The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 6 February 1908, Karlsruhe

19. Der Lebenslauf des Menschen vom Geheimwissenschaftlichen Standpunkt

Wenn von Theosophie oder theosophischer Weltanschauung die Rede ist, dann wird wohl oft gedacht: Ach, da haben wir es mit irgendetwas zu tun, das in weltentlegene Gedankengebiete führt, wir haben es mit irgendetwas zu tun, das uns in nebelhafte, phantastische Regionen führt. Jedenfalls haben viele Menschen die Vorstellung, dass Theosophie oder, wie wir auch sagen können im wahren Sinne des Wortes, Geisteswissenschaft, dass Theosophie oder Geisteswissenschaft für praktische Menschen, für solche Menschen, die ganz darinnenstehen im Leben, dass sie für sie nichts sei!

Nun, meine verehrtesten Anwesenden, derjenige aber, der sich tiefer einlässt auf das, was Theosophie oder Geisteswissenschaft zu geben hat, und dann vermag, das Leben, unser unmittelbares Dasein auch im Lichte dieser Geisteswissenschaft zu sehen, der wird bald bemerken können, wie diese Theosophie etwas ist, das zur rechten, wahren Lebenspraxis führt, wie sie ist nicht bloß irgendein theoretisches Wissen, irgendeine Spekulation, sondern etwas, das den Menschen tüchtig, arbeitsfähig macht im Leben, hoffnungsfreudig, zuversichtlich, ja gesund macht, weil sie unmittelbar uns das alltägliche Leben - wenn wir von den richtigen Gesichtspunkten ausgehen — verständlich macht, durchschaubar macht.

Dieses alltägliche Leben bietet uns ja wahrhaftig Rätsel genug. Lösen können wir uns diese Rätsel nur dann, wenn wir das imstande sind aufzufassen, was hinter den sinnlichen Erscheinungen liegt, wenn wir imstande sind, uns zu erheben zu der Welt übersinnlicher Tatsachen. Die wenigen Male, die es mir gestattet war, hier in dieser Stadt vor Ihnen zu sprechen von theosophischen Angelegenheiten, die haben die damaligen Zuhörer ja schon bekannt gemacht mit dem, was aller theosophischen Weltanschauung zugrunde liegt. Daher soll hier nur kurz darauf hingedeutet werden.

Auf zwei Säulen, auf zwei Erkenntnisstützen ruht dasjenige, was man theosophische Weltanschauung nennt. Das ist erstens, dass sie den Menschen zeigt, dass es über unserer sinnlichen, über unserer physischen Welt eine übersinnliche, eine überphysische Welt gibt. Zweitens ist das, dass sie den Menschen bekannt macht damit, dass er selber eindringen kann - wenn er nur will — in diese übersinnlichen Gebiete, dass er seine Kräfte, seine Fähigkeiten herausholen kann aus seinem Innern.

Damit allerdings stellt sich Theosophie gegenüber weit, weit verbreiteten Vorurteilen in der Gegenwart, aber wenn auch nicht von heute auf morgen, so werden doch im Laufe der Zeit immer mehr und mehr diese Vorurteile, von denen heute weite Kreise unserer gegenwärtigen Menschen ergriffen sind, sie werden schwinden.

Viele sagen doch heute: Von übersinnlichen Welten, von einem geistigen Hintergrunde des Daseins zu sprechen, das geziemt sich nimmermehr für unsere aufgeklärte Zeit, für unsre Zeit der großen wissenschaftlichen Errungenschaften ... in den Kindheitskulturen der Menschheit, da, wo noch die Phantasie gewaltet hat, da war es, wo die Menschen träumten — so sagt man wohl — von übersinnlichen Tatsachen, von übersinnlichen Erscheinungen hinter unserer sinnlichen Welt; jetzt aber sind wir daran, dass die Wissenschaft mit ihren Werkzeugen, mit ihren Methoden uns die Welt — wie man so meint — in ihrem natürlichen, gesetzmäßigen Zusammenhang klarmacht und es nicht nötig erscheinen lässt, irgendetwas hinter dem, was man sieht und was der Verstand begreifen kann, vorauszusetzen, und viele unserer Zeitgenossen dünken sich wohl recht aufgeklärt, wenn sie alles, alles, was so hinter den Erscheinungen liegt, leugnen!

Da berühren wir die Frage: In welchem Sinne redet denn Theosophie von übersinnlichen Welten? Nicht in dem Sinne, als ob diese übersinnlichen jenseitigen Welten irgendwo in einem Wolkenkuckucksheim lägen, sondern in einem ganz selbstverständlichen Sinne, in einem völlig logischen Sinne redet Theosophie von anderen höheren Welten als diejenige ist, die unseren Sinnen zugänglich ist, in demselben Sinne redet Theosophie von diesen höheren Welten, wie ein deutscher Philosoph, Johann Gottlieb Fichte von diesen Welten gesprochen hat, als er auf der Höhe seines Denkens stand: 1809 zum Beispiel vor seinen Zuhörern in Berlin. Damals sagte er: «Ich habe Ihnen etwas zu sagen über Welten, die jenseits der gewöhnlichen sinnlichen Welt liegen, die daher auch nicht wahrgenommen werden können mit den gewöhnlichen physischen Sinnen.» Daher kann auch derjenige, welcher nur will eine Welt anerkennen, welche den physische Sinnen gegeben ist, der kann leicht alles, was man über übersinnliche Welten sagen kann, für Phantastik halten. Doch — nicht ich, sondern Fichte sagte dazumal so — denken Sie sich, sie gehen durch eine Welt von lauter Blinden als ein einziger Sehender und Sie erzählen diesen Blinden von der Welt der Farben, von der Welt des Lichts. Wenn sie wollen, so können jene auch sagen: Alles das, was ihr mir da erzählt von Farbe und Licht, das ist leere Träumerei, eine bloße Phantastik ...

... und wir können nun anknüpfen an Johann Gottlieb Fichtes Gedanken und können sagen: Nehmen wir an, ein Blindgeborener werde hier in unserem Saal hereingeführt und wir wären imstande, hier ihn zu operieren, ihm das Augenlicht zu geben. Was vorher um ihn herum war, was Sie alle sehen können mit physischen Augen, Licht und Farbe, für ihn war das nicht da, für ihn war die Welt nur, was seinem Tastsinn und den andern Sinnen gegeben war. Jetzt aber, wo er operiert ist, treten stückweise heraus aus dem öden Dunkel und der Finsternis Licht und Farbe und Glanz; sie waren um ihn, für ihn geworden sind sie aber erste eine Welt, nachdem er die Organe dafür hatte.

Nicht jeder physisch Blinde kann operiert werden, aber bei jedem Menschen ist es möglich, dass die in ihm schlummernden Fähigkeiten und Kräfte — was Goethe «geistige Augen» nennt - erweckt werden, dass ihm das erschlossen wird, dass das sich selbst erschließt bei entsprechendem Verhalten, und er wird gewahr eine Erweckung höherer Art, glanzvollerer Art, als diejenige ist, durch welche der Blindgeborene eine neue Welt auf sich eindringen sieht, wenn er operiert wird.

Wer kann logischerweise denn leugnen, dass um uns herum Welten sind, die die Sinne nicht wahrnehmen können? Logischerweise kann das niemand! Logischerweise kann jemand nur eine Aussage machen über das, was er sieht und wahrnimmt, niemals über das, was er nicht wahrnimmt. Aber immer hat es in der Welt Menschen gegeben, und auch heute gibt es Menschen, die diese in unserem Inneren schlummernden Fähigkeiten und Kräfte erweckten und die wissen, dass es um uns herum geistige Welten gibt, aus ihrer eigenen Erfahrung heraus, wissen von Welten, die wirksam sind und deren Kräfte hereinwirken in unserer Welt.

Und von diesen Welten spricht Geisteswissenschaft, Theosophie - Geheimwissenschaft nennen wir sie nur, weil der Mensch die in ihm schlummernden Kräfte erst aufwecken muss, um zu ihr zu gelangen und weil bis dahin ihm all das verborgen bleibt, aber wenn er ein Bürger dieser Welten wird, wenn ihm aufgehen die geistigen Lichter um uns herum, dann ragen für ihn herein in dieses Leben Wesenheiten, die er erst jetzt erkennen kann, die ihn ... und er gelangt so zu Erkenntnissen, die ihn erst im ganzen Sinne arbeitstüchtig, arbeitskräftig machen.

