Freedom, Immortality and Social Life

GA 72 — 11 December 1918, Bern

Sittliches, Soziales und Religiöses Leben vom Gesichtspunkte der Anthroposophie

In dem vorgestrigen Vortrage bemühte ich mich zu zeigen, wie der Mensch dazu kommen kann, durch eine besondere Ausbildung seiner Seelenkräfte eine unmittelbare Anschauung zu bekommen derjenigen Welt, von der er als von einer geistigen Welt umgeben ist, geradeso, wie er von der sinnlichen Welt umgeben ist als Leibesmensch, jener geistigen Welt, von der aber durch das gewöhnliche Bewußtsein, durch dasjenige Bewußtsein, dem nicht jene Ausbildung der Seele zugrunde liegt, von der ich vorgestern eben gesprochen habe, von der durch dieses gewöhnliche Bewußtsein nichts erkannt werden kann. Heute möchte ich das Verhältnis dieser übersinnlich gewonnenen Erkenntnisse zu wichtigen Gebieten des menschlichen Lebens besprechen, insbesondere zu solchen Gebieten des menschlichen Lebens, die - wie man sagen kann — von einem gewissen Gesichtspunkte aus in unserer Zeit in eine Krise entweder schon eingetreten sind und sich mitten darinnen befinden oder aber in diese Krise eintreten werden. Ich möchte sprechen von dem Verhältnis der übersinnlichen Erkenntnis zu dem sittlichen, dem sozialen und dem religiösen Leben des Menschen.

Der insbesondere in früheren Zeiten viel genannte Naturforscher Wallace, der in ähnlicher Weise versuchte, eine Weltanschauung herbeizuführen wie Darwin, er hat einen bedeutungsvollen Ausspruch getan über die sittliche Entwickelung der Menschheit. Und auch Haeckel stimmt diesem Ausspruch bei, wie viele andere Forscher gerade von der naturwissenschaftlichen Richtung. Wallace sagte: So groß auch die Fortschritte der Menschheit mit Bezug auf die Erkenntnis der Natur und ihrer Hintergründe, also mit Bezug auf das Intellektuelle des Menschen sind, so gering sind auf der anderen Seite die Fortschritte des sittlichen Lebens. Von Etappe zu Etappe sehe man in der Welterkenntnis ein Weiterkommen. Sieht man hin — so meinte dieser Denker — auf die moralische Entwickelung, so kann man nicht sagen, daß die Menschheit beträchtliche Schritte seit uralten Zeiten vorwärts gemacht habe.

Nun ist gewiß ein solcher Ausspruch gerade von seiten eines Naturforschers von ganz besonderer Bedeutung. Allerdings derjenige, der versucht, sich einen tieferen Einblick zu verschaffen in den Gang der menschlichen Entwickelung, wird diesem Denker nicht für alle Zeiten Recht geben können; aber für diejenige Zeit, für welche Wallace ein ganz besonders geschärftes Auge als Naturforscher hat, für die Zeit der neueren, durch die Naturwissenschaft besonders beleuchteten Menschheitsentwikkelung wird dieser Ausspruch sich halten lassen. In älteren Zeiten, die der genannte Denker weniger überblickt, ist es nicht richtig, daß die intellektuelle Erkenntnis in einer so wesentlichen Weise vorwärts eilt gegenüber den Umschwüngen, den Etappen der sittlichen Entwickelung. Aber gerade — was das Merkwürdige ist — für die Zeit, in welcher so glanzvoll die naturwissenschaftliche Erkenntnis vorgeschritten ist, gilt dasjenige, was dieser Denker behauptet. Und derjenige, der mit Verständnis, mit Menschenanteil, mit Menscheninteresse, mit Menschenliebe die katastrophalen Ereignisse der letzten viereinhalb Jahre betrachtet, der wird sich wahrhaftig nicht darüber täuschen können, daß dasjenige, was erlebt worden ist, nicht zeugt für einen besonderen sittlichen Fortschritt, der etwa gleichen Schritt hielte mit dem Intellektuellen innerhalb der Menschheit.

Da liegt offenbar eine sehr bedeutungsvolle Frage vor, eine Frage, die um so drängender ist, als auf der anderen Seite wiederum gerade in unserer Zeit das Verlangen besteht, Bewußtsein auch über die Gebiete des menschlichen Lebens zu gewinnen, die man als das Feld des Moralischen, des Sittlichen bezeichnet. Derjenige aber, der in solcher Art, wie ich es vorgestern charakterisiert habe, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich Erkenntnis verschafft von dem eigentlichen Charakter des naturwissenschaftlichen Forschens, derjenige, der durch jenes Erlebnis, das ich vorgestern geschildert habe, an die Grenze dieses naturwissenschaftlichen Erkennens sich wirklich gestellt gefunden hat, der weiß, daß hier nicht nur ein zufälliges Zusammentreffen vorliegt für die letzten Jahrhunderte, sondern daß ein ursächlicher Zusammenhang zu finden ist. Ich hatte vorgestern ausgeführt, wie gerade das Bedeutsame, das Wesentliche naturwissenschaftlicher Erkenntnis darin liegt, daß diese naturwissenschaftliche Erkenntnis zu ihren Fortschritten gelangt, indem sie gewissermaßen unberücksichtigt läßt dasjenige im menschlichen Seelenleben, das uns gerade befähigt, das rechte Verhältnis, die rechte Beziehung zwischen Mensch und Mensch herzustellen, dasjenige im menschlichen Seelenleben, das wir die Liebefähigkeit nennen. Weil aber - so mußte ich sagen — diese Liebefähigkeit in der menschlichen Seele fortwirkt, nur zurückgehalten werden muß, gerade darum, damit die Naturwissenschaft zu ihrer Höhe kommt während des naturwissenschaftlichen Erkennens, deshalb gelangt der Mensch im naturwissenschaftlichen Erkennen an eine gewisse Grenze.

Nun hängt, wie im physischen Leben leicht ersichtlich ist - und für das geistige Leben gilt etwas ganz Ähnliches —, nun hängt die Entwickelung der Liebefähigkeit im Menschen zusammen mit allem fortschreitenden, mit allem sich entwickelnden Leben, mit dem blühenden, aufgehenden Leben.

Betrachtet man im Gegensatze dazu diejenigen Geistfähigkeiten, die der Mensch gerade anwendet, wenn er den Naturlauf im Sinne der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung undilettantisch verfolgt, dann findet man, daß die Kräfte, die in dieser Forschung eine besondere Rolle spielen, sich nicht richten können auf das sprießende, sprossende Leben, sondern auf das niedergehende, auf das sich verlierende Leben, auf das absterbende Leben. Indem wir mit diesen naturwissenschaftlich forschenden Kräften in das Leben hineinschauen, schauen wir nicht das Leben, sondern das, was diesem Leben imprägniert ist als das Absteigende, Totwerdende.

