The Essence of Christianity

GA 68a — 11 December 1903, Weimar

Weltgesetz und Menschenschicksal — Eine Weihnachtsbetrachtung

I. Bericht in «Deutschland», Drittes Blatt, vom 13. Dezember 1903

Freitagabend hielt im Erholungssaale Dr. Rudolf Steiner den dritten der angekündigten sechs theosophischen Vorträge über: «Weltgesetz und Menschenschicksal — eine Weihnachtsbetrachtung». Er führte Folgendes aus:

Als eine «Welt im Kleinen» (Mikrokosmos) wird von alters her der Mensch bezeichnet gegenüber der «Welt im Großen» (Makrokosmos). Zu einer solchen Anschauung kommt nicht nur der Verstand, sondern auch das Gefühl, indem es sich zu dem erhabenen Sternenhimmel und zu den Idealen des menschlichen Geistes mit gleicher Ehrerbietung und Begeisterung erhebt. Zwei Dinge, sagt Kant, erfüllen das Gemüt mit immer zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: «der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir». Aber man kann ebenso gut sagen: Wie ungleich sind doch die «große» und die «kleine Welt». Der gestirnte Himmel mit den ewig unwandelbaren Gesetzen und die moralische und geistige Menschennatur, die nur tastend und unsicher ihren Gesetzen folgt und alle Augenblicke abirrt. Dem gestirnten Himmel gegenüber erstehen die größten Bewunderer in den Wissenden, die seine Gesetze erforschen. Keppler jauchzte förmlich in Bewunderung auf, als er die Geheimnisse der Planetenbahnen erforscht hatte. Das menschliche Herz in seinem Wankelmut und seinen Wirrsalen ruft dagegen in denen die meisten Bedenken hervor, die es am genausten kennen. Goethe, einer der besten Kenner dieser Menschennatur, flüchtet von deren Irrgängen immer wieder gern zu der unbeirrbaren Gesetzmäßigkeit der äußeren Natur. Goethe hat selbst die Fährte gewiesen, um sich solchen Empfindungen gegenüber zurechtzufinden. Sagt er doch: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.» Das ist ein Gebot, das niemand an die Natur stellt. Der Mensch kann getadelt werden, der die Pfade des Rechts und der Tugend verlässt, nicht aber der Vulkan, der unsägliche Verheerungen anrichtet. Die Natur muss man mit sich selbst in Harmonie finden, auch wenn sie zerstörend wirkt. Man weiß, ihre Gesetze sind unwandelbar. Waren sie es immer? Nein, die Gesetze der Planetenbewegung, über deren Entdeckung Keppler aufjauchzt, hat sich das Sonnensystem erst nach langem kosmischem Kampfe gegeben. Aus dem chaotischen Urnebel heraus ist die Harmonie geboren. Diejenige Forschung, welche zu den übersinnlichen Tatsachen zu dringen vermag, zeigt, dass die äußere Natur aus dem Geiste, aus dem Weltgedanken herausgeboren ist, wie die menschlichen Handlungen aus menschlichen Gedanken geboren sind. Hier klärt die Theosophie auf über den Unterschied zwischen Menschen und äußerer Natur. Der Mensch ist ja nicht bloß das physische Wesen, das mit den äußeren Sinnen wahrgenommen werden kann. Er hat innerhalb seines physischen Körpers noch den seelischen Organismus (Astralkörper) und innerhalb des Letzteren erst den ewigen Geist (Mentalkörper), in dem die Gedanken, in dem das moralische Gefühl, die Stimme des Gewissens ihren Ursprung haben. Zwischen diesen drei Bestandteilen seines Wesens besteht im Menschen noch gegenwärtig der Kampf, der in der äußeren Natur zu einem vorläufigen Abschluss gekommen ist. Auch diese äußere Natur ist einstmals Gedankenwelt gewesen; sie ist durch die Stufe des seelischen (astralen) Daseins hindurchgegangen, bevor sie das geworden ist, als was sie heute vor uns