Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 27 November 1911, Stuttgart

II. Wie Widerlegt Man Theosophie?

Das Thema unseres heutigen Vortrages kann zunächst überraschen. Aber Theosophie will nicht nur Mitteilungen übersinnlicher Forschung bringen, sondern sie will hineinfließen lassen in das menschliche Leben Kraft und Arbeitsfreudigkeit für das Leben. Sie will sein eine Art von Lebenskunst, allerdings unter gewissen Voraussetzungen. Sie ist nicht etwas, das sich rasch durchsetzen will, sondern Theosophie schöpft aus Quellen tiefer Erkenntnis. Daher kann sie nicht viele Menschen zu gewinnen suchen, es ist keine Lehre, die mit Fanatismus werbend in breite Kreise hineingetragen werden will. [Fernhalten muss so eine Strömung sich von Fanatismus.] Der Theosoph muss das Gegenteil des Fanatismus zu seiner wichtigsten Eigenschaft machen - [Menschenverständnis soll des Theosophen Charakteristikon sein.] Er muss eindringen können [in die anderen Seelen], in die Seele von Gegnern [und Verständnis gewinnen für die berechtigten Widerlegungen].

Und wer wollte leugnen, dass viel, in tief berechtigter Weise, gegen Theosophie vorzubringen ist? Spricht doch Theosophie oder Geisteswissenschaft von den heiligsten und würdigsten Angelegenheiten, und zwar zunächst mehr zum Herzen als zur Vernunft. Und das Herz ist leicht geneigt, sich hinzugeben Dingen, die von Erhöhung der Lebenskraft sprechen möchten. Um in die Tiefe dessen einzudringen, was Theosophie bedeutet, ist ein langer Weg nötig, den ja keineswegs alle diejenigen zurücklegen, die aus dem Herzen heraus dem theosophischen Leben zustimmen.

Wenn jemand in unserer Zeit herantritt an Theosophie, so muss zugegeben werden, dass das große Schwierigkeiten hat. Bedenken über Bedenken häufen sich auf. Daher kann gerade ein wissenschaftlich gebildeter Mensch nicht leicht zurechtkommen - bei echtem Wahrheitssinn. Dazu kommt auch, dass man heute mancherlei Theosophie nennt, womit wenig Staat zu machen ist. Daher seien zunächst die elementaren Grundzüge dessen bezeichnet, was wir Theosophie nennen möchten, [bevor zu den Bedenken übergegangen wird].

Zunächst müssen wir uns die Gliederung des menschlichen Wesens klarmachen. Der Mensch besteht nicht nur aus dem physischen Leibe, nicht nur aus dem, was wir mit unserem an das Gehirn gebundenen Verstand wahrnehmen können, sondern es muss behauptet werden, dass dem physischen Leibe eingegliedert sind eine Summe von höheren, übersinnlichen Gliedern, nämlich erstens dem Äther- oder dem Lebensleib, von dem der physische Leib überall durchdrungen ist: Der Ätherleib bewirkt, dass der physische Leib nicht den Kräften der äußeren, physischen Welt folgt. Diesen Kräften folgt er erst dann, wenn er im Tode vom Ätherleib verlassen wird. Da wirken die physischen Kräfte auf die Bestandteile des menschlichen Leibes und bringen sie eben dadurch zur Zersetzung und Auflösung. Das Vorhandensein dieses Ätherleibes kann festgestellt werden durch die hellseherische Forschung. Man kann aber auch einsehen, dass er notwendig ist, dass wir einen Kämpfer gegen den sonst unvermeidlichen physischen Zerfall brauchen. Auch andere Lebewesen sind mit einem Ätherleibe begabt, solange sie lebendige Wesen sind. Auch die Pflanzen besitzen ihn.