Es ist für den, der dabei sein kann seelisch, indem die Kraft des naturwissenschaftlichen Forschens sich entwikkelt, nicht irgend etwas, was als Mangel bezeichnet werden kann bloß, der allmählich sich verbreitet, wenn gerade konsequent sein wollende Naturforscher immer wieder und wiederum dagegen sind, so etwas wie «Lebenskraft» oder dergleichen einzufügen in die naturwissenschaftliche Forschung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts ist mit Recht von der naturwissenschaftlichen Forschung ausgeschaltet worden dasjenige, was man früher als «Lebenskraft» bezeichnete. Nun glauben allerdings manche, es sei nur ein zeitweiliger Mangel, daß der Mensch nicht hineinschauen kann in das Leben, sondern eigentlich im Lebendigen nur das Tote, das Absterben betrachten kann. Aber es ist nicht so. Die Erkenntnisfähigkeit, die sich so auf die Natur richtet, ist selber darauf angewiesen, innerhalb des Lebendigen nur das Tote zu suchen, das im Abstieg Begriffene zu suchen. Daher liegt die Tendenz vor, das Leben herauszutreiben, um gerade dasjenige zu suchen, was nicht Leben ist. Und man kann nicht sagen, man werde, indem man die heute zu besonderer Höhe entwickelte naturwissenschaftliche Vorstellungsart weiter ausbildet, auch das Leben begreifen. Nein, diese Vorstellungsart wird gerade dadurch immer weiter und weiter zu ihrer Größe kommen, daß sie das Leben nicht begreift, sondern das sucht, was dem Leben - wie ich sagen möchte — eben einimprägniert ist als das Tote, als das Absterbende.

Daher ist auch in der Zeit, in welcher diese Denkweise zu einer besonderen Höhe gediehen ist, das Verständnis für die Seelenfähigkeiten zurückgegangen, wahrhaftig zurückgegangen, die zusammenhängen nun mit derjenigen Seelenfähigkeit, welche die Naturwissenschaft eigentlich nicht braucht, nicht brauchen kann: mit der Seelenfähigkeit - wenn man sich so ausdrücken darf — des Liebens. Und mit der Seelenfähigkeit des Liebens hängt das ganze sittliche, moralische Leben zusammen. Liebe ist die Grundkraft, die sich entwickeln muß, damit sittliches, damit moralisches Leben sei.

Man kann zeigen, daß auch äußere Ereignisse durchaus das belegen, was ich jetzt eben ausgeführt habe. Man erlebt auf diesem Gebiete ganz Merkwürdiges. Ich habe im Verlauf meiner Vorträge in den letzten Jahren, indem ich von anderen Gesichtspunkten aus gerade den vollen Einklang zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, darstellen wollte, wiederholt hinzuweisen gehabt auf ein ausgezeichnetes Buch, das in den letzten Jahren erschienen ist von Oscar Hertwig, «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins «Zufallstheorie». Ich mußte dieses Buch geradezu als eine glänzende Leistung eines gegenwärtigen Naturforschers schildern, weil Oscar Hertwig in diesem Buche alle die übereilten Schlußfolgerungen der materialistisch gesinnten Darwinisten aus gewissenhafter naturwissenschaftlicher Methode heraus widerlegt. Man hat es bei Oscar Hertwig eben zu tun mit einem die naturwissenschaftliche Vorstellungsart glänzend handhabenden Denker.

Nun trat etwas höchst Eigentümliches ein. Oscar Hertwig ließ folgen dieser ausgezeichneten Schrift über «Das Werden der Organismen» eine andere, kleinere Schrift, mit der er gewissermaßen seinen Tribut der Kriegszeit abtragen wollte, die sittliche, soziale, politische Fragen behandelte. Und siehe da: Diese Schrift ist - ich scheue nicht davor zurück, ungeschminkt die Sache auszusprechen -, diese Schrift ist voll des reinsten Unsinns. Diese Schrift ist absolut von einer Vorstellungsart getragen, die in keiner Richtung zur Auffassung der gestellten Fragen oder irgendwie zur Lösung der gestellten Fragen geeignet ist. So sehen wir einen glänzenden Naturforscher, einen Naturforscher, der auf seinem Gebiete groß ist gerade dadurch, daß er auf diesem Gebiete einseitig seine Denkungsart ausbildet, völlig versagen da, wo er soziale, sittliche, politische Phänomene ins Auge fassen will. Es ist dieses eine außerordentlich interessante Erscheinung, die in der Gegenwart zutage getreten ist.

Man könnte diese Erscheinungen, allerdings durch vielleicht weniger typische, sehr, sehr vermehren. Aber man braucht ja nur auf eines hinzuweisen, um zu zeigen, wie die zu berechtigten naturwissenschaftlichen Idealen hindrängende neuere Zeit unfruchtbar geworden ist in bezug auf das Durchschauen des sittlichen Lebens. Man muß, wenn man diese Dinge charakterisiert, weil die Leute heute das noch nicht glauben wollen, ein bißchen ketzerisch werden, ketzerisch in diesem Falle nicht so sehr gegen die Kirche oder gegen irgendeine Religionsgemeinschaft, sondern ketzerisch gegen ganz andere Richtungen. Es wird ja, wenn in der neueren Zeit von vielen auf recht Bedeutsames in der philosophischen Weltanschauung hingewiesen werden soll, auf etwas hingewiesen, das in einer gewissen Beziehung nicht so oberflächlich ist wie viele aus der bloßen Naturanschauung hervorgehende Philosophien, das aber doch zusammenstimmt für viele mit naturwissenschaftlicher Denkweise: Es wird auf Kant und den Kantianismus hingewiesen.

Nun, mit solchen Hinweisen verhält es sich ja sehr eigentümlich. Gerade hinsichtlich Kants trat einem eine eigentümliche Zitierwut in der letzten Zeit abstoßend, möchte man sagen, entgegen. Denn man konnte sehen, wie die schlimmsten Kriegshetzer Kant im Munde führten und ihn zitierten, wie die radikalsten Pazifisten Kant zitierten! Und diejenigen, die sich in verhältnismäßig kurzer Zeit, im Verlaufe von wenigen Wochen, in den letzten Wochen eben aus wütenden Kriegshetzern in radikale Pazifisten verwandelt haben - solche Menschen gibt es ja auch! -, die zitierten früher Kant und zitieren Kant jetzt in der schönsten Weise nach ihrer Meinung.

