Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 4 January 1914, Leipzig
XVII. Theosophie Als Lebensgut
Sehr verehrte Anwesende! Nach dem gestrigen Vortrage, den ich hier halten durfte, kann vielleicht mancher der Zuhörer erstaunt sein darüber, dass man sprechen könne von Geisteswissenschaft oder Theosophie als Lebensgut. Denn was ich versuchte, gleichsam als das Fundamentale, das Prinzipielle der Erforschung der geistigen Welten gestern hier auseinanderzusetzen, das setzt voraus eine energische, eine geduldige, langandauernde Übung der menschlichen Seele. Erst dadurch kann erreicht werden, wovon gestern gesprochen worden ist: dass die Seele in sich so erstarkt und erkraftet wird, um sich als geistigseelisches Wesen zu erfühlen und tatsächlich das Physisch-Leibliche zu verlassen, also so zu leben, dass, im richtigen Sinne des Wortes gesprochen, die Seele selbst in ihrem Erleben ein geistiges Wesen unter anderen geistigen Wesen wird, dass sie eine neue Welt betritt in dieser geistigen Welt.
Das war dasjenige, wozu die Wege gestern dargestellt worden sind. Wenn wir uns noch einmal ganz kurz durch die Seele ziehen lassen, was sich da ergeben hat, so ist es dieses, dass die menschliche Seele imstande ist, eine geistige Chemie zu treiben; dass sie imstande ist, sich selbst als geistig-seelisches Wesen so aus dem Zusammenhang herauszuziehen, in dem sie im alltäglichen Leben mit dem Leibe steht, wie man imstande ist, den Wasserstoff aus dem Wasser zu ziehen. Und wir haben geschen, dass durch das energische Fortsetzen der gestern charakterisierten Übungen die Seele wirklich dazu gelangt, ihr Physisch-Leibliches zunächst als etwas Äußeres zu wissen, wie die anderen Dinge, sich selbst aber zu wissen als herausgehoben und in eine geistige Welt versetzt. Und im weiteren Fortgang des Seelenübens stellt sich das heraus, dass die Seele auch das verlässt, was sie gewissermaßen im Alltag seelisch erlebt - das ihr nur zurückbringt die Erinnerung an ihr Leben bis zu dem Punkte, an dem unser gewöhnliches Erinnern, als an einem Punkte unserer Kindheit, vor unserem Selbstbewusstsein aufgetaucht ist —, dass sich aber dann dieser innere Inhalt der Seele verändert und dass mit herauskommt das, was man den geistigen Kern des Menschen nennen kann, der, wenn er erlebt wird, das Ewige des Menschen enthält, das durch die Pforte des Todes hindurchgeht und von dem man aus wirklicher Erkenntnis dann wissen kann, dass er [der Mensch] durch wiederholte Erdenleben geht, dass er ein Leben führt abwechselnd zwischen einem Leben auf Erden, das zwischen Geburt und Tod verläuft, und einem Leben in der geistigen Welt, das zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft.
Nun könnte ja gesagt werden: Liegt es denn nicht in der Natur der Sache, dass dieses Verlassen des physischen Leibes, dieses Sich-Erleben als geistig-seelisches Wesen in einer ganz anderen Welt, das nur nach großen Anstrengungen zu erreichen ist, dass es vielleicht in der Gegenwart für wenig Menschen geeignet ist, [dass] also nicht jeder ein Seelenforscher werden kann? Ist es daher nicht unnötig, dasjenige, was nur wenige wirklich können, was nur wenige wissen können, zu einem Allgemeingut zu machen? Man könnte einwenden: Wie kann derjenige, der nicht selbst ein Geistesforscher wird, irgendetwas haben von den Mitteilungen, die ihm gemacht werden von Seiten des Geistesforschers über Vorgänge, Zustände und Wesenheiten der geistigen Welt? Für Einzelne, für einige wenige Menschen, so könnte man sagen, mag die Erringung der Geisteswissenschaft ein Lebensgut sein; für die aber, die nicht diesen Weg gehen wollen, die nicht einen bestimmten Punkt des Weges, der gestern geschildert wurde, erreichen, für die könne die Geisteswissenschaft kein Lebensgut sein. - Und dennoch! Schon dem abstrakten Gedanken muss es so erscheinen, als ob das, was auf die angedeutete Weise erreicht werden kann, ein wirkliches inneres Gut sein müsse.
In dem heutigen Thema des Vortrages wird der Ausdruck «Theosophie» gebraucht. Geisteswissenschaft, kann man sagen, ist eine theosophische Weltanschauung. Denn darunter hat man immer verstanden eine Weltanschauung, die der menschlichen Seele Gewissheit darüber gibt und Erkenntnis, dass unseres Wesens tiefster, innerster Kern erreichbar ist, und so sich herausstellt, dass wir in seinem Wesen erfahren: Er hängt als die Wurzel unseres Daseins mit der Wurzel alles Daseins der Welt, mit dem göttlich-geistigen Dasein der Welt zusammen. Wir wurzeln durch unsern Wesenskern selbst im Göttlich-Geistigen. Das soll ja angedeutet werden mit dem Ausdrucke Theosophie. Und nicht nur will eine theosophische Weltanschauung sagen, dass man ahnen, glauben könne, dass der Mensch zusammenhängt in seinem Wesen mit der göttlich-geistigen Welt, sondern sie will besagen, dass der Mensch auch erkennen kann diesen seinen Zusammenhang, dass er vordringen kann bis zu diesem Punkte seines Innern, wo er mit dem Göttlich-Geistigen zusammenhängt, das die Welt durchwellt und durchwebt. Und aus dem Bewusstsein dieses erkennbaren Zusammenhanges will eine theosophische Weltanschauung Kraft und Hoffnung für das Leben schaffen.
So müsste eigentlich eine theosophische Weltanschauung ein wahres Lebensgut sein. Aber selbst wenn jemand die Überzeugung gewonnen hätte durch den gestern geschilderten Weg der Seele, dass man erkennen kann, wie unsere Seele zusammenhängt mit ihrem Urquell, so könnte es doch noch scheinen, als ob eben nur derjenige ein wirkliches Bewusstsein, ein Erkenntnisbewusstsein von diesem Zusammenhang haben könne, der solche Forschungen der Seele selbst anzustellen vermag. Doch ist es nicht so. Dieses muss immer wieder und wieder betont werden: Erforscht werden können die Zustände, Vorgänge und Wesenheiten der geistigen Welt nur auf dem Wege, der gestern geschildert worden ist. Nur dadurch, dass wir selbst durch die Anwendung der geschilderten Methode aus unserem Physisch-Leiblichen hinausgehen und Geist unter Geistern sind, können wir erkennen die geistigen Grundlagen der Welt. Wenn sie aber erkannt sind durch den Geistesforscher, dann braucht derjenige, dem sie mitgeteilt werden, nicht selbst ein Geistesforscher zu sein, um sie verständlich und begreiflich zu finden, um sie im vollsten Sinne im Leben anzuwenden, um das Leben mit ihnen zu durchdringen.
Um etwas erforschen zu können in der geistigen Welt, muss man ein Geistesforscher sein, wie man ein Maler sein muss, um ein Bild malen zu können. Wenn das Bild aber da ist, wäre es traurig, wenn nur der Maler es verstehen könnte. Und so ist es auch mit dem, was durch geistige Forschung gefunden werden kann. Wird es dargestellt auf die richtige Weise, dann ist die Menschenseele gestimmt auf Wahrheit und nicht auf Irrtum. Und ebenso, wie wir das Bild verstehen können, das der Maler gemalt hat, der malen kann, so können wir alles dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, einsehen, begreiflich finden und in den Dienst des Lebens stellen, ohne selbst Geistesforscher zu sein.
Dass das so ist für einen weiteren Kreis von Menschen, dazu hat es allerdings in unserer Gegenwart noch weite Wege. Denn gar vieles stellt sich der heutigen Seele entgegen, wenn sie verstehen will, was der Geistesforscher der Welt zu sagen hat. Der Mensch kommt heute von der bewunderungswürdigen naturwissenschaftlichen Kultur her. Sie hat ihn ausgestattet mit den aufs Äußere gerichteten Denkgewohnheiten. Der Mensch ist heute nicht gewöhnt, sich hineinzuleben in die ganz andersartigen Begriffe, die der Geistesforscher herausholt aus dem Gebiete der geistigen Welt.
