The Essence of Christianity

GA 68a — 5 December 1908, Hanover

43. Bibel und Weisheit

Es ist zweifellos, dass die Bibel wenigstens für unsere abendländische Kultur das einflussreichste Dokument ist; denn wir dürfen sagen, dass durch dieses Dokument Jahrtausende hindurch die Seele der Menschen ein Gefüge erhalten hat bis in ihr innerstes Wesen hinein, bis in das Empfindungs- und Gefühlsleben und bis in die Willensimpulse hinein. Das ist wichtiger als der Einfluss auf das Gedanken- und Vorstellungsleben. Wir dürfen sagen: Alles, was uns im Geistesleben entgegentritt, sei es auf religiösem Boden oder auf dem Boden der exakten Wissenschaft, alles das ist, wenigstens in irgendeiner Weise, von den Wirkungen der Bibel beeinflusst. Und auch diejenigen Menschen, die heute glauben, die Bibel bekämpfen zu müssen, die sogar auf dem radikalen Standpunkt der Ablehnung stehen, auch sie erscheinen für den, welcher den Tatsachen tiefer ins Auge blickt, so, dass sie selbst in den Gründen, welche sie gegen die Bibel vorbringen, beeinflusst sind von dieser Bibel selber. In solchem Umfange erkennt man allerdings im Allgemeinen nicht den Einfluss dieses Dokumentes, und heute vielleicht am allerwenigsten; aber für den vorurteilslos Blickenden ist er tatsächlich vorhanden. Die Stellung des modernen Denkens, des Fühlens und Empfindens zu der Bibel hat sich seit langer Zeit schon gegenüber dem, was auf diesem Gebiete geherrscht hat, sehr geändert.,/p>

Die Wertschätzung der Bibel, die Art und Weise, wie sich der Einzelne, der es heute ehrlich meint, dazu stellt, das alles hat sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ganz wesentlich geändert. Und wir dürfen den Standpunkt eines großen Teiles der heutigen denkenden Menschheit, der da glaubt, fest auf dem Boden der Wissenschaft stehen zu müssen, wir dürfen diesen Standpunkt keineswegs irgendwie unterschätzen. Andere gibt es heute in unserer Bevölkerung, die ganz auf dem Boden der Bibel stehen, die alle ihre tiefsten Überzeugungen aus dieser bedeutungsvollen Urkunde schöpfen und die am liebsten nicht rechts und links schauen möchten, wenn die Wertschätzung der Bibel besprochen wird. Sie sagen: Mögen die andern denken, wie sie wollen; wir finden in den Lehren dieser Bibel alles, was unsere Seele braucht; wir sind erfüllt und befriedigt von dem, was uns die Bibel gibt.

Nun, verehrte Anwesende, dieser Standpunkt, so sehr er berechtigt sein mag für den Einzelnen, ist in gewisser Hinsicht ein recht egoistischer und keineswegs für die Geistesentwicklung ungefährlich; denn das, was in einer bestimmten Zeit Allgemeingut der Menschen geworden ist, sagen wir allgemeiner Glaube und allgemeine Überzeugung, das ist ursprünglich immer von wenigen ausgegangen. Und so könnte es wohl geschehen, dass von den wenigen, die heute glauben, die Bibel bekämpfen zu müssen, weil sie ihre Weltanschauung auf ihre Wissenschaft aufbauen wollen, dass - von diesen aus — die Überzeugungsströme sich immer weiter und weiter ergießen und schon in nicht so ferner Zukunft zu einer allgemeinen Überzeugung werden. Und deshalb ist es nicht ungefährlich, wenn man an solchen Geistesströmungen achtlos vorübergeht, wenn man nicht nach rechts oder links schaut, weil man selbst befriedigt ist. Dem, der es ehrlich meint mit der Entwicklung der Menschheit, sollte es vielmehr als eine Pflicht erscheinen, sich um das zu bekümmern, was ehrliche Wahrheitssucher gegen die Bibel einzuwenden haben und wie es sich gerade mit dieser Bibel verhält.

Es wurde gesagt, dass der Standpunkt, den die Menschen, namentlich die Führer des Geisteslebens, der Bibel gegenüber einnehmen, dass dieser Standpunkt sich geändert habe. Wir wollen diese Änderung heute nur andeuten. Wenn wir zurückschauen würden in vergangene Zeiten, so würden wir Kulturen finden, innerhalb deren die Menschen gerade dann, wenn sie auf der höchsten Spitze ihres Geisteslebens standen, nicht im Geringsten daran zweifelten, dass aus der Bibel höchste Weisheit fließt; und dass die, von denen die Bibel herrührt, nicht Durchschnittsmenschen waren, die menschliche Irrtümer in die Bibel hineingebracht haben, sondern unter höherer Inspiration standen, dass sie Weisheit in diese Bibel hineingelegt haben. Und ein heiliges Gefühl der Anerkennung war es, das gerade bei denen vorhanden war, die an der Spitze des Geisteslebens standen.

Das ist in neuerer Zeit anders geworden. Da finden wir im achtzehnten Jahrhundert einen französischen Forscher, der herausgebracht hat, dass im Alten Testament gewisse Widersprüche vorhanden sind. Er bemerkte, dass die beiden Erzählungen, die gleich im Anfang der Bibel stehen über die Schöpfungsgeschichte, einander widersprechen; da, wo das Sechs- oder Siebentagewerk geschildert wird und innerhalb desselben die Erschaffung des Menschen, und wo dann gleichsam noch einmal von Anfang angefangen erzählt wird, wie der Mensch auf eine ganz andere Weise entstanden ist.

Namentlich aber machte diesen Forscher eines stutzig: dass ein zweifacher Gottesname im Beginn der Bibel auftaucht, einmal da, wo vom Sechstagewerk die Rede ist, der Name der Elohim, und dann später der Jahve-Name. Sie können in der deutschen Bibel einen Nachklang empfinden. Sie wissen ja, dass in der deutschen Bibel der Gottesname mit «Herr», mit «Gott» und dass dann Jahve mit «Gott, der Herr» übersetzt ist oder in ähnlicher Weise. Jedenfalls können Sie den Unterschied wahrnehmen. Ich will nur erwähnen, dass die Forschung, nachdem sie dieses bemerkt hatte, sich sagte: Da muss irgendetwas geschehen sein, was unmöglich so dargestellt werden kann, als ob ein einzelner Mensch, sei es nun Moses oder ein anderer, diese Bibel geschrieben habe; es müssen da verschiedene Berichte zusammengeflossen sein. - Und nach mancherlei Erwägungen ist man darauf gekommen, dass alle Berichte, die vorhanden waren und die den verschiedenen Überlieferungen entsprachen, dass die einfach zusammengeschweißt worden sind. Ein Bericht wurde mit dem anderen vereinigt, und alle Widersprüche, die da vorhanden waren, hat man eben stehen lassen; so sagte man sich.

