Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 13 March 1914, Basel

XX. Geisteswissenschaft in Ihrem Verhältnis zu Religiösen und Sozialen Strömungen der Gegenwart

Die beiden ersten Vorträge über Geisteswissenschaft, die ich hier in diesem Winter halten durfte, handelten mehr von der Art, wie die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse errungen werden. Sie handelten von jenen Kräften in der Menschenseele, die im Allgemeinen in unserer Gegenwart dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnis noch entgegenstreben, ihr feindlich sind und dergleichen.

Am heutigen Abend möchte ich mir gestatten, einiges, wenn es auch selbstverständlich in einem kurzen Vortrage nur spärlich sein kann, zu sprechen über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu verschiedenen religiösen und sozialen Strömungen in unserer gegenwärtigen Kultur. Universell darf ich bemerken, dass, wie es ja naturgemäß ist, von mir nur vertreten werden kann die geisteswissenschaftliche Forschung, von der in den ersten beiden Vorträgen hier die Rede war, und dass sorgfältig vermieden werden soll, diese geisteswissenschaftliche Forschung mit allerlei anderen Strömungen, die sich theosophisch oder ähnlich nennen und in der Gegenwart wirksam sind, zusammenzuwerfen. Es ist im Allgemeinen nicht erfreulich, gerade über solche Strömungen zu sprechen, aber es ist vielleicht auch nicht notwendig, nachdem diese Vorträge vorangegangen sind. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschenseele, die sich nur ein wenig orientiert über das, was um sie herum vorgeht, ganz zweifellos fühlen muss, wie sie immer mehr und mehr in die Notwendigkeit versetzt wird, aus dem seelisch instinktiven Leben herauszutreten und bewusster und bewusster, erkennender und erkennender sich in das hineinzuleben, was man die Anforderung der Welt, namentlich der Kulturwelt, an den Menschen und an seine seelische Entwicklung nennen kann. Man braucht nicht in sehr alte Zeiten menschlicher Kulturentwicklung zurückzublicken, und man wird sich sehr bald überzeugen können, wenn man unbefangen ist, dass in diesen älteren Zeiten der Mensch viel instinktiver, viel, man möchte sagen, selbstverständlicher leben konnte als in unserer Zeit. Darauf beruht das, was wir als das Fortschrittliche unserer Zeit erleben. Immer mehr und mehr ist die menschliche Seele genötigt, sich Gedanken und Vorstellungen zu machen über das, was, wenn der Ausdruck gestattet ist, ihr von inneren, seelisch-geistigen, ihr mehr unbestimmt bleibenden Kräften wie eingeimpft wurde, sodass sie sich mehr instinktiv äußern konnten.

Im echten und wahren Sinne will Geisteswissenschaft gewissermaßen dieser nach Mündigkeit, nach Vollbewusstsein strebenden Menschenseele dienen. Aber da sie dies von einem Gesichtspunkte aus tun muss, der scheinbar zunächst wenigstens für viele Seelen noch scharf gegenübersteht dem, was althergebrachte Denkgewohnheiten, Vorstellungsarten sind, so ist es auf der anderen Seite ganz natürlich, wie schon betont worden ist, dass sich das Allgemeinbewusstsein noch auflehnt gegen das, was Geisteswissenschaft in die Gegenwart hineintragen will, sodass dieses wirklich entspricht nicht nur dem, was sozusagen auf der Oberfläche der Seele vorhanden ist, sondern [dem], was in den tiefen Sehnsüchten der Seele der menschlichen Zukunft entgegenwebt und -strebt.

Für manchen muss das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, in einem viel höheren Sinne radikal wirken, als etwa das radikal wirkte, was in der Morgenröte des neuen Geisteslebens die naturwissenschaftliche Denkungsweise gebracht hat. In viel höherem Maße muss der Mensch heute durch Geisteswissenschaft scheinbar - immer sei dies betont - den Boden unter seinen Füßen weggezogen fühlen im Verhältnis zu damals, als Kopernikus durch seine auf das Physische bezügliche neue Weltanschauung das erschütterte, was die Menschen vorher geglaubt hatten, nämlich, dass die Erde mit dem Menschen im Raume ruhig sei. Dass die Menschen die für die damalige Zeit neue Wahrheit aufnehmen mussten, das fühlten sie etwa so, wie wenn ihnen der Boden, auf dem sie ruhig gestanden, unter den Füßen weggezogen worden wäre. Fühlte man dazumal so etwas im Physischen, so kann man es gewiss heute in erhöhtem Maße fühlen, wenn man an den alten Denkgewohnheiten festhalten will dann, wenn Geistesforschung von wiederholten Erdenleben spricht und davon redet, dass die Geistesgebiete nur erforscht werden können, wenn man die Seele frei macht vom Erleben im Leibe. Von der Geisteswissenschaft wird eine Seelenbeobachtung gefordert, die frei von aller Sinnenwahrnehmung und frei von dem an das Gehirn gebundenen Denken ist.

Es ist selbstverständlich, dass sich demgegenüber so mancher unsicher fühlt, der den sicheren Boden menschlichen Wahrnehmens und Beobachtens, menschlichen Philosophierens immer dadurch gesucht hat, dass die Seele sich der Sinne bedient und des Verstandes, der an das Gehirn gebunden ist. Es entsteht für diesen ein Gefühl der Unsicherheit, so, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde, nur noch in viel höherem Maße, als das damals in der Morgenröte des neuen Geisteslebens der Fall war.

Wer sich nur ein wenig mit dem Sinn und der Gesinnung der Geisteswissenschaft bekannt macht, muss sich dennoch immer wieder wundern über gewisse Einwände und Angriffe, die besonders von einer Seite her kommen, von den religiösen Bekenntnissen der verschiedensten Richtungen. Man muss sich, trotzdem es begreiflich ist, umso mehr darüber wundern, da auch von materialistischer und sonstiger wissenschaftlicher Seite her Angriffe kommen. Namentlich über die Angriffe muss man sich [wundern], die von religiösen Bekenntnissen herrühren. Diesen Angriffen gegenüber muss zunächst einmal, obwohl dies schon geschehen ist, mit wenig Worten hervorgehoben werden, worin das eigentlich Anstößige für viele Seelen liegt, wenn sie der Geisteswissenschaft gegenübertreten.

Geisteswissenschaft will im eminentesten Sinne eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Vorstellungsweise sein, aber sie muss, da sie auf das Geistgebiet eingeht, diese naturwissenschaftliche Vorstellungsart überwinden. Sie muss gewissermaßen das, was die naturwissenschaftliche Vorstellungsart auf ihrem Gebiet groß gemacht hat, in anderer Art ausbilden, weil Geistesforschung es mit dem Gebiete des Geistes zu tun hat. Da zeigt die neuere Geisteswissenschaft, dass mit den Mitteln, die dem Menschen zur Verfügung stehen, wenn er die Naturgebiete durchforschen, die großen Wahrheiten der Natur ergründen will, dass er mit diesen Kräften und Seelenfähigkeiten nicht in die Geistgebiete hineinkommen kann. Es zeigt sich, dass kein Einblick in die geistige Welt möglich ist, wenn der Mensch sich nur jener Seelenfähigkeiten bedienen will, die entfaltet werden können, solange der Mensch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in dem dadurch entstehenden Bewusstseinszustande ist, dass der Mensch sich der Sinne seines Leibes bedient, des Denkens, Fühlens und Wollens, zu denen er seinen Nervenapparat und sein Gehirn braucht.

Dass außer den Seelenfähigkeiten, die der Mensch gerade auf dem Gebiete des äußeren sinnlichen Lebens und auch auf dem Gebiete des naturwissenschaftlichen Forschens anwenden muss, dass außer diesen Fähigkeiten in der Seele noch andere Fähigkeiten schlummern, die entwickelt werden können, wenn der Mensch etwas dazu tut - das ist das Anstößige für viele Geister der Gegenwart. Viele Geister der Gegenwart denken eben gar nicht daran, dass in gewisser Beziehung im Kleinen, im Primitiven ja eigentlich mit dem Menschen im Verlaufe seines ganz naturgemäßen Lebens eine ähnliche Veränderung vor sich geht, wie sie gefordert wird von der Geistesforschung, wenn sie sich dieser gemäß entwickeln soll.

Jeder Mensch entfaltet in den ersten Jahren seines kindlichen Daseins Seelenkräfte, mit denen er nicht durch das Leben kommen könnte, wenn sie das ganze Leben hindurch so blieben, wie sie in den ersten kindlichen Jahren waren. Die Tatsache, dass wir uns als erwachsene Menschen im Leben zurechtfinden, dass wir uns in das Leben so hineinstellen können, dass der Mensch ein angemessenes Verhältnis zu anderen Menschen und zu der ganzen Welt entwickelt, hängt davon ab, dass zu den Fähigkeiten, die wir in der ersten Kindheit haben, andere hinzuentwickelt werden, und dass die Kindheitsfähigkeiten auf eine höhere Stufe gebracht werden können. Wie in den ersten Lebensjahren im Menschen schlummernde Kräfte so entwickelt werden, dass der Mensch sich in seine Sinnenwelt orientierend hineinstellen kann, so muss, wenn der Mensch die geistige Welt wirklich erkennen, anschauen, wahrnehmen will, im späteren Leben mit ihm eine Veränderung vor sich gehen. Und durch Übungen, deren Prinzip in den letzten Vorträgen und in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» und «Die Schwelle der geistigen Welt» und so weiter angegeben worden ist, durch solche Übungen gelangt der Mensch dazu, wirklich die Fähigkeiten der Seele, die er naturgemäß ohne sein Zutun hat, umzuwandeln in solche, durch die er in die geistige Welt hineinschauen kann. Und verbunden ist diese Umwandlung damit, dass der Mensch lernt, seine Seele aus dem Leibe wirklich herauszuziehen.

