass die Liebe der Seraphime zu Gott die Weltenkörper um die ruhende Erde bewegten, die Herrlichkeit des Schöpfers verkündend. Natürliche Auslese hat der große Darwin dahin versetzt, wo Gottes Gedankenkraft, nach früherer Meinung, Art neben Art, in mannigfaltiger Vollkommenheit gesetzt hatte. Noch Carl von Linné, der größte Naturforscher des achtzehnten Jahrhunderts, durfte sagen: es gibt so viele Arten von Pflanzen und Tieren, als Gott ursprünglich geschaffen hatte. Nach ewigen, ehernen Gesetzen lässt der neue Menschengeist das Vollkommene aus dem Unvollkommenen weisheitslos sich selbst entwickeln. Welch böser Gefährte ist doch dieser Geist dem Menschen der Neuzeit geworden. Luzifer, der Morgenstern, Luzifer, der Lichtträger ist aus einem Führer zum Göttlichen ein Verführer zum Ungöttlichen geworden. Ein öder, entsetzlicher Glaube ist es, den dieser Luzifer dem Menschen gegeben zu haben scheint. Er weist seinen Blick durch das Fernrohr und zeigt ihm Welten, die nach ihnen notwendigen Gesetzen sich umeinanderwälzen, und in ihrem Raume findet das forschende Auge keinen Raum für den alten Gott. Er zeigt ihm die Kräfte des Lebens in der Zelle und im Menschenleib, er verspricht ihm, dereinst zu enthüllen, wie diese Gesetze in den Hirnteilen die Gedanken der Seele formen: und dann wird dieser forschende Geist auch in des Menschen Innenraum den alten Gott nicht mehr finden können.
Man verhülle nicht sein geistiges Auge vor diesem Gange der Entwicklung! Man verberge sich nicht, dass die alte Glaubensart und die neue Wissensweise einen Weltkampf in den Menschenherzen hervorgerufen haben, der eine furchtbare Perspektive für die Zukunft eröffnet. Menschen, die so ihr Auge verhüllen, und nur nach dem, was sie sehen wollen, ihr Urteil bilden, mögen der Meinung sein, dass diese alte Glaubensart sich wieder die Kreise der Abgefallenen erobern werde. Wer freien und offenen Blickes in die Welt schaut, vermag sich solches Urteil nicht zu bilden. Mit Angst und Besorgnis erfüllt es ihn, wenn er den Kampf von «Glauben» und «Wissen» verfolgt. Denn er weiß, er sieht es täglich, dass im Tageslaufe die Macht des Wissens die größere ist. Er sieht, wie allen Anstrengungen der «Glaubensstarken» zum Trotz sich eine nüchterne, seelenlose Weltanschauung aufbaut, sich die Massen erobert, welche das Herz erfrieren macht, und den Menschen verurteilt, an seiner «ewigen Bestimmung» zu verzweifeln.
Zwar wissen auch diese Klarsehenden, dass auf die Dauer diese Weltanschauung nicht herrschen wird, dass eine höhere Gottesanschauung wieder über die Erde leuchten wird. Aber sie fühlen auch, dass der Mensch nicht da ist, um reglos selbstzufrieden zuzusehen, was ohne ihn geschieht; sondern dass er berufen ist, das Vollkommene aus dem Unvollkommenen, das Höhere aus dem Niederen zu gestalten. Sagen uns die Schwachwilligen und Glaubensstarken, Gott werde die Menschen wieder zum Licht führen, dann mögen ihnen die Willensstarken entgegnen: Gottes höchstes irdisches Werkzeug ist der Mensch, und er verlangt, dass dieses Werkzeug nicht versage. Gottes Weisheit will durch Menschwille wirken. Wir sind berufen, zu fördern, was Gottes Ratschlüsse in der Welt sind. Nicht zu beruhigen haben wir uns bei dem Gedanken, dass geschehen wird, was geschehen soll, sondern festzuhalten haben wir an dem Suchen, was zu tun ist, damit wir den verlorenen Geist wiederfinden.
Aus der unvollkommenen Anschauung der Natur haben die großen Weisen die Vorstellungen genommen, mit denen sie zeigten, wie der Gott, der ihnen in ihrer Seele sich verkündigt, seine Herrlichkeit in der Außenwelt verwirklicht. Diese Vorstellungen sind andre geworden. Liegt es nicht etwa nur an unserer Schwäche, dass wir in unseren Vorstellungen nicht finden können, was unsere Ahnen in den ihrigen fanden? In dem Buche, das Faust unter die Bank legte, haben diese Ahnen gesagt, wie sie die Wege der ewigen Weisheit geschaut haben. In dem «Buche der Natur» haben auch sie gelesen, und nach dem, was sich ihnen da enthüllt hat, haben sie das innere Gotteswort äußerlich gekleidet.