Der Mensch hat nun darüber hinaus noch eine Bewusstseinsseele oder einen astralischen Leib. Diesen haben wir mit der Tierwelt gemein. Er ist der Träger alles dessen, was wir an Trieben, Leidenschaften und Begierden in unserem Leben haben. Nicht mehr gemeinsam mit dem Tiere haben wir dasjenige, was wir unser menschliches Ichbewusstsein nennen. Dadurch, dass er zu sich «Ich» sagen kann, ist der Mensch die Krone der Schöpfung. Von dem Moment ab, wo das Kind fähig wird, zu sich «ich» zu sagen, fängt unser Menschheitsbewusstsein, unser Erinnern an. Wir unterscheiden also zwischen einem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und dem Ich.

Aber nicht nur dadurch allein unterscheidet sich Theosophie von der allgemein üblichen Auffassung, sondern weiter dadurch, dass sie den inneren Wesenskern des Menschen, das Ich, so ansieht, dass es nicht erschöpft ist in einem Erdendasein zwischen Geburt und Tod. Theosophie will zeigen, dass nicht nur in einem Leben all das, was sich durch das Ich im Menschen ausdrückt, veranlagt worden ist. Dieser zentrale Wesenskern des Menschen kommt vielmehr herüber aus früheren Daseinsstufen. Der Mensch formt in gewisser Weise seinen Leib selber, ehe er mit seinem Ichbewusstsein in ihn völlig einzieht. Dann behauptet Theosophie weiter: Nach dem Tode legt der Mensch seine leiblichen Hüllen nur ab, aber der Wesenskern lebt auch nach dem physischen Tode weiter, um dann später einzutreten in ein erneutes physisches Leben.

Das wechselvolle Schicksal der Menschen wird erst verständlich aus dem Begreifen der wiederholten Erdenleben desselben Menschenwesens. Den einen Menschen sehen wir elend und unglücklich im Leben, den anderen glücklich. Die Wissenschaft muss fragen nach den Ursachen dieser unerhörten Ungleichheit der Lebensschicksale. Geisteswissenschaft behauptet, der Mensch habe sich sein jeweiliges Schicksal selbst gezimmert in seinem früheren Leben; je nachdem, wie er jetzt lebt, wird sich sein folgendes Geschick im künftigen Leben gestalten.

Dass es so sein kann, leuchtet ja schon in gewissem Grade aus dem Verlaufe seines jetzigen Lebensschicksals ein. Wenn jemand zum Beispiel nach Amerika auswandert, so wird sein Schicksal sich im Wesentlichen nach dem gestalten, was er früher in Europa gewesen ist. Was er hier gelernt hat, davon wird sehr wesentlich sein Weiterkommen und seine Lebensgestaltung drüben abhängig sein. Ob einer hier zum Beispiel Schuster oder Bankier gewesen ist, das wird, wenn er in Amerika ein neues Leben beginnt, die Ausgestaltung dieses Lebens sehr wesentlich beeinflussen. Er wird aber dann, wenn er in Amerika eine Zeit lang gewesen ist, Neues hinzugelernt haben, er wird ein anderer geworden sein. Um den Menschen heranzureifen, sind verschiedene Schicksale nötig; das kann unmöglich alles in einem einzigen Leben zwischen Geburt und Tod vor sich gehen. Die Früchte der vorhergegangenen Leben reifen uns im jetzigen Leben entgegen, und was wir jetzt dazulernen, kommt unserem späteren Leben zugute.

Theosophie lehrt also die Unsterblichkeit des zentralen Wesenskernes des Menschen. Zwischen Tod und neuer Geburt geht die Seele durch ganz anders geartete, rein geistige Zustände von längerer Dauer hindurch.

Über den Schlafzustand sagt die Theosophie, dass in diesem der Mensch im Bette liegen lässt physischen und Ätherleib; der Astralleib und das Ich, also dasjenige, was Träger des Bewusstseins ist, tritt heraus und lebt während des Schlafes ein Dasein in übersinnlichen Welten.

