Freedom, Immortality and Social Life

GA 72 — 31 October 1918, Basel

Rechtfertigung der Übersinnlichen Erkenntnis durch die Naturwissenschaft

Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie ich sie in Umrissen in diesen Vorträgen charakterisieren möchte, wird von unseren Zeitgenossen zumeist nicht beurteilt nach demjenigen, was sich aus genauerer Kenntnisnahme ergibt, sondern, man möchte sagen, von außen her, nach oberflächlicher Kenntnisnahme, welche nach irgendwelchen Schlagworten das Urteil bildet.

Insbesondere aus solchen Untergründen heraus machen sich zwei Vorurteile, man könnte auch sagen, Mißverständnisse gegen die hier gemeinte geisteswissenschaftliche Weltanschauung geltend. Das eine ist, daß diese Geisteswissenschaft verstoße gegen die ernste, gewissenhafte Methode, Forschungsweise der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, welche die neuere Zeit, die neuere menschliche Erkenntnisgesinnung durchaus beherrschen müsse, welche von Triumph zu Triumph in der neueren Zeit geeilt sei und gegen die eben nicht verstoßen werden dürfe.

Gewiß, wenn diese hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht in der Lage wäre, sich zu rechtfertigen vor naturwissenschaftlicher Weltanschauung, man müßte sie verurteilen. Deshalb wird dieses eine der Fragen sein, die heute hier zur Sprache kommen müssen: Wie ist geisteswissenschaftliche Weltanschauung in der hier vertretenen Richtung vor der Naturwissenschaft der Gegenwart, vor wirklicher, wahrer Naturwissenschaft zu rechtfertigen?

Ein anderes, gleichgeartetes Vorurteil, das aber eigentlich innig mit dem eben charakterisierten zusammenhängt, ist das, daß diese Geisteswissenschaft führe in die Dunkelheiten, in die Trübnisse mystischer Seelenverfassung, Weltanschauung. Aus den heutigen Betrachtungen soll hervorgehen, daß ebenso das erste Vorurteil unbegründet ist wie das zweite, denn davon wollen wir einleitend ausgehen.

Der ganze Weg, den jene Forschung durchzumachen hat, welche zu der hier betrachteten Geisteswissenschaft führt, er hat vor allen Dingen, ich möchte sagen, durch zwei Erkenntnistore zu führen. Und man kann eigentlich nicht in rechter Weise in das hineinkommen, was hier gemeint ist, wenn man diese zwei Tore nicht passiert hat. Das eine Tor ist dahin zu charakterisieren, daß der Geistesforscher wirklich drinnengestanden haben muß in der ganzen Gesinnung, in der ganzen Denk- und Forschungsweise, welche im gegenwärtigen Sinne zur Naturerkenntnis führt, daß er aber nicht nur in dieser Forschungsweise drinnengestanden hat, sondern auch an ihn herangetreten ist ein wichtiges, bedeutungsvolles Erlebnis mit dieser Forschung. Für die meisten, die sich mit Naturwissenschaft beschäftigen, bleibt ja eigentlich Naturwissenschaft nun eben Wissenschaft, etwas, was man als Wissen hat, womit man glaubt, in diese oder jene Gebiete des Daseins eindringen zu können.

Für den Geistesforscher darf Naturerkenntnis nicht dieses bleiben. Für ihn handelt es sich darum, daß er, ich möchte sagen, innerlich seelisch probiert habe: Was für ein taugliches oder untaugliches Instrument sind die naturwissenschaftlichen Vorstellungen, wenn es sich darum handelt, in die Untergründe des Daseins einzudringen? Er muß gewissermaßen gelernt haben — wenn ich mich trivial ausdrücken darf - die Handhabung des naturwissenschaftlichen Denkens und mit diesem naturwissenschaftlichen Denken nach den verschiedensten Richtungen in gewissenhafter Weise, nun, ich will eben sagen, probiert haben: Wie taugt es oder taugt es nicht, um in das einzudringen, was äußere Natur selbst ist?

Nun kann man ja sagen, daß auf dem Gebiete der Naturwissenschaft selbst Persönlichkeiten erstanden sind, die mehr oder weniger bewußt sich damit befaßt haben, die Frage zu beantworten: Wie weit führt den Menschen mit Bezug auf die großen Erkenntnisrätsel das naturwissenschaftliche Forschen? — Und immer wieder und wieder muß erinnert werden an die Rede, die ein großer Naturforscher, ein großer Physiologe, Du Bois-Reymond, in den siebziger Jahren gehalten hat, an die berühmte Rede über die Grenzen des Naturerkennens, durch die er darlegen wollte, daß eben Naturerkennen an eine gewisse Grenze, und zwar an eine Grenze, die eigentlich dem menschlichen Streben sehr naheliegt, kommen müsse. Du Bois-Reymond führte dazumal aus, daß zwar die Naturforschung in der Lage sei, die Zusammenhänge der Naturerscheinungen in gewisse Gesetze zu bringen und hinter diesen Gesetzen Zusammenhänge in der atomistischen Welt zu finden, daß aber, selbst wenn man sich das Ideal dieser Naturerkenntnis erfüllt dächte, man mit ihr nicht einmal die zwei Grenzfragen beantworten könne: Was ist Materie, was ist Stoff? - und die andere: Was ist auch nur die allereinfachste Empfindung, das einfachste seelische Erlebnis?

Vor diesen zwei Fragen, meinte dazumal Du Bois-Reymond, müsse naturwissenschaftliche Betrachtung haltmachen. Und da er der Anschauung war, daß naturwissenschaftliche Betrachtung die einzige wirkliche wissenschaftliche sei, so meinte er, daß der Mensch überhaupt niemals zu irgendeiner Erkenntnis in bezug auf die beiden angedeuteten Fragen, also auch nicht zu einer Erkenntnis über das menschliche Seelenleben und über dasjenige, was eigentlich hinter der Natur steht, kommen könne, daß es nicht nur Grenzen des Naturerkennens, daß es Grenzen des menschlichen Erkennens überhaupt gebe.

Dasjenige, was da bei Du Bois-Reymond und bei vielen anderen - ich führe ihn nur als Beispiel an - aus einem gewissen logischen Spekulieren heraus als Urteil sich gebildet hat, das muß beim Geistesforscher ins Leben umgesetzt sein. Der Geistesforscher muß gewissermaßen, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, alle Hoffnungen mit dem Naturerkennen erlebt haben und alle Enttäuschungen erlebt haben. Er muß das Naturerkennen so haben auf sich wirken lassen, daß er mit ihm versuchte, die Hindernisse menschlichen Geistesstrebens zu überwinden. Er muß durchgemacht haben die bittere Erfahrung, daß man eben, so streng und so gewissenhaft dieses Forschen ist, doch an gewisse Punkte herankommt, über die dieses Naturerkennen als über bestimmte Grenzen nicht hinwegkommt. Es muß gewissermaßen Erlebnis sein, was da in der Seele des Geistesforschers auftaucht. Er muß gelernt haben, sich zu stoßen mit den naturwissenschaftlichen Begriffen an gewissen Eckpfeilern, die sich darbieten im Naturdasein.

Nun könnte ich viele solcher Eckpfeiler anführen, es würde sich in bezug auf alle dasselbe sagen lassen, was sich über die allereinfachsten Sachen sagen läßt, über die Begriffe von Kraft und Stoff zum Beispiel. Man kann mit dem, was Naturerkenntnis an Vorstellungen den Menschen darbietet, diese Natur bis zu einem gewissen Grade durchdringen. Aber unbegriffen bleibt in dem Bilde der Natur, das man sich dadurch machen kann, immer dasjenige, was sich in solchen Worten repräsentiert, wie Kraft und Stoff und vieles andere. Ich gehe auf das andere nicht ein. Man sieht, daß man mit denselben Methoden, mit derselben Denkweise, mit welcher man gerade fruchtbar in das Wesen des chemisch Vorhandenen in der Natur eindringt, daß man mit diesen Begriffen, mit diesen Vorstellungen, nicht in solches eindringen kann, das sich als Stoff ausbreitet, das als Kraft die Phänomene der Erscheinungen, der Vorgänge der Natur bedingt. Man stößt sich sozusagen an Kraft und Stoff. Man muß zuletzt zu dem Bekenntnis kommen: Je geeigneter die naturwissenschaftlichen Vorstellungen auf den zugänglichen Gebieten sind, desto ungeeigneter werden sie immer mehr und mehr für diese Eckpfeiler.

Und ich möchte sagen, wenn man genügend erlebt hat in diesem Probieren, dann kommt man zu einer bestimmten Fragestellung. Dann fragt man sich: Ja, was ist denn eigentlich der Grund, warum man mit dem Naturerkennen zu solchen Grenzpfeilern kommt? — Und da ergibt sich denn dem forschenden Seelenleben, daß die Grundbedingung für das Anstoßen an solchen Eckpfeilern in der menschlichen Organisation, in der menschlichen Wesenheit selbst liegt. Man merkt zuletzt: Die Natur gibt gewisse Rätsellösungen nicht her, weil man selbst anders sein müßte, wenn solche Rätsellösungen einem zufließen sollten.

Der Gedankengang, den ich hier vor Ihnen entwickle, ist ganz wesentlich unterschieden von dem Kantschen. Aber ich kann bezüglich der Verschiedenheit nur auf meine, jetzt in der Neuauflage eben erschienene «Philosophie der Freiheit» verweisen. Es würde zu weit führen, wenn ich diese Unterscheidung ausführlich auseinandersetzen würde.

Für den Geistesforscher handelt es sich darum, darauf zu kommen, durch wirkliche Selbstbeobachtung darauf zu kommen, daß irgend etwas in der menschlichen Organisation uns hindert, die dargelegten Eckpfeilern zu durchdringen. Da zeigt sich zunächst: Dieselbe Kraft, welche den Menschen hindert, an diesen Eckpfeilern vorbeizukommen, das ist die Kraft, welche uns im gewöhnlichen Leben, überhaupt in unserem ganzen Dasein befähigt zur Liebe. Und das ist die bedeutsame Entdeckung, die man auf solchen Wegen, wie ich sie gestern charakterisiert habe, macht. Man muß gewissermaßen als Geistesforscher hypothetisch die Frage stellen: Wie müßte ein Wesen beschaffen sein - das dann nicht Mensch wäre -, welches solche naturwissenschaftlichen Anschauungen ausbildete, daß, in derselben Weise wie das Zugängliche in der Natur, auch diese Eckpfeiler gewissermaßen durchsichtig, vorstellungsgemäß durchsichtig sich offenbaren?

Ein solcher Mensch würde eine Geistesorganisation haben müssen, die nicht von der Kraft der Liebe durchdrungen wäre. Denn untersucht man dasjenige in wirklicher Selbstbeobachtung, was in jener Lebensäußerung zutage tritt, die wir Liebe in weitestem Sinne nennen, nicht nur Liebe zu irgendeinem menschlichen Wesen, die wir Liebe eben zu jeglichem Liebbaren nennen, untersucht man diese eigentümliche seelische Kraft, so ist ihr Charakter gerade der, daß in dieser Betätigung des Liebens unterdrückt wird, zunächst instinktiv in der menschlichen Natur unterdrückt wird, jene vorstellungsgemäß aktive Betätigung, welche im Verfolgen einer Naturerscheinung oder im Zusammenstellen und Verfolgen eines Experimentes auftreten muß.

Liebe und naturwissenschaftliches Forschen müssen zwei entgegengesetzte Betätigungen des menschlichen Seelenlebens sein. Aber Liebefähigkeit muß in der menschlichen Natur sein. Der Mensch kann nicht gewissermaßen die Liebefähigkeit ad acta legen, beseitigen für die Zeit, in der er naturwissenschaftlich tätig ist. Er kann nach der einen Seite sich äußern nach dem naturwissenschaftlich Vorstellungsmäßigen. Aber dasjenige, was ihn zur Liebe befähigt, ist dann auch in ihm. Und das ist es, was gewissermaßen abdumpft, ablähmt die vorstellungsmäßige Tätigkeit an denjenigen Grenzpfeilern, die ich charakterisiert habe.

Dies ist ein erstes bedeutsames Erlebnis, eine Innenbeobachtung, welche der Geistesforscher auf seinem Wege gemacht haben muß. Gewiß, man kann sagen: Beweise das logisch. - Diese Frage liegt nahe. Weniger nahe liegt dann das Nachdenken darüber, in welchen Fällen man eine solche Frage eigentlich stellen kann. Man kann ja auch nicht die Frage stellen: Warum hat aus logischen Gründen der Stier Hörner oder der Fisch Flossen? Diese Dinge sind zunächst noch Ergebnisse der Beobachtung. Und der Geistesforscher kann auch nur auf die Beobachtung hinweisen, die sich auf dem angedeuteten Wege mit den Erfahrungen gerade des naturwissenschaftlichen Forschens ergibt.

Man kann ja sagen: Ich will meine Seelenverfassung nicht so führen, daß sie zu solchen Erlebnissen kommt. — Nun gut, man kann selbstverständlich das unterlassen. Aber man kann dann nicht Anspruch darauf machen, daß man im Gebiete der Wahrheit irgend etwas zu entscheiden hat. Denn in wirkliche Wahrheit eindringen kann eben nur derjenige, der solche Klippen, wie die bezeichneten, wirklich angetroffen und, ich möchte sagen, dann umschifft hat.

Das zweite Erlebnis, welches zu der zweiten inneren geisteswissenschaftlichen Entdeckung führt, das ist das, welches man macht, wenn man zum Beispiel angelangt ist bei dem Ergebnis, das ich eben jetzt auseinandergesetzt habe. So ausgesprochen, so exemplifiziert, wie das die moderne Geisteswissenschaft zu tun hat, wird das, was ich jetzt eben skizziert habe, allerdings kaum auf einem anderen Felde gemacht werden. Aber instinktiv, mehr oder weniger bewußt oder unbewußt, sind Leute doch darauf gekommen, wie ein gewissermaßen unbrauchbares Instrument die Naturanschauung ist, um in die Geheimnisse des Daseins einzudringen. Dann haben sie sich abgewendet von dieser Naturanschauung und versuchten auf anderem Wege diese Geheimnisse zu erforschen, nämlich auf mystischem Wege, auf dem Wege der innerlichen Selbstbeobachtung, des innerlichen Selbsterlebens. Ebenso wie der Geistesforscher gut kennen muß dasjenige, was man mit dem naturwissenschaftlichen Anschauen erleben kann, so muß er gut kennen dasjenige, was sich auf dem Wege innerlicher, mystischer Versenkung ergibt. Er muß gewissermaßen auch da probiert haben: Ist es möglich, auf dem Wege des Hinuntersteigens in das eigene Seelenleben, auf dem Wege, den man oftmals als den mystischen bezeichnet, zu den Quellen des Daseins zu gelangen? Zu jenen Quellen, mit denen ja doch der Mensch in irgendeiner Weise verbunden sein muß, wenn sie ihn überhaupt irgend etwas angehen? Der Geistesforscher wird auf diesem Wege ebenso Hoffnungen durchmachen, Enttäuschungen erleben und endlich bei dem wichtigen Ergebnisse anlangen, daß man ebensowenig auf diesem Wege der dunklen mystischen Versenkung in das eigene Innere zu den Geheimnissen des Daseins gelangen kann, wie auf dem Wege bloßer äußerer Naturanschauung. Auch da zeigt sich ihm, ich möchte sagen, eine Wand, gegen die er stößt, allerdings eine Wand, die dann in dem eigenen Inneren, im Seelischen, ist. Und wiederum hat er die Aufgabe, nunmehr zu erforschen, woran es eigentlich liegt, daß man auch auf dem Wege der mystischen Versenkung, wie sie oftmals genannt wird, nicht zu den Quellen des Daseins kommt.

Da ist notwendig eigentlich, um zur Klarheit auf diesem Gebiete zu kommen, rückhaltlos, wirklich rückhaltlos naturwissenschaftliche Gesinnung anzuwenden, nicht mit jenen Wahnideen, mit jenen unklaren Versenkungsideen in das Innere, mit denen oftmals Mystik vorgeht, auch vorzugehen, sondern mit aller - zwar braucht es nicht immer nüchtern zu sein-, aber mit aller klaren Erforschung dieses Innere zu studieren. Dieses Innere des Menschen zu erforschen, es ist ja eigentlich gerade für den, der Klarheit anstrebt, nicht so ganz leicht. Denn dieses Innere des Menschen zeigt sich vielfach vor den eigenen Blicken recht, recht kompliziert. Ich möchte ein Beispiel anführen aus der Literatur, der naturwissenschaftlichen Literatur, welches geeignet ist, das zu zeigen. Es könnte in hundertfältiger Weise vermehrt werden, aber damit man es nachlesen kann, möchte ich es anführen aus einer Abhandlung über das unterbewußte Ich, die erschienen ist in dem Bergmannschen Verlag: «Das unterbewußte Ich, sein Verhältnis zu Gesundheit und Erziehung» von Louis Waldstein. Wie gesagt, es könnte das hundertfach vermehrt werden, ich möchte nur ein solches Beispiel anführen, welches zeigt, wie sehr man achtgeben muß, wenn man das eigene Seelenleben erforschen will, und wie leicht die Täuschung gerade auf diesem Gebiete des Forschens ist.

Da erzählt zum Beispiel derjenige, der auf solche Selbsterkenntnis mit naturwissenschaftlicher Gesinnung ausgegangen ist, von sich das folgende: Er stand eines Tages auf der Straße vor einem Buchladen. Seine Augen fielen auf ein Buch über die Mollusken. Und während er als Naturforscher diesen Buchtitel über die Mollusken liest, muß er lächeln und lachen. Er hat keine Ahnung zunächst, wie ihn dieser Buchtitel über die Mollusken zum Lächeln und Lachen veranlaßt. Und man muß auch sagen, es ist doch etwas höchst Merkwürdiges: Ein ernster Naturforscher sieht ein ernstes naturwissenschaftliches Buch in einem Buchladen — und muß lachen. Und siehe da, es fällt ihm ein: Vielleicht komme ich darauf, warum ich da ins Lachen komme, wenn ich die Augen zumache. - Er macht die Augen zu und lauscht. Ganz in der Ferne zeigen sich kaum hörbar die Töne einer Melodie, die er vor Jahrzehnten gehört hat und bei der er tanzen gelernt hat. Durch einen Leierkasten wird es hörbar. Diese Töne hat er, darauf kann er sich ungefähr besinnen, seit Jahrzehnten nicht gehört. Nun hat er sie bewußt auch nicht aufgenommen, während er den Buchtitel angeschaut hat; aber sie huschten gewissermaßen an seiner Seele vorbei und veranlaßten ihn zum Lächeln; auf ganz unterbewußte Weise wurde seine Seele veranlaßt, sich hinzuwenden den Eindrücken, die er vor Jahrzehnten gehabt hat und die recht undeutlich waren. Denn er muß sich selbst gestehen: Dazumal paßte er vielmehr auf, daß er seine Schritte ordentlich machte beim ersten Tanzenlernen, als daß er auf die Melodie selbst seine Gedanken gerichtet hätte. Seine Gedanken waren auch noch auf etwas anderes Unbedeutendes gerichtet, denn er hatte eine Partnerin, nicht wahr. Das alles wirkte aber im Unterbewußten nach, und er mußte lächeln.

Nun, nehmen wir aber das Beispiel, das wie gesagt hundertfach vermehrt werden könnte, nehmen wir das Beispiel ernst. Es ist maßgebend für unzählige Erlebnisse, die durch unser Dasein durchwallen und die uns zeigen, wie wenig eigentlich der Mensch in seinem Bewußtsein zusammenhängt mit dem, was unten im seelischen Leben vor sich geht, wie da in diesem Seelenleben herauftönt längst Vergessenes, ja nicht nur längst Vergessenes - ich habe darüber genauere Ausführungen gemacht in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, nicht nur längst Vergessenes und einmal Klargewesenes klingt da herauf im Seelenleben, sondern auch nicht bewußt Wahrgenommenes. Wir brauchen gar nicht einmal voll hingesehen oder hingehorcht zu haben auf dasjenige, was da war, und dennoch hat es einen gewissen Eindruck gemacht und kommt im geeigneten Augenblick herauf!

Derjenige, der gewissenhaft Geistesforscher ist, bildet den Weg aus, der hier mit einem ersten Schritte angedeutet ist. Er untersucht, was alles da in den Tiefen des Seelenlebens vorhanden ist, und dann kommt er darauf, wie gutgläubige, naive Mystiker oftmals solchen Dingen zum Opfer fallen. Diese gutgläubigen, naiven Mystiker, sie versenken sich in ihr Inneres, holen aus ihrem Inneren allerlei herauf, holen herauf dasjenige, was sie dann nennen ein Gefühl des Zusammenseins mit dem Urquell des Daseins, aber vielleicht sind es doch nur die umgewandelten Töne des Leierkastens! Vielleicht kommt es doch auf demselben Wege zustande, wie das zustande gekommen ist, von dem ich Ihnen erzählt habe. Denn das Eigentümliche zeigt sich im Seelenleben, daß solche Reminiszenzen, solche Dinge, die einmal Eindruck gemacht haben und dann fortwirken, nicht nur so heraufkommen, sondern umgewandelt, rein innerhalb unserer Organisation selbst, nicht nur wie sie ursprünglich waren, sondern als etwas ganz anderes. Dennoch sind sie nichts anderes als eine Bildtatsache desjenigen, was wir so erlebt haben. Mancher glaubt, tiefe Mystik tradieren zu können aus seiner Selbstbeobachtung heraus, und man hat es nur zu tun mit umgewandelten Jugendeindrücken oder dergleichen.

Gerade auf diesem Wege muß sorgfältigst Geisteswissenschaft wirklich vorgehen, denn sie soll gerade das Klarste und nicht das Verworrenste sein. Das bemerkte ich schon wiederholt.

Und so kommt denn der Geistesforscher dazu, gerade dasjenige in der menschlichen Seele zu studieren, wodurch das, was man im gewöhnlichen vollbewußten Erinnerungsleben hat, zusammenhängt mit allerlei unterbewußten Lebensreminiszenzen, umgewandelten Erinnerungen und so weiter. Und indem der Geistesforscher diesen Weg verfolgt, indem er wirklich mit naturwissenschaftlicher Gesinnung auf diesem Wege vorgeht, kommt er zur Beantwortung der zweiten Frage: Wie ist das Erlebnis mit der Mystik? Warum kommt man auf dem Wege gewöhnlicher Mystik im Grunde auch nur zu etwas Unbefriedigendem, wenn man wirklich die rechten Kräfte der Erkenntnisse in sich verspürt?

Da zeigt sich denn, daß eben im Menschen etwas dasein muß: geradeso wie die Liebeskraft dasein muß, die die naturwissenschaftliche Grenze liefert, so muß etwas da sein im Menschen, was ihn verhindert, in die Untergründe seines eigenen Wesens, wie es der Mystiker will, im gewöhnlichen Bewußtsein wirklich hinunterzutauchen. Würde nämlich der Mensch - man kann wiederum hypothetisch diese Gegenfrage stellen — die Fähigkeit haben, restlos hinunterzusteigen, alles zu verfolgen, was auf dem Wege anzutreffen ist, von dem ich gesprochen habe, und was der Mystiker glaubt, finden zu können in dem menschlichen Inneren, dann würde der Mensch die andere, für das Leben notwendige Fähigkeit nicht haben: nämlich die Kraft des Gedächtnisses, die Kraft der Erinnerung selbst. Es müssen sich gewissermaßen die Eindrücke des Lebens, die Vorstellungen des Lebens stauen. Sie dürfen nicht bis in unser Innerstes hineingehen. Wir müssen den Schleier vor unserem Inneren haben, der wie ein Spiegel wirkt und aus dem heraus zurückstrahlen unsere Erlebnisse als Erinnerungen. Und so wenig wir, wenn wir vor einem Spiegel stehen, das sehen, was hinter dem Spiegel liegt, so wenig sehen wir das menschliche Innere, das hinter jenem Spiegel liegt, der eigentlich unsere Erinnerungen zustande bringt.

Und so kommt zuletzt derjenige, der dieses zweite Erlebnis hat, wirklich darauf, daß im Grunde genommen alles, was auf dem Wege der gewöhnlichen Mystik zu erreichen ist, für den Geistesforscher nicht zu gebrauchen ist, weil es sich in irgendeiner Weise, wenn es nur im gewöhnlichen Bewußtsein verarbeitet wird, im Grunde doch als Lebensreminiszenz, als umgewandelte Erinnerungen oder dergleichen ausweist.

So sind zwei Ausgangspunkte, zwei Erlebnisse, die durchgemacht sein müssen, wenn man Geistesforscher sein will: das Erlebnis mit der Naturanschauung und das Erlebnis mit den Reminiszenzen, mit den umgewandelten Erinnerungen. Und aus diesen Erlebnissen heraus erhält man, ich möchte sagen, eine gewisse Erkenntnisweise. Und diese Erlebnisse, werden sie wahrhaftig ernst gemacht, werden sie nicht bloß, ich möchte sagen, theoretisch tradiert, sondern gelernt, mit allen Enttäuschungen, die mit diesen beiden Erlebnissen verbunden sind, an der eigenen Seele kennengelernt, dann bedeutet solches Erlebnis zu gleicher Zeit die Erzeugung einer inneren Kraft. Und diese Kraft bringt einen dazu, in anderer Weise den Erkenntnisweg zu verfolgen, als er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein verfolgt wird.

Das eben, was ich auseinandergesetzt habe, ist die Unterlage, auf welcher sich aufbaut jenes Weiterarbeiten des Geistesforschers, das dahin zielt, nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein — das ja Liebefähigkeit und Erinnerungsfähigkeit sein muß für das gewöhnliche Leben -, nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein hineindringen zu wollen in die übersinnliche Welt, daß die Geheimnisse, nach denen wir forschen, sich enthüllen müssen; sondern erst sich ein anderes Bewußtsein heranerziehen, ein anderes Bewußtsein ausbilden, um mit Hilfe dieses anderen Bewußtseins in die übersinnliche Welt einzudringen.

Es wurde hier eben angedeutet, daß es nötig ist, um zu der dem Menschen erstrebbaren Wahrheit zu kommen, über den gewöhnlichen Bewußtseinszustand, der für das alltägliche Leben und auch für die gewöhnliche Wissenschaft der richtige ist, hinausgelangen zu können zu einem anderen Bewußtseinszustand. Aber vor dieser Forderung schrecken die meisten unserer Zeitgenossen noch zurück. Sie wollen diese Forderung lieber als etwas Phantastisches, als etwas Schwärmerisches hinstellen, und verfallen dadurch in ein Zweifaches: entweder die Möglichkeit der Erkenntnis der höheren Wahrheiten abzulehnen oder an sie herantreten zu wollen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein. Es ist selbstverständlich aus dem Gesagten, daß man auf beiden Wegen nicht zu irgendeinem Ziele kommen kann.

Nun wird sich ja in einer gewissen Weise gerade aus diesen Erlebnissen heraus die Natur und Wesenheit des Weges ergeben, den man einzuschlagen hat. Was ist es denn nach dem Gesagten, was einen nicht hinuntersteigen läßt im gewöhnlichen Bewußtsein in das eigene Innere? Es ist das Gedächtnis, es ist die Erinnerungskraft. Erforscht man alles dasjenige, was zugrunde liegt der menschlichen Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern, dann findet man, wie eben die Erinnerungsfähigkeit gebunden ist an den menschlichen Leibesorganismus.

Es ist ein ganz kolossaler Irrtum von Bergson, daß er meint, das Gedächtnis, wenigstens ein Teil des Gedächtnisses, sei nicht gebunden an den menschlichen Organismus. Geisteswissenschaft zeigt gerade, daß der Vorgang der Sinneswahrnehmung, den wir denkend durchdringen, in das Physiologische so eingeordnet ist, daß er nach der Erinnerung hindrängt. Daß wir erinnern können, das liegt schon im Sinneswahrnehmungsvorgang, der vorstellungsgemäß durchdrungen wird, selbst.

Nun, alles aber, was zur Erinnerung führt, was also nach der Naturanschauung hinzielt, das kann nicht, wie gezeigt worden ist, in das menschliche Innere hinunterführen. Die Frage entsteht also: Gibt es eine Möglichkeit, eine solche vorstellungsmäßige innere Seelenbetätigung zu entwickeln, die nichts mit der Erinnerung zu tun hat, die gewissermaßen herausgehoben ist aus dem alltäglichen und sonstigen wissenschaftlichen Leben, das ja, wenn es gesund sein will, immer an die Erinnerungen appellieren muß?

Vielleicht, weil hier das Persönliche, Subjektive, einen objektiven Wert haben könnte, darf ich hier einschalten, wie ich vor vielen Jahrzehnten selbst dahin geführt worden bin, zu den ersten elementarsten Schritten geführt worden bin, die dann zur weiteren Geistesforschung mich gebracht haben in bezug auf dieses Wesen der Erinnerungsfähigkeit.

Es ist ein vielleicht Ihnen sehr unbedeutend erscheinendes Erlebnis meiner Kindheitsjahre. Aber immer und immer wiederum mußte ich während meiner Schulzeit an mir selbst die Wahrnehmung machen, daß ich, obwohl ich eigentlich in allen Fächern, welche zur Mathematik oder Geometrie hinneigten, die allerbesten Fortschritte machte, daß ich gar kein Talent hatte, mathematische Formeln — Sie werden ja vielleicht wissen, was das ist mir gedächtnismäßig zu merken. Ich könnte auch sagen, es lag nicht einmal daran, daß ich sie mir nicht hätte merken können, aber ich hatte keine Neigung, sie mir aneignen zu können. Wenn also eine Klausurarbeit, Schülerarbeit in diesen Dingen gemacht wurde, so machten die anderen ihre Rechnung algebraisch nach den mathematischen Formeln, die sie sich gemerkt hatten. Ich hatte immer wieder diese mathematischen Formeln im Augenblicke auch zu entwickeln aus dem Grundprinzip heraus, also immer die ganze Ableitung zu machen, und dann rechnete ich mit der Formel. Weil ich nicht verstanden habe, das gedächtnismäßig zu behalten, mußte ich immer suchen, den vorstellungsmäßigen Schluß, der zu der Formel führt, gegenwärtig zu haben, also etwas in den Vorstellungen zu entwickeln, das gewissermaßen nicht appelliert an das Gedächtnis.

Das war für mich persönlich der Ausgangspunkt auf jenem Wege, der jeden Geistesforscher dazu führen muß, solche innere Seelenarbeit zu kultivieren, die dann wirklich zu einem veränderten Bewußtseinszustand führt, die man nennen könnte: kontemplatives Meditieren, Verweilen im inneren vorstellungsmäßigen Seelenleben. Aber dieses Vorstellungsarbeiten muß so eingerichtet sein, daß es, wenn dasselbe wieder auftreten soll, gewissermaßen aus demselben Impulse herauskommt, nicht eine wiederholte, erinnerungsmäßige Arbeit im Vorstellen ist.

Darf ich vom Heutigen sprechen, so muß ich wiederum sagen — sehen Sie, ich halte über dieselben 'Themen manchmal zehn, zwanzig, dreißig Vorträge an verschiedenen Orten-: Niemals wäre ich imstande, einen Vortrag wiederum in derselben Weise zu halten über dasselbe Thema. Jeder ist anders, weil ich es eigentlich nicht so durchmachen will, daß ich mir irgend etwas merke, sondern daß in dem Momente, wo ich die Dinge ausspreche, sie sich wirklich auch gegenwärtig erzeugen. Also auch da kein Reflektieren auf dasjenige, was gedächtnismäßig bleiben kann.

Mißverstehen Sie mich nicht; es fällt mir nicht ein, etwa zu behaupten, daß Geistesforschung darinnen bestünde, das Gedächtnismäßige auszuschalten. Man würde den Menschen selbstverständlich unbrauchbar für das Leben machen, wenn man ihm das Gedächtnis nehmen würde. Es wird ihm auch nicht genommen, wenn er in dieser Weise sein Denken ausbildet, daß er in das gewöhnliche Seelenleben hinein solch eine Seelenbetätigung führt, die nötig macht, immer wieder und wiederum neu erzeugt zu werden, und die nicht auf das Erinnerungsvermögen reflektiert. Das ist es im Grunde, was ich in den verschiedensten Einzelheiten dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern; das ist es, was in der einen oder in der anderen Weise durch diese oder jene seelischen Hilfsmittel angestrebt werden kann, was aber immer auf das Folgende hinausläuft: Zu jenem Denken, von dem ich gestern gesagt habe, daß es eigentlich nur das äußere Anschauen begleiten und dann zur Erinnerung führen muß, wenn das gewöhnliche Leben gesund sein soll, zu diesem Denken kommt ein anderes hinzu, das nicht darauf ausgeht, Erinnerungsgemäßes zu erzeugen, sondern solches, welches in immer neuer und neuer Weise in der Seele lebt, immer neu und neu erzeugt werden muß.

Dadurch bringt sich der Mensch seelisch mit einem ganz anderen Element in Verbindung, als wenn er nur das Erinnerungsmäßige in sich aufnimmt. Dadurch gelangt der Mensch dazu, allmählich Vorstellungen, eine Vorstellungsbetätigung zu entwickeln, die nun wirklich nicht bloß jene blasse Vorstellungsbetätigung ist, die man kennt als Begleiterscheinung des gewöhnlichen Lebens oder der gewöhnlichen Wissenschaft, sondern es tritt nach und nach im Üben solcher nicht an die Erinnerung appellierender Vorstellungen eine Lebendigkeit auf, eine Erkraftung des Vorstellens, die, ohne daß man im Vorstellen Sinneswahrnehmungen hat, Augen-, Gehörswahrnehmungen hat, doch so lebendig ist, wie sonst nur unser Seelenleben ist, wenn wir Sinneswahrnehmungen haben. Man kommt zu einem Vorstellen, zu einem bloßen Vorstellen, welches so kraftvoll, so gesättigt ist, so lebendig ist, wie sonst nur das Seelenleben ist, wenn es der ganzen, vollsaftigen äußeren Sinneswelt gegenübersteht: ein Denken, das wie ein Anschauen ist, und ein Anschauen, aber ein innerlich erzeugtes Anschauen, das wie ein Denken ist.

Dies kann einen erst unterrichten über die Natur des eigentlichen menschlichen Lebens. Denn jetzt, wenn man in sich die Möglichkeit aufgenommen hat, solch anschauliches Vorstellen zu haben, jetzt erst kann man dieses Vorstellen vergleichen mit dem gewöhnlichen Vorstellen des Alltags und der gewöhnlichen Wissenschaft. Und dann kommt man erst darauf, was das letztere selbst für eine Wesenheit hat. Dann kommt man darauf, sich zu sagen: Ja, die Naturwissenschaft verwendet ja nur solche Vorstellungen, welche durch ihre eigene Wesenheit nach der Erinnerung hin organisiert sind; sie verwendet niemals diejenigen Vorstellungen, die so heranerzogen werden in der menschlichen Natur, wie ich es charakterisiert habe.

Aber dann, wenn man solches Denken entwickelt, solch anschauliches Denken, dann kommt man auch zu jenem Erlebnis, welches gewissermaßen den Spiegel, von dem ich vorhin vergleichsweise gesprochen habe, durchstößt, welches wirklich hinter das Gedächtnis hinunterdringt und in das menschliche Innere hineindringen kann.

Da zeigt sich allerdings: Kommt man in die Region, die sonst durch den Gedächtnisspiegel verdeckt wird, dann trifft man etwas, was das unvorbereitete Bewußtsein zunächst in einer eigentümlichen Weise berührt. Man macht ein Erlebnis durch, das sich nur vergleichen läßt mit dem persönlichen Erlebnis, ich möchte sagen, der Übersättigung, und man kommt darauf, daß im Menschen etwas lebt, das man nur auf dem angedeuteten Wege finden kann, das dem Menschen eine unbewußte Antipathie zu ihm selbst einflößt, sein eigenes Inneres, das ihn fortwährend zurückstößt. Zurückstoßende Kraft muß da vorhanden sein, wie Licht zurückgestoßen wird durch den Spiegelbelag. Der Spiegelbelag läßt sich gewissermaßen vergleichen mit dem, was da als ein unterbewußtes Antipathie- oder Übersättigungsgefühl sich geltend macht. Man merkt das nicht im gewöhnlichen Bewußtsein, weil es eben Spiegelbelag ist, weil man das, was zurückgestrahlt ist, erlebt in der Erinnerung.

Jetzt aber, mit dem neu entwickelten Vorstellungsleben, dringt man ja hinunter, und man hat zu überwinden jene geschilderte Antipathie hinter dem Gedächtnisspiegel. Man überwindet sie nur, wenn man noch andere Erlebnisse zu den geschilderten hinzufügt, wenn man nicht nur versucht, solches Vorstellen in sich zu entwikkeln, das nicht Anspruch macht auf das Gedächtnis, sondern wenn man versucht, jene Kraft in sich auszubilden, welche in einer sehr alltäglichen, ich könnte besser sagen, allnächtlichen menschlichen Betätigung vorhanden ist, aber in einer sehr schwachen Weise, in einer unbrauchbaren Weise vorhanden ist. Ich meine jene Betätigung der menschlichen Seele, die sich im Traume darlebt.

Das Träumen, die Traumtätigkeit ist etwas, was der Geistesforscher sehr wohl studieren muß, denn die Seele lebt natürlich auch in Träumen. Sie lebt, wie ja jeder weiß, in einer gewissen Weise in einer Unwirklichkeit, indem sie im Träumen lebt. Träume haben ja immer die Menschen dazu geführt, gewisse Rätselfragen des Lebens aufzuwerfen.

Der Geistesforscher wird weder so über die Träume forschen können, wie man das früher nach dem Muster der Traumbücher getan hat, noch wird er so zu forschen haben, wie es die moderne Psychoanalyse tut, denn beidesführtnichtin das Erkennen jener Kraft, die eigentlich hinter dem Träumen liegt. Kann man das Träumen verfolgen, dann zeigt sich immer, daß an jedem Traume beteiligt ist das menschliche Leibesinnere. Irgendwie sind es immer Leibesvorgänge, die mit dem Träumen zusammenhängen, aber Leibesvorgänge, die sich so äußern, daß sie in einer gewissen Weise hinausgehen über das ruhige Schlafesleben, sich hineindrängen in das Seelenleben und in irgendeiner bildlichen Unklarheit zum Ausdrucke kommen.

Dieses Träumen so nehmen zu wollen, wie es sich in seinen Bildern darstellt, das kann dem Geistesforscher ja nicht einfallen. Man hat mich einmal im Anschluß an einen Vortrag von seiten eines Psychoanalytikers gefragt: Ja, das, was Sie Anthroposophie nennen, das nimmt die Träume mit Bezug auf ihren unmittelbaren Inhalt. Wir aber, wir Psychoanalytiker, nehmen die Träume, indem wir aus ihren Bildern erforschen wollen, was da im Unterbewußten rumort. — Nun, ich will die Sache nicht weiter ausführen, aber darauf ist zu erwidern: Wie der Psychoanalytiker - allerdings mit unzulänglichen Mitteln — die Träume nicht unmittelbar in ihrer Bildhaftigkeit nimmt, sondern etwas hinter ihnen erforschen will, so macht es erst recht der Geistesforscher, aber nicht mit unzulänglichen Mitteln. Ihm ist klar, gerade aus einer wirklich mit naturwissenschaftlicher Gesinnung getriebenen Erforschung des menschlichen Seelenlebens, daß dasselbe, was im Seeleninnern vorgeht, sich in ganz verschiedene Bilder kleiden kann, wenn geträumt wird. Ich will sagen: Man geht im 'Traum auf einen Berg hinauf und fällt auf der anderen Seite hinunter-, dasselbe könnte vorgehen, wenn man träumt, man habe ein Papier vor sich, das man durchstößt, in das man ein Loch macht. Die Bilder, die im Traume auftreten, sie sind nur eine Verbrämung, nur eine äußerliche Auskleidung. Und derjenige, der nach dem Inhalt des Traumes, nach dem Bildinhalt des Traumes sucht, wird niemals hinter das Geheimnis jener Kraft in der menschlichen Seele kommen, die im Träumen liegt. Derjenige allein kommt hinter die Kraft, die im Träumen liegt, der den Traum, ich möchte sagen, in seiner dramatischen Folge - ganz abgesehen davon, wie er sich bildhaft zum Ausdrucke bringt — verfolgen kann, der verfolgen kann, wie Spannungen und Lösungen oder stehenbleibende Spannungen im Seelenleben auftreten. Die können sich dann in die verschiedensten Bilder kleiden. Erst ein solches Denken, wie ich es geschildert habe, erst ein solches Denken kann eindringen in diejenigen Regionen des Seelenlebens, aus denen die verworrenen Träume im gewöhnlichen Bewußtsein kommen. Denn derjenigen Region in der menschlichen Organisation gehört das Träumen an, welche hinter dem Spiegel liegt.

Man taucht unter in das Gebiet, das hinter dem Spiegel liegt, wenn man mit ausgebildetem Vorstellen, das nicht an Erinnerungen appelliert, nun untertaucht in das menschliche Innere. Denn da trifft man die Kraft, die sonst nur, ich möchte sagen, embryonal oder unvollkommen in Träumen sich auslebt, da trifft man diese Kraft des menschlichen Inneren in ihrer wahren Gestalt. Sonst ist dasjenige, was da unten als die unterbewußte Natur des Menschen ist, etwas, was aus unterbewußter Antipathie in das Bewußtsein, in das Seelenleben heraufschlägt und dadurch eben die Spiegelung des Gedächtnisses bewirkt. Jetzt taucht man unter. Und allein dieses so Geschilderte, nicht die erinnerungsmäßigen Vorstellungen, kann so untertauchen, daß die Antipathie überwunden wird. Die Antipathie ist es, die unser Bewußtsein abstumpft gegen das eigene Innere, die uns nicht hinunterkommen läßt, zu zerstoßen den Spiegel, zu dringen unter den Spiegelbelag, hinein in eine Region, die sonst sich als Antipathie, unbewußte Antipathie für das menschliche Seelenleben erweist.

Dadurch entwickeln wir eine Kraft, welche auch sonst im Leben vorhanden ist. Ich habe sie heute schon genannt in ihrer Bedeutung für das gewöhnliche Leben: jene Kraft, welche die menschliche Liebefähigkeit ist. Diese Liebefähigkeit lernen wir sonst erkennen, ich möchte sagen, in ihren Ansätzen, wie sie sich im gewöhnlichen Leben äußert. Dringen wir aber auf dem angedeuteten Weg hinunter in unser eigenes Inneres, dringen wir mit dem nicht erinnerungsmäßigen Vorstellen in dieses Gebiet hinunter, dann erhöht sich gerade die Kraft der Liebefähigkeit. Und das ist die zweite Seite des Seelenlebens, die der Geistesforscher ausbilden muß.

Die erste Kraft besteht darinnen, daß er ein Vorstellungsleben entwickelt, das nicht auf Erinnerung hin gebaut ist. Das andere ist, daß er ein solches inneres Leben entwickelt - und es stellt sich bald heraus als ein Willensleben, denn das alles, was da erlebt wird, lebt sich aus in den Willensimpulsen -, ein solches Leben entwickelt, das im wesentlichen steigert die Liebefähigkeit. Während also auf dem Gebiete, auf dem man den Geist erforschen will, geradezu die Erinnerung ausgeschlossen sein muß, muß die Liebefähigkeit erhöht werden in einem Grade, von dem sich das gewöhnliche Bewußtsein keine Ahnung macht, weil dieses gewöhnliche Bewußtsein in der Regel nur die Liebe entwickelt in bezug auf äußere Wesen und äußere Dinge, nicht aber in bezug auf das Geistige; und das Geistige wird angetroffen auf dem Wege, von dem ich eben gesprochen habe, der durch das Zerbrechen des menschlichen Gedächtnisses in das menschliche Innere hineinkommt.

So stellt sich die vielleicht paradox klingende Tatsache heraus, daß dasjenige, was notwendig ist für den gewöhnlichen Naturforscher und das gewöhnliche Leben, die Erinnerungsfähigkeit und die Liebefähigkeit, auf dem Wege, den die Geistesforschung durchzumachen hat, sich so ausbildet, daß das Vorstellungsleben auf der einen Seite einlaufen muß in eine Region, wo auf das Erinnern kein Anspruch gemacht werden kann, das Willensleben aber einlaufen muß in eine Region, wo die Liebefähigkeit im wesentlichen erhöht wird.

Dadurch dringt der Mensch in diejenigen Gebiete ein, die sonst hinter den naturwissenschaftlichen Grenzen liegen. Entwickelt er dasjenige, von dem ich gesprochen habe, eben nach den zwei Seiten der menschlichen Natur hin, dann gelangt er hinaus über jene Klippen, die an den Eckpfeilern sich darstellen.

Dasjenige, was sonst sich nur darstellt eben als Naturzusammenhang, wird gewissermaßen durchschaut. Man kommt dann allerdings nicht auf Atome, man kommt nicht auf den hypothetischen Stoff, die Materie, von denen sonst gesprochen wird; man kommt, indem man die Natur durchschaut, durchforscht, zum Übersinnlichen, zum Geist. Dadurch kommt man zum Geist, der hinter der Natur und in der Natur lebt, daß man gewissermaßen aufwacht. Denn ein Aufwachen ist es mit Bezug auf das gewöhnliche Bewußtsein, was ich eben geschildert habe. Wie der Mensch - das kann ich vergleichsweise sagen — im dumpfen Schlafes- oder Traumesdasein leben kann und dann aufwacht in das gewöhnliche Tagesbewußtsein hinein, so ist dasjenige, was ich geschildert habe, ein höheres Aufwachen, ein Aufwachen so, daß dem Erleben gegenüber, welches man mit dem Vorstellen, mit dem Wollen, wie ich es geschildert habe, durchmacht, das gewöhnliche Wachleben so ist, wie sonst das Traumesleben diesem Wachleben gegenüber.

Namentlich mit Bezug auf eines möchte ich den Vergleich weiter ausführen. Den Traum sieht jedes gesunde Bewußtsein als eine Summe von Bildern an, und es weiß: Indem es aus dem Traume heraustritt und in die gewöhnliche Wirklichkeit eintritt, tritt es aus der Bilderwelt eben in die Seinssphäre herein. Im Traume wird die gewöhnliche Seinswelt Bilderwelt. So beginnt derjenige, der ein Geistesforscher geworden ist, der Welt, die er im übersinnlichen Bewußtsein, im erweckten übersinnlichen Bewußtsein nun erlebt, gegenüberzutreten. Er weiß: Diese gewöhnliche Welt, die wir mit Augen schauen, mit Ohren hören, mit den anderen Sinnen wahrnehmen, die wird für ihn eine Bilderwelt für das übersinnlich Erlebte. Die ganze Natur wird eine Bilderwelt für das übersinnlich Erlebte, wie die Traumeswelt sonst Bilderwelt ist für das gewöhnliche, äußere Sinnesleben-Sein. Da stellt sich heraus, daß eigentlich der Gang der neueren Naturforschung mit all ihren großartigen, gewaltigen Errungenschaften — denn der Geistesforscher stellt sich in bejahender, nicht in negativer Weise zu der Naturforschung -, daß diese ganze moderne Naturforschung eigentlich nur dadurch groß geworden ist, daß sie sich beschränkt darauf, Bildnatur zu geben, nicht eindringen will mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, in dasjenige, was als Geheimnis hinter den Bildern ist.

Ich möchte wiederum durch ein Gleichnis noch veranschaulichen, wie man zu jenem Wollen kommt, von dem ich gesagt habe, es ist eine Erhöhung der Liebefähigkeit, durch einen Vergleich, einen ganz einfachen, elementaren Vergleich, der aber dann weiter und immer weiter ausgebildet werden kann: Man weiß gewöhnlich nicht, daß dasjenige, was man Schreiben der Menschen nennt, wenn man auf verschiedene Menschen hinschaut, zwei ganz verschiedene Tätigkeiten darstellt. Diese feineren psychologischen Beobachtungen mit Bezug auf das Schreiben machen die wenigsten Menschen. Wenn der eine schreibt, so braucht dieses Schreiben seiner inneren Wesenheit nach mit Bezug auf einen gewissen Punkt nicht ganz dasselbe zu sein, was es ist, wenn der andere schreibt. Es gibt nämlich — und das ist bei den meisten Menschen der Fall - solche Personen, die schreiben, indem sie die Buchstaben so formen, daß die ganze Konfiguration des Buchstabens, ich möchte sagen, im Handgelenk liegt. Und natürlich meine ich damit mehr in alledem, was damit zusammenhängt. Der Mensch hat so seine Schrift, aber sie liegt in seiner Organisation, sie löst sich nicht los von seiner Organisation.

Ich kenne andere Leute, die schreiben anders; die schreiben so, daß sich das Schreiben mehr loslöst von ihrer Organisation; sie malen gewissermaßen, indem sie schreiben. Es ist außerordentlich interessant, wenn man darauf kommt, daß es solche Menschen gibt, die eigentlich malen, indem sie schreiben, die eigentlich immer eine Anschauung von der Buchstabenform haben, die den Buchstaben immer formen, die ihn zeichnen, die also viel objektiver im Buchstaben leben. Die haben nicht im Handgelenk die Formen der Schrift, sondern sie zeichnen die Schrift.

Gewöhnlich sind das solche Leute, die in ihrer Jugend eine große Liebefähigkeit an den Tag gelegt haben und die in ihrer Jugend die Eigentümlichkeit gezeigt haben: Wenn sie einmal einen Menschen gesehen hatten, den sie schätzten, so haben sie auch so geschrieben wie der, haben seine Schrift nachgeahmt. Wenn sie angefangen haben, einen anderen Menschen gern zu bekommen, malten sie seine Schrift nach. Und so blieb ihnen diese Fähigkeit für das Leben, daß die Schrift eigentlich ein Zeichnerisches, ein Malerisches ist.

Da wird man aufmerksam, daß eine ganz andere elementare Betätigung des Menschen sich loslösen kann von dem Menschen, mehr in das Objekt hineinsteigen kann, und daß dieses In-das-Objekt-Hineinsteigen gerade mit der Liebefähigkeit des Menschen zusammenhängt. Man wird jene Liebefähigkeit, von der ich vorhin als einer Ausbildung des Willens gesprochen habe, diese Liebefähigkeit für den Geist bei solchen Menschen vorzugsweise ausgebildet finden, die eigentlich keine durch ihre Organisation bedingte Schrift haben, die im Grunde genommen immer schreiben können, wie sie wollen, nach links, nach rechts, stehend, liegend, was sie wollen, die die Buchstaben so oder so formen können. Das hängt zusammen mit dem Untertauchenkönnen, mit dem liebevollen Untertauchenkönnen in die objektive Welt.

Nun, dasjenige, was ich hier für die elementare Tätigkeit des Schreibens ausgeführt habe, das kann aktuell werden, das kann für den Menschen so werden, daß es auch in höhere Betätigungen hineinführt. Das ist dasjenige, was auf dem Wege liegt, den ich gemeint habe, indem ich zeigte, daß zu dem nicht an die Erinnerungen appellierenden Vorstellen jene Willensimpulse dazukommen müssen, welche gewissermaßen zusammenwachsen mit der äußeren Objektivität.

Das ist wiederum dasjenige, was im Geistesforscher, ich möchte sagen, bis zu einem hohen Grade sich ausbilden muß. Dann wird für ihn dasjenige, was sonst grob, robust wirkt für das gewöhnliche Bewußtsein, es wird für ihn die Welt zum Bilde, indem sie sich gerade in ihrer Wahrheit enthüllt, und er dringt dann in Wahrheit durch zu dem Übersinnlichen.

So stellt sich dann etwas heraus, das ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte: Es gibt heute einen Philosophen, den ich von einer gewissen Seite her sehr schätzen muß, obwohl ich eigentlich mit nichts einverstanden sein kann, was er sagt. Aber es ist ein Philosoph, der sich gerade gut befaßt hat mit der Beantwortung der Frage: Was kann naturwissenschaftliche Gesinnung eigentlich über die Welt wissen? — Und er hat von verschiedensten Seiten her diese Frage beantwortet. Es ist der Philosoph Richard Wahle. Dieser Philosoph, ich möchte ihn als einen Repräsentanten hinstellen nicht nur für die Art, wie viele denken, sondern für die Art, nach der überhaupt das Denken der Zeit tendiert, ebenso wie ich gestern die Philosophen nicht etwa als die Lehrer der Menschheit hinstellen wollte, sondern als diejenigen, welche gewisse Symptome der Zeit zur Darstellung bringen. Dieser Richard Wahle versuchte, die modernen Weltanschauungen, wie er sie kennt - er kennt eben Geisteswissenschaft nicht und wird sie nicht kennenlernen wollen -, er versuchte, moderne Weltanschauungen zu fragen: Was kannst du lernen über die wahre Wirklichkeit? - Und er kam dazu, zu sagen: Nirgends, wenn wir nach naturwissenschaftlichem Muster die Welt anschauen, kommen wir dazu, das Kraftvolle zu erkennen, dasjenige, was die Vorgänge bewirkt; sondern wir lernen nur erkennen die Aufeinanderfolge der Vorgänge, das Bilden des einen Vorganges aus dem anderen. Aber dasjenige, was im einen Geschehen sich drängt, so daß das andere werden kann, das Kraftende, die Urfaktoren, wie Wahle es nennt, die lernt man nicht kennen. Und so kommt denn, indem er gewissenhaft versucht, die Frage zu beantworten: Was kann man mit der Naturforschung? —, so kommt denn dieser Richard Wahle, der ein Universitätsprofessor der Gegenwart ist, zu der Anschauung, daß diese moderne Naturanschauung eigentlich nun wirklich nicht ein Wahrheitsbild, ein Wirklichkeitsbild gibt von der äußeren Welt, sondern daß sie das gibt, was eigentlich nicht in der Wirklichkeit der Natur ist, sondern ein Naturgespenstisches. Und gerade je mehr das Ideal der Naturwissenschaft erfüllt ist, desto gespensterhafter wird dasjenige, was nun in dem Bild von der Natur vorhanden ist. Richard Wahle, in seinem «Über den Mechanismus des geistigen Lebens» sagt, man kann überhaupt zu nichts anderem kommen als zu einer solchen gespensterhaften Anschauung.

Nun, das gibt für ihn, ich möchte sagen, geradezu die Verurteilung alles philosophischen Strebens. Er ist Philosoph, und er hat ein eigentümliches Urteil über die Philosophie nicht nur der Gegenwart, sondern auch über die Philosophie der Vergangenheit gefällt. Es ist allerdings eine merkwürdige Tatsache, daß der offizielle Vertreter der Philosophie an einer Universität in der Gegenwart zu dem Urteile kommt, das ich gleich anführen will, über Philosophie, also sozusagen über sein eigenes Handwerk. Es ist außerordentlich charakteristisch für die Gegenwart, aber es ist so. Und es ist auch in gewisser Beziehung gerade als Phänomen, als Tatsache außerordentlich beachtenswert. Dieser Richard Wahle schaut sich an das, was die Philosophie, was er selbst auf philosophischem Gebiet geleistet hat, und sagt ungefähr: Früher glich die Philosophie einem Restaurant, in dem Köche und Kellner ungenießbare Speisen den Gästen darboten; und jetzt ist die Philosophie ein Restaurant, in dem Köche und Kellner herumstehen und überhaupt nichts zu tun haben. - Er verweist also auf diese Kellner, will sagen Philosophen, in diesem merkwürdigen Restaurant der Gegenwart und geht aus von einer in gewisser Beziehung exakten Frage: Was kann die Naturwissenschaft? - Und er kommt dazu, die Grenze der Naturwissenschaft sich vor Augen zu stellen, indem er ihr gespensterhaftes Wesen, das nur an der Außenseite haften muß, eben sich vor die Seele führt. Er bringt es zur Erkenntnis der Bildnatur alles Naturerkennens. Und das ist überhaupt ein bedeutsames Phänomen im Gegenwarts-Geistesleben.

Die Naturwissenschaft tendiert dahin, gerade wenn sie sich gut selbst erkennt, immer mehr und mehr das erkennen zu müssen, daß sie eigentlich nur Bilder liefert, daß dasjenige, was sie Natur nennt, nur Bild ist von irgend etwas.

Derjenige, der heute gewissenhafter naturwissenschaftlicher Denker ist, kommt nicht zum törichten Monismus, sondern er kommt zu der Anerkennung der Bildhaftigkeit alles Naturerkennens. Dafür könnten heute schon unzählige Zeugnisse angeführt werden, indem man diejenigen Betrachtungen nimmt, die nicht kleinlich sich hingeben dem naturwissenschaftlichen erkenntnistheoretischen Vorgang, sondern die in gewissenhafter Weise versuchen, sich die Frage zu beantworten: Inwiefern ist Naturwissenschaft ein taugliches Instrument zur Wahrheits- und Wirklichkeitserkenntnis? — Da ist es auf der einen Seite heute so, daß die Naturwissenschaft an ihre Grenze herankommt. Und je mehr sie sich ausbilden wird, diese Naturwissenschaft, je mehr ihr Ideal erfüllt wird, desto mehr wird sie gerade durch sich selbst, durch gewissenhafte Verfolgung ihres eigenen Wesens, zur Anerkenntnis ihrer Bildhaftigkeit kommen.

Und von anderer Seite haben wir den Gang der Geistesforschung, die dazu kommt, im Menschen ein solches Erkennen zu entwickeln, das über das Bild hinaus zur Wirklichkeit vorstößt. Naturwissenschaft zeigt: Was ich finden kann, ist Bild. - Geisteswissenschaft zeigt: Indem du ein höheres Bewußtsein ausbildest auf den Wegen, die ganz exakt angewendet werden, zeigst du, daß dasjenige, was im gewöhnlichen Bewußtsein, für das gewöhnliche Bewußtsein und für die gewöhnliche Wissenschaft existiert, Bildnatur hat und daß du das Wirkliche nur findest, wenn du über die Bildnatur hinausgehst.

Wie könnte Geisteswissenschaft vor der Naturwissenschaft besser gerechtfertigt sein als durch die Tatsache, daß Geisteswissenschaft von sich aus die menschliche Entwickelung dazu bringt, anzuerkennen dasjenige, was aus sich heraus als ihr Ergebnis, wenn sie sich selbst versteht, die Naturwissenschaft selber finden muß.

Nicht Worte, sondern die Tatsachen, die die Geisteswissenschaft in der menschlichen Seele produziert, sie werden übereinstimmen mit dem, was aus der Naturwissenschaft fließt. Dadurch wird sich im Zusammenarbeiten ganz von selbst dasjenige ergeben zwischen den beiden, was man nennen kann die Rechtfertigung der Geisteswissenschaft vor dem Forum der Naturwissenschaft.

Eben das wollte ich mit einigen Ausführungen und Betrachtungen heute andeuten: Was die Geisteswissenschaft vor der Naturwissenschaft rechtfertigt, das ist die recht verstandene Naturwissenschaft selbst.

Ich werde den Weg der menschlichen Geisteskultur, wie sich ihn die Geisteswissenschaft denkt, in den zwei Vorträgen der nächsten Woche weiter ausführen, in dem einen, indem ich das Dasein des Menschen von der Geburt bis zum Tode verfolgen werde und über Geburt und Tod hinaus in den ewigen Gang der menschlichen Seele hinein; in dem anderen, indem ich zeigen werde, wie sich das geschichtliche, soziale, sittlich-religiöse Leben vom Standpunkte der Geisteswissenschaft ausnehmen. Etwas aber ist da, was, ich möchte sagen, wie ein Grundton durchgehen muß durch das Bewußtsein, das der Geistesforscher der Menschheit gern übermitteln möchte, durchgehen muß als eine Grundtatsache gegenüber der mit Recht sich so, wie sie es tut, in die Zeit hineinstellenden Naturforschung. Dieser Grundton kann in folgender Art ausgesprochen werden: Wenn Naturwissenschaft sich selber nur richtig versteht, sie mündet an einem Punkte, an dem sie sich sagen muß: Hier stehe ich an meinen Grenzen, hier wird ein anderes gefordert.

Nun gut, dieses andere wird Geisteswissenschaft geben. Und damit wird sie nicht von sich aus, sondern durch die Naturwissenschaft vor der Naturwissenschaft selbst gerechtfertigt erscheinen.

German original of Justification of Supersensible Knowledge through Natural Science · ← Previous · Next →