The Essence of Christianity
GA 68a — 29 November 1910, Hamburg
Theosophie und Bibel
Mitgliedervortrag
Was hier heute gesagt werden soll, bitte ich als Beobachtungen und Erfahrungen hinzunehmen, die der Okkultist machen kann an der Bibel oder andern alten Dokumenten der Menschheitsentwicklung. In den mannigfaltigsten Urkunden, bei den verschiedensten Völkern findet man Mythen, Sagen und Legenden, die auffallend einander gleichen. Namen, einzelne Züge der Erzählung weichen oft, sehr oft voneinander ab; doch finden sich große Ähnlichkeiten solch alter Sagen, zum Beispiel bei den griechischen und mexikanischen Völkern. Der heutige Mensch der neuzeitlichen Bildung, namentlich wenn er recht gescheit ist, sagt: «Das sind die kindlichen Vorstellungen, die sich die früheren Menschen gebildet haben.» Vom Gesichtspunkte der okkulten Forschung und durch die Beobachtung der Akasha-Chronik bekommt man aber einen gewaltigen Respekt vor diesen alten Urkunden. Die alten Mythen und Sagen sprachen zwar in Bildern, aber die Art derselben bringt uns darauf, anzunehmen, dass eine richtige Erkenntnis da war von den geistigen Hierarchien, die das bewirkten, was heute unsere Erde mit dem Menschen ist. Nicht eine kindliche Phantasie, sondern nur eine Urweisheit konnte solche Bilder schaffen. ...
In allen alten Sprachen wird durch Mythen davon geredet, dass die Sprache den Menschen von den Göttern gegeben wurde. Das ist keine so phantastische Theorie, wie sie die modernen Altertumsforscher aufstellen. Es muss eben eine Urweisheit gegeben haben, die den einzelnen Völkern je nach ihrer Begabung modifiziert gegeben wurde. ...
Bei einem Dokument, der Bibel, findet aber der Okkultist noch etwas anderes. Es ist eine ungeheure Summe von Mühe und Fleiß aufgewendet worden, um ihren Inhalt zu verstehen; und geradezu tragisch wirkt es, wenn man sehen muss, dass in gewisser Hinsicht das alles nutzlos war, denn keiner findet das, worauf es ankommt, ob nun von Orthodoxen oder Freisinnigen die Bibel betrachtet wird, einerlei — vorbeigelesen wird überall. Wir müssen ja den größten Respekt haben vor dem unendlichen Fleiß und der großen Gelehrsamkeit; aber all diese ernste und hingebungsvolle Forschung ist durch den Materialismus der Methode völlig nutzlos geworden: ein hartes Geschick, das da die Wissenschaft trifft!
Wie die Methode ist, möchte ich an einem Beispiel klarmachen. Als Goetheforscher bemühte ich mich, einen viel umstrittenen Aufsatz — «Über die Natur» — als wirklich von Goethe herrührend nachzuweisen, es gab nämlich genügend Beweise dafür, dass Goethe die verschiedenen Sätze dem Schweizer Tobler, der ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis hatte, während der täglichen Spaziergänge vorgesprochen hatte, und dieser sie gleich nachher nach dem Gedächtnis aufschrieb. Während ich der Meinung war, die geistige Urheberschaft Goethes deutlich auseinandergesetzt zu haben, bedankte sich ein angesehener Philologe sehr bei mir, dass ich doch endlich einwandfrei erwiesen habe, dass nicht Goethe, sondern Tobler der Verfasser sei! Also den heutigen Philologen kommt es darauf an, wer die Feder in die Tinte getaucht hat! So sucht man bei der Bibel nicht die geistigen Urheber, sondern die Schreiber zu erforschen. Wir aber brauchen nicht die Toblers, sondern die Goethes.
Man hat große Schwierigkeiten, besonders in der Genesis, den eigentlichen Sinn des Wortlauts wieder zu finden; denn es gab bei den alten Völkern eine Verständigung durch den Rhythmus und durch den Gleichklang der Vokale, was unserer modernen, so banalen Sprache völlig abhandengekommen ist. «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» Darin liegt etwas, was der heutige Mensch erst wieder sich erobern muss. Die Bibel bietet dar die größte Menschenseelen-Erkenntnis. Als Okkultist entdeckt man zum Beispiel, in welchem Verhältnis die einzelnen Sinnesorgane zueinanderstehen, und dann findet man: Diese Dinge stehen in der Bibel; es gehört diese Entdeckung zu den erschütterndsten Erfahrungen.
