Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 9 December 1910, Munich
I. Spiritual Science and the Future of Humanity
München, 9. Dezember 1910
Der Dichter des Dänenprinzen Hamlet lässt diesen im Hinblick auf eine große, bedeutsame Persönlichkeit der Geschichte aus seinem verstimmten Grübeln heraus in der Totengräber-Szene über den Wert des toten Cäsar sprechen:
Der große Cäsar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauen Norden.
O, dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.
Es ist nicht verwunderlich, dass dem Hamlet diese Ideen in Erinnerung an den großen Cäsar kommen, wenn in seinem düsteren Gemüte der Gedanke gefasst werden konnte, dass von all dem Körper, dem Menschen, von alldem, was die Kraft des Willens ausübte, nichts weiter übrig bleibe als ein Häuflein äußeren Stoffes, der, in seine Atome zerfallen und aufgelöst, verwendet werden könne, um da oder dort «eine Wand zu verkleben»; aber dieser selbe Gedankengang ist recht bezeichnend für die Grundstimmung unserer heutigen Zeit. Es gibt über Physiologie, im Sinne unserer heutigen wissenschaftlichen Auffassung, ein ausgezeichnetes Handbuch von Huxley, das auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Gleich auf einer der ersten Seiten finden Sie einen Hinweis auf die eben zu Ihnen gesprochenen Worte des Hamlet, aber so, dass in allem Ernst am Schlusse der «Ersten Vorlesung» gesagt wird:
Es ist unmöglich, mit irgendeinem Grade von Gewissheit diesen Wanderungen zu folgen, die wechselnder und ausgedehnter sind, als diejenigen waren, die von den alten Weisen, welche an die Doktrin der Seelenwanderung glaubten, ersonnen worden sind; aber die Wahrscheinlichkeit besteht, dass früher oder später einige, wenn nicht alle der zerstreuten Atome, zu neuen Lebensformen gesammelt werden. Die Sonnenstrahlen, die die Pflanzenwelt durchdringen, vereinigen einige der wandernden Atome von Kohlensäure, Wasser, Ammoniak und Salzen zu der Herstellung von Pflanzen. Die Pflanzen werden von den Tieren verschlungen, Tiere verschlingen einander, der Mensch verschlingt sowohl Pflanze als Tier; und so ist es leicht möglich, dass Atome, die einst einen wesentlichen Teil vom geschäftigen Gehirne des Julius Caesar ausmachten, jetzt in die Zusammensetzung von Caesar, dem Neger in Alabama, oder von Caesar, dem Haushunde irgendeines englischen Haushaltes, eingehen.
Wir wollen nicht so dogmatisch denken und nicht mit logischen Gründen rechten, sondern überlegen, wie aus seinen innersten Empfindungen heraus ein so ausgezeichneter Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts wie Huxley dazu kommen konnte, solche Auffassungen niederzuschreiben. Wir wollen nicht mehr fragen: Was wird aus den physischen Bestandteilen, wenn der Leib des Menschen in Staub zerfällt? -, sondern wir wollen unser Augenmerk auf den im Menschen verkörperten Willen, auf sein selbstbewusstes Ich richten, und darauf achten, welche Wege dieses Seelisch-Geistige geht, obgleich sich sonst der Mensch gedrängt fühlt, zu fragen, nicht welchen Weg der Geist, sondern welchen der äußere Stoff nimmt.
Wir werden gleich sehen, dass es im innigen Zusammenhang mit der Grundstimmung der Zeit steht, die Zustimmung, das Herz der Menschen zu gewinnen, wenn man ihnen sagt, sie können glücklich, mindestens aber gesund werden, wenn sie bestimmte Vorschriften befolgen, nur dieses oder jenes zu essen, in besonderer Art zu baden und sich reformgemäß zu kleiden und so weiter; weit schwieriger aber stellen sie sich [an], wenn man ihnen davon spricht, dass der geistige Inhalt von Ideen, Wahrheiten, Erkenntnissen, mit denen wir unsere Seele erfüllen, [dass diese] lebendige Kräfte werden, um unser Inneres, unser ganzes Leben zu harmonisieren, zu kräftigen, gegen alle möglichen Angriffe widerstandsfähig zu gestalten und uns zur Erfüllung unserer Lebensaufgaben zu stärken.
Zur Erläuterung möchte ich nur hinweisen darauf, wie bei Furcht und Angst die Menschen erblassen, beim Schamgefühle erröten, wie also das Seelische aufs Körperliche und außerdem noch weiter wirkt, als man gemeinhin annimmt. Wenn man aber weiterhin darauf hinweist, dass die Gedanken einer spirituellen Weltanschauung uns hinaufführen in geistige Höhen, dass [eine] richtige Denkweise dieser Art geistig und leiblich gesundend auf den Menschen wirkt, da finden wir einen starken Zweifel oder ausgesprochenen Unglauben bei der größten Mehrzahl unserer Zeitgenossen, und zwar vielfach nur deshalb, weil die Menschen unserer Zeit denkerisch zu bequem geworden sind, um die zur Durcharbeitung solcher Anschauungen nötige geistig-seelische Anstrengung aufzuwenden. Sowohl Huxleys Buch wie auch die überall im Leben zu machenden Erfahrungen zeigen in charakteristischer Weise, dass unser Zeitalter dazu übergegangen ist, nur an das äußerlich Materielle, Sinnenfällige zu glauben. Das neunzehnten Jahrhundert hat uns diese Verhältnisse gebracht.