Von da ausgehend, verehrte Anwesende, kam dann diese Forschung, die man nennen könnte eine Zerfetzung, eine Zerstückelung der Bibel. Und heute gibt es sogar schon Bibeln, in denen die mannigfaltigsten Einzelheiten auf verschiedene Überlieferungen zurückgeführt werden. In den sogenannten Regenbogenbibeln wird dargestellt, wie zum Beispiel irgendein Stück, das in den Gesamtbericht hineingeheimnisst worden ist, von einer ganz anderen sagenhaften Überlieferung herrührt, dass also aus Fetzen der Überlieferung diese Bibel zusammengeschweißt sein soll. Immer weiter gingen so die Forscher mit dem Alten Testament vor, und dann trat mit dem Neuen Testament ein Ähnliches ein; wie könnte es denn auch verborgen bleiben, dass die vier Evangelien, wenn man sie buchstabenmäßig vergleicht, nicht übereinstimmen! Sie werden leicht herausfinden, dass im Matthäus-, Johannes- und Lukasevangelium sich Widersprüche ergeben. Man sagte: Wie kann der einzelne Evangelist es unter einem höheren Einflusse geschrieben haben, wenn die Berichte nicht einmal miteinander stimmen!

Namentlich aber wurde von gewissen Forschern besonders im neunzehnten Jahrhundert das Johannesevangelium, diese tiefste Schrift des Christentums, seiner Würde, ein historisches Dokument zu sein, entkleidet. Immer mehr kam man zu der Überzeugung, dass nichts anderes darin zu erblicken sei als eine Art von Hymnus, der von irgendjemand, der nicht aufgrund historischer Überlieferung, sondern aufgrund seines Glaubens niedergeschrieben sei. Keineswegs könne das, was er geschrieben habe, so sagte man, Anspruch darauf erheben, eine wahrhafte Schilderung dessen zu sein, was eigentlich im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina sich abgespielt habe.

So ist auch das Neue Testament in Stücke gerissen worden. Man behandelte das Alte und das Neue Testament wie irgendwelche andere historische Dokumente und sagte sich, dass Vorurteile und Irrtümer hineingeflossen seien und dass man vor allen Dingen mit rein historischer äußerer Forschung zeigen müsse, wie die Stücke nach und nach zusammengefügt worden sind.

Wenn wir uns so den Standpunkt klarzumachen versuchen, den die historische theologische Forschung immer mehr eingenommen hat, so müssen wir auf der anderen Seite auch auf die hinweisen, welche glauben, fest stehen zu müssen auf dem Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen, und die in ihrer ehrlichen Erkenntnis sagen: Was uns die Geologie, die Biologie und die Zweige der Naturwissenschaft lehren, das widerspricht krass dem, was die Bibel erzählt. Wenn erzählt wird, wie die Erde und die Lebewesen sich entwickelt haben, so erscheint dieses Tagewerk wie eine Legende, wie ein Mythos, der eben bei primitiven Völkern auftritt und durch den man sich in kindlicher Weise das Entstehen der Erde erklärlich machen wollte. Und ebenso weit wie vom Alten Testament hat man sich auch vom Neuen entfernt. Von all den wunderbaren Handlungen, die der Christus verrichtet haben soll, von der Art und Weise, wie diese einzigartige Persönlichkeit in den Mittelpunkt unserer Geschichte hineingerückt wird, davon will der nichts wissen, der da glaubt, feststehen zu müssen auf dem Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen; und er bekämpft radikal gerade das Prinzipielle der Bibel.

So sehen wir, dass auf der einen Seite durch die historische theologische Forschung die Bibel zerrissen und auf der anderen Seite durch die naturwissenschaftliche Forschung beiseitegestellt wird. Das mag, wie gesagt, heute nur den Gesichtspunkt Weniger charakterisieren; aber wenn sich niemand darum kümmern wollte und einfach dabei beharren wollte: Ich glaube, was in der Bibel steht! — so wäre das Egoismus. Er würde nur an sich denken und nicht daran, dass die anderen Generationen in der Zukunft als allgemeine Überzeugung haben könnten, was heute nur Überzeugung Weniger ist.

Nun können wir uns die Frage stellen: Gibt es vielleicht noch einen anderen Gesichtspunkt als die beiden, die wir eben charakterisiert haben? In der Tat gibt es noch einen anderen, und gerade dieser andere Gesichtspunkt ist es, den wir heute ins Auge fassen wollen. Es ist der, den die Geisteswissenschaft oder Theosophie vertritt. Wenn wir diesen Gesichtspunkt begreifen wollen, so können wir das am besten zunächst einmal durch Vergleiche. Der Gesichtspunkt der Theosophie gibt für die heutige Zeit gegenüber der Bibel etwas Ähnliches, wie es vor drei bis vier Jahrhunderten durch die großen Errungenschaften naturwissenschaftlicher Forschung getan worden ist. Wir wollen anknüpfen an das, was Kopernikus, Kepler und Galilei geleistet haben.

Heute fußen wir auf dem, was durch solche Persönlichkeiten wie die eben genannten geleistet worden ist. Wenn wir aber darauf zurückschauen, wie man sich vorher zur Natur verhalten hat, dann finden wir, dass in den Lehranstalten der vorhergehenden Zeit ein Buch oder eine Summe von Büchern in ganz ähnlicher Weise gegolten hat, wie für viele heute die Bibel gilt. Aristoteles, der alte griechische Forscher, der nicht nur auf dem Boden der Naturwissenschaft viel geleistet hat, der galt das frühe und auch das spätere Mittelalter hindurch im weitesten Umfange als eine umfassende Autorität; überall, wo gelehrt wurde über die Natur, da lagen zugrunde die Bücher des Aristoteles. Nicht etwa nur da, wo man sich im engeren Rahmen philosophischer Naturbetrachtung betätigte, sondern auch dort, wo es sich um spezielle naturwissenschaftliche Anschauungen handelte, lagen überall die autoritativen Schriften des Aristoteles zugrunde. Es war nicht üblich, mit eigenen Augen in die Natur hinauszuschauen, von Werkzeugen, Apparaten und sonstigen Mitteln war nicht die Rede. Noch zu Galileis Zeiten spielte sich etwas Symptomatisches ab, was in einer Art von Anekdote überliefert worden ist.