Das wird sich uns jetzt zeigen, wenn wir vom Standpunkte dieser übersinnlichen Erkenntnis aus nicht irgendetwas Fernliegendes, sondern unseren ganzen menschlichen Lebenslauf betrachten, das Alltäglichste, was es für uns gibt. Da werden wir sehen, wie wir diese Geisteswissenschaft anwenden können.

Meinetwegen kann jemand kommen und sagen: Da gibt es solche verdrehte Köpfe, Querköpfe, die nennen sich Theosophen und bringen da allerlei verwirrtes Zeug, mögen sie das für sich behalten, das geht einen vernünftigen Menschen nichts an! Gut, er mag danach handeln!

Nun gibt es aber einen anderen Standpunkt, der sich sagt: Nun, wir wollen einmal — da die Sachen doch nicht so ganz unvernünftig ausschauen — einmal probieren, das Leben so zu leben, im Leben so zu arbeiten, als wenn diese Voraussetzungen richtig wären, und wenn sie sich im Leben bewähren, dann lässt sich mit ihnen reden. Dieses ist durchaus ein gesunder Standpunkt und gerade die heutige Frage wird es uns möglich machen, eine solche Art von Bewahrheitung, von Beweis für die theosophische Grundvoraussetzung zu finden, wenn wir das, was im Vortrag enthalten ist, ins Leben einzuführen suchen.

Wir müssen da nun allerdings einen kurzen Blick auf die Wesenheit des Menschen im theosophischen oder geheimwissenschaftlichen Sinne zuerst werfen.

Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus den Menschen betrachten, so erscheint uns das, was die Sinne sehen können, was Augen sehen, Hände greifen können, ... das erscheint uns nur als ein Teil, ein Glied der gesamten menschlichen Wesenheit ... und das, dieses nennen wir im geisteswissenschaftlichen Sinne des Menschen physischen Leib.

Diesen physischen Leib hat der Mensch gemeinschaftlich mit allen um ihn herum liegenden scheinbar leblosen Wesenheiten; dieselben Stoffe und Kräfte, die draußen in den leblosen Mineralien sind, sie finden wir auch im physischen Menschenleib, aber in diesem physischen Menschenleib — überhaupt in dem Leibe eines jeden Lebewesens — sind diese Stoffe und Kräfte, die wir in der mineralischen Welt finden, so kompliziert zusammengefügt, so kompliziert ineinandergewebt, dass der physische Leib eines Lebewesens, wenn er nur den physischen Stoffen und Kräften überlassen ist, dass er dann in sich selbst zerfällt.

Was auch eine bloß materialistisch denkende Weisheitsart sagen mag - der Theosoph weiß ganz gut, was sie sagen kann —, was sie auch sagen mag: In dem physischen Leibe eines jeden Lebewesens ist eingebettet ein Prinzip, logisch für denjenigen, der diese Dinge nur philosophisch zu betrachten vermag, wahrnehmbar für den, der die höheren Fähigkeiten, die geistigen Augen — wie Goethe sagt — ausgebildet hat, das ist das zweite Glied der menschlichen Wesenheit, das wir bezeichnen als den Lebensleib oder Ätherleib. Demjenigen, der materialistisch denkt, ist er natürlich ein Nichts, man kann das gut begreifen. ...

Dasjenige, was für den, der die Dinge durchschaut, dieser Äther- oder Lebensleib ist, ist in jedem Augenblicke in uns ein Kämpfer gegen einen Zerfall des physischen Leibes. In Ihnen allen ist dieser Lebensleib ein Kämpfer, der die physischen Stoffe und Kräfte abhält davon, dass sie ihren eigenen Gesetzen folgen. In dem Augenblicke, wo der Tod eintritt, da trennt sich der physische Leib von dem Ätherleib, dann folgt der physische Leib seinen eigenen Stoffen und Kräften, dann ist er Leichnam, dann zerfällt er. So haben wir bei jedem Lebewesen dieses zweite Glied, den Ätherleib, den der Mensch also mit allen Pflanzen und Tieren gemeinschaftlich hat.

Das dritte Glied ist der sogenannte Astralleib ... Auch dieser ist wiederum eine Tatsache für den geistigen Seher. Aber eine logische Vorstellung können Sie sich davon machen, wenn Sie sich Folgendes überlegen, wenn Sie sich den Menschen, der vor Ihnen steht, betrachten, so haben Sie da vor sich nicht nur das, was Sie als physischen Körper mit Ihren physischen Sinnen wahrnehmen können, nicht nur das, was als Äther- und Lebensleib diesen physischen Körper stetig vor dem Zerfall bewahrt ... sondern da in diesem Raume vor Ihnen ist noch etwas anderes: Etwas ist in ihm, das vielen Menschen viel nähersteht als der physische Leib und der Ätherleib. Die Einzelheiten des physischen Leibes, was wissen viele Menschen davon ... aber etwas ist es, was dem einfachsten Menschen nahe, unendlich nahesteht, viel näher als sein physischer Leib, das ist die Summe von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieb, Begierden und Leidenschaften. Die Summe aller Empfindungen, die auf- und abwogen in der Seele, das, was wir Menschen Innenleben — oder menschliches Innenleben - nennen. Und den Träger dieses menschlichen Innenlebens, den nennen wir in der Geisteswissenschaft den astralischen Leib, den hat der Mensch nicht mehr gemeinschaftlich mit den Pflanzen und Mineralien, den hat er nur noch gemeinschaftlich mit der Tierwelt. So lange man der Anschauung ist, dass dieser astralische Leib, oder wollen wir alltäglich reden: dass Trieb, Begierden und Leidenschaften, Gefühle und Instinkte und die auf- und abflutenden Empfindungen, dass die nur hervorgerufen seien von dem physischen Leibe ...

In dem Augenblick erst hat man ein Recht zu sprechen davon ... wo man nicht in dem physischen und nicht in dem Ätherleib das Ursprüngliche sieht, sondern gerade in diesem astralischen Leibe das Ursprüngliche ...

Es würde uns heute zu weit führen, vollständig — wir haben heute ein anderes Ziel — zu zeigen dass der physische Leib und der Ätherleib sich zu diesem astralischen Leibe verhalten wie zum Beispiel das Eis sich verhält zum Wasser .

Wenn ein Kind kommt und zeigt ihnen ein Stück Eis und Sie sagen ihm: Das ist Wasser in fester Form, so wird das Kind das vielleicht nicht gleich einsehen, und Sie werden ihm in irgendeiner Weise klarmachen müssen, dass das Eis Wasser in anderer Form ist.

Wie das Kind nicht weiß vielleicht, dass Eis nur Wasser in anderer Form ist, so weiß derjenige, der vom materialistischen Gesichtspunkt aus diese Dinge zu betrachten gewohnt ist, aber noch nicht, dass der physische Leib und Ätherleib nur im Grunde genommen, sagen wir, verdichtet gesprochen, verdichtet ist, herauskristallisiert ist aus diesem geistigen Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, Trieb, Begierden und Leidenschaften und Empfindungen.

Alles, was physisch ist, wird seinem Stoffe nach aus dem Geistigen heraus erzeugt, sagen wir, verdichtet, herauskristallisiert.

... Sie bekommen eine Vorstellung davon ... wenn Sie das als eine kleine theoretische Abschlagszahlung für das nehmen, was Ihnen die Geisteswissenschaft allmählich umfassend zeigt. Nehmen Sie einmal die ganz einfachen zwei Erscheinungen, die der Mensch in sich erlebt: Das Schamgefühl oder das Gefühl, das sich ergibt, wenn irgendetwas in unserer Nähe den Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Angst und Schrecken machen ihn erbleichen, sein Blut nimmt ganz bestimmte Bewegungen an, es verändert sich im Leibe, es geht, wenn wir so sagen dürfen, von der Außenfläche nach dem Mittelpunkte. Das Gegenteil geschieht beim Schamgefühl ...

So haben wir einen äußeren physischen Vorgang unter dem Einfluss seelischer Erregungen.