Das wird aber anders werden, wenn erst die Denkgewohnheiten der Menschen erkannt haben werden, dass das, was sich der Geistesforschung entgegenstellt, Vorurteil ist. Dann wird man erfahren, dass die Darstellungen der Geisteswissenschaft allgemein verständlich sind. Ebenso, wie Chemie, Physik, wie irgendeine andere Wissenschaft, trotzdem nicht jeder Chemiker, Physiker und so weiter werden kann, in den Dienst des Lebens tritt, und die Menschen dasjenige gebrauchen, was von Chemie und Physik kommt, ohne selbst Chemiker und Physiker zu sein, so ist es gewiss wahr, dass dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, sich in den Dienst des Lebens stellen kann, sich einleben kann in unsere Seele, die Seele durchdringen kann.
Dann aber haben die Begriffe und Ideen, die der Geistesforscher unmittelbar aus der geistigen Welt heraus zu geben hat, eine andere Wirkung auf die Seele als die äußeren Begriffe und Ideen. Und erst wenn man so betrachtet dasjenige, was Geistesforschung als die theosophische Weltanschauung sein kann, kommt man dazu, einzusehen, welches Lebensgut diese Geisteswissenschaft ist. Allerdings möchte man sagen: Wenn vom Geistesforscher von einem Lebensgut geredet wird - Brot und äußere Güter kann sie zunächst nicht geben, diese Geisteswissenschaft. Aber was sie hat, das gibt sie; und was sie gibt, das ist Nahrung der Seele, aber solche Nahrung der Seele, wie sie in der Tat durch eine gewisse Konfiguration, welche unser Leben in unserer Zeit angenommen hat, die Seelen immer mehr brauchen werden.
Nun wollen wir, um das Lebensgut der Geisteswissenschaft einzusehen, zunächst an eines denken. Das ist, dass die Geistesforschung sich unterscheidet von der gewöhnlichen Forschung in der Sinneswelt dadurch, dass der Mensch [sich durch] die anderen Wissenschaften passiv beeindrucken lässt von dem Wahren; dass der Mensch sich hingeben muss und die Welt von außen ihm die Wahrheit überliefert. In der Geistesforschung aber muss die Seele von Anfang an aktiv sein, innere Energie entwickeln.
Wir haben gesehen, wie die Seele in dreifacher Weise aufsteigen muss zu den rein übersinnlichen Zuständen, Vorgängen und Wesenheiten. Dadurch, dass sie sich versetzt in die Zustände, gelangt sie zu einer inneren Mimik, zu einer rein geistigen Mimik. Man kann nicht bloß von außen hereinscheinen lassen das, was Zustände sind der geistigen Welt. Man muss es mit sich vereinigen; man muss so eins damit werden, dass man es in sich ausdrückt, aber in seiner vom Leibe emanzipierten Seele ausdrückt. Man schreitet also hinein als Geistesforscher in die geistige Welt. Solange man passiv bleibt, sagt sie einem nichts. Dann erst, wenn man selbst ausdrückt, was sie einem mitzuteilen hat, wenn das innere geistige Mienenspiel ein Ausdruck dessen ist, was man erlebt, dann erst spricht sie. Und die Geste, die Gebärde in der Seele, sie lebt sich ein in die geistige Welt, aber wiederum aktiv, nicht indem man sich hineinlebt wie durch die äußere Wissenschaft, indem man spekuliert, sondern indem man die Gedanken lebendig in sich walten lässt, ergreift man die Vorgänge der geistigen Welt. Nur indem man sie nachahmt mit seiner eigenen geistigen Wesenheit, kann man sie gewahr werden. Und das Dritte war, dass der Mensch eindringt durch die geistige Physiognomik, indem er sich in das geistige Wesen einlebt und die Kräfte in sich aus seinen Tiefen heraufhebt, welche ihn selbst ähnlich machen in seiner geistig-seelischen Verfassung für die Augenblicke, wo er sich in ein geistiges Wesen einleben will, diesem geistigen Wesen.
Dreifach also steigt der Geistesforscher ein in die geistige Welt: durch geistiges Mienenspiel, durch geistige Geste und Gebärde, durch geistige Physiognomik, aber immer tätig, immer in Aktivität. Und was er so herausholt aus der geistigen Welt, das muss er in Begriffe prägen. Und hier stehen wir an dem Punkte, wo es sich herausstellt, wie man es eigentlich schwieriger hat, die Erkenntnisse der geistigen Welt mitzuteilen, als man es hat beim Mitteilen der Erkenntnisse der physischen Welt. Ein Mensch unseres Zeitalters macht darauf Anspruch, dass Geisteswissenschaft auch in äußerer Weise genau sich ausdrücke, wie die äußere Wissenschaft sich ausdrückt. Nun, äußere Wissenschaft drückt sich so aus, dass sie den Gegenstand voraussetzt, den sie erkennen will. Und erst hinterher will sie die Begriffe darüber geben. Und sie tut recht von ihrem Standpunkte aus. Der Geistesforscher lebt sich aktiv in die geistige Welt ein und er muss selbst in der dreifachen Weise, wie es geschildert wurde, ein Ausdruck werden dessen, was er erlebt; und seine Begriffe werden so gebildet, dass sie lebendig in ihm aufsteigen, und nicht als Abbild ihre Wahrheit bezeugen, sondern durch ihren Gehalt und ihre Kraft. Der äußere Forscher teilt dasjenige mit, was er gesehen, was er beobachtet hat. Anders der Geistesforscher: Dasjenige, was er erlebt hat, was ein Stück von ihm selbst geworden ist, wozu er sich durchgerungen hat, das prägt er in Begriffe; sie müssen im Fluss sein, sie müssen sich gegenseitig beleuchten, sodass die Begriffe wie lebendige Wesen sind. Aber sie sind so, dass sie gerade aus dem heraus sind, was die tiefste Wesenheit selbst ist.
Wenn der Geistesforscher seine Begriffe prägt und vor das Publikum bringt, so sind in diesen Begriffen Inhalte gegeben, die er nur dadurch erleben kann, dass er das Tiefste der menschlichen Seele zusammengebracht hat mit den Weltengründen, soweit sie uns zugänglich sind, mit den geistigen Weltengründen, sodass seine Begriffe herausgeschöpft sind aus den Seelentiefen. Und diese Seelentiefen sind in jeder Menschenseele vorhanden. Von etwas spricht der Geistesforscher, was in jeder Menschenseele vorhanden ist. Hat er es erforscht und spricht er es aus, dann spricht er es so aus, dass er einen Ton ertönen lässt, mit dem die Saiten der Seele mitklingen können, dem sie volles Verständnis entgegenbringen kann, weil es eben der Ton des eigenen Wesens ist.
Aber das haben diese Begriffe, diese Vorstellungen, diese Empfindungen, in die der Geistesforscher einkleiden muss dasjenige, was er erlebt, dass sie das Innerste unserer Seele so beeindrucken, dass sie sich hingezogen fühlt, weil die Begriffe aus dem Aktiven sind und zur Aktivität führen. Man kann nicht mit einem lässigen Geiste, der nicht in sich lebendig sein will, Geisteswissenschaft verstehen. Verstehen kann man sie nur, indem man versucht, ihr zu folgen mit dem lebendigen Leben und Weben der Begriffe. So stammt Geistesforschung aus der Aktivität der Seele und fordert zugleich heraus, indem sie aufgefasst wird, die Aktivität der Seele.
Daraus aber ersehen wir, dass, wenn wir der Geistesforschung Verständnis entgegenbringen, wir die aktive Kraft der Seele wachrufen. Sie appelliert gerade an alles das, was tätig sein will in unserer Seele. Die Jahrhunderte alte naturwissenschaftliche Erziehung der Menschen hat allerdings diese aktive Kraft der Seele in den Hintergrund treten lassen. Aber, wenn eine Kraft aufs Höchste gespannt ist, macht sich die Gegenkraft geltend. Und wer in die Untergründe der heutigen Seelen hineinschauen kann, der weiß, dass die Seelen lechzen, herauszukommen aus dem bloßen Hinschauen und Beobachten, nach dem, was aufruft die innerste Aktivität. Dadurch lernt der Mensch fühlen und erleben, dass er mitten in der geistigen Welt steht, aber nicht als ein verständiges Wesen, das an ihrem Leben teilnimmt.