Die Geisteswissenschaft ist nun weit davon entfernt, die gewaltigen Errungenschaften der Naturwissenschaft abzulehnen, die uns dieses Jahrhundert nebst einer fast unübersehbaren Tatsachenfülle überliefert hat. Es ist aber notwendig, darauf hinzuweisen, dass sich gewisse Begriffe in die Herzen der Menschen eingeschlichen und eingenistet haben, sozusagen Mode geworden sind, sodass diese sich schwer dazu entschließen können, an Geistiges zu glauben, ohne dabei den Versuch zu machen, es sich materiell vorzustellen. Dadurch aber droht der Menschheit schon für die nächste Zukunft ein seelisches Chaos, eine Verirrung in Bezug auf die wichtigsten Dinge, von denen ich nur eines herausgreifen und deswegen noch einmal auf Huxleys «Physiologie» hinweisen will, nämlich den Begriff des Lebens, soweit dieser sinnenfällig und gewissermaßen selbstverständlich ist. So ist [dort] gesagt:
Aber in Wirklichkeit ist die unmittelbare Todesursache immer das Aufhören der Tätigkeiten eines von drei Organen: des Hirnrückenmarknervenzentrums, der Lungen oder des Herzens. So kann ein Mann augenblicklich getötet werden durch die Verletzung an einem Teile des Gehirns, welcher verlängertes Mark [...] heißt, wie sie durch Hängen oder Genickbrechen hervorgebracht werden kann. Oder der Tod kann die unmittelbare Folge von Erstickung durch Erwürgen, Erhängen oder Ertrinken sein, oder in anderen Worten durch die Hemmung der Atmungsvorgänge. Oder endlich erfolgt der Tod sogleich, wenn das Herz aufhört, das Blut im Kreise umzutreiben. Diese drei Organe, das Gehirn, die Lungen und das Herz, werden deshalb etwas phantastisch der Lebensdreifuß genannt. Im letzten Grunde jedoch hat das Leben nur zwei Füße, auf denen es ruht, die Lungen und das Herz; denn der Tod durch das Gehirn ist immer erst die mittelbare Folge der Wirkung, welche die Verletzung dieses Organs auf die Lungen oder das Herz ausübt. Die Tätigkeiten des Gehirns hören auf, wenn entweder die Atmung oder der Kreislauf zu Ende sind. Aber wenn der Blutumlauf und die Atmung künstlich unterhalten werden, so kann man das Gehirn wegnehmen, ohne dadurch den Tod zu verursachen.
Wenn also Huxley meint, er könne mit diesen Mitteln das Leben erhalten, so ist unter gewissen Einschränkungen dagegen nichts einzuwenden, aber ich möchte noch besonders die Frage aufwerfen, ob das denn tatsächlich auch noch Leben zu nennen ist. Es würde sich wahrscheinlich jeder der Anwesenden für ein solches Leben bedanken. Daher beweist ein derartiger Ausspruch in einem wissenschaftlichen Werke, das sich tief einlässt auf die wesentlichsten Begriffe, dass die heutige Zeit verlernt hat, in zutreffender Weise über Begriffe wie «das Leben» überhaupt zu denken.
Wer aber das ins Auge fasst, wie es richtig ist, dass die Gedanken und Empfindungen, welche wir vorherrschend hegen, den Leib gesund oder krank machen können, der wird außerdem bald inne werden, wie schwierig es ist, Begriffe klarer Art in die Zukunft fortzupflanzen. Mit unzulänglichen Begriffen in unserer Seele über Leben und Tod, über Geist und Seele werden wir in eine Gesinnung versetzt, die bald an allem Möglichen in uns zweifeln macht, die seelischen Kräfte in uns lähmt und uns hindert, unsere Pflichten im Leben ausreichend zu erfüllen; mehr und mehr wird es öde in Seele und Geist des Menschen werden, ein solcher wird zuletzt in Kraftlosigkeit und Verzweiflung gestürzt. Der aufmerksame Beobachter sieht voraus, dass die Menschheit auf diesem Wege in eine schlimme Lage gebracht werden kann, er kann feststellen, dass die Anfänge dazu schon an manchen Stellen gemacht sind, besonders, wenn die fortgeschrittenste Wissenschaft vereinbar ist mit solchen Begriffen, die auf unser Seelisch-Geistiges und damit auch auf unseren Körper geradezu mordend einwirken.