Aber Kant ist in der Tat charakteristisch auf vielen Gebieten für die Form, die das neuzeitliche Denken angenommen hat. Er ist auch charakteristisch für die Art und Weise, wie Menschen oftmals dasjenige aufnehmen, was ihnen im Geistesleben entgegentritt. Durch seine Schreibart ist Kant ja ein etwas schwieriger Schriftsteller und kann schon gelten als etwas schwer verständlich. Da aber doch sich manche zum Verständnis durchringen und sich selbstverständlich für sehr gescheit halten —- obwohl sie sich das nicht mit diesen Worten gestehen -, so finden sie dann, da Kant etwas so Gescheites gesagt hat, was sie gerade noch verstehen können, daß dieser Kant ein ganz besonders großer Mann sei.

Nun, in bezug auf das sittliche Leben hat Kant einen Grundsatz aufgestellt, der besonders häufig zitiert wird, allerdings manchmal nur genannt wird, indem man sagt, Kant habe in bezug auf das sittliche Leben den «kategorischen Imperativ» aufgestellt. Dieser «kategorische Imperativ», in Worte gefaßt, wie nimmt er sich denn eigentlich aus? Er enthält das Folgende: Handle so, daß die Maximen deines Handelns Richtschnur für alle Menschen werden können. — Mir ist das immer so vorgekommen, als wenn jemand sagt: Lasse dir einen Rock von einem Schneider fabrizieren, der möglichst so geformt ist, daß ihn alle Menschen tragen können. - Dasjenige nämlich, was sittliches, unmittelbares sittliches Impulsieren ist, was erfaßt sein will im Allerindividuellsten des Menschen, was sich so auch nur ausleben kann, wenn es im Allerindividuellsten des Menschen erfaßt wird, das wird in die Worthülsen einer alleräußersten Abstraktion gedrängt, in den grauen Nebel desjenigen, was für alle Menschen gleich gelten soll.

Das Wichtige ist, einzusehen, daß man nach Abstraktionen, nach Allgemeinheit selbstverständlich streben muß auf dem Gebiete der Naturgesetzlichkeit, aber diese Vorstellungsart, die nach solchen Abstraktionen, nach solcher Allgemeingültigkeit strebt, daß die wegführt von dem Felde im Menschen, das erfaßt sein will, wenn man ins Seelenauge fassen möchte die sittlichen Impulse, also dasjenige, was den Menschen unmittelbar im sittlichen Leben trägt und durchkraftet. Denn dasjenige, wodurch wir sittliche Menschen sind, das muß sich entzünden an den unmittelbaren Lebensverhältnissen, an dem unmittelbaren Verhältnis von Mensch zu Mensch. Das ist in jedem einzelnen Falle ein Urindividuelles. Und die menschliche Seele muß die Möglichkeit haben, einen urindividuellen Impuls aus sich herauszutreiben, der sich nicht dadurch charakterisieren läßt, daß man sagt, er soll eine Maxime sein können für alle Menschen. Nein, dasjenige, was für alle Menschen Maxime sein kann, hat die allergeringste moralische Impulsität, trägt nicht den Menschen moralisch durchs Leben, sondern dasjenige, was ihn im individuellsten Sinne unmittelbar im Erscheinen nötigt, sich so oder so zu verhalten.

Im unmittelbaren Leben trägt den Menschen im moralischen Sinne nicht irgendein Begriff, nicht irgendeine Vorstellung, sondern ihn trägt da lediglich die Liebe. Und es war mein Bestreben vor 25 Jahren schon in meiner «Philosophie der Freiheit», gegen die abstrakte Tendenz des Kantianismus diese individuelle Sittlichkeitslehre zu begründen. Diese individuelle Sittlichkeitslehre ist vor allen Dingen durchdrungen von der Erkenntnis, daß dasjenige, was sittliches Handeln ist, nur hervorgehen kann aus einer solchen Liebe zu der betreffenden zu verrichtenden Handlung, die gleich ist der Liebe zu einem einzelnen menschlichen Individuum. Liebe muß walten in der Handlung, die eine sittliche genannt sein will, Liebe, die nicht Selbstliebe ist, sondern die gerade das Selbst zurückdrängt und an die Stelle des Selbstes dasjenige setzt, was geschehen soll aus reiner Liebe heraus. Die individuelle Einsicht, daß die Handlung, die mir obliegt, vollzogen werden soll, macht in Wahrheit die Handlung zu einer sittlichen.

Nun habe ich ja vorgestern folgendes auszuführen gehabt: In demjenigen Bewußtsein, welches gewissermaßen erst herausspringt aus dem gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein, das im gewöhnlichen Leben und auch in der allgemein bekannten Wissenschaft herrscht, in diesem übersinnlichen Bewußtsein - so möchte ich es jetzt nennen — waltet gerade diejenige Kraft, die im gewöhnlichen abstrakten Denken, im intellektuellen Denken, nicht herrscht, die Kraft der Liebe. Selbstverständlich ist damit nicht behauptet, daß die Tätigkeit, welche der Geistesforscher ausübt, indem er jenes Hineinschauen in die geistige Welt, von dem ich vorgestern sprach, in sich entwickelt, daß diese Tätigkeit gleich sei mit dem, was die Seele vollbringt, indem sie moralisch empfindet. Nicht gleich ist sie, aber gleichartig: So wie die Seele im gewöhnlichen Leben auf einem gewissen Gebiete wirkt, indem sie moralisch empfindet, in der gleichen Weise betätigt sie sich eben auf einem ganz anderen Gebiete, indem sie eine Kraft, die sonst schlummert, auferweckt, indem sie in die geistige Welt hineinschaut und dasjenige entwickelt, was man als das Endziel der übersinnlichen Erkenntnis bezeichnen kann, die intuitive Erkenntnis. Man steigt auf — Sie können das in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» nachlesen und in anderen Schriften von mir —, man steigt auf von der imaginativen zur inspirierten, zur intuitiven Erkenntnis. Dasjenige, was man intuitive Erkenntnis nennt, ist nicht gleich dem Lieben im moralischen Gebiete, aber die Lage, in der sich die Seele des Menschen befindet gegenüber den geistigen Wesenheiten und geistigen Ereignissen, die sie anschaut und in die sie hineinschaut durch die Intuition, die Lage der Seele in diesem übersinnlichen Anschauen, wenn diese Seele mit übersinnlicher Wesenheit zusammenkommt, diese Lage der Seele ist dieselbe, wie auf sinnlichem Gebiete, auf physischem Gebiete, die Lage der Seele ist, wenn sie in Liebe moralisch empfindet. Die Seelenlage ist dieselbe.

