The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 23 April 1909, Düsseldorf

32. Das Geheimnis der Temperamente in Geisteswissenschaftlicher Beleuchtung

Meine sehr verehrten Anwesenden, sobald der Mensch die Welt um sich herum betrachtet, findet er überall die größten Geheimnisse und Rätsel. Wo er um sich sicht — überall sieht er Erscheinungen, wovon er die Ursache nicht begreifen kann, und das größte Rätsel für den Menschen ist wohl der Mensch selbst. Und dieses ist in unserer sehr materialistisch gefärbten Zeit sehr gut zu verstehen, wenn wir schen, dass die heutige Wissenschaft versucht, den Menschen zu erklären aufgrund einer Hypothese, die da lautet, dass der Mensch sich entwickelt hat aus dem Tierreiche, dass die Tiere sich entwickelten aus dem Pflanzenreiche, und dass die Pflanzen sich entwickelten aus dem Mineralreiche. Die Geisteswissenschaft gibt zu, dass, solange man sich auf diesen Standpunkt stellt, es voll und ganz ausgeschlossen ist, die menschliche Wesenheit zu erklären. Alles wäre leichter zu erklären wie die menschliche Wesenheit, solange man von dieser materialistischen Anschauung ausgeht, dass der Mensch sich hinaufentwickelt hat von den niederen Naturreichen, und es ist gerade die Geisteswissenschaft, die in der Lage sein wird, zu zeigen, deutlich zu zeigen, dass der Mensch nicht ein Wesen ist, wie sich die Wissenschaft dieses vorstellt.

Sehen wir uns doch die Welt mal an und versuchen wir uns darüber klar zu sein, was wir um uns herum sehen, wenn wir die menschliche Wesenheit betrachten wollen. Das Erste, was wir an einem solchen Menschen sehen, ist sein physischer Körper. Dieser physische Körper ist zusammengesetzt aus allen Elementen, welche wir in der Natur um uns herum sehen. Wir können den physischen Körper des Menschen chemisch untersuchen und werden dann sehen, dass darin walten alle die Kräfte und Gesetze, welche wir finden auch im Tierreich, im Pflanzenreich und auch im Mineralreich. Wir können also sagen: Den physischen Körper hat der Mensch gemeinsam mit den drei unter ihm stehenden Naturreichen.

Aber wenn wir uns bei dem Menschen nur halten würden bei dem, was wir physischen Körper nennen, so würde wohl niemand behaupten wollen, dass dieser Körper ein Mensch sein könnte. Wir sehen nämlich, dass der Mensch andere Eigenschaften hat als die, welche die Mineralien haben. Wir sehen, dass der Mensch die Kraft in sich hat, wodurch er wächst, wodurch er sich fortpflanzt, wodurch er sich ernähren kann. Wir können hierauf heute nicht zu weit eingehen und wollen nur sagen, dass die Kraft, welche sich in den Funktionen manifestiert, die Folge ist des Äther- oder Lebensleibes. Mit Äther ist hier nicht gemeint der durch die Wissenschaft als Hypothese angenommene Äther. Dieser Ätherleib oder Ätherkörper hat ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen, so wie da sind Ernährung, Fortpflanzung und so weiter. Aber noch eine ganz andere Aufgabe hat dieser Lebensleib, welcher zusammenbleibt von [der] Geburt bis [zu] dem Tode mit dem physischen Leib. Und zwar sorgt der Ätherleib dafür, dass der physische Leib nicht folgt den physischen Gesetzen. Würde der physische Körper den physischen Gesetzen folgen, so würde der physische Leib sofort auseinanderfallen. Nur weil ein physischer Körper umschlossen und durchdrungen ist durch den Ätherleib, dadurch behält der physische Körper seine Form und zerfällt nicht. Wir können sagen, dass der Ätherleib während des Lebens von der physischen Geburt bis zum Tode ein Kämpfer ist gegen den Verfall des physischen Körpers, und diesen Äther- oder Lebensleib hat der Mensch gemeinsam mit allen Pflanzen und Tieren. Die Mineralien haben keinen Ätherleib, wie ich denselben geschildert habe.