So sind die Begriffe und Ideen und Empfindungen der Geisteswissenschaft selbst die Erzieher der Seele, die sie hinlenken wollen zu dem Teilnehmen an den Gründen des Daseins, in denen wir wurzeln. Zuerst macht sich das geltend dadurch, dass unser Denken orientiert wird -und wir können wirklich von einem inneren Seelengut sprechen, das uns durch das Verständnis, das wir den Vorstellungen der Geistesforschung entgegenbringen, innerlich durchdringt -, dass unsere Denkgewohnheiten, unsere Auffassungsweise, unsere Seelenstimmung ergriffen wird. Und während man es sonst erleben kann, dass in unserer Gegenwart, gerade auch bei den wohlmeinend Denkenden, es gerade an der Orientierung des Denkens etwas gibt, was viel zu wünschen übrig lässt, so kann Geisteswissenschaft, die Mitteilungen der Geistesforschungen, den Menschen wirklich dazu bringen, sein Denken so zu orientieren, dass er dieses Denken von Gewohnheiten durchdringt, die einen gewissen, natürlichen Hang zum Wahrhaftigen haben; die einen Hang haben, nicht auf die Widersprüche des Lebens sich einzulassen; zu bemerken, wie das Denken eindringen muss in die äußeren Dinge. Die Erziehung unseres Denkens, die Schärfung unseres Denkens ist das, was zunächst [daraus] hervorgehen wird, wenn Geisteswissenschaft in unser Kulturleben eindringt.
Ein Beispiel möchte ich anführen, das so recht zeigen kann, wie es mit der Schärfe des Denkens in unserer Zeit bestellt ist. Nehmen wir an, ein sehr bedeutender Denker der Gegenwart, der in den weitesten Kreisen heute als ein scharfsinniger Geist angesehen wird, er hat sich so mancherlei geleistet, was derjenige bemerkt, der sein Denken geschult hat auf das, was das Denken nicht machen darf. So gibt es ein neueres Buch von einem Denker, darin finden sich durch dreißig oder vierzig Seiten voneinander getrennt zwei Behauptungen. Der betreffende Denker will darlegen, in welchem Sinne die Menschen heute noch Christen sein können. Und man kommt heran in einer wohlgefälligen Weise an die Seele der heutigen freigeistigen Menschen, wenn man sagt - und er sagt es -: Heute müssen wir hinaus sein über die Dämonengeschichten, die in der Bibel erzählt werden. - Gut, er mag der Ansicht sein. Dreißig Seiten später liest man aber den merkwürdigen Satz in demselben Buche: Wenn sich Geistiges und Physisches in der Seele berühren, dann treten dämonische Mächte auf. - Man erzählt das dann jemand, der kann sagen: Nun ja, das zweite Mal meinte er das nicht so, da meint er es bildlich. - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, darum handelt es sich eben, dass man solche Phrasen gebrauchen darf und sich nicht bewusst ist, in welch grotesker Weise man jedem geordneten Denken ins Gesicht schlägt.
Aber die Menschen bemerken das heute nicht. Und wir sind erst auf dem Wege, dass unser Denken durch die bloße Passivität nach dieser Richtung verdorben wird. Für denjenigen, der die Dinge durchschauen und beobachten kann, ist es so. In einem anderen berühmten Buche können Sie heute lesen - es ist die Rede von der Bekämpfung einer gewissen philosophischen Denkrichtung -, dass ein Autor das Bild gebraucht: Diese Philosophie bewegt sich wie ein Clown, der die Leiter, auf der er hinaufgeklettert ist, zu sich heraufzieht und herunterfällt. Das Buch ist durchaus geistreich, aber ich möchte Sie fragen, wie das der Clown machen soll, die Leiter zu sich heraufzuziehen. So etwas denkt man nur und schreibt man nur, wenn das Denken unorientiert ist. Wir sind heute aber erst im Anfang; solche Bücher strotzen von Unmöglichkeiten des Denkens.
Da aber die äußere Kultur gleichsam der Abdruck ist desjenigen, was die Menschen denken, so muss unsere Kultur allmählich durchdrungen werden von dem ungeordneten Denken, wenn nicht gerade dieses Denken nach und nach sich so erzieht, dass es mit einem feinen Gefühl antworten kann für das, was man sagen kann und was man nicht sagen kann. Was man sagen kann, das muss man empfinden als verbunden mit dem Wesen und Weben der Wirklichkeit. Durch orientiertes Denken sich einleben in die Wirklichkeit, das wird die Frucht sein der Geisteswissenschaft. Jeder wird bemerken, dass diese Frucht der Geisteswissenschaft unser Leben harmonisiert; dass sie so in die Seele etwas hereingießen wird, was dieses Leben in Wahrheit mit den Wirklichkeiten in Harmonie zu versetzen vermag. So wirkt Geisteswissenschaft schon auf unser Denken schulend und erziehend, sodass es innerlich regsam und lebendig wird.
Und noch etwas anderes resultiert daraus. Wer nach und nach in sich aufnimmt dasjenige, was das in der Geisteswissenschaft erzogene Denken in ihm bilden kann, der wird erfühlen in sich die Selbstständigkeit seines inneren Wesens, die Weisheit, die Geistigkeit seines eigentlichen Wesenskernes. Und es gäbe keinen Materialismus und keinen Monismus, wenn man wirklich sich einlassen würde auf ein wirklich geschultes, energisches, innerlich sich selbst erfassendes Denken. Stärkung, Durchkräftigung unserer Seele ist die Frucht desjenigen, was wir für unser Denken von der Geisteswissenschaft haben.
Aber die Geisteswissenschaft führt außerdem als eine zweite Lebensfrucht herbei dasjenige, was auf das Gebiet der Selbsterkenntnis gehört. So, wie ein krankhafter Organismus manchmal die frischeste Luft nicht ertragen kann, aber man gerade daran bemerken kann, dass der Organismus nicht gesund ist, so kann es mancher auch bemerken gegenüber der Geisteswissenschaft, wenn er sich irrige Begriffe aneignet, dass er sie nicht vertragen kann, dass sie auf ihn den Eindruck macht, diese Geisteswissenschaft, sie sei Phantastik, Illusion. Man wird allmählich übergehen zu der Erkenntnis, dass dieses eine Selbsterkenntnis ist; dass man daraus sehen kann, wie man sich hinaufringen soll in der Seele, Verständnis haben zu können für das, was aus den Weltengründen der Geistesforscher holen kann.
Wie weit man entfernt ist von Selbsterkenntnis, das kann man erkennen, indem man sich abmisst an dem, was der Geistesforscher für Forderungen stellt an die Seele. Daher soll sich niemand zurückschrecken lassen, wenn er bemerkt: Durch die Geisteswissenschaft wird sein Denken in einer gewissen Weise zuerst wie etwas betäubt, in Unordnung gebracht, oder sein Gedächtnis scheint ihm nicht mehr so zusammenhängend zu sein wie früher. Das alles sind Übergangserscheinungen. Wir müssen uns gerade da selbst erkennen und uns sagen: Wir müssen uns dazu hinaufranken, die stärkeren Anforderungen in der Seele zu ertragen. Dann aber wird diese Geisteswissenschaft uns umso mehr ihre gesunde geistige Lebensluft mitteilen.
Und wenn wir weitergehen, so können wir finden, dass vielleicht heute noch Geisteswissenschaft als Lebensgut nicht überall geachtet wird aus dem Grunde, weil man ja ihren Wert nicht so unmittelbar auf der Hand liegend hat. Man schätzt ja heute die materiellen Güter selbstverständlich viel mehr als die geistigen Güter, weil man nicht recht durchschaut, wie die materiellen Güter doch von den geistigen Gütern abhängig sind. Aber wenn sich mancher Mensch wirklich fragen könnte aus einer gewissen Erkenntnis der Dinge heraus - und die Frage können wir hören in unserer Zeit aus vielen Seelen, die nicht recht wissen mit sich dieses oder jenes anzufangen, denen eine gesunde Lebensrichtung fehlt, denen es fehlt, sich selbst aus einem kraftvollen Innern heraus Richtung und Stärkung geben zu können -, wenn sich mancher Mensch fragen könnte: Woher kommt das alles?
Diese Dinge gehen herunter bis in das leibliche Befinden. Mehr als in anderen Zeiten muss man heute sprechen von der Nervosität unseres Zeitalters, wie die Menschen unausgeglichen sind, wie ihnen ein Gleichmaß fehlt. Woher kommt dieses Fehlen des Gleichmaßes? Es ist zuletzt doch in der Seele wurzelnd. Ein Beispiel dafür: Dasjenige, was am meisten führen kann auch zum äußeren Unbehaglich-Fühlen, zu allen möglichen Symptomen der Nervosität, zu allem Übrigen, was unser soziales Leben so schwierig macht, was dazu führen kann, ist Seelenöde, Leerheit der Seele, ein Nichtzusammenhängen der Seele mit dem, was gerade Geistesforschung geben will, womit die Geistesforschung die Seelen erfüllen will.