Daher darf diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, von der hier gesprochen wird, sagen: Innerhalb ihrer eigenen Betätigung wird auf höherer geistiger Stufe gerade diejenige Fähigkeit der menschlichen Seele gepflegt, die sich im moralischen Leben verwirklicht. Deshalb wird dasjenige, was gerade durch die gloriose Ausbildung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in den Hintergrund gedrängt worden ist, der Hinblick, die Hinneigung zu jener Kraft in der Seele, die dem moralischen Handeln notwendig ist, besonders gepflegt durch die Geisteswissenschaft. Und so darf gesagt werden: Wenn man den Kantianismus ansieht, wenn man ansieht die besondere Vorstellungsart der naturwissenschaftlichen Denkweisen, so sind diese so geartet, daß sie das frühere, mehr instinktive Leben des Menschen, das die moralischen Impulse geliefert hat, gewissermaßen ins Unbewußte hinunterdrängen. Dasjenige aber, was als Geisteswissenschaft kommen muß, das hebt wiederum herauf diese Kräfte, die mit dem moralischen Empfinden verwandt sind. Und was früher als instinktive moralische Empfindungen in den Menschen lebte, wird heraufgehoben werden ins volle Bewußtsein, in die lichte Klarheit dadurch, daß Geisteswissenschaft sein wird.

So kann man begreifen, daß gerade in der Zeit, in der die Menschheit aus einem mehr instinktiven Seelenleben heraustrat und zuerst einseitig auf dem Gebiete des intellektuellen Erkennens der Natur sich ausbildete, daß da zunächst - immer ist das Leben Flut und Ebbe, ein Hin- und Herschwingen — zurücktrat der Sinn, der sich unmittelbar hinrichtet auf das, was im Menschen moralisch lebt. Und so bleibt, während schon auf der einen Seite, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft der Mensch zu ganz unermeßlich großen Triumphen kam mit Bezug auf die Erkenntnis, so bleibt gerade während dieses naturwissenschaftlichen Zeitalters bis heute der Sinn, der bewußte Sinn für die moralischen Impulse ungepflegt. Er wird aufgehen, wenn gerade in den Mittelpunkt des Seelenlebens treten wird diejenige Kraft für die Erkenntnis der höheren übersinnlichen Welten, die auf einer anderen Stufe im gewöhnlich moralischen Empfinden in der Seele leben muß.

Nun bringt die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, diese Vorstellungen über die übersinnlichen Welten zustande. Einige von diesen Vorstellungen sind ja vorgestern mitgeteilt worden; Sie können weiteres in den schon genannten Schriften und in anderen Schriften, die mit ihnen verwandt sind, finden. Werden diese geisteswissenschaftlichen Vorstellungen so wie die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Menschheit aufgenommen werden, so werden sie im Seelenleben eine andere Bedeutung haben als die naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Diese geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sind hervorgeholt aus solchen Gebieten der Seele, wo die mit der moralischen Liebe verwandte Seelenkraft gepflegt wird. Sie wirken daher wiederum zurück auf die Liebefähigkeit des Menschen und damit auf die unmittelbar individuellen Impulse des moralischen Lebens. Während das Zeitalter der Abstraktionen, der Anbetung des nur theoretischen Hinweisens auf das ganz Abstrakte: Handle so, daß die Maximen deines Handelns Richtschnur für alle Menschen werden können -, nur sozusagen eine allgemeine Definition geben konnte, einen allgemeinen Begriff hinpfahlen konnte, wird dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, unmittelbar eingreifen können ins Leben, wird unmittelbar die Seele erwärmen können, so daß sie im einzelnen Falle dem Leben verständnisvoll sich gegenüberstellt und aus der Intuition des Lebens im individuellen Falle den sittlichen Impuls bekommt. Dann wird von dieser Geisteswissenschaft eine ganz andere Art von sittlicher Beeinflussung ausgehen als von irgendeiner abstrakten Sittentheorie oder einer Summe von moralischen Grundsätzen. Es wird dasjenige ausgehen, was dem Menschen nicht bloß seine Maximen unmittelbar sittlich macht, denn man kann es ja doch im Leben sehen - ich habe das auch hier schon zuweilen ausgesprochen und muß es immer wieder sagen -: Moralische Predigten helfen nicht viel im menschlichen Leben, moralische Predigten helfen eigentlich im menschlichen Leben ebensowenig, wie das gute Zureden bei einem Ofen hilft, er soll das Zimmer warm machen, wenn man kein Holz hineinlegt. Legt man aber Holz in den Ofen, dann braucht man ihm nicht zuzureden, dann wird er warm und wärmt das Zimmer. Alles Reden: Es ist ein kategorischer Imperativ, daß du ein guter Mensch bist, daß du dich gegen deine Mitmenschen so oder so benimmst, daß du das oder das tust —, das gleicht der Rede: Es ist deine Ofenpflicht, daß du das Zimmer warm machst, du wärst doch sonst kein guter Ofen. - Man kann aber diese moralischen Reden unterlassen und einfach mit Holz einheizen; denn anders wird doch nichts daraus werden. So ist es mit dem, was als Geisteswissenschaft konkret auftritt.

Es wird gerade freilich von mancher Seite als ein Erfordernis unserer Zeit angesehen, immer wiederum zu betonen: Die Menschen sollen sich lieben. — Aber das ist nur eine unnütze Rederei, wenn nicht gar ein Unfug, wenn nicht gar eine bloße Maske dafür, daß man eben wenig Menschenliebe hat und sie daher um so mehr betont. Aber bei dieser Geisteswissenschaft ist es so: Je weniger sie redet von Liebe, je weniger sie das Wort Liebe eitel nennt, desto mehr wird stattfinden, daß die besonderen Imaginationen der Vorstellung, indem sie sich aus der Liebekraft hervorgehend in diese Seele hineinsetzen, wiederum entzünden das Verständnis, ich möchte sagen, die Begabung, in der individuellen Situation unmittelbar das Moralische zu entfalten.