Das ist etwas Kleines, das Ihnen zeigt, wie man Wirkungen im Materiellen aus dem Geistigen heraus sehen kann. Denken Sie sie sich gesteigert bis zu dem Vorgange, wo aufgebaut wird aus dem Geistigen das äußere Physische ... das Materielle selbst, das Physische, dann haben Sie das, wozu Sie allerdings nicht in einem Augenblick, aber in geduldigem Lernen ... die Geisteswissenschaft immer mehr und mehr befestigen und führen wird können,

Jetzt aber gibt es eines, wodurch der Mensch hinausragt über all die um ihn herum befindlichen sichtbaren irdischen Geschöpfe. Auf dieses kommen wir, wenn wir eine ganz einfache Tatsache der menschlichen Erfahrung genau studieren, auf die nur meist nicht richtig gedeutet und geachtet wird; Sie kommen darauf, um was es sich da handelt, wenn Sie eine ganz einfache Betrachtung mit mir durchmachen, die allerdings etwas subtil ist.

Zu dem Tisch kann jeder «Tisch» sagen, zu der Uhr jeder «Uhr», zu dem äußeren Gegenstand kann jeder den Namen, der ihm in der Sprache gegeben ist, aussprechen; nur einen Namen, einen kleinen Namen gibt es im Umkreis der deutschen Sprache, den nicht jeder aussprechen kann zu dem, den dieser Name bezeichnet.

Das ist der Name, der in dem Wörtchen «Ich» liegt. Nur einer kann «Ich» aussprechen, wenn dieses Ich das bedeuten soll, was es ist.

Soll das «Ich» Sie selbst bedeuten, dann kann niemals jemand zu Ihnen «Ich» sagen. Jedem anderen sind Sie ein Du, jeder andere ist Ihnen ein Du! Soll das Wörtchen «Ich» Sie selbst bedeuten, dann muss es aus dem Innersten der Seele selbst heraustönen. Darum haben alle Religionen und Weltanschauungen ... die auf der Geisteswissenschaft gefußt haben ... dies kurze Wörtchen «Ich» den unaussprechlichen Namen Gottes genannt ... dass also diejenige Kraft im Innern diesen Namen aussprechen kann, die den Zugang zur Seele nicht nehmen kann durch äußere Sinne und Organe ... das wurde die göttliche Kraft, der Funke des Gottes, der in uns ist, genannt. ...

Ja, ihr macht ja den Menschen zu einem Gotte, sagen da viele. ...

Wer diesen Vorwurf macht, der kann sich an einem anderen Beflispiel] ... Ich habe aus dem großen, umfassenden Meere einen Wassertropfen herausgenommen und ich behaupte nun, dass dieser Tropfen gleicher Substanz und Wesenheit ist mit dem Meere, aber er ist nicht das ganze Meer ...

Ebenso wenig macht der Theosoph das menschliche Ich zu einem Gotte, wenn er erklärt: Dieses «Ich» ist ein Tropfen, ein Funke der göttlichen Substanz. ... Dieses «Ich» und die ganze Summe von Kräften und Prinzipien, die den Menschen befähigt, in sich dieses Göttliche, diesen Gott, sprechen zu lassen, das nennen wir das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, das macht den Menschen zur Krone der Erdenschöpfung. ... Dadurch unterscheidet er sich von allen übrigen Wesen der Erde. ...

So steht der Mensch vor uns als eine viergliedrige Wesenheit ... Auf die weiteren, höheren Glieder der Menschennatur wollen wir heute nicht eingehen. ... Heute genügt für uns diese Einteilung. ... Wenn wir diese Glieder der menschlichen Wesenheit betrachten und den Menschen anschauen, dann in seiner Entwicklung von der Geburt bis zum Tode, dann zeigt sich uns in der Geisteswissenschaft, dass keineswegs in gleicher Weise oder in den gleichen Zeiten sich diese einzelnen Glieder entwickeln. ...

Wenn wir den Menschen vor uns haben in irgendeinem Lebensalter, so haben wir ihn nicht so vor uns, dass diese vier Glieder fix und fertig in gleicher Art immer vor uns stehen. Wir verstehen den Menschen nur, wenn wir wissen, dass in den verschiedenen Lebensaltern die Entwicklung des Menschen in verschiedener Weise verläuft ... des Menschen geht ja ein vorgeburtliches Leben voraus ...

Wir wissen, dass, wenn der Mensch geboren wird, er ein Leben hinter sich hat im Leibe der Mutter, wo sein physischer Leib umschlossen war allseitig von dem physischen Mutterleib, wo alle Organe sich nach und nach so weit entwickelt haben, dass, wenn der Mensch das Licht der Welt erblickt, sein physischer Leib vorher geschützt war durch eine äußere leibliche Hülle ... die er nun abstreift ...

Wir sprechen dann von der äußeren physischen Geburt des Menschen, wenn der Mensch diese physische Hülle um sich herum abstreift, und sein physischer Leib den äußeren physischen Elementen übergeben wird. Vorher konnten nicht die Lichtstrahlen in die Augen dringen. Wären vorher unmittelbar diese Lichtstrahlen in seine Augen gedrungen, diese Augen hätten sich nicht zu den heutigen menschlichen Augen entwickeln können. ... Und so ist es mit allen Organen des Menschen. ... Dann erst kann er den äußeren Eindrücken und Einwirkungen unmittelbar ausgesetzt, übergeben werden, wenn diese seine Organe unter dem Schutze dieser Hülle reif geworden sind für solche Einwirkungen ...

Nun spricht die Geisteswissenschaft auch noch von anderen Geburten des Menschen. ... Wenn der geistige Seher den Menschen nun betrachtet, wie er nach seiner physischen Geburt geboren ist, so sieht er zwar, wie der physische Leib den äußeren physischen Elementen übergeben ist ... noch nicht aber ist das zweite Glied der menschlichen Wesenheit da schon den äußeren Mächten, die eben auf den Ätherleib wirken, übergeben.

Das, was wir als den Ätherleib bezeichnet haben, das ist da noch umgeben von einer - allerdings ätherischen - Hülle ... und wir sprechen von einer zweiten Geburt, durch die er auch diese Ätherhülle abstreift. Der Mensch hat, wenn er physisch geboren wird, seinem Ätherleib nach noch eine Äthermutter um sich, die ihn schützt, und zwar schützt sie ihn bis zum Zahnwechsel, bis zu der Zeit, wo der Mensch die sogenannten Milchzähne verliert und allmählich seine eigenen Zähne erhält, um das siebte Jahr herum, da wird der Mensch seinem zweiten Gliede nach geboren; er streift die schützende Ätherhülle ab, wie bei der physischen Geburt die physische Mutterhülle. Wir werden gleich die volle Tragweite dieser geistigen Tatsachen kennenlernen.

Dann gibt es aber noch eine Geburt; die tritt deshalb ein, weil, wenn auch der Mensch mit dem Zahnwechsel etwa seinen Ätherleib frei bekommen hat für äußere Einwirkungen, er doch dann noch immer seinem astralischen Leibe, dem dritten Glied seiner Wesenheit nach, gleichsam von einer astralischen schützenden Mutterhülle umgeben ist, und zwar bis zur Geschlechtsreife.

Mit dieser Geschlechtsreife, etwa um das 14. bis 15. Lebensjahr, wird langsam auch diese weitere geistige Geburt vollzogen, das heißt, die astralische Mutterhülle abgestreift, und damit wird der astralische Leib des Menschen frei und kann den astralischen Einflüssen, ... die um ihn herum wirken, direkt ausgesetzt werden.

Dann kommt später erst noch eine Zeit, wo in ähnlicher Art das, was wir das «Ich» nennen, geboren wird. ...

Verstehen kann man des Menschen Lebenslauf nur, und erzieherisch wirken kann man vernünftigerweise nur auf den Menschen, wenn man das alles im ausgiebigsten Maße kennt und anwendet. ...

Wollen wir nun zuerst einmal auf das aufsteigende Leben hinschauen. ...

So kommen wir da auf ein wichtiges Feld menschlichen Wirkens, das der Erziehung und des Unterrichts. Das wollen wir betrachten und sehen, wie es sich uns darstellt, wenn wir den Menschen betrachten, seiner ganzen Natur und Wesenheit nach.

Wir wissen, dass der Mensch von der Zeit seiner physischen Geburt bis dahin, wo er die Zähne wechselt, eingehüllt ist von einer Ätherhülle, die er dann zurückstreift. Wenn wir das beobachten, dann werden wir uns sagen: Wir müssen all dasjenige, was direkte Wirkungen auf den Ätherleib oder Lebensleib sind, fernhalten, bis diese zweite Geburt geschehen ist.