Unsere Art zu lesen ist allerdings eine andere geworden. Aber sollte die Lesart den Inhalt vernichten? Könnte es nicht sein, dass uns die neue Lesart nur für eine Weile stört? Wir haben uns vielleicht betäuben lassen dadurch, dass uns das Mikroskop den Raum vergrößert hat, in dem sich abspielt, was uns vorher entgangen, und das Fernrohr hat uns in Räume geführt, die vorher die Phantasie bevölkern durfte. Könnte nicht eine verstärkte Kraft der Seele auch in dem vergrößerten Raum, und auch in den durchleuchteten Räumen den Geist finden!?
Ihr vertretet eine materialistische Weltanschauung und stützt euch auf Kopernikus und Darwin. Eure Vorfahren vertraten eine geistige Weltanschauung und stützten sich auf Plato, Moses und Aristoteles. Ihr bekämpft Plato, Moses und Aristoteles und sagt, dass ihr euch auf Eure Vernunft stützt, während eure Ahnen sich auf das Schriftwort stützten. Aber seid ehrlich und treu gegen euch selbst. Ist eure «Vernunft» etwas anderes als der «Glaube» eurer Vorfahren? Was euch jene über die Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Geist verkündet haben, das empfanden sie, und ihr nennt es «Glaube»; was euch Darwin und Haeckel sagt, das empfindet ihr, und nennt es «Vernunft». Und fragt euch, wie viele haben von euch die Wege geprüft, auf denen eure Naturforscher zu ihren Behauptungen gekommen sind? Ebenso wenig haben es getan, wie einst wenige die Wege verfolgt haben, auf denen einsame Seelenforscher zur Dreifaltigkeit gekommen sind. Ihr «glaubt» so, wie jene «glaubten». - Und, was ihr meint, aus eurer «Vernunft» zu entnehmen, habt ihr in Haeckels «natürlicher Schöpfungsgeschichte» so gelesen, wie eure Vorfahren ihre Vorstellungen in der Bibel gelesen haben.
Einer derjenigen, die unter dem Eindrucke der neuen Naturwissenschaft den «alten Glauben» bekämpften (D. Fr. Strauß), sagte: «Dass von dem Glauben an Dinge, von denen zum Teil gewiss ist, dass sie nicht geschehen sind, zum Teil ungewiss, ob sie geschehen sind, und nur zum geringsten Teil außer Zweifel, das sie geschehen sind, dass von dem Glauben an dergleichen Dinge des Menschen Seligkeit abhängen sollte, ist so ungereimt, dass es heutzutage keiner Widerlegung mehr bedarf». — Kein Einspruch soll hier erhoben werden gegen diesen Satz. Höchstens der, dass er selbstverständlich und banal ist. Aber ebenso selbstverständlich scheint doch der folgende Satz zu sein: Dass von Dingen, die draußen im Weltenraum mit dem Fernrohr beobachtet werden und von denen es ungewiss ist, ob die Vorstellungen, die wir daran knüpfen, Vermutungen sind, oder nicht; dass von andern Dingen, die ein Naturforscher mit dem Mikroskop über das kleinste Lebewesen erlauscht, und von denen wir gewiss nicht wissen, wie sie zu ihrem Leben gelangt sind, des Menschens ganze Seligkeit abhängen sollte, ist so ungereimt, dass es in kürzester Zeit keiner Widerlegung mehr bedürfen sollte.
Alles, worauf hier abgezielt wird, hat schon der große Meister Eckhart im dreizehnten Jahrhundert gesagt: Was nützt es mir, dass mein Bruder ein reicher Mann ist, und ich bin ein armer Mann; was nützt es mir, dass vor so und so viel Jahren Christus gelitten hat und auferstanden ist, wenn der wahre Mensch nicht in mir selbst aufersteht. — Lasse das Göttliche in deiner eigenen Seele leben, lasse dich nicht blenden von Fernrohr und Mikroskop; finde das Höchste in dir selbst, der du dir näher stehst als die Nebelflecken des Weltraumes, und der du dir deutlicher bist als die Kombinationen der Stoffe, die dir der Chemiker vorrechnet. Aber eines ist allerdings zu solchem Finden notwendig. Du musst auf die Worte derer ebenso hören, die dir von den Wegen sprechen, die zur Sache führen, wie du auf die Astronomen hörst, die dich über die Milchstraße unterrichten, und wie du den Zoologen Aufmerksamkeit schenkst, die zu dir von der Entwicklung der menschlichen Keimanlagen sprechen.