Daneben geht etwas anderes her, nämlich ein Bedürfnis, das jedoch durch ein Chaos von Begriffen wieder unterdrückt wird, sich aber trotzdem immer von Neuem in der Seele regt und den Geist beschäftigt: Man spricht so viel von Entwicklung aus den unvollkommenen Lebenszuständen zu vollkommeneren, aber dort, wo es am nötigsten sein würde, von diesen Dingen zu reden, da will man nicht daran glauben, wenn es sich um die menschliche Seele handelt. Diese menschliche Seele aber hat von Epoche zu Epoche immer neue Bedürfnisse, will immer in fortgeschritteneren Verhältnissen leben; die Seele des zwölften Jahrhunderts ist noch eine andere als die im neunzehnten Jahrhundert. Nicht auf äußere Dinge, auf Schulbildung und Gelehrsamkeit, sondern auf die andere Art und Auffassung des Lebens kommt es an, die sich für die Seele von Epoche zu Epoche entwickelt.
Es kann ja heute Abend auf das Leben nur kurz hingedeutet werden; es zeigt sich da bedeutend in der Seele fast eines jeden Menschen das Bedürfnis, in sich gewisse Dinge gefühls- und verstandesgemäß zu entwickeln, die in früheren Kulturepochen auf Treu und Glauben hingenommen wurden. Früher waren ganze Epochen weit mehr beherrscht von gewissen allgemeinen Urteilen, und alle Seelen waren im Allgemeinen von den gleichen Anschauungen eingenommen. Heute dagegen macht sich im steigenden Maße in den Seelen der Drang geltend, selbstständig zu sein, individuell in sich die Anhaltspunkte zu finden über Sittengebote, Urteile aller Art, in sich selbst Grund und Quell des Daseins zu erschließen.
Unsere Zeit krankt aber bei vielen Menschen daran, dass sie dieses Bedürfnis in mancher Hinsicht oder ganz und gar auf dem Boden der Seele ruhen lassen. Es kann nicht aufkommen, weil es mit dem Chaos des Lebenstreibens übertäubt wird; und solche Menschen gehen dann unter im Autoritätsglauben - der umso furchtbarer wirkt, weil er sich beruft auf das materiell nicht Greifbare -, indem sie immer wiederholen, «die Wissenschaft» habe dieses und jenes festgestellt, bewiesen. Die allermeisten Menschen können dem nicht nachgehen und für sich untersuchen, wie es festgestellt worden ist, und deshalb ist die Autorität der Wissenschaft zu einer furchtbaren allgemeinen Größe angewachsen.
Diese beiden Geistesströmungen liegen miteinander im Kampf. Wenn sich nun die Geisteswissenschaft zu diesen beiden Mächten in ein richtiges Verhältnis stellen will, so muss sie das strenge Ziel verfolgen, es dem Menschen möglich zu machen, den in ihm erwachenden tiefen Bedürfnissen im eigentlichsten Sinne zu genügen. Da will ich nun zunächst darauf hinweisen, dass in den früheren Jahrzehnten die Fragen nach dem Schicksal der Seele, der Herkunft des Menschen, den Quellen allen geistigen Lebens ganz anders an den Menschen herangetreten sind als heute, indem ich Ihre Aufmerksamkeit lenke auf eine tonangebende Persönlichkeit, bei der sich das zeigt in ihrer eigenartigen Geisteskonstitution, in ihrem Fühlen und Empfinden. Goethe, den ich hierbei im Auge habe, hat sich darüber ohne besondere äußere Veranlassung wenig geäußert, aber gelegentlich des Begräbnisses des von ihm sehr verehrten Wieland sprach er sich zu einer ihm nahestehenden Persönlichkeit darüber aus, was er über das Schicksal der Seele nach dem Tode dachte. Goethe antwortete auf die an ihn gerichtete Frage:
[Wieland wird jetzt] nichts Kleines, nichts Unwürdiges [unternehmen], nichts mit der sittlichen Größe, die er sein ganzes Leben lang behauptete, Unverträgliches. [...] Von Untergang solcher hohen Seelenkräfte kann in der Natur niemals und unter keinen Umständen die Rede sein; so verschwenderisch behandelt sie ihre Kapitalien nie [...] Was nun die persönliche Fortdauer unserer Seele nach dem Tode betrifft, so ist es damit auf meinem Wege also beschaffen. Sie steht keineswegs mit den vieljährigen Beobachtungen, die ich über die Beschaffenheit unserer und aller Wesen in der Natur angestellt, im Widerspruch; im Gegenteil, sie geht sogar aus demselben mit neuer Beweiskraft hervor. Wie viel aber, oder wie wenig von dieser Persönlichkeit übrigens verdient, dass es fortdaure, ist eine andere Frage und ein Punkt, den wir Gott überlassen müssen.