Es gibt ja allerdings heute manche Menschen, die sagen, sie haben gar kein Bedürfnis nach den Begriffen der Geisteswissenschaft. Das ist ganz gewiss so. Aber das ist nur in ihrem Oberbewusstsein so. In den Tiefen der Seele ist immer die Sehnsucht nach den Quellen des Daseins. Und was wir der Seele nicht geben, das macht sich in ihr geltend als Leerheit, Öde, Zweifel. Und, nicht von heute auf morgen, aber durch Jahrzehnte hindurch, ergießt sich das, was in der Seele fehlt, was als Chaos in der Seele vorhanden ist, bis in die leibliche Organisation hinein. Wir sind dem Leben nicht mehr gewachsen. Wir können nicht mehr, weil die Seele leer ist, die Kräfte der Seele in das Leibliche gießen. Weil in einer natürlichen Weise durch Jahrhunderte hindurch die Menschen sich gewöhnt haben, sich an das Äußerliche zu halten, sind sie entfremdet worden demjenigen, was die Seele mit geistigem Gehalt durchziehen kann. Eine ganz große Summe von ungesunden Symptomen, die bis ins Leibliche gehen, dass der Mensch dem Leben nicht mehr gewachsen ist, rührt davon her. Und das wird immer ärger werden, wenn nicht die Geisteswissenschaft eingreift und den Seelen geben wird dasjenige, wonach sie lechzen, ohne es zu wissen mit dem Oberbewusstsein.
Haben wir nicht gesehen, dass in unserer Zeit — ich will nicht sagen, es überhaupt einen Pessimismus gibt, sondern dass er in einer eigentümlichen Weise untersucht worden ist? Wenn man von Pessimismus im Allgemeinen spricht, müsste man allerlei Missverständliches erwähnen. Man könnte davon sprechen, dass auch manche ältere Religionen den Pessimismus enthalten. Aber darauf kommt es nicht an, sondern auf die Art und Weise, wie man den Pessimismus in unserer heutigen Zeit zu stützen versucht. Dieses Stützen zeigt etwas sehr Eigentümliches. Vielleicht wird mancher von Ihnen als ein Kuriosum ansehen, was ich jetzt zu erzählen habe. In unserer Zeit hat Kant Nachfolger gefunden. Und einer dieser Nachfolger hat geschrieben Studien zu einer Psychologie des Pessimismus. Er hat eine merkwürdige Untersuchung angestellt, die sich in ganz objektiver Weise, in passiv wissenschaftlicher Art über den Menschen macht und untersuchen will, ob das Leben mehr des Leidvollen, des Unangenehmen enthält als des Lustvollen, des Glückfördernden und so weiter. Dieser Professor [Kowalewski] hat zunächst versucht, festzustellen, ob es wirklich so ist, indem er sich an Schulkinder gewandt hat. Er hat die Kinder aufschreiben lassen, was sie ein Glück des Lebens nennen und was sie ein Leid des Lebens nennen. Da haben sie aufgeschrieben als Leid: Krankheit, Tod, Überschwemmung. An Lust haben sie aufgeschrieben: Eis, Spiel, Geschenke. Wir wollen uns über die Qualität dieser Lebenslust nicht verwundern. Aber für den positiven Forscher kommt es auf Zahlenverhältnisse an, und Kowalewski hat in der Tat nicht nur gewöhnliche Zahlen aufgestellt, sondern schwere Integralbegriffe. Seine Begründung über den Pessimismus ist daher nicht leicht lesbar. Er hat feststellen können, dass in 39 Fällen das Leid hervorgehoben wurde, in 25 bis 27 Fällen die Lust. Also kann man aus dem Kindergemüt den Schluss ziehen, dass das Leben mehr des Leidvollen als des Lustvollen bietet. Und er hat gemeint: Das geht denn doch nicht ganz ins Positive hinein, man muss es noch anders machen. - Er hat auch das Tagebuch eines bekannten Philosophen der Gegenwart verwendet. Dieser hat sich immer aufgeschrieben, wann er Lust und wann er Leid empfunden hat. Und als Professor Kowalewski dieses Tagebuch durchgesehen hatte, fand er, dass das Leid die Lust überwog. Da hatte er den zweiten Beweis. Er ging aber noch weiter, er suchte noch etwas Sichereres. Er beobachtete die Leute, die rasch gehen, und die Leute, die langsam gehen. Wenn man traurig ist, sagt er, geht man langsam; wenn man froh ist, geht man schnell. Das ist die Voraussetzung jenes Professors. Und siehe da, da stellt sich wiederum heraus, dass eine weitaus überwiegende Zahl der betrübten Langsamgeher vorhanden ist. Und so ist denn ein Buch zustande gekommen, in dem diese Zahlenverhältnisse in mathematische Integralformen gebracht worden sind, und man kann sozusagen mit diesen ausgerüstet sagen: Nun, wenn man das äußere Leben untersucht, so stellt sich die pessimistische Weltanschauung als gerechtfertigt heraus, denn das äußere Leben enthält ja des Fatalen, des Leidvollen viel mehr als des uns Förderlichen, des Lustvollen. Das hat ja nun die Wissenschaft bewiesen!
Nun braucht man nicht einmal zu lächeln über solche Vorstellungen. Ich will gar nicht über den Wert einer solchen Forschung sprechen, inwiefern sie so recht gewisse Wissenschaften charakterisiert. Ich will nur fragen: Worauf wird denn da eigentlich gesehen? Nun, auf das, was den Menschen von der äußeren Welt berührt, was auf den Menschen Eindruck macht, denn anderes kann ja nicht mit solchen Methoden erforscht werden. Nicht wird darauf gesehen, was der Mensch imstande ist, entgegenzuhalten an Geschlossenheit und Aufsichgestelltsein seines inneren Wesens dem, was da von außen Eindruck macht.
Ich möchte noch etwas anführen, was in seinen «Beiträgen zum Optimismus» Metschnikow angeführt hat. Er redet von jemand, der ihm befreundet war, von einem Menschen, der sehr nervös war, der die Unlust des Lebens im tiefsten Sinne erlebt hat. Er konnte kein Wagengerassel mehr hören. Er konnte nicht hören, dass man an seiner Klingel klingelte. Er konnte nicht sehen, dass ihm viele Leute entgegenkamen. Und viele andere Dinge noch. Sie können sich denken, was alles für diesen Menschen unausstehbar war. Zuletzt wusste er sich nicht anders zu retten als durch Morphium, um ein gewisses Haltgefühl in sich zu haben. Oft war er nahe daran, die Morphiumdosis so groß zu nehmen, dass er den Tod finden konnte. Er war auch öfter dem Tode nahe, immer wieder wurde er gerettet. Dann erzählte Metschnikow weiter: So war also der Mensch, aber es wurde immer besser und besser mit seinem Pessimismus. Und eigentlich ganz richtig sagt Metschnikow, warum das so ist: Es wurde sozusagen seine äußere Auffassung immer mehr abgestumpft; es machte die Außenwelt nicht mehr einen solch heftigen Eindruck wie früher.
Nun fragen wir uns: Was hat bei diesem Menschen ein größeres Gleichmaß der Seele herbeigeführt? Das, dass er stumpfer wurde gegenüber den Eindrücken der Außenwelt, dass er sich diesen Eindrücken verschließen konnte. Aber zeitlebens war sein Inneres schwach. Nie aber kann es sich darum handeln, uns erst zu schwächen für alles, was an Schönem und Erhabenem von der Welt kommen kann, um nicht nervös zu werden, sondern nur darauf kann es hinausgehen, was ich in die Worte kleiden möchte: Hätte der Mensch nicht dasselbe früher haben können, wenn ein starkes, von Seelensubstanz durchzogenes Inneres sich entgegengestellt hätte den Wahrnehmungen der Außenwelt? Das aber strebt Geisteswissenschaft gerade an, den Menschen in sich gefestigt zu machen gegen die wechselnden Eindrücke der Außenwelt; sodass wir nicht stumpf zu werden brauchen gegen die Welt, und dennoch mit Sicherheit in der Welt stehen.
Dann wird man nicht mehr nötig haben, die Fragen nach dem besseren oder schlechteren Leben nach rein äußerlichen Dingen zu untersuchen. Kowalewski hat ein noch genaueres Experiment gemacht und eine sorgfältige Analyse herausbekommen, dass wir allen Grund haben, wenn wir der Außenwelt gegenüberstehen, die Außenwelt eigentlich als viel reicher an Leidvollem als an Lustvollem anzugehen. Er hat nämlich Folgendes gemacht. Er sagt: Nehmen wir einmal an, untersuchen wir den Geschmacksinn. - Nun hat er festgestellt - in der äußeren Wissenschaft braucht man Begriffe; wo der Geist fehlt, braucht man Begriffe und Worte -, er nannte das, was in geringster Menge von irgendeinem Stoff noch einen Geschmackseindruck macht bei uns, die «Gustie»; und so stellte er fest, was die Gustie ist des Chinins, das einen unangenehmen Eindruck macht; Zucker macht einen angenehmen Eindruck. Und er ließ nun eine Anzahl von Personen Chinin und Zucker zusammen nehmen, um zu prüfen, wie viel man braucht von jedem, damit sich dieses ausgleicht. Und siehe da, er brachte heraus, dass fast doppelt so viel Zucker-Gustie angewendet werden musste als Chinin-Gustie, wenn die Zucker-Gustie die Chinin-Gustie ausgleichen sollte. Das heißt, wir müssen in Bezug auf den Geschmacksinn das Angenehme verdoppeln, wenn das Unangenehme aus dem Felde geschlagen werden soll.