Das Ganze erscheint so als ein geschlossenes System. Wir werden sehen in gewisser Weise, aus welchen Quellen die Theosophie die Kenntnis dieses Systems schöpft. Es geschieht dies durch hellseherische Forschung. Wie erlangt man diese Fähigkeit? Darauf ist zu sagen, dass diese hellseherischen Kräfte durch das Mittel der Meditation im Menschen geweckt werden können. Dadurch kann die Seele zu einem Instrument der Forschung im Geistigen gemacht werden, und zwar zu einer ebenso exakten, methodischen Forschung, wie sie zum Beispiel der Chemiker, Physiker mit physischen Mitteln zur Erforschung der Materie anwendet. Es werden dadurch im Menscheninnern schlummernde Kräfte heraufgeholt. Wir erinnern dabei an das Goethe’sche Wort von den Geistesaugen und Geistesohren, die im Menschen eröffnet werden können.

Nachdem dies vorausgeschickt worden ist, wenden wir uns zu den Einwänden gegen Theosophie. Wir können natürlich nicht alle Einwände gegen die Theosophie erschöpfen. Es sollen nur einige herangezogen werden, welche ernste und große Schwierigkeiten für eine ehrliche Überzeugung bieten können. Wer ganz im Bann der modernen Wissenschaft steht, kann, wenn er sich zuerst mit Theosophie befasst, zu Folgendem kommen; er kann [mit Recht] sagen: Ja, ich glaube, dass Frauen, die nicht kritisch veranlagt sind, [die sich nicht kritisch auseinandersetzen mit Wissenschaft, sondern dem Herzensdrang folgen] und nicht logisch denken gelernt haben, sich durch diese Geisteswissenschaft ihre Welträtsel lösen lassen. Auch meinetwegen solche Männer, die die Wissenschaft eben nicht kennen. Beachtet nur das eine: Einen Ätherleib glaubt ihr als Träger der Lebenskräfte im Leibe nötig zu haben. Wisst ihr denn nicht, dass ihr damit ganz dilettantisch in die Zeit zurückgreift, wo man annahm, dass organisch gebildete Stoffe nicht im Laboratorium, sondern nur im lebendigen Organismus erzeugt werden können? Daher musste man dazumal annehmen, dass besondere Lebenskräfte in allem Lebendigen wirksam seien. Aber die fortschreitende Forschung hat [im neunzehnten Jahrhundert] gezeigt, dass im Laboratorium die einfachsten dieser Stoffe rein chemisch ebenso wie im lebendigen Organismus darzustellen sind. Damit ist die alte Lehre von der Lebenskraft - vis vitalis - oder Lebensäther aus dem Felde geschlagen, denn es ist damit erwiesen, wenn auch zunächst nur an den einfachsten Organismen, dass sich das organische Gefüge der Natur ebenso aufbaut wie das Unlebendige, Anorganische. Es ist durchaus ernst und würdig, so zu denken, dass, wenn einmal der Anfang mit der chemischen Erzeugung vom Organischen gemacht ist, es so weitergehen wird, [dass lebendige Wesen im Laboratorium erzeugt werden], wenn auch zurzeit noch wenig Stoffe so erzeugbar sind. Damit ist experimentell der Beweis gebracht, dass dieselben Gesetze im Unlebendigen wie im Lebendigen wirken. Es ist daher Laientum, wenn Theosophie noch davon spricht, dass das Leben in einem Körper nur zu erklären sei durch einen Lebensleib. - Solch ein Forscher kann sagen: Was die subtile Forschung nach und nach aufzuklären anstreben musste, wollt ihr Theosophen euch einfach leicht machen mit eurem phantastischen Lebensleib. Ihr behauptet zwar, dass er dem übersinnlichen Erkenntnisvermögen sichtbar sei, aber durch das oben Gesagte ist ja erwiesen, dass er gar nicht gebraucht wird, er ist ja gar nicht notwendig. Es muss aber eine ernste erste Forderung sein für ernsthafte Erkenntnis, dass sie keine unnötigen Voraussetzungen macht. - Wer die Dinge so wägt, wie Theosophen es tun sollten, der sollte fühlen, dass in solchem Einwand viel Ernst und Würde liegt.