Einer von denen, die so fest standen auf dem Boden des Aristoteles, wurde von einem Kollegen seines Faches darauf hingewiesen, dass manches bei Aristoteles nicht richtig sei; so zum Beispiel wäre Aristoteles der Anschauung, dass die Nerven vom Herzen ausgingen, das widerspräche aber den tatsächlichen Verhältnissen. Er wurde nun an eine Leiche geführt, wo ihm dann wirklich gezeigt wurde, dass das nicht mit den Tatsachen übereinstimmte. Und da sagte dieser Anhänger des Aristoteles: Ja, wenn ich mir das ansehe, dann scheint es sich zu widersprechen; aber wenn die Natur mir das auch zeigt, ich glaube doch dem Aristoteles. So gab es viele, die mehr der Überlieferung, der Autorität des Aristoteles glaubten als ihren eigenen Augen.

Heute hat sich der Standpunkt gegenüber der Natur und dem Aristoteles geändert. Heute wäre es lächerlich, das, was man über die Natur wissen wollte, aus alten Büchern zu schöpfen. Heute steht der Forscher mit seinen Werkzeugen der Natur gegenüber und sucht ihre Geheimnisse zu erkunden, dass sie Gemeingut der Bevölkerung werden. Nun verhält es sich aber so, dass die, die zu Galileis Zeiten den Aristoteles so auffassten wie der vorhin erwähnte Forscher, dass die den Aristoteles gar nicht verstanden hatten. Aristoteles meinte etwas anderes, etwas viel Geistigeres mit den Nerven als das, was wir heute darunter verstehen. Darum können wir dem Aristoteles, der für seine Zeit gesehen hat, nicht eher gerecht werden, als bis wir frei und unbefangen den Blick in die Natur hineinrichten.

Das war der große Umschwung, der vor drei bis vier Jahrhunderten sich vollzog. Einen ähnlichen Umschwung erleben wir in Bezug auf die Geisteswissenschaft gegenüber dem, was geistige Tatsachen, was die geistigen Urgründe des Daseins sind.

Durch Jahrhunderte galt für unzählige Menschen die Bibel als das einzige Buch, das Auskunft geben konnte über alles, was über das Tastbare und physisch Sichtbare hinausging. Die Bibel war Autorität für die geistige Welt, wie Aristoteles im Mittelalter Autorität für die physische Welt war. Was hat es gemacht, dass wir heute dem Aristoteles gerechter gegenüberstehen können? Dass wir der physischen Welt heute unbefangener gegenüberstehen!

Und das ist es, was die Theosophie dem modernen Menschen geben soll: die Möglichkeit, in unmittelbarer Weise Kunde zu erhalten von der unsichtbaren Welt; so wie die neuere Zeit vor Jahrhunderten begonnen hat, sich von der sichtbaren Welt unmittelbare Kunde zu verschaffen. Das betont die Geisteswissenschaft, dass es eine Möglichkeit gibt für den Menschen, auch in die geistige Welt hineinzuschauen, sie wahrzunehmen, dass er nicht angewiesen ist auf Überlieferungen, sondern dass es möglich ist, selber hineinzuschauen. Das ist es, was durch die verschiedenen Mittel die wahre Geisteswissenschaft der modernen Menschheit leisten soll, ihr die Überzeugung zu bringen, dass im Menschen schlummernde Kräfte und Fähigkeiten vorhanden sind, dass es große Momente im Menschenleben gibt, in denen diese geistigen Fähigkeiten erwachen, so wie etwa bei dem Blindgeborenen, der operiert wird, die Fähigkeit erwacht, Farben und Licht zu sehen. Um mit Goethes Ausdrücken zu sprechen: Es erwachen die Geistesohren und Geistesaugen. Und dann kann die menschliche Seele in ihrer Umgebung wahrnehmen, was ihr sonst verschlossen ist. Die Erweckung der in der Seele schlummernden Fähigkeiten ist möglich, möglich ist es, dass der Mensch ein Instrument gewinnt, um in die geistigen Urgründe hineinzuschauen, wie er mit physischen Instrumenten heute in die physische Welt hineinschaut. Für die physische Welt haben wir mancherlei Instrumente, für die geistige Welt gibt es ein Instrument; das ist der umgestaltete Mensch selber.

Denn das ist das Wichtigste, dass für die Geisteswissenschaft ehrlich und ernst das Wort gilt, das wie ein Zauberwort in vieler Munde ist, das Wort «Entwicklung». Man sieht heute leicht, wie sich das Unvollkommene immer mehr entwickelt; man verfolgt diese Entwicklung emsiglich in der äußeren Naturwissenschaft, der die Theosophie nicht den geringsten Widerspruch entgegensetzen will, sofern sie auf dem Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen bleibt. Aber die Theosophie nimmt dieses Wort Entwicklung in seiner ganzen Bedeutung, sie nimmt es so ernst, dass sie hinweist auf die Fähigkeiten, die in des Menschen Seele liegen, durch die er die geistige Welt wahrnehmen kann. In diesem Raume sind geistige Wesen als die Urgründe der physischen Welt, und der Mensch bedarf nur der Organe, um sie wahrzunehmen.

Ich muss immer wieder betonen, dass es heute nur wenige geben kann, welche imstande sind, ihre Seele so umzugestalten. Zum Forschen in der geistigen Welt, zum Erkunden der Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt gehört eine große entwickelte Seele, die geöffnete Geistesaugen hat. Sind aber die Tatsachen der höheren Welt enthüllt, dann gehört nur der gesunde Menschenverstand, frei von allem Vorurteil menschlichen Intellekts und menschlicher Logik, dazu, um das, was der Geistesforscher erzählt, einzusehen. Es ist nicht richtig, wenn gesagt wird: Was nützt es uns, wenn uns dies oder jenes von der Geistesforschung mitgeteilt wird, wenn wir nicht selber hineinschauen können? —- Wie viele können sich denn von Haeckels Forschungen eine Vorstellung machen und sie verfolgen? Genau ebenso, wie es sich mit solchen Forschungen auf sinnlichem Gebiete verhält, wie da ins Bewusstsein übergeht, was der Vernunft einleuchtet, geradeso verhält es sich mit dem, was der geistige Forscher zu sagen hat, was er erforscht, erkundet in der übersinnlichen Welt. Das, was durch unmittelbare Anschauung, durch die menschlichen Erkenntniskräfte selber als übersinnliche Welt erkannt wird, das soll durch die theosophische Weltanschauung ins allgemeine Bewusstsein übergehen.

Auf der einen Seite haben wir die alte Bibel, welche uns auf ihre Art die Geheimnisse der übersinnlichen Welt und deren Zusammenhang mit der Sinneswelt darstellt, und auf der anderen Seite haben wir durch die Geisteswissenschaft das, was der Forscher unmittelbar erfährt über diese übersinnliche Welt. Ist das nicht ein ganz ähnlicher Gesichtspunkt, wie er bei der Morgenröte der modernen Naturwissenschaft uns entgegentritt?