Dadurch kommt der Mensch zu dem deutlichen Begriff, mit Bewusstsein zwischen zweierlei Lebenszuständen zu unterscheiden. Der eine Zustand ist der des gewöhnlichen Tagwachens. Da weiß man, dass man sich seiner Sinne bedienen muss. Und wer nur einigermaßen in die Denkungsweise der Neuzeit eingedrungen ist, der weiß, dass er sich seines an Gehirn und Nervensystem gebundenen Gedankenlebens bedienen muss, um sich in der Außenwelt zu orientieren. Das Bewusstsein verläuft so, dass alles Seelische unmittelbar verbunden ist mit dem Leiblichen, dass dieses im Seelisch-Geistigen darinnensteckt. Durch jene Anstrengung der Denk-, Fühlens- und Willenskräfte, die der Mensch in gewissen geistigen Übungen entfalten muss, gelangt er dazu, seine seelischen Kräfte in sich so zu konzentrieren, so zu verstärken, dass die Seele sich loslöst von dem Leib, gelangt er dazu, wirklich jenen Augenblick zu erleben, der sonst zwar auch erlebt, aber unbewusst erlebt wird: der Augenblick des Herausgehens aus dem physischen Leib. Dieser Augenblick wird ja sonst - aber nicht bewusst - im Einschlafen erlebt. Der Mensch nimmt noch wahr, wie die Eindrücke und die innere Regsamkeit dahinschwinden. Langsam geht er dann in Bewusstlosigkeit über. In ähnlicher Weise fühlt der, welcher durch Vornahme gewisser geistig-seelischer Übungen sein Denken, Fühlen und Wollen erstarkt und erkraftet hat, wie er es dazu bringt, die Seele so stark zu machen, dass sie fühlt: Ich bin auch etwas, wenn ich nicht mehr meine Hände rühre, nicht mehr mich der Augen und Ohren bedienen kann, ich bin noch etwas in mir selber.

Darauf beruhen diese seelisch-geistigen Übungen, dass die tieferen Kräfte herausgehoben werden, durch die die Seele auch dann etwas ist, wenn sie verzichtet auf die leiblichen Eindrücke und auf das Sich-Erfühlen dadurch, dass man den Willen in den Leibesgliedern anstrengt. Durch diese Übungen gelangt die Seele dazu, aus dem Leibe herauszugehen. Der Leib ist dann für die Seele ein äußeres Ding, wie die anderen Dinge außerhalb unseres Leibes. Ich habe bei den letzten Vorträgen den Vergleich einer geistigen Chemie gebraucht: Wie Wasserstoff auf chemischem Wege als Wasser herausgezogen wird, so erlebt sich die Seele als ein geistig-seelisches Wesen, so wird sie sich aus dem Leibe herausziehen. Dann weiß sie sich in einer Welt von geistigen Vorgängen und Wesenheiten, wie sie sich, solange sie sich der Sinne und des Verstandes bedient, der an das Gehirn gebunden ist, in einer Welt von sinnlichen Vorgängen und Wesenheiten weiß.

Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass es ja in der Gegenwart von manchen noch verziehen wird, wenn auf den Geist in allgemeiner Weise hingewiesen wird; aber nicht mehr wird es verziehen, wenn auf die geistige Welt, in die die Seele sich hineinlebt, so hingewiesen wird, dass diese Welt wie die Sinnenwelt aus einzelnen, ganz konkreten Vorgängen und Wesenheiten besteht. Dass man nicht in eine allgemeine verschwommene, pantheistische geistige Welt hineinträumt, sondern sich in eine Welt geistiger Mannigfaltigkeiten hineinbegibt, das ist schwer verzeihlich. Und dennoch führt jenes innere Sich-Erstarken, Erkraften die Seele dazu, dass sie leibfrei wird, dass der Mensch wirklich in konkrete geistige Welten eintritt.

Ich möchte nicht in Abstraktionen sprechen, sondern auf das aufmerksam machen, was der Geistesforscher im Konkreten erlebt. Er erlebt durch Hingabe an ganz bestimmte Gedanken, die er denkt, dass sich die Gefühle und Willensimpulse zusammendrängen, und er bewirkt dadurch, dass die Seele frei wird vom Leibe. Er erlebt das gleichsam wachend, was sonst nur schlummernd und unbewusst erlebt wird. Er fühlt zunächst, wie die äußere sinnliche Welt, die Welt der Farben, des Lichtes, der Töne beim Einschlafen hinschwindet. Der Mensch fühlt dann, dass seine Gedanken, von denen er mit Recht gesagt hat: Diese Sinneseindrücke erfasse ich mit ihnen -, dass seine Gedanken etwas werden wie von ihm sich loslösend. Und eine neue Welt geht vor ihm auf.

Der Mensch ergießt seine Gedanken über die neue Welt. Und wenn die Eindrücke der Sinneswelt verschwinden, dann weiß der Mensch: Ja, bisher, wo ich in meinem Bewusstseinszustand um mich herum gleichsam den Teppich der Sinnenwelt gesehen habe, war mir etwas wie ein Schleier gewoben. Jetzt, wo dieser Schleier weg ist, geht mir eine neue Welt auf. Man erlebt dann, wenn man bewusst in der leibfreien Seele lebt, nicht nur, dass die Sinnenwelt verschwindet, sondern es verschwindet dann etwas wie ein Schleier, der so empfunden wird, als ob er eine Welt des Geistigen zugedeckt hat. Man erlebt dann eine Welt geistiger Wesenheiten, die gleichsam hervortritt, wenn der Schleier des Sinnlichen zerreißt.

Wenn der Schleier hinwegschwindet, erlebt man Wesenheiten, die in der Weltenordnung um einen Grad höher sind als die menschliche Seele. Man lebt sich dann ein in ein Gefühl, das die Seele unendlich bereichert. Man fühlt dann: Wenn du hier in der Sinnenwelt herumsiehst, hast du unter dir die Wesen des Mineral-, des Pflanzen-, des Tier-, des Menschenreichs. Das höchste Reich, das du um dich hast, ist mit dir auf gleicher Stufe. Man lebt sich da hinein in eine Welt, die einem da entgegentritt, und da weiß man als Seele: Was da in deiner Tiefe ruht, was im gewöhnlichen Dasein für dich nicht bewusst wird, nicht in dein Selbstbewusstsein tritt, das ist etwas, durch das du bereichert wirst. Das ist eine Welt von geistigen Wesenheiten, die über dir stehen in der Weltenordnung, die nicht im Leibe verkörpert sind, die aber «verseelt» sind und innerhalb derer du selber bist, wenn du eine leibfreie Seele geworden bist.

Das ist das Eine. Ein Zweites, das einem entgegentritt, wenn so der Schleier der Sinnenwelt weggeweht wird, ist, dass man das, was man sonst Naturgesetze nennt, in ganz anderer Weise empfindet. Die Naturgesetze, die man im Sinnensein durch die Gedanken auffasst, sind jetzt, wo man außerhalb des Leibes wahrnimmt, nicht mehr Naturgesetze; die Gedanken sind fort, sie haben sich vereinigt mit geistigen Wesenheiten, die über den Menschen stehen. Was wir erleben in den Naturgesetzen, die wir vorher durch Gedanken aufgefasst haben, das ist jetzt selber Leben, und zwar sind es geistige Wesenheiten, die dann, wenn man die betreffende Erkenntnisstufe erlangt hat, so real vor der Seele des Menschen stehen wie sonst Tiere, Pflanzen, Mineralien vor den Sinnen des Menschen. In Wesenheiten lebt man sich ein, denen gegenüber man sich sagt: Die Naturgesetze zeigen uns etwas wie Schattenbilder, wie Abstraktionen von ihnen. Aber was in den Naturgesetzen vorhanden ist, wenn der Schleier hinwegfällt, das sind hohe geistige Wesenheiten. Innerhalb der Geisteswissenschaft werden diese Wesenheiten, die gleichsam die Gestalt der Naturgesetze ausmachen, die Geister der Form genannt, weil sie alldem, was in der Welt vorhanden ist, aus dem Leben der Welt heraus durch ihre geistige Kraft die Form anweisen. Alles, was in den Mineralien, in Tier und Pflanze als Form vorhanden ist, stellt sich dar als Tat dieser Wesenheiten.

Wenn man es dazu bringt, dass das Leibliche des Menschen ruht, aber so ruht, dass das Bewusstsein erhalten bleibt, wenn jeder Wille, der nur durch Glieder sich betätigt, der nur durch den Leib sich betätigt, wenn jeder solcher Wille abgelähmt ist, wenn er so ruht, wie er dann im Schlafe ruht, wenn der Mensch regungslos seinen physischen Leib im Bett liegen hat, wenn der Wille so durch Anwendung von Seelenkraft zur Ablähmung gebracht worden ist, aber der Mensch nicht in Bewusstlosigkeit versinkt, sondern bewusst bleibt, dann wird er sich klar: In dir selber ist etwas, was Eingeber deines Willens ist, was dir in deinen Willen hineinstrahlt. Dein Wille ist durchflossen und durchzogen von erhabenen Geistern, die die Welt durchwallen und durchweben. Geister des Willens ist man versucht sie zu nennen. Dadurch, dass der Mensch in sich selber den Willen zur Ablähmung bringt, entdeckt er die Geister des Willens.

So lebt er sich in die geistige Welt hinein in der Weise, wie wenn er von der Geburt an das Auge aufschließt und sich einlebt in eine Welt, die er durch seine Sinne wahrnimmt. So lebt er sich, wenn die gewöhnlichen bewussten Seelenkräfte abgelehnt werden, hinein in eine geistige Welt. Dieses Hineinleben kommt dadurch zustande, dass der Mensch mit seiner eigenen Seele in den Geist untertaucht, wie die neuere Naturwissenschaft in ihren Experimenten in die Natur untertaucht. Was hat in der Naturwissenschaft die großen Triumphe ausgelöst? Sie hat die Wahrnehmung von dem Versuche getrennt. Im Versuch ist losgelöst das Naturgeschehen vom unmittelbaren Eindruck, den es auf die Sinne macht. Zwar muss man beobachten, aber im Experiment versucht man hineinzudringen in das, was hinter den Sinneseindrücken im Physischen liegt. Wir tauchen in die Natur hinunter, und jede Naturforschung verlangt, dass das, was zu sehen ist, von den subjektiven Eindrücken der Sinne unabhängig gemacht wird.

Geisteswissenschaft geht nach der anderen Seite. Sie macht den Menschen selber zu dem, womit Versuche gemacht werden. Sie macht es nicht, wie es in manchen spiritistischen Kreisen geschicht, in denen die Experimente nach Beobachtungsart mit Menschen gemacht werden. Geisteswissenschaft weiß, dass der Mensch nur sich selber zu einem Werkzeug machen kann, um in die geistige Welt hineinzufinden. Und so zeigt sie, wie im Menschen sich loslöst vom Seelisch-Geistigen das Leiblich-Wahrnehmbare, und wie er dazu gelangt, Geist und Seele unter Geistern und Seelen zu sein.

Das alles, was jetzt auseinandergesetzt worden ist, wirkt anstößig auf zahlreiche Gemüter der Gegenwart. Das ist ja begreiflich, dass es so wirken muss. Warum wirkt es so anstößig? Ich kann jetzt nicht eingehen auf das, was ich in den letzten Vorträgen schon erwähnt habe. Wahrnehmen kann nur der in der geistigen Welt, der sich geistig schult, aber um das aufzunehmen und zu verstehen, was der Geistesforscher, nachdem er es erforscht hat, in Büchern niederschreibt, dazu braucht man nicht Geistesforscher zu sein. Man muss Maler sein, um ein Bild zu malen, aber nicht, um es zu verstehen. Es wäre traurig, wenn nur Maler die Bilder verstehen würden. Geradeso braucht man nicht Geistesforscher zu sein, um zu verstehen, was Geistesforschung zu sagen hat.

Immer mehr wird die Welt einsehen: Selbst wenn wenige Menschen nur Geistesforscher sein können - meine Bücher setzen ja auseinander, wie jeder Mensch bis zum gewissen Grade Geistesforscher werden kann -, so wird doch durch das, was diese wenigen zu sagen haben, durch die Art, wie es auseinandergesetzt wird, für die Welt unmittelbar überzeugend gewirkt werden. Und auch für den Nichtgeistesforscher wird die Zeit heranrücken, wo die Seelen nach solchen Beschreibungen der geistigen Welt lechzen werden. Die Seelen der Menschen sind auf Wahrheit angelegt, nicht auf Irrtum. Um zu sehen in der geistigen Welt, muss man bewusst hineinschauen, muss man Geistesforscher sein. Um zu begreifen, braucht man nicht hineinzusehen, braucht man nur voll und unbefangen das hinzunehmen, was der Geistesforscher zu sagen hat.

So wird die menschliche Seele durch das, was der Geistesforscher zu sagen hat, unmittelbar erfasst werden. In den Tiefen der menschlichen Seele ruht eine verborgene Sprache. Diese Sprache braucht nur entwickelt zu werden. Sie ist in jeder menschlichen Seele schlummernd. Sie tritt unmittelbar an die menschliche Seele heran, sie wird geweckt durch das, was der Geistesforscher an geistigen Wahrheiten aus der geistigen Welt heraus bringt. Verstehen wird man den Geistesforscher immer mehr und mehr durch die intime, tiefe Sprache, die die menschliche Seele für den Geist hat.

Vor allen Dingen lernt der Mensch auf diesem Wege seine eigene Seele kennen. Kennen lernt er, dass über Unsterblichkeit, über das, was über die Sinnenwelt hinausgeht, in wahrhaft wissenschaftlicher Weise gesprochen werden kann, wenn der Mensch durch die Entwicklung seiner Geisteskräfte dazu kommt, den Seelenkern zu finden, der sich loslösen kann von dem Leiblichen und der dann als lebendes Wesen weiterlebt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht und sein Leibliches den Elementen übergibt.

Um die Unsterblichkeit der Seele wissend kennenzulernen, muss man die Wege gehen, die zu dieser menschlichen Seele hinführen. Im gewöhnlichen Menschen sind die Eigenschaften so verborgen wie im Wasser die Eigenschaften des Wasserstoffes. Daher kann er mit keiner Philosophie, nicht mit bloßen Begriffen an die Seele herankommen. Er kann wohl allerlei theoretisch bestimmen über das, was man Unsterblichkeit nennt, aber wissend über die Unsterblichkeit zu sprechen ist erst dann möglich, wenn man wirklich auf das Wesen der Seele hinzuleuchten versteht. Dann zeigt sich, dass unser ganzes Erdenleben zwischen Geburt und Tod sich so darstellt, dass wir wirklich mit dem, was wir in der Seele tragen, etwas heranentwickeln, was der Geistesforscher nur herausholt aus dem Leibe, was aber immer von dem Leiblichen sich unabhängig verhält - so, wie der Naturforscher in der Pflanze, indem sie heranwächst von der Wurzel zu Blättern und Blüten und Früchten, den lebendigen Keim entdeckt, der sich allmählich herausbildet und der, wenn die Pflanze welkt, Anwartschaft bietet auf ein neues Pflanzenleben.

So erfühlt der Geistesforscher die Seele, so entdeckt er im Menschen das, was im ganzen Leben zwischen Geburt und Tod innerlich, geistig-seelisch heranwächst, was als lebendige Seele dann durch die Pforte des Todes tritt, in eine geistige Welt eingeht, und das jene Ereignisse durchmacht, die geistig sind und die wiederum zu wiederholten Erdenleben führen. Das muss durch wiederholte Erdenleben durchgehen, was im Menschen die leibfreie Seele ist. Und was so durch den Tod durchführt, das wird wirklich durch den Geistesforscher entdeckt. Aber es wird dadurch entdeckt, dass der Erkenntnis, auf die man sich zunächst stützen will, eigentlich der Boden entzogen wird. So, wie durch Kopernikus dem sinnlichen Augenschein, mit dem man alles richtig zu sehen glaubte, der Boden entzogen worden ist, so wird durch die Geisteswissenschaft dem Glauben der Boden entzogen, dass die Seele, wenn sie sich nur loslöst, wenn sie selber ein geistig-seelisches Wesen wird, in die geistige Welt wirklich hineinschauen kann.

Das ist das Anstößige bei der Geisteswissenschaft, dass sie gleichsam ebenso absetzt alle Erkenntnis, auf die der Mensch so stolz ist und die in der äußeren Wissenschaft zu so großen Triumphen geführt hat, wie Kopernikus den sinnlichen Augenschein abgesetzt hat. Und damit hängt zusammen, dass der Mensch vor dieser Geisteswissenschaft zurückprallt, weil man da sagt: Nicht eine Erkenntniskraft, die schon da ist, sondern eine, die sorgfältig vorbereitet und erworben werden muss, ist allein imstande, in die geistige Welt hineinzuschauen. Davor prallt der Mensch zurück. Denn alles, was an den Menschen die Forderung stellt, weiter zu kommen, als er schon ist, das widerspricht der tief in der Seele schlummernden, oftmals unbewusst bleibenden Anschauung, dass der Mensch, so, wie er ist, schon sehr vollkommen ist, dass er gar nicht nötig hat, über sich hinauszukommen.

Geisteswissenschaft weiß, dass über die gewöhnlichen Erkenntniskräfte hinausgegangen werden muss, wie das Kind über seine Erkenntniskraft hinausgehen muss, wenn es sich über die Welt orientieren will. Im Grunde genommen wissen wir ja, dass es manchem Kinde unbequem ist, wenn man es über die ihm angeborene Erkenntniskraft hinausheben will. Die Kinder haben nur nicht den Eigensinn und die Widerstandskraft, die der Mensch im späteren Alter hat. Wenn man zum Menschen sagt: Wenn du an den Geist herankommen willst, so musst du an andere Kräfte glauben als an deine gewöhnliche Erkenntniskraft, dann widerspricht das der menschlichen Eitelkeit, dem Glauben an die Vollkommenheit des Menschen. Aber sosehr man sich dagegen sträubt, die Richtigkeit des eben Gesagten anzuerkennen - es ist so, dass es die Eitelkeit und Unbequemlichkeit eines neuen ungewohnten Denkens ist, was die Menschen abhält, an die geisteswissenschaftlichen Interessen heranzugehen.

Und das ist es im Grunde genommen immer, was allen wirklichen Fortschritt im Kulturleben des Menschen aufgehalten hat oder wenigstens aufhalten wollte; es ist nur gegenüber der Geisteswissenschaft im erhöhten Maße der Fall. Diejenigen, welche heute der Geistesforschung, sei es von liberaler oder orthodoxer Seite, entgegentreten, sind wirklich die Nachfolger der Gegner des Kopernikus, des Galilei, des Giordano Bruno. Wie die Gegner damals glaubten, dass alles, was die Menschen vorher als richtig anerkannt haben, jetzt in Frage gestellt sei, in Gefahr stehe, so glaubt man es auch heute in erhöhtem Maße von der Geisteswissenschaft. Und dies und nichts anderes liegt eigentlich den Angriffen zugrunde, die namentlich von religiösen Gemeinschaften her gegenüber der Geisteswissenschaft gemacht werden. Da muss man schon auf die Frage eingehen: Woher kommt es eigentlich, dass die religiösen Gemeinschaften mit so starkem Eigensinn sich der fortschreitenden Menschheitsentwicklung entgegenstemmen? Woher konnte es kommen, dass in der Zeit des Kopernikus, des Galilei, des Giordano Bruno gewisse Menschen glaubten, die Religion sei gefährdet, wenn diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aufkämen? Woher kann es kommen, dass die Nachfolger dieser Menschen heute durch die Geisteswissenschaft die Religion gefährdet glauben?

Wenn man so vernimmt, wie der Bekenner dieser oder jener religiösen Gemeinschaft, man möchte sagen, mit all den Waffen, die ihm zu Gebote stehen, sich auflehnt gegenüber so etwas, wie es Geisteswissenschaft ist, werde ich immer wieder an einen Priester erinnert, der vor einiger Zeit - es ist noch nicht lange her - zum Rektor einer großen Universität gewählt wurde. Er hielt seine Antrittsrede über Galilei. Er war Priester und zu gleicher Zeit ein großer Gelehrter, ein liebenswürdiger Gelehrter. Er, der Priester, sagte dazumal, entgegen der Auffassung seiner Kirchengemeinschaft, gegenüber neuen Kulturerrungenschaften auf dem Gebiete des Geistes: Damals, als Kopernikus, Galilei auftraten, glaubten die Leute, die die Sache kurzsichtig von ihrer Religionsgemeinschaft aus beurteilten, dass durch solche Entdeckungen die Gottesverehrung, das religiöse Empfinden gefährdet wäre. Heute sollte man über solchen Glauben hinaus sein, heute sollte es klar sein, dass durch jede neue Einsicht in die großen Wahrheiten des Daseins nur beigetragen werden soll zur Offenbarung der Heiligkeit und Herrlichkeit der göttlichen Weltenordnung. - So sagt der Mann, der als katholischer Priester den Nerv seiner Religionsgemeinschaft besser verstand als diejenigen, die heute Nachfolger der Bekämpfer des Galilei, des Kopernikus sein wollen. Dass er es im Sinne seiner Religionsgemeinschaft sagte, das trat wohl demjenigen, der auch in ihm etwas witterte, was nicht ganz echt ist, vor Augen als das, was er sein ganzes Leben hindurch festgehalten hat. Und noch in der Todesstunde hielt er fest an dem, was er gesagt hatte. Er sprach in der Todesstunde, er wolle als ein treuer Sohn seiner Kirche sterben. Man muss mitfühlen, ohne selbst vielleicht auf dem Boden dieses Priesters zu stehen, was wahrer, innerer Zusammenhang mit Kern und Seele einer Religionsgemeinschaft zu bedeuten hat, wenn man zugleich die Möglichkeit und Fähigkeit findet, so, wie er, über den Fortschritt der Menschheit zu sprechen.

Jede Religionsgemeinschaft verbündet sich mehr oder weniger im Laufe ihres Seins dadurch, dass sie wirken muss, mit gewissen Anschauungen, mit den Erkenntnissen ihrer Zeit. So hat sich, wie es ja ganz selbstverständlich ist, die christliche Religion verbunden mit den Vorstellungen der vorkopernikanischen Weltanschauung. Aber dass sie sich mit ihnen verband, war der Ausdruck ihrer Zeit. Kurzsichtig waren die, welche da gesagt haben, die Religion sei gefährdet, wenn jetzt etwas anderes über den Zusammenhang der Weltanschauung gewusst werde. Weitsichtig waren diejenigen, die gesagt haben: Der Gott, den wir in unserem Herzen tragen, der Christus, mit dem wir fühlen, das religiöse Empfinden, das in uns rinnt, das wird wirksam sein, wie auch das übrige Weltbild sich gestalten mag. Und man kann es noch einigermaßen begreifen, wenn die heutigen Religionsgemeinschaften sich gegnerisch verhalten gegen materialistische Weltanschauungen, die auf der Grundlage der Naturwissenschaft sich aufzubauen glauben, die aber von wahrer Naturerkenntnis meist weit entfernt sind.

Aber gar nicht begreifen kann man, warum der Geistesforschung gegenüber sich einzelne Vertreter dieser Religionsbekenntnisse so furchtbar auflehnen, obwohl tiefer veranlagte Naturforscher - man braucht nur an Galilei, oder, wenn man ihn nicht nennen will, an Kopernikus zu erinnern, man könnte auch eine ganze Reihe tiefer Naturforscher und Gelehrter des neunzehnten Jahrhunderts nennen, die wirklich den Ruf der Naturwissenschaft durch die Welt getragen haben -, obwohl tiefer veranlagte Naturforscher im Grunde genommen immer fromm waren. Von Newton wurde gesagt, dass er nicht den Namen Gottes aussprach, ohne den Kopf zu entblößen. Auf ihn stützen sich jene, die sich heute als Materialisten gebaren und die sagen, die Naturbeobachtung verbiete ihnen, an die Gottesvorstellung zu glauben. Newton hat so sehr daran gehangen, dass er niemals seinen Kopf unentblößt ließ, wenn er den Namen Gottes aussprach, wo immer er war, er, der angebliche Begründer der Bewegung, die da heute im materialistischen Sinne Monisten sein wollen.

Dennoch kann man begreifen, wie Gegner erwachsen können. Aus einer oberflächlichen Beobachtung der Natur heraus kann mancher glauben, Naturwissenschaft gebiete, die Unsterblichkeit zu leugnen, Gott zu leugnen - oberflächlich betrachtet insofern, als man von der Sinneswahrnehmung das losgelöst hat, was in der äußeren Natur verborgen ist. Dadurch, dass man von diesem Verborgenen abgesehen hat und die Sinne bewaffnet hat zur Beobachtung der äußeren Natur, dadurch ist die Naturwissenschaft groß geworden. Es wird immer aus oberflächlicher Naturbeobachtung herrühren, von dilettantischer Naturerkenntnis herkommen, wenn man sich zum Atheismus, zur Religionslosigkeit gezwungen glaubt. Das kann nur durch missverständliche Auffassung der Dinge kommen. Daher kann es kommen, dass die religiös Empfindenden sich auflehnen gegenüber dem, was aus religionsloser Beobachtung der Natur hervorgeht. Geisteswissenschaft aber wirkt anders auf die Gemüter als eine Weltanschauung, die auf bloßer Naturwissenschaft gegründet sein will. Wie diese Geisteswissenschaft wirkt, verstehen allerdings die Menschen sehr bald, wenn sie sich nur ein wenig darauf einlassen. Wer sich auf Geisteswissenschaft einlässt, bekommt eine Summe von Begriffen und Ideen über die Welt und ihre Vorgänge, denen die Seele wirklich angehört. Nehmen Sie diese Begriffe und Ideen auf, dann sind diese von ganz anderer Stärke als die Vorstellungen der äußeren Naturwissenschaft. Diese Vorstellungen können einem sozusagen viele äußere Rätsel lösen, das aber, was in den Tiefen der Seele sitzt, werden sie nicht mehr erreichen. Sie werden nicht mehr das innere Sein in Regsamkeit bringen, sie lassen das Tiefste der Seele veröden. Geisteswissenschaft aber greift mit ihren Vorstellungen in das Gemüt, in die Gesinnung, in das Wollen und Fühlen der Seele ein, durchdringt und durchgeistigt alle Impulse, sogar alle Affekte und Leidenschaften der Seele. Sie durchwebt und durchlebt die ganze Seele. Und die Folge dieses Durchlebens und Durchwebens der Seele durch die Geisteswissenschaft ist die, dass die Seele des Menschen religiös gestimmt wird. Geisteswissenschaft will eine wirkliche echte Wissenschaft sein, will weder eine neue Religion begründen noch einer alten Religion ins Gehege kommen. Sie will alles eher sein als eine neue religiöse Sekte. Wissenschaft will sie sein für die Seelen, wie die Naturwissenschaft eine Wissenschaft für die äußere Natur war von dem Moment an, als ihre Zeit gekommen war. Wissenschaftlich will sie sein, aber durch die Art, wie sie sich den Seelen nähert, werden diese von vornherein religiös gestimmt. Man kann ein großer Naturgelehrter sein, man kann den ganzen Umfang der Naturgesetze kennenlernen, und man kann dabei ein irreligiöser, ein unreligiöser Mensch sein. Man wird nicht Geistesforscher dadurch, dass man schon diese oder jene religiöse Empfindung vorbereitet hat, sondern dadurch, dass man den wissenschaftlichen Sinn und den Geist hinaufträgt. Wird man aber von Geisteswissenschaft angezogen, bekommt man Interesse für Geisteswissenschaft, dann wird man unbedingt ein religiös gestimmter Mensch, eine religiös gestimmte Seele.

Würden die religiösen Gemeinschaften in der Gegenwart das richtig empfinden, was da durch die Geisteswissenschaft auftritt, so würden sie diese nicht so bekämpfen. Sie würden sagen: Gott sei es gedankt, dass da eine Weltanschauung auftritt, die die Seelen religiös stimmt. Sie wird der Seele das bringen, wovon so viele durch die missverstandene Naturwissenschaft abgebracht werden. Die Naturwissenschaft kann man missverstehen, die Geisteswissenschaft wird niemand im anti-religiösen Sinn missverstehen. Frohlocken sollten die Seelen der verschiedenen Gemeinschaften, dass da eine geistige Macht auftritt, welche die Seelen, die durch so manches in der Gegenwart irreligiös gestimmt sind, wiederum religiös stimmt. Und sonderbar ist es, dass man diesen Zug, der in der Geisteswissenschaft auftritt, der die Seelen religiös durchgeistigt, nicht verspürt. Man verspürt ihn aus dem Grunde nicht, weil man eben gar nicht geneigt ist, durch die Geschichte zu lernen. Man hat die Träger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung bekämpfen, selbst verbrennen können; sie hat sich durchgesetzt. Man mag die Träger der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung bekämpfen; sie wird sich durchsetzen. Zu verwundern ist nur, dass die Bekenner der Religionsgesellschaften sich nicht sagen: Muss es uns mit den geisteswissenschaftlichen Errungenschaften ebenso gehen, wie es unseren Vorfahren mit den naturwissenschaftlichen gegangen ist? Könnten wir nicht doch etwas aus der Geschichte lernen? Dass die Menschheit noch immer nicht so weit fortgeschritten ist, um aus der Geschichte zu lernen, verursacht wiederum die Frage: Warum besteht zum Beispiel die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft?

Da muss man sagen: Viele Menschen haben gewiss ihre Gottesvorstellung, ihre religiösen Empfindungen, aber sie haben verlernt, zu frohlocken, Freude zu empfinden, wenn eine Zeit neu heraufleuchtet, welche diese religiösen Empfindungen vertieft. Sie sind zu bequem, dieses Neuen wegen eine neue Zeit mitzumachen. Sehen wir uns Einzelnes an. Geisteswissenschaft erkennt jenen Christus, den der wahre Christ verehrt, voll an. Geisteswissenschaft vertieft ihn sogar, mit dem Entwicklungsgang der Menschheit mitgehend, indem sie sagt, dass alle Menschheitsentwicklung vor dem Mysterium von Golgatha hinzielte, hinwies zu dem Ereignis von Golgatha, dass durch dieses Ereignis ein Geist, der bis dahin außerirdisch war, eingezogen ist in die Erde, um mit den Menschen auf der Erde, wenn auch unsichtbar, zu leben und zu bleiben.

Geisteswissenschaft zeigt, dass mit jenem Ereignis, auf das die Bibel so hindeutet, nämlich mit dem Ereignis auf Golgatha, etwas Gewaltiges geschehen war. Damals war ein Geist, der vorher nur von außerhalb der Erde in die Menschheit hereingewirkt hat, durch den Menschen wie durch ein Tor in die Erdenwirksamkeit eingezogen. Die Geisteswissenschaft sagt: Was vorher nicht in der geistigen Erdenatmosphäre war, das ist seit jener Zeit in der Erdenatmosphäre. Christus ist in die Erdenatmosphäre eingezogen. Geisteswissenschaft sagt: Ein kosmisches Wesen ist ein irdisches Wesen geworden. Und in dem Menschen Jesus von Nazareth hat es gelebt, um Genosse der Menschen werden zu können. Geisteswissenschaft sagt: Der Christus, der von Geburt des Jesus von Nazareth an diesen Jesus von außen gleichsam umschwebt hat, zog in das Innere seiner Seele ein bei der Taufe im Jordan.

Jetzt kommen die Gegner und sagen: Ihr lehrt eine Christusidee, die wir nicht anerkennen können, wenn ihr behauptet, dass bis zur Taufe des Jesus im Jordan Jesus sich bloß vorbereitete, um den Christus aufzunehmen, während die Bibel vorschreibt, dass das Christuswesen von Anfang an mit dem Jesus von Nazareth verbunden war. Auch die Bibel wird in dieser Beziehung noch anderes lehren. Sie wird der geisteswissenschaftlichen Interpretation recht geben, weil sie nicht mehr anders kann. Heute schon übersetzen einsichtige Übersetzer eine Stelle des [Lukas-]Evangeliums:

Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeugt,

das heißt in die Seele des Jesus von Nazareth hineinversenkt. Gegenüber der umfassenden Größe dieser Christusidee, die die Seelen wahrhaftig im tiefsten Innern ergreifen kann, mögen dann die Gegner sagen, das sei nicht christlich, man dürfe so den Christus nicht vorstellen, denn ihr sucht den Christus nicht bei dem Jesus von Nazareth vor der Taufe im Jordan.

Wenn man ein Kind anschaut und sagt: Von dem Moment an, wo das Kind «Ich» sagen lernt, also dem Zeitpunkt, bis zu dem man sich später im Leben zurückerinnert, von dem Moment an ist etwas Neues in das Kind eingezogen -, wird man da kommen können und sagen: Du darfst nicht vor dem Zeitpunkt, wo das Kind «Ich» sagen lernt, das Kind, das Paul heißt, Paul nennen, weil da, mit diesem Zeitpunkt etwas Bedeutsames geschehen ist? Wird an dem, was jetzt christlich ist, dadurch etwas geändert, dass die Bedeutung der Taufe im Jordan geisteswissenschaftlich so erkannt ist, dass da etwas, was vorher den Jesus von Nazareth umschwebt hat, in sein Inneres einzog, eins mit diesem Innern geworden ist? Nein, das ist das Rechte, dass alle die Vorstellungen der Seele, all die tiefen Gefühle, all das Verbundensein mit dem Christus Jesus, das nur irgendeine christliche Seele empfinden kann, erhalten bleiben, und dass etwas hinzukommt, was, weil die Zeiten fortschreiten, die Christusidee noch größer, noch glorioser erscheinen lässt. Wenn also Geisteswissenschaft zu denen, die ihr vom christlichen Standpunkt aus entgegentreten, sagen muss: Was ihr zu glauben verlangt - Geisteswissenschaft verneint es nicht, Geisteswissenschaft gesteht es zu, dass das zu glauben ist, was ihr glaubt. Nur wird noch etwas hinzugefügt, von dem wir glauben, dass es hinzugefügt werden muss, weil der Christus gesagt hat:

Ich bin bei euch bis an das Ende der Erdenzeit.

Er ist lebendig bei uns, er offenbart sich auch in den heutigen Menschenseelen immerzu. Er ist es, der uns selber in die Geisteswissenschaft einführt, und durch ihn fühlen wir uns mit der Geisteswissenschaft verbunden. Die Bekenner dieser geisteswissenschaftlichen Lehre wollen nicht sagen: Ihr sollt ganz glauben, was wir zu glauben verlangen; davon kann nicht die Rede sein. Nichts verneint die Geisteswissenschaft, sie fügt etwas hinzu. Sie verlangt nicht, dass etwas geglaubt werde, was sie glaubt, sondern sie verlangt, dass das nicht geglaubt, sondern gewusst werde, was sie nicht glaubt, sondern weiß. Sie vermittelt, dass die Christus-Vorstellung größer wird und fortschreitet in der Welt. Wie macht sie das?