Denn für den geistigen Seher ist es ebenso unsinnig, vor der Geburt des Ätherleibes mit seiner Äthermutterhülle direkte Einwirkungen auf diesen Ätherleib zu gestatten,

wie es für das gewöhnliche Bewusstsein des Menschen unsinnig wäre, vor der physischen Geburt auf den physischen Leib des Kindes direkte Einwirkungen zu gestatten.

Dasjenige, was zunächst geschieht, ist, dass sein physischer Leib, der vorher unter der schützenden Hülle gestanden hat, direkten äußeren physischen Einflüssen ausgesetzt ist, die Zeit von der Geburt bis zum siebten Jahr ist besonders die Zeit, wo wir zu überwachen haben den direkten Einfluss physischer Elemente auf den physischen Menschen. ...

Das im Einzelnen ausgestaltet ergibt viele, viele Regeln, die Ihnen da für eine gesunde Pädagogik die Geisteswissenschaft an die Hand geben kann. Vor allem handelt es sich darum, zu wissen, was da geschieht in diesen Entwicklungsjahren bis zum Zahnwechsel. Die Geisteswissenschaft sagt uns, dass bis zu diesem Zeitpunkt des Zahnwechsels die Formen, die physischen Formen des physischen Leibes festgestellt sind. ...

Die Formen vergrößern sich weiterhin nur noch, aber die Plastik der Formen, auch die feinere Plastik der Form, die Kräfteverhältnisse, in denen sie sich ausbauen werden, sie sind festgestellt bis zum siebten Jahre, und was man bis dahin versäumt hat in der Entwicklung des Menschen, das kann man nimmermehr nachholen hinterher, das hat man für das ganze Leben versäumt ...

Denn vom siebten Jahre an tritt die Möglichkeit ein, auf den Ätherleib einzuwirken. ... Da ist der physische Leib dann unter dem Einfluss des Ätherleibes, der das Wachstum dann weiter regelt ...

Daraus ergibt sich, dass die physische Umgebung die Art und Weise, wie diese physische Umgebung sich zu gestalten hat bis zum Zahnwechsel, in sorgfältigster Weise eingerichtet werden muss. Nicht nur die groben, auch die feineren Struktur- und Gestaltungsverhältnisse des physischen Leibes, sie bilden sich unter dem Einfluss dieser physischen Umgebung. ...

Ein grober Vergleich: ...

Wenn man irgendeinen Muskel anstrengt, das heißt, ihn aussetzt dem, zu dem er gehört, so wird er stark, kräftig und dehnt sich aus ... so ist cs vorzugsweise mit allen inneren Formverhältnissen des physischen Leibes ... SO ist es mit unseren Sehverhältnissen, Sehkräften ...

Die Kräfte, die in unserem physischen Körper sind, sind Werkzeuge, die der Seele dienen, die physische Welt wahrzunehmen ...

Ein Beispiel: Es ist nicht gleichgültig, was zum Beispiel für eine Farbenumgebung in des Menschen physischer Umwelt ist zwischen der Geburt und dem siebten Jahre. Je nachdem wir diese Farbe wählen, die das Kind in der Umgebung hat, je nachdem werden die inneren Kräfte der Gestaltung sich entgegenbilden dieser Farbenwelt. Nehmen wir an, zum Beispiel, wir haben ein zappeliges Kind, ein nervöses Kind, und im anderen Falle ein allzu ruhiges, ein «totes» Kind, das in seinem Gebaren, Gehabe «tot» ist. ... Das eine wie das andere muss man, damit diese Temperamentsformen in der entsprechenden Weise sich ausbilden können, in die richtige physische Umgebung bringen. ... Wer nur mit physischem Auge die Welt betrachtet, der wird ein zappeliges Kind wohl meist in die Umgebung von den sogenannten beruhigenden Farben, von Blau oder Grün bringen, während er glaubt, dass ein ruhiges Kind in die Umgebung gebracht werden solle von Rot oder Gelb ...

Hier werden unzählige Fehler gemacht. ... Denn das genau Umgekehrte ist richtig. Wer in der richtigen Weise verfahren will, der muss, wenn möglich, ein zappeliges Kind in rote, rotgelbe Umgebung bringen, ein ruhiges Kind in Blau ... oder Blaugrün.

Wenn Sie wissen, wie die innere Plastik der Organe sich gestaltet, so werden Sie das durch die bloße Logik einsehen können. Sie sehen an einer weißen Fläche einen roten Fleck starr an und dann, wenn Sie das einige Zeit getan haben, sehen Sie plötzlich auf eine andere Stelle der weißen Fläche, so sehen Sie auf leerer weißer Fläche die grüne Gegenwirkung ...

Was heißt das? Während Sie äußerlich die rote Farbe anschauen, hat das Innere des Leibes die Tendenz, die Gegenfarbe zu entwickeln. Sehen Sie das Rot an, so richtet sich der Leib innerlich so ein, dass er das Grün gestaltet, und darauf kommt es an beim inneren Ausbilden der Plastik der Organe. ...

Haben Sie nun ein unruhiges, nervöses Kind und geben Sie ihm eine rote Umgebung, so bildet sich im Innern eine Gegenkraft nach dem Grünen, Blaugrünen hin und diese gestaltet beruhigend die plastischen Kräfte der inneren Organe ...

Hier liegen die Dinge viel tiefer als eine äußere Sinnesbetrachtung das gewöhnlich darstellt ...

Manchmal wurde mir gesagt: Aber das ist doch ganz sonderbar, wenn ich bei irgendeiner Lampe, die einen roten Schirm hat, arbeite, so macht mich das aufgeregt; warum soll denn das dann bei dem Kinde günstig wirken? - ... Ich habe auch nicht behauptet, dass ein roter Lichtschein auf einen Mann von 56 Jahren günstig wirke; ich habe nur gesagt, dass er die inneren Organe, die Plastik der inneren Organe des Kindes in beruhigendem Sinne anrege. ...

Ebenso ergibt sich etwas außerordentlich Wichtiges, wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus auf das Spielzeug der Kinder Rücksicht nehmen. Sie werden schon öfters beobachtet haben, dass ein Kind mit gesundem Sinne Puppen mit schön gemalten Gesichtern und natürlichen Haaren zurückwies oder wenigstens bald schon zur Seite legte. Schauen wir uns diese Puppe genauer an und gestehen wir uns: Sie ist selbstverständlich doch scheußlich ...

Wenn Sie nun aber irgendeinmal diesem Kind gemacht haben eine Puppe aus einer alten Serviette, so werden Sie ganz andere Erfahrungen machen können. Eine Zeit lang wird das Kind ja auch Freude haben an der sogenannten schönen Puppe. Aber dann wird das Kind diese bald wegwerfen und immer wiederum zu der selbst gemachten Serviettenpuppe zurückkehren. Das ist ein sehr richtiger, gesunder Instinkt. ... Denn in dem Kind wirkt fortwährend eine Kraft, die Organe plastisch zu gestalten.

Hat das Kind nun vor sich diese selbst gemachte Puppe, so tritt Folgendes ein: Das Kind muss sich anstrengen, durch innerliche Imagination erst den Menschen daraus zu machen, es muss erst der unvollkommenen Puppe, um zum Menschenbild zu kommen, Kräfte entgegensetzen. Das tut ihm innerlich wohl und gestaltet die inneren Organe in vollkommeneren Weise aus. Diese inneren plastischen Kräfte haben nichts zu tun, wenn Sie dem Kind eine solche «schöne» Puppe vorsetzen, diese Kräfte bleiben träge, und was innerlich tätig sein soll, die Kräfte der Organe zu bilden, das kann nicht geschehen. So bilden sich die Werkzeuge in unserem physischen Leibe aus, welche tätige Kräfte sein sollen, ... wenn wir dem Kinde das zu tun geben, durch das es aus seiner Imagination heraus tätig sein muss, sich imaginieren muss etwas, was das äußere Ding ihm nicht gibt, wozu es bloß anregt.

Und der Mensch weiß gar nicht, wie viel er das Kind schädigt, wenn er ihm nicht Gelegenheit gibt, diese innere Gegenkraft in der entsprechenden Weise tätig werden zu lassen. ...