Nun entsteht die Frage: Was hat die Geisteswissenschaft zu sagen, das uns zum Verständnis der biblischen Wahrheiten bringen könnte? Da müssen wir auf Einzelheiten eingehen. Wir müssen vor allen Dingen zeigen, dass dann, wenn der Mensch durch die von der Geisteswissenschaft überlieferten Mittel seine Fähigkeiten erweckt, er hineinsieht in die geistige Welt und sich ihm gegenüber der gegenständlichen Erkenntnis eine höhere, zunächst eine imaginative Erkenntnis entwickelt.

Was ist das: imaginative Erkenntnis? Damit ist nicht jene unbestimmte Ekstase gemeint, die man leicht mit diesem Worte verbindet, nichts von Somnambulismus und ähnlichen Dingen, sondern da liegt zugrunde eine strenge Methodik, durch die der Mensch sich diese Fähigkeiten erwecken muss. Lassen Sie uns von der äußeren Erkenntnis ausgehen, um das, was mit imaginativer Erkenntnis bezeichnet wurde, dem Verständnis nahezubringen.

Was ist denn das Charakteristische für die äußere Gegenstandserkenntnis? Sie haben die Wahrnehmung zum Beispiel des Tisches; es bleibt Ihnen nachher, wenn Sie den Tisch nicht mehr sehen, eine Vorstellung; das ist eine Art Nachklang. Zuerst haben Sie den Gegenstand und dann das Vorstellungsbild. Es gibt Philosophiesysteme, die behaupten, dass alles nur Vorstellung sei. Das ist falsch. Nehmen Sie die Vorstellung des glühenden Stahls oder Eisens; die Vorstellung wird Sie nicht brennen; aber wenn Sie der Wirklichkeit gegenüberstehen, werden Sie etwas anderes erfahren. Das ist das Charakteristische der Gegenstandserkenntnis: zuerst ist der Gegenstand da, und dann bildet sich in uns die Vorstellung. Genau das Umgekehrte muss stattfinden bei dem Menschen, der hinaufdringen will in die höhere Welt. Er muss die Möglichkeit haben, seine Vorstellungswelt zunächst so umzuwandeln, dass die Vorstellung vorangehen kann der Wahrnehmung. Das geschieht auf dem Wege der Meditation und Konzentration, das heißt durch das Versenken unserer Seele in gewisse Vorstellungsinhalte, die keiner äußeren Wirklichkeit entsprechen.

Beachten Sie einmal, wie viel von dem, was in Ihrer Seele lebt, abhängig ist von der Tatsache, dass Sie an einem bestimmten Tage in einer bestimmten Stadt geboren sind. Nehmen Sie an, Sie wären nicht an diesem Tage und nicht in dieser Stadt geboren, und versuchen Sie einmal zu denken, welche anderen Erfahrungen dann in Ihrer Seele leben würden, was dann vom Morgen bis zum Abend Sie durchströmen würde. Mit anderen Worten: Machen Sie sich klar, wie viel von dem Inhalt Ihrer Seele abhängig ist von Ihrer Umgebung, und dann lassen Sie alles das weg, wovon Sie von außen her angeregt werden. Versuchen Sie einmal zu denken, wie viel dann noch darinnen bleiben würde in Ihrer Seele. Alles, was in Ihrer Seele an Vorstellungen der äußeren Welt hineinfließt, das muss Tag für Tag gründlich hinausgeworfen werden, und dafür muss eine Zeit lang in Ihrer Seele an Vorstellungsinhalten leben, was nicht irgendwie von außen angeregt ist, was nicht eine äußere Tatsache, ein äußeres Geschehnis abbildet.

Da gibt Ihnen die Geisteswissenschaft, wenn Sie den Weg ernstlich suchen, eine ganze Summe von Vorstellungen an die Hand, von denen ich beispielsweise sprechen will. Ich will Ihnen zeigen, wie durch bestimmte Vorstellungen die Seele heraufgeführt werden kann nach und nach in die höheren Welten. Diese Vorstellungen betrachten wir wie die Buchstaben im Alphabet. Es gibt in der Geisteswissenschaft nicht bloß 22 bis 27 Buchstaben, sondern Hunderte und Aberhunderte, durch die die Seele lesen lernt in der geistigen Welt. Ein einfaches Beispiel: Wir nehmen das bekannte Rosenkreuz, und zwar in seiner einfachsten Form, das schwarze Kreuz mit sieben roten Rosen geziert. Es hat ganz besondere Wirkungen, wenn die Seele sich einmal fünfzehn Minuten lang mit Ausschluss von allem, was von außen anregt, ganz hineinversenkt in die Vorstellung dieses Rosenkreuzes.

Um ein wenig einsehen zu können, was da in der Seele geschieht, wollen wir uns verstandesgemäß vertiefen in das, was das Rosenkreuz bedeutet. Es ist das nicht das Wichtigste dabei; aber damit Sie sehen, dass man es wenigstens skizzenhaft angeben kann, sei das hingestellt. Ich werde es in Form eines Dialogs zwischen Lehrer und Schüler sagen.

Der Lehrer sagt zum Schüler: Sieh’ dir die Pflanze an, die mit der Wurzel im Boden steht und herauswächst bis zur Blüte hin. Vergleiche sie mit dem Menschen, der vor dir steht, wie er organisiert ist. Vergleiche den vollkommeneren Menschen mit der unvollkommenen Pflanze. Der Mensch hat Selbstbewusstsein, er hat in sich, was wir ein Ich nennen. Aber dafür, dass er dieses Höhere in sich hat, dafür hat er in den Kauf nehmen müssen etwas, was seine niedere Natur ausmacht, die sinnlichen Leidenschaften. Schauen wir auf die Pflanze, sie hat kein Selbstbewusstsein. Sie hat nicht in sich ein Ich. Aber dafür ist diese Pflanze auch noch nicht behaftet mit Leidenschaften, Trieben und Instinkten. Keusch und rein stellt sie sich in ihrer grünen Schönheit vor das Auge. Sieh’ dir an, wie der Chlorophyllsaft in der Pflanze kreist, und sieh’, wie im Menschen das Blut pulsiert. Da, im Blute, drückt sich aus, was an Instinkten und Leidenschaften dem Menschen eigen ist. Dafür hat er sein Selbstbewusstsein errungen. Jetzt sieh dir nicht bloß den jetzigen Menschen an, sondern schaue im Geiste auf einen fernen Zukunftsmenschen, auf das, was aus dem Menschen werden kann in einer fernen Zukunft. Er wird sich weiterentwickeln, er wird überwinden, läutern und reinigen die Begierden und Leidenschaften, und ein höheres Selbstbewusstsein wird er erhalten, sodass im Geiste du erblicken kannst einen Menschen, der wiederum die reine Keuschheit der Pflanzennatur errungen hat. Aber weil er auf höherer Stufe angelangt ist, lebt sein Selbstbewusstsein in der reinen Keuschheit. Sein Blut wird gereinigt sein, so keusch und rein wie der Pflanzensaft. Sieh dir an, wie in der roten Rosenblüte das Vorbild von dem ist, was das Blut einstmals werden soll. Da hast du das Vorbild des höheren Menschen. Du hast dann im Rosenkreuz die schönste Umschreibung des Spruches von Goethe: Wer das nicht hat, dieses Stirb und Werde, der bleibt ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde. «Stirb und Werde», was bedeutet es? Das heißt, dass im Menschen die Möglichkeit vorhanden ist, über sich hinauszuwachsen. Das, was abstirbt, was überwunden wird, das bedeutet das schwarze Kreuz, das, was heute der Ausdruck ist für seine sinnlichen Begierden. Die reine, keusche Pflanzenblüte, die Rosenblüte soll symbolisch sein für das Blut. Die roten Rosen und das schwarze Kreuz, sie stellen dar die innere Aufforderung, über sich selbst hinauszuwachsen.