Dasjenige, worauf ich reflektiere, ist, dass man etwas nicht messen kann, was allerdings einschlägt in unser Leben. Und der Fehler ist der, dass man nicht berücksichtigt, dass man eigentlich in Bezug auf das äußere Leben gar nicht geeignet ist, die Zucker-Gustie in der richtigen Weise einzuschätzen. Wir nehmen sie als selbstverständlich ein, aber die Chinin-Gustie schätzen wir recht stark ein. Von der Krankheit werden wir bekanntlich sehr stark berührt, die Lust der Gesundheit fühlen wir selten in vollem Maße. Und mit diesem hängt zusammen, was in solchen Untersuchungen an Fehlern gemacht wird.
Aber wir können auch unsere Gesundheit, die nach und nach, wenn die Seelenleere bleibt, uns anöden muss, erfüllen mit dem, was uns aus der geistigen Welt herauskommt, und wir können entgegenhalten sozusagen dem Selbstverständlichen der Unlust der Außenwelt dasjenige, was aus der geistigen Welt uns hereinströmt, was uns immer halten und tragen kann. Nicht so hat man eine pessimistische Stimmung zu behandeln, indem man untersucht: Ist die Welt gut oder schlecht? -, sondern so, dass man sich sagt: Der Mensch, der nicht die Stärke findet, in der Welt sicher zu stehen, der hat nicht genug aus der geistigen Welt geschöpft. Was jener Mensch, von dem Metschnikow spricht, sich durch die Abstumpfung seiner äußeren Organisation erworben hat an Gleichmaß, das strömt in unsere Seele als ein wahres Lebensgut herein, wenn wir die geisteswissenschaftlichen Begriffe und Ideen aufnehmen. Wie aus dem Gleichmaß der Seele Wichtigstes fließt für die Ausbildung der Seele des Geistesforschers selbst, so strömen wiederum Gleichmaß und Harmonie der Seele aus als ein Lebensgut von den Mitteilungen der Geistesforschung.
Und ein Weiteres können wir anführen. Wir haben jetzt gesprochen von den Einflüssen der Geisteswissenschaft auf unser Denken und Vorstellen, auf unser Gemüt. Wir können auch sprechen von einem Einfluss auf unseren Willen, auf die Initiative unseres Handelns. Dadurch, dass wir von dem Geistesforscher solche Begriffe bekommen, die herabgeholt sind aus den geistigen Welten, dadurch dringen diese Begriffe auch so in unsere Seele hinein, dass sie geeignet sind, unsere Seele hinzuweisen auf das, was in ihr unabhängig ist von der äußeren Sinneswelt.
Nun aber, wie viel entsteht in unserem Wollen auf äußere Anregung hin? Irgendetwas sehe ich, das regt mich an. Ich sehe vielleicht eine Blume, ich pflücke sie ab; ich bin angeregt von ihr. Ich führe irgendetwas im Leben so oder so aus. Einmal haben die Erzieher mir etwas beigebracht; dadurch ist in mir die Geschicklichkeit entstanden zu diesem oder jenem. Wenn wir unsern Willen durchforschen, wir finden überall die Anregungen von außen. Gerade das zeichnet den Willen im alltäglichen Leben aus, dass er in einem höheren Maße angeregt ist von außen, als man gewöhnlich glaubt. Selbst die Menschen, die sich am freiesten glauben, sind abhängig von dieser oder jener Anregung. Sie glauben, frei zu handeln, sie handeln aber nur nach dem, was von der Außenwelt als Reiz ausgeübt worden ist. Besonders können wir oftmals sehen: Wenn sich die Leute gegen das oder jenes sträuben im Namen der Freiheit ihrer Seele, dann sträuben sie sich in Wahrheit infolge ihres Eigensinns, ihrer Unfreiheit, nicht infolge der Freiheit ihres Sinnes. Kurz, der Wille ist überall sozusagen wurzelnd in der Außenwelt zunächst.
Gerade auf diesen Willen wirkt, wenn wir Geisteswissenschaft aufnehmen, stärkend und erkraftend dasjenige, was aus ihren Erkenntnissen fließt. Es wirkt so, dass dieser Wille in der Seele sich verselbstständigt. Wenn er das aber tut, dann fühlen wir ihn als eine Kraft in der Seele, als etwas, was nur Anregung von innen empfangen kann. Wir sind bereichert in unserer Seele, wenn wir so unseren Willen durchkraften. Auf dieses Stück unseres Inneren, das wir uns erworben haben als unseren auf sich selbst gestellten Willen, wirkten die äußeren Anlässe nicht mehr. Wir ziehen uns zurück vor den äußeren Anlässen mit unserem Willen. Wenn sich jemand immer tiefer einlässt in die Geisteswissenschaft, dann fühlt er erstarken in sich seinen Willen. Er kann sagen: Ich kann jetzt mehr wollen als früher. Man erlangt dieses aber nur durch seine Hingabe an die Geisteswissenschaft.
Aber wenn nun von außen kein Anstoß da ist zum Willen, woher müssen dann Anstöße kommen? Wiederum bleibt das nicht in Ruhe, in Untätigkeit, was da als neuer Wille aufsteigt, wenn es von innen Anstoß erhält. Da gibt es nur eines, was nicht mehr zwingt: was man im umfassendsten Sinne die Liebe nennt. Das heißt: Die Motive unseres Willens müssen durch den Einfluss der Geisteswissenschaft durchwärmt werden von der Liebe. Wir lernen immer mehr erkennen die tiefe Bedeutung des Wortes:
[Pflicht]: wo man liebt, was man sich selbst befiehlt -,
wo das, was uns zum Handeln führt, ganz und gar dadurch uns führt, dass wir lieben dasjenige, was zu verrichten ist, dass wir es in der Seelenkraft zu verrichten versuchen, in der wir eben alles das zu verrichten versuchen, was aus der Liebe hervorgeht. Damit haben wir aber eine schöne Frucht als Lebensgut aus der Geisteswissenschaft errungen. Wir haben die Umwandlung unseres Willens in Liebewillen errungen. Immer größer wird der Schatz von Liebewillen, wenn uns Geisteswissenschaft Lebensgut wird. Es ist wiederum zunächst nicht etwas, was uns mit einem materiellen Gut versorgt. Aber ein stärkendes, wertvolles Gut für die äußere Lebenssicherheit ist dieser Liebewille, den wir, wenn wir richtig in die Geisteswissenschaft eindringen, durch die Begriffe und Ideen der Geisteswissenschaft immer wachsen sehen werden.
Und wiederum kann ein Stück Selbsterkenntnis damit verknüpft sein. Oft erfährt man, dass die Menschen sich in Bezug auf ihren Liebewillen viel zugute tun. Aber es ist nicht sehr weit her [damit]. Denn wenn die Menschen gerade in weiser Selbstbeobachtung kennenlernen, wie durch das Einfließen der Ideen und Begriffe der Geisteswissenschaft sie aufmerksam werden, was in ihnen noch an Egoismus, an Liebeleerheit ist, dann ist Geisteswissenschaft wieder das schöne Korrektiv, die echte Führerin zur Selbsterkenntnis. Sie gibt uns auf der einen Seite den Liebewillen; auf der anderen Seite macht sie uns aufmerksam, wie viel uns noch fehlt von diesem Liebewillen. So ist die Geisteswissenschaft im höchsten Maße auch das Lebensgut, das man mit dem Worte Selbsterziehung bezeichnen kann.
Und weiter, Geisteswissenschaft führt uns hinaus über das, was uns die von der Außenwelt entlehnten Begriffe geben können. Sie führt uns zu dem, was der Geistesforscher dadurch findet, dass er selbst mit seiner Seele aus seinem Leibe herausgeht, und mit den Wurzeln der Welt zusammenhängt, aus der er, Geist vom Geiste, genommen ist. Sie führt uns also zu dem, was das Tiefste unserer Seele ist.