Aber sehen wir weiter. Theosophie behauptet, zur Erklärung der Bewusstseinserscheinungen brauche man einen Astralleib und ein Ich. Man kann ja zugeben, was selbst strenge Forscher wie zum Beispiel Du Bois-Reymond sagen, dass dasjenige, was wir in uns als Innenleben erleben, aus rein stofflichen Vorgängen innerhalb des Gehirns nicht möglich ist. Nehmen wir also an, wir müssten da zunächst verzichten auf eine Erklärung und darunterschreiben das berühmte «Ignorabimus». Aber ist es denn berechtigt, zu sagen, dass, wenn aus dem Stoff etwas anderes, etwas Übersinnliches hervorgeht, dass dies ein Selbstständiges ist? So könnte ein Gegner der Theosophie mit einem gewissen Rechte sagen. Er könnte dabei verweisen auf die magnetischen Kräfte, die ja doch von einem Anorganischen, von dem Magneten ausströmen und an diesen Magneten gebunden sind. Es wird also doch aus Stofflichem eine so übersinnliche Kraft wie der Magnetismus hervorgebracht. Weiter ist es mit der Entfaltung der anderen Kräfte auch nichts anderes, so zum Beispiel mit der Schwerkraft, die an den Planeten gebunden ist. Warum sollte es da nicht mit dem, was wir wissenschaftlich als Erregungszustände des Gehirns kennen, und was sich im Bewusstsein und im Innenleben des Menschen abspielt, ebenso sein? Es liegt durchaus keine Nötigung vor, die Bewusstseinserscheinungen sich anders zu erklären. Auch noch nicht Erforschtes wird sich so erklären lassen. Jedenfalls ist das voreilige Annehmen eines Astralleibes zur Erklärung dieser Vorgänge dilettantisch. Auch da, wo wir jetzt noch zu einem «Ignorabimus» gezwungen sind, müssen wir ruhig warten, was ernste Forschung einmal darüber zu sagen haben wird.

Das, was früher in der Wissenschaft der Schreck aller Schrecken war, die sogenannte Vermögenslehre [in der Psychologie], liegt hinter uns. Da hatte man ein System darauf gebaut, dass man sagte: Die Seele kann denken, also hat sie das Vermögen, zu denken. Sie kann fühlen, also hat sie das Vermögen, zu fühlen. Danach war die Seele also ein System von lauter eingeschachtelten Vermögensbegriffen, ohne dass man einsah, dass man damit nichts erklärt hatte, sondern nur Worte gesetzt hatte an die Stelle von etwas, dass man damit nichts erklärt hatte. Nun kann der Gegner sagen: Ist nicht euer Astral- und Ätherleib ebenso etwas Eingeschachteltes, Unbegriffenes, wie es die alte Vermögenslehre war? Derartiges kann mit Recht eingewendet werden.

Also Theosophie ist nichts für jemanden, der auf dem Boden eingehender moderner wissenschaftlicher Erkenntnis steht. Es erscheint einem solchen die Theosophie als etwas Dilettantisches gegenüber den Forderungen einer strengen Forschung. Weiter sagt die Theosophie: Im Schlaf verlässt der Astralleib und das Ich mit dem Bewusstsein den menschlichen Körper. Da sie nicht vorhanden seien bei dem, was im Bette liegen bleibt, so müssen sie doch irgendwo zu finden - irgendwo sein. Wo sollten sie anders vorhanden sein als in einer geistigen Welt? Dagegen fragt ernste Wissenschaft: Ist es denn nötig, herbeizurufen eine besondere, übersinnliche Erklärung für diesen Schlafzustand, wenn die wissenschaftlich gegebenen Erklärungen ausreichen? Es ist durchaus möglich, den Schlaf einfach zu erklären. Die wissenschaftlich angewendete Methode fasst die Sache ganz anders auf, sie sagt: Wenn wir wachen, wird der Organismus abgenutzt. Durch die Tätigkeit, die im Wachzustand vom erregten Gehirn ausgeübt wird, bilden sich Giftstoffe. Wenn sich nun so viele Giftstoffe eingelagert haben, so töten sie durch mechanische oder chemische Wirkung das Bewusstsein ab, das heißt eben, es stellt sich der Schlafzustand ein. Jetzt wirken nicht die Organe, die sonst das Bewusstsein erzeugen, sondern andere Organe wirken im Menschen weiter, die wieder zerstören die Gifte im Körper, welche die Tätigkeit der Bewusstseinsorgane erzeugt hat, und so weiter. Eine solche Selbstregulatorhypothese ist durchaus möglich. Wenn das aber möglich ist, damit den Wechsel von Schlaf und Wachen zu erklären, dann ist es unstatthaft, etwas anderes darüber zu sagen. Die theosophische Theorie ist zum Mindesten eine waghalsige Annahme. Der wahre Tatbestand wird erst nach und nach erklärt werden können, und so lange muss man sich an das Nächstliegende und an die einfachste Erklärung dieser Phänomene halten.