Oh, derjenige, der tiefer hineinschaut in die menschliche Natur, der weiß auch noch etwas anderes. Der weiß, dass ein gewaltiger Unterschied darin besteht, ob Sie ein Kind damit beschäftigen, dass es aus einzelnen Steinchen Figuren zusammensetzt, oder ob Sie es mit einem Spielzeug beschäftigen, das den Eindruck eines Lebendigen, innerlich Belebten macht. ... Es geht innerlich ganz etwas anderes vor ... und belebt plastisch den Leib ... wenn Sie dem Kind ein Spielzeug geben, das die Illusion des Lebendigen durch den Zusammenhang des Sich-Bewegens beim Kinde erzeugt ... Es hat alte Bilderbücher gegeben, in denen ganze Szenen dargestellt wurden in bewegten Bildern, ganze Handlungen, und die dadurch die innere Plastik wachriefen. Sie waren wunderbar geeignet, um innerlich die Organe plastisch zu entwickeln in der Zeit, in der sie entwickelt werden müssen. Derjenige, der tiefer da hineinschaut, der möchte ... wenn er oft und oft mit blutender Seele zuschauen muss, wie aus instinktivem Materialismus heraus da alles, alles versäumt wird. ...

Wer mit Geistesblicken in unsere Zeit hineinschauen kann, der kann das materialistische Denken zurückverfolgen und sehen, wie das so erzogen worden ist, dass Kinder statt lebendigen Spielzeugs Baukasten gekriegt haben, womit sie aus einzelnen Teilen irgendetwas aufbauten. Das ist dasjenige, was den materialistischen Geist erzeugt, viel mehr als die materialistische Literatur ... Materialistische Theorien sind das wenigst Gefährliche in Bezug auf den Materialismus, wenn aber das Kind seinen Körper, dieses Instrument des Menschen, in der Zeit, wo es plastisch seine Formen herausbilden soll, statt des Anschauens inneren Lebens mit dem Zusammensetzen einzelner Teile sich beschäftigt, so kommt es dazu, sich vorzustellen, dass die Welt sich aus einzelnen Atomhaufen zusammensetzt. ...

So sehen Sie, wie Geisteswissenschaft praktisch wirkt. Aber das geht noch weiter. ... Bis in die Nahrungsinstinkte hinein können Sie von der Geisteswissenschaft aus den Lebenslauf des Menschen verstehen und in seine Gestaltung hineinwirken.

Geisteswissenschaft kann darauf aufmerksam machen, dass durch ganz bestimmte Nahrungsmittel etwas, was entwickelt werden muss in der kindlichen Seele, dass das zurückgehalten wird ...

In der kindlichen Seele müssen sich die Werkzeuge für gesunde Instinkte und Begierden entwickeln. Wir haben nicht umsonst eine gewisse Begierde. ... Deshalb sind diese da, damit dass wenn der Instinkt auftritt und befriedigt wird, das Leben in gesunde Bahnen gelenkt wird. ... Sehen Sie wie Tiere über die Weide gehen und genau sich diejenigen Nahrungsmittel nehmen, die ihnen zuträglich sind, die anderen danebenstehen lassen ... Die Entwicklung zum Menschen herauf, was ist sie? ... Sie gibt dem Menschen höhere Gaben, aber sie setzt ihn der Möglichkeit des Irrens aus, der das Tier mit seiner Instinktsicherheit nicht ausgesetzt ist. Darauf kommt es an, dass der Mensch mit seinen höheren Gaben sich diese Sicherheit dennoch erhält. Und wir können sie dem Kinde erhalten, diese Sicherheit des gesunden Instinktes, wenn wir es nicht vollpfropfen mit einem Übermaß solcher Stoffe, die einen solchen Instinkt ertöten.

Ein Überfüttern der Kinder mit eiweißhaltiger Nahrung beweise — so meinen heute viele — die größte Sorgfalt in der Pflege der kleinen Kinder. Doch das trifft in keiner Weise zu. In dem Augenblicke, wo das Kind zu viel Eiweiß erhält, wo es überfüttert wird mit Eiweiß, verliert es die sicheren Nahrungsinstinkte, während ein anderes Kind manchmal bis auf das Glas Wasser hin zurückweist, was ihm schädlich ist, und begehrt, was ihm gut bekommt — [was] gesund ist.

Das ist außerordentlich wichtig. Das ist ein Beispiel für die Lebenspraxis, die aus Geisteswissenschaft fließen kann. ... Wir könnten viel machen, wenn wir nur auf die Prinzipien der Sache achten wollten ...

Wir können die Frage aufwerfen: Was ist überhaupt das Gesetz des menschlichen Lebenslaufes bis zu diesem Zahnwechsel? ... Das wird mit einem Worte umschrieben, welches wie ein Zauber[wort] uns umklingt für alles das, was unter dem Einfluss dieser Jahre steht. Nachahmung ist dasjenige, was das Zaubermittel der Erziehung bedeutet in diesen Jahren, wo der physische Leib der unmittelbaren Einwirkung der Außenwelt zugänglich geworden ist. Was das Kind sieht, dem strebt es nachzukommen. Daher muss die Erziehung vor allen Dingen auf Nachahmung durch das Kind beabsichtigen, abheben; nicht fordern, nicht ermahnen, das ist in diesen Jahren nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, dass das Kind in diesen Jahren sich richten kann nach dem, was es sieht, dass nichts vorgeht, was das Kind nicht nachmachen darf. ...

Es gibt dabei allerdings allerlei Punkte, die zu beachten sind. Denken Sie sich einmal ein Elternpaar ... — ich erzähle immer solche Fälle als Beispiele, die wirklich geschehen sind —, es hat ein Kind, das ist ganz artig, gar nichts darüber zu klagen, plötzlich an einem Tag, da hat das Kind aus der Geldkassette seiner Eltern, wie man sagt, gestohlen. Das Kind ist so gut, dass es dieses Geld nicht verwendet hat für sich, sondern es hat es andern geschenkt, von denen es geglaubt hat, dass sie es brauchten. ...

Sie können sich nun vielleicht vorstellen, die Eltern wären außer sich, wenn sie nicht wüssten: In dieser Zeit bis zum Zahnwechsel — und diese Dinge gehen nicht schroff ineinander über —, in dieser Zeit steht alles unter dem Zeichen der Nachahmung, das Kind hat immer gesehen, dass die Eltern selbst da Geld herausnehmen ... und was es sicht von den Eltern, das ist richtig für das Kind; es ahmt es nach. Moralische Begriffe hier anzuwenden wie etwa Stehlen oder dergleichen, ist demgegenüber in keiner Weise am Platze. Das Kind ahmt eben nur nach, was die Eltern ihm vormachen. Daher wissen wir, dass in Bezug auf alles, was wir heranerziehen wollen im Kinde, ein plastisches Formen von innen her aufgerufen werden muss durch Nachahmung.

Wir müssen daher beim Kinde alles auf Nachahmung bauen in dieser ersten Zeit, das heißt, es dürfen die Erwachsenen in seiner Umgebung nichts tun und nichts sprechen, was das Kind nicht auch tun dürfte in genau derselben Weise. ... Das ist ein tief Bedeutsames. ...

Wenn so bis zum siebten Jahre der kindlichen Entwicklung Nachahmung als das Zauberwort gilt für die Erziehung, so gilt von dieser Zeit an, wo mit dem Zahnwechsel der Äther- oder Lebensleib frei wird für die unmittelbare äußere Einwirkung ... das Wort, das heute keinen besonders guten Klang hat, aber das ebenso gilt in dieser Zeit vom Zahnwechsel, dem siebten bis zum 14., 15, 16. Lebensjahre, da gilt das Wort «Autorität», Nachfolge. Dasjenige muss die Richtschnur der Erziehung für diese Jahre sein, was unter diesen Worten verstanden werden kann. ...

Wie das Kind nachahmen können muss bis zum Zahnwechsel, was in seiner Umgebung vorgeht ... so muss neben dem anderen nun in der zweiten Lebensepoche das da sein, was man eine selbstverständliche Autorität nennt.

... Im Einzelnen können wir etwa so sagen Die Zeit liegt erst nach der Geschlechtsreife, wo der Mensch durch seine Verstandeskräfte einsieht, was gut oder schlecht, gescheit oder dumm ist. ...