Immer mehr wird man sehen, wie ich auch gestern versuchte auszuführen - durch das Gleichnis am Schluss -, dass die Wissenschaft, die nach dem Muster der äußeren Wissenschaft aufgebaut ist, an einem gewissen Punkte stehen bleiben muss, wenn sie Weltanschauung werden will. Ich könnte das für viele Vorstellungen, die wichtige Lebensvorstellungen sind, ausführen. Ich will es nur für eine Vorstellung jetzt ausführen. Nehmen wir an, irgendein Philosoph, der zunächst nichts wissen will von der Geisteswissenschaft, Lotze, ein geistvoller Mann - ich will an meiner Gewohnheit festhalten, dass ich diejenigen anführe, die ich als bekämpfenswert, als Kapazität schätze - Lotze, der ein Buch geschrieben hat, «Mikrokosmus», der viele bedeutende Werke über Philosophie geschrieben hat, er hat auch versucht, eine Religionsphilosophie darzustellen. Er kommt aber nur zu einem Wahrheitsbegriff, zu einer Anerkenntnis einer solchen Wahrheitserkenntnis, welche gewonnen ist nach dem Muster jener Begriffe und Ideen, die von der äußeren Wirklichkeit entfernt sind, die passiv gewonnen sind. Lotze versucht daher, eine Religionsphilosophie zu gewinnen dadurch, dass er sie aufbaut im Sinne der äußeren Wissenschaft. Und siehe da, Lotze geht so weit als nur irgend möglich. Er kommt aus seinen Voraussetzungen heraus zu der Annahme eines seelischen Wesens, eines göttlichen Wesens, das die Welt durchwellt und durchwallt, das sich schöpferisch betätigt. Er kommt dazu, sich die Naturgesetze denken zu können als geprägt und durchgeistigt von einer einheitlichen göttlichen Wesenheit. Jedes Mal aber, wenn eine solche Religionsphilosophie den Menschen zeigen will, wie zusammenhängt dasjenige, was nach dem Muster der äußeren Wahrheit so geprägt ist wie ein Naturgesetz, mit den sittlichen Geboten, mit dem, was als innere Impulse uns im Leben anregt, dann muss er vor einer Zweiheit stehen bleiben, für die er keine Verbindung weiß. Auf der einen Seite Gesetze, die mit starrer, kalter Notwendigkeit wirken. Wo, in diesem ganzen System von Naturgesetzen, wo entspringt das, was in uns lebt als unsere sittlichen Impulse, als das, was uns zum Edelsein im menschlichen Sein treibt, das uns mit Moralität durchdringt? Wo quillt das da draußen? Wenn Philosophie Lebensanschauung werden soll, dann wird diese Frage aktuell. Sie gewinnt Bedeutung. Wenn die Philosophie Regler werden soll der Lebensanschauung, dass sie hinweist darauf, wie auf der einen Seite die Welt der Notwendigkeiten steht, auf der anderen Seite die Welt der sittlichen Gebote, die aber wie herausgeschlossen aus der Welt in uns lebt - wie wurzelt sie in der Welt? Solange man beim passiven Wahrheitsbegriff bleibt, kann man diese Kluft nie überbrücken, weil ein Verhältnis besteht zwischen der notwendigen Wahrheit und ihrer Gesetzmäßigkeit und der sittlichen Wahrheit und ihrer Gesetzmäßigkeit, welches sich in der Außenwelt nicht erschauen lässt, welches sich nicht passiv begreifen lässt. So wenig lässt sich das Verhältnis der Naturordnung zur sittlichen Ordnung begreifen, wie sich das Verhältnis der Mutter zum Kinde durch nur natürliche Gesetze begreifen lässt. Der Vater könnte da sein, ohne dass das Kind da ist. Wenn das Kind da ist, geht das Kind aus dem Vater hervor, aber er könnte ohne Kind sein. Es ist keine Notwendigkeit da im Vater, dennoch führt der Vater zum Kind. Es gehört zu den vielleicht bedeutungsvollsten Auffassungen und Ideen des Christentums, dass das Verhältnis des einen Gottes zu dem Gotte, der durchdringen soll unser Innerstes in unserer Moralität, als das Verhältnis vorgestellt wird von dem Vater zu dem Sohne, dem Christus. Theosophie oder Geisteswissenschaft zeigt uns, dass ein Verhältnis besteht zwischen der moralischen Weltordnung und der naturgesetzlichen Notwendigkeit und Weltordnung wie etwa das des Sohnes zum Vater.
Dieses Verhältnis begreift man aber nur, wenn man hinausgeht über das, was in passiven Begriffen gegeben werden kann, zu dem, was erfasst werden kann in der geistigen Welt; das so vor uns steht, dass Goethe die Worte prägen kann - er blickte auf Kant hin, der der menschlichen Erkenntnis Grenzen zu setzen versuchte, der als bloßen Glauben ansehen wollte dasjenige, was sittliche Weltordnung ist; er nannte es ein «Abenteuer der Vernunft», das man nicht ausführen soll -, Goethe, der eine solche Weltanschauung, wie sie Kant vertritt, ablehnen musste; er sagte, wenn man wirklich im Sittlichen durch Tugend und Glaube in die oberen Regionen sich erheben könne, so müsse man das Abenteuer der Vernunft wacker bestehen, und auch mit der ganzen Seele in eine obere Welt hinaufgehen.
Dann wird gleichzeitig eines hineingegossen, in die Naturordnung wie in die sittliche Ordnung, was so gemeinschaftlich ist wie das, was waltet zwischen Vater und Sohn, weil die Natur, wenn wir sie betrachten, wie sie ist, ohne Sittlichkeit da sein könnte, wie der Vater ohne Sohn. Nur wenn wir gehen auf das, was wirklich geschehen ist, finden wir das richtige Verhältnis zwischen Vater und Sohn.
So müssen wir gehen auf das, was geschehen ist wirklich in der Welt, und wir kommen da auf den Grundnerv des Christentums.
Ein Beispiel wollte ich Ihnen geben, wie religiöse Begriffe, die das menschliche Gemüt braucht, um seinen Zusammenhang zu fühlen mit dem, was die Welt durchpulst als Göttlich-Geistiges, wie der Mensch in Bezug auf dieses sein religiöses Leben gestärkt werden kann durch Geisteswissenschaft. Denn Geisteswissenschaft zeigt ihm, dass man wirklich dasjenige noch begreifen und verstehen kann, wovon man selbst nach einem bedeutenden Philosophen, wie es Kant war, nur annehmen sollte, dass man es nur glauben könne.
Unsere Zeit aber lebt sich in eine Epoche hinein, wo wiederum für den Geistesforscher ganz klar ersichtlich ist, wie die Seelen immer mehr und mehr lechzen danach, nicht nur auf die Glaubensautorität hin die religiöse Vertiefung anzunehmen, sondern auch erkennen zu können, wie wir die Natur erkennen, dasjenige, was die Menschen zusammenbindet mit dem Göttlich-Geistigen im Kosmos draußen.
Ein weiteres Lebensgut also wird sein, dass den neu erwachenden religiösen Bedürfnissen - denn sie werden erwachen, die unserer Zeit angemessenen religiösen Bedürfnisse —, diese geisteswissenschaftlichen Begriffe inneren Halt, wiederum inneres Aufsichgestelltsein geben.
Alle Einwände, die gemacht werden können, kennt der Geistesforscher selber. Wenn man zum Beispiel sagen will: Nun hast du ja die Geisteswissenschaft als eine besondere Bringerin der Liebe hingestellt. Tut das das Christentum nicht für sich? — Ja, gewiss. Derjenige, der das sagt, ist voll davon überzeugt, und vielleicht von seinem Gesichtspunkte aus mit vollem Recht. Aber man könnte ihm eine Antwort geben, die ich einmal geben musste einem Geistlichen, der mir sagte: Ja, was da die Geisteswissenschaft über das Christentum sagt, damit kann man ja, wenigstens in vielem, durchaus mitgehen. Aber eines fällt mir auf. So, wie Sie sprechen, so sprechen Sie ja nur zu einzelnen Gebildeten, bei denen gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Wir aber, wir sprechen zu allen Menschen. Und das muss doch eine wahre Lehre sein, die zu allen Menschen spricht. - Ich antwortete ihm: Herr Pfarrer, haben Sie die Erfahrung gemacht, dass alle Leute zu Ihnen in die Kirche gehen? - Das konnte er nicht sagen. Sehen Sie, sagte ich, zu denjenigen, die nicht zu Ihnen in die Kirche gehen, zu denen möchte ich sprechen, denn die haben auch eine lebendige Sehnsucht nach einem Verständnis des Christentums. Nur zeigt die Tatsache, dass Sie für diese nicht sprechen. Also sprechen Sie nicht für alle Menschen richtig. Und wir haben nicht das Recht zu sagen: Etwas ist richtig, weil es uns gefällt; wir müssen die Tatsachen beobachten. Sie mögen meinen, Ihre Lehre zu kleiden in Worte, die zu allen Menschen dringen, aber das ist nicht immer richtig, was wir meinen, sondern die Tatsachen müssen sprechen. Für die, die nicht in die Kirche gehen, und die dennoch die Sehnsucht haben nach einem Verständnis des Christentums, muss auch gesprochen werden.