Was daher diese Geisteswissenschaft hoffen darf, wenn sie den Zugang findet zu den Menschen, das ist, daß sie nicht bloß sittliche Maximen gibt, sondern — wenn ich mich jetzt trivial ausdrücken darf - sittliches Heizmaterial selber ist. Daher wird dasjenige, was vertrocknet ist unter der bloßen naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die auf das Tote geht, wiederum auftauen, wird zum Leben erweckt werden gerade durch diese Geisteswissenschaft. Und in bezug auf das sittliche Leben des Menschen wird zu bemerken sein, daß, wenn versucht worden ist von dieser oder jener Seite, gerade naturwissenschaftliches Denken auch in die sittliche Welt einzuführen, daß dieses naturwissenschaftliche Denken auf sittlichem Gebiet nur zu Niedergangsbegriffen führen kann, weil es auch der Natur gegenüber nur das niedergehende Leben in Betracht zieht. Aber weil Geisteswissenschaft in ihrem Suchen verwandt ist mit der produktiven Kraft, die in der Liebe sich ausdrückt, wird Geisteswissenschaft auch in der Lage sein, der Menschheit wiederum produktive Sittlichkeit zu bringen, nämlich sittliche Aufgabe, sittliche Mission. Sie wird wiederum so etwas unter die Menschen bringen, daß diese nicht verzweifeln werden an der Frage: Was soll ich eigentlich tun? Was ist meine Aufgabe? -, sondern sie wird so unter den Menschen wirken, diese Geisteswissenschaft, daß die Menschen aus ihr heraus die Anregung empfangen, das und jenes im Leben zu tun und dadurch auch durch das Leben sittlich getragen und gehalten zu werden. Jene Mühseligen und Beladenen werden weniger werden, die gerade daran seelisch kranken und infolge davon auch körperlich kranken, daß sie im Grunde mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen, weil sie nichts haben in ihrem Denken, in ihren Vorstellungen und ihren Ideen, was herausquillen läßt aus der in ihrem Leben sicher vorhandenen Lebensaufgabe die sittliche Aufgabe.

In der Geisteswissenschaft wird eben ein Wissen, eine Summe von Eigenschaften vorhanden sein, die den Menschen nicht leer sein lassen von dem Konzipieren solcher Lebensaufgaben, sondern die ihn durchtränkt mit sittlichem Impuls, so daß er sich in jedem Augenblick des Lebens sagen kann: Du hast dies oder jenes zu tun - und dann keine Zeit findet, mit der leeren Seele dahinzubrüten und nicht zu wissen, was mit dem Leben anzufangen, gehen zu müssen in Sanatorien da- oder dorthin, um sich von außen wesenlos anregen zu lassen, damit die Seele ausgefüllt werde, während sie in Wahrheit fruchtbar nur ausgefüllt werden kann, wenn aus den Tiefen ihres eigenen Innern heraus die Lebensaufgaben geholt werden können und das Wesen des Menschen durchtränken.

Man kann leicht einwenden — und manche Erfahrung, die man heute noch da machen kann, wo sogenannte Anhänger der geisteswissenschaftlichen Bewegung leben, bestätigt das —, man kann heute leicht sagen, man bemerke ja an diesen Anhängern der Geisteswissenschaft nicht, daß diese Früchte, von denen eben gesprochen wurde, bei ihnen sich zeigen; im Gegenteil, man findet, daß vielfach auf dem Boden, auf dem sich solche Anhänger bewegen, erst recht Selbstsucht und Egoismus, manchmal ein raffinierter, geistig nuancierter Egoismus sich entfaltet, daß wenig Menschenliebe gerade in diesem Kreise oftmals zu finden ist. Das soll durchaus für heute noch zugegeben werden. Dasjenige, was sich entwickeln soll, das muß sich erst durch manche Hüllen und manche Hindernisse hindurch entwickeln. Aber im Wesen der Sache liegt es, daß die Dinge sich so entwickeln. Es ist auch sehr begründet, daß zunächst etwas anderes erscheint. Und diejenigen haben gar nicht unrecht, die da sagen: Ja, die Geisteswissenschaft findet ja auch — ich habe vorgestern über diese Dinge gesprochen -, daß das gegenwärtige Leben des Menschen zurückweist auf frühere Erdenleben und in künftige Erdenleben hinweist — wobei zwischen den Erdenleben immer Leben in der geistigen Welt liegen -, daß gewissermaßen das Schicksal, das der Mensch jetzt erlebt, trotz seiner Freiheit abhängig ist von dem, was der Mensch sich mitbringt aus früheren Erdenleben, und daß, was er in diesem Erdenleben vollbringt, wiederum hinüberwirken wird in kommende Erdenleben.

Gewiß, ich habe es gehört, wie satte Menschen, denen es recht gut ging im Leben, wenn man sie hingewiesen hat, daß sie doch etwas voraushaben vor denjenigen, die hungern und elend sind, ich habe es gehört, wie solche satte Menschen, die aber glaubten, recht gute Anhänger irgendeiner geisteswissenschaftlichen Richtung zu sein, sagten: Na, das ist ganz recht so, wir haben uns das im früheren Leben verdient, und der hat sich sein Leben, seinen Hunger im früheren Leben verdient! — Das ist nur ein radikaler Ausdruck für das, was aber vielfach auftritt, womit aus sehr regen materialistischen Empfindungen heraus die Menschen das benützen, was sie in der Geisteswissenschaft empfangen, um ihre materialistischen Empfindungen zu rechtfertigen. Selbstverständlich, wenn man die menschliche Individualität hinausdehnen muß sogar über dieses Einzelleben zwischen Geburt und Tod, wenn man hinzuweisen hat auf dasjenige, was überpersönlich in der menschlichen Individualität sich entwickelt und durch Erdenleben hindurch sich entwickelt, so kann dadurch der Egoismus aufgestachelt werden; geradeso wie der theoretische Egoismus vielfach aufgestachelt wird bei den zahlreichen Bekennern der Geisteswissenschaft, die nun nichts eiliger zu tun haben, als auszudenken, wer sie in ihrem vorigen Erdenleben waren. Solche finden sich ja auch sehr zahlreich. Aber was da zugrunde liegt, ist das Folgende.

Der Mensch macht in der Regel zwei Stufen durch mit der Geisteswissenschaft. Die erste Stufe besteht darinnen, daß er dasjenige, was er aus der Geisteswissenschaft empfängt, zu seiner eigenen Befriedigung entgegennimmt, daß er gewissermaßen ein Begehren an ihr erfüllt findet, daß sie ihm wohltut, wohltuend ist für gewisse Sehnsuchten der Seele. Er ist froh, daß ihm etwas gesagt wird, womit sich leben läßt, er will etwas für sich, für seine Befriedigung in der Seele haben. Das ist die erste Stufe. Sie hat gewiß gerade in der heutigen Zeit, wo man von anderswoher weniger bekommen kann für die Befriedigung der Seele, große Berechtigung.