Goethe entwickelt dann eine gewisse Rangordnung der Seelen, die er hier Monaden nennt, die sie zu den verschiedenen Tätigkeiten geeignet macht; er hält dabei diese Monaden für unsterblich und in ihrer höheren Entwicklung mit tätig an der Entwicklung des Weltsystems und fährt dann fort:
Ich bin gewiss, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal da gewesen und hoffe, wohl noch tausendmal wiederzukommen. [...] Damit ist aber keineswegs gesagt, dass durch diese Beschränkung unserer Naturbetrachtungen auch dem Glauben Schranken gesetzt wären. Im Gegenteil kann, bei der Unmittelbarkeit göttlicher Gefühle in uns, der Fall gar leicht eintreten, dass das Wissen als Stückwerk besonders auf einem Planeten erscheinen muss, der, aus seinem ganzen Zusammenhange mit der Sonne herausgerissen, alle und jede Betrachtung unvollkommen lässt, die eben darum erst durch den Glauben ihre vollständige Ergänzung erhält. [...] Sobald man nur von dem Grundsatz ausgeht, dass Wissen und Glauben nicht dazu da sind, um einander aufzuheben, sondern um einander zu ergänzen, so wird schon überall das Rechte ausgemittelt werden.
Goethe hat tatsächlich die Naturwissenschaft seiner Zeit beherrscht; er hat sie außerdem bereichert durch eine im Geistigen lebende Denkweise. Darum ist es umso interessanter, zu erleben, wie sich alle diese Dinge in Goethes Auffassung widerspiegeln, wie sich auf allen seinen langen persönlichen und wissenschaftlichen Lebenserfahrungen das Leben der Seele nach dem Tode seinem Bedürfnis gemäß gestalten könnte, und zu sehen, wie Goethe, zufolge seiner spirituellen Weltanschauung, der sich immer mehr ausarbeitenden modernen materialistischen Weltanschauung fernstand. So kommt es auch für jeden anderen darauf an, sich durch seine ganze Geisteskonfiguration eine Idee von der geistigen Weltanschauung zu bilden.
Damals kannte man die heute stark verbreitete und wissenschaftlich geförderte Weltanschauung des «Monismus» noch nicht, man war noch nicht so ängstlich besorgt darum, dass sich ja keine Kluft auftue zwischen dem Menschen und den höheren Tieren [...], man glaubte vielmehr im physischen Sinne an diese Kluft, und wenn man diese aufrichten wollte, so dachte man tief materialistisch [...]. Die Menschen wollten etwas materiell Unterscheidbares haben, da sie sich nicht in den Gedanken finden konnten, dass sich ein Geistiges als Unterscheidendes finden könnte. Da suchte man denn im ganzen Körper, in den Weichteilen und dem Skelett, fand bei den Tieren im Oberkiefer einen besonderen Zwischenkieferknochen, den der Mensch anscheinend nicht besaß. Damit glaubte man denn, den lange gesuchten, erhabenen Unterschied zwischen Mensch und Tier entdeckt zu haben, und gutgläubige, materialistisch denkende Menschen waren geneigt, dies ohne Weiteres anzuerkennen. Goethe studierte diese Verhältnisse und fand, dass der Zwischenkieferknochen vor der Geburt vorhanden sei, also beim werdenden Menschen, aber bis zur Geburt allmählich mit den angrenzenden Teilen völlig verwachse. Wir finden das Nähere darüber in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, in denen er der Untersuchung des «ossis intermaxillaris» eine besondere Abhandlung mit eingehenden Abbildungen widmet und seine Entdeckung gegen Soemmerring 1785 und Camper in besonderen Briefen verteidigt, wobei er aber außerdem betont, dass der Unterschied zwischen Mensch und höherem Tier nicht im einzelnen Materiellen, sondern in dem das Tier gewaltig überragenden Geistigen zu suchen sei. Wenn wir dabei berücksichtigen, was Goethe - nach Johannes Falk - am Begräbnistage Wielands über Seele und Geist, deren Wandlungen und Schicksale nach dem Tode sagt: wie er nachgedacht habe während seines langen Lebens, und wenn er so nun dasjenige, was er so glaubt gefunden zu haben, vergleiche mit dem naturwissenschaftlich, sinnlich Beobachtbaren, so schließe sich beides ohne Widerspruch zusammen. — Das konnte man damals noch sagen als Gelehrter, als getreuer Naturforscher, ohne sich im Widerstreit zu finden mit den Anschauungen über das Leben der Seele auf ihrem besonderen Gebiete und dem der materiellen Seite des Lebens. Selbst in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war dieses noch der Fall bei einem besonders genannten, bahnbrechenden Naturforscher, der vor allen anderen viel getan hat für die Kenntnis der Umwandlung tierischer Lebensformen, der aber, indem er ihre Entwicklung zeigte, zu dem Ergebnis kam, zu sagen:
Ich halte dafür, dass alle organischen Wesen, die je auf dieser Erde gelebt haben, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schöpfer eingehaucht wurde.