In allen andern Sagen ist nur Naturerkenntnis — es gibt babylonische Tafeln und so weiter, wo sozusagen das Vaterunser schon darauf steht, auch in der Bergpredigt werden ganz bekannte Sätze gegeben —, aber das, worauf es bei der Bibel ankommt, ist eine ganz neue Nuance, Es heißt z.B.:
Selig sind, die da betteln um Geist, denn ihnen werden gegeben die Reiche der Himmel. (Mt 5,3)
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. (Mt 6,10)
Die Gleichklänge, die sich da finden mit früher schon Dagewesenem, beweisen nichts. Aber noch etwas Eigenartiges tritt uns an der Bibel entgegen. Eine besondere Eigenschaft aller religiösen Urkunden ist: Sie wirken inspirierend, sodass wir selber weiter kommen — moderne Literatur wirkt nicht inspirierend, sondern ertötend. Und insbesondere wirkt das Alte Testament inspirierend. Eine Zeit lang befriedigt den Okkultisten diese Inspiration, aber es bleibt ein Rest, den man nur durch ein Mittel wegschaffen kann: durch eins der Evangelien oder einen der Paulus- oder Petrusbriefe. Das sind Beobachtungen, die jeder machen kann. Den Grund des Unterschiedes müssen wir uns klarmachen.
Alle Urkunden, außer dem Neuen Testament, können wir auf die Uroffenbarung zurückführen. Damals, als auf der Erde die geistigen Führer waren, da konnten die Menschen zurückblicken auf die früheren Inkarnationen bei der Einweihung. Aber je weiter die Entwicklung voranschritt, desto dunkler wurde es um die Menschen herum bei diesen Einweihungen. Zur Zeit, als das «Neue Testament» beginnt, verstand der Schüler nicht mehr so recht, was das ist, was er sah; es blieb dunkel in ihm. Der ganze große Schmerz, der in solchen Menschen lebte, die sich nicht mehr verbinden konnten mit dem Geist, wird uns klar, wenn wir uns das Schicksal einer Persönlichkeit vor Augen rücken, die in ihrer letzten Verkörperung ungefähr an der Grenze zwischen Mittelalter und neuer Zeit lebte.
Diese Verkörperung dieser äußerst problematischen Persönlichkeit war der große Philosoph Empedokles, der durch lange Zeit in Sizilien gewirkt hat. Dieser ist derjenige, der zuerst die Lehre von den vier Elementen verkündet hat. Wenn man sich in seine Seele hineinvertieft, so merkt man, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Er hat die Elemente in ihrer Stofflichkeit hingestellt, und er fühlte sich so verwandt mit ihnen, wie er eigentlich nur mit dem Geist verwandt sein konnte. Empedokles hat auch die Mysterien auf Sizilien eingeführt und er musste auskosten das tragische Geschick der damaligen Eingeweihten; er konnte nicht mehr erkennen den gemeinsamen Ursprung, weil schon der Christus-Impuls heranrückte. Er wollte eins werden mit den Elementen und stürzte sich in den Ätna. Er wäre reif gewesen, sich in ganz anderer Weise mit dem Urquell zu verbinden. Hätte er damals schon den Christus-Impuls finden können, so hätte er sich mit ihm vereinigen können; er ist entweder zu spät oder zu früh gekommen.
Wo sonst beginnen würde die Finsternis, da findet der heutige okkulte Forscher den Christusimpuls; ein Mensch der früheren Zeit konnte das nicht. Wenn der heutige Okkultist an dem Christus vorbeigeht beim Erforschen der Akasha-Chronik, so gerät er unfehlbar in die Finsternis.