Gewiss spricht das Christentum auch von der Liebe, aber es handelt sich nicht darum, dass man nur spricht von dem Weg zur Liebe; es handelt sich darum, den Weg zu finden, der gerade für eine bestimmte Zeit der richtige Weg ist. Man darf nicht so egoistisch sein, dass man sagt: Ich will nichts wissen von einem solchen Wege zur Liebe, denn mir ist der alte gut genug. — Das ist Egoismus, der nicht achten will auf die Sehnsuchten und die Tendenzen der Seelen, die berührt sind von dem, wovon immer mehr Seelen berührt sein werden gegen die Zukunft hin. Diese Seelen aber, die die neuen Wege brauchen - und immer größer wird die Zahl dieser Seelen werden -, die will anregen die geisteswissenschaftliche Weltanschauung. Sie will Lebensgüter geben von der Art, wie jetzt über solche Lebensgüter gesprochen worden ist.
Über manches andere Lebensgut könnte ich noch sprechen, das aus der Geisteswissenschaft erfließen kann, aber das Prinzipielle ist, wie Geisteswissenschaft Lebensgüter schafft, wie Geisteswissenschaft hervorholt dasjenige, was unsterblich ist in uns. Dadurch aber wird erweckt und rege gemacht, was in uns das Bewusstsein hervorruft: Du bist ein selbstständiges Wesen; in dir ist ein Quell, durch den sprudeln kann geistiges Leben, das dich erkraftet, das dir Stärke geben kann, das dir geben kann alles, was du brauchst für dein Leben.
Geisteswissenschaft verwandelt sich ja tatsächlich nach und nach in Gefühle und Empfindungen. Wir erfahren nicht nur theoretisch die Unsterblichkeit. Aus der ganzen Anlage meines Vortrages konnten Sie entnehmen, dass die Begriffe der Geisteswissenschaft in uns das lebendig wirksam machen und nachklingen lassen, was der Geistesforscher erforscht. So ist es insbesondere mit einer wichtigsten Lebensfrage, mit der Frage nach der Unsterblichkeit.
Wenn Sie sich tiefer einlassen auf die Geisteswissenschaft, dann bekommen Sie eine geisteswissenschaftliche Unsterblichkeitslehre, eine Lehre über den Kern des Menschen so, dass diese in Begriffe und Ideen gekleidet werden kann, sodass wir nicht nur wissen von Unsterblichkeit, sondern dass wir in uns erfühlen das, was in uns unsterblich ist. Wie eine Pflanze werden wir, die fühlen könnte, wie in ihr der Keim erwächst zu einer neuen Pflanze. Wir fühlen das, was durch die Pforte des Todes hindurchgeht, wir lernen es erleben. Und die Zeit wird kommen, wo man solche Grundsätze, wie sie in meinem Buche «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» angegeben sind, anwenden wird auf die Erziehung des Kindes, wo dann die Seele so angeregt wird, dass sie so in uns weiterleben, dass wir durch die aufgenommenen Begriffe ein Gefühl bekommen haben, dass wir wissen: Indem du dem Tode entgegenlebst, bildest du das immer mehr aus, was dein ewiger Teil ist. Fühlen wird man selber, wenn man in der zweiten Lebenshälfte sieht, wie die Runzeln sich bilden auf der Haut, wie das Haar bleicht, fühlen wird man, wie das alles ist wie die abfallende Pflanzenblüte, wie aber in uns etwas ist, was immer stärker sich herausbildet, was überwindet dasjenige, was in uns abfällt. Und wie sich entgegenlebend wird man fühlen ein neues Leben. Das Alter wird nicht bloß von einer leeren Hoffnung erfüllt sein, sondern von dem Erleben dessen in sich, was als eine Realität erfühlt wird, was durch den Tod hindurch getragen wird in die Gefilde des Geistigen. Das aber wird Lebenssicherheit geben. Das wird zerstreuen alle Oberflächlichkeit, alles Unzusammenhängende des Geistes, alles Chaotische im Leben. So wird zu den anderen Lebensgütern kommen ein besonders intimes Lebensgut für unsere Seele.
So, wie ich darauf aufmerksam gemacht habe, dass man mit den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft aus der Tiefe des menschlichen inneren und äußeren Wahrnehmens sich doch in Einklang fühlen kann mit all denen, die im rechten Sinne geahnt haben durch die ganze Menschheitsentwicklung die Bedeutung des menschlichen Seelenlebens und seiner Beziehungen zur ganzen geistigen Welt, so möchte ich zum Schlusse sprechen von einem Denker, der heute vielfach vergessen ist; einem innigen, einem mutigen Denker, der in einem kleinen Büchelchen, das wirklich das ist, was auf seinem Titelblatt steht, eine «Diätetik der Seele» - erinnern möchte ich an diesen lieben Kenner der menschlichen Seele, an Feuchtersleben, der sich so intim zu vertiefen suchte in die Erfordernisse und Bedürfnisse des menschlichen Lebens, der menschlichen Seele; seine «Diätetik der Seele» ist vor mehr als 50 Jahren erschienen. Es wird sie kaum ein Mensch, der ein inneres Fühlen hat, lesen können, ohne dass angesprochen werden wird etwas in [ihm], was die Seele mit innerer Wärme erfüllt; weil eben Feuchtersleben auch eine von denjenigen Seelen war, die, wenn es auch für sie noch keine Geisteswissenschaft gegeben hat, geahnt und gefühlt haben, wonach die Seele lechzen muss. Und ein schönes Wort ist es, in das ich, wie in eine Empfindung, wiederum zusammendrängen will dasjenige, was ich zu Ihnen gesprochen habe. Er sagt:
Die menschliche Seele kann es sich nicht verhehlen, dass ihr Glück doch zuletzt nur in der Erweiterung ihres innersten Wesens und Besitzes bestehe.
Ja, in der Erweiterung des inneren Wesens und Besitzes der Seele besteht der Seele rechtes Glück, und, so dürfen wir hinzufügen, bestehen die wahren Seelenlebensgüter. Und wenn die Geisteswissenschaft dasjenige ist, was ich versuchte darzustellen gestern und heute, dann ist sie ja ganz und gar dasjenige, das mit all seinen Impulsen hinstrebt nach der Erweiterung des inneren Wesens und Besitzes der Seele. Und wirklich, man fühlt sich mit dem, was die Geisteswissenschaft gibt, drinnen stehend in dem, was die besten Geister der Menschheit ersehnt und erdurstet haben, weil es die Seele braucht zu ihrer inneren geistigen Nahrung. Daher steht man im Einklang mit einer solchen feinen, zarten, und doch ins Große denkenden und fühlenden Seele wie Feuchtersleben. Und man darf zum Schlusse zusammenfassen, wenn man in eine Empfindung, in ein allgemeines Gefühl zusammensammeln will das, was als ihr Bestes Geisteswissenschaft geben kann, man darf sagen: Geisteswissenschaft, sie gibt Lebensgüter; sie fördert das echte, wahre Glück der Seele. Sie ist gehalten in dem Sinne, in dem der Spruch Feuchterslebens gemeint ist:
Die menschliche Seele kann es sich nicht verhehlen, dass ihr Glück doch zuletzt nur in der Erweiterung ihres innersten Wesens und Besitzes bestehe.
Fragenbeantwortung Frage: Darf man Kinder auf die Hand schlagen?
Rudolf Steiner: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Solche Fragen bekommen in unserer Zeit eine neue Bedeutung und Wichtigkeit. Nicht immer ist eine einfache Antwort auf eine einfache Frage zu geben. Einfachheit ist zwar bequem, aber schon eine Uhr ist nicht einfach. Das Weltenall ist erst recht nicht so einfach, dass weniger Kraft in ihr ist als bei einer Uhr. Durch die Geisteswissenschaft werden die Dinge nicht bequemer, aber durch sie sieht man hinein in Gebiete, die für die Gestaltung des Lebens unentbehrlich sind. Dann findet man, dass einfache Dinge kompliziert sind. Die Geisteswissenschaft gewöhnt einen daran, etwas genauer alle Dinge zu nehmen, etwas gewichtiger alle Dinge zu nehmen. Bauernkinder wird recht ordentlich auf die Finger geklopft, [mit] ordentlichen Klopfern, verziert mit einem eisernen Ring, sie sind trotzdem nicht nervös geworden. Stadtkinder, die niemals auf die Finger geschlagen wurden, sind oft nervös. Das Leben ist eben kompliziert. Was in der einen Natur durch etwas bewirkt wird, wird nicht immer in der anderen Natur dadurch bewirkt.