Aber die zweite Stufe ist die, wo man hinausgeht über das bloße Begehren, über das, was gerade einen raffinierten Egoismus, der bei so zahlreichen Anhängern der Geisteswissenschaft zu bemerken ist, erzeugt, wo man hinausgeht darüber, daß man etwas haben will für sich, was einen befriedigt, wo man übergeht zu dem, daß der Wille, daß der ganze Mensch in seinem Verhältnis zum Leben angeregt, durchsickert und durchdrungen wird von demjenigen, was einem Geisteswissenschaft geben kann. Dann hört allerdings gerade der Egoismus auf, dann werden Welten aufgerührt im Menschen, die den Menschen hinaustragen über jenen engen Umkreis, der im Brüten über die eigene Seele besteht und im Begehren, daß dieses Brüten seine Befriedigung finde. Da wird der Mensch dann hingelenkt von sich weg eben auf andere Menschen. Und es geht dasjenige, was man als ein individuell-sittliches Empfinden bezeichnen kann, über in das soziale Empfinden, aus dem dann das sittliche, das moralische Handeln hervorquillt, aus dem dasjenige, was gerade einer Grundforderung unserer Zeit entspricht, hervorgeht.

Wir berühren damit etwas, was allerdings tief in die Krise unserer Zeit eindringt. Wir berühren zu gleicher Zeit ein Gebiet, auf dem, trotzdem es so brennend ist, die denkbar größten Unklarheiten herrschen. Indem ich aber auf das soziale Gebiet übergehe, möchte ich gleich einleitend vielleicht auf das Wichtigste hinweisen. Man wird sehr leicht, wenn man von dem Aufsteigen des Menschen zu solchem übersinnlichen Erkennen, wie ich es vorgestern charakterisiert habe, spricht oder sprechen hört, die Empfindung haben: Das ist etwas sehr Entlegenes, das ist etwas dem gewöhnlichen Erdenleben ganz Fremdes.

Ganz so ist es nicht. Wenn man mit dem Ausdruck keinen Mißbrauch treibt, so kann man sagen: Der Besitzer übersinnlicher Erkenntnis ist eben ein Seher. Dann kann man die Meinung haben, er hält sich dafür, daß er etwas, was sonst alle Menschen nicht haben, erwirbt. Das ist aber nicht der Fall. Auf einem Gebiete befindet sich immer jeder Mensch - nur daß man es im gewöhnlichen Leben nicht weiß, daß man sogar, wenn es behauptet wird, nicht gleich einen Sinn damit verbinden kann -, befindet sich immer jeder Mensch in der Seelenverfassung, die man sich für die anderen Gebiete der Geisteswissenschaft erst mühselig so aneignen muß, wie vorgestern charakterisiert, damit man zur übersinnlichen Erkenntnis komme. Auf einem Gebiete befindet man sich immer in dieser Seelenverfassung, sonst würde man auf diesem einen Gebiete eben einfach blind sein. Und dieses eine Gebiet ist das, wenn man eben liebend von Mensch zu Mensch in ein Verhältnis tritt. Den anderen Menschen, zu dem man liebend in ein Verhältnis tritt, den betrachtet man von demselben Seelengesichtspunkte aus — aber eben nur den Menschen -, von dem aus man zu schauen hat, wenn man übersinnliche Erkenntnisse haben will. Nur muß man die Fähigkeit der Seele erst entwickeln, um in bezug auf anderes dieselbe Lage in seiner Seele herbeizuführen, die einfach durch Instinkt, durch das gewöhnliche Leben herbeigeführt wird, wenn man liebend einem anderen Menschen verständnisvoll, mit Interesse gegenübersteht und sich mit Interesse in seine Seelenart vertieft. In diesem Falle, wo man einem anderen Menschen mit innerem Anteil, mit tiefem Verständnis, mit wahrhaftigem Interesse für sein innerstes Seelenleben, für sein ganzes Sichdarleben, entgegentritt, in dem Augenblicke wird man - wenn ich so sagen darf -im gewöhnlichen Leben hellsichtig. Es ist dem Menschen eben nur zugeteilt im gewöhnlichen Leben, in diesem einen Falle hellsichtig zu werden; für die anderen Fälle hat er sich erst auf methodische Weise, auf mühsame Weise die entsprechenden Fähigkeiten anzueignen.

Das aber: verständnisvoll, mit Interesse dem anderen Menschen entgegentreten zu können, überhaupt im Leben die Fähigkeit zu entwickeln, in die Eigenart des anderen Menschen sich vertiefen zu können, das begründet doch trotz aller heutigen Einsprüche das wahrhaftige soziale Leben. Daher, weil es im Grunde genommen die Fähigkeit ist, welche instinktiv im Menschen da sein muß, wenn er zum Menschen sich in ein Verhältnis setzen will, weil es die Fähigkeit ist, mit der man gerade die bedeutsamsten Forschungen der Geisteswissenschaft zustande bringt, so wirkt auf das soziale Leben, auf die Erweckung der sozialen Gefühle, gerade diese Geisteswissenschaft wiederum zurück. Diejenige Erkenntnis, die man sich für die übersinnliche Welt aneignen muß, die wirkt zurück auf das soziale Empfinden, erweckt wirkliches Verständnis für den Nebenmenschen, für den Mitmenschen. Und das ist das Bedeutsame.

Daher entstanden gerade in derjenigen Zeit die sozialen Forderungen, in der auf der anderen Seite naturwissenschaftliches Denken mit seiner Abstraktionskraft, mit seiner bloßen Intellektualität, die höchsten Triumphe feierte. Vor dem 16. Jahrhundert finden wir eigentlich nicht, daß die Menschen gründlich, namentlich nicht wissenschaftlich, nachdachten über irgendwelche sozialen Forderungen. Alles soziale Leben war in das Instinktive getaucht. Mit dem Heraufkommen der naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten beginnt zu gleicher Zeit die Notwendigkeit, soziale Begriffe sich anzueignen, bewußte soziale Empfindungen geltend zu machen. Und wenn wir sehen, wo in der radikalsten Weise die sozialen Forderungen auftreten, beim Industrieproletariat, von dem sie eigentlich ausgestrahlt sind, so finden wir, daß dieses Industrieproletariat seine ganzen Denkgewohnheiten entwickelt hat an dem, was auch erst in der neueren Zeit, und zwar gerade mit Hilfe der Naturwissenschaft, heraufgekommen ist: an der modernen Mechanistik, der modernen Maschinenkultur und so weiter. Ein Ergebnis der modernen Maschinenkultur ist das moderne Proletariat. Was, ich möchte sagen, an der äußerlich realisierten naturwissenschaftlichen Denkungsart, an dem modernen mechanistischen Kulturelemente das moderne Proletariat erlebt hat, also auf einem Umwege aus dem naturwissenschaftlichen Fortschritt heraus, das hat im Grunde die besondere Art, intellektuell sich hinzulenken auf die soziale Forderung, erzeugt. Indem zurückgedrängt worden ist durch alles das, was da in Betracht kommt, gerade die mit dem Hellseherischen verwandte Stellung des Menschen zwischen Mensch und Mensch, trat das soziale Element in diesen letzten Jahrhunderten wesentlich zurück. Und weil es zurückgetreten ist, weil die sozialen Instinkte nicht mehr geltend sind, entstehen die intellektuellen sozialen Forderungen.