Ein regelrechter Monist ist heute imstande, Ihnen zu erzählen, dass sich die moderne Wissenschaft auf Kepler vertrauensvoll berufen könne! Doch gerade dieser formulierte seine drei Gesetze aus den Sphären-Harmonien!! Er hat den Christus-Impuls gefunden!! Bekannt ist sein Ausspruch: «Ich habe die heiligen Gefäße der Ägypter entwendet» und so weiter. Wenn man auf solche Tatsachen hinweist, so pflegen sich die Monisten sehr nachsichtig zu benehmen gegen solche großen Geister. Die damalige Zeit konnte noch nicht so scharf denken, pflegt man sonst entschuldigend zu sagen. Doch Kepler hat gefunden, dass zur Zeit des Christusereignisses ganz besondere Sternkonstellationen eintraten; dass die Ankunft des Christus in dem Planeten-System geschrieben stand. Kepler hat das gefunden! Wenn wir uns auf den Okkultismus einlassen, dann lernen wir erst erkennen, welche ungeheure Bedeutung dieses Ereignis hat; wir müssen es finden in der Akasha-Chronik!
Es gibt ja heute Leute, die behaupten, dass man nicht beweisen könne, dass Jesus gelebt hat. Mit großem Leichtsinn wird da verfahren. Da behauptet zum Beispiel ein angesehener Theologe, dass ein Petersburger Gelehrter — der übrigens gar nicht einmal auf dem Boden des Christentums steht — unwiderlegliche Beweise angeführt habe dafür, dass Jesus nicht existierte. Dieser selbst, trotzdem er jetzt 90 Jahre alt und dazu blind ist, fühlte sich gedrungen, in einer kleinen Schrift darzulegen, dass er das genaue Gegenteil von dem behauptet hat, was der erwähnte Theologe ihm unterschiebt. Doch wer hat wohl die kleine Schrift gelesen? Die Zeitungen haben nichts erwähnt von diesem Widerspruch, aber die falschen Behauptungen des Theologen sind durch alle Zeitungen gegangen. So gewissenhaft geht man heute vor in solchen Dingen; es ist nicht mehr viel von Gewissen zu finden in unserm öffentlichen Schrifttum. Die Drews’sche Manier hätte man schon seit Jahrhunderten haben können; es handelt sich da gar nicht um Beweise, sondern um Empfindungen und Gefühle.
Das Bedeutsame an der Theosophie wird sein, dass sie gar keine Dokumente braucht; sondern man erforscht unmittelbar aus sich selber. Wenn es kein Evangelium geben würde, so würde durch die Akasha-Chronik der Okkultist hingeführt zu der Bestätigung und zum Wissen. Während die äußere Welt die Evangelien verlieren wird, wird sie die theosophische Forschung aufs Neue lebendig machen. — Wir stehen vor großen Entscheidungen! Auch in Bezug auf andere Dinge, auf wichtige Fragen, zum Beispiel die Lehre über den Blutumlauf und die Herzbewegung. Die gebräuchlichen Theorien darüber sind sehr mangelhaft; die heutigen Forscher nehmen das Herz als eine Art Pumpe, die das Blut in Bewegung setzt; doch das Blut ist es, welches das Herz bewegt!! Einzelne Wissenschaftler sind schon darauf gekommen, nur denken sie zu materialistisch. Benedikt zum Beispiel sagt: Das Hunger- und Durstgefühl und die Atmung sind die ... [Lücke].
Das ist doch schon etwas. Die Theosophie muss praktisch eingreifen in die Erkenntnis-Theorien der Neuzeit.
In dem Drama «Die Pforte der Einweihung» ist durch die Seherin Theodora auf das bevorstehende Ereignis der Erscheinung des ätherischen Christus hingewiesen. Es ist zeitgemäß, heute zu verkünden, wie seinerzeit der Täufer es tat:
Ändert die Seelenverfassung, denn die Reiche der Himmel sind nahe. (Mt 3,2)
Wir sind Bettler um Geist, denn wir sehen immer mehr hinein in das Licht. Jetzt kommen die Reiche der Himmel; sie sind herbeigekommen bis zum menschlichen «Ich».
Auch in der Bergpredigt müssen wir lesen:
Denn sie werden durch sich finden die Reiche der Himmel. (Mt 5,3) ... [Lücke] sich selbst vorwärts bringen — Automobile ... [Lücke]
Es werden nach und nach im Menschen Kräfte entstehen, den Christus so zu sehen, wie ihn zuerst Paulus geschen hat, dann werden die Menschen die Beweiskräftigkeit der Dokumente schon erkennen im Laufe der nächsten 3000 Jahre.