Hätte der Mensch bloß einen physischen Leib und Ätherleib, so hätte er die Möglichkeit, zu wachsen und sich zu ernähren und so weiter, nämlich alles dasjenige, was wir bei den Pflanzen sehen. Der Mensch hat aber noch etwas, was ihm viel nähersteht wie alle diese Eigenschaften, und zwar seine Freude und Schmerz, Lust und Leid, seine Triebe, Begierden und Leidenschaften, und alles dieses würde der Mensch nicht haben, wenn er zusammengesetzt wäre nur aus Ätherleib und physischem Leib. Wir können auch hierauf nicht weiter eingehen, aber können für heute bloß angeben, dass der Astralleib derjenige Körper ist, der es für ein Wesen möglich macht, Freude und Schmerz, Lust und Leid, Trieb, Begierde und Leidenschaft zu empfinden. Der Astralleib hat auch noch viele andere Merkmale, welche durch die Geisteswissenschaft genau zu beschreiben sind, aber für unsere heutige Betrachtung haben wir bloß anzugeben, was soeben gesagt worden ist.

Wir sehen, dass, wo der Astralleib der Träger ist der oben genannten Eigenschaften, cin Wesen, das solchen Astralleib hat, ein Innenleben führt. Und sehen wir uns nun die Natur an, so sehen wir, dass bloß das Menschenreich und das Tierreich ein solches Innenleben haben. Wie der Mensch den physischen Körper gemeinsam hat mit den Mineralien, Pflanzen und Tieren, wie er gemeinsam hat den Äther- oder Lebensleib mit den Pflanzen und Tieren, so hat er gemeinsam den Astralleib mit den Tieren. Hätte aber der Mensch bloß einen physischen Leib, Ätherleib und Astralleib, so würde er sich nicht unterscheiden von den Tieren. Sehen wir uns aber den Menschen genauer an, und sehen wir, wodurch er einen Unterschied bildet mit den Tieren, so werden wir finden, dass der Mensch eine Fähigkeit hat, welche kein anderes Wesen der genannten Reiche hat. Der Mensch nämlich hat ein Selbstbewusstsein. Er kann «Ich» zu sich selbst sagen. Nehmen wir jedes andere Ding, so kann jeder zu Tisch «Tisch», zu Uhr «Uhr», zu Rosen «Rosen», zu Tuch «Tuch» sagen, kein Mensch aber kann das Wort «Ich» sagen, wenn er nicht allein sich selbst meint. Jeder Mensch ist für mich ein Du, und ich bin für jeden anderen Menschen ein Du. Das Ich oder Selbstbewusstsein ist dasjenige, wodurch sich der Mensch von allen anderen Wesen der genannten Naturreiche unterscheidet.

So sehen wir, dass der Mensch zusammengesetzt ist aus vier Teilen, und zwar aus physischem Leib, welcher zusammengesetzt ist aus den physikalischen und chemikalischen Stoffen und Gesetzen, einem Äther- oder Lebensleib, welcher den physischen Leib vor Zerfallen bewahrt, einen Astralleib, wodurch der Mensch ein Innenleben führen kann, und zuletzt aus dem Ich, wodurch der Mensch zum Selbstbewusstsein gelangt. Das alles haben die Menschen gewusst in früheren Zeiten, und erst wenn die Menschheit sich wieder hat befruchten lassen von der Geisteswissenschaft, wird man wieder erkennen, welche großen Wahrheiten da zu finden sind in den heiligen Büchern von allen Völkern. In diesen Büchern finden wir Mitteilungen über diese Zusammenstellung, nur unsere heutige Wissenschaft kann dasjenige nicht verstehen, weil sie nicht bereit ist, sich belehren zu lassen, aber weil sie meint, selbst alles herausfinden zu können, was in die alten Bücher hineingeheimnisst worden ist.

Wir haben schon früher Gelegenheit gehabt, hier in dieser Stadt zu sprechen über andere Fragen, welche die Geisteswissenschaft, oder wie dieselbe in unserer Zeit genannt wird, Theosophie, berührt, und zwar über die Reinkarnation und Karmafrage. Wir haben hier schon früher darüber gesprochen, dass der geistige Teil, das Ich des Menschen, geht von Verkörperung zu Verkörperung, um in jeder neuen Inkarnation neue Erfahrungen zu sammeln, und dass durch das große Gesetz von Karma der Mensch Gleichgewicht zu bringen hat in alle seine Taten und alle seine Erlebnisse. Wenn nun der Mensch stirbt, was geschieht dann? Erst legt er ab seinen physischen Körper, der zurückgegeben wird an die physische Erde. Der physische Leib zerfällt und die Elemente lösen sich auf. Ätherleib, Astralleib und Ich ziehen aus. Nach kürzerer Zeit trennt sich der Ätherleib. Ein Extrakt des Ätherleibes wird bewahrt und aufgenommen durch das Ich. Nach der Zeit auf dem Astralplan, oder wie dieses in der theosophischen Literatur genannt wird: Kamaloka, zerfällt auch der Astralleib. Auch ein Extrakt dieses Astralleibes wird durch das Ich mitgenommen, und jetzt geht das Ich durch andere Zustände, welche wir aber hier nicht zu beschreiben brauchen. Nach einer bestimmten Zeit kommt das Ich wieder zurück, nimmt sich einen Astralleib, einen Ätherleib und reinkarniert sich wieder auf unserer Erde.

Sehen wir uns diesen Prozess etwas genauer an, so werden wir finden, dass das Ich durch die verschiedenen Reinkarnationen jedes Mal einen neuen physischen Körper sich nimmt, welcher ihm durch seine Eltern gegeben wird. Dieser physische Körper hat also die Eigenschaften der Eltern, und der physische Körper vererbt die physischen Merkmale von seinen Eltern, Großeltern und so weiter. Das Ich aber wird nicht vererbt, das ist etwas ganz anderes, das schon lange da war, bevor der physische Leib da war. Nur den physischen Leib bekommt der Mensch von seinen Eltern. Wir wollen heute Abend nicht eingehen oder jedenfalls nicht zu weit eingehen auf den Äther- und Astralleib im Verhältnis zur Vererbung.

Die materielle Wissenschaft behauptet zwar, dass der Mensch das Produkt der Vererbung ist und stellt sich vor, dass zum Beispiel das Genie die Folge der Vererbung ist. Als Beispiel bringt sie, dass in der Familie Bach ca. zwanzig mehr oder weniger bedeutende Musiker gelebt haben innerhalb zweihundert Jahren und sagt nun, dass diese Gabe die Folge der Vererbung ist, oder sie weist nach, dass in der Familie Bernoulli innerhalb kurzer Zeit sechs oder acht bedeutende Mathematiker gewesen sind, und bringt das zurück auf die Vererbung. Wollte die Wissenschaft aber etwas beweisen, dann müsste sie an die Spitze stellen ein Genie, und dann nachweisen, dass das Genie sich vererbt hat in weiteren Generationen, dieses ist aber nicht möglich, da, wie bekannt, es schwer sein würde, solche Fälle nachzuweisen. Wie kommt es aber, dass es in der Familie Bach oder in der Familie Bernoulli so viele große Musiker und Mathematiker gegeben hat?

Die erste Notwendigkeit, um Musiker, wie Bach das waren, zu sein, ist, ein gutes Ohr, ein gutes physisches Ohr. Ohne solches Ohr kann der Mensch kein Musiker sein. Nun war in der Familie Bach durch Vererbung ein sehr gutes Ohr gebildet, und deshalb wurden in diese Familie hineingeboren solche Menschen, die eine bestimmte Entwicklung auf musikalischem Gebiete durchzumachen hatten. Das ist überhaupt kein Zufall, aber sehr bestimmte Gesetze sind die Grundlage dieser Inkarnationen. Hätten dieselben Menschen in anderen Familien gelebt, wären sie aus anderen Eltern geboren, wo nicht so ein ausgezeichnetes Ohr vorhanden war, so wären diese Menschen einfach keine Musiker gewesen, und genau dasselbe ist mit der Familie Bernoulli. Auch zum Mathematiker sind ganz bestimmte physische Veranlagungen notwendig, und diese physischen Notwendigkeiten waren vorhanden in dieser Familie.

