Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a — 16 February 1913, Tübingen
ERGEBNISSE DER GEISTESFORSCHUNG FÜR LEBENSFRAGEN UND DAS TODESRÄTSEL
Sehr verehrte Anwesende! Es wird meine Aufgabe sein, an diesem heutigen Abend über wichtige Lebensund Daseinsfragen vom Standpunkte der sogenannten Geisteswissenschaft zu sprechen, das heißt von einem Standpunkte aus, der heute keineswegs populär ist und der außerordentlich viele Vorurteile gegen sich hat. Allein man darf ja wohl sagen, daß oft dasjenige, was später Gemeingut der Menschheit auf diesem oder jenem Gebiet geworden ist, zu irgendeiner früheren Zeit auch neu, unpopulär und Vorurteilen ausgesetzt war. Und so 'will ich denn ohne weitere Einleitung zum Gegenstand übergehen.
Geisteswissenschaft hat es mit einem umfassenden Gebiet der Weltbetrachtung zu tun. Wenn man aber alles das, was Inhalt dieser Geisteswissenschaft ist, überschaut, so spitzt sich dann doch zum Schluß alles zu auf Beantwortung zweier Daseinsfragen oder -rätsel, die nicht auf einem abgesonderten Gebiet der Wissenschaft sich ergeben, sondern die im Grunde genommen überall im Leben vor uns auftauchen. Es sind solche Daseinsrätsel, die nicht nur unser Verstandesinteresse in Anspruch nehmen, sondern das tiefste Menscheninteresse; es sind Fragen, auf deren Lösung man nicht nur neugierig ist, sondern nach deren Lösung man Sehnsucht hat, weil innerer Friede, Lebensfähigkeit, aber auch Schmerz, Zweifel, Besorgnis damit zusammenhängen. In zwei Worte können wir zusammendrängen, um was es sich handelt: Menschliches Schicksal und menschliche Unsterblichkeit - oder wir könnten sagen: der Tod.
Das menschliche Schicksal wirft auf Schritt und Tritt besonders große, ernste Fragen auf. Wir sehen, wie der eine Mensch ins Dasein hereintritt und von Geburt an umgeben ist von Sorgen und Mühen derjenigen, die für ihn zu sorgen haben, daß ein mehr oder weniger schmerzerfülltes Dasein sein Schicksal sein wird; oder wir sehen, wie er nur geringe Fähigkeiten und Anlagen zeigt, so daß er kein wertvolles Glied der Menschheit werden kann. Ohne Schuld oder Verdienst dagegen schreitet ein anderer Mensch ins Dasein, früh umgeben von sorgenden Händen, so daß ein gewiß glückliches Dasein sein Schicksal sein wird; wir sehen, wie sich bei ihm auch früh Fähigkeiten zeigen, die ihn zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft werden lassen. Vielleicht kann man diese Fragen mit dem Verstand abweisen und sie nicht an sich herankommen lassen. Aber dann, wenn unsere Empfindungen sprechen gegenüber dem Leben, wenn unsere Wünsche sich auseinandersetzen müssen mit den Lebensverhältnissen, dann tauchen in unterbewußten Lebenstiefen alle Wünsche und Empfindungen auf, die bange Sehnsucht erwecken nach einer Antwort auf solche Fragen. Und vielleicht nicht in der Wißbegierde, wohl aber in der Lebensfreudigkeit oder -Verstimmung kann man fühlen, wie die Seele drängt, etwas zu wissen, was in der angedeuteten Richtung liegt.
