Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul

GA 70b — 29 February 1916, Hanover

12. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. Ein Vergessenes Streben Nach Geisteswissenschaft Innerhalb Derselben

Sehr verehrte Anwesende!

Die großen, gewaltigen Ereignisse, innerhalb welcher das deutsche Volk steht, sie rechtfertigen es wohl, dass ich, der ich ja über Gegenstände der Geisteswissenschaft durch eine lange Reihe von Jahren, wie in anderen deutschen Städten, so auch in dieser Stadt hier sprechen durfte, in diesem Jahre, gleich wie im vorigen, nicht über ein engeres Thema der Geisteswissenschaft selbst Ausführungen mache, sondern über etwas, was innig zusammenhängt mit dem Geistesleben des deutschen Volkes, mit demjenigen, was geeignet ist einiges zu offenbaren über die Stellung des deutschen Volkes innerhalb der Gesamtentwicklung der Menschheit.

Wenn ich dies tue, so geschieht es ja wahrhaftig nicht, um bloßen gefühlsmäßigen Anschauungen, die insbesondere der Seele naheliegen in dieser schweren, aber auch in gewissem Sinne hoffnungsreichen Zeit, um solchen Anschauungen Ausdruck zu geben, sondern weil es eben nicht aus dunklen Gefühlen und Empfindungen, sondern — wie ich glaube - auf wirkliche Tatsachen, Erkenntnistatsachen begründete Art, begründete Überzeugung ist, dass dasjenige, was hier immer als Geisteswissenschaft charakterisiert worden ist, dass das im Innigsten wurzelt gerade in denjenigen Äußerungen des deutschen Geisteslebens, die wir rechnen können zu den Gipfeln dieses Geisteslebens.

Wir haben nicht nötig, sehr verehrte Anwesende, als Deutsche in der Gegenwart dadurch unseren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben, dass wir vor allen Dingen - wie es auch von den allerhervorragendsten Persönlichkeiten in den Reihen unserer Feinde gemacht wird — dasjenige, was außerhalb des deutschen Lebens ist - wie es eben von der anderen Seite in Bezug auf das deutsche Wesen geschieht -, anzuschwärzen, ja, verleumderisch zu entstellen, sondern wir können uns stellen auf eine rein tatsächliche Betrachtung desjenigen, was im deutschen Volkswesen begründet ist.

Nur kurz sei einleitungsweise erwähnt, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ja auf dem Boden steht, dass es möglich ist, aus der menschlichen Seele heraus - durch Vorgänge des seelischen Lebens, die hier schon öfter in dieser Stadt geschildert worden sind, und die man auch in unserer Literatur geschildert finden kann -, dass es möglich ist, in der menschlichen Seele solche Kräfte zu entwickeln, die den Menschen hinführen zu einer Erkenntnis desjenigen, was sich nicht erschöpft in der Zeit zwischen Geburt und Tod, sondern was durch die Geburten und Tode geht und das ewige, das unsterbliche Wesen des Menschen darstellt. Dass eine solche Vertiefung des seelischen Lebens möglich ist, und eine solche Erkraftung der Kräfte des seelischen Lebens, dass der Mensch gewahr wird in sich innerhalb seiner Leiblichkeit dasjenige, was diese Leiblichkeit aus der geistigen Welt heraus gestaltet hat, und was, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, wiederum in die geistige Welt zurückkehrt, dass eine solche Erkenntnis möglich ist, und dass eine solche Erkenntnis in unserer Zeit allmählich dem Geistesleben der Menschheit einverleibt werden müsse, das ist geisteswissenschaftliche Überzeugung, wie sie hier gemeint ist.

Und diese geisteswissenschaftliche Überzeugung, die — wie ich glaube - wahre Geisteswissenschaft, sie ist enthalten gerade in dem schönsten, in dem bedeutungsvollsten Streben des deutschen Volkstums.

Nun könnte ja gerade ein Einwand erhoben werden: Um Geisteswissenschaft soll es sich handeln, um dasjenige, was für den Geist eine ähnliche Erkenntnis gibt wie die Naturwissenschaft für die äußere Natur, um eine Wissenschaft soll es sich also handeln. Da werden Menschen, die auf einem gewissen Standpunkt der Oberflächlichkeit stehen, sogleich einzuwenden haben: Ja, Wissenschaft ist etwas ganz Internationales!

Dieser Einwand ist deshalb so überwältigend für viele, weil er so unendlich oberflächlich ist, man könnte sagen: oberflächlich bis zur Selbstverständlichkeit; denn gemeinsam, international für alle Völker ist auch der Mond zum Beispiel. Aber dasjenige, was die einzelnen Völker zu sagen haben über den Mond, was aus ihren Seelen sich losringt, um den Mond zu charakterisieren, das ist von Volk zu Volk verschieden. Und könnte man auch sagen, das beschränke sich auf die Poesie, so weiß derjenige, welcher in der Wissenschaft nicht bloß sieht dasjenige, was in alleräußerlichster Weise eine Beschreibung der äußerlichen Dinge ist, wie dasjenige, was man über die Dinge wissen kann, hervorgeht aus den Grundlagen, aus den Grundkräften und Grundtrieben des Menschen, und individuell ist, wie die Menschenseelen selber individuell sind, das heißt: deshalb auch so verschieden gestaltet sind, je nachdem die einzelnen Völker zur Erkenntnis der Welt in verschiedener Weise veranlagt sind. Aber diese Anlagen, diese inneren Impulse des einzelnen Volkes, die sind dasjenige, was die Menschheit vorwärtsträgt - nicht dasjenige, was man «international» in einem bis zur Selbstverständlichkeit oberflächlichen Sinne bezeichnen kann.

Was einem ja sogleich entgegentritt, wenn man das deutsche Streben nach Erkenntnis kennzeichnen will, das sind drei Gestalten, drei große Gestalten, die allerdings nur einleitungsweise für unsere heutige Betrachtung erwähnt werden sollen. Aber auf dem Grund und Boden desjenigen, was sie geschaffen haben, ruht deutsche Gedankenentwicklung. Drei Gestalten, die vielleicht wenig heute im allgemeinen deutschen Volkstum genannt werden. Aber darauf kommt es nicht an. Vielmehr kommt es darauf an, dass diese drei Gestalten in dem, was sie geschaffen haben, schwierig zu verstehen sind, dass diese drei Gestalten trotzdem eine immer größere und größere Rolle spielen werden in der Entwicklung des deutschen Geisteslebens der Zukunft. Und diese drei Gestalten sind: Fichte, Schelling, Hegel - die drei Gestalten, die als Weltanschauungsbild bildeten einen gewaltigen Hintergrund, [die] aus der Tiefe des deutschen Volkstums heraus dasjenige hinstellten, aus dem dann auch die großen Schöpfungen des deutschen Geisteslebens erflossen sind, die uns in Goethe, Herder, Lessing, Schiller entgegentreten, und welche nach der griechischen Kultur eine größte Kulturblüte in der Entwicklung der Menschheit bedeuteten.

Fichte, Johann Gottlieb Fichte, wie steht er vor uns? Er, der nur scheinbar ein schwer verständlicher Philosoph [ist], der von sich vielmehr die Empfindung hatte, dass dasjenige, was er als sogenannte Philosophie zu geben hatte, wirklich im höchsten Sinne ist wie das Ergebnis eines Zwiegespräches, das er mit dem deutschen Volksgeist selber gehalten hat. Und gerade wenn wir an Fichte herantreten, was zeigt er uns?

Er zeigt uns, wie eine im Wesen der Deutschheit wurzelnde Persönlichkeit gerade mit ihrem Erkenntnisstreben ausgeht davon, in der menschlichen Seele selber etwas zu suchen, wodurch diese menschliche Seele in ihrem eigenen inneren Erleben dasjenige erfassen, innerlich schauen kann, was als Geistig-Göttliches die Welt durchlebt und durchwebt.

In Bezug auf die Kraft, in der dies in Fichtes Seele zum Ausdruck gekommen ist, steht Fichte - man möchte sagen - fast ganz vereinzelt da in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Wie versuchte Fichte in die eigene Seele hereinzubekommen dasjenige, was die Welt durchpulst und durchlebt und durchwebt. Er war sich darüber klar, dass man nicht durch äußeres Anschauen, [nicht] durch die Sinne, auch nicht durch denjenigen Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sondern durch das Aufrufen tiefer, verborgener Kräfte der Seele so weit kommen könne, [dass in dem eigenen Erleben miterlebt wird], dasjenige, was die Welt als Grundwesen durchtränkt, göttlich-geistig durchtränkt. Und darin zeigt er eine Grundanlage des deutschen Wesens: Dieses Zusammenwachsen im Innersten der Seele mit den Weltgeheimnissen, dieses Nicht-zufrieden-sein-Können anders als dadurch, dass man im Innersten der Seele miterlebt, was sich im großen, weiten All als Verborgenstes, als Geheimnisvollstes ausbreitet.

Man braucht nur kleine Züge - die ich erwähnen will, weil sie so charakteristisch sind gerade für eine solche Gestalt wie Fichte -, kleine Züge von diesem Johann Gottlieb Fichte einmal vor die Seele hinstellen, und man wird sehen, wie wir in ihm gerade eine Persönlichkeit zu verehren haben, die durch ihre innerste Anlage darauf ausgehen muss, sich ganz hinzugeben mit der Seele an dasjenige, was sie Erleben des Weltengeheimnisses nennen kann. Fichte, der Sohn ganz einfacher Leute, aus einem einfachen sächsischen Dorf, ist sieben Jahre alt; er war schon in der Schule, war ein guter Schulknabe. Zur Belohnung erhielt er von seinem Vater nach seinem siebenten Jahre zu Weihnachten ein Buch geschenkt, den «Gehörnten Siegfried». Nach einiger Zeit zeigt sich, dass er, der vorher ganz eifrig im Lernen war, lässig wird im Lernen. [Darauf] wird er aufmerksam gemacht. Eines Tages trifft ihn der Vater, stehend an dem Bache, der vor dem einfachen Häuschen vorbeifließt: im Bache schwimmt «Der gehörnte Siegfried», den der Knabe hineingeworfen hat.

Ein ungemein charakteristischer Zug für den siebenjährigen Johann Gottlieb Fichte. Was war da durch seine Seele gegangen? Durch seine Seele war das gegangen, dass er sich sagte: Ich habe dadurch, dass ich ein schier unbezwingliches Interesse gefasst habe für diesen großen, gewaltigen Stoff des Siegfried, meine Pflicht versäumt; die Pflicht aber ist dasjenige, was mir über alles gehen muss. Daher wird das Buch ins Wasser geworfen! Um seiner Pflichterfüllung zu leben.

Und ein anderer Zug: Neun Jahre ist unser Johann Gottlieb Fichte alt; der Gutsnachbar kommt eines Sonntags in das einfache Dorf herüber, will die Predigt des Pfarrers sich anhören. Er kommt zu spät. Es ist ihm sehr leid, dem Gutsnachbarn, dass er die Predigt des Dorfpfarrers nicht hören konnte. Da denkt man nach und kommt darauf, dass ja da ein neunjähriger Knabe ist, der sich gut merkt, was der Pfarrer in der Predigt gesagt hat. Man ruft den neunjährigen Johann Gottlieb Fichte; er tritt auf, linkisch, in seinem blauen Bauernkittel; bald aber kommt er hinein in die Wiedergabe, sodass er die ganze Predigt mit innigem Anteil vor dem Gutsnachbar wiederholt - nicht aus einem toten Gedächtnis heraus, sondern er wiederholt so, weil seine Seele zusammengewachsen ist mit demjenigen, was er hörte und was dann sein Ohr an seine Seele getönt hat.

Das schon ist das Charakteristische für dieses Zusammenwachsen der eigenen Seele Fichtes mit demjenigen, was erlebt wird. Und so bildet sich das immer mehr heran in Fichte, sodass ihm zuletzt das ganze Weltenall durchpulst wird von Wille. Der Weltenwille, der göttliche Weltenwille, er webt und lebt durch alle Räume und durch alle Zeiten, er sendet herein seine Ströme in das eigene Seelenweben des Menschen.

Und wenn sich dieses Seelenweben ganz hingegeben hat, dann erlebt die Seele einen Strom des unendlichen Weltwillens in sich. Da ist man zusammen mit dem, was die Welt als Göttlich-Geistiges durchpulst. Da ist man getragen von dem, was wie auf den Wellen des Willens hinfließt als die Weltenpflicht, die in unsere Seele hereinscheint, und die das Höchste ist, was Fichte zu erfassen sucht. So wird aus dem innersten Wesen seines persönlichen Charakters heraus seine Weltanschauung. Das ist so das Urdeutsche, dieses Persönlichste und Allerobjektivste zusammenzusuchen. Nicht irgendein Seelenwesen sucht Fichte, das man beweisen können soll, sondern ein Seelenwesen, das fortwährend an der göttlich-geistigen Schöpferkraft der Welt teilnimmt; sodass es sich in jedem Augenblicke selber zu schaffen vermag. Und in diesem inneren Schöpferischen, das ruht in dem Göttlich-Schöpferischen, liegt für Fichte die Gewähr des Ewigen, das durch Geburten und Tode geht und das da lebt in der geistigen Welt, auch wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist.