Nehmen wir an, es hätte geschehen können, dass, ehe Kolumbus Amerika entdeckte, Leute zu ihm gekommen wären und gesagt hätten: Da soll es noch andere Gebiete der Erde geben? Das kann nicht möglich sein, denn auf unsere Gebiete der Erde scheint die Sonne so warm, wenn sie noch auf andere Gebiete scheinen müsste, hätte sie nicht genug Wärme für unsere Gebiete übrig. - Andere aber hätten zu Kolumbus gesagt: Gewiss, die Sonne scheint auf andere Gebiete der Erde ebenso wie bei uns. Die, welche mit ihrer Gottesvorstellung so schwachmütig sind, dass sie diese Vorstellung gefährdet glauben, wenn die Menschen ein neues Gebiet, eine neue physische Tatsache entdecken, die gleichen denen, welche die Sonne nicht für stark genug halten, ein neu entdecktes Land zu bescheinen. Aber der, welcher mit seinem Christus leben will, der von seinem religiösen Empfinden stark genug durchdrungen ist, der weiß, dass diese Gottheitsvorstellung, dieses Verbundensein mit dem Christus, diese religiöse Empfindung über alle Gebiete im Physischen und im Geistigen scheinen wird, die der Mensch jemals entdecken wird. Muss man nicht daraus schließen, wie schwachmütig die Gottesvorstellung der Menschen ist, die diese Christusvorstellung gefährdet glauben, weil sie nicht annehmen können, dass in diesem neu entdeckten Geisteslande die Sonne des Geistes so scheinen wird, wie sie in dem alten Gebiet scheint?

So wird man immer mehr einsehen, dass aus schwach gewordener Religiosität, aus furchtsam gewordener Religiosität die Gegnerschaft erwächst, wie in den verschiedenen Religionsbekenntnissen gegenüber den Entdeckungen auf dem Gebiete des geistigen Lebens. Da sollte man viel mehr erkennen, wo wir eigentlich mit unserem religiösen Leben stehen. Schen wir denn nicht, dass es immer mehr und mehr zersplittert? Sehen wir nicht, wie sich von der orthodoxesten Rechten bis zur radikalsten Linken hinüber alle möglichen Schattierungen, alle möglichen Religionsbekenner verbreiten? Sehen wir nicht diese Vertreter gegenseitig sich immer mehr bekämpfen? Wenn man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt diese Bekenntnisse überblickt, kann man fragen: Woher kommen diese Gegnerschaften?

Wenn man auf dieses Hassen eingeht, so erweist sich da manches so schwach. Um zum Beispiel nur eines anzuführen, auf das ich schon aufmerksam gemacht habe; da hat ein freireligiöser Prediger vor einigen Monaten gesagt, man solle den Kindern doch nicht Religion beibringen, denn das sei wider die Natur. Man brauche nur Kinder von selbst heranwachsen zu lassen, so kommen sie nicht von selber zu religiösen Vorstellungen. Es sei also nicht natürlich, dass diese aus sich heraus entwickelt werden. Darum solle man sie ihnen auch nicht künstlich beibringen. Dieser Ausspruch wirkt durch die Logik auf ungeheuer viele Seelen überzeugend. Fragt man aber, wie es mit dieser Logik bestellt ist, so muss man sagen, dass es eine schwache, eine einseitige Logik ist. Der Mensch ist nicht so veranlagt, dass er alles Neue aus sich heraus tun kann. Dieselbe Logik spricht auch ganz genau gegen das Sprechenlernen beim Kinde. Die Logik braucht nur ein wenig schärfer zu werden, dann sieht man so prächtig, was eigentlich im tieferen Grunde auftritt. Denn im Grunde kämpft nicht Logik gegen Logik. Was von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken gegeneinander kämpft, das sind Leidenschaften, das sind Temperamente der Menschen - das ist das, was Menschenseelen an Affekten und Leidenschaften in sich tragen, bevor sie von Christus durchleuchtet und voll durchglüht sind. Wenn sich die verschiedenen Gruppen in unserer Gegenwart auf dem Gebiet der religiösen Weltanschauung in dieser Weise gegenüberstehen, so verraten sie, wie unsere so zersplitterte Zeit lechzen muss nach dem, was Geisteswissenschaft ihr geben kann.

Geisteswissenschaft stiftet keine neue Religion. Sie sagt über die Welt des Geistes, was sie über sie zu sagen hat, in demselben Sinne, wie die Naturwissenschaft über die äußere Natur spricht. Geisteswissenschaft spricht über Christus so, wie man über ihn sprechen muss, wenn man die leibfrei gewordene Seele in Geistgebiete schauen lehrt und da den wirksamen Christus findet. Geisteswissenschaft wird den streitenden Parteien immer mehr und mehr die Unterlagen geben für ihre gegenseitige Verständigung.

Die streitenden Parteien in den Religionsgesellschaften sind heute so wie Menschen, die sich zur Zeit des Kopernikus darüber gestritten haben, was dieser über das Weltensystem zu sagen hatte. Der Streit hört auf, sobald eine positive Unterlage da ist. Eine positive Unterlage zu schaffen, wirklich zu sagen, wie es in der geistigen Welt bestellt ist, über die man sich nur aus dem tastenden Gefühl der Unbestimmtheit der Seele heraus eine Unterlage zu bilden vermochte, das wird die Aufgabe, die Mission der Geisteswissenschaft sein. Und wer in die Seelen der Menschen hineinschaut, weiß, dass es eine Aufgabe ist, die von diesen ersehnt wird.

So wird die Geisteswissenschaft nicht einen neuen Zankapfel in die Seelen der Gegenwart hineinwerfen, sondern wird ausgleichend jenen Frieden herbeiführen, der wirklich in den Seelen leben kann. Sie wird dadurch dem Streben der Menschenseele Gestalt geben. Diese Seelen werden dadurch eine Unterlage haben, um aus ihrem Empfinden heraus das zu bekämpfen, was durch den Charakter des Einzelnen gar zu sehr dem Liberalismus oder der Orthodoxie zuneigt, sodass aus diesem Temperament heraus die Menschen streiten müssten. Das Positive, das wirklich Geistige gegenüber dem, was nur erahnt wird, wird die Geisteswissenschaft bringen.

Und wenn man dies ins Auge fasst, wird man erkennen, wie Geisteswissenschaft zu den verschiedenen Religionsbekenntnissen sich in Wahrheit verhält. Man möchte sagen: Wie durch einen Strom, über den sie noch nicht gehen können, sind die einzelnen religiösen Parteien voneinander getrennt. Geisteswissenschaft ist die Brücke, die über diesen Strom führt. Sie weiß jedem etwas zu sagen, so, wie der jedem etwas zu sagen hat, der sich eben über einen gewissen Umkreis hinaus umgesehen hat. Sie spricht einerseits zu dem, der sich den Glauben bewahrt hat, und sie spricht andererseits zu dem, dessen religiöses Gefühl eine neue Form sucht, und sie zeigt, dass sie zuletzt alle vereinigen kann. So wird es mit der Geisteswissenschaft sein: Sie hat das Positive zu finden.

Und dieses Positive hat sie nicht nur dem religiösen Standpunkt, sondern auch den sozialen Strömungen entgegenzutragen. Oh, diese sozialen Strömungen! Wir erblicken, wenn wir diese sozialen Strömungen verständnisvoll durchschauen, die Menschen im Grunde genommen gerade da recht hilflos, wo wir versuchen, tiefer nachzudenken, wo wir versuchen, uns Ideen zu machen über eine mögliche Zukunft der Menschheit auf sozialem Gebiet und über die Wirkung dieser sozialen Strömungen.

Ein Beispiel für viele kann man in unserer Gegenwart anführen, und man kann so aus den mannigfaltigsten geistigen und physischen Ursachen heraus ergründen, was die soziale Organisation eigentlich heraufgebracht hat. Sombart hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben, um begreiflich zu machen, wie dieser kapitalistische Geist, der die Gegenwart beherrscht, heraufgezogen ist. Er ist kein fanatischer Vertreter des kapitalistischen Geistes. Dieser Sombart bemühte sich ein Leben lang, zu begreifen, was den Menschen, so, wie er jetzt im wirtschaftlichen Leben darinnensteht, in dieses wirtschaftliche Leben hineingestellt hat. Er fand tatsächlich bis zu einem gewissen Grade schöne Ausführungen über den Kapitalismus, der die menschliehe Seele ergriffen hat. Nachdem sich der Autor bemüht hat, alles zusammenzutragen, was Erkenntnis darüber geben kann, was unsere Organisation geschaffen hat, schließt er sein Buch - es ist bezeichnenderweise ein dickes Buch - so:

Was kommen wird, wenn einmal der kapitalistische Geist aufgehört haben wird, seine jetzige Spannkraft zu besitzen, geht uns hier nichts an. Vielleicht wird der Riese

  • damit meint er die gegenwärtige Wirtschaftsordnung

dann, wenn er blind geworden ist, dazu abgerichtet, einen demokratischen Kulturkarren zu ziehen. Vielleicht auch ist es die Götterdämmerung. [...] Wer weiß es?

So stellt sich der Versuch in der heutigen Strömung dar, der Versuch, zu wissen, wie die Menschen sich aus der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung heraus zu einem vollen menschenwürdigen Dasein aufschwingen könnten. $o stark steht er da, dieser «Wer weiß es», dass er den Geist dieser Wirtschaftsordnung einen «blinden Riesen» nennt. Und wenn man die verschiedenen Versuche überblickt, denkend zu begreifen, was aus unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung werden soll, die nicht in irgendeiner Weise national ist, die über alle Länder hinaus die ganze Erde ergreift, so sehen wir, wie wiederum von links und rechts, von Radikalismus und Konservatismus, die mannigfaltigsten Versuche kommen, das Ganze zu bewegen.

Das Buch Sombarts enthält gewisse Hinweise auf das, was ich mir im Sinne der Geisteswissenschaft erlaubt habe, seit vielen Jahren zu sagen. Er schildert, was seit dem Altertum sich zugetragen hat, um die gegenwärtige Ordnung herbeizuführen, wie die gegenwärtige Menschheit auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens bestimmt wird wie von dem Gebot ihrer Seele: «Das sollst du tun, jenes sollst du lassen.» Er schildert, wie der Mensch von einem unpersönlichen Organismus ergriffen wird, wie er in das Räderwerk hineingetrieben wird. Anschaulich und mit Sachkenntnis schildert es dieser Beobachter des sozialen Lebens der Gegenwart. Und wenn man im Einzelnen dieses soziale Leben betrachtet, dann haben wir schon heute die Kenntnis von diesem Ergriffenwerden der Menschen, die in diesem Leben so recht darinnenstehen.

Man lese nur einmal die Autobiographie eines großen Eisenbahnkönigs. Man wird immer den gleichen Ton, den gleichen Typus eines Mannes finden, der zum Beispiel sagt:

Meine [...] Absicht war darauf beschränkt, beim Zustandebringen von Eisenbahnen mir so viel zu erwerben, dass ich mir einen größeren Grundbesitz kaufen konnte, mich dann von Geschäften zurückzuziehen und bei geeigneter Gelegenheit ein Mandat für das Abgeordnetenhaus anzunehmen und mich der parlamentarischen Tätigkeit gänzlich zu widmen. Das hat er gewollt.

Das hat ihm seine Seele gesagt. Er hat sich hineingestürzt in dieses Leben. Er hat gefunden: Wenn ich mich nur in dieses eine Unternehmen hineinstürze, muss ich verlieren. Nur dadurch, dass ich diese Mittel verwende für ein nächstes Unternehmen, dass ich mich von einem ins andere hineinreißen lasse, nur dadurch geht es. - Dadurch, dass er in ein zweites, ein drittes, ein viertes Unternehmen sich hineinstürzt und von einem ins andere Unternehmen getrieben wird, dadurch wird er immer schärfer hineingetrieben.

Der Mensch kann nicht seinem Gang folgen. Wer das Wirtschaftsleben betrachtet, weiß, dass es immer darauf ankommt, wie die Angelegenheiten der Gegenwart in die objektive Ordnung eingefügt werden. Der Mensch wird in diese objektive Ordnung hineingestürzt, er wird von ihr ergriffen, und sein Persönliches wird vollständig ausgeschaltet, sodass Sombart sagen kann: Die Menschen haben im Laufe der Zeit Verschiedenes verloren. Wenn man den heutigen Unternehmer anschaut, muss man sagen, er hat das Letzte hingegeben, was ihn noch trennen konnte von diesem objektiven Räderwerk der Wirtschaft. Alles subjektive Empfinden und alle seine Liebe hat er verloren an das Wirken im Unternehmen selber. In das Unternehmen ist hineinergossen, was früher auf ganz andere Dinge gerichtet war. Der Mensch weiß nichts mehr von sich selber, sondern er ist in seiner Arbeit heimatlos geworden. - Das ist nicht ein Wort von mir, sondern von Sombart.

Das ist die soziale Strömung der Gegenwart: Heimatlos steht die Seele im modernen Leben darinnen, und ist sie das nur bei dem, der in führender Unternehmerstelle tätig ist? Nein! Dieser soziale Geist der Gegenwart hat jeden ergriffen, sodass nicht nur der Unternehmer, sondern auch der als einfacher Arbeiter im Wirtschaftsleben Stehende sich nicht verbunden fühlt mit dem, was er arbeitet. Wenn im Laufe der Arbeit die Lohnfrage oder etwas anderes als Grund zu Unstimmigkeiten vorhanden ist, dann ist nicht die Arbeit, sondern die Frage, die durch unsere Wirtschaftsordnung herausgehoben ist, im Vordergrund des Interesses. Dieses Interesse wird verquickt mit der Arbeit. Das spielt eine Rolle im sozialen Leben der Gegenwart. Auf diesem Gebiet schreitet die Gegenwart ganz gewiss vorwärts.

Alles, was ich eben ausgeführt habe, ist nicht gesagt worden, um eine tadelnde Kritik zu üben. Wie die Sachen geworden sind, [so] haben sie werden müssen - sie sind notwendig so geworden. Aber charakteristisch ist, was nun der Mensch zu dieser Ordnung zu sagen hat. Der einzelne Mensch kann eigentlich unmöglich so leben, dass sein Leben der Menschenwürde angemessen ist, sondern er sagt: Heute werde ich dies oder jenes tun müssen, das Morgen geht mich nichts an; mag der «blinde Riese» später dann tun, was man nicht wissen kann, das geht uns nichts an. Sombart sagt noch mehr. - Ich erwähne ihn nicht gerade, weil er dieses Buch geschrieben hat, sondern weil das, was er sagt, typisch ist. - Sombart sagt: Diese soziale Ordnung, diese Wirtschaftsordnung ist herangekommen, wir sehen sie den Menschen ergreifen, um ihn seelisch heimatlos zu machen, ihn hineinzuwerfen in das Räderwerk, erbarmungslos hineinzuwerfen. - Und nun ein sehr charakteristisches Wort! Er sagt: Und was haben wir eigentlich für Mittel dagegen? Arbeitsschutzgesetze, Heimatschutzgesetze und Ähnliches. Mittel, die einem im Aufstellen gleichsam grauen. Aber - so drückt er sich aus -, keine weimarisch-königsbergische Weisheitslehre wird jemals etwas an diesem Gang der Wirtschaftsordnung ändern. — Weimarisch-königsbergisch [meint]: eine Weisheit, die von Goethes oder Kants Weltanschauung ausgehen könnte.

Was drückt sich in solcher Erkenntnis aus? Etwas, von dem man eigentlich nur verwundert sein müsste, dass so wenig Menschen heute davon ergriffen werden, davon beunruhigt werden. Wie stehen solche Menschen den jetzigen sozialen Strömungen gegenüber? Man kann sagen, dass die Individualität sich in dieser Entwicklungsstufe von den Menschen losgerissen hat. Man kann heute nicht mehr sagen: Der Mensch kalkuliert in seinem Geschäft; er stürzt sich hinein, es kalkuliert, es rechnet, es fließt das Kapital von einem Ort zum andern.

Was sagt der Mensch, der sich gegenüber der 'Tatsache, dass das immer so weitergehen muss, nicht prüde betragen will? Was sagt der Mensch, wenn er auf der anderen Seite die bisherigen Anstrengungen untersucht, um wissenschaftliche Einsicht in das menschliche Leben zu gewinnen, um eine Weltanschauung zu gewinnen? Der Mensch sagt: Keine weimarische Weisheit, keine königsbergische Weisheit wird irgendetwas ändern. Warum nicht? Weil der Mensch sich vor jener Weisheit verschließt, die aus der Geisteswissenschaft stammt, und die ganz andere Kräfte hat, um zu den Menschenseelen Zugang zu finden. Denn was allerdings im Sombart’schen Sinne gemeint ist als weimarische, als Goethe’sche Weisheit, als Kantische Weisheit, das ist nichtig. Geisteswissenschaft aber hat nicht nur Begriffe, nicht nur Ideen, sie ist etwas, was den ganzen Menschen ergreift und wiederum zu sich bringt.

Geisteswissenschaft wird allein die Stärke, die Kraft haben, Menschenseelen in sich auch zu erstarken, so zu ergreifen, dass diese Menschenseelen sich wiederfinden, nachdem sie sich an den Geist der Wirtschaftsordnung der neuen Zeit verlieren mussten. Dieser Geist der Wirtschaftsordnung war so stark, dass er den Menschen zum Fremdling machen konnte. Der Geist der Geisteswissenschaft wird so stark sein, dass er die Seelen ergreifen wird, dass er der Seele ihre geistig-seelische Heimat im Getriebe der modernen Wirtschaftsordnung bieten wird. Der Mensch ist betäubt worden von der Wirtschaftsordnung, sodass er von ihr sprechen muss als von dem «blinden Riesen», von dem er nicht weiß, was er bringen wird. Sehend wird die Seelenkraft durch die Geisteswissenschaft, die den Menschen packen wird, sodass sie ihm zur Heimat wird, sodass durchglüht und durchgeistigt werden kann das, was der Mensch auf diesem Erdenrund tut.