Man tut dem jungen Menschen ein Unrecht, wenn man vor dieser Zeit, verfrüht, einen Wert legt auf verstandesmäßige Einsichten, auf intellektuelle Ausbildung. In dieser Zeit bis zur Geschlechtsreife ist es notwendig, dass irgendeine Persönlichkeit neben dem Kinde steht und das Wahre oder Unwahre, das Gute oder Schlechte schön oder hässlich findet. Diese Begriffe müssen in diesem Lebensalter nicht durch gedankliche Urteile, sondern durch die Macht der Persönlichkeit autoritativ auf das Kind wirken. ... Und es ist das Schönste für das Kind, solche Persönlichkeiten in diesen Jahren neben sich zu haben, zu denen es als zu selbstverständlichen Autoritäten aufschauen kann, die wirklich der Nachfolge würdig sind. Reif zum Urteilen wird der Mensch, wenn er in diesen Jahren seines Lebens gestanden hat unter der Wirkung einer autoritativen Persönlichkeit, zu der er aufschaute und der er verehrend nachfolgte. Das ist eine wohltuende Kraft, die auf den Menschen einwirkt das ganze Leben hindurch. Oh, wenn die Menschen nur wissen könnten, was das bedeutet für das ganze Leben für einen Menschen, wenn ihm so etwas passiert etwa, wie dass er hört von einer viel verehrten Persönlichkeit in der Familie, die er noch nicht gesehen hat. Scheue Ehrfurcht sitzt schon in seiner Seele, das Herz pocht, bis er die Persönlichkeit zum ersten Male sehen darf. ... Das sind die schönsten, wunderbarsten Gefühle in seiner Seele fürs ganze Leben, die Feieraugenblicke, die Kräfte entzünden, die so wichtig sind wie kaum irgendetwas für das ganze Leben des Menschen bis zum Tode.

Alles, was man in sich trägt im Ätherleibe, in dem Leibe, der alles Wachstum, aber auch Temperament, Gewohnheiten, Charakter trägt, das wird auf diese Weise in dieser Zeit zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife entscheidend beeinflusst.

Und wichtig ist zum Beispiel, dass dieser Äther- oder Lebensleib zu gleicher Zeit der Träger des Gedächtnisses ist. Daher kommt es darauf an, dass in dieser Zeit vor allen Dingen auf die Ausbildung des Gedächtnisses bewusst Sorgfalt verwendet wird. Hierin ist eine ungeheure

Verwirrung eingetreten. Gerade in unserer Zeit wirken infolge materialistischer Grundanschauungen viele Erziehungsbestrebungen dahin, möglichst frühzeitig das Kind Gedankenarbeit verrichten zu lassen, sodass es aus eigenem Urteil heraus rechnet und dergleichen mehr. Das sieht recht fortschrittlich aus, das ist aber trotzdem für die Entwicklung des heranwachsenden Menschen außerordentlich schädlich. Erst muss man einen Schatz von Gedächtniswissen, von Gedächtniserkenntnis haben, dann kann man erst darüber urteilen. Die Zeit zum Urteilen ist gekommen mit der Geschlechtsreife. Bis dahin ist die Zeit für das rein gedächtnismäßige Lernen. Das Gedächtnis muss gebildet werden in der Zeit bis dahin. Nicht darauf kommt es an - was man heute gerne sagen möchte —, dass das Kind schon zu beurteilen vermag zum Beispiel, was es lernen muss in der Geschichte. Gerade das ist so schädlich, das Urteilen aufrufen zu wollen in dieser Zeit. In dieser Zeit müssen gedächtnismäßig in großen Bildern durch eine selbstverständliche Autorität die Ereignisse rein sachlich objektiv vor die Seele gestellt werden. Diese Ereignisse müssen erst leben in der Seele des Kindes, dann erst ist die Zeit zum Urteilen gekommen.

Und worauf viel ankommt in dieser Zeit, ist das, dass, weil der Ätherleib nun den direkten Einfluss der Kräfte empfängt, die sich im Gedächtnis und in anderen geistigen Fähigkeiten, Kräften ausdrücken, so werden wir diese Kräfte besonders ausbilden in dieser Zeit, die Eigenschaften, die im Ätherleib verankert sind. Da ist vor allem das verankert, was man die bildhafte Anschauungskraft des Menschen nennt. ... Viele Menschen der Gegenwart schauen deshalb so phantasielos und nüchtern in die Welt, weil nicht in lebenskräftigen Bildern die Welt ihnen in dieser Zeit vor Augen geführt worden ist. ... Der Mensch soll zuerst in Bildern diese Welt kennenlernen. Wenn Sie dem Menschen eine gesunde Grundlage geben wollen für die höheren übersinnlichen Wahrheiten, dann müssen Sie ihm in diesem Lebensalter die entsprechenden Bilder beibringen. In Bildern, in Symbolen müssen die Wahrheiten zuerst in dieser Zeit an den Menschen herangebracht werden, soll er sie später wirklich begreifen können. Soll im späteren Leben der Mensch sich sagen können: Des Menschen Seele ist unsterblich, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann erhebt sich die Seele in höhere Regionen, nur der Leib bleibt zurück und zerfällt, so wird dies dann in der richtigen Weise vorbereitet in diesem Lebensalter, wenn man dem Kinde etwa sagt: Sich dir die Raupe an, wie sie sich in die Puppe verwandelt und damit in Todesstarrheit verfällt, wie dann die Puppe etwas zerbricht und aus der zerbrechenden Hülle der Schmetterling sich zu einem luftigen lichten Dasein erhebt.

Doch wäre damit noch nichts getan, wenn die Lehrer heute diese Bilder gebrauchen wollten. Sie wirken heute nicht mehr, weil diejenigen, die diese Bilder gebrauchen, selbst nicht mehr glauben an das, was sie ausdrücken sollen. Nur wenn ihnen selbst das Bild eine Wirklichkeit ist, dann wirkt etwas in ihm, was wie selbstverständlich übergeht in die Seele des Kindes und als Kraft wirkt, die später die richtige Erkenntnis erweckt. Für den Geisteswissenschafter ist das Gegebene ein Bild der Unsterblichkeit in Wirklichkeit, in Wahrheit. Für ihn ist es nicht etwas, was er mühsam mit dem Verstande ausklügelt, sondern für ihn durchläuft das Leben eine Stufenreihe ... und auf der Unterstufe ist dies Ausschlüpfen des Schmetterlings aus der Puppe wirklich dasjenige, was auf der höheren Stufe das Hervorgehen der Seele aus dem sterbenden Leibe ist. Wenn es so für Sie ist, dann kommt jenes selbstverständliche Fluidum, dass Sie imstande sind, bevor Sie die nüchternen Verstandesurteile beim Kinde hochzüchten, zuerst im Zauberhauch der Bildlichkeit ein Gefühlsverständnis herbeizuführen, das ein späteres richtiges Erfassen durch die Gesamtpersönlichkeit erst ermöglicht.

Hier sehen wir die Vernunft von etwas, was heute vielfach als unvernünftig angesehen wird. Ich weiß, welchen missverständlichen Auffassungen man in dieser Sache ausgesetzt ist, aber nicht aus einem reaktionären Sinne, aus dem Sinne der Wahrheit heraus muss das doch gesagt werden. ...

Wie gescheit sind wir geworden, meinen heute viele, wie blicken sie zurück auf unsere Vorväter, die dem Kinde alles Mögliche weisgemacht haben. ... Heute dürfen wir nicht mehr solche Lügen dem Kinde vorführen. Unsere Vorväter haben dem Kinde das, was ja gar nicht wahr ist, die Geschichte vom Storch zum Beispiel, beigebracht. - Doch, wieder nicht aus reaktionärem Sinn, aber auch hier muss gesagt werden, dass die Art und Weise der Älteren viel richtiger war als die moderne Aufklärung. Denn man kann einfach, wenn man die Dinge durchschaut, nichts Kindischeres und Naiveres dem Kinde sagen, als es sei zu dem Hervortreten eines Menschen in die Welt nichts weiter als der rein physische Vorgang nötig. ... Das ist dem tieferen Blicke grundfalsch. Die Wirklichkeit ist: Der Mensch kommt aus einer geistigen Welt ... von einem geistigen Dasein vor der Geburt, und der physische Vorgang ist nur der Vermittler des Eintritts des geistigen Menschen in diese sinnliche Welt, und viel, viel unwahrer und unwirklicher ist das, was unsere Aufgeklärten heute lehren möchten dem Kinde, als das alte Storchenmärchen. ... Alles, was im Bilde des Fliegenden gesagt worden ist, war für unsere Vorfahren das Bild für das Geistige. ...