steht. Aber die Kämpfe auf diesem Felde sind vorbei. In der leblosen Natur sind keine unbefriedigten Begierden und Leidenschaften mehr vorhanden, die ihren Sitz im seelischen (astralen) Körper haben. Beim Menschen ist das noch nicht der Fall. Seine Entwicklung, seine Vervollkommnung soll ihn erst dahin führen, dass seine urewigen, in der Gedankenwelt liegenden Gesetze ihren harmonischen Ausdruck im äußeren physischen Dasein, in den Handlungen finden. Dieser nicht vorhandene Einklang zeigt sich auch in dem Verhältnis zwischen dem Schicksal und dem Charakter, der Gesinnung. Der Gute muss oft leiden, der Schlechte ist glücklich; die ruchlose Tat trägt oft im äußeren, sinnlichen Dasein dieselbe Frucht wie die edle Handlung des Menschenfreundes. Nur dadurch kommt man zu einer Lösung dieser scheinbaren Ungerechtigkeit in der Welt, dass man sich auf den Standpunkt des großen Gesetzes von den geistigen Ursachen und Wirkungen stellt, das in vielen Leben des Menschengeistes den Ausgleich dafür bringt, was in einem Leben nimmer zu verstehen. Nicht nur die Theosophen der Gegenwart wissen davon, dass der Menschengeist sich nicht bloß einmal, sondern viele Male verkörpert, sondern tiefere Geister aller Zeiten haben sich zu dieser Anschauung bekannt. Als Beispiele brauchen nur Giordano Bruno und Lessing angeführt zu werden. In einem Leben des Menschen erscheint vieles unbegreiflich, weil es seine Ursache in früheren Leben hat. Jemand, der besonders klug ist, trägt die Anlage dazu deshalb in sich, weil er in einem früheren Leben Erfahrungen gemacht hat, die ihn zu seiner Klugheit führten. Alle die schmerzlichen Erfahrungen, die wir im vergangenen Leben dadurch gemacht haben, dass wir uns bloß der Lust und Unlust in unseren Handlungen überlassen haben, sie führten in dem gegenwärtigen Leben die Stimme des Gewissens herbei. - Und Handlungen, Gedanken, die in dem gegenwärtigen Leben nicht die ihnen entsprechenden Früchte tragen, werden dies in folgenden Verkörperungen tun. Dies ist das große Gesetz vom Karma, von den geistigen Ursachen und Wirkungen in der Menschenwelt. Für jeden kommt dereinst eine Verkörperung, in der er so vollkommen ist, dass ihm das Gedächtnis aufleuchtet für alle früheren Verkörperungen. Dann wird er Karma als das gerechte Gesetz des harmonischen Ausgleichs und der vollkommenen Gerechtigkeit erkennen. Und er wird dann sein Leben so gestalten können, dass es nicht mehr in Irrgängen tastet, sondern sich in unwandelbaren Gesetzen bewegt, wie die Sonne im Laufe eines Jahres uns nur regelmäßige Stellungen zeigt. Immer haben die Völker daher den (scheinbaren) Sonnenlauf am Himmel zum Sinnbild genommen für die großen Vorbilder, für die Göttersöhne, für die Weltheilande, die schon vorzeitig in sich tragen die göttliche Seele, zu der sich die Menschen hin entwickeln. Auch die Christen haben im vierten Jahrhunderte die Geburt ihres Weltheilandes auf den 25. Dezember, die Zeit der Wintersonnenwende, festgesetzt. Wie diese Sonnenwende wieder das Licht bringt, so hat der Gottessohn das geistige Licht gebracht, indem er gezeigt hat, dass der Mensch zur Vollkommenheit schreitet, und indem er vorbildlich diese Vollkommenheit selbst gelebt hat. Aus den Weihnachtsklängen hören wir, wenn wir den rechten Sinn verstehen, das Ziel der Menschheitsentwicklung erklingen: den einstigen Einklang zwischen Weltgesetz und Menschenschicksal.

II. Bericht in der «Weimarischen Zeitung», Zweite Beilage, vom 13. Dezember 1903

Weimar, 12. Dezember.