Wie steht es nun weiter mit der Behauptung der Theosophie von der Wiederholung der Erdenleben? Die Theosophie zeigt, wie sich der Mensch vom Kinde an entwickelt; das könne unmöglich alles durch bloße Vererbung erklärt werden. Kinder derselben Eltern seien grundverschieden und so weiter. Daher müsste etwas dazutreten, was nicht ererbt sei, was bereits vorhanden sei im Lebenskeime des neugeborenen Menschen, also etwas, das nur durch wiederholte Erdenleben zu erklären sei. Zum Beispiel Zwillinge könnten doch verschieden sein, trotz der gleichzeitigen Vererbung.

Der wissenschaftliche Einwand dagegen ist Folgender: Das, was das Wesen des Menschen ausmacht, ist nicht etwas, was nur von einem einzelnen Vater oder Mutter vererbt wurde, sondern von einer lang vermischten Kette von Vorfahren. Wenn Theosophie nun weiter sagt: Wenn ihr alles so auf Vererbung zurückführt, warum gibt es dann überhaupt ein Individuelles in der Entwicklung des einzelnen Menschen? So lautet der Einwand: Die Menschen müssen daher verschieden sein, weil so viel verschiedene Einwirkungen auf jeden Einzelnen im Leben einströmen, [was umformend wirkt auf den Menschen von der frühesten Kindheit an]. Das Genie ist hierfür ein besonders gutes Beispiel. Es tritt auf, mit besonderen Eigenschaften ausgestattet, die wir aber in den verschiedenen Vorfahren bereits veranlagt finden können. Beim Genie sind sie dann als große Endsumme vereinigt. Brentano erklärt die Seelenarbeit beim Genie so, dass es vermag, die Gedanken rasch zusammenzufügen, also nur in einer gewissen Steigerung gegenüber der gewöhnlichen menschlichen Denktätigkeit. Diese leichtere Bewegungsfähigkeit in den Gehirnmolekülen kann aber nur vererbt sein. Der Geistesforscher sagt dagegen: Das ist eigentlich wenig logisch. Das Genie steht ja am Ende einer Vererbungslinie; es müsste doch am Anfange derselben stehen, wenn es sich vererben sollte auf die Nachkommen. Der Einwand [dagegen] von der leichteren Erregbarkeit im Gehirn des Genies muss gelten, und es kann daher von Seiten der Wissenschaft gefolgert werden: Durch diese leichtere Erregbarkeit wird das Gehirn mehr abgenutzt, ist es dann wunderbar, wenn in dem genialen Organismus, weil er sich stärker abnutzt, dann die Fortpflanzung beeinträchtigt wird? Das ist ein berechtigter Einwand. Ganz besonders misstrauisch ist aber die moderne Wissenschaft gegenüber dem, was man mit hellseherischer Begabung bezeichnet. Dass es übersinnliche Erfahrungen an sich gibt, muss ja zugestanden werden. Solche Wahrnehmungen unterscheiden sich ja von natürlichem Wahrnehmen. Das kommt ja auch pathologisch vor in alledem, was man zum Beispiel als Halluzinationen zu bezeichnen pflegt. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn der Wissenschaftler sagt: Wo ist die Möglichkeit, da die Wahrheit zu erkennen und objektive Tatsachen festzustellen? Woher wissen wir, dass das nicht einfach subjektive Erfahrungen sind? Der strenge Forscher ist bemüht, nur objektiv Nachprüfbares wissenschaftlich zu nennen. Aber die streng wissenschaftlichen erkenntnistheoretischen Methoden sind nicht auf die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Schulung anwendbar. Was sich da dem Hellseher angeblich zeigt, ist doch nur eine Bilderwelt. Auch bei pathologischen Zuständen handelt es sich doch nur um Reminiszenzen des Wirklichen. Es zeigt sich zum Beispiel, dass die Hellseher eine Eisenbahn erst sehen können, seit es solche gibt. In Büchern über hellseherische Erfahrungen finden wir immer nur das wirklich zu der Zeit auch Vorhandene wiedergegeben, nur ein wenig anders kombiniert. Es ist schließlich aus Wärme und Kälte, Licht und Schatten des wirklichen Lebens zusammenkombiniert. Zum Beispiel heißt es, der Astralleib sei blau, rot, gelb und so weiter, also ebenso, wie die bekannten physischen Malfarben. Es sind Malfarben wie im Physischen, die da angeblich gesehen werden, also nichts Neues. Solche Erscheinungen haben einen pathologischen Untergrund, sind nur Halluzinationen und bringen unserer Erkenntnis wirklich nichts Neues hinzu. Die bloße Fähigkeit des Kombinierens äußerer Eigenschaften reicht völlig zur Erklärung aus.

Solche Einwände müssen begreiflich für Theosophen werden als aus tiefster, ernster Erwägung gerade der ernstesten Zeitgenossen heraus entstanden. Wer alt geworden ist in wissenschaftlichen Vorstellungen, der ist nicht leichter Hand von theosophischen Einwänden zu überzeugen.

Aber die Theosophie kommt ja auch mit religiösen, moralischen und ethischen Gesinnungen und Impulsen. Kann denn das bestehen?

Da gilt ja zunächst ein Einwand: Wenn die Theosophie das Leben so auffasst, dass das gegenwärtige Leben als das Resultat früherer Erlebnisse betrachtet wird, dann schwindet ja das Interesse am Leben. Eine derartige Anschauung läuft also auf eine Erziehung zum Fatalismus heraus. Es ist eine Lähmung des Lebens, wenn man denken kann: Ich habe ja Zeit, viele Leben liegen vor mir. - Der Einwand ist ja eigentlich trivial zu nehmen, ist aber doch praktisch richtig, denn die Menschen sind ja einmal lässig von Natur.

Und die Aussicht auf eine übersinnliche Welt, wie äußert sich diese ethisch? Notwendig so, dass das Interesse für das praktische Leben geringer wird. Man kann das ja zum Beispiel am Künstler sehen, der nicht dem Praktischen sich gern hingeben will. Eine solche Auffassung des Lebens macht asketisch, lebensfeindlich, und lähmt, statt anzureizen. Man sieht ja auch oft unter den Theosophen wunderbare Leute, die in einer Art Wolkenkuckucksheim leben. Frauen besonders findet man leicht schwelgerisch und lebensfremd geworden. Dies ist nicht logisch widerlegbar, sondern nur durch das Leben selbst.

Weiter könnte man sagen: Ihr habt die Ethik zu einem Ergebnis des Egoismus gemacht. Wer Gutes tut, rechnet nach eurer Anschauung auf Belohnung im karmischen Ausgleich. Wer Böses tut, respektive tun will, der unterlässt es aus Furcht vor dem entsprechenden Übel im nächsten Leben. Also ist die Karmalehre eigentlich eine Erziehungslehre? Ein höherer Egoismus! Was der Mensch sät, das muss er ernten - [dies] ist letzten Endes ein egoistischer Lebensgrundsatz. Also ist Theosophie auch ethisch und moralisch lebensgefährdend.