Diese verstandesgemäße Aufklärung ist nicht die Hauptsache, sie ist nur da, damit wir so etwas begreifen können. Das, worauf es ankommt bei einer solchen Meditation, ist, dass man sich vertieft in dieses Symbolum, dass es als Bild vor uns steht. Und wenn einer kommt und sagt: Ja, da sprichst du vom Rosenkreuz, das ist aber nichts Wirkliches und entspricht keiner Realität, dann muss erwidert werden: Nicht darauf kommt es an, dass du durch das Rosenkreuz etwas über die äußere Welt erfährst, sondern wichtig ist die Wirkung des Rosenkreuzes auf die Seele und die in ihr schlummernden Fähigkeiten. Es würde keine der äußeren Welt entsprechende Abbildung so wirken können wie gerade dieses Bild in seiner Vieldeutigkeit und in seiner Unwirklichkeit. Wenn die Seele dieses Bild auf sich wirken lässt, dann schreitet sie immer weiter, und es wird ihr endlich möglich, in einer Vorstellungswelt zu leben, die zunächst freilich eine illusorische ist. Wenn aber die Seele genügend lange in Geduld und Energie in dieser Vorstellungswelt lebt, dann erlebt sie ein bedeutsames Ereignis. Es kommen ihr dann aus ihrer geistigen Umgebung die geistigen Tatsachen, die geistigen Wesenheiten entgegen, die sie sonst nicht einsehen kann. Und jetzt kann sie ganz genau unterscheiden die bloße Vorstellung, die Illusion, von der wahren, echten Wirklichkeit.

Gewiss, man darf kein Schwärmer werden, denn das ist gefährlich. Kein Phantast darf man werden, sondern man muss sich alle Nüchternheit und den festen Boden bewahren. Wenn man schwärmt, dann geht es einem schlecht, wenn die geistige Welt hereinbrechen soll. Erhält man sich aber bis dahin seine absolute Sicherheit in der Empfindung des Wirklichen, dann weiß man, wo hereinbrechen wird die geistige Tatsache, und man lebt sich hinauf zur geistigen Welt.

Sie werden es vielleicht schon geahnt haben aus dem, was ich gesagt habe, dass die Vorstellung über die geistige Welt eine ganz andere ist als die über die sinnliche Welt. Die geistige Welt kann für unmittelbare Anschauung nicht gegeben werden durch eindeutige Vorstellungen; und jeder, der da glaubt, das, was einem entgegentritt in der geistigen Welt, ebenso beschreiben zu können wie die sinnliche Welt, der kennt sie eben nicht. Man kann nur Bilder hinstellen, die aber verstanden werden müssen als Bilder. Wenn der Geistesforscher hineinblickt in die geistige Welt, dann sieht er das, was als geistige Urgründe dem Physischen zugrunde liegt. Und er sieht nicht nur, was in der Gegenwart zugrunde liegt, sondern auch, was in der Vergangenheit zugrunde gelegen hat. Eines zeigt sich ihm vor allem: dass der Mensch, der uns heute zunächst als physisches Wesen entgegentritt, nicht immer ein physisches Wesen war. Die äußere Naturwissenschaft kann uns nur an der Hand der physischen Tatsachen zurückführen zu dem, was der Mensch als physisches Wesen einmal war, und der Geistesforscher hat dagegen nichts einzuwenden. Aber das, was uns physisch entgegentritt, hat seinen Ursprung in einem Geistigen. Der Mensch war als ein geistiges Wesen früher da als irgendetwas anderes.

Als die Erde überhaupt noch nicht physisch war, befand sich der Mensch im Schoße göttlicher Wesenheiten. Geradeso wie sich das Eis aus dem Wasser heraus verfestigt, so hat sich der physische Mensch verfestigt aus dem geistigen Menschen. Die Geisteswissenschaft zeigt, dass das Physische mit dem Geistigen fortdauernd in Berührung steht. Aber alles das, was dem Physischen zugrunde liegt, kann nur in Bildern ausgedrückt werden, wenn wir überhaupt der physischen Vorstellung uns annähern wollen.

Was zeigt sich zum Beispiel, wenn der Mensch wieder die geistige Entwicklungsstufe erreicht hat, was stellt sich ihm dann dar? Dann findet er in gewisser Beziehung die biblischen Bilder wieder, wie sie im Sechs- oder Siebentagewerk gegeben sind. Dem Geistesforscher erscheinen die Bilder in der Tat so, wie sie uns im Sechs- oder Siebentagewerk gegeben werden. Diese Bilder entsprechen allerdings nicht einer physischen Beschreibung, aber der Forscher, der in die geistige Welt hineinschaut, sieht in einem hellseherischen Bewusstsein, wie der Schreiber der Genesis in den Bildern die Entstehung des Menschen aus dem Geistigen heraus gegeben hat. Und wunderbar, Stück für Stück stellt sich eine Kongruenz dar zwischen dem, was der Geistesforscher sieht, und dem, was uns als die biblischen Bilder entgegentritt. So unbefangen wie der Naturforscher an die physische Welt herangeht, so kann der Geistesforscher das verfolgen, was in der Bibel steht. Seine Weisheit sucht er nicht in der Bibel; er findet aber eine gewaltige Übereinstimmung mit den biblischen Bildern.

Nur eine solche Übereinstimmung will ich noch erwähnen. Es zeigt sich, wenn wir auf alte Zeiten zurückgehen, dass da andere geistige Wesenheiten hinter der Entwicklung des Menschen stehen als später von einem bestimmten Zeitpunkt ab.