Von dem, was aus dem die Welt Durchpulsenden, [von dem, was] von der [, von der] ewigen Pflicht durchsetzten göttlichen Kraft in die Seele des Menschen hereinfließt, von dem sagt Fichte in seinen schönen Reden im Jahr 1806 in Berlin, die er ja nennt «Anweisung zu einem seligen Leben» - von dem sagt Fichte ja: Da reden die Menschen davon, dass das unsterbliche Wesen des Menschen nach dem Tode sich erst geltend mache. Derjenige, der die Seele wirklich kennenlernt, der weiß, dass Unsterblichkeit unmittelbar im Leben innerhalb dieses Leibes zu ergreifen ist; und der ist daher unmittelbar gewiss, dass - wenn auch dieser Leib in seine Elemente zerfällt -, dasjenige, was innerhalb seiner durch eine wirkliche Erkenntnis ergriffen wird, durch des Todes Pforte in die geistige Welt hineingeht.

Aber davon ist Fichte auch überzeugt, dass das ewige Geistige im intimsten Inneren selbst ergriffen werden muss zugleich. Daher ist er als Lehrer an der damals so berühmten Jenaer Universität - da sie die Trägerin größter deutscher Männer war -, so berühmten Jenaer Universität, daher ist er auch als Lehrer im Grunde etwas ganz anderes als ein anderer Lehrer. Er lehrt nicht, um einen gewissen Inhalt, um eine gewisse Summe von Sätzen an seine Schüler heranzubringen, sondern er bereitet sich so vor, dass das, was er zu lehren hat in seiner Seele selber erst inneres Leben ist, sodass er erlebt, was er in die Seelen der Zuhörer hineinfließen lassen will.

Ein Zuhörer, der ihn wohl verstand, der sagte einmal schön: Fichtes Rede rauscht daher wie ein Gewitter. Dasjenige, was er in Worten zu sagen hatte, entwand sich ihm wie in einem rauschenden Gewitter. Man sieht: Er will nicht bloß gute Menschen erzichen, er will große Seelen erziehen. Daher war sein Bestreben, nicht den Leuten etwas mitzuteilen bloß, sondern etwas in sie übergehen zu lassen, wodurch diese Seelen [geradezu] etwas anderes wurden, wenn sie weggingen, als sie waren, [bevor] sie in den Hörsaal [hereingegangen waren]. Und immer mehr sie verweisend auf die eigene Seelenkraft, auf die Stärke, die im Menschen selber ruht, das zeigt uns so schön der folgende Satz. Es war bei seinem Vortrag immer ein Streben nach unmittelbarem Zusammenleben des eigenen Seelenlebens mit dem Seelenleben der Zuhörer, das suchte er zum Beispiel durch solche schönen Dinge zu erzielen, wie dieses eine zum Beispiel ist. Ein Zuhörer — der Naturforscher Steffens - beschrieb es so. Fichte forderte im Verlaufe seines Vortrages die Zuhörer auf: «Denken Sie an die Wand!» Nun dachten sie an die Wand. Das ließ er eine Weile geschehen - so sagte der Mann, der Steffens. «Und nun denken Sie an den, der die Wand gedacht hat!», [war die nächste Aufforderung Fichtes].

Da war der Mensch auf sich selbst verwiesen. Da stutzten zunächst eben die Zuhörer; sie brachten es nicht gleich zusammen. Aber es war der Weg, den Menschen zu verweisen auf seine eigene Seele, wie auf die Kraft, die daraus hervorgehen kann, um zusammenzuleben mit den göttlich-geistigen Kräften der Welt.

Und so steht er da, dieser Johann Gottlieb Fichte, wirklich so, dass begeisterte Zuhörer von ihm sagen konnten: Er lebt im Reich der Begriffe wie in einer übersinnlichen Welt; aber so, dass er nicht nur in dieser übersinnlichen Welt wohnt, sondern diese übersinnliche Welt auch beherrscht. Und bewusst wurde sich Fichte: Das, was so in seiner Seele lebte, das war in innigem Zwiegespräch mit dem Geiste des deutschen Volkes selber ergangen.

Damit charakterisiere ich nicht etwas aus einer nationalen Engherzigkeit heraus, sondern etwas, was Fichte unmittelbar als seine Empfindung erlebt hat, und wodurch er gerade so groß, so bedeutsam in einer der schwersten Zeiten des deutschen Volkes auf dieses deutsche Volk so tragend wirken konnte.

Man braucht nur einmal zu vergleichen, was es bedeutet, dass aus einem Volkstum eine solche Weltanschauung hervorgehen konnte wie die Fichtes, mit dem, was als Höhepunkt der romanischen Weltanschauung da ist, einer Weltanschauung, die ganz wiederum aus dem Wesen des französischen Volksgeistes hervorgegangen ist. Da haben wir im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts den französischen Philosophen - einen der größten und gerade einen derjenigen, der am markantesten kennzeichnet französisches Volkstum: Descartes oder Cartesius.

Auch er ging aus von dem, was in der Menschenseele lebt. Man kann ihn daher gut mit Fichte vergleichen. Sein «Ich denke, also bin ich», das «Cogito ergo sum», ist berühmt geworden. Aber worin besteht das, was er sagt: «Ich denke, also bin ich. - Cogito ergo sum»? - Dadurch, dass der Gedanke in mir lebt, dadurch kann ich erweisen, dass ich ich bleibe. Dasjenige, was in der Seele lebt, wird erschlossen, wird durch einen logischen Schluss bewiesen. Fichte will es im unmittelbaren Leben ergreifen, das ist das Unterscheidende. Das geht bis in die Breiten der Weltanschauung hinein. Aus einer Einzelheit kann man das ersehen.

Sehr verehrte Anwesende, sehen Sie, Descartes, der aus dem französischen Volkstum heraus Schaffende, er kommt dazu, sich über die Welt eine Anschauung zu bilden. Welches ist diese Anschauung? Ja, diese Anschauung ist diese, dass - ich muss ein Beispiel herausgreifen, weil wir ja nicht so viel Zeit haben, alles im Einzelnen zu charakterisieren —, dass er zum Beispiel dazu kommt, nicht nur die äußere Natur als eine - man möchte sagen seelenlose aufzufassen, sondern dass er auch die Tiere als seelenlose Welt auffasst. Seele hat nur der Mensch, weil er sie innerlich in sich erleben kann. So meint Descartes: Die Tiere sind nur bewegte Maschinen.

Das hat dann fortgewirkt in der französischen Weltanschauung bis in das achtzehnte Jahrhundert herein, wo man auch den Menschen zur Maschine gemacht hat. Als diese Weltanschauung dann Goethe entgegentrat, da sagte Goethe aus seinem deutschen Bewusstsein heraus: Ja, da bieten sie uns eine Weltanschauung, wo die ganze Welt eine Maschine ist, lauter sich stoßende Atome und Moleküle. Und wenn sie einem wenigstens erklären könnten, wie die schöne, herrliche Welt hervorgeht aus dieser maschinellen Stoßerei, dann würde man noch Interesse haben können für solch ein Vorhaben. Aber sie stellen einfach die Weltenmaschine hin, ohne irgendetwas darüber zu erklären. Das war Goethes Einspruch gegen dasjenige, was vom französischen Westen her als mechanistische Weltanschauung kommt.

Damit kann man allerdings Fichtes Anschauung vergleichen, die lichtvoll in jedes einzelne Geschöpf und Wesen sich hineinvertiefen will, mit allem mitleben will, um den Willen, den göttlichem Willen in allem zu erkennen. Dieses Untertauchen in die Weltenwesen, das ist deutsch.

Dieses Sich-gegenüber-Stellen, nur in sich selber Seele zu sehen, alles zur Maschine zu machen - [das ist nicht aus nationaler Engherzigkeit] heraus gesprochen -, das ist französisches Wesen zum Beispiel.

Nun sehen wir von einer anderen Seite her Fichtes Weltanschauung an. Für ihn ist dasjenige, was sich den Sinnen nur zeigt, etwas, was er nannte: ein stoffliches Feld für die Pflichterfüllung. Alles dasjenige, was nicht göttlich-geistiger Wille ist, der durch alle Wesen webt und lebt, das, was sich nur den Sinnen darbietet, das ist, wie Fichte sagt, stoffliches Material [dafür], dass die Pflicht einen Gegenstand hat, an dem sie sich betätigen kann. Das ist also das Große, das Fichte erleben will — das Geistige in der eigenen Seele -, und der an die Welt heranträgt dieses Geistige in der eigenen Seele auch aus den anderen Dingen erlebend.

Vergleichen wir das mit demjenigen, was zum Beispiel innerhalb des englischen Weltenbildes hervortritt, insofern dieses englische Weltbild ganz aus dem englischen Volkstum hervorgegangen ist. Selbstverständlich ist da nicht der Einzelne gemeint, der Einzelne kann sich immer über sein Volk erheben; aber dasjenige, was mit dem Volkstum zusammenhängt, das ist gemeint. Da sehen wir, wie nicht nur in älteren Zeiten die Weltanschauung des Bacon von Verulam bloß auf das Nützliche geht, bloß auf dasjenige, was äußerlich sich den Sinnen darbietet, wofür der Geist, der in sich selber erlebt, nur dasteht wie Bänder, die sich zusammenbinden, damit der Geist sich zurechtfinden kann. Da ist der Geist nur das Mittel, um das äußerlich Sinnliche in ein System zu bringen. Da ist kein Miterleben mit dem, was als Geistiges in allem Sinnlichen lebt. Und das hat sich bis in die heutige Zeit herein erhalten. Wir sehen dort den Pragmatismus tätig. Denn Pragmatismus ist ein Wort für etwas, was, neben die Fichte’sche Weltanschauung gestellt, wirklich sich ausnimmt wie die Finsternis neben dem Licht.

Was ist dieser Pragmatismus? Für diesen Pragmatismus gibt es nicht eine Wahrheit um ihrer selbst willen - Wahrheit, die angestrebt wird, sodass man sie in der Seele als Wahrheit erlebt -, sondern die Wahrheit: Nun, das ist etwas, was der Mensch als Begriff, als Idee bildet, damit er sich in der Außenwelt zurechtfindet. So bildet sich der Mensch den Begriff der «einheitlichen Seele»; aber nicht dasjenige will er in seiner Seele, was etwas wie Seeleneinheit ist, sondern [er prägt einen Begriff,] weil der Mensch verschiedene Äußerungen seines Wesens zeigt, dieses tut und jenes tut. Und man findet sich zurecht, wenn man annimmt einen Begriff wie «einheitliche Seele». Es ist nützlich, um die äußeren sinnlichen Dinge zusammenzuhalten, so etwas zu erfinden wie Wahrheit. Wahrheit ist nur da, weil man dadurch sich orientieren kann in den Sinnesdingen. Und in dem, was überhaupt erlebt werden kann, da hat die Wahrheit keine selbstständige Bedeutung.

Das genau entgegengesetzte ist in Fichtes Weltanschauungsstreben vorhanden. Da ist dasjenige, was äußerlichsinnlich ist, wahrhaftig nicht unterschätzt; nicht mit einer falschen, weltenfremden Erkenntnis haben wir es zu tun. Aber zu tun haben wir es mit einem Wollen des Zusammenwachsens der Seele mit dem Weltengeiste und mit einem Geltendmachen der Wahrheit, die im Geiste erlebt wird als dem Ursprünglichsten, das in der Welt lebt und webt. Die Dinge sind für Fichte da, um die Welt zu offenbaren, nicht wie sie da sind für die Pragmatiker als dasjenige, was das einzig Wirkliche ist; während dem das, was man Wahrheit nennt, nur da ist, um solche Binden und Klammern zu haben, mit denen man die äußerlich zusammenfallende Sinneswelt so zusammenfasst, damit der Geist es bequem hat, sie zu überschauen.

Ich übertreibe nicht, sondern die Dinge sind so! Und so steht Fichte dann, indem er diese Anschauung immer mehr und mehr entwickelt, so steht er dann 1811, 1813, vor seinen Berliner Studenten und sagt ihnen, dass derjenige, der in die Welt eindringen will, auf den Geist zu sehen habe. Er spricht von einem neuen geistigen Sinn - Fichte - und meint damit, dass dieser Sinn entwickelt werden kann, dass es wirklich, wenn man von den Erfahrungen, von den Erlebnissen dieses Sinnes spricht, so ist gegenüber den Menschen, die das nicht zugeben wollen, wie wenn ein einziger Sehender unter lauter Blinden sprechen würde! Aber Fichte ist bestrebt, in dem Menschen dasjenige zu erreichen, was die Seele unmittelbar verbindet mit der geistigen Welt. Und daraus wird ihm auch die Kraft, die dann in seinen «Reden an die deutsche Nation» so tiefgehend eingeflossen ist in einem der schwersten Zeitabschnitte des deutschen Volkes, durch das er tragende Kräfte in die Zukunft des deutschen Volkes hineinergießen, in die Seelen hineingießen wollte.

Man kann nur - wegen der Kürze der Zeit - in diesen wenigen Worten diese außerordentliche Persönlichkeit charakterisieren! Wie sein Folger steht dann der noch weniger bekannte Joseph Wilhelm Schelling da. Gerade daran zeigt sich aber die unendliche Vielseitigkeit des deutschen Wesens, dass nun Schelling zu einem Weltenbilde auch durch Zusammenleben der Seele mit den Weltengeheimnissen kommen will, aber - ich möchte sagen — ganz anderer Seelenkräfte. Während Fichte der kraftvolle Mann ist, der den Willen in sich erleben will und in seinem eigenen Willen den Weltenwillen, den ewigen Weltenwillen, schafft Schelling aus dem Gemüte heraus. Und durch dieses Aus-dem-Gemüt-heraus-Schaffen entsteht für ihn ein Weltenbild, durch das wunderbar Natur und Geistesleben ineinanderwachsen. Wenn das auch heute scheinbar schwer zu lesen ist, was Schelling geschaffen hat - es kommt auch gar nicht darauf an, dass man den Inhalt hinnimmt, sondern das Streben -, wenn es auch schwer zu lesen ist: Man braucht es ja nicht wie eine Lehre hinzunehmen, gegenüber welcher man Anhänger oder Gegner werden müsse. Die Menschen sehe man an, die so gestrebt haben - aus dem Innersten des deutschen Volkswesens heraus gestrebt haben. Überall war dieses Bestreben bei Schelling, unterzutauchen in jedes einzelne Wesen; zu erleben das, was innerhalb des Wesens als geistiges Sein wirkt. Dadurch wurde ihm die Natur wie ein physiognomischer Ausdruck des Geistes. Und der Geist war dasjenige, was sich auf dem Boden der Natur aufbaute. So, wie sich die gegenwärtige menschliche Seele aufbaut auf Grundlage ihrer Erinnerungen, so fühlte sich im Sinne Schellings der Mensch mit seinem Geist der Natur gegenüber, wie wenn er gelebt hätte durch alle Zeiten hindurch, aber die Natur zurückgelassen hat. Und indem er sie jetzt anschaut, so bietet sie ihm die Erinnerung desjenigen, was er vorher in Unbewusstheit geschaffen hat, damit der Boden für seine Bewusstheit dann da sein könne. So wachsen Seele und Natur zusammen bei Schelling.

Während Fichte charakterisiert werden musste von seinen Zeitgenossen als der, der vor allen Dingen in deutscher Kraft vor ihnen stand, charakterisierten diejenigen, die Schelling zugehört haben, und die ihn zu würdigen wissen, ihn als einen Seher, wie eine Persönlichkeit, die, indem sie sprach, umflossen war von dem, was unmittelbar zeigte, dass er Worte prägte, während sein Geist hinschaute in eine ganz andere Welt.

Ich darf vielleicht ein solches Wort eines Schülers und Freundes Schellings vorlesen, weil man dadurch mehr als durch irgendetwas anderes sehen kann, wie ihn - Schelling — diejenigen anschauten, die ihn kannten. Schon als Jüngling in Jena wirkte Schelling so, dass die Jünglinge, die ihn umgaben, unmittelbar überzeugt waren, er habe ihnen nicht nur etwas zu sagen, was unmittelbar seine Seele entflammt, sondern, während er sprach, lebte sein Geist in der Geistwelt, und er sprach aus dieser heraus. Deshalb sagt Gotthilf Heinrich Schubert, ein Mann, der selber versuchte in die geistigen Tiefen der menschlichen Seele hinabzusteigen, Folgendes. Er charakterisiert Schelling so:

«Was war es, das Jünglinge wie gereifte Männer von ferne und nahe so mächtig zu Schellings Vorlesungen hinzog? War es nur die Persönlichkeit des Mannes oder der eigentümliche Reiz seines mündlichen Vortrages, darin diese anziehende Macht lag?»

Nein, meint Schubert, das war es nicht allein:

«In seinem lebendigen Worte lag eine hinnehmende Kraft, welcher, wo sie nur einige Empfänglichkeit traf, keine der jungen Seelen sich erwehren konnte. Es möchte schwer sein, einem Leser unserer Zeit»,

— Schubert schreibt 1854 nieder, was er in den Neunzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts mit Schelling erlebt hatte —

«der nicht, wie ich, jugendlich teilnehmender Hörer war, es begreiflich zu machen, wie es mir, wenn Schelling zu uns sprach, öfters so zu Mute wurde, als ob ich Dante, den Seher einer nur dem geweihten Auge geöffneten Jenseitswelt, läse und hörte. Der mächtige Inhalt, der in seiner, wie mit mathematischer Schärfe im Lapidarstile abgemessenen Rede lag, erschien mir wie ein gebundener Prometheus, dessen Bande zu lösen und aus dessen Hand das unverlöschende Feuer zu empfangen, die Aufgabe des verstehenden Geistes ist.»

So hat man einmal, sehr verehrte Anwesende, zum deutschen Volke sprechen können, dass es diesen Eindruck machte, von der geistigen Welt, dass es diesen Eindruck machen konnte!

Von Schelling erzählen diejenigen - und ich habe selbst noch solche gekannt, die ihn auch im Alter noch gehört haben -, dass dasjenige, was er mitzuteilen hatte, schon durch den Blick seiner im Alter noch flammenden Augen wirkte; sodass man sah: Es ist die Persönlichkeit selbst, die mit der Welt zusammenwachsen will, indem sie eine Weltanschauung gibt.

Und der Dritte von denjenigen, die also aus dem tiefsten deutschen Volkstum heraus zu einer Weltanschauung dringen wollten, das ist Hegel. Hegel, vor dem diejenigen, die gar keine Mühe sich geben wollen, wenn sie etwas in sich aufnehmen sollen, gleich bei den ersten Sätzen fliehen - Hegel, was wollte er?

Durch das deutsche Gemüt versuchte Schelling ein Weltbild zu schaffen. In den Geist und die geistigen Welten einzudringen - durch den Willen: Fichte. Durch dasjenige, was Gedanke ist, durch den reinen Gedanken, der in der Seele lebt, wenn diese Seele nicht ihr Auge auf die äußere Sinneswelt richtet, nicht mit dem bloßen Verstande sich der äußeren Sinnenwelt hingeben will, durch dasjenige, was als reiner, kristallklarer Gedanke in der Seele lebt, versuchte Hegel zusammenzuwachsen in der eigenen Seele mit dem, was in der Welt wirkt. Sodass er sagt: Denke ich den Gedanken rein, gebe ich mich dem Gedankenleben, dem sinnlichkeitsfreien Gedankenleben in der eigenen Seele hin, so leben in den Gedanken, die da in der Seele leben, nicht mehr die eigenen Willkürgedanken, sondern es sind die Gedanken, die die Göttlichkeit selber in ihrer Seele sind. Da entzündet dasjenige, was da als Licht ist und die ganze Welt durchleuchtet ein Flämmchen in der eigenen Seele, und an diesem Flämmchen wächst gedanklich die Seele mit dem Weltengeiste zusammen. Ein Ruhen der Seele in dem Weltgedanken. Da wird auf deutsche Art angestrebt dasjenige, was man mystisch nennen kann, aber nicht eine Mystik, die in dunklen verworrenen Gefühlen schwelgt und schwelgen will, sondern eine Mystik, die gefühlsmäßig zwar anstrebt, was alle Mystik anstrebt - ein Zusammenleben der eigenen Seele mit den Weltengeheimnissen -, aber dies anstrebt auf dem Boden des kristallklaren Denkens.

Und das ist wiederum etwas Charakteristisches für das deutsche Wesen, dass das Höchste angestrebt wird in allgeistiger Klarheit, nicht in verworrenen chaotischen Gefühlen. Das ist das Weltanschauungsbild, wie es im Hintergrunde steht, und aus dem auch das herausgewachsen ist - aus demselben Mutterboden -, aus dem Goethes «Faust» und die anderen großen Kunst- und Literaturwerke jener Zeit [herausgewachsen sind], auch die sind gleichsam aus diesem selben Boden herausgewachsen. Und Goethe steht im Grunde genommen auf diesem selben Boden.

Und Goethe spricht - im Gegensatz zu Kant - in einem kleinen, schönen Aufsatze über die «Anschauende Urteilskraft» es aus, wie er strebt nach einer Erkenntnis, die im Innern der Seele zwar erklungen, die aber unmittelbar Offenbarung ist desjenigen, was in der Welt sich aus ihr entwickeln soll. Die Seele beschränkt sich nicht darauf, bloß die äußere Sinnenwelt anzuschauen und über sie zu urteilen; sondern wenn die Seele sich in sich selber zurückzieht, dann soll in dieser Seele etwas aufwachen, sodass die urteilende Kraft selber zu einer Anschauung wird - sodass man geistig schauen lernt.

Goethe spricht von Geistesaugen und Geistesohren, die unmittelbar - so wie die leiblichen Augen und Ohren unmittelbar in die physische Welt, so unmittelbar - ins Geistige hineinschauen. Das durchdringt die GoerheSeele.

Und Fichte konnte mit Recht sagen, als er seine, scheinbar ganz abstrakten Gedankengänge 1794 veröffentlichte, er konnte Goethe schreiben:

[«So lange hat die Philosophie Ihr Ziel noch nicht erreicht, als die Resultate der reflektierenden Abstraktion sich noch nicht an die reinste Geistigkeit des Gefühls anschmiegen. Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet, als den Repräsentanten der letztern auf der gegenwärtig errungnen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie. /hr Gefühl ist derselben Probierstein.»]

Ein inniger Einklang zwischen dem, was als Größtes, auch dichterisch, aus dem deutschen Geistesleben hervorgegangen ist, und dem, was als Weltanschauungsbild im Hintergrunde lebt, ein inniger Einklang ist vorhanden. Mag in der Folgezeit, einfach aus dem Grunde, weil die Höhe der Anschauung einfach verblüfft hat, auch innerhalb der deutschen Gedankenentwicklung etwas anderes an die Oberfläche getreten sein als eine reine Fortsetzung der kraftvollen Gedanken Fichtes, Schellings und Hegels — diese Gedanken sind doch dasjenige, was in den Tiefen des deutschen Wesens ruht, was sich fortentwickeln wird, sich auch fortentwickelt hat, wie wir gleich sehen werden, und was zu den schönsten Blüten und Früchten des deutschen Wesens führen muss.

Wenn man solche Geister wie Fichte, Schelling und Hegel vor seine Seele stellt, dann merkt man: Von drei verschiedenen Seiten her offenbaren sie dasjenige, was wie in einer anderen Art von Zwiegespräch mit dem deutschen Volksgeist zu gewinnen ist. Aber hinter ihnen wirkt, wie unsichtbar, eben dieser deutsche Volksgeist selber. Und man spricht mehr aus, als ein bloßes Bild, wenn man sagt: Wie eine Schattierung des deutschen Volksgeistes selber ist jeweilen das, wie eine Schattierung desjenigen, was der deutsche Volksgeist selber spricht, ist jeweilen dasjenige, was durch Fichte, Schelling und Hegel an die Oberfläche tritt - wie eine Schattierung. Und dahinter ahnt man dasjenige, was als eine noch gewaltigere Welle durch die Ströme des deutschen Gedankenlebens geht.

Daher kann die eigentümliche Erscheinung auftreten, dass auf die großen Geister vom Ende des achtzehnten und vom Beginne des neunzehnten Jahrhunderts kleinere Geister folgten, die weniger begabt waren, und die in einer gewissen Weise dasjenige, was durch jene als ein Strebensziel durch die deutsche Gedankenentwicklung gegangen ist, in noch schönerem, in noch hellerem Lichte darzustellen [suchten].

Es ist ja eine merkwürdige Erscheinung, nicht wahr, dass Geister, die weniger begabt waren als diese Größten, mehr Möglichkeiten in der späteren Zeit hatten, weil eben auch hinter den Großen der deutsche Volksgeist stand, der dann durch die Folgenden, die schon die Anregungen hatten der Vorangehenden, weiterwirken konnte. Da sehen wir einen solchen in dem Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte: Hermann Immanuel Fichte.

Immanuel Hermann Fichte spricht es geradezu aus: Dasjenige, was die Sinne sehen können vom Menschen, was der Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, vom Menschen erkennen kann, aber durch Wissenschaft erkennen kann, das ist bloß die Außenseite des Menschen; das enthält bloß die Kräfte, welche mehr für Irdisches den Menschen zusammenhalten. Aber in diesem physischen Menschen lebt nach Immanuel Hermann Fichtes Anschauung ein ätherischer Mensch, der diesen physischen Menschen durchzieht, und der in seinen Kräften ebenso zusammenhängt mit den ewigen Weltenkräften, wie die Kräfte, die im physischen Menschen leben, mit den eigentlich vergänglichen Kräften der Erde zusammenhängen.

Auf dasjenige, was auch hier in diesen Vorträgen durch Jahre hindurch als der geistige Hintergrund des Menschen, als der ätherische Mensch, geschildert worden ist - worüber die landläufige, aber wenn sie auch innerhalb Deutschlands aufgetreten ist, doch undeutsche Wissenschaft lacht, weil sie von fremden Ländern beeinflusst ist —, auf diesen ätherischen Menschen ist auch hier in dieser Stadt in den Vorträgen durch Jahre hindurch hingewiesen worden, immer wieder und wiederum hingedeutet worden.

Aber noch höher, noch großartiger als Immanuel Hermann Fichte sehen wir die Hindeutung auf dasjenige, was Fichte in der Menschenseele als nur kommende Kraft sah, was aber herausgeholt werden kann, sodass diese ewigen Kräfte immer mehr weben und leben. Noch deutlicher, noch größer sehen wir das bei einem Geist, bei einem fast ganz vergessenen Geist hervortreten, bei Troxler: Ignaz Paul Vital Troxler. Wer kennt ihn noch? Doch steht er auf den Schultern Fichtes, Schellings, Hegels! Und er findet noch tiefer sich hinein in die geistigen Hintergründe der Welt als seine Vorgänger, die weitaus größer waren in Bezug auf geistige Anlagen als er. Er konnte eben von ihnen die Anregung empfangen.

Was sehen wir bei diesem Ignaz Paul Vital Troxler? Wir sehen bei diesem Troxler, wie er durchaus darauf hinweist, wenn der Mensch seine Seele entwickelt, wenn der Mensch dasjenige, was für das äußere Sinnenleben nicht da sein kann, wenn er das aus seiner Seele hervorholt, dann findet sich in der Menschenseele Geist, dasjenige, was Troxler nennt auf der einen Seite den «übersinnlichen Geist». Und damit meint er, dass, wenn der Mensch nun das, was in seiner Seele schlummert, entwickele, dass er dann in der Lage ist, nichts in seinem Seelenleben zu haben, wenn er die Sinne abkehrt von der äußeren Welt, sondern, dass erwachen kann ein Anschauen, das über die Sinne hinausgeht - ein übersinnlicher Geist, ein Geist, der so geistige Vorgänge in der Welt schaut wie die Sinne sinnliche Vorgänge und Wesen schauen: ein übersinnlicher Geist. Das werden selbst diejenigen zugeben, welche als Idealisten, als abstrakte Idealisten durch Ideen und Begriffe die Welt erfassen wollen.

Troxler geht aber weiter. Er spricht nicht nur vom übersinnlichen Geist, sondern er spricht auch noch vom «übergeistigen Sinn». Was ist übergeistiger Sinn?

Wenn dieser Geist, der die Welt anschaut, dazu kommt, nicht bloß von Begriffen, nicht bloß von Ideen zu sprechen, sondern wenn er schildern kann wirklich konkrete Wesenheiten, die er so beschreiben kann, wie man ein einzelnes Tier beschreibt, sodass man heraufsteigt zu einer Welt höherer Wesen, die man nicht sehen kann mit den gewöhnlichen Sinnen, die aber der «übergeistige Sinn» sehen kann - etwas, worüber wiederum die landläufige Wissenschaft leicht lachen kann, das aber als ein energisches Streben in diesem verklungenen, vergessenen Tone, von dem ich Ihnen jetzt sprechen will, innerhalb der deutschen Gedankenentwicklung uns in einer so wunderbaren Weise entgegentritt.

Noch wunderbarer wird uns das, wenn wir bei Troxler das Folgende sehen. Troxler sagt: Wenn der Mensch das Schönste, was in seiner Seele leben kann, soweit diese Seele in dem Leibe drinnen lebt, wenn er das Schönste aus seiner Seele hervorkehrt, das Schönste der Seele, das an den Leib gebunden ist - wenn die Seele kosmisch wird und als kosmische Seele der Welt gegenübergestellt ist, dann entwickelt sie sich in Glaube, in Liebe, in Hoffnung. Aber Glaube, Liebe, Hoffnung, sie sind für Troxler dasjenige, was äußerlich trotzdem zwar als die Blüte des Erdenlebens, aber doch nur für dieses Erdenleben sich offenbart. Hinter dem Glauben, hinter der Glaubenskraft, die der Seele insofern angehört, als die Seele irgendwie lebt, hinter dieser Glaubenskraft lebt in der Seele eine höhere Kraft; das übersinnliche Gehör - sagt Troxler. Und der Glaube ist nur die äußere Offenbarung eines übersinnlichen Gehörs, durch das man hören kann, wie das sinnliche Ohr die sinnlichen Töne hört, das geistige Tönen der geistigen Welt, die geistige Sprache der geistigen Welt, gewissermaßen die Seele in ihrer Welt, weil statthat ein solches geistiges Gehör, und weil [die Seele] zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt, nimmt dieses Geistgehör in der leiblichen Verkörperung die Glaubensform an. Dieser Glaube ist die äußere Offenbarung für das Geistgehör.

Die Liebe, diese schönste, diese herrlichste Blüte des Seelenlebens innerhalb des Leibes, sie ist die äußere Offenbarung für Troxler desjenigen, was er das geistige Tasten, das geistige Fühlen, das geistige Fühlen nennt. So wie man physisch die Hand ausstreckt, um die sinnlichen Dinge zu berühren, so liegt hinter der Kraft der Liebe eine andere Kraft, die rein seelische Kraft, durch die die Seele die seelischen Fühler ausstrecken kann, um anzufühlen das, was als konkretes Geistwesen [in] der geistigen Welt lebt.

1835 sind die schönen Vorlesungen erschienen, in denen Troxler so von dem geistig-seelischen Menschen spricht, der hinter dem glaubenden, liebenden, hoffenden Menschen steht. Und hinter dem, was Hoffenskraft ist, Zuversichtskraft, liegt seelisch dasjenige, was nun Troxler nennt: das geistige Sehen, das geistige Schauen.

Die Seele, indem sie in den Leib hineinkommt, wandelt um das Geistgehör in Glaube, das geistige Fühlen in Liebeskraft, das geistige Schauen in Hoffenskraft.

Und wenn die Seele durch den Tod schreitet, dann verwandelt sich dasjenige, was in ihrer Glaubenskraft im Leibe war zwischen Geburt und Tod, verwandelt sich in Geistesohren; was in ihr Lichtkraft war, verwandelt sich in geistige Berührung; was in ihr Hoffnungskraft war, verwandelt sich in geistiges Sehen, Schauen, in Sehen der geistigen Welt.

So spricht Troxler von «sensiblen Gedanken» - wo die Gedanken nicht gewöhnlich urteilen über die äußere Welt, sondern wo die Gedanken innerlich so ergriffen werden, so lebendig ergriffen werden, dass man durch die Gedanken die geistige Welt unmittelbar ergreift. Und er spricht von «intelligenten Gefühlen», wo nicht die Gedanken wie Schelling sich einmal ausgesprochen hat - das ist stark natürlich, aber große Menschen haben die Fehler ihrer Tugenden -, wo nicht die Seele durch die Geisteskraft der bloßen Verstandeswissenschaft urteilt, sondern wo die Seele wirklich so urteilt, dass sie mit den Gedanken sich zusammenlebt mit der äußeren Welt, wie sie sonst nur durch das Fühlen sich zusammenlebt, aber doch in Klarheit; von «intelligentem Fühlen» spricht Troxler. Wahrhaftig, wunderschön ist dieser vergessene Ton der deutschen Weltanschauung, der deutschen Gedankenentwicklung. Man braucht nicht sich daran zu stoßen, dass dieser wunderbare, verklungene Ton nicht weitergelebt hat äußerlich sichtbar; das macht nichts, sehr verehrte Anwesende: Das Wichtige ist, dass er da ist und dass er, trotzdem er äußerlich sichtbar nicht geworden ist, fortlebt doch in dem, was das Deutschtum erstrebt und erhofft in der Welt, und dass er wieder aufleben wird mitten heraus auch aus dieser materialistischen Wissenschaft; und dass gerade in geistiger Beziehung des deutschen Volkes Weltstellung ist: den Menschen und seine Seele an den Geist so heranzuführen, wie es im Sinne dieses verklungenen, vergessenen Tones - nur äußerlich vergessenen Tones - der deutschen Gedankenentwicklung liegt.

Ein schöner Satz sei vorgelesen aus Troxlers Buch, in dem er sagt, wie er sich nun den ätherischen Menschen, den Menschen, der an die ewigen Kräfte gebunden ist, im Menschen drinnen, im physischen Menschen, denkt, der an die zeitliche Kraft gebunden ist. Da sagt Troxler:

«Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper ... eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere höhere Mensch war ... In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage; Lavater dichtet und denkt ebenso; und selbst wenn Jean Paul humoristisch über das Bonnert’sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen, «wozu und woher wurden diese außerordentlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? ... In den steinernen Gliedern»

des Menschen

«wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise». «Wir könnten»

sagt Troxler weiter

«noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anführen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen ... die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten»

ist. - Das ist ein verklungener, aber deshalb doch fortwirkender Ton der deutschen Gedankenentwicklung, und ein großer, gewaltiger Ton! Hat heute das deutsche Volk die Aufgabe, durch äußere Kräfte seine Weltenstellung sich zu sichern, so ist dasjenige, was heute durch die Waffen erkämpft werden muss, nur die andere Seite desselben, in den Tiefen der deutschen Seele verborgenen Wesens, das durch seine Vielseitigkeit bis zu diesen Gipfeln des Gedankenlebens hinaufsteigen konnte. - Und Troxler sagt an einer anderen Stelle schön weiter:

«Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche ... in jeder Anthroposophie ... sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte ... Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt werden darf.»

Das ist sich Troxler klar, dass der Mensch einen höheren Menschen in sich hat. Und wenn dieser innere Mensch zu wirken anfängt, so kommt zunächst nicht Anthroposophie - Anthropologie, Menschenwissenschaft, kommt zunächst, wenn der äußere Verstand den Menschen beobachtet, Anthropologie kommt zunächst, meint Troxler. Wenn der innere Mensch sich gegenüberstellt, und sich mit den höheren Kräften, mit den geistigen Kräften, mit Geistesfühlen, kennenlernt, kommt Anthroposophie. Man hat daher wohl ein Recht, eine Wissenschaft, welche im echten Sinne hervorgewachsen ist aus dem innigsten Bestreben eines deutschen Volkswesens, als Anthroposophie auch zu bezeichnen.

Und es muss das schon, sehr verehrte Anwesende, auch einmal hingestellt werden, weil es nicht bloß ein vergessener und verklungener Ton bleiben muss, sondern sich wieder einleben muss in das deutsche Volkstum. Und man wird sehen - vielleicht die offizielle Wissenschaft wird die Dinge nicht annehmen, aber es ist nur ein Vorurteil, dass diese Dinge zu schwer verständlich sind —, es wird schon eine Zeit kommen, wo man einsehen wird, dass der einfachste Mensch - gerade die einfachen Seelen zeigen das, wenn sie in der rechten Weise herankommen - einsehen wird, dass diese Dinge werden können eingekleidet einer jeden Kindererziehung schon! Dann wird diese Kindererziehung auch aus dem Tiefsten des deutschen Volkstums heraus schaffen.

Es muss dieses erwähnt werden, weil man wahrhaftig nicht nationale Engherzigkeit braucht, um die Weltstellung des Deutschen und seine Aufgabe in der Gesamtentwicklung der Menschheit zu charakterisieren, weil man nicht braucht in einen Ton zu verfallen, wie solche Franzosen, wie zum Beispiel tonangebende Weltanschauungsmenschen wie Boutroux und Bergson - ja, er heißt noch immer Bergson, obwohl es nicht sehr französisch klingt - wie Boutroux und Bergson, die jetzt noch immer ihren Franzosen ein solches Zeug vorreden. Man würde es gar nicht glauben! Zum Beispiel dieses Streben des Deutschen, zusammenzuwachsen mit dem, was draußen in den Dingen lebt, was die Seele in sich selber ergreifen will. Boutroux, der vor dem Krieg herumgereist ist hier in Deutschland, auch an deutschen Universitäten lehren durfte, predigen durfte, der von der Verbrüderung des deutschen und des lateinischen, romanischen Wesens redete, jetzt spricht er zum Beispiel davon, dass er sagt: Die Franzosen haben keinen Ausdruck für «Schadenfreude». Die Deutschen sind gerade dadurch charakteristisch, dass sie das Wort «Schadenfreude» haben, solch ein Wort haben; sie haben also Schadenfreude. Dagegen haben sie kein Wort für «Generosität», das haben nur die Franzosen. Das haben die Deutschen also nicht, Generosität, das haben nur die Franzosen. Auch andere Dinge redet er seinen Franzosen vor. So zum Beispiel sind die Franzosen sehr leicht geneigt, alles mit einem gewissen Witz zu behandeln.

In dieser Beziehung ist es vielleicht nicht unnötig, das Urteil über französisches Wesen vorzulesen. Man könnte ja trotzdem noch immer ein kleines Fünkchen eines Glaubens haben, dass ich hier auch wollte aus engherziger Nationalität heraus sprechen. Daher will ich ein anderes Urteil geben - ein Urteil über französisches Wesen, französisches Geistesstreben:

«Durst nach Wahrheit»

heißt es in diesem Urteil

«ist keine französische Leidenschaft. Mehr als das Wesen gilt. der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt des Franzosen nicht in ihm selbst liegt, sondern in den anderen, in der großen Menge. Individuen sind Nullen; die Ziffer, die sie zur Zahl gestaltet, kommt von außen dazu: Das ist der Souverän, der Schriftsteller des Tages, die gelesenste Zeitung, mit einem Worte der augenblickliche Herr der Mode. All das lässt sich aus einer übertriebenen Geselligkeit ableiten, sie erstickt in der Seele den Mut, Widerstand zu leisten, die Urteilsfähigkeit, die persönliche Überzeugung, den Kultus des Ideals.»

Überall gerade das Gegenteil von dem, was wir heute gesehen haben. ... alles erstickt sie!

Also das spreche nicht ich; das spricht nicht einmal irgendein Deutscher, sondern das spricht Henri Frederic Amiel, der französische Schweizer Amiel, der als französischer Schweizer diese Worte am 22. Januar 1875 niedergeschrieben hat. Ich habe gerade die Worte dieses Mannes gewählt, dieses geistreichen, das Leben zu verstehen suchenden Mannes, Henri Frederic Amiel, weil er französischer Schweizer ist eigentlich, und nur das deutsche Leben eben kennengelernt hat, daher es auch vergleichen kann mit demjenigen, was er innerhalb des französischen Wesens kennt. Das kann der Franzose nicht leicht verstehen, dieses Zusammenwachsen-Wollen mit dem innerlichsten Wesen, das in dem äußerlichsten Sinnesding lebt und webt!

Daher hält Boutroux eine Rede, in der es sich darum handelt, dass er den Deutschen verspottet, der alles aus dem Innern heraus erfassen wolle: Der Franzose - sagt er - der ein Kamel kennenlernen will, geht in die Menagerie, lernt da das Kamel kennen. Der Engländer macht eine Reise und sucht das Kamel in seiner Umgebung auf, ja, er reist bis in ferne Länder der Erde, um das Kamel kennenzulernen da, wo es lebt. Der Deutsche zieht sich in seine Studierstube zurück, geht weder in die Menagerie, noch macht er eine Reise in ferne Länder, sondern er befasst sich mit dem Kamel an sich, wie er es aus seiner eigenen Seele erkennen kann.

Daraus zieht Boutroux nun den Schluss - ja, man kann das heute seinen Franzosen vorlegen, seinen Parisern vorlegen -, daraus zieht also Boutroux den Schluss: Die Deutschen machen sich überhaupt das Wahngebilde vor, das, was sie in ihrer eigenen Seele erleben, das sei die ganze Welt. Das ist dasjenige, worauf es eigentlich ankommt. Und daher, sagt Boutroux zu seinen Franzosen, stellen die Deutschen sich auch vor, dass sie etwas sind in der Welt. Und weiter betrachten sie dann die Welt auch nicht; sondern: Was sie sich vorstellen, dass sie sind, das ist unmittelbar Göttlich-Geistiges. Und um das zu erklären, machte er dann diesen Witz.

Witzig sind ja, wie man weiß, die Franzosen; dieser Witz aber, den da Boutroux gemacht hat, aber ist gerade - von Heinrich Heine! Und ist also nicht einmal als Witz. auf französischem Boden, auf französischem Geistesboden gewachsen.

Innerhalb des deutschen Geisteslebens ist das, was ich einen vergessenen Ton genannt habe, aber durchaus nicht etwas, was vielleicht nur auf den Höhen des philosophischen Strebens sich darstellt, sondern das lebt, lebt wirklich. Ist es nicht zum Beispiel wunderbar, wirklich wunderbar: 1856 erschien ein Buch, ein kleines Schriftchen, von einem einfachen Pfarrer in Waldeck, auf dem Lande, in Sachsenberg, im Fürstentum Waldeck, Rocholl heißt der Mann, und ist ein einfacher Pfarrer gewesen; das kleine Schriftchen heißt «Beiträge zu einer Geschichte der deutschen Theosophie», das - ich möchte sagen — zeigt, wie sein Verfasser ganz und gar drinnen steht in einer Anschauung der Welt, wie sie sich als Geist dem Geiste offenbart. Mag auch manches heute in diesem Büchelchen [nicht] so einfach als wahr, [sondern] nur phantastisch erscheinen, aber es kommt nicht darauf an, dass man Anhänger oder Gegner wird, sondern darauf kommt es an, dass man sieht, wie dasjenige, was das Streben des Menschen zum Geiste der Welt hin ist, wirklich sich überall offenbaren kann, gerade innerhalb des deutschen Geisteslebens.

So könnte ich Ihnen, wenn ich Zeit dazu hätte, Hunderte und Hunderte von Beispielen anführen, die zeigen würden, wie ja allerdings in unserer Zeit - aber das ist noch gar nicht so lange her, das ist ein Jahrzehnt her durch fremdes Wesen, das auch das deutsche Geistesleben überwuchert hat, [wie] durch fremdes Wesen in einer unglaublichen Weise zunächst nur vergessen worden ist dasjenige, was innerhalb des deutschen Geisteslebens leben kann; denn durch das wird das deutsche Volk gerade seine große Stellung in der Ewigkeit der Zeitenentwicklung einzunehmen haben.

Und das ist das, was sich jetzt auf dem kleinen, im Verhältnis zur ganzen Erde kleinen Boden Mitteleuropas zu wehren hat gegen unendliche Übermacht. Denn wie wird die Geschichte einmal sprechen gegenüber dem, was in der Gegenwart geschieht? Man kann mit einfachen Worten sagen, wie die Geschichte sprechen wird: 777 Millionen Menschen gegen 150 Millionen Menschen höchstens in Mitteleuropa! Das wird die Geschichte einmal zu verzeichnen haben, dass 777 Millionen Menschen einkreisen 150 Millionen Menschen, und schmähen und verleumden dasjenige, was das geistige Leben auch ist dieser eingeschlossenen Menschen.

Neidisch brauchen sie ja auch nicht auf die Größe des Erdbodens zu sein, diese 777 Millionen Menschen! Denn 68 Millionen Quadratkilometer haben sie, die 777 Millionen Menschen, gegenüber 6 Millionen Quadratkilometer, die die mitteleuropäischen Mächte haben - 6 Millionen Quadratkilometer, die eingekreist sind! Das wird nun einmal die Geschichte zu verzeichnen haben. Und dazu sagen wird sie, dass diese 777 Million Menschen bei den 68 Millionen Quadratkilometern nicht allein durch Waffentapferkeit, sondern durch Aushungern die 150 Millionen Menschen auf den 6 Millionen Quadratkilometern besiegen wollen.

Der Deutsche darf fühlen dasjenige, was gerade in seiner Volksseele lebt, und welche Bedeutung dieses hat im Gesamtentwicklungsgange der Menschheit. Der Deutsche darf mit Ruhe und Zuversicht der Zukunft entgegenleben, gerade dadurch, dass er die Kräfte gewahr wird, welche in den Tiefen seiner Volksseele leben. Fortgelebt haben sie immer; denn darauf kommt es nicht an, ob sie berühmt geworden sind, sondern darauf kommt es an, dass dasjenige, was äußerlich nicht gewusst wird, innerlich sich doch als das Bedeutende, Große offenbart.

Schwer ist es oftmals, zur Geltung zu bringen dasjenige, was eigentlich deutscher Geist ist gegenüber fremdländischem Geist. So zum Beispiel - ich darf das erwähnen, weil ich selber in Bezug auf dieses in einem jetzt mehr als dreißig Jahre langen Kampfe drinnen stand: Goethe hat, was heute noch ganz und gar nicht eingesehen wird, aus seinem deutschen Wissenschaftsbewusstsein heraus sich gewandt gegen Newtons mechanistische Optik. Aber die Physik ist so überschwemmt mit dem Mechanismus des Westens, dass heute jeder Physiker noch einen Unsinn sehen muss in Goethes Optik. Und seit dreiunddreißig Jahren bemühe ich mich, geltend zu machen dasjenige, was man nennen kann: Das Recht Goethes gegenüber Newton. Es wird noch einige Zeit verfließen müssen, bis man einsieht, wie es sich mit dem Kapitel «Goethe im Recht gegen Newton» verhält.

Es waren immer einzelne deutsche Geister da, die wussten — trotz allem überwältigend Selbstverständlichen, was die Physik gegenüber Goethe dargestellt hat -, die wussten, wessen das Recht auf diesem Gebiete ist! Von Grävell herunter, der das schöne Buch geschrieben hat «Goethe im Recht gegen Newton», bis zu dem - ich darf wohl in diesem Falle davon sprechen, denn es ist ja unbekannt genug geblieben , bis zu dem, was ich selber über Goethes physikalisch-optische Studien, über seine Farbenstudien geschrieben habe, hat man es zu tun mit etwas, das durchaus in Bezug auf das wahre Eingehen auf das deutsche Geistesleben noch der Zukunft vorbehalten ist. Aber diese Zukunft wird kommen.

In den 1850er-Jahren schon ging aus demselben Strömen des verklungenen, vergessenen Tones des deutschen Geisteslebens ein Mann hervor, Planck, Christian Karl Planck. Schöne Schriften hat er geschrieben, überall die Natur schauen wollend als selbst geistdurchdrungen, den Unterboden bildend für den Geist, schöne Schriften: «Wahrheit und Flachheit des Darwinismus», «Grundlinien zu einer Wissenschaft der Natur», «Geist und Natur» - wunderbare Schriften, ganz hervorgegangen aus dem - wie er sich bewusst war, selber bewusst war -, aus der allertiefsten Kraft deutschen Denkens, deutschen Empfindens, deutscher Wissenschaftsgesinnung, bezeichnet er das deutsche Wesen. Ich kann nur eines hervorheben zum Beispiel, wenn heute von der Erde gesprochen wird, wie spricht man in der äußeren Naturwissenschaft von der Erde, wie spricht der Geologe von der Erde? Die Erde ist so eine materielle Kugel, und es wird nur nebenbei erwähnt, dass auch der Mensch darauf herumwandelt. Das ist sie für Planck nicht. Für Planck ist die Erde dasjenige, wozu alle lebenden Wesen gehören. Christian Karl Planck sucht eine Vorstellung über die Erde zu entwickeln, die etwa derjenige bekommt, der die Erde von außen anschaut, mit alledem, was sie geistig an sich trägt. Nicht nur ein Organismus, sondern ein geistiges Lebewesen ist sie eigentlich, und der Mensch gehört zu der Erde so dazu. Und die Erde bloß so vorzustellen, wie die rein physische Geologie, das würde für Plancks Betrachtung so sein, wie wenn man den Baum nur in Bezug auf den Stamm betrachten würde, auf einen verholzten Stamm, und nicht sieht, dass das mit dem innersten Wesen des Baumes zusammenhängt, was Blüten und Früchte sind. So wie diese zum Baum gehören, Blüten und Früchte, seiner Wesenheit nach, so kann man, wenn man die Erde vor sich hat, nicht zufrieden sein mit einer bloßen geologischen Betrachtung. Und so ist alles bei Planck.

Und so drängt sich in Plancks Anschauungsweise etwas hinein, wodurch er auf seine Zeitgenossen mächtig wirken wollte, aber nicht gekonnt hat, weil sie noch nicht reif waren, diese Anschauungsweise so unmittelbar aufzunehmen. Er wollte sagen: Indem man mit der Natur lebt, lebt man nicht nur mit der äußeren Natur, sondern mit dem Geist der Natur zusammen. Das wollte er, dass aufgenommen wird in das sittliche, in das Rechtsbewusstsein das religiöse Bewusstsein der Menschheit. Die Zeit, in der Christian Karl Planck gelebt hat, sie hat noch nicht die Möglichkeit gehabt, die Dinge zu übersehen. Sie hat ihn zuletzt zu einem «übernervösen Menschen» gestempelt. Ein solcher Denker kann oftmals einsam stehen, nicht nur im Leben. Sodass sein zuletzt geschriebenes Werk nach seinem Tode herausgegeben worden ist von seinem lieben Freund Köstlin, unter dem Titel «Testament eines Deutschen».

Das alles, das ich genannt habe, hat Planck dazu geführt, dass man von ihm als übernervösen Menschen sprach; sodass derjenige, der die Dinge heute nur dumpf ahnt, wie von einem größenwahnsinnigen Menschen sprechen könnte. Aber es ist ein Mensch, der tief und bewusst drinnen lebt innerhalb des vergessenen Tones des deutschen Geisteslebens - so bewusst, dass 1864 dieser Karl Christian Planck schreiben konnte über dasjenige, was er als deutsche Wissenschaft suchen wollte, schreiben konnte:

«Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner»

des Verfassers

«Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.»

Jetzt schreibt er weiter:

«Was in unbewusster tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Parsifal schildert)»

schon 1864, vor Wagners Parsifal geschrieben!

«erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»

So 1864 Planck, mit dem Bewusstsein, aus den deutschen Anlagen heraus eine Geistes-Welten-Wissenschaft zustande bringen zu können!

Nun werden sich ja viele Menschen finden, nicht wahr, die sagen: Nun, so ein armer Philosoph, der da im Geiste träumt, der weiß ja doch nichts, was eigentlich in der Wirklichkeit lebt! Dazu müssen die praktischen Menschen kommen, die das praktische Leben in der rechten Weise zu handhaben wissen und zu beurteilen verstehen. Kommen solche Philosophen mit ihren Idealen: Aber was wissen die von der Wirklichkeit? - Ja, da möchte Ich Ihnen doch gerade von diesem Christian Karl Planck ein Beispielchen geben. 1880 ist der Mann gestorben; 1881 schon ist sein «Testament eines Deutschen» erschienen — 1881, zehn Jahre, nachdem der Deutsch-Französische Krieg in einigem die deutschen Verhältnisse verändert hatte. Halten wir diesen Zeitpunkt fest. Wie viele Deutsche haben seit jener Zeit verschiedenes über die europäischen Angelegenheiten geglaubt, haben sich vorgestellt, was da kommen werde, Staatsmänner und Nichtstaatsmänner, Diplomaten und Nichtdiplomaten, was haben sie sich alles vorgestellt die «praktischen» Leute, die wissen, wie draußen der Hase läuft! Was haben sie sich alles vorgestellt! Was haben sie auch gelächelt über die Idealisten, die sich so aus ihrer erträumten Ideenwelt eine Vorstellung machen über dasjenige, wie die Strömungen in der Welt sind! Nun, der «unpraktische Idealist» Christian Karl Planck schrieb also 1880 spätestens — denn 1881 ist er gestorben -, er schrieb in seinem «Testament eines Deutschen»: Ein großer europäischer Krieg werde kommen!

«Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe vonseiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur umso deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen musste. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»

Und jetzt bitte ich sie, diese Worte genau anzuhören:

«Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»

Das ist der «träumende Philosoph» von 1881, der den Leuten sagt: Ihr werdet machen können, was ihr wollt, ich glaube heute es schon nicht mehr - er konnte es damals noch nicht sagen, aber es liegt in seinen Worten dasjenige, was gescheite Leute noch 1913, 1914 [glaubten], dasjenige -, dass zum Beispiel Italien an der Seite der Mittelmächte werde zu finden sein. Der «unpraktische Mann», der «unpraktische Philosoph» Christian Karl Planck hat es schon 1880 nicht mehr geglaubt! Man muss nur kennenlernen jene wahre Lebenssituation, wie sie heute ist, jene wahre Lebenssituation, die in den Tiefen des geistigen Wesens ruht, die ganze Situation, wie sie heute ist, ist von einem Philosophen, von einem deutschen Philosophen 1880 niedergeschrieben worden. Es kann von jedem gelesen werden! 1912 ist in zweiter Auflage dieses «Testament eines Deutschen» erschienen, in einem Verlage, der ja allerdings in seiner Druckarbeit in der damaligen Zeit viel mehr zu tun gehabt hat, als sich mit dem «Testament eines Deutschen» zu befassen, der sich lieber darauf verlegt hat dazumal, die ja auch zahlreichen, übersetzten Werke des französisch Philosophen Bergson in Deutschland, wie man sagt, populär zu machen, jenen Bergson - ich habe in meinen «Rätseln der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt», zugleich der neuen Ausgabe des Werkes «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» auch auf Bergson hingewiesen. Aber wie es schwer gelungen ist oder eigentlich noch nicht gelungen ist, trotzdem ich schon 1900 in meinen «Welt- und Lebens-Anschauungen im neunzehnten Jahrhundert» - ergänzt durch eine Vorgeschichte über abendländische Philosophie und bis zur Gegenwart fortgesetzt -, auf die ganze Bedeutung Christian Karl Plancks hingewiesen habe, wie es nicht gelungen ist, dem Deutschen auch nur zum Bewusstsein zu bringen, was im deutschen Volkstum lebt dadurch, dass ein deutscher Philosoph so sprechen kann, so wirkte es ja auch nicht, dass ich dazumal - schon vor dem Krieg niedergeschrieben - aufmerksam machen konnte auf dasjenige, was zum Beispiel als eine besonders bedeutsame Idee von Nichtswissern bei Bergson entgegengenommen wird, wie zum Beispiel den berühmten Satz: «Die Dauer dauert.», den konnte man ja als nichts anderes ansehen, als wenn einer sagt «Die Dauer dauert.», zu sagen: «Das Herz herzt.», aber was dann als etwas anderes angesehen werden konnte, das war bei Bergson das Nächste, was der Mensch zu betrachten hat in Bezug auf eine Weltanschauung, [...] dass er vom Menschen ausgeht und den Menschen an die Spitze stellt, und die anderen Wesen wie gleichsam abfallen aus der Menschenentwicklung - dass zuerst der Mensch da ist, dann entstehe aus dem Reich der Mineralien, der Pflanzen der Tiere etwas, was manche für Wahnsinn anschauen werden, was aber doch die tatsächliche wirkliche Weltanschauung ist -, man hat das bewundert und [darauf] hingewiesen. Man - man darf das vielleicht in diesem Fall sagen, denn volle Mannigfaltigkeit ist auch nicht da bei denjenigen, die sich der Bergson’schen Philosophie so begeistert zugewandt haben und mancherlei wiederkäuen -, wurde etwas betrübt darüber, als Bergson seine Rede schloss damit, dass während des Krieges die Deutschen so heruntergekommen sind gerade - und was ich schon im vorigen Jahre hier angeführt habe dieses Durchmerken-Lassen, dass die Deutschen so heruntergekommen sind von ihrer Höhe, wie sie einst noch in Schelling, Schopenhauer, Hegel gehabt, [wie sie es] in einem Goethe gehabt haben -, [dass die Deutschen] aber jetzt so heruntergekommen sind, dass alles mechanistisch ist bei ihnen, [dass sie] alles in Maschinen und Industriellem wollen aufgehen lassen. Der gute Bergson hat wahrscheinlich geglaubt, dass die Deutschen ihnen einen Novalis, einen Goethe oder Schiller entgegendeklamieren werden.

Aber ich konnte Ihnen dazumal zeigen - das ist vor dem Kriege geschehen -, dass dasjenige, was als ein schwächerer Gedanke so bewundert worden ist bei Bergson, dass das bei dem Deutschen Wilhelm Heinrich Preuss — aber in den Werken, die schon in den 1870erJahren erschienen sind, besonders 1882 —, [dass das] bei dem Deutschen Preuss in viel kraftvollerer Weise aufgetreten und vertreten worden ist!

Da sehen wir, wie Wilhelm Heinrich Preuss in seiner Schrift «Geist und Stoff» 1882 anführt dieses ganze verklungene und vergessene Streben und Strömen deutschen Geisteslebens zum Beispiel, und der sehr energisch darauf hinweist, dass auszugehen ist vom Menschen. Und nur eine Naturanschauung, welche sich gar nicht bewusst ist des wirklichen Zusammenhanges des Menschengeistes mit dem Geistigen, die kann von den niederen Wesen ausgehen und alles hinaufentwickeln bis zum Menschen, während dem das, was sonst vorhanden ist als Absplittern sich anschaut. Preuss sagt:

«Es dürfte [deshalb] an der Zeit sein, eine [andere] Lehre von der Entstehung der organischen Arten aufzustellen, welche sich nicht allein auf einseitig aufgestellte Sätze aus der beschreibenden Naturwissenschaft gründet, sondern auch mit den übrigen Naturgesetzen, welche zugleich auch Gesetze des menschlichen Denkens sind, in voller Übereinstimmung ist. Eine Lehre zugleich, die alles Hypothetisierens bar ist, und nur auf strengen Schlüssen aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen im weitesten Sinne beruht; eine Lehre, die den Artbegriff nach tatsächlicher Möglichkeit rettet, aber zugleich den von Darwin aufgestellten Begriff der Entwicklung hinübernimmt auf ihr Gebiet und fruchtbar zu machen sucht. Der Mittelpunkt dieser neuen Lehre nun ist der Mensch, die nur einmal auf unserem Planeten wiederkehrende Spezies: Homo sapiens. Merkwürdig, dass die älteren Beobachter bei den Naturgegenständen anfingen und sich dann dermaßen verirrten, dass sie den Weg zum Menschen nicht fanden, was ja auch Darwin nur in kümmerlichster und durchaus unbefriedigender Weise gelang, indem er den Stammvater des Herrn der Schöpfung unter den Tieren suchte - während der Naturforscher bei sich als Menschen anfangen müsste, um so fortschreitend durch das ganze Gebiet des Seins und Denkens zur Menschheit zurückzukehren. ... Es war nicht Zufall, dass die menschliche Natur aus der Entwicklung alles Irdischen hervorging, sondern Notwendigkeit. Der Mensch ist das Ziel der tellurischen Vorgänge und jede andere neben ihm auftauchende Form hat aus der seinigen ihre Züge entlehnt. Der Mensch ist das erstgeborene Wesen des ganzen Kosmos ... Als seine Keime entstanden waren, hatte der gebliebene organische Rückstand nicht die nötige Kraft mehr, um weitere menschliche Keime zu erzeugen. Was noch entstand, wurde Tier oder Pflanze ...»

Man weiß nicht, hat Bergson den Preuss, Wilhelm Heinrich Preuss eigentlich nicht gekannt? Was ein ebenso großer Fehler wäre, wie wenn er ihn gekannt hat und dasjenige, was Preuss’ Eigentum ist, einfach so hingeschrieben hat, ohne darauf aufmerksam zu machen, dass es von Wilhelm Heinrich Preuss ist.

Zuzutrauen wäre es ihm ja — auch das Letztere; denn es ist ja schon hinlänglich jetzt bekannt geworden, dass Bergson - der den Deutschen mechanische Weltanschauung vorwirft, um damit zu beweisen, wie sie jetzt in der Gegenwart heruntergekommen seien -, und dabei selber einen sehr merkwürdigen Weg eingeschlagen hat. Es ist hinlänglich bekannt, dass Bergson ganze Seiten seiner Bücher — der Bergson’schen Bücher! - einfach abgeschrieben hat aus Schelling, Schopenhauer und aus anderen deutschen Philosophen, einfach abgeschrieben hat — eine nicht mechanische Art, seine Bücher zu schreiben! Und von denjenigen Persönlichkeiten eines Volkes seitenlang abzuschreiben, eines Volkes, das man in einer solchen Weise schmäht und verleumdet! Da schreibt man einfach ab, und gewinnt dadurch großen Ruhm und Lob.

Das sind Dinge, die so leicht vergessen werden in der Gegenwart. Manche sehen es ja jetzt schon, wie sich die Dinge verhalten! Da sagt zum Beispiel Henry Frederic Amiel einmal:

«Vielleicht ist nur dem germanischen Geist das Bedürfnis eigen, aus sich selbst heraus zu denken, nach dem Urgrund der Dinge zu forschen. Die Slawen und Romanen stehen stärker unter der Herrschaft der Konvention, der Überlieferung, der Sitte, des Vorurteils, der Mode; und wenn sie sie durchbrechen, so geschieht es als Aufruhr und Empörung, ohne deshalb aus sich selbst heraus das den Dingen immanente Gesetz zu erkennen, ihren wahren Maßstab, nicht den geschriebenen, willkürlichen, hineinverlegten. Der Deutsche will bis zur Natur vordringen; der Franzose, der Spanier, der Russe bleibt bei der Konvention stehen. Die Wurzel des Problems liegt in der Frage nach dem Zusammenhange von Gott und Welt: Immanent oder transzendent - es entscheidet von Stufe zu Stufe über die Bedeutung alles Übrigen. Wenn der Geist außerhalb der Dinge ist, so braucht er sich ihnen nicht anzupassen. Wenn es dem Geist an Wahrheit mangelt, so muss sie ihm von den Propheten werden. Dann verachtet der Gedanke die Natur und ist der Kirche untertan, das ist die lateinische Welt.»

So Henri Frederic Amiel, der französische Schweizer, der sich diese Worte über den germanischen Geist und die Franzosen, Spanier und Russen im Jahre 1877 aufgeschrieben hat, als er in Ems weilte.

Durch solche Dinge lernt man kennen, sehr verehrte Anwesende, was eigentlich lebt auf den sechs Millionen Quadratkilometern, die jetzt nicht nur eingeschlossen werden, sondern verleumdet und geschmäht werden von den hervorragenden Persönlichkeiten derer, die auf den 68 Millionen Quadratkilometern wohnen und leben.

Aber wenn man so versucht, das Wesentliche, das Bedeutsamste der einzelnen Völkergeister, wie sie jetzt miteinander im Kampfe liegen müssen, herauszuholen, ja, man kann wirklich sagen: Sieht man hin auf die italienische Volksseele - sicher sitzen hier viele Zuhörer, die wissen, dass ich seit langer Zeit, viele Jahre schon vor dem Kriege geltend gemacht habe, nicht nur vor Deutschen, sondern auch vor andern europäischen Nationen, sodass sie nicht etwa bloß durch die Stimmung dieses Krieges hervorgerufen sind, diese Worte, sondern auf objektiver Erkenntnis der Sachlage beruhen -, sieht man hin auf die italienische Volksseele, so kann man ein einfaches Wort finden, durch das man sie charakterisieren kann. Der Italiener wendet sich der Welt zu - selbstverständlich ist nicht der Einzelne gemeint, sondern insofern er seinem Volke angehört -, der Italiener wendet sich der Welt zu; aber er sagt: Diese Welt muss so sein, dass sie mir gefällt! Ganz nur aus diesem Gesichtspunkte heraus - Volkstum ist das.

Der Franzose wendet sich auch der Welt zu. Aber er sagt: Diese Welt darf nichts anderes denken, als ich will, als was ich mir in meinen französischen Begriffen als die Welt vorstelle. Und trifft er irgendwo anderes Denken an, dann ist dies unterzuordnen. Wehe, wenn etwas existiert, das der Franzose aus seinem Franzosentum heraus nicht verstehen kann.

Der Engländer, der Brite, er denkt: Ja, gut ist schon auch die Welt; die Welt, recht, recht gut; aber sie muss so gemacht werden, dass die dem Briten dient, dass der Brite vor allen Dingen sein Ich auf dieser Welt geltend machen kann, und sie im Übrigen so eingerichtet ist, dass sie diesem dient. Man kann schon im Einzelnen gerade bei denjenigen nachlesen, die da glaubten aus den Tiefen des englischen Volksseelentums heraus zu schaffen - Geschichtsschreiber, Philosophen —, wo man hinschen will, überall kann man es nachweisen.

Der Deutsche in seiner Gedankenentwicklung, er denkt: Die Welt ist da, und indem ich als Mensch der Welt gegenüberstehe, will ich meine Menschenseele so entwickeln, dass sie das dreifache Abbild der großen Welt werde. Das ist der Nerv des deutschen Denkens und Fühlens.

Der Russe, der denkt: Die Welt, wie sie da ist, ist überhaupt nichts wert; sie muss durch eine andere ersetzt werden. Und es handelt sich darum, jene Welt an die Stelle dieser Welt zu setzen, in der der russische Mensch gedeihen kann. Das ist russische Volksstimmung.

Henri Frederic Amiel, der Schweizer Franzose entwirft einmal ein merkwürdiges Bild, wie es sein würde, wenn russisches Volkswesen überschwemmen, beherrschen würde Europa - wie es will, und wie es eigentlich die ganze russische Volksströmung im neunzehnten Jahrhundert und auch im zwanzigsten Jahrhundert aus ihren eigenen [Impulsen] dargestellt hat. Henri Frederic Amiel sagt:

«Welch fürchterliche Herren wären die Russen, wenn sie die Macht ihrer Herrschaft jemals über die Länder des Südens ausbreiten würden» —

er nennt Russland, das Land des Nordens, und er rechnet zu den Ländern des Südens auch Frankreich und Deutschland —

«Was sie uns brächten, wäre polarer Despotismus, eine Tyrannei, wie die Welt sie noch nicht gekannt hat, lautlos wie der Nebel, schneidend wie Eis, starr wie Eisen, dazu die Lieblichkeit des fallenden Schnees und sein kalter Glanz; Sklaverei ohne Gegenleistung und Linderung. Aber wahrscheinlich werden sie allmählich die Tugenden und Fehler ihrer Halbbarbarei einbüßen. Die Jahrhunderte werden diese Söhne des Nordens reifen, und sie werden anders denn als Drohung oder Misston in den Einklang der Völker eingreifen ...»

In Bezug auf Deutschland und Österreich, die mit ihnen verbündeten Völker, ist, wie wir ja wissen, diese Zeit noch nicht gekommen. Aber wie auch gerade der Osten, der russische Osten, im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts allmählich denken lernt über den europäischen Westen — was für ihn europäischer Westen ist, wozu also nicht nur Mitteleuropa, sondern im neunzehnten Jahrhundert vielfach auch Westeuropa gehört hat, Frankreich und England gehört hat -, dasjenige, was im russischen Volke liegt, aufgestachelt durch unverstandenes Empfangen der westlichen Geisteskultur, namentlich auch der deutschen Geisteskultur, hat sich erhitzt bis zum Größenwahn, der wahrhaftig nicht nur entgegengetreten ist in dem «Testament Peters des Großen», in dem gefälschten oder nicht gefälschten «Testament Peters des Großen», sondern der entgegengetreten ist in dem ganzen Entwicklungsprinzip von tonangebenden Persönlichkeiten im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in Russland.

Das Genauere können Sie in meinem Büchlein «Gedanken während der Zeit des Krieges. Für Deutsche und diejenigen, die nicht glauben sie hassen zu müssen» nachlesen; es ist momentan vergriffen, wird aber bald in zweiter Auflage erscheinen; cs ist also gegenwärtig nicht zu haben, weil vergriffen.

Merkwürdig ist es gegangen; immer mehr und mehr sieht man aus dem russischen Schrifttum, aus der Beschreibung der russischen Weltanschauungsmenschen eine Gedankenentwicklung hervorgehen, welche sagt: Alles dasjenige, was da im Westen lebt, namentlich das deutsche Geistesleben, diese Gedanken, die aus Fichte, Schelling, Hegel und den anderen hervorgekommen sind, das sind abstrakte Gedanken, die die Tiefen des Geschehens nicht ergreifen. Das ist alles greisenhaft; das ist eine Welt, die weggeschafft werden muss. Und an die Stelle muss die russische Welt treten, die Welt, die der russische Mensch erschaffen wird. Kirejewskij ist einer derjenigen, die angefangen haben mit dieser Denkweise. 1829 schon ein Ton, der tonangebend geworden ist, dann Politik geworden ist, und als die russische Dampfwalze jetzt über Europa geschickt werden sollte. Dieser Kirejewskij, der schreibt:

«Das Schicksal jedes europäischen Staates hängt von der Vereinigung aller übrigen ab; - das Schicksal Russlands hängt von Russland allein ab. Aber das Schicksal Russlands ist in seiner Bildung beschlossen: Diese ist die Bedingung und Quelle aller Güter. Sobald alle diese Güter unser sein werden, - werden wir uns dieselben mit dem übrigen Europa teilen, und unsere ganze Schuld werden wir ihnen hundertfach heimzahlen.»

... 1829! Also: Alle europäischen Güter, sobald Russland über ganz Europa ausgedehnt sein wird. Das ist nicht nur das politische, das ist auch das literarische Programm, das ist das künstlerisch-ästhetische Programm, ganz Europa zu besitzen, und dann aus Gutmütigkeit teilen, soweit man das für gut befindet - so Kirejewskij.

Aber nicht gleich ging das russische Gedankenleben auf den Westen. Noch 1885 finden wir ein Buch, welches Jushakow zum Verfasser hat, und welcher träumt davon, wie das tief im Russentum lebt, zunächst nach Asien hinüber wirken zu müssen - eine Art Panasiatismus. Eine merkwürdige Theorie konstruiert Jushakow: Er sagt, da drüben in Asien leben Völker, welche eine wunderbare geistige und wirtschaftliche Kultur seinerzeit gehabt haben. Sie selber - diese asiatischen Völker — haben in einer wunderbaren, aber die Wirklichkeit treffenden Sage von Ormuzd und Ahriman dasjenige, was innerhalb ihres Lebens entstanden ist und sich entwickelt hat. Ormuzd nennen sie den guten Gott; Ahriman war der böse Gott, immer. Aber die iranischen Völker, zu denen auch die Inder, die Perser gehören, sie haben sich in den Dienst des Ormuzd begeben. Sie haben dem bösen Ahriman dasjenige, was sich ihnen entgegenstellte, abgenommen, sozusagen dasjenige, was Ahriman ihnen gelassen hat, der böse Ahriman ihnen gelassen, ihm abgenommen. Und 1885 sieht Jushakow insbesondere auf den Westen hin, auf die westlichen Völker Europas, insbesondere auf ein westliches europäisches Volk hin: die Engländer. Wie sind sie ihrer Gaben des guten Ormuzd beraubt worden durch diese Engländer, diese Asiaten! Diese Engländer haben die asiatischen Völker so behandelt, haben eingegriffen mit dem, was kommen konnte aus ihrer Weltanschauung heraus. Aber was haben sie diesen asiatischen Völkern gebracht? - sagt Jushakow in seinem Buche «Der englisch-russische Konflikt», 1885. Da kamen diese Engländer zu den asiatischen Völkern, und meinten, dass diese nur da wären, damit sie sich in englische Gewebe kleiden, untereinander mit englischen Waffen bekämpfen, mit englischen Werkzeugen arbeiten, aus englischen Gefäßen essen und mit englischem Flitter spielen.

Dann geht er dazu über und sagt: Da müssen nun die Russen die Kultursegnungen in die Hand nehmen. Die werden den Asiaten nicht wegnehmen, was ihnen Ormuzd gegeben hat, sondern die werden sich verbünden mit den armen, von Ahriman geknechteten Menschen und werden teilen mit ihnen ihren Ormuzd, um sich mit ihnen emporzuarbeiten und Ormuzds Güter von Neuem in Asien drüben zu sammeln. Im Herzen, mit den Herzen der asiatischen Völker werden sie sein - nicht ich sage dies, sondern Jushakow. So wird es sein, dass sie hinübergehen werden von Russland, diejenigen aus Russland, die die eigentlichen Zukunftstypen der Menschheit sind von Russland, der Bauer und der Kosak, die größten Träger der moralischen Weltordnung, die größten Träger der selbstlosen Menschlichkeit. Aus dem Bunde des Bauern und des Kosaken wird hervorgehen dasjenige, was Asien wieder glücklich machen wird.

Und dann geht er dazu über, Jushakow, zu sagen, indem er noch einmal auf England deutet - 1885:

«England beutet Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird.»

Englands Existenz also. Und dann sagt er weiter:

«Ich wünsche meinem Vaterlande»

meinem russischen Vaterland

«nichts Ähnliches - ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»

und nichts mit diesem schrecklichen England zu tun hat. Dies von einem Russen 1885 über England, der herbeisehnt einen Zustand und dankbar ist dafür, dass Russland hinlänglich weit entfernt ist von dem, was England über die Welt bringt.