Wir haben nun gesehen, dass der physische Leib jedes Mal neu geschaffen wird, während das Ich bestehen bleibt. Würde nichts zwischen Leib und Ich stehen, so wären ungefähr alle Menschen gleich. Aber es steht etwas zwischen leiblicher Wesenheit des Menschen und dem Ich, und das ist das Temperament. Jeder Mensch hat ein ganz eigenes Temperament. Wie Ihnen bekannt ist, gibt es vier Temperamente; cholerisch, sanguinisch, phlegmatisch und melancholisch.

Wie wir vorher gesagt haben, besteht der Mensch aus vier Teilen, welche zusammen seine Wesenheit bilden, und zwar aus dem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Diese vier Teile sind nun nicht zugleich geschaffen, aber es hat eine ganz lange Entwicklung gegeben, bevor der Mensch gekommen ist auf die Stufe, worauf er heute steht. Genauere Mitteilungen darüber können Sie finden in meinem Artikel «Akasha-Chronik» in «Luzifer — Gnosis» (Nummern 13 bis 35).

Die Menschheit hat bis jetzt vier Stufen der Entwicklung durchgemacht, und auf jeder Stufe ist ein Teil seiner Wesenheit entwickelt. So wurde erst veranlagt sein physischer Leib, nachher sein Ätherleib, dann sein Astralleib und zuletzt das Ich. Nun drückt sich jeder dieser vier Teile aus in einem physischen Teil des Menschen, und zwar so, dass der physische Leib sich ausdrückt in den Sinnen, der Ätherleib in den Drüsen, der Astralleib in den Nerven und das Ich in dem Blut. Das Blut, wie wir es heute im Menschen sehen können, ist der Ausdruck des Ichs, und es hat kein Blut gegeben, bevor das Ich entstanden ist.

Nun hat jeder Mensch die vier Körper, wie oben angegeben, und dadurch hat auch jeder Mensch Sinnesorgane, Drüsen, Nerven und Blut, aber nicht sind bei allen Menschen diese vier Leiber gleich stark entwickelt. Es gibt alle möglichen Mischungen, und durch diese Mischung entsteht, wie wir sehen werden, der Unterschied in den Temperamenten.

Wie gesagt, ist das Blut der Ausdruck des Ich. Jemand, der nun das Ich stark ausgebildet hat, erkennen wir als einen Choleriker; jemand, der den Astralleib stark ausgebildet hat, erkennen wir als einen Sanguiniker. Den Menschen, der den Ätherleib ausgebildet hat, erkennen wir als Phlegmatiker, und den Menschen, der den physischen Leib ausgebildet hat, erkennen wir als Melancholiker. Die Geisteswissenschaft ist in der Lage, dieses genau zu erklären, da sie weiß, wie sich die Dinge untereinander verhalten.

Nehmen wir zum Beispiel den Choleriker. Wie gesagt, hat der Mensch sein Ich stark ausgebildet. Der betreffende Mensch hat also das Blutprinzip hervorragend. Sehen wir uns solchen Typus an, dann sehen wir in seinem Bau etwas Zusammengedrücktes. Ein sehr gutes Beispiel finden wir in Johann Gottlieb Fichte, dem deutschen Philosophen. Das kommt, weil das Blut die Nerven fesselt, und dadurch ist der Wuchs sozusagen gezügelt. Auch sehen wir dieses bei Napoleon. Das sind so Menschen mit einem stark entwickelten Ich, was sich äußert im cholerischen Temperament. Sehen wir solche Menschen laufen, dann ist es, als ob sie durch den Boden hin treten wollen, nicht nur die Füße auf den Boden stellen wollen, nein, es ist - /Lücke]. Die kohlschwarzen Augen sehen scharf in die Welt hinein. Der ganze Körper macht den Eindruck von Willenskraft und Energie, wozu schon das Gezügelte beiträgt. Hiermit soll natürlich nicht gesagt sein, dass der Choleriker klein sein muss, nur, wäre derselbe Mensch kein Choleriker, so wäre er etwas größer.