Viele werden wissen, dass wir in dem heutigen Menschen ein Wesen haben, das aus vier Gliedern besteht. Er ist zusammengesetzt aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib — Träger von Lust und Leidenschaften und so weiter - und dem Ich, dem Träger des menschlichen Selbstbewusstseins. Die drei niederen Glieder, der physische Leib, der Ätherleib und der Astralleib, waren lange vor dem Ich schon vorhanden. Das Ich ist am spätesten hineingegliedert worden in den Menschen. An diesen drei Gliedern haben geistige Wesenheiten mitgewirkt, die uns in der Bibel als Elohims bezeichnet werden. Und als nun das Ich begann, sich einzugliedern in die dreigliedrige Wesenheit, da wirkte eine andere Wesenheit aus der Geisteswelt mit; und wer tiefer in die Bibel eindringt, wird finden, dass diese geistige Wesenheit mit Recht als Jahve bezeichnet wird. Und aus inneren Gründen der Entwicklung selber sehen wir, wie an einem bestimmten Punkt der Darstellung anstelle des alten Gottesnamens der neue eingeführt wird. Wir sehen auch, wie es mit dem Ursprung des Menschen sich verhält, der auf zweifache Weise in der Bibel erzählt wird. Denn in der Tat ist der dreigliedrige Mensch aufgelöst gewesen im ganzen Weltall; er ist von Neuem geworden, und dann bildete sich im umgestalteten dreigliedrigen Menschen das Ich heraus.

Das also, was wie ein Riss liegt zwischen dem ersten und zweiten Kapitel der Genesis, was so viele falsche Deutungen erfahren hat, diese zweifache Darstellung von dem Ursprunge des Menschen, findet seine Erklärung durch das, was der Geistesforscher erforschen kann. Nur müssen wir die Bibel richtig verstehen, und das ist heute nicht ganz leicht. Durch die Geisteswissenschaft zeigt sich uns, wie sozusagen im Anfange vorhanden waren höhere geistige Wesenheiten. Die Nachkommen dieser Wesenheiten sind die Menschen; sie sind entsprungen aus dem Schoße göttlich-geistiger Wesen. Ebenso wie das Kind der Nachkomme der Eltern ist, so können wir auch von den Menschen als Nachkommen der Götter sprechen. Vom Standpunkt der Geisteswissenschaft müssen wir den Menschen da, wo er als einzelner Erdenmensch vor uns auftritt, als den Nachkommen göttlich-geistiger Wesenheiten ansehen.

Sagt uns die Bibel darüber etwas? Ja, wir müssen sie nur lesen können. Der vierte Satz des zweiten Kapitels lautet: «Dies ist die Entstehungsgeschichte des Himmels und der Erden, wie sie Gott geschaffen hat ...» und so weiter (1 Mos 2,4). Dieser Satz in deutscher Sprache ist irreführend; denn er sagt gar nicht das, was an dieser Stelle in der Bibel steht. In Wahrheit müsste man den Ursprungstext so übersetzen: «Dieses, was da folgt, was jetzt erzählt wird, sind die Nachkömmlinge des Himmels und der Erde, wie sie durch die göttliche Kraft hervorgebracht sind.» Und wenn da steht: «Im Urbeginne war Himmel und Erde» (1 Mos 1,1), so sind das göttlich-geistige Wesenheiten, deren Nachkomme der Mensch ist. Ganz sachgemäß schildert uns die Bibel, was unabhängig von ihr die Geistesforschung wiederfindet. Viele von denen, die heute gegen die Bibel kämpfen, richten sich gegen etwas, was sie in Wirklichkeit gar nicht kennen. Sie kämpfen gegen Windmühlen. Genau der theosophische Sinn steht gerade im vierten Satze.

Und so könnte man Stück für Stück durch das Alte und Neue Testament hindurch zeigen, wie der Mensch, wenn er durch seine eigenen Fähigkeiten in die geistigen Welten hinaufsteigt, seine eigenen Forschungsresultate in der Bibel wiederfindet.

Es würde heute zu weit führen, wollten wir das Neue Testament in ähnlicher Weise besprechen. In meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» ist unter anderem das Lazaruswunder in seiner wahren Gestalt dargestellt. Wie heute solche Dinge behandelt werden, können sie uns niemals in ihrer wirklichen Bedeutung entgegentreten, denn die heutigen Bibelexegeten können natürlich nur das finden, was mit ihrem eigenen Wissen im Einklange steht. Ihr Wissen geht aber nicht über die sinnliche Erkenntnis hinaus, daher die vielen sich widersprechenden Deutungen und Auslegungen der einzelnen Bibelstellen. Der berufene Ausleger der Bibel kann nur derjenige sein, der dieselben Wahrheiten, die die Bibel enthält, erst unabhängig von ihr zu gewinnen vermag. Denken Sie, dass es ein altes Buch gibt, die Geometrie des Euklid. Wer von Geometrie etwas versteht, kann das Buch lesen. Aber Sie werden sich jedenfalls nur auf den verlassen, der heute Geometrie gelernt hat. Wenn ein solcher dann an Euklid herantritt, wird er dessen Lehre als wahr anerkennen. So ist auch der nicht maßgebend, der mit philologischem Sinn an die Bibel herantritt, sondern nur der, der aus sich allein die Weisheit zu schöpfen vermag.

So dürfen wir sagen, dass, wer heute eindringen kann in die geistige Welt, wem der Einfluss der geistigen Welt zugänglich ist, dass der die Bibel versteht. Ihm tritt aus der Bibel die Gewissheit entgegen, dass sie von Eingeweihten, von Inspirierten verfasst worden ist, und derjenige, der heute in die geistige Welt einzudringen vermag, der versteht die großen Schreiber der Bibel. Der weiß, dass es wirkliche Eingeweihte, Erweckte sind, die ihre Erfahrung aus der geistigen Welt heraus geschrieben haben; und wer das erkennen kann, der erkennt auch, was sie hineingeheimnisst haben.

Ich möchte hier eine Erfahrung erwähnen, die ich selbst machen konnte in Bezug auf etwas anderes. Als ich beim Goethe-Archiv in Weimar beschäftigt war und eine bestimmte Arbeit vorgelegt bekam, da war ich bemüht, rein äußerlich etwas zu zeigen. Sie kennen alle den schönen Prosahymnus «An die Natur»: «Natur, wie sind von ihr umgeben und umschlungen ...» und so weiter. Es ist mit schönen Worten darin beschrieben, dass alles, was die Natur bietet, sie durch die Liebe bietet, dass ihre Krone die Liebe ist. Dieser Aufsatz war selbst für Goethe eine Zeit lang verschollen, und als Goethe ein alter Mann war und der schriftliche Nachlass der Herzogin Amalie übergeben wurde, fand man diesen Aufsatz. Man fragte Goethe, und er sagte: Ja, ich erkenne meine Idee von damals wieder. — Es ist dann dieser Aufsatz als von Goethe verfasst angenommen worden, bis besondere Haarspalter ihn nicht mehr gelten lassen wollten und ihn jemand anders zuschrieben. Ich war dabei zu erforschen, wie es sich mit diesem Aufsatze verhält. Es hatte sich herausgestellt bei mir, dass damals Goethe einen jungen Mann an der Hand hatte, der Tobler hieß und der ein sehr gutes Gedächtnis besaß. Goethe hatte bei seinen Spaziergängen seine Idee entwickelt, und jener Tobler hatte sie in sich aufgenommen; und weil er eben ein vorzügliches Gedächtnis hatte, sie nachher fast ganz wörtlich aufgeschrieben. Ich versuchte nachzuweisen, wie man aus diesem Aufsatz heraus vieles, was sich später in den Goethe’schen Ideen findet, verstehen kann. Es handelte sich also im vorliegenden Fall darum, dass die Feder zu diesem Aufsatz einer geführt hatte, der nicht Goethe war; aber die Idee selbst in ihrer Wendung und Fügung, die war von Goethe. Und das versuchte ich nachzuweisen. Nachher, als meine Arbeit erschienen war, kam ein Mann zu mir, ein berühmter Goetheforscher, der sagte: Ach, man muss Ihnen dankbar sein, dass Sie nun Licht in die Sache gebracht haben; denn jetzt wissen wir, dass dieser Aufsatz — von Tobler ist! — Wie komisch mir zu Mute war, können Sie sich wohl denken.

So stellen die sich dar, die beweisen wollen, dass im Laufe der Zeiträume dieser oder jener Teil der Bibel von diesem oder jenem geschrieben worden ist. Das ist den Leuten das Wichtigste, wer die Dinge zuletzt niedergeschrieben hat, und nicht, aus wessen Geist sie geflossen sind. Uns kommt es aber darauf an, wie so etwas wie die Bibel entstanden sein kann aus dem Geiste derjenigen heraus, die hineingeschaut haben in die geistige Welt und sie erlebt haben.

Und nun wollen wir einmal untersuchen, ob es in der Bibel selbst etwas gibt, was uns gerade diese Auffassung nahelegt. Über das Alte Testament lässt sich viel streiten, denn da haben sich die Tatsachen verdunkelt. Aber dem, der nicht streiten will, dem wird klar sein, dass uns die bedeutsame Tatsache von dem Eindringen des Ich in des Menschen ganze Natur und Wesenheit entgegentritt und sachgemäß geschildert wird. Wer vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt die Berufung des Moses am brennenden Dornbusch liest, der wird erkennen können, wie da in Wirklichkeit die Erhebung des Moses zur Geisteswelt zugrunde liegt. Als Gott dem Moses im brennenden Dornbusch erscheint, fragt Moses: «Was soll ich dem Volke sagen, wer hat mich geschickt?» Gott sprach: «Sage, der da ist, habe dich geschickt, der da sagen kann: Ich bin.» (2 Mos 3,13-14) Und wenn wir die ganze Eingliederung des Ich Stück für Stück verfolgen, dann leuchtet uns aus der Bibel erwas entgegen, was wir unabhängig von der Bibel in der Geisteswissenschaft finden.

Aber noch etwas anderes wird gezeigt; es wird gezeigt, dass es einfach durch den christlichen Standpunkt ausgeschlossen sein sollte, die Bibel wie ein anderes historisches Dokument zu betrachten. Wenn wir die Gestalt des Paulus betrachten, so können wir vieles aus einer solchen Betrachtung lernen, was uns zu dieser Erkenntnis führen kann. Wenn wir die erste Ausbreitung des Christentums in der Form, von der die späteren Gestalten des Christentums sind, studieren wollen, da finden wir bei Paulus noch gar nicht die Erzählungen, die uns in den Evangelien entgegentreten, sondern etwas ganz anderes. Was bewirkt bei Paulus den Impuls? Wodurch ist dieser einzigartige Apostel zu seiner Erkenntnis des Christus gekommen? Einzig und allein durch das Ereignis von Damaskus, nicht durch sinnliche, sondern durch übersinnliche Tatsachen. Was war es denn, was der Lehre des Paulus zugrunde liegt? Die Erkenntnis, dass Christus, trotzdem er gekreuzigt worden ist, lebt! Das Ereignis von Damaskus zeigt, dass Christus ein Lebendiger ist und dem erscheinen kann, der sich zu ihm hinaufhebt, und dass es eine geistige Welt gibt. Und er parallelisiert die Erscheinung des Christus für sich ganz und gar mit der Erscheinung für die anderen. Er sagt: «Zuerst ist er dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen, dann fünfhundert Brüdern auf einmal, dem Jakobus und den Aposteln allen, dann zuletzt endlich mir als einer Frühgeburt.» (1 Kor 15,5-8) Sonderbar, dass Paulus als Frühgeburt angeführt wird. Gerade dies zeigt aber den intimen Eingeweihten, wie Paulus als vollendeter Sachkenner der Geisteswissenschaft spricht. Er erwähnt, dass er eine Frühgeburt ist; und man erfährt daraus, dass seine Erleuchtung auf diese Tatsache zurückzuführen ist. Ich will auf die Deutung nur hinweisen. Er will damit sagen, dass er dadurch, dass er als Frühgeburt geboren ist, weniger in die Materie verwickelt ist. Darauf führt er seine Erleuchtung zurück. Er zeigt, dass er eigentlich sein Christentum auf diese übersinnliche Tatsache basiert, und dass es Überzeugung ist, die er aus unmittelbarer Anschauung gewonnen hat: Der Christus lebt und ist da.

Die erste Ausbreitung des Christentums beruht auf übersinnlichen Tatsachen. Wir könnten nachweisen, dass das, was im Johannesevangelium enthalten ist, auf übersinnlichen Eindrücken beruht, die der Schreiber des Johannesevangeliums als Mitteilung seiner eigenen Erfahrung gibt. Und dann, wenn wir wissen, dass das Christentum ursprünglich geglaubt werden konnte aufgrund von übersinnlichen Erfahrungen, und dass diese Erfahrungen gegeben sind von solchen, die hineinschauen konnten in die geistigen Welten, dann, verehrte Anwesende, werden wir nicht mehr glauben können, dass man denselben Maßstab an die Bibel legen kann wie an andere äußere Urkunden.

Wer die Evangelien prüft wie andere Urkunden, der prüft ein Dokument, dessen inneren Inhalt er gar nicht ermessen kann. Wer durch den Inhalt des Neuen Testamentes hineinsieht in die Erfahrung der Schreiber der Evangelien, der wird zurückgeführt in die geistige Welt und auf diejenigen Persönlichkeiten, die ihre Erkenntnis, ihre Weisheit aus der geistigen Welt herausgeschöpft und uns wiedergegeben haben.

Betrachten Sie diejenigen, von denen die Evangelien herrühren, in einer gewissen Weise als Eingeweihte, als Erweckte, und nehmen Sie in Betracht, dass man in verschiedenem Grade erweckt sein kann. Stellen Sie sich einmal vor, dass verschiedene Personen die Landschaft von einem Berge aus schildern; der eine steht unten, der andere in der Mitte, und der dritte am Gipfel des Berges. Da werden diese Menschen die Landschaft verschieden schildern, je nach ihrem Standpunkte. So sieht der Geistesforscher die vier Evangelien an. In verschiedenen Graden Eingeweihte waren die Schreiber der vier Evangelien. Man kann verstehen, dass sich äußerlich dies oder jenes widerspricht, wie sich in der Beschreibung der Landschaft am Berge manches widersprechen würde. Das Johannesevangelium ist das tiefste. Über das, was sich im Beginn unserer Zeitrechnung in Palästina abgespielt hat, war der Schreiber des Johannesevangeliums am tiefsten eingeweiht, weil er vom Gipfel des Berges aus geschildert hat.

So werden von der Geisteswissenschaft die Evangelien völlig erklärt, so wird auch gezeigt, wie die scheinbaren Widersprüche in der Genesis, im Beginn des Alten Testamentes, in nichts zerfließen. So bringt uns die unmittelbare Anschauung der geistigen Welt erst wiederum zur Erkenntnis der Bibel, dieses wundervollen Dokuments. Ja, wer sich einlässt in diese Geistesforschung, der wird finden, dass es vier Standpunkte gegenüber dieser Bibel gibt: Der erste ist der des naiv Gläubigen, der ihr glaubt und nicht nach rechts oder links schaut. Der zweite ist der der gescheiten Leute, die entweder auf dem Boden der historischen Forschung, der Bibelzergliederung oder der Naturwissenschaft stehen. Die sagen: Wir können die Bibel nicht als ein einheitliches Dokument anerkennen. Und ein solcher, der einsieht, dass die Naturwissenschaft der Bibel widerspricht, der wird dann ein sogenannter Freidenker oder Freigeist. Er ist in den meisten Fällen ein ehrlicher ernster Wahrheitsstreber. Man kommt dann aber über den Standpunkt der gescheiten Leute hinaus. Manche Freidenker haben zuerst den Standpunkt vertreten, dass die Bibel einer kindlichen Stufe der Menschenentwicklung entspricht und vor der Wissenschaft nicht bestehen kann. Nach einer Weile aber sind sie darauf gekommen, dass doch manches, was in der Bibel dargestellt ist, bildlich gemeint sein muss. Und das stellte sich nun dar, als wenn es eine Umkleidung wäre von Erlebnissen. Das ist der Standpunkt der Symboliker, der dritte Standpunkt. Da herrscht die reine Willkür, da herrscht die Ansicht, dass die Bibel symbolisch aufzufassen ist.

Der vierte Standpunkt ist der der Geisteswissenschaft. Da gibt es keine Vieldeutigkeit mehr; da gibt es in gewisser Beziehung das Wörtlichnehmen von dem, was in der Bibel gesagt ist. Wir werden wieder zurückgeführt zur Bibel, um sie im wahren Sinn zu verstehen. Das ist eine wichtige Aufgabe der Geisteswissenschaft, die Bibel in ihrer wahren Gestalt wiederherzustellen. Das wird ein glücklicher Tag sein, wo man in einer neuen Sprache hört, was in der Bibel ursprünglich steht, und wie verschieden das sein wird von dem, was heute gesagt wird.

Wir können von Satz zu Satz gehen und wir würden sehen, dass diese Bibel wirklich uns in allen ihren Teilen zeigt, dass sie zu den Eingeweihten spricht als ein Dokument von Eingeweihten, dass sie spricht von Erweckten zu Erweckten. Ja, wir werden durch die Geistesforschung von der Bibel nicht entfernt. Derjenige, der durch die Geistesforschung an die Bibel herantritt, der erlebt Folgendes. Er sagt sich: Einzelnes leuchtet mir auf, was ich früher bezweifelt habe, weil ich es nicht verstanden habe, und es zeigt sich, dass an ihm die Schuld lag, wenn er es nicht begreifen konnte. Jetzt aber versteht er das, was er früher nicht verstanden hatte; nun arbeitet er sich allmählich zu dem demütigen Standpunkt durch: Einiges verstehe ich und sehe den tiefen Inhalt ein; anderes dagegen erscheint mir unglaublich. Da ich jedoch früher verschiedenes nicht verstanden habe, was mir jetzt klar ist, so werde ich wohl später auch noch finden, dass auch dort ein tiefer Gehalt darinnen ist. - Und dann wird man das, was einem aufleuchtet, dankbar hinnehmen, und das, was man noch nicht erklären kann, der Zukunft überlassen.

Und die Bibel wird in Zukunft erst ihre volle Tiefe enthüllen, wenn die Geistesforschung, von allerlei Überlieferung frei, selbst in die geistigen Tatsachen eintritt; dann wird sie dem Menschen zeigen, was alles in dieser Bibel enthalten ist. Und dann wird sie uns nicht unbedeutend erscheinen; denn dann werden wir brüderlich vereint fühlen, was durch diejenigen, die die Bibel verfasst haben, in die geistige Kultur hineingeströmt ist. Wir können auch in unserer Zeit wieder erforschen durch die Einweihung das, was in den geistigen Welten lebt. Wir sehen zurück in die Vergangenheit und fühlen uns eins mit den Vorgängern, indem wir zeigen, wie Stück für Stück mitgeteilt ist von dem, was in den geistigen Welten enthalten ist. Wir können versprechen, dass die Bibel wiederum sich zeigen wird als das tiefste Dokument der Menschheit, als tiefster Quell unserer Kultur. Der geisteswissenschaftliche Standpunkt wird das alles wiedergeben können. Und wenn heute mancher, der nicht nach links und rechts schaut, sagt: Ach, die Bibel braucht nicht in so komplizierter Weise ausgelegt zu werden, gerade die Einfalt ist recht —, dann wird man einstmals erkennen, dass die Bibel, wenn man sie auch nicht versteht, wohl durch ihren geheimnisvollen Gehalt auf jedes Herz wirken muss, dass sie aber nicht nur die Einfalt verstehen kann, sondern dass keine Weisheit ausreicht, um die Bibel vollständig zu verstehen. Nicht nur für die Einfältigen, sondern auch für die Weisesten der Weisen ist die Bibel ein tiefes Dokument. Und so wird die Weisheit, wenn sie geistig unabhängig erforscht wird, zur Bibel zurückführen. Die Geisteswissenschaft wird aber der Menschheit zu allem Übrigen, was sie bringen soll, auch das bringen, was wir zusammenfassen können in die Worte: Durch die Theosophie oder Geisteswissenschaft wird eintreten eine Wiedereroberung der Bibel.

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