Das war Charles Darwin. Auch dieser konnte ungehindert den Blick in die geistige Welt richten, ohne dass er mit den Ergebnissen der Forschungen in Widerspruch geriet. Dabei muss bemerkt werden, dass wohl das englische Original diese Worte enthält, nicht aber die erste deutsche Übersetzung und deren folgende Auflagen, man war also in so kurzer Zeit nicht mehr imstande, den Blick auf die geistige Welt zu verbinden mit dem schon viel schroffer aufgefassten Darwinismus. So hören und lesen wir es denn heute in allen sogenannt volkstümlichen Darstellungen, dass jeder ein Phantast und Tor sei, der noch festhält an der Einwirkung einer geistigen Welt, nachdem ja Darwin selbst gezeigt habe, dass alles Geistige eine Funktion des Physischen sei. Damit ist natürlich nichts leichter, als so die Geisteswissenschaft zu widerlegen, wenn man dies umsetzt in die Anschauung. Wenn dieser oder jener Teil des Gehirns erkrankt, so wird in gewisser analoger Beziehung die Seele krank; wenn sich allmählich das Gehirn abnützt, so wird dadurch auch die Seele abgetragen, also sei die Seele untrennbar als Ausdrucksform mit der Materie vereinigt zu denken. Darwin habe ja der geistigen Welt ohnedies den Garaus gemacht - obgleich dies nicht so ist.
Wir leben heute in einer Zeit, wo es schon ein ernstes Wahrheitsstreben ist, ein Geständnis zu machen, wie Goethe es tat, und sich doch mit der Wissenschaft abzufinden, wie Goethe, der die Seele als völlig zu Recht bestehend beibehalten konnte. Heute scheint es unmöglich zu sein, die äußere, materielle Wissenschaft und das Festhalten an der geistigen Welt miteinander zu vereinigen. Heute leben wir in einem Zeitalter, das fast eine unüberschaubare Menge von Erfahrungsergebnissen aufgehäuft hat, wo es unmöglich ist, dass sich der Einzelne in den immer mehr und weiter geteilten Wissenschaftsdisziplinen zurechtfinden kann, wo es ihm völlig benommen ist, sich genau darüber zu orientieren, was alles die Wissenschaft «festgestellt» hat, ebenso, wie das schwierig ist, selbst festzustellen, was ihm ein zutreffendes Urteil, eine gesunde allgemeine Anschauung über die Geisteswissenschaft gibt.
Da kommt also diese Geisteswissenschaft und beruft sich darauf, dass sie dieselbe Denkweise und Logik besitzt und anwendet wie jede andere Wissenschaft von heute, die nicht nur davon ausgeht, dass in der Seele die normale Erkenntniskraft des alltäglichen und wissenschaftlichen Lebens lebe, die sozusagen ein jeder normale Mensch anwenden könne, sondern sie hält fest an der Überzeugung, dass in der Menschenseele Kräfte schlummern, die entwickelt werden können, sodass dem betreffenden Menschen das Leben in der geistigen Welt offenbar werden wird wie dem mit Augen und den übrigen Sinnen begabten Beobachter der äußeren, materiellen Umwelt.
Es kann im Leben nicht ein jeder seine geistigen Augen und Ohren entwickeln und ein Geistesforscher werden, aber es kann auch nicht jeder im Laboratorium arbeiten, Astronom und so weiter sein, nicht jeder braucht in solcher Art als Forscher zu arbeiten. Nur wenige können es in genügendem Maße erreichen, aber sie können es den anderen verkünden, und jeder Mensch hat in seiner Seele etwas, was ihn davor bewahrt, sich all dem Mitgeteilten im blinden Glauben hinzugeben; das sind: Logik und gesunder Wahrheitssinn. Die ihm gewordenen Mitteilungen können den Menschen erleuchten; er kann sie am Leben messen, erproben und Erfahrungen darüber sammeln, ob sie dort und an sich selbst gesundend und fördernd wirken.
So stellt sich die Geisteswissenschaft ins Leben. Es macht sich dabei der Mensch durch seine seelische Kraft selbst zum Instrument der geisteswissenschaftlichen Forschung. Die Forderung aber, dass hierbei alle Resultate für jeden selbst haarscharf und jederzeit bewiesen werden könnten, ist von der Geisteswissenschaft ebenso wenig zu leisten möglich wie von der äußeren materiellen Wissenschaft und ihren Forschern. Diese Letzteren sagen, ihre Wissenschaft verlange absolute Objektivität, nicht innerlich-seelische Dinge und Erlebnisse, wer aber so spricht, kennt die geisteswissenschaftliche Forschung in ihrem eigentlichen Wesen nicht.