Nehmen wir jetzt den Sanguiniker. Wie wir gesehen haben, hat der Sanguiniker einen stark entwickelten Astralleib, folglich ein stark entwickeltes Nervensystem, und was ist die Folge davon? Dass ein solcher Mensch sehr hüpfend geht, alles sprießt heraus, weil eben sein Astralleib die Macht hat und nicht durch das Blut festgehalten wird. Ein solcher Mensch geht immer hüpfend, sieht lebhaft durch seine hellblauen Augen, hat blondes Haar. Der Sanguiniker aber hat sehr wenig bleibendes Interesse. Sobald er etwas sieht, gibt es ihm Interesse, aber dasselbe ist nicht dauernd. Morgen sieht er etwas anderes, und das erregt sein Interesse mehr, und so geht es immer weiter. Aber weil ihn alles interessiert, tritt er der Welt gegenüber mit einer bestimmten Lebensfreudigkeit.

Sehen wir uns nun aber den Phlegmatiker an. Wie gesagt, hat dieser Mensch das Drüsensystem am meisten ausgebildet, dadurch bekommt ein solcher Mensch eine innerliche Behaglichkeit. So ein Mensch hat kein Interesse an der Außenwelt, und das sehen wir schon an seinem matten Auge, an seinem ruhigen Gang. Alles, was um ihn ist, interessiert ihn nicht, und wie gesagt, liegt die Ursache nur darin, dass der Ätherleib oder das Drüsensystem die Herrschaft führt.

Nehmen wir jetzt den Melancholiker. Der hat seinen physischen Leib stark entwickelt, damit ist nicht gemeint die Muskulatur, aber das Prinzip des physischen Körpers. So ein Mensch geht gedrückt unter, wir würden sagen, dem Gewicht seines Körpers. Er kann sich nicht aufheben, er kann nicht weiterkommen und dadurch ist ihm alles zu viel.

Wir haben nun gesehen, wie diese vier Temperamente mit den Körpern zusammenhängen, aber es würde wirklich nicht viel praktischen Wert haben, wenn wir die Sache nicht weiter betrachten würden.

Nicht nur, dass wir dasselbe für uns selbst verwenden können, was wir jetzt besprechen werden, aber bei der Erziehung ist es von sehr großer Wichtigkeit. Nehmen wir zum Beispiel ein cholerisches Kind. Seine Veranlagung zwingt es dazu, überall das Beste zu leisten, es macht ihm keine Schwierigkeiten, das Beste zu leisten, weil ihm eben durch sein Temperament und seine Veranlagung die Möglichkeiten gegeben sind. Wie haben wir nun so ein Kind zu erziehen? Viele Eltern sind heutzutage bereit zu sagen: Das Kind tut alles so leicht, darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen —- und doch ist das nicht richtig. Wenn wir so ein Kind gehen lassen, dann wird die Zeit kommen, dass das Kind nicht so leicht alle Schwierigkeiten durchmachen wird. Das Kind muss auf eine ganz bestimmte Weise geleitet werden. Wenn wir so einem Kind einen richtigen Erzieher geben wollen, so müssen wir einen Menschen suchen, der in der Lage ist, jede Frage, die das Kind stellt, zu beantworten, sodass das Kind Respekt bekommt vor den Kenntnissen dieses Menschen. Das Kind muss einsehen, dass es jemand gibt, der in Kenntnis weit höher steht wie es selbst, und gerade dadurch gewinnt das Kind die Fähigkeit, dasjenige zu respektieren, was über ihm steht. Im Allgemeinen werden wir sehen, dass solche Kinder nicht viel Gelegenheit haben, ihre ganze Kraft zu zeigen, und obschon es vielleicht für [Eltern] unangenehm ist, wäre es gut, falls so ein Kind einmal Gelegenheit hätte, seine Kräfte bis zum Äußersten zu erproben. Wir können selbst noch weitergehen, wir müssen so ein Kind etwas tun lassen, wovon wir im Voraus wissen, dass es es nicht fertig bringt. Auf diese Weise bekommt das Kind dasjenige, was wir nennen können Respekt vor der Gewalt der Tatsachen, und auf diese Weise können wir solche Kinder in dem richtigen Geleise halten. Ein cholerischer Mensch — und auch solches Kind — wird alles dasjenige, was er tut, genau durchsetzen, mit anderen Worten, er wird das Interesse für seine Sache bewahren.