So etwas kann von Menschen der Gegenwart noch wenig verstanden werden. Und was nicht verstanden wird, das wird am meisten angefeindet. Was man nicht versteht, dessen Gegner ist man. Das ist ja das Leichteste. Verstehenlernen ist schwieriger. Lachen und Unverständnis ist leichter. Gerade auf dem Gebiete der Gegnerschaft haben sich in Bezug auf den Bau, den wir als Stätte für die Geisteswissenschaft einzurichten suchen, einige Leute eingefunden. Diese Stätte erweist sich schon dadurch als etwas Besonders, was neu in unser geistiges Leben hereinkommt, dass die Leute versuchen, aus allen möglichen Winkeln des Alten heraus bereits Namen dafür zu finden. Karten sind schon gezeigt worden, worauf der Bau «Anthroposophischer Tempel im Bau» genannt wird. Ein Tempel wird es nicht sein, aber man muss eine Bezeichnung haben. Ein Tempel wird es ebenso wenig sein, wie Anthroposophie eine neue Religion oder Sektengründung sein will. Will man einen Namen haben, so kann man sagen: Es wird eine «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft». Aber aus den Gründen, die angeführt worden sind, wird sie nichts Antireligiöses haben; sie wird kein Gegner der Religion sein, sondern diese Hochschule wird religiös gestimmte Seelen in ihren Räumen haben. Denn durch das, was ausgeführt worden ist, werden die Seelen durch Geisteswissenschaft so angezogen, dass die Seelen religiös gestimmt sind.

Aber ohne Religion anzustreben, wird im besonderen Maße die Religion durch die Geisteswissenschaft geschützt, werden die Seelen wiederum dazu geführt, das Große ihrer Religion zu begreifen und zu erkennen. Und manche Seele, die vielleicht durch Bildung, also durch das, was außerhalb der Religion lebt, der religiösen Stimmung entfremdet worden ist, sie wird durch das, was in dieser religiösen Hochschule gelehrt wird, gezeigt wird, für eine sichere Gottes- und Christusvorstellung wiederum gewonnen werden. Nicht eine Kirche, nicht einen Tempel unterfangen wir uns zu bauen; aber das, was wir bauen, was wir wollen: Wie es Laboratorien, wie es Kabinette für das Physische gibt, so werden wir ein Laboratorium, ein Kabinett für Forschungen des geistigen Lebens bauen. Was wir wollen, das wird in seiner ganzen Konfiguration, in seiner ganzen Einrichtung ein Abbild dieses geistigen Strebens sein wollen. Dass so etwas entstehen muss, werden die begreifen, die das ins Auge gefasst haben, was jetzt eben über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur sozialen Strömung der Gegenwart gesagt worden ist.

Werden einstmals in großem Maßstab Gebäude aufgeführt, bei denen ein solcher Grundton des Geistigen bis ins einzelne Glied, bis in die einzelne Kante hineingeht, und werden die Seelen, die an der Geisteswissenschaft erstarkt sind, ihr nicht als etwas Unverstandenem gegenüberstehen, dann werden wiederum die Menschenseelen, die ihren Himmel auf der sozial konfigurierten Erde nicht gefunden haben, die Liebe mit ihrer Arbeit verbinden. Dann sagen wir nicht: Was wird aus dem «blinden Riesen»? - sondern dann fragen wir: Was wird aus dieser geisteswissenschaftlich religiös gestimmten Menschenseele? Und wir wissen: Unsere Gottesvorstellung, unser religiöses Empfinden ist so stark, dass diese Seele es in künftige Zeiten hinübertragen wird. Wir fragen nicht: Wer weiß, was dann ist? Wir sehen begründet das Wissen, dass unsere Seele durch den Tod geht, dass diese Seele sich ein neues Erdenleben gründet, dass sie das, was sie sich erwirbt, durch den Tod hinauftragen wird in die geistige Welt, sodass es aus der geistigen Welt wiederum wirken wird, bevor die Seele auf Erden wiedererscheinen wird. Wir sagen nicht: Wer weiß, was die Zukunft bringen wird? Wir suchen in der Gegenwart das zu erwerben, was Gewähr dafür bietet, dass die Zukunft der Menschenseele so ist, dass man nicht durch Betäubung des sozialen Lebens sagen kann, der Mensch habe seine Heimat verloren. Sondern man wird dann sagen können: Mag sich auch die kapitalistische Ordnung im Ganzen immer mehr ausbreiten, mag sie den Menschen noch so betäuben — die Menschenseele wird sich finden und wird sich findend wissen, wie fest sie im Boden ihres ursprünglichen Geisteslebens begründet ist. Sie wird sich nicht in eine Welt, von einem «blinden Riesen» geführt, hineinleben, sondern in eine Welt, worin sie sehend ist und auch ihre Wirtschaftsordnung sehend ist. Das wird ihr begründete Hoffnung in die Zukunft hinein verleihen, weil zu dem Gebäude dieser Hoffnung diese Seele selbst die Bausteine herbeiführt. Das mag gegenüber der sozialen Bewegung gesagt sein.

Diese Geisteswissenschaft wird jedem, der sich nur ein wenig mit ihr bekannt macht, zeigen, dass sie auf der Suche nach jenem Weg ist, den die Menschenseele vom Lebensanfang bis zum Erdenende durchmisst. Geisteswissenschaft spricht von dem Wege, auf dem der Mensch seiner Zukunft entgegengeht. Geisteswissenschaft spricht von der Wahrheit, nicht nur von einer Wahrheit der äußeren Eindrücke, die durch die Sinneswahrnehmungen entstehen, sondern von jener Wahrheit, die innerlich seelisch so erlebt wird, dass sie sich in jener Welt seelisch erfühlt, deren geistiger Bürger die Seele ist. In jener Welt ist der Christus unmittelbar zu finden. So mancher Geist in der Gegenwart sucht den gegenwärtigen Christus, aber er kommt nur bis zur Sehnsucht, er spricht nur davon.

Christus ist es, der harmonisiert. Er wird die neue Harmonie mit der Religion des alten Europa finden, er wird die Seelen sich selber geben. Jeder, der nachdenkt, muss finden, dass ein geistiger Zusammenhang zwischen allen Dingen ist. Und das, was heute da draußen einer äußeren Macht unterliegt, das muss sich nach dem unmittelbar lebendigen gegenwärtigen Christus sehnen. Geisteswissenschaft weist darauf hin, dass der lebendige Christus die Ordnung der Welt halten wird, solange die Erdenzeit dauern wird. Geisteswissenschaft weist auf den Christus hin, den die Seele braucht, wenn sie sich wahrhaftig gekräftigt fühlen will, und zu dem sie hingeht in Not und Gefahr. Diesen Christus vermittelt Geisteswissenschaft. Sie erfasst die Welt in Wahrheit, indem sie die Wahrheit von der Seele erleben lässt. Dadurch wird die Wahrheit selber zu Leben, dass sie die tote abstrakte Wahrheit so belebt, dass der ganze Mensch davon erfasst wird.

Während die heutige Wirtschaftsordnung den Menschen ertötet und aus seiner Heimat hinausgeworfen hat, versetzt die Geisteswissenschaft ihn wiederum in seine lebendige Heimat. Den Weg hat sie, den Weg, den die Seele vorher verloren hatte und stattdessen einen andern hat gehen müssen. Die Wahrheit sucht sie, so wird sie die Seele unmittelbar ergreifen, sodass diese sich dem Leben nicht getrennt, sondern verbunden fühlt. Der Weg, die Wahrheit und das Leben, sie leuchten der Geistesforschung voran. Und wie sie diese drei ernsthaft sucht, so ist sie sich dessen auch bewusst, dass sie sie findet. Und sie findet auch den, der gesagt hat, dass er das sei, was sie sucht. Wie auch die Gegner diese Geistesforschung bekämpfen werden, was sie auch vorbringen: Geistesforschung weist durch das, was in ihren Bekennern lebt, die nur durch eigene Urteilsfähigkeit zu dieser Bekennerschaft kommen können, sie weist durch das, was bei ihnen lebt und angestrebt wird, die Wahrheit und das Leben. Und so mögen gerade die Gegner der Religionsbekenntnisse sagen, was sie wollen - die, welche ehrlich und aufrichtig in Wahrheit den Weg in das Geistgebiet suchen, die ihn so erstreben wie die Bekenner der Geistesforschung, die dürfen unbesorgt sein, sie werden im rechten Sinne, in dem Sinne, wie die Seelen ihn heute eroffenbaren müssen, den finden, der gesagt hat:

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Und mögen die Stimmen auch immer mächtiger werden, die sich gegen Geistesforschung erheben: In dem Bewusstsein, dass sie stets den Weg, die Wahrheit und das Leben sucht und sich dadurch unmittelbar in Zusammenhang weiß mit dem, der da war der Weg, die Wahrheit und das Leben, in diesem Bewusstsein wird sie kühn und frei, aber auch ihrer Herrlichkeit sich bewusst, in Bescheidenheit und Demut immerdar jedem - auch dem, der sich sagt, Geisteswissenschaft sucht einen falschen Christus - entgegnen können: Wir suchen den, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Was er auch sagt, wir wissen es, dass wir jedem gegenüber frei und ehrlich die Worte aussprechen dürfen: Ihm, der da war der Weg, die Wahrheit und das Leben, ihm folgen wir auf unsere Art, von der wir glauben, dass sie den Seelen die neue Heimat auf Erden gibt. Ihm folgen wir nach, er ruft uns, er wird uns führen.

German original of Spiritual Science in Its Relationship to Religious and Social Movements of the Present Day · ← Previous