In solchen Dingen liegen wohl die Gründe, nicht die logischen, aber die nicht logischen vielleicht, die dann an der Welt experimentieren werden, die dann an die Stelle treten, auf der der russische Mensch Beziehungen zu den Asiaten, die nach der Ansicht dieser Leute behandelt worden sind, und die man von Ahriman wieder befreien müsste, dass die Russen sich zunächst nicht verbunden haben mit den Asiaten, um den bösen Ahriman zu bekämpfen, um mit ihnen den bösen Ahriman zu vernichten, sondern dass die Russen zunächst sich mit den bösen westlichen Völkern, mit den bösen Engländern sich verbunden haben, um Europa zu zerstampfen. Wir brauchen nicht in den [Ton] zu verfallen, in den heute so viel verfallen wurde auf der Seite der Gegner des Deutschtums [...], die aus kriegerischen Gründen auch Gegner des deutschen Wesens und Volkstums geworden sind. Mit dem vorhin charakterisierten Christian Karl Planck können wir sagen:

«[Doch] nicht umsonst hat der deutsche Geist seine tiefste und innerste Kraft daran gesetzt, [nicht umsonst selbst seine Dichtung zum Abbild dieses unauslöschlichen Dranges gemacht, sich selbst und die Wirklichkeit zu begreifen. Jener unbefangene rein gegenständliche und universelle Sinn, durch den es dem Deutschen allein möglich geworden ist, auch fremde Bildung und Nationalität vollständig zu würdigen, und der in religiöser, in sittlicher und künstlerischer Hinsicht ihm die echt menschliche Weihe gibt, er schließt auch die Erkenntnis des allgemeinen natürlichen Gesetzes der Dinge in sich, sobald nur in der Vollendung der Zeit] der Geist dafür reif geworden ist.»

Deshalb schauen wir lieber hin auf dasjenige, was weltgeschichtlich betrachtet, in der reinen Tatsächlichkeit betrachtet, der deutsche Geist mit seinem Streben sein muss. Da sehen wir hin auf etwas, das lange bevor der Christus auf der Erde erschienen ist, an geistigem Streben gerade in Asien drüben vorhanden war. Da hat man versucht, auch sich zu einigen, um eine Kultur zu erlangen - denn anders ist keine Kultur zu erringen -, sich zu einigen mit dem Geiste, der die Welt, die ganze Welt durchwebt und durchlebt. Aber wie hat man es zu erringen versucht in Asien! Durch Herablähmen, Herbdämpfen des Ich, dadurch, dass man das Ich möglichst ausgelöscht hat!

Diese Weltanschauung, sie muss der Vergangenheit angehören, nachdem der Christus-Impuls, der größte Impuls, der auf die Erde ausgeübt worden ist, in das Erdenleben hereingetreten ist, dem Erdenleben eigentlich erst Geist und Bedeutung gibt, da kann diese Weltanschauung des Orients nicht mehr eine wirkliche Geistes-Anschauung begründen. Da muss das Ich nicht sich auslöschen, sondern sich erkraften, sich erhöhen und durch die Erhöhung hineinwachsen gerade als Ich in das geistige Universum, in das geistige Weltenall.

So hat der Panasiatismus einmal gezeigt diesen Hinduismus, dessen Höhe erreicht worden war durch Auslöschung des Ich. So hat die neuere Zeit nach der Einwirkung des Christus-Impulses das Aufgehen im Weltenall durch Erkenntnis dadurch zu erreichen versucht, dass das Ich nun nicht herabgedämpft wird, sondern dass das Ich gerade sich erfasst, sich erlebt, sodass es in seinem Erleben Welt-Erleben hat. Solches empfängt der Deutsche als seine Aufgabe; solche Aufgabe war in der Tiefe des deutschen Volkserkenntnisstrebens immer vorhanden. Und einig waren diejenigen, die in Mitteleuropa als Deutsche lebten, in solchem Streben.

Und ich darf zum Schluss erwähnen einige Worte eines Österreich-Deutschen, des österreichischen Deutschen, der von Österreich sagt «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland aber ist mein Mutterland», um auszudrücken in den 1860er-Jahren schon - es ist 1862 geschrieben, das Wort -, um auszudrücken, wie ein gemeinsamer Geist zusammenschließt dasjenige, was später — es ist ja erst nach dem Tode Robert Hamerlings geschehen -, was später durch die äußeren Bande so fest zusammengeschweißt worden ist, wie jetzt erst Mitteleuropa dasteht. Das hat Robert Hamerling, der österreichische Deutsche, Österreichs größter Dichter in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in die Worte zusammengefasst: «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland aber ist mein Mutterland.»

Ich, als engerer Landsmann Hamerlings, ich, der selber dreißig Jahre fast meines Lebens in Österreich unter österreichischen Deutschen gelebt hat und mit gekämpft hat mit ihnen, ich darf gerade auf diese Ernstheit des deutschen Wesens innerhalb des Deutsch-Österreichischen hinweisen. Wunderschön drückt gerade diesen Zug, diesen weltgeschichtlichen Zug Robert Hamerling aus in seinem «Germanenzug» — wie gesagt, 1862 schon geschrieben -, wo er wie einen Traum darstellt, wie die alten Germanen von Asien nach Europa herüberziehen - und in ihnen enthaltend wie im Keime die späteren Deutschen -, wie sie sich die neue europäische Heimat aufsuchen. Das wird wunderschön geschildert: Der Mond zieht herauf; es ist Abendstimmung. Die Germanen lagern sich hin, schlafen, diese nach Europa ziehenden künftigen Teutonen; nur einer wacht: der blonde Teut. Der Genius Teutoniens, der Genius des späteren, des künftigen Deutschlands, spricht zu Teut. Er spricht von der Geistigkeit, die im Streben ruhen müsse, das deutsches Streben ist. Da sagt Hamerling, das heißt, er lässt es durch den Geist des deutschen Volkes zu dem blonden Teut sagen:

«Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen
Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?
Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge
Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig
Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen
Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?
Wer knüpft zuletzt die Stränge
Des forschenden Gedankens an die Sterne
So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?
Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?
Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?
Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone
Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»

Das ist wirklich tiefstes Wissen aus dem Ton der heute angeführten, teilweise vergessenen Töne aus der deutschen Gedankenentwicklung heraus. Ein Ton, der niemals ein antireligiöser sein kann, der Ton, der auch alle Erkenntnis so fassen wird im Menschen, dass diese Erkenntnis dargebracht wird wie auf dem Altar gegenüber dem Weltengeist, gegenüber der geistigen, wirklichen Welt, jener Ton, von dem Jakob Böhme, der «Philosophus teutonicus» — wie man ihn auch genannt hat - das schöne Wort ausgesprochen hat, andeutend das eigentlich Volkstümliche des deutschen Erkennens:

Wenn du, O Mensch, die Tiefe

er meint die Himmelstiefe, die blaue

und die Sterne und die Erde siehest,
so wandelst du in Gott,
so strebst du in Gott,
so stirbst du in Gott,
und so wirst du in Gott begraben werden.

Das sind tiefe, deutsche Worte.

Und Robert Hamerling, Österreichs großer Deutscher, der mitzufühlen wusste selbst im Kleinsten mit allem deutschen Wesen - nur nebenbei erwähne ich, als 1884 errichtet wurde in Paris eine Straßburg-Statue und verbrannt wurde die deutsche Fahne vor der Statue, da ging das Hamerling, Robert Hamerling, so zu Herzen, dass er die Worte schrieb:

«Mögt ihr an die Rache glauben,
Und an künft’ger Sieger Kranz

an die Franzosen schrieb er das

Hoffet nicht zurückzurauben<
Eine Scholle deutschen Lands!
Mögt ihr schwärmen auch wie Raben
Um ein Elsass-Standbild her,
Straßburg werdet ihr nicht haben, Straßburg nimmermehr!»

So tönte es dazumal aus Österreich gerade zu den Franzosen hinüber, als sie um die Straßburg-Statue tanzten und die deutsche Fahne verbrannten.

Aber Hamerling wusste auch zu erinnern an dasjenige, wie der deutsche Geist ist die Fortsetzung des Größten, was im Weltengeist einstmals im alten Orient aufgetreten ist, aus dem ja hervorgekommen sind die alten Ahnen der Germanen; er wusste hinzudeuten darauf, wie da, nur eben in einer vorchristlichen Weise durch Herabstimmen des Ichs der Mensch aufgehen wollte im Weltenall, wie das aber noch lebt, lebt auf eine höhere Höhe gehoben, lebt im deutschen Wesen, das das Größte, was die Welt einstmals im Orient geschaffen hat, in neuer Gestalt, wie es der christlichen Entwicklung angemessen ist, dieser Welt zu bringen hat.

Dieser Zusammenhang mit der ganzen Menschheitsentwicklung, er tritt vor die Seele Robert Hamerlings — auch in seinem «Germanenzug» -, dieser Grundzug, dass alles, was der Deutsche erkannte, sein tiefstes Wesen ergreifen, eins werden soll mit seiner ganzen Persönlichkeit; aber dass das zugleich etwas ist, was eine weltgeschichtliche Sendung ist, und anknüpft an das einstmals höchste Streben der Menschheit. Deshalb lässt wiederum den Geist des deutschen Volkes Robert Hamerling sprechen:

«Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme
Des alten asia’schen Heimatlandes.
Geruhigen Bestandes
Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer
Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme
Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme
Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»

Wir dürfen und müssen uns eigentlich heute versenken in dasjenige, was uns zum Bewusstsein bringen kann, wie wirklich leben die Wurzeln eines hohen geistigen Strebens, das in die Zukunft hineinwirken muss zum Heile der Menschheit. In den schönsten Äußerungen des deutschen Geisteslebens auf den 6 Millionen Quadrat-Kilometern, die heute bedroht sind von Menschen, die auf 68 Millionen Quadrat-Kilometern leben, lebt diese Geistigkeit.

Und man braucht nicht aus nationaler Regung, sondern aus objektiver Erkenntnis heraus zu reden, wenn man dasjenige von dem Weltberuf des deutschen Volkes redet, der nicht überwunden werden darf von denjenigen, die heute - ihn nicht verstehend - nicht nur schmähen, sondern verleumden.

Wir Deutschen dürfen zurücken auf dasjenige, und haben es heute getan, was in Deutschlands größter geistiger Zeit sich einverleibt hat der deutschen Gedankenentwicklung, und was in ihr lebt und wieder aufblühen wird. Und wir dürfen zu dem, was sich uns dargeboten hat, blicken so, dass wir zu ihm blicken wie zu den Wurzeln und Keimen. Und indem wir die Wurzelkraft und Keimkraft erkennen desjenigen, was vergangen ist, haben wir den Glauben an das Fortwirken dieser Vergangenheit. Und in diesem Glauben zu dem, was wir treu zu hegen und zu pflegen haben nicht allein um des deutschen Volkes willen, sondern um der Menschheit willen, dürfen wir Liebe haben zu diesen Wurzeln des deutschen Volkstums, und die Hoffnung und die Zuversicht hegen, dass dasjenige, was man erkannt als Keime und als Wurzeln, Blüten und Früchte erst noch in der Zukunft tragen wird! Trotz allem und allem, das heute gegen es auferstanden ist, uns durchdringend von der Kraft, die sich auf der einen Seite äußert im deutschen Geistesleben und die heute solche Proben in Bezug auf das äußere tägliche Leben zu leisten hat, blicken wir in die Zukunft und vertrauen dieser Kraft, die tragen muss das deutsche Wesen in der Zukunft, wie sie es getragen hat in der Vergangenheit.

Aus diesem heraus darf kurz zusammengefasst werden, empfindungsgemäß, dasjenige, was gemeint war mit diesen Auseinandersetzungen. Wiederum mit den Worten Robert Hamerlings sei es gesagt, hinblickend auf dasjenige, was gerade uns gegenüber, dem Deutschen und gegen seinen Namen, heute vorgebracht wird, hinblickend auf dasjenige, was das deutsche Wesen sein muss der Menschheitsentwicklung, darf dasjenige, was aus wahrem erkennendem Empfinden ich heute aussprechen wollte, zusammengefasst werden in vier kurze Zeilen Robert Hamerlings, eben eines österreichischen Deutschen, der gefühlt hat, wie stark zusammengehört dasjenige, was heute durch das gleiche, durch so große und so leidvolle und so proben- und prüfungsreiche Zeitverhältnisse zusammengeschweißt ist in Mitteleuropa. Er, Robert Hamerling, der dies gefühlt hat, er hat die schönen Worte geprägt, mit denen wir diese Betrachtung abschließen wollen

«Und wenn je dem deutschen Namen
Feindlich sich der Tag erweist,
Finden wird von Meer zu Meere
Seine Bahn der deutsche Geist.»

German original of The Forgotten Pursuit of Spiritual Science Within the Development of German Thought · ← Previous · Next →