Immer tritt das Bild irgendeines Fliegenden ein, wenn im Märchen auf das Geistige gedeutet werden soll. So ist in dem Kinderliedchen «Flieg, Vögelchen, flieg ... deine Mutter ist im Pommerland» ... Pommerland, das ist nicht Pommern ... Pommerland ist Kinderland ... «flieg, Käferchen, flieg» ... überall dasselbe Bild, das auch dem Storchenmärchen zugrunde liegt. ... Der Mensch einer anderen Entwicklungsperiode vor der Zeit, wo er sie sollte in nüchterner Alltäglichkeit einsehen, da hat er selbst geglaubt an das Storchenmärchen, weil in der Zeit über das, was in der Welt um uns herum ist, zunächst der Zauberhauch der Bildlichkeit ausgehaucht war. ...

Und ganz anders ist es, wenn ich zuerst einen geheimnisvollen Naturvorgang im Bilde vor mir gehabt habe ... dieses Bild erst lange mit mir herumtrug und darnach erst vor die Aufgabe gestellt war, ihn verstandesmäßig zu begreifen. Dann bin ich erst reif geworden und dann nehme ich das Spätere in ganz anderer Weise auf.

Das zeigt uns wiederum, wie wir kennen müssen diejenigen Kräfte, die sich in einem gewissen Lebensalter entwickeln. ... Und so können wir für jedes Lebensalter angeben, um was es sich im Einzelnen handelt. ... So ist denn um das 14., 15. Jahr herum die Zeit der Geschlechtsreife ein wichtiger Abschnitt. Denn da wird von dem heranwachsenden Menschen seine astralische Mutterhülle zurückgeschlagen und der astralische Leib, an dem zum Beispiel die Urteilskraft und manches andere haftet, der unmittelbaren Einwirkung der äußeren Welt freigegeben. Deshalb ist erst in dieser Zeit der Mensch reif, dem äußeren Urteilen ausgesetzt werden zu können, selbstständiges Urteilen sich anzueignen. Verfrühen wir dieses Urteilen, so kommen wir zu diesen Dingen, die sich als gewaltige Schattenseiten in das heutige Leben hereindrängen ... wo die Menschen dadurch ohne Rücksicht hineinwachsen ...

Erst wenn die Geschlechtsreife eingetreten ist, soll das selbstständige Urteil ausgebildet werden aufgrund dessen, was an Bildlichkeit, an edlen Gefühlen ... unter dem Einfluss der Autorität sich entwickelt hat. ... sonst erleben wir es, dass die jüngsten Menschen, die noch gar nicht ganz geboren sind, Menschen, die erst lernen sollten, ihr Urteil reif zu machen, schon in der Zeit mit eigenem Urteil auftreten, in der sie es erst ausbilden sollten. ...

Das ist aber auch die Zeit, wo der astralische Leib auch heraustritt mit dem, was an Instinkten und Trieben fürs Leben in der Anlage in ihm steckt. ... Diese Kräfte treten in der Form auf, die wir mit dem Namen «Jugendideale», «Lenzeshoffnungen», Hoffnungen für das Leben bezeichnen. Leicht kann ein trockener, nüchterner Mensch über das, was er in seiner Jugendseele erlebt hat, wie über eine Schwärmerei hinwegsehen. Mag das alles sich nicht realisieren, mögen das alles Hoffnungen sein, die einmal ohne Wirklichkeit dastehen im Leben, dass sie aber Hoffnungen, Ideale waren, das ist in der Zeit, wo nach und nach der astralische Leib herauskommt, das ist da eine Summe von Kraft, und wer sie nicht hat, der hat etwas für das ganze Leben nicht! Nicht darauf kommt es an, dass sich Hoffnungen erfüllen, dass Ideale verwirklicht werden, sondern dass sie da sind. Denn Kräfte sind sie in der Seele und sie sind als Kräfte gestaltend, sie geben dem Leben Innerlichkeit, sie geben dem Leben Kraft, wenn sie auch als später zerstörte Hoffnungen da gewesen sind. Daher müssen wir alles tun, dass diese Lenzeshoffnungen des Lebens in dieser Zeit herangebildet werden, dass sie da sind. ...

Dann kommt allmählich für den Menschen die Zeit, wo sein volles Ich geboren wird, das sich nun ganz und gar in freier Weise an die Umgebung der Welt heranmacht. ...

Und wie es nun so ein aufsteigendes Leben gibt, so gibt es in der zweiten Hälfte auch ein absteigendes Leben. Darüber nur einige Andeutungen: Die Geburt und die nach und nach geschehende Entwicklung des Ich, sie findet ihren Abschluss beim normalen Leben um das 35. Jahr herum. Da ist der Mensch auf der Sonnenhöhe des Lebens. Alles das, was in der Geburt bei ihm veranlagt war, das tritt bis zu dieser Zeit bei ihm hervor. Jetzt aber beginnt etwas anderes; jetzt beginnt die Zeit, wo ebenso wie vorher die Dinge herausgestaltet worden sind aus dem Leben, wie vorher die Anlagen entwickelt worden sind, so beginnt jetzt die Zeit, wo sie stückweise verarbeitet, verzehrt werden, vom 35. Jahre ab, wo im normalen Leben zunächst die Kräfte des astralischen Leibes innerlich nach und nach verzehrt werden. Wir sehen alles Astralische nach und nach wiederum zurücktreten. Der Mensch wird nüchtern, bekommt mehr Sinn für die Wirklichkeit ... er wird dasjenige, was in unseren Zeiten wohlgemerkt Mode ist, was man einen Philister nennen kann.

Während bis dahin der Mensch mehr mit sich selbst zu tun hatte, beginnt vom 35. Jahre ab die Zeit, wo er den Wert bekommt für seine Umgebung. Vorher hat er seine Zeit zu verwenden, sein Urteil reif zu machen, in ein festes, bestimmtes Verhältnis seines Ich zur Umwelt zu treten, jetzt beginnt das, was er ist, einen Wert zu bekommen für seine Mitmenschen. Jetzt hat sein Urteil Gewicht, jetzt beginnt man, auf ihn zu hören, jetzt strahlt er wertvoll dasjenige aus, was er selber zu verzehren hat. Jetzt zeigt er auch für einen intimen Beobachter, ob der aufsteigende Weg der Richtige war, jetzt zeigt es sich, wie öd und in sich leer die ausgestreuten Urteile desjenigen sind, der nicht unter dem Einfluss der Ideale in der Zeit vom 14. bis zum 21. Jahre herangewachsen ist ...

Das, was hinausstrahlen soll, das muss man sich auch erst erworben haben in der rechten Art und der geeigneten Zeitz...

Alle geheimwissenschaftliche Entwicklung steht unter strengen Gesetzen ... diejenigen, die die Lehrer geworden sind in dieser Geisteswissenschaft, die halten streng die Regeln ein ... und heute stehen die Dinge so, dass gerade wegen unserer Kultur von den dazu berufenen Instanzen niemand vor dieser Lebensmitte auf die Welt losgelassen wird. ...

Die wirklichen Geheimlehrer erlauben ihren Schülern nicht, da, wo sie noch nicht mit sich fertig sind, mit dem, was sie geben sollen, vor die Welt hinzutreten. Jedem wird die Zunge erst gelöst mit dieser Lebensmitte. Und wenn Persönlichkeiten vor dieser Zeit auftreten, dann können Sie sicher sein, dass sie es ohne Mandat tun, dass sie es ohne eine Berechtigung der hinter unserer Bewegung stehenden Individualitäten tun. Im Durchschnitt wird niemand vor dieser Zeit auf die Menschen losgelassen ... Nur der Unfug unserer Zeit macht es ... dass auf diesen Gebieten ... der Unfug, dass junge Leute, die längst nicht mit sich selbst fertig sind, auf diesem Gebiete auch auftreten ...

Und dann sehen [wir] weiters, wie ungefähr von den Vierzigerjahren ab mit dem absteigenden Leben eine neue Epoche erreicht wird, wenn auch darin hier keine so große Regelmäßigkeit zu beobachten ist wie im Aufsteigen. ...

Nachdem der astralische Leib nunmehr aufgezehrt ist, kommt die Zeit, wo nun der Mensch auch zu zehren beginnt an seinem Ätherleib, den er sich aufgebaut hat in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife. Der ist dann wieder aufgezehrt um das fünfzigste Jahr herum ... Sie können das sehen an gewissen Anzeichen, die in diesem Lebensalter auftreten.

Versuchen Sie das Leben in seiner Wahrheit zu betrachten, und Sie werden sehen, wie in dieser Zeit das Gedächtnis es gerade ist, was neue Einschläge, neue Kräfte nicht erhalten kann. Dagegen gerade das, was in diesem Ätherleib drinnen war, dass das gerade jetzt herauskommt, das, was dieser Ätherleib aufgenommen hat, das tritt in schärfster, stärkster Erinnerung auf in diesem Lebensalter. ... Beobachten Sie das Leben unter diesem Gesichtspunkte, und Sie werden immer wieder erfahren, wie diese Menschen in diesem Lebensalter immer wieder und wieder zurückkommen und eine gute Erinnerung haben für das, was in jenen Lebensaltern ihnen einverleibt worden ist. Sehen Sie das Wohlgefühl, das alte Leute haben in dieser Zeit, wenn sie immer wieder und wiederum ihre Jugenderinnerungen erzählen können ... und beachten Sie, was Sie ihnen Gutes tun können, indem Sie ihnen solches Erzählen ermöglichen ...

Und dann sehen Sie im letzten Lebensalter, wie nach und nach auch der physische Leib aufgezehrt wird ... sehen Sie wie den Knochen mehr und mehr Kalk an-, eingelagert wird, wie sie physischer werden. Die Knorpel verknöchern ... dieses letzte Lebensalter zehrt auch den physischen Leib auf ...

Wenn einmal das aufsteigende Leben richtig geregelt werden wird, dann wird sich noch ein anderes zeigen, was vielfach heute ...

Vom 35. Jahre ab strahlt der Mensch solche Urteile aus, die maßgebend sind und Wert haben für seine Umgebung ... Dann kommt er dazu, nicht nur für seine Umgebung Urteile auszustreuen, die maßgebend sind, sondern dann kommt er auch dazu, dass dasjenige, was er ausstrahlt als Autorität, auch autoritativ gelten darf für seine Umgebung ...

Erst werden die Urteile maßgebend, dann werden in der vorletzten Lebensepoche die Lebensausstrahlungen selbst maßgebend und ein Wert für die Umgebung ... und zuallerletzt ... da gewinnt der Mensch ein solches Urteil, eine solche innere Fülle, dass er dasjenige, was er dann von sich gibt, als etwas Reifes hat nicht nur für seine Zeit, sondern für alle Zeiten.

Von denjenigen, die in die Dinge hineinschauen, wird daher auch in ganz anderer Art eingesehen ... warum bestimmte Leute gerade von dieser Zeit in ganz besonderer Weise reden ... Bei Dante zum Beispiel können Sie das gleich in den ersten Zeilen seiner «Divina Commedia» sehen. Da sehen Sie, wie er sagt: «In des Lebens Mitte habe ich das alles gesehen ...»

Und so können Sie sich alle großen Geister daraufhin anschauen ... Und wenn Sie bei einem Menschen wie Goethe ... so ist zu berücksichtigen der Unterschied zwischen dem, was er geschaffen hat, als er in aufsteigender Entwicklung war, und dem, was er geschaffen hat nach des Lebens Mitte. Das, wodurch er für die Menschheit das geworden ist, was er ihr ist, das fällt nach der Lebensmitte ...

Wenn wir aber so die zweite Hälfte des Lebens betrachten, so sehen wir, dass da nicht für den zeitlichen Menschen, für die äußeren Glieder, physischen Leib, Äther- und astralischen Leib irgendetwas Äußeres herausentwickelt wird. Dies wird aufgezehrt. Aber in dem Augenblicke, wo das Aufzehren der äußeren Hülle beginnt, da beginnt das Reicherwerden und Vollwichtigerwerden. Was in diesen Hüllen lebt, wofür das Äußere die absteigende Entwicklung beginnt, da werden die Kräfte des Inneren, die Kräfte des eigentlichen Ich immer mächtiger und mächtiger, ... sodass in der zweiten Hälfte des Lebens sich auch etwas entwickelt im Menschen ... In der zweiten Hälfte des Lebens entwickelt sich das Ewige, das Bleibende, das Unsterbliche des Menschen, und wenn dann der Tod eintritt, dann sehen wir, wie die äußere Hülle abfällt und wie, wenn auch eine Zeit lang schon es sogar geschienen haben mag, als ob das Innenleben zurückgegangen wäre, dann sehen wir doch, wie das, was der Mensch hat ... wie das beim Tode als der Geburt für das Geistige, das Ewige, wie das beim Tode hervortritt als das, was er wertvoll in sich, in seiner Innerlichkeit entwickelt hat.

Der Tod ist physisch Tod, geistig für die geistige Welt ist er eine neue Geburt und ... diese wird vorbereitet in der zweiten Hälfte des Lebens. In dieser Zeit, wo die äußeren Hüllen nach und nach absterben, da gestaltet der Mensch aus, was da bleibt, was an ihm ewig ist.

Das ahnte der große Dichter, dass der Mensch, wenn den Sinnen absterben die äußeren Hüllen, dass da im Innern die Gestalt, die geistige Gestalt, die das Bleibende und Ewige ist, sich herausentwickelt. Große Geister haben erahnend immer dasjenige gesagt, was eine tief in die geistigen Wirkungen hineinschauende Weisheit bestätigen muss in allen Einzelheiten ...

Nicht als ein blinder Glaube, als ein vollgültiges Wissen kann Ihnen so entgegentreten, was Schiller gesagt hat ...

Nur kleine, flüchtige Andeutungen konnten heute gegeben werden ... von dem Lebenslaufe des Menschen ... Wenn wir uns ganz werden durchdringen lassen von dieser Lebenspraxis, die von der Geisteswissenschaft ausgehen kann, dann werden wir erfahren, dass das Leben sich so gestaltet, dass wir gerade durch sie hoffnungsvoll, lebenstüchtig, arbeitstüchtig werden, weil wir in jedem Momente richtig verstehen:

Nur der Körper eignet jenen Mächten
Die das dunkle Schicksal flechten,
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Göttlich unter Göttern die Gestalt.

Fragenbeantwortung

Frage: Welches sind richtige gute Ideale für den heranwachsenden Menschen?

Rudolf Steiner: In dieser Hinsieht müssen wir lernen, gegenüber dem werdenden Menschen das Prinzip der Freiheit aufs Höchste zu stellen. Leicht glaubt man, diese oder jene Ideale seien die richtigen zunächst. Aber wir dürfen uns keine schablonenhaften Ideale machen. Der werdende Mensch ist eben ein Rätsel, das der Erzieher zu lösen hat, und er lernt ebenso viel von dem geheimnisvoll aus den Hüllen sich nach und nach herausentwickelnden Menschen und lässt sich von diesem diktieren die Ideale, die für ihn die richtigen sind. So lernen wir respektieren die frei sich entfaltende Individualität, wenn wir wissen, dass der Geist sich verwirklicht ...

Die Frage kann eben durch Erziehung im Leben nur in jedem einzelnen Falle gelöst werden ...

Allerdings gibt es ja auch gewisse Grundideale, welche ziemlich überall am Platze sind ... vor allem gibt es ein schönes Ideal: einen möglichst konkret ins Einzelne in sich vollendeten Menschen, den wir mit Fug und Recht aus der Geschichte hinstellen können. ... wenn wir Gestalten der Weltgeschichte hinstellen und sich entzünden lassen die eigenen Kräfte an den großen Gestalten ... wenn wir dann aber mit dem praktischen Leben herausrücken, so können wir auch mit dem praktischen Leben diese Ideale entzünden ... wichtig ist, den Sinn rege zu halten für die Umgestaltung der Welt, den Sinn aufrechtzuerhalten, dass die Welt sich ändern kann. ...

Über die wirkliche Bedeutung der Ideale: Fichte, «Über die Bestimmung des Gelehrten».

German original of The Course of Human Development from the Standpoint of Occult Science · ← Previous · Next →