Wenn sich jemand, abgesehen von äußeren Eindrücken, ins innere Seelenleben vertieft, so wird er zunächst die eigenen inneren Seelenerfahrungen antreffen, die bei jedem Einzelnen anders sind, aber in Wirklichkeit geht die Seele allmählich andere Wege. Der angehende Geistesforscher wird zunächst seinen Mitmenschen nichts bringen, was ihn allein angeht; er muss sich erst so weit entwickeln, bis er fühlt, dass er nun mit seinem Ich in ein Gebiet gekommen, das völlig neu ist und mit seiner Persönlichkeit als solcher nichts zu tun hat, dann zeigen seine Geisteserkenntnisse dieselbe Objektivität, wie zum Beispiel unser sinnliches Auge uns zeigt, dass die Rose vor uns nicht grün, sondern rot ist, wie sie auch andere gesunde Augen erblicken können. Dann also verwandelt sich das innere Seelenerlebnis zur völligen Objektivität, dann fühlt der Geistesforscher, dass seine Erlebnisse unabhängig sind von seinem subjektiven Gefühl, und er ist vorgedrungen zu einer Sicherheit in der Seherschaft, aus der heraus hier schon öfter die Ergebnisse geistiger Forschung verkündigt wurden.
Unsere Zeit fordert Objektivität. Das muss man respektieren, man muss aber zuerst auf deren Wirkung hinsichtlich des gesunden Wahrheitssinnes achten. Es redet ja auch der gesamte Bestand der äußeren Wissenschaft eine deutliche Sprache; jene fordert ja für unsere Zeit die Anerkennung derjenigen Resultate, die hervorgeholt werden durch Forschungsmethoden, wie sie im «Mysterium des Menschen» von Ludwig Deinhard dargelegt werden, worin gezeigt wird, dass die Wissenschaft, die sich mit ihren Methoden der geisteswissenschaftlichen einigermaßen annähert, doch auch eine Harmonie erzielt zwischen dem äußeren Forschen mit ihren Mitteln und dem inneren Erforschen durch die Methode der Geisteswissenschaft. Das Buch zeigt uns das Bedürfnis der Gegenwart, aus dem geisteswissenschaftlichen Gebiete sich das Erforderliche zu holen, was es dem Menschen möglich macht, sich auf den Platz mit Sicherheit hinzustellen, den er im Leben auszufüllen hat.
Wir haben angedeutet, dass der Geist es ist, der dem Menschen Kraft gibt, nicht aber ein besonderer Aufenthaltsort oder ein besonderes Heilmittel, sondern auf die Dauer nur jene Weltanschauung, die hineinführt in das Zentrum des Geistes. Die vorhin kurz charakterisierte Wissenschaft fühlt sich gedrängt, die Rolle zu übernehmen, die früher die Naturwissenschaft für die Menschheit hatte.
Die meisten der Anwesenden wissen, wie die Geisteswissenschaft zeigt, dass ein Begriff wahr ist, obgleich ein großer Teil der gebildeten Welt mitleidig die Achsel darüber zuckt, nämlich die Wiederverkörperung. Es möge daran erinnert werden, dass ein abfälliges Reden darüber das Schicksal haben wird, wie die Behauptung der früheren Naturwissenschaft, dass aus einem Pferdekadaver sich Hornissen entwickelten, ohne deren Eier, wie es ja im siebzehnten und teilweise noch im achtzehnten Jahrhundert gelehrte Bücher gab, in denen derartige Behauptungen systematisch vorgeführt wurden, so zum Beispiel des Weiteren, dass aus Eselskadavern Wespen und so weiter, aus Flussschlamm sich Würmer und sogar Fische unmittelbar entwickelten, bis Francesco Redi dem energisch widersprach und den Grundsatz aufstellte: Lebendiges kann nur von gleichartigem Lebendigen abstammen; eine Anschauung, die heute allgemein als selbstverständlich gilt, nicht nur für Du Bois-Reymond und Virchow, während Francesco Redi im siebzehnten Jahrhundert nur mit knapper Not dem Schicksale Giordano Brunos entging, denn man hielt ihn für einen argen Ketzer.
Heute ist man wissenschaftlich der Meinung: Wenn ein Mensch geboren wird, so steht er allein unter dem Einfluss der Vererbung aus seiner Ahnenreihe; das ist aber eine ungenaue Beobachtung. Die Geisteswissenschaft stellt die Anschauung auf, dass dasjenige, was als Geistig-Seelisches sich mit dem vereinigt, was Vater und Mutter ihm an physischer Körperlichkeit darbieten können, dieses erst weiter ausgestaltet und dazu im weiteren Verlaufe der Entwicklung sich die Mittel aus der Umgebung aneignet. Das Geistig-Seelische aber ist zurückzuführen auf frühere Verkörperungen; und wie Lebendiges nur aus Lebendigem kommen kann, so kann Geistig-Seelisches nur aus Geistig-Seelischem entstehen. Damit ist das jetzige Erdenleben eines jeden ebenso der Ausgangspunkt für spätere Erdenleben, und damit soll die Selbstständigkeit der menschlichen Seele vertreten werden. Es wird eine Zeit kommen, und sie ist nicht mehr fern, wo man die Fähigkeiten eines genialen Menschen nicht mehr zurückführt einzig auf seine leiblichen Vorfahren, wie das Goethe ausspricht, wenn er sagt:
Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
Da weist man heute gern hin auf den Satz, das Genie stehe nicht am Anfange, sondern am Ende einer Entwicklungsreihe, und das beweise, dass es sich vererbe. Das ist mir eine schöne Beweisführung! Umgekehrt müsste es sein, denn die Verhältnisse liegen durchaus nicht in diesem Zusammenhange. Die physischen Eigenschaften eignet sich natürlich der Mensch an ebenso, wie es selbstverständlich ist, dass er nass wird, wenn er ins Wasser fällt. Man sagt dann, die Eigenschaften zum Beispiel des Vaters seien latent geblieben, weil sie sich nicht wie jetzt beim Sohne gezeigt haben, damit diese seltsame Theorie gerettet werden kann. Ein vom Dach fallender Ziegelstein hat auch die latente Anlage, jemanden zu erschlagen; mit solch seltsamen Annahmen kann man alles beweisen, und so verhält es sich auch mit der Anlage, die beim Vorfahr nicht vorhanden war, aber beim Nachkommen sich gezeigt hat.
Eine gesundere Forschung gibt es auf dem Gebiete der niederen Lebewesen. Da hat ein armer Schullehrer [Mönch] in Österreichisch-Schlesien [Brünn in Mähren] namens Mendel bei seinen Versuchen, Pflanzen-Bastardisierungen zu erzielen, gefunden, dass die zu erwartenden Eigenschaften sich nicht schon in der zunächst folgenden, sondern in der übernächsten Generation zeigten. So war man früher ebenso langmütig in Bezug auf wirkliche Vererbungen, wie man das jetzt ebenso allgemein außer Acht gelassen hat.
Der naturwissenschaftliche Materialismus nennt die Theosophen Phantasten und Dualisten, die nichts vom Monismus verstehen, wenn sie die Anschauung hegen, dass die Seele die im letzten Leben erlangten Kräfte benütze, um sich mit den ihr zur Verfügung stehenden materiellen Mitteln einen passenden Körper auszugestalten - eine Anschauung, die ebenfalls und reiner eine monistische, und zwar von der geistige Seite her, zu nennen ist. Verbrennen wird man zwar diese verdrehten Köpfe der Geisteswissenschaftler nicht mehr, dazu ist man zu human geworden, aber man versucht es, sie durch LustigMachen der Lächerlichkeit und Vernichtung preiszugeben. Einen Einwand pflegt man gegen die Wiederkehr der Seele zu erheben, nämlich den, man könne sich an ein verflossenes Leben nicht erinnern; man wisse überhaupt nichts davon. Ein vierjähriges Kind kann aber auch noch nicht rechnen; man überlasse es aber seiner Entwicklung, und nach Verlauf von zehn Jahren wird es schon rechnen können.
So ist es auch mit unserem Rückblick auf ein früheres Leben, wir stehen darin auch erst im Anfang unserer Entwicklung, auch darin ist, wie auf vielen anderen Gebieten, ein Fortschritt mindestens denkbar, bis dass eine jede Seele zu einem immer weiter rückwärts reichenden Einsehen in frühere Erdenleben kommt. Im gegenwärtigen Leben gibt es kurze Zeiten der Kindheit, an die man sich nicht erinnern kann, trotzdem war das jetzige Ich auch schon damals vorhanden. Dieses werden Sie weder ableugnen wollen oder können, obgleich Sie außerstande sind, sich dessen zu erinnern. So hat auch die Möglichkeit oder Unmöglichkeit Ihrer Rückerinnerung mit Ihrem früheren wirklichen Dasein und mit dem Vorleben Ihrer Seele im entscheidenden Sinne nichts zu tun.
Warum aber können wir uns an frühere Erdenleben nicht zurückerinnern? Unsere Rückerinnerung im jetzigen Leibe reicht zurück bis zu dem Entwicklungspunkte, wo das eigene Ich sich selbst erlebt. Es ist zu Anfang unseres Erdenlebens noch nicht ins Bewusstsein heraufgehoben, aber mit dem Moment, in dem das erfolgt, fällt auch der Beginn der Erinnerungsmöglichkeit zusammen. So bildet denn das Ich gewissermaßen die Außenwand; so weit das Ich-Bewusstsein vorhanden ist, so weit reicht Bewusstsein und Gedächtnis. Daraus ergibt sich aber auch die Möglichkeit, dieses Ich so zu behandeln, dass es aus dem Zustande, wie es in normaler Weise im Menschen ist, sich zu höheren Zustande umwandelt. Wir müssen also unser jetziges Ich-Bewusstsein überwinden; es ist das nicht leicht, und ich will als einen Fingerzeig nur eines anführen.
Den Blick nach rückwärts können wir frei machen, wenn wir imstande sind, ihn auf die Zukunft frei zu machen. Zu dem Zwecke müssen wir alles dasjenige, was uns aus der Gegenwart entgegenströmt, gewohnheitsgemäß mit Gelassenheit und Ruhe, mit Gleichmut aufnehmen, sorgenlos die Welten-Vorsehung verehren. Es muss uns gleichmäßig berühren, ob uns Lob und Tadel, Freude und Schmerz trifft, es muss die Seele ruhig stehen, mit Gelassenheit alles erwarten, ob es Leben oder Sterben andeutet, ob Schmerz oder Lust, die Weisheit der Weltenlenkung verehrend. Wenn wir solche Perspektive tatsächlich in der Zukunft zu schauen vermögen, dann wird uns als Ergebnis ein Rückblick in die Vergangenheit werden, es erweitert sich dann der Blick zuerst in das letztvorhergehende und sodann in frühere Erdenleben.
Obwohl ein Wissender heute die angedeutete Wirkung solcher Übungen neben der sonst noch nötigen vielen, schwierigeren Arbeit bestätigen kann, so wird doch leicht auf der anderen Seite von bloßer Theorie hierüber geurteilt werden. Der Wissende aber, der aus eigener Erfahrung spricht, wird sich dadurch nicht beirren lassen, ob man ihn hören und seine Mitteilungen richtig beurteilen will, ebenso wenig es Francesco Redi beirrte, als man ihn einen Ketzer nannte, und wie es auch diejenigen, welche in gründlicher Art Geisteswissenschaft treiben, nicht stört, wenn man sie Phantasten und verdrehte Köpfe nennt.
Bei weiterem Eindringen in die Eigenart der kulturellen Entwicklung wird man auch zu dem Punkte kommen, sich zu fragen: Wie stehe ich zu der großen Fortentwicklung der Menschheit, besonders zum Christentum? Vor Christus haben schon viele Jahrtausende lang Menschen gelebt; woran könnten denn diejenigen, die mit und nach ihm lebten, einen Vorzug begründen, den Christus-Impuls aufnehmen zu dürfen, und nicht auch diejenigen, welche vor Christus lebten? Heute ist die Menschheit so weit fortgeschritten, um sich derartige Fragen in ganzer Gemütstiefe zu stellen; gerade in unserer Zeit, in der man immer mehr wissenschaftlich-historisch denken lernt, müssen sich solche Fragen aufwerfen. Da kommt dann die Geisteswissenschaft und sagt: Dieselbe Seele hat die Ereignisse vor und nach dem Erscheinen des Christus durchlebt, einen solchen Einwand gibt es nicht für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung. Dieselben Seelen sind es, die vor wie nach in die Schule des Lebens gehen. Diese Ideen, die uns teils auch Rückfälle zeigen, werden uns immer wieder Mut und Kräfte geben, uns stets von Neuem ins Leben zu stellen, in welchem wir in genügend langen Zeiträumen auch wieder Fortschritte erkennen können.
Diejenigen, welche mich öfter gehört haben, werden wissen, in welchem Sinne die Geisteswissenschaft sich erlauben kann, über alle Zweige der äußeren Wissenschaften zu sprechen und ihre Wege, Ziele und Fortschritte zu beurteilen. Goethe konnte von sich sagen, wenn er seine wissenschaftlichen Blicke hinaufsteigen lasse in hohe geistige Gebiete, so könne er dabei doch die Naturwissenschaften stets anerkennen. Die Geisteswissenschaft muss sich stets als Ferment fühlen und in diesem Sinne arbeiten, damit die Kluft zwischen der geistigen und [der] äußerlich-materialistischen Auffassung der Wissenschaft nicht zu groß werde, damit vielmehr allmählich Harmonie eintreten kann, welche imstande ist, der Seele Fröhlichkeit und Kraft zu geben, Kräfte, welche Aussicht auf Erfolg und Fortschritt bieten.
Wenn betont wird: In einem gesunden Leibe nur kann eine gesunde Seele wohnen -, so ist das dahin aufzufassen, dass die gesunde Seele allein imstande war, einen gesunden Leib als ihre Wohnung zuzubereiten, nicht aber umgekehrt. So schaltet die Geisteswissenschaft nicht nur in der Theorie Widersprüche aus, sondern vertreibt auch allen Kleinmut und [alle] seelische Schwachheit, sodass dann die Menschheit gesund und stark heranwachsen kann zur Erfüllung ihrer Aufgaben. Vom sozialen Zusammenwirken ausgehend, kann sich dann ein gesunder Aufstieg zur Höhe materieller und besonders geistiger Entwicklung anbahnen, wie dieser der Menschheit beschieden ist. Der Mensch wird dann immer mehr befähigt werden, die geistigen Geheimnisse aus den geistigen Welten herauszuholen und in die physische Welt zu übertragen, das Leben dort damit zu befruchten. Die Seele aber ist die Stätte, in der sich beide Welten berühren. Es kann dann die Menschheit stark und gesund werden und bleiben, wenn sie durch ihre geistigen und physischen Adern fließen lässt, was wir zusammenfassend in die Worte kleiden können: Es drängt sich in den Menschensinn Aus Weltenfernen rätselvoll
Des Stoffes reiche Fülle.
Es strömt in Seelengründe
Aus Weltenhöhen inhaltsvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie treffen sich im Menschen
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.