Weiter verlegt ihr die göttliche Weltgerechtigkeit dadurch in den Menschen selbst hinein, dass ihr ihn in verschiedenen Erdenleben sein Schicksal sich selbst auswirken lasst. Ihr verlegt dadurch das in den Menschen hinein, was sonst in der Gottheit außer uns als strafender oder belohnender Gott lebt. Der Mensch selbst wird dadurch vergottet. Wo bleibt da eine freie Gottesliebe, wenn das Göttliche in das eigene Innere verlegt wird? Ins Innere des Menschen? - Der Gegner kann so sagen: Es steht im Widerspruch mit wirklich religiöser Weltanschauung, wenn man das Selbstopfer Gottes, die Erlösung des Menschen aus göttlicher Gnade, in das Innere des Menschen selbst verlegt.

Solche Einwände könnten vielfach vermehrt werden. Die Hingabe an einen äußeren Gott ist eine Grundbedingung der Ethik und Religion, und das findet in der Theosophie keine Begründung. - So kann gesprochen werden; und das müssen wir Theosophen vollständig verstehen lernen, nur dann können wir uns von Fanatismus frei halten. Es konnten hier nur die wichtigsten Richtlinien angegeben werden. Sie sollen uns Toleranz auch gegenüber dem Gegner lehren. Wir sollen nicht ihre Gründe aus dem Felde zu schlagen suchen, sondern vor allem sie verstehen zu lernen trachten.

Es soll nun noch an einem Beispiel gezeigt werden, wie das zu verstehen ist. Der Philosoph Eduard von Hartmann hat im Jahr 1868 ein Buch geschrieben «Die Philosophie des Unbewussten». Wenn auch manches darin unmethodisch und mangelhaft und für uns nicht zu brauchen ist, so beruht es doch auf gewissen geistigen Grundlagen und rührt an tiefe Probleme des Daseins. Dieses Buch machte bei seinem Erscheinen viel Aufsehen. Es war ja die Zeit der Herrschaft des krassesten Materialismus. Sonderbar berührt dieses Buch die fanatischen Materialisten wie zum Beispiel Haeckel und andere Darwinisten. Sie fanden das Buch außerordentlich dilettantisch. Es kamen viele Gegenschriften gegen das Buch heraus. Eine anonyme Gegenschrift aber erregte besonders viel Aufsehen. Sie brachte in besonders scharfsinniger Weise alles, was gegen das Buch des Eduard von Hartmann einzuwenden war, so methodisch und vollständig, dass zum Beispiel Oscar Schmidt sagte: Schade, dass der unbekannte Verfasser sich nicht genannt hat. — Haeckel selbst meinte: Er nenne sich, und wir werden ihn als einen der Unsern betrachten. - Bald war die zweite Auflage dieser Schrift nötig. Da nannte sich nun dieser Anonymus, es war - Eduard von Hartmann! Diese zweite Auflage hatte nun nicht mehr so viel Erfolg bei den Gegnern Hartmanns - [da verstummten die Lobpreisungen bald.]

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man den Gegner überschaut und richtiger im Sinne des Gegners urteilt als dieser selbst.

Es könnte noch vieles vorgebracht werden, aber wir müssen uns für heute an dem Gesagten genügen lassen. Es brauchen nicht die Schlechtesten zu sein, die Schlimmes aus der Theosophie heraussprießen sehen. Wir müssen uns daher bemühen, unsere Gegner vor allem verstehen zu lernen.

Ich habe versucht, zu zeigen, wie man Theosophie widerlegen kann. Übermorgen soll sich zeigen, ob die Widerlegung endgültig ist oder ob dennoch Gründe vorgebracht werden können, die gegen diesen Kampf - der, wie wir gesehen haben, mit einem gewissen Recht geführt werden kann - dennoch stichhaltig sein werden.

German original of How to Refute Theosophy? · ← Previous · Next →