Weltgesetz und Menschenschicksal. Dr. Steiners gestriger Vortrag, welcher recht schwach besucht war, sollte eine theosophische Weihnachtsbetrachtung sein. Anscheinend bestehe, so wurde darin ausgeführt, zwischen Weltengesetz und Menschenschicksal ein unüberbrückbarer Gegensatz. Indessen sei das in Wirklichkeit nicht der Fall. Dadurch, dass der Geistesstoff, der Träger des ewigen Gesetzes im Menschen, nur durch das Medium des Astralkörpers wirken könne und daher viel von seiner Kraft und Reinheit verliere, entstände im Menschenschicksal eine Disharmonie. In der großen Natur sei dieser Streit anscheinend zur Ruhe gelangt. Wohl sei die Kant-Laplace’sche Theorie von der Entstehung dieses Weltensystems aus dem Urnebel richtig, aber dieser Welt sei eine Astralwelt und eine Geisteswelt vorangegangen. Die äußere Natur sei daher gleichsam ein Vorbild für den Menschen, eine Aufforderung, zum Ziele zu eilen, zur Vervollkommnung. Die Frage, weshalb in diesem Leben der Gute oft unglücklich, der Bösewicht indessen glücklich sei, beantwortete Dr. Steiner dahin, dass die Menschen das seien, wozu sie im früheren Leben sich gemacht hätten. Die Gerechtigkeit des Karma-Gesetzes beruhe auf seiner Wirksamkeit über alle Leben des einzelnen. Auch die Klugheit der Menschen sei die Erfahrung unzähliger Verkörperungen, und nur deshalb gebe es verschiedene Arten der Klugheit, weil die Menschen früher verschiedene Erfahrungen gemacht hätten. Dieses wissen diejenigen, so erklärte Dr. Steiner, welche heute leben und sich die Fähigkeit erworben haben, auf ihre früheren Leben zurückzublicken. Jeder werde einmal, auf einer gewissen Höhe angelangt, ebenso zurückblicken können, dann werde ihm sein Entwicklungsgang vollkommen harmonisch erscheinen. — Im Laufe seines Vortrags fühlte Herr Dr. Steiner sich gedrängt, zu erklären, dass man ihn gelegentlich seines Vortrages «Die Pilgerfahrt der Seele» missverstanden habe. Dieses Missverständnis habe seinen Niederschlag in einer kritischen Notiz in der «Weimarischen Zeitung» gefunden. — Es soll hier nun keine Polemik mit Herrn Dr. Steiner provoziert werden, doch ist der Vorwurf auch heute dem Vortragenden nicht zu ersparen, dass er wiederum in seinem gestrigen Vortrage die Theosophie im Besitze der allgemein gültigen Wahrheit sein ließ. Wenn er vorsichtshalber stets die Ausdrücke gebrauchte: «Wir (die Theosophie) wissen», oder «die Theosophie weiß», oder «das wissen diejenigen, welche genügend klug geworden sind», so ist damit nur gesagt, dass die übrige Menschheit eben noch nicht so gescheit wie das Häuflein der Theosophen ist. Da aber nach Dr. Steiners Ausspruch das, was er verkündet, für die theosophisch geschulten tatsächlich die Wahrheit ist, so ist nicht einzusehen, wieso die fragliche kritische Notiz in der «Weimarischen Zeitung» von einem Missverständnis eingegeben sein soll. Jeder Religionsstifter, jeder Sektenführer, jeder Baumeister eines philosophischen Systems hat im Besitz der allgemein gültigen Wahrheit zu sein geglaubt, und nicht nur die spekulativen Köpfe glaubten es, sondern jeder noch so wenig entwickelte Mensch, jedes Tier, jede Erscheinung der Natur glaubt es. Nur dass dann die Wahrheit die Bezeichnung «Recht» trägt. Daraus, dass, wie Schopenhauer sagt, jede Erscheinung hinter sich die ganze Natur fühlte, entstand der bellum omnium contra omnes. Wenn nun wieder einmal die einzige Wahrheit gefunden sein soll, so ist es wohl berechtigt, hinter diese Nachricht ein ironisches Fragezeichen zu setzen!

German original of World Law and Human Destiny: A Christmas Reflection · ← Previous · Next →