Nehmen wir nun aber ein sanguinisches Kind. Wie gesagt hat so ein Kind kein bleibendes Interesse. Viele Eltern meinen nun, den richtigen Weg gefunden zu haben, wenn sie durch Strafe und Prügelei versuchen, das Kind zu bleibendem Interesse zu zwingen, das geht aber nicht. Wir haben zu rechnen mit demjenigen, was bei dem Kinde vorhanden ist, nicht was nicht vorhanden ist, und nicht vorhanden ist die Veranlagung zu bleibendem Interesse. Damit haben wir zu rechnen. Alle äußeren Dinge gehen schnell vorüber. Ein Ding besteht aber, woran alle Sanguiniker bleibendes Interesse gewahren, und das ist die Liebe für eine bestimmte Persönlichkeit. Wo der Choleriker jemand neben sich haben muss, der durch seine Kenntnisse Respekt abzwingt, so ist mit so einer Persönlichkeit bei dem Sanguiniker nichts zu machen. Der Sanguiniker muss jemand neben sich haben, den er lieben kann, und falls man so einen Menschen hat, so wird er in der Lage sein, den Sanguiniker richtig zu leiten. Wie gesagt, springt der Sanguiniker sozusagen von dem einen auf das andere Interesse. Um dieses abzuändern, hat es keinen Zweck, das Kind zu strafen. Man versuche aber das Folgende: Man gibt dem Kinde etwas, wofür es etwas mehr Interesse hat, und nimmt das wieder fort, bevor das Interesse geschwunden ist. Auch kann man dem Kinde etwas geben, wofür vorübergehendes Interesse gut ist. Wenn man auf taktvolle Weise diese zwei Proben nimmt, wird man sehen, dass schon sehr bald das bleibende Interesse aufkommen wird. Wie gesagt, ist cs zweckmäßig, für solches Kind jemand zu haben, welchen es lieben kann, denn davon hängt sehr viel ab. Nicht durch Kenntnis wird bei so einem Kinde etwas erreicht, aber nur durch Liebe.

Jetzt kommen wir zum phlegmatischen Temperament. Wie wir gesehen haben, hat ein phlegmatischer Mensch, und auch ein phlegmatisches Kind, den Ätherleib stark entwickelt und führt dadurch ein behagliches Innenleben, wodurch kein Interesse entsteht für äußere Sachen. Ein phlegmatisches Kind hat kein Interesse für die Außenwelt, soweit es sich selbst in Bezug auf die Außenwelt gibt. Es gibt aber etwas anderes. Wo der Phlegmatiker kein Interesse hat für dasjenige, was ihn selbst betrifft, so hat er wohl Interesse für Sachen und Angelegenheiten von anderen. Bringen wir also ein phlegmatisches Kind in die Umgebung von anderen Kindern, so werden wir sehen, dass solches Kind Interesse bekommt für die Angelegenheiten der anderen. Auch wirkt das Zusammensein mit anderen Kindern stark suggestiv, und auch auf diese Weise kann man sehr viel erreichen. Wollen wir das Kind zu Interesse zwingen, so werden wir sehen, dass dieses ganz zwecklos ist, aber doch kann auf oben genannte Weise dem Kinde Interesse beigebracht werden.