[Goethe sagt mit Recht]: «Eines schickt sich nicht für alle»; man muss die Menschen nehmen nach ihrer Individualität und nicht nach Abstraktionen urteilen. Man kann nicht sagen, dass das eine oder andere im Allgemeinen schädlich oder nützlich ist. Vom Abstrakten zum Konkreten, zum unmittelbaren Auffassen des unmittelbar konkreten Lebens wird Geisteswissenschaft führen. Dann wird man finden, dass die Frage mit Nervosität nicht viel zu tun haben wird; aber viel wichtiger ist die Frage nach der Erziehung vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt. Dann kann man vollständig entbehren dasjenige, worauf hier hingedeutet ist. Diese Erziehung bedarf aber wiederum viel mehr der Aktivität der Seele des Erziehers, die sich in jede Seele hineinzufinden vermag.
Klopfer werden zumeist erfordert durch die Eigenart des Erziehers, nicht des zu Erziehenden. Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass Schläge als Erziehungsmittel nicht besonders zu empfehlen sind, gleichgültig, ob auf die Finger oder anderswohin.
Frage: Ist Hellsehen beim Wachen möglich? [...]
Rudolf Steiner: In der Regel kann man nicht gleichzeitig die physisch-sinnliche Welt und die geistige Welt schauen. Die physische Welt ist dann wie ein Versinkendes, und das gleichzeitige Schauen wird meistens dadurch hervorgerufen, dass man herüberbringt in die Geistesschau etwas wie ein Haben [Erheben?] der Seele. Nicht auf den Zustand kommt es an, sondern darauf, dass man in der Geistesschau so mit seinem Ich, mit seinem Bewusstsein dabei ist, dass nicht wie in Trance erlebt wird, sondern bewusst. Dann erst kann man das Zusammenhängen der beiden Welten suchen. Es wird gesagt, dass die Materie nicht vorhanden erscheint, wenn dieser Zustand eintritt. Ja, es wurde ja gestern gesagt, dass man ein Bild vor sich hat und man diese Bilder erst lesen lernen muss. Man kann sie nicht auf die Wirklichkeit beziehen wie in der physischen Welt, sondern muss sie erst lesen lernen.
Frage: Wird eigentlich in der Theosophie der Begriff Gott ganz beiseitegestellt, oder wenigstens nicht so hervorgehoben wie in der christlichen Religion?
Rudolf Steiner: Die Frage ist eigentümlich, denn nach dem Begriff «Gott» oder «Theos» heißt die Theosophie. Das ist so, als ob man von Selterswasser spricht, von dem das Wässrige, Flüssige ganz beiseite geschafft ist. Solche Einwendungen kann man nur machen, solange man sich mit der Sache nicht befasst hat. Wir haben nicht die Unbescheidenheit, den Gott in einen begrenzten Begriff zu spannen; in ihm leben, weben und sind wir, auch unsere Begriffe. Man kann sich nur ganz allmählich einleben in das Göttliche. Zumeist will eine solche Frage doch nur sagen: Ich will kein anderes Christentum, als ich schon immer begriffen habe. Frage: Soll Fehlerlosigkeit erreicht werden?
Rudolf Steiner: Das ist eine Abstraktion. Es werden häufig Fragen über Weltenanfang, Weltenende und so weiter gestellt, doch der Mensch kann nur allmählich zum Begreifen aufsteigen. Die Begriffe, die man gewöhnlich herbeibringt, sind zumeist so ungeeignet als möglich. Geisteswissenschaft stellt uns ins Leben hinein und hält uns von abstrakten Spekulationen ab. Durch Theosophie wird auch das Sittliche ins Konkrete geführt.
Frage: Liegt für Theosophen nicht die Gefahr vor, durch den Kultus mit dem Ich den Mitmenschen entzogen zu werden?
Rudolf Steiner: Wo starkes Licht ist, ist starker Schatten. Es muss eine Umwandlung in Liebeswillen stattfinden, sodass das Ich dadurch viel mehr außen gesucht wird als innen.
Frage: Christi Leiden und Sterben ist für uns doch nur Urbild, da man für seine Fehler ja doch später büßen muss.
Rudolf Steiner: Ich muss mich erst hineinfinden in diese Frage. Sie beruht auf einem Missverstehen der Karma-Idee. Man sagt dann: Warum sollte ich einem Menschen, der in Not und Elend ist, helfen? Man soll ihm dann erst gerade helfen, das wird auf sein karmisches Konto geschrieben, wirkt weiter. Wie ich einem helfen kann, kann ich zweien, drei, fünf, fünfzig, hundert, tausend helfen, und ein mächtiges Wesen wie der Christus kann allen Menschen helfen im Karma.
Frage: Wie komme ich von einer Gedankensünde frei, die ich nicht durch Abbitte gutmachen kann, weil der Betreffende inzwischen verstorben ist?
Rudolf Steiner: Das muss im weiteren Verlauf des Lebens ausgeglichen werden. Man darf das nicht nach bloß irdischem Gesichtspunkt beurteilen. Wir sind mit unserem Schicksal nicht unzufrieden von einem höheren Gesichtspunkte aus. Zwischen Tod und Geburt wären wir sehr unzufrieden, wenn wir das Leid nicht hätten, das aus unseren Taten fließt; wir empfinden es gar nicht als Leid, sondern als eine Wohltat, es ausgleichen zu können, wir streben danach, es auszugleichen. Es herrscht eben ein ganz anderer Zustand zwischen Geburt und Tod als zwischen Tod und neuer Geburt.
Frage: Welchen Einfluss auf die feineren Körper hat die Narkose?
Rudolf Steiner: Wo man es vermeiden kann, die Narkose anzuwenden, soll man es vermeiden. Die normale Art ist, dass der geistig-seelische Teil herausgeht im Schlafe, bei Narkose wird er herausgepresst, also Zwang angetan. Wenn es nötig ist, soll man selbstverständlich dazu greifen. Frage: Hat ein totgeborenes Kind ein Ich?
Rudolf Steiner: Ebenso wenig wie ein Leichnam. Es kann der Versuch zur Inkarnation des Ich gemacht worden sein, bevor es im Leibe der Mutter tot geworden ist.
Frage: Wir haben öfter von den Karma-Wirkungen gehört. Wie steht es mit dem Ausgleich für die grausamen Strafen im Mittelalter?
Rudolf Steiner: Das ist wie in einem Konto-Buch. Die Strafe steht gewissermaßen auf der Soll-Seite und gleicht sich aus mit der anderen Seite. Es braucht nicht sogleich ein unbedingter Ausgleich da zu sein, wenn eine Strafe eintritt. Die Seele würde nach dem Tode nicht einmal damit zufrieden sein, denn sie will ausgleichen.
Frage: Ein Teil der Theosophinnen nimmt sich in Haartracht und Kleidung ungewöhnlich aus. Ein fremd Gegenüberstehender kann sich unangenehm berührt fühlen!?
Rudolf Steiner: Das ist jedenfalls kein Ergebnis der geistigen Strömung! Man muss tolerant sein gegen den Geschmack der anderen, das gehört zu den Lebensgütern der Theosophie vielleicht. Wenn man selber tragen will, was einem gefällt, warum sollte man das auch den andern nicht gestatten? Es ist hoffentlich doch nicht allzu häufig, dass Theosophinnen durch Haartracht und Kleidung gleich Theosophen werden. Und, meine sehr verehrten Anwesenden, das tragen, was einem gefällt, das tun ja die anderen Frauen auch, und man sagt auf Seite der Theosophinnen auch nichts, wenn es einem auch nicht immer
gefällt. Frage: [Gibt es ein] Selbstbewusstsein nach dem Tode?
Rudolf Steiner: In dem, was bleibt nach dem Tode, wurzelt das Selbstbewusstsein. Nur hat man nach dem Tode andere Werkzeuge zum Wahrnehmen. Augen, Ohren fallen ab. Die Seele stellt sich andere Werkzeuge her. [Das] Ich-Bewusstsein erhält sich durchaus, ja mit viel intensiverem Charakter. Andere Theosophen sollen gesagt haben, dass nach dem Tode nur Bewusstsein, aber kein Selbstbewusstsein vorhanden ist? Das mag in diesen oder jenen Büchern stehen, hat aber mit der hier gemeinten Geisteswissenschaft nichts zu tun.
Frage: Andererseits die Seherin von Prevorst: Die Personen, von denen sie spricht, zeigen noch Reue.
Rudolf Steiner: Das schließt nicht das Selbstbewusstsein aus.
Die übrigen Fragen sind nicht von der Art, dass sie geeignet wären, hier beantwortet zu werden.