Spricht Darwin und Haeckel, dann hörst du gläubig hin, und bildest dir dein Weltbild nach ihren Forschungen. Fern sei es von uns andern, dir diesen Glauben zu nehmen. Denn wir haben selbst diesen Glauben. Wir bewundern die ewigen Kräfte der Natur in dem Sinne der «natürlichen Schöpfungsgeschichte». Aber warum hörst du nicht ebenso aufmerksam zu, wenn dir der Seelenforscher von den Gesetzen des Geisteslebens spricht? Warum nennst du ihn einen Fantasten, wenn er dir von den Dingen erzählt, die sich ihm enthüllt haben, wenn er aufgrund seiner sicheren Forschungswege von den Schicksalen der Seele erzählt, während du doch mit den Naturforschern anders verfährst? Du kannst nicht in dir wahrnehmen, was dir der Seelenkundige erzählt. Aber wie viele kennen aus eigener Anschauung das Keimesleben der Organismen? Um wirklich selbst zu urteilen, müssten sie erst die weitläufigen Methoden kennenlernen, die den Naturforscher zu seinen Ergebnissen führen. Ohne Zweifel: das werden sie auch bei einigem Nachdenken zugeben. Aber wenige wollen es heute für die Gesetze des Geisteslebens zugeben. So wenig ihr aber Haeckel ganz verstehen könnt, wenn ihr nicht seine Pfade wandelt, so wenig könnt ihr den Seelenforscher verstehen, wenn ihr nicht die Wege geht, die er gegangen ist. Keine «Vernunft» könnte euch das Recht geben, Haeckel zu widersprechen, bevor ihr gelernt habt, wie er zu seinen Ergebnissen gelangt ist; aber tut dasselbe mit den Seelenforschern. Dann, und nicht früher, dürft ihr von einer Zurückweisung dessen sprechen, was sie sagen. Aber dann werdet ihr euch nicht mehr so widersprechend verhalten.
Viel schwieriger sind die Wege derer, welche in eigener Weise das Geistesleben erforschen, als diejenigen sind, die zum äußeren Naturleben führen. Aber darum nehmen sich diejenigen, welche gegen die Ergebnisse der Geistesforscher sprechen, nicht minder sonderbar aus wie diejenigen, welche gegen die Ergebnisse des Keimlebens sprechen, ohne jemals einen tierischen Keim in seiner Entwicklung beobachtet zu haben.
Mit den Tatsachen des Geisteslebens wird es diese Zeitschrift zu tun haben. Nichts, gar nichts verlangt sie von den Menschen, als dass sie ihr die gleiche Gesinnung entgegenbringen, die heute unzählige Menschen den Naturforschern entgegenbringen. Aus eigener, tiefster Erfahrung, werden manches von dem, was hier gesagt wird, vielleicht nur wenige sofort zu prüfen in der Lage sein. Aber ist es anders mit den Tatsachen der Natur? Niemand kann aber von der Möglichkeit einer Prüfung ausgeschlossen sein.
Und näher als jeglicher Gegenstand in der Natur steht uns, was hier zur Sprache kommt: der Menschengeist. Wovon zu jedem hier gesprochen wird, ist ja nichts anderes als er selbst. Er selbst, dem er scheinbar so nahe steht, und den er doch zumeist so wenig kennt. Es gibt viele, die wenig Neigung haben, sich um diesen Menschengeist zu kümmern. Für sie gilt, was der große Fichte von ihnen sagt: Der Geist, um den sie sich so wenig kümmern, gebe ihnen zur rechten Zeit Sonnenschein und Regen, kleide und nähre sie - denn das verlangt ihr Körper; ihr Geist ist noch nicht erwacht, sie kümmern sich nicht um ihn.
Für alle jene aber, die nach der Sonne des Geistes suchen, wollen wir das Wort ergreifen. Wir wollen diese Sonne suchen, hinter den Wolken, die sich nur zerteilen, wenn die so viel missverstandenen Zeichen des Buches richtig gelesen werden, das Faust einst mit der Bibel vertauschen wollte. Wir wollen uns nicht durch Mikroskop und nicht durch Fernrohr, nicht durch die Gesetze, nach denen die Planeten kreisen, und nicht durch die stofflichen Prozesse, die wir unter der Schädeldecke vermuten, den freien Geistesblick trüben lassen in das Schicksal der Seelen. Wir wollen Bundesgenossen der Wissenschaft sein; aber nicht Sklaven ihrer missverstandenen Folgerungen, sondern ihre Gefährten, die im Geiste die Wege wandeln, die sie außen im Stoffe verfolgt.