Das melancholische Kind hat das Prinzip des physischen Körpers hervorragend ausgebildet, und dadurch fühlt es alles schwer. Auch wenn gar keine äußeren Ursachen vorliegen, ist das Kind schlecht gestimmt. Wenn man nun meinen würde, dass dieses sich abändern ließe dadurch, dass man dem Kind eine Freude besorge — was als Regel nicht viel Freude ist —, so wird man bald erfahren, dass dieses nicht möglich ist und dass solche ausgedachten Ablenkungen zwecklos sind. Auch das kommt dadurch, weil das Kind nicht dasjenige in sich hat, wodurch es reagieren kann auf solche freudige Sachen. Wir müssen rechnen mit demjenigen, was vorhanden ist, und nicht, was nicht da ist. Wir tun gut, wenn wir so einem Kind zeigen das Leid von anderen Menschen, denn dadurch wird das Kind sehen können, dass sein Klagen unberechtigt ist. Wie hart es auch klingen möge, es ist durchaus richtig, wenn wir so einem Kinde die Gelegenheit geben, mal zu klagen, wo wirklich Grund zu klagen vorhanden ist. Ist dann nachher der Grund wieder verschwunden, so wird das Kind sich erleichtert fühlen, und auf diese Weise bringen wir eine bestimmte Abwechslung, wodurch das Kind das Angenehme schätzen lernt, und auf diese Weise können wir sehr viel dazu beitragen, das melancholische Temperament abzulenken. Selbstverständlich gehört dazu sehr viel Takt, und darauf kommt es bei der Erziehung gerade an.

Was wir hier für Kinder gesagt haben, gilt ebenso gut für Erwachsene. Ist cein Mensch zum Beispiel stark melancholisch veranlagt, dann soll er die Gelegenheit mit Absicht suchen, wo er sich unangenehm fühlen kann. Auf diese Weise lernt er das Bessere schätzen. So auch mit dem sanguinischen Menschen. Sehen wir zum Beispiel, dass wir zu flatterhaft sind, dass wir unser Interesse nicht bei einer Sache halten können, dann können wir uns entweder von Sachen, welche uns sehr interessieren — was auch vorkommen kann —, abreißen vor der Zeit, dass das Interesse abgelaufen ist. Auch können wir uns mal zwingen, eine Woche lang etwas zu tun, zum Beispiel ein Buch lesen, was uns überhaupt nicht interessiert. Wir zwingen uns, dieses zu tun, und dadurch lernen wir den Unterschied zu machen zwischen demjenigen, was unseres Interesses wert ist, und dem, was unser Interesse nicht so sehr für sich in Anspruch zu nehmen hat. Wenn die Menschen sich wirklich die Mühe geben würden, zu hören, was die Geisteswissenschaft in Bezug auf solche Sachen zu sagen hat, so würde man sich wirklich nicht auf den Standpunkt stellen, wie die heutige materialistische Wissenschaft dieses tut und behauptet, dass das alles Phantasterei oder noch schlimmer sei. Die Geisteswissenschaft ist wirklich in der Lage, Bescheid zu geben auf wichtige Lebensfragen und die Menschenrätsel zu lösen. Nicht soll man denken, dass die Geisteswissenschaft da für jeden Menschen ein Rezept machen wird, was zu tun und was zu lassen, aber sie gibt die Wege an, welche der Mensch, der es wirklich ernst mit dem Leben nimmt, zu beschreiten hat. Der Mensch, der sich bloß einlassen will auf alles das, was die materialistische Wissenschaft zu sagen hat, wird bestimmt sehr viel lernen können in Bezug auf physische Gesetze und chemische Zusammenstellungen der physischen Materie, aber es ist nicht möglich, dass aufgrund dieser materialistischen Wissenschaft der Mensch dasjenige finden kann, was gerade am meisten für ihn von Interesse ist. Die Geisteswissenschaft oder Theosophie erkennt voll und ganz an die großen Leistungen, welche die materialistische Wissenschaft der Welt gespendet hat, aber sie weiß auch, dass aufgrund dieser Wissenschaft der Mensch bloß einen Teil seiner Wesenheit erkennen kann. Will der Mensch wirklich danach streben, sein inneres Wesen zu erkennen, so hat er zu hören, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, da gerade diese Wissenschaft in der Lage ist, den Menschen dasjenige zu geben, was die heutige Menschheit braucht.

German original of The Secret of the Temperaments in the Light of Spiritual Science · ← Previous