Nun ist es sehr eigentümlich mit diesem Menschenleben. Wenn wir es nicht nur so betrachten, daß wir hinschauen auf das, was der Mensch ist als Leibeswesen in der physischen Umgebung, sondern aufmerksam darauf werden durch die Geisteswissenschaft, daß er als Seele in einer geistigen Umgebung ist, von der er nur durch das gewöhnliche Bewußtsein nichts weiß, dann verteilt sich das ganze menschliche Wesen zwischen physischer Welt und geistiger Welt. Auf eigentümliche Art verteilt es sich. Wenn wir zunächst auf unsere Naturanschauung hinblikken, auf das, was sich in der Naturwissenschaft auslebt, und auf das, was mit der Naturwissenschaft zusammenhängt, was ist da der Fall? Da ist das Merkwürdige, daß alle Fragen für das, was die Naturwissenschaft gibt, aus dem Geistigen kommen. Die Fragen kommen ja aus dem Geiste; gewiß, sie können, wie es in alten Zeiten getan wurde, hereingeholt werden aus dem Geiste, oder, wie in den neueren Zeiten es die Naturforscher tun, sie können durch Erbschaft übernommen werden von den Zeiten, wo sie sich instinktiv in das Menschengemüt hereingepflanzt haben.

Was wir experimentierend beobachten, das ist auf dem Gebiete der Naturanschauung nur Antwort. Fragen liegen im Geiste. Die Antworten, die liegen hier auf dem physischen Gebiete. Das ist ein sehr interessanter Zusammenhang. Und weil in alten Zeiten, in älteren Zeiten vorhanden war dasjenige, was man in gewisser Beziehung atavistisches, instinktives geistiges Leben nennen kann, so wurden in alten Zeiten naturwissenschaftliche Fragen instinktiv aus der menschlichen Seele heraus geboren. Viel umfassender waren diese Fragen als dasjenige, was in äußeren naturwissenschaftlichen Beobachtungen, in den Experimenten, die Menschen sich selber verschaffen konnten als Antwort. Das Eigentümliche trat ein, daß die Fähigkeit, die Fragen instinktiv noch zu empfinden, zurücktrat. Noch nicht vorhanden war der Einblick in die übersinnlichen Welten, daher man nur die Erbschaft zurückbehielt in den naturwissenschaftlichen Fragen gerade in dem Zeitalter, in dem man die Methoden ausbildete für die Beobachtung, das Experiment und so weiter.

Wer einigermaßen verständnisvoll für eine solche Sache gerade die heutige Naturwissenschaft betrachtet, gerade die ausgezeichnetsten Leistungen auf diesem Gebiete, der kommt darauf, daß die Fragestellungen alle ererbt sind aus sehr alten Zeiten und sogar nach und nach immer blasser und blasser werden. Und die Antworten sind durchaus durch dieses Blasserwerden der Fragestellungen beeinträchtigt. Würde nicht Geisteswissenschaft auftauchen, welche aus der geistigen Welt neue Fragestellungen für die Naturwissenschaft zu liefern vermag, so daß dasjenige, was die Beobachtung durch das Experiment findet, in der richtigen Weise beleuchtet werden kann, so würde man allmählich eine vollständige Lähmung trotz aller äußeren methodischen Tätigkeit im naturwissenschaftlichen Leben erfahren müssen, wie man das heute schon sehr deutlich erleben kann, wenn man nur den Sinn hat dafür. Das ist mit Bezug auf die Naturanschauung der Fall.

Mit Bezug auf das soziale und sittliche Leben ist das Umgekehrte der Fall. Da offenbaren sich innerhalb der physischen Welt, der sinnlichen Welt, die Fragen, die Forderungen; und innerhalb der geistigen Welt kommen erst die Antworten. Da ist das Umgekehrte der Fall.

Nun hatte der Mensch früher ein instinktives Geistesleben, das ihm gewissermaßen, ohne daß er es bewußt innehatte, auf die Forderungen, die das soziale, das sittliche Leben hier in der physischen Welt stellt, aus dem Geiste heraus die Antworten gab. Was der Mensch früher an sittlichen und sozialen Maximen hervorgebracht hat, das war instinktiv hervorgebracht. Die Zeit, wo diese Instinkte in der Menschennatur gewirkt haben, sie ist vorüber. Wir leben in dem Zeitalter, wo der Mensch zur Bewußtheit übergehen muß, wo der Mensch vor allen Dingen fortgeschritten ist in bezug auf die Intellektualität, die im instinktiven Zeitalter noch nicht so lichtvoll vorhanden war wie gerade jetzt. Aber dieser Intellekt wirkt in seiner anfänglichen Naivität in einer gewissen Weise, ich möchte sagen, instinktiv.

So traten zunächst herein in bezug auf das soziale Leben die sozialen Fragen, die sozialen Forderungen. Und die Antworten werden nimmermehr gefunden werden können anders, als daß man aufsteigt in die Welt des Übersinnlichen, aus der allein die Antworten kommen können. Für eine wirkliche Sozialwissenschaft, welche die notwendigen Antworten auf drängende, durch das Leben aufgegebene soziale Fragen der Gegenwart geben kann, brauchen wir die geisteswissenschaftliche Vertiefung, denn nur sie wird auf diese Antworten kommen. Und unser Zeitalter ist es selber, welches erhärtet, was in dieser Richtung eben gesagt werden muß.