In ganz besonderer Weise tritt auch das Todesrätsel an den Menschen heran. Was die Menschen von der Unsterblichkeit wissen, nimmt sich ja oft nicht wissenschaftlich aus. Wieviel Leidenschaft, wieviele Vorurteile liegen in dieser Frage. Todesfurcht oder der Wunsch, das Dasein zu verlängern sprechen mit bei der Wertung der Frage und bei der Antwort, die sich die meisten geben wollen. Als die Naturwissenschaft sich anschickte, als eine Weltanschauung hervorzutreten, gab es Leute, welche die Möglichkeit einer Seelenfortdauer ganz leugneten, und man darf sagen, unter diesen Leugnern waren viele, die oftmals moralisch und ethisch viel höher standen als diejenigen, die eine Unsterblichkeit annahmen. Es waren Menschen, die sich sagten: Das, was wir uns erarbeitet haben, was wir hereingeschafft haben während unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, das wollen wir hinopfern der Allgemeinheit. - Diese Menschen haben darin etwas sittlich Höheres gesehen als den egoistischen Wunsch, das Erarbeitete weiterzutragen. Man kann nicht in Abrede stellen, daß solche Menschen 'wirklich zu den moralischen Naturen gehört haben. Und dennoch - es gibt einen Gesichtspunkt, von dem aus die Unsterblichkeitsfrage in ganz wissenschaftlicher Weise aufgeworfen werden muß, wenn man diese Wissenschaftlichkeit auch heute noch nicht voll fühlt. Fragen wir uns mit ein bißchen Selbsterkenntnis: Was hat das für einen Charakter, was der Mensch schafft und namentlich, was er als Mensch wird? - In seiner innersten Natur hat das einen persönlichen, einen individuellen Charakter. Mit einiger Selbstbeobachtung kann man sagen: Das Beste ist so besonders bei jeder Seele, daß wir dieses Beste gar nicht einer Allgemeinheit geben können; es ist unmöglich, dieses Beste einer Allgemeinheit zu geben. Und würde nach dem Tode unser Bewußtsein unseres Seelenseins vernichtet sein, dann wäre das Wertvollste nicht für uns allein, sondern für die Weltökonomie verloren. Sollte es wahr sein, daß der Mensch ein Wertvollstes erarbeitet, und dann in einem Moment vernichtet wird, was für ihn das Wertvollste ist auf der Erde - so etwas geschieht nirgends sonst im weiten Umfang des Alls. Was geschieht, das ist, daß Kräfte, die aufs höchste gespannt sind, der Weltökonomie einverleibt werden. Da wird die Frage erst wissenschaftlich.
So haben wir die beiden Fragen charakterisiert - die Frage nach dem menschlichen Schicksal und nach der menschlichen Unsterblichkeit -, die wir heute in den Mittelpunkt stellen wollen. Geisteswissenschaft stellt sich in das Geistesleben der Gegenwart hinein als unpopulär, weil sie den Denkgewohnheiten recht fremd ist. Man ist gewohnt, sich zu verlassen auf die äußeren Sinnesbeobachtungen und auf den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Mit diesen beiden ist aber dem eigentlichen Grundwesen der Menschennatur nicht beizukommen. Da erhebt sich dann die Frage: Gibt es denn auch andere Erkenntnismöglichkeiten? Das ist es gerade, was Geisteswissenschaft der allgemeinen Geisteskultur überliefern will, daß es besondere Methoden gibt, um solche Erkenntnismöglichkeiten zu erlangen. Um diese kennenzulernen, müssen wir ausgehen von einer Erscheinung, die verwandt ist mit der Tatsache des Todes, die aber nicht genügend beachtet wird, weil das, woran wir gewohnt sind, nicht zum Anlaß von Rätselfragen genommen wird. Was seltener auftritt oder so, daß es einen bestürzt, der Tod, das Schicksal, das wird zur Rätselfrage. Aber an einem Rätsel, das geradeso bedeutsam ist, geht das alltägliche Bewußtsein vorüber - das ist das Rätsel des Schlafs. Wir müssen durch dieses Rätsel hindurchgehen, wenn wir uns der Todesfrage nähern wollen.
Jeden Tag sehen wir, wie das Bewußtsein während des Schlafes ins Nichts versinkt. Nehmen wir einmal die Tatsache des Einschlafens - ganz abgesehen von wissenschaftlichen Hypothesen. Die Glieder hören auf, ihre Dienste zu tun, die Seele fühlt sich entfremdet den Sinnen, dem Innenleben, das an die Leiblichkeit gebunden ist; dann beginnt die Finsternis der Bewußtlosigkeit. Nun gibt es viele naturwissenschaftliche Anschauungen darüber; wir wollen sie heute nicht berühren, obwohl es sehr interessant wäre, was in unserer Zeit alles an Versuchen geboten wird. Aber wir wollen geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen. Zunächst als Annahme oder Hypothese, was Geisteswissenschaft über den Schlaf zu sagen hat. Aus dieser Hypothese werden sich dann gewissermaßen die Tatsachen ergeben. Geisteswissenschaft sagt, es ist unlogisch anzunehmen, daß das ganze Tagesleben mit all seinen Erlebnissen am Abend ins Nichts versinke und am Morgen neu geschaffen werde. Diese Erlebnisse müssen irgendwo noch da sein. Andererseits muß Geisteswissenschaft sich der Ansicht anschließen, die auch Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, daß, wenn man den schlafenden Menschen betrachtet, wie er im Bette liegt, man an ihm nichts entdecken könne an Ursachen, warum ihn Vorstellungen erfüllen sollten, wie sie das ganze wache Tagesleben in sich schließt. Das alles - die Vorstellungen, Erinnerungen und so weiter des wachen Tageslebens sieht Geisteswissenschaft als geistig-seelische Wirklichkeit an, die sich während des Schlafes aus dem physischen Leib und dem Ätherleib zurückzieht und in die geistige Welt hinübertritt, so daß der Mensch mit seinem inneren Dasein allerdings außerhalb des physischen Leibes ist. Dann ist der Mensch in der geistigen Welt und des Morgens taucht dieses Geistig-Seelische des Menschen wiederum unter in die Leiblichkeit, in das Gebiet der Sinne, des Gehirns und so weiter. So haben wir den Menschen während des Schlafes gleichsam gespalten in ein leibliches Wesen und ein geistig-seelisches Wesen; im Wachen treten beide wieder zusammen.
Der materialistische Monist wird einwenden: Wie kann man so sündigen gegen das Gebot des Monismus; da spaltet ihr ja das Menschenwesen in zwei Teile! - Man kann einwenden, daß der Chemiker ja dieselbe Sünde begeht, wenn er Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spaltet; aber da kann man es ihm nicht verbieten. In gar keiner anderen Weise sprechen wir in der Geisteswissenschaft von einer Zweiheit des Menschen. Derjenige, der die Methoden der Chemie nicht kennt, um das Vorhandensein des Wasserstoffs im Wasser anzuerkennen, der könnte auch behaupten, daß der Wasserstoff nicht existiere. So kann jemand auch sagen, daß dasjenige nicht existiert, was herausgeht aus dem Leibe beim Schlafen. Es handelt sich darum, daß während des Schlafes das Geistig-Seelische des Menschen sich seiner selbst nicht bewußt ist. Für das gewöhnliche Bewußtsein ist das alles nicht da, wenn es aus dem Leibe herausgegangen ist. Und alles hängt davon ab, daß der Mensch in die Lage kommt, das Herausgetretene als Realität anzuerkennen.
Das wird erreicht durch Regeln, die die Geistesforscher auf sich selbst anwenden müssen. Das wird dadurch erreicht, daß die Seele des Geistesforschers sich in einen Zustand versetzt, der ähnlich ist dem Schlafzustand, aber andererseits doch diesem entgegengesetzt. Das Kennzeichen des Schlafzustandes ist, daß die Möglichkeit erstirbt, die Glieder zu bewegen, daß Untätigkeit der Sinne, des Verstandes und schließlich Bewußtlosigkeit eintritt. Könnte nun auch ein anderer Zustand eintreten? Ja. Dazu nehmen wir als Annahme, was sich dann bewahrheiten wird: Nehmen "wir an, der Mensch wird wirklich frei von seinem Leibe, so daß im Schlaf diese übersinnliche Wesenheit sich nicht erleben kann im gewöhnlichen Zustand. Könnten wir nun etwas herbeiführen, wodurch diese menschliche Seele sich doch erleben würde, so würde zwar die Bewegung der Glieder und so weiter ausgeschlossen, aber es würde doch Bewußtsein vorhanden sein. Dieser Zustand wird herbeigeführt durch innerliche Mittel, durch Meditation, Konzentration, Kontemplation.
In der Seele sind Kräfte, die gleichsam nur verstärkt werden müssen, wenn anstelle der Bewußtlosigkeit des Schlafes volles Bewußtsein treten soll. Das wird so erreicht, daß willkürlich herbeigeführt wird, daß der Mensch von sich selbst ausschließt die Bewegung der Glieder, diese so ruhig sein läßt wie der Leib im Schlafe ist, dann alle Eindrücke von Licht, Farben, Tönen ausschließt, die seine Gedanken ablenken. Er muß künstlich den Zustand herbeiführen von Abgezogenheit gegenüber der Außenwelt, dann muß er die Gedanken des gewöhnlichen Lebens ausschließen.
Wenn dieses leere Bewußtsein im gewöhnlichen Leben eintritt, dann schläft der Mensch ein. Aber lange, geduldige Übungen bringen den Menschen dahin, [das Bewußtsein wachzuhalten], und dann handelt es sich darum, daß er sich durch Willkür jede beliebige Vorstellung in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückt und sein Bewußtsein damit erfüllt. Die Dinge der Außenwelt sind dafür nicht gut; viel besser sind sinnbildliche Vorstellungen, die wir uns selbst machen. Es kann jeder sagen, solche Vorstellungen gegenwärtig zu haben, sei eine verrückte Sache. Aber es kommt darauf an, was sie in der Seele bewirken. Stellen wir uns beispielsweise zwei Gläser vor, das eine leer, das andere ein wenig Wasser enthaltend. Nun stellen wir uns vor, daß wir aus dem letzteren fortwährend Wasser in das erste Glas gießen und dadurch das letztere nicht leerer wird, sondern immer voller. Das ist ja eigentlich eine ganz verrückte Vorstellung. Aber darauf kommt es hier nicht an, sondern darauf, daß diese Vorstellung sinnbildlich wirkt für ein tiefes Geheimnis: die Liebe. Die Liebe ist etwas, dem wir ja mit menschlichen Vorstellungen nicht beikommen können, nicht einmal ganz mit Ahnung. Sie ist ein Geheimnis. Aber eine ihrer Eigenschaften können wir angeben: Durch das, was die Seele gibt, wird sie immer voller, immer reicher. Die Liebe hat diese Eigenschaft, die wir sinnbildlich ausdrücken können, und da finden wir das eigentümlich, was man auf einem andern Gebiet gewohnt ist.
Oder stellen Sie sich eine Medaille in Kreisform vor. An ihr lassen sich alle Beziehungen von Halbmesser, Durchmesser, Umfang, Inhalt und so weiter feststellen, aber ebensogut an einem gezeichneten Kreis; denn dessen Gesetzmäßigkeiten gelten auch für die Medaille. Solche Symbole für Gesetzmäßigkeiten zeigt die Mathematik fortwährend. Nichts anderes macht der Geistesforscher, als daß er auf höherem Gebiet diese mathematische Methode anwendet, aber nicht nur auf das Denken, sondern auf das Leben. Wir spekulieren nicht über diese Symbole, sondern es kommt darauf an, daß alle unsere Impulse darauf gelenkt werden, und die Kraft, die wir da entwickeln, die ist es, um was es sich handelt. Während sonst die Seele sich zerstreut, ziehen wir, wenn auch nur für ein paar Minuten, das Seelenleben ganz zusammen. Man muß diese Dinge jahrelang fortsetzen, dann wird eine ganz bestimmte Folge eintreten: Jetzt fühlt der Mensch, daß das, was sonst in Bewußtlosigkeit versank, in ihm innerlich rege wird, daß das etwas ist, was sonst von gar nichts ausgefüllt war.
Man muß viele solche Vorstellungen wirken lassen. Dann treten ganz bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse als Bilder, als «Imaginationen» auf; sie schießen vor uns auf, sie stehen vor uns da. Damit ist schon etwas erreicht, aber etwas, das man mit Vorsicht behandeln muß. Wer auf äußerlichem, materialistischem Standpunkt steht, wird mit Recht sagen: Jetzt habt ihr es gerade soweit gebracht wie diejenigen, die Halluzinationen und Visionen haben und aus der Seele etwas heraufholen, was nichts wert ist. - Da ist in der Tat eine Klippe. Die Menschen, die solche Visionen erleben, werden an sie glauben wie an etwas Wirkliches, viel wirklicher als die Dinge, die sie mit Augen sehen. Es gibt Menschen, die für ihre Wahnvorstellungen das logischste System ausdenken, um sie sich zu erhalten. Es gibt eine Bezeichnung, die das alles erklärt, die liegt in dem Wort «Selbstliebe». Warum glaubt der Mensch an diese Vorstellungen? Aus Selbstliebe; weil er selbst sie aus sich herausgeboren hat; weil der Mensch zunächst gar nicht anders kann, als sich zu identifizieren mit dem, was er innerlich ist. Das muß beachtet werden für einen Geistesforscher. Er muß einen so starken Willen haben, daß er sich sagt: Das, was ich sehe, ist nur Spiegelbild meines eigenen Wesens.
Der Geistesforscher muß so stark sein, daß er imstande ist, durch seinen Willen diese ganze Vorstellungswelt wieder wegzuschaffen, zu tilgen. Wenn man seine Seele entwickelt hat bis dahin, wo der Inhalt der Seele wie Objekte auftritt, dann muß er ins Nichts zurückgeworfen werden, und dann kann man sagen, man ist vorbereitet, zu geistigen Wahrnehmungen zu kommen. Es kommt nicht so sehr darauf an, daß man diese oder jene Schauung entwickelt, sondern daß man die sonst schlummernden Seelenkräfte entwickelt, daß man Kräfte, die sonst schwach sind, stärker macht. Namentlich gehört dazu ein starker innerer Wille. Der Mensch wird also zunächst bekannt mit der ganzen Kraft der Selbstliebe. Diese muß besiegt werden. Und hier handelt es sich um einen schweren Sieg. Ausgelöscht werden muß das, was man sich erobert hat.
Der Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen führt dahin, daß Kräfte, die man sonst nur als innerliche kennt, wirken mit der Kraft eines Naturereignisses. Die inneren Seelenkräfte wirken wie Naturelemente. Man steht sich selbst wie einer Art Natur gegenüber. Dann tritt ein bestimmtes Erlebnis auf, das man nennt die «Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Es kann hundertfältig auftreten. Nur eine Art soll hier angegeben werden: Man fühlt etwas Neues, wie wenn der Blitz durch einen hindurchfahren oder man leiblich aufgelöst würde und dennoch bliebe. Man fühlt sich ohnmächtig, des Leibes sich zu bedienen. Das ist ein sehr wichtiger Moment. Man hat das Gefühl, wie wenn einem die Hände angeschmiedet wären und das Gehirn etwas ist, über das man keine Gewalt hat, das seelisch wirkt wie ein Hindernis. Um diesen Moment zu ertragen, muß man sich vorbereiten. Diese Vorbereitung besteht darin, daß man seinen Mut stählt. Man muß diesen Moment erleben in Furchtlosigkeit. Daran schließen sich mancherlei andere Erlebnisse an, die alle dahin führen zu wissen, was es heißt, dem, was man immer sein eigen genannt hat, seinem Leibe, seinen gewöhnlichen Seelenkräften, gegenüberzustehen wie einer Sache. Selbstliebe erkennt man erst jetzt in ihrer Bedeutung und Besiegbarkeit, und weil für das gewöhnliche Erleben dieser Moment ohne die entsprechende Vorbereitung nicht ertragen werden kann, so nennt man dieses Erlebnis die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle, weil gute Geister gleichsam davorstehen und uns schützen gegenüber diesem Erlebnis.
Daß man solche Erlebnisse durchmacht, davon hängt ab die Heranerziehung gewisser streng moralischer Impulse. Dadurch wird man reif, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse nur auf Gesundheit der Seele zu bauen. Gegenüber dem, was der Geistesforscher durchmachen muß, bevor er an die geistige Welt herantritt, ist der Einwand kindisch, daß der Geistesforscher sich einem Wahn hingeben würde. Er kennt die Wahnerlebnisse, die Visionen durch und durch. Er weiß, wie er diese herausgeschafft hat aus der Seele. Wenn er die Resultate der Selbstliebe tilgen kann, wenn er alles hingegeben hat dem ganzen Weltenweben, dann tritt eine neue Welt vor ihm auf, vollständig objektiv; und sie ist in sich so erfüllt vom Einzeldasein, wie auch die äußere physische Welt von Einzeldasein erfüllt ist.
Heute hat unsere Zeit schon einen starken Zug nach der Annahme des Übersinnlichen, und man kann bemerken, wie dieser Zug hervortritt. Ich will nur auf eine hervorragende Tatsache hinweisen. Charles Eliot, Vorstand der Harvard-University in Amerika, hat 1909 einen Vortrag gehalten, wo er sprach über eine Art Zukunftsreligion in Anerkennung des Übersinnlichen auf naturwissenschaftlicher Grundlage und sagte: Immer haben die Menschen ein absolutes Seelenwesen anerkannt, das nicht den äußeren physischen Gesetzen unterliegt. - Immer wieder finden wir bei zahllosen Gelehrten einen solchen Hinweis. Aber gerne möchten solche Menschen stehenbleiben beim bloßen Hinweisen darauf. Sie sagen: Es gibt Seele, Seele, Seele! Ja, das ist geradeso, wie wenn man bei den verschiedensten Pflanzen und Tieren sagt: Das ist Natur, Natur, Natur! Wenn aber der Geistesforscher auftritt und Einzelheiten der geistigen Welt erzählt, dann werden die Menschen ungemütlich. Es genügt nicht, darauf hinzuweisen, daß es Geist, daß es Seele gibt. Aber wenn man von den geistigen Welten spricht, daß es darin Wesenheiten und Geschehnisse gibt, dann werden die Menschen ungemütlich und sagen, das müßten Phantastereien sein. Daß das alles auftaucht vor dem Geistesforscher, davon kann nicht gesagt werden, es sei Täuschung. Denn der Geistesforscher hat die Erlebnisse mitgemacht, die ihm gestatten, zu unterscheiden.
In der Naturwissenschaft ist es doch geradeso; man muß diese Dinge erleben. Wenn noch nie ein Mensch einen Walfisch gesehen hat, so kann man aus der Zoologie nicht beweisen, daß es einen Walfisch gibt. Damit widerlegen sich manche Einwände. Schopenhauer hat einen Teil seines Systems damit charakterisiert, daß er sagte: Die Welt ist meine Vorstellung. - Damit wird behauptet, daß Wahrnehmungen von Vorstellungen nicht zu trennen seien. Es gibt aber einen einfachen, wenn auch trivialen Gegenbeweis. Wenn wir uns vorstellen, wir bringen ein Eisenstück von 900 Grad Celsius an das Gesicht, so können wir uns den verursachten Schmerz wohl in Gedanken vorstellen, aber brennen tut ein nur vorgestelltes heißes Eisen nicht, wohl aber ein wirkliches. Es gibt also einen Beweis, der durch das Leben erbracht wird. Und so ist es mit dem geistigen Leben; es muß nur bis zu Ende erlebt werden. Jemand hat eingewendet, bei großem Durst könne man sich recht wohl den Geschmack und die erfrischende Wirkung einer Limonade vorstellen. Ja - aber den Durst kann man mit dieser Vorstellung nicht löschen. Man darf nicht bloß mit logischen Spielereien kommen. Der Geistesforscher muß so weit gekommen sein, daß er unterscheiden kann zwischen Wirklichkeit und Phantastik, geradeso wie man in der physischen Welt unterscheiden muß zwischen Wirklichkeit und Vorstellung. So tritt der Mensch in diejenige Welt ein, in der er jede Nacht ist, wenn er herausgetreten ist aus dem physischen Leibe, wo er auch im Geistig-Seelischen ist, nur daß er dann keine innere Regsamkeit besitzt. Durch das, was angeführt worden ist [an Übungen], macht sich das Geistig-Seelische so stark, daß es sich selbst und damit seine Umwelt erlebt.
Nun beginnt man zu begreifen, daß es ein ganz Reales ist, was dem menschlichen Wesen als Geistiges zugrundehegt. Wenn man es einmal gesehen hat, wie man abgesondert sein kann vom Leibe, wie man nicht Macht hat über diesen Leib und doch ein Bewußtsein behält, so kommt man zum Begreifen von etwas anderem. Man begreift, daß dieses keimhaft doch etwas ist, das mitwirkt beim Aufbau des Leibes. Man betrachtet dann ganz richtig naturwissenschaftlich das Menschenleben so, wie man eine Pflanze wachsen sieht. Wenn ein [Lebewesen] mit den Wurzeln einer Pflanze geboren und mit ihrem Blühen sterben würde, hätte es keine Ahnung davon, daß der Keim, der sich in der Blüte ausbildet, wiederum einen Prozeß anfängt und daß man im Keime die ganze Pflanze zusammengezogen sich denken muß. Hat man einmal das menschliche Innere erkannt, dann versteht man den Ausspruch Goethes: Im Alter wird man Mystiker. - Das innere, reiche Seelenleben ist wie der Keim der Pflanze.
Jetzt sehen wir einen Menschen an, der durch die Geburt ins Dasein tritt, wie seine Fähigkeiten sich entwickeln, und wir sehen, wenn wir einen Menschen gegen den Tod hin betrachten, wie er innere Kräfte aufgespeichert hat, die er nicht [mehr] durch den Leib ausdrücken kann. So tritt durch die Pforte des Todes das Innere in die geistige Welt ein; und wenn wir einen Menschen geboren werden sehen, so sehen wir ihn wieder herauskommen aus der geistigen Welt und hereinziehen in das Ererbte von Vater und Mutter. Wenn wir sagen, alle Eigenschaften seien von Vater und Mutter ererbt, so ist das wie die alte Naturforschung, die glaubte, daß aus Schlamm sich sogar Fische bilden könnten. Erst Francesco Redi sagte, daß Lebendiges nur aus Lebendigem stammen kann. Der Geistesforscher kennt den menschlichen Geisteskern. Wenn man sagen wollte, alles stamme von Vater und Mutter, so muß erwidert werden: Das ist eine ungenaue Beobachtung. Man muß sagen: Was aus früheren Verkörperungen kommt, tritt herein und zieht das an sich, was von Vater und Mutter stammt. Alles Geistig-Seelische führt auf ein früheres Geistig-Seelisches zurück. Das heißt, wir kommen zu den wiederholten Erdenleben. Wir haben schon viele Leben durchgemacht. Das alles hat einen Anfang und ein Ende. Wir bringen mit uns, was wir erworben haben an inneren Kräften in diesem Leben, so daß wir auch am Aufbau unseres Leibes arbeiten. Das kann man schon äußerlich sehen. Man betrachtet das Gehirn bei der Geburt und wie es dann plastisch ausgebildet wird. Da arbeitet sich die Individualität heraus. Das, in dem wir uns selbst finden, wenn wir Geistesforscher werden, das ist es, was wir in diesem Leben erworben haben. Daher der erschütternde Eindruck für einen Geistesforscher, weil er nichts an dem ändern kann, was von früheren Leben stammt. Da tritt uns das Todes- und Schicksalsrätsel in besonderer Weise entgegen. Wenn "wir leiden in einem gegenwärtigen Leben, so haben wir es uns selbst zubereitet in einem früheren Leben. Das könnte grausam erscheinen. Aber nehmen wir einmal an, daß jemand im achtzehnten Jahre seines Lebens erleben müßte, daß sein Vater das ganze Vermögen verliert; jetzt muß er etwas lernen, das ist sehr unangenehm, und er kann es höchst übel empfinden. Aber mit fünfzig Jahren wird er es ganz anders beurteilen. So ist der Mensch nicht immer geeignet, ein Unglück zu beurteilen, solange er darinnen steht. Wir müssen uns sagen, wenn wir uns selbst hereinstellen in Not und Elend: Es ist zugleich Entwicklungsbedingung. Es ist nur scheinbar, wenn man glaubt, daß diese Erkenntnis grausam ist.
Dasjenige, was man Unsterblichkeit nennt, wie tritt es uns jetzt entgegen? Nicht wie in vielen Philosophien, daß man eine unendliche Zeitlinie ins Auge faßt und darüber spekuliert, wie das Menschliche dauern kann.
Nein, wir erwerben etwas, "was sich im menschlichen Leben innerlich konzentriert; das Seelenleben zieht sich zusammen, wir tragen unseren Geisteskern durch das Tor des Todes hinein in die geistige Welt, mit dem Leib verbunden führt ihn unser Schicksal in ein nächstes Leben, und wir benutzen das nächste Leben wieder, um das Innere zu bereichern. Im ganzen ist das Leben des Menschen doch ein aufsteigendes. Es setzt sich das ganze Menschenleben zusammen aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und dem, was verbleibt zwischen Tod und neuer Geburt. Die ganze Unsterblichkeit setzt sich zusammen aus dem, was das Leben selbst ergibt. Wir lernen das Leben kennen als den Aufbauer eines neuen Lebens, wie bei der Pflanze, die im Keim die Garantie enthält, daß eine neue Pflanze entstehen wird. Das ist eine durchaus naturwissenschaftliche Betrachtung.
Freilich ist es begreiflich, daß viele Vorurteile dagegen bestehen, aber das ging auch Francesco Redi so. Man hat ihn verbrennen wollen. Das ist das Schicksal der Wahrheit. Heute verbrennt man die Menschen nicht mehr, sondern man erklärt sie für Narren. Die Mode ändert sich, das Wesen ist geblieben. Später werden diese «Phantastereien» selbstverständlich. So wird es gehen mit der Wahrheit: Geistig- Seelisches kann nur von Geistig-Seelischem kommen. Wer weiß, wie es um die Erforschung der geistigen Welt steht, wird begreifen, daß sich diese Vorurteile ergeben müssen. Zunächst glauben die Menschen, daß die Naturwissenschaft in Gefahr sei. Zur Erläuterung diene folgendes Beispiel. Wir sehen einen Menschen, zwei andere stehen vor ihm und fragen: Warum lebt dieser Mensch? - Der eine sagt: Innen hat er eine Lunge, außen Luft, deshalb lebt er; das ist eine naturwissenschaftliche Tatsache. - Dagegen läßt sich nichts einwenden. Der andere sagt: Das ist nicht der einzige Grund. Er war vor vierzehn Tagen ins Wasser gefallen, und ich habe ihn herausgezogen - das ist der Grund, warum er lebt.
So leugnet Geisteswissenschaft keine beobachteten naturwissenschaftlichen Tatsachen, sie sagt nichts gegen die Vererbungstheorien, soweit sie sich nicht selbst widerlegen. Aber neben der Vererbung besteht das Schicksalsgesetz.
Naturwissenschaft wird von der Geisteswissenschaft vollständig anerkannt. Das Mißverständnis besteht nur dadurch, daß die Naturwissenschaft häufig über ihre Grenzen geht und selbst eine Art von Geisteswissenschaft errichten will. Viele sagen, man muß sich an das halten, was die Augen wahrnehmen, nur darauf könne sich die Naturwissenschaft verlassen. Darauf kann man fragen, ob Kopernikus neue astronomische Wahrnehmungen gemacht hat.
Nein, er hat das umgedacht, was man früher aufgrund der Sinneswahrnehmungen gedacht hatte. Kopernikus hatte den Mut und die seelische Kraft, das sinnlich Wahrnehmbare neu zu deuten. Daraus entstand die neue Astronomie, die nicht durch Sinneswahrnehmungen zustandegekommen ist. Auch Giordano Bruno hat die Sinneswahrnehmung durchbrochen, indem er den Himmel nicht als Grenze ansah. So wie das blaue Himmelsgewölbe durch die Begrenztheit des menschlichen Anschauungsvermögens entsteht, so entsteht das Firmament des Seelenlebens zwischen Geburt und Tod. Wir stehen geisteswissenschaftlich auf der Stelle Giordano Brunos. Geburt und Tod, diese Grenzen durchbricht die Geisteswissenschaft. Wie Giordano Bruno Räume durchbrochen hat, so durchbricht die Geistes- Wissenschaft die Zeiten. Galilei führte einen Freund, der ein Anhänger des Aristoteles war und irrtümlich aus Aristoteles herausgelesen hatte, die Nerven gingen vom Herzen aus, vor eine Leiche, um ihm zu zeigen, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen. Da sagte der Freund: Ja, es sieht so aus, aber bei Aristoteles steht es anders, und dem glaube ich mehr. - Heute kommen die Leute und sagen: Es mag leidlich klingen, aber bei Haeckel steht es anderes. - Hier nun gilt der Schopenhauersche Satz: Die Wahrheit mußte immer darunter leiden, daß sie, wenn sie ins Dasein tritt, paradox erscheint, denn sie kann sich doch nicht auf den Thron des allgemein verbreiteten Irrtums setzen. So blickt sie zu ihrem Schutzengel auf, der Zeit, dessen Flügelschläge aber so langsam gehen, daß, wer die Wahrheit erkannt hat, oft darüber stirbt. - Wir müssen uns klarwerden, daß der Einwand unberechtigt ist, daß nur der Geistesforscher etwas wissen könne über die geistige Welt. Um die Wahrheiten zu finden, hat man alles das durchzumachen, aber die Geistesforschung verhält sich zur Geisteswissenschaft wie das, was der Maler zu lernen hat, zu seinem Bilde. Aus dem Bilde können wir etwas erkennen. Was der Geistesforscher erforscht hat, kann man begreifen, wenn man nur mit gesundem Menschenverstand herantritt an das, was er zu sagen hat. Dann sind es ja Wahrheiten, die uns Lebensfreude geben, die uns hinwegheben über Hilflosigkeit und uns Sicherheit verleihen.
Nicht dadurch, daß man hineinsieht in die geistigen Welten, hat man etwas davon, sondern dadurch, daß man [das Geschaute] in Ideen [und Begriffe] gebracht hat, die jeder andere auch erfassen kann. Die Resultate hat der Geistesforscher nicht anders als der Leser oder Hörer. Wir haben so Antwort nicht nur auf wissenschaftliche Fragen, sondern auf Lebensrätsel.
Wenn wir die menschliche Erziehung so einrichten könnten, daß von Jugend auf die Menschen mit diesen Fragen aufwachsen würden, dann bildete sich in unserer Seele etwas heraus wie eine Anlage, wie ein Keim oder Kern, der die Garantie bietet für ein künftiges Leben. Die Spannkräfte des Lebens werden immer stärker, und wenn die äußeren Kräfte verfallen, fühlen wir die inneren sich konzentrieren. Der Keim der Pflanze könnte sich nicht anders fühlen gegenüber den welken Blättern als das Geistige, das mit seiner Kraft durch die Pforte des Todes tritt. Das gibt dem Leben Antworten, nicht nur der Wissenschaft. Sie führen uns zu Trost in den schwersten Lebenslagen. Dazu braucht man nicht ein Geistesforscher zu sein. Wie man Nahrungsmittel schmecken kann, auch ohne Chemiker zu sein, so braucht auch nicht jeder Geistesforscher zu sein. Es muß nur einige geben. Das wird so feste Überzeugung in der Seele, daß man lernt, die Feindschaft dagegen zu behandeln, wie Goethe es gegenüber einer philosophischen Betrachtung, gegenüber den Leugnern der Bewegung, gesagt hat. Goethe hat geantwortet aus dem gesunden Menschenverstand heraus. Philosophisch ist diese Ansicht gar nicht leicht zu widerlegen.
Es mag sich Feindliches eräugnen
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas herum.
Man darf schon Humor anwenden gegenüber Feindschaft und Gegnerschaft; man muß aber nicht nur glauben, sondern wissen, wie es steht um die Wahrheit. So wird Geisteswissenschaft sich hineinfinden ins Leben, so werden diejenigen, die die innere Durchkraftung der Seele fühlen, wie sie ins Leben sich einfügt, etwas ähnliches empfinden wie Goethe gegenüber den Leugnern der Bewegung. So können wir alles das, was sich aus unserer heutigen Betrachtung ergeben hat, in eine Empfindung zusammenfassen gegenüber denen, die noch als Gegner der Geisteswissenschaft auftreten:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du bleibe ruhig, bleibe heiter;
Und wenn sie dir den Geist verleugnen,
So grüble du nicht weiter.
Ja, gib ihnen am Ende noch recht; Es steht mit ihrem Geiste schlecht!