Wir sahen vorbeigehen in den letzten viereinhalb Jahren eine furchtbare Menschheitskatastrophe. Wir sehen heute über weite Ländergebiete der Erde ausgebreitet dasjenige, was aus dieser furchtbaren Erdenkatastrophe hervorgegangen ist, was noch manches in seinem Schoße enthält, das mit Besorgnis den Menschen blicken läßt auf die nächste Zukunft. Derjenige, der unbefangen diese Verhältnisse beobachtet, der wird eine Frage nicht so aufwerfen, wie sie gewöhnlich abstrakt aufgeworfen wird: Was hat denn eigentlich diese kriegerische Katastrophe über die ganze Welt in einer so furchtbaren Gestalt gebracht? — Wer geisteswissenschaftlich denkt, der denkt mit der Wirklichkeit auf allen Gebieten, der denkt nicht in Theorien, nicht in Abstraktionen, der weist überall auf Wirklichkeiten hin. Das, was diese furchtbare Katastrophe bewirkt hat, zeigt sich in dem, was nunmehr zurückgeblieben ist. Viel mehr als etwas anderes ist der vorläufige Ausgang dieser Katastrophe das Hinwegziehen eines Schleiers, und die Wahrheit tritt jetzt in ihrer nackten Gestalt über Ost- und Mitteleuropa und wohl auch über anderen Gegenden auf. Was jetzt auftritt, was sich jetzt zeigt in dem sozialen Chaos über die Erde hin, ja das war früher nicht etwa nicht da, das war nur in einer Scheinordnung gehalten, das war nur überdeckt. Die Katastrophe hat nur den Schleier hinweggezogen. Jetzt macht es sich geltend, was verdeckt war, und wir sehen dasjenige, was jetzt enthüllt wird. Wir sehen dasjenige, was als soziale Forderungen da lebt und was schreit nach den Antworten. Diese Antworten werden nicht gegeben von denen, die nach dem Muster naturwissenschaftlicher Begriffe vorgehen - wenn auch noch so geistreich und für das Proletariat einleuchtend, wie die marxistischen Begriffe es sind —, diese Antworten werden nicht gegeben durch solche Begriffe, die gerade nur vom sinnlichen Leben genommen werden wollen, sondern diese Antworten können nur gegeben werden aus den Quellen des geistigen Lebens heraus.

Das ist dasjenige, was einem auch in unmittelbarer Beobachtung aufgeht, wenn man gewissenhaft und sorgfältig studiert, was in diesem oder jenem Punkt so aussichtslos, weil bloßen Raubbau treibend, bei diesen oder jenen Führern des heutigen sozialen Chaos zutage tritt. Diese Führer des heutigen sozialen Chaos, was können sie nur im Kopfe haben? Sie glauben, alte Klassen zu überwinden; sie haben aber nur die Gedanken dieser Klassen übernommen. Sie glauben, ein neues Menschenleben herbeizuführen, aber sie können es nur mit den Gedanken, die sie von dem alten Menschenleben übernommen haben. Karl Marx selber hat spottend über die Philosophen gesagt, sie hätten sich immer nur damit beschäftigt, durch Gedanken das Leben einzurichten; es käme aber darauf an, durch Gedanken das Leben umzugestalten. - Wäre er vollständig gewesen, hätte er den Schritt machen können aus dem physischen Leben ins Übersinnliche, so hätte er noch anderes sagen müssen. Dann wäre aber auch etwas ganz anderes herausgekommen. Er hätte dann sagen müssen: Diejenigen Gedanken, die bis nun gefällt worden sind, sind nur geeignet, das Leben im Sinnlichen so zu lassen, wie es ist; will man dieses Leben umgestalten, will man wirklich die Antworten auf die Fragen finden, die sich aus dem sozialen Chaos heraus entwickeln, dann braucht man andere Gedanken; denn die alten zeigen, daß sie das Leben nicht umgestalten können.

Solch ein Geist wie Karl Marx mag lange schimpfen oder kritisieren über die Bourgeois-Gedanken, über das Bourgeois-Leben. Dem Proletarier ist das selbstverständlich einleuchtend. Und wie es dem Proletarier einleuchtend ist, darinnen muß man nur Erfahrung haben! Ich habe — wenn ich das einfügen darf, obgleich es eine persönliche Bemerkung ist - durch Jahre hindurch als Lehrer gewirkt in einer Arbeiter-Bildungsschule der sozialdemokratischen Partei. Ich weiß, was dem heutigen Proletarier einleuchtet; ich hatte Gelegenheit, kennenzulernen, was in diesen Seelen lebt, dasjenige, wovon sich ganze Schichten der heutigen Menschheit keine Vorstellungen machen. Das aber, um was es sich wirklich handelt, wird die Menschheit, auch durch das Proletariat hindurch, erst verstehen lernen müssen. Worum es sich eigentlich handelt, das ist, daß wir in einem Zeitalter leben, welches nicht mehr mit den alten Instinkten auskommen kann, aus denen das sittliche und soziale Leben der Menschen geflossen ist, welches vielmehr übergehen muß zu einer klaren, lichtvollen Erkenntnis der Antworten auf die sozialen und sittlichen Fragen, die hier im sinnlichen Leben aufgehen, aus der übersinnlichen Welt heraus.

Damit gelangt man wiederum zu jenem WirklichkeitsStandpunkt, der verlorengegangen ist der Menschheit, die gerade heute glaubt, im Leben so recht in der Wirklichkeit drinnenzustehen. Es kommt einem diese Menschheit manchmal vor wie einer, der ein hufeisenförmiges Eisen sieht und dem einer sagt: Du, dieses hufeisenförmige Eisen, das aussieht wie ein anderes Eisen, das ist ein Magnet. — Ach, sagt der erste, das ist ja nur Eisen, damit beschlage ich mein Pferd. — Er glaubt nicht an die Wirklichkeit desjenigen, was er nicht mit Augen sieht. So ist es im Grunde beim materialistischen Denken mit der ganzen Welt. Man glaubt an ein Abstraktes, indem man gerade glaubt, in die Wirklichkeit hineinzuschauen. Man steht ferne der wahren Wirklichkeit, weil zu der wahren Wirklichkeit dasjenige gehört, was den Dingen, den Vorgängen und den Wesen als das geistige Leben, das übersinnliche Leben zugrunde liegt. Und man entfernt sich von der Wirklichkeit in seinen Denkgewohnheiten, in seinen Empfindungen, in seinen Willensimpulsen, man entfernt sich für das sittliche und soziale Leben, wenn man sich von dem Geiste nicht durchtränken lassen will.

Während mit instinktivem Glauben die Menschen, ich möchte sagen, in übersichtlichen Verhältnissen lebten, die ihnen zeigten, wie alles das, in dem sie stehen, mit der Wirklichkeit zusammenhängt, leben sie heute in einer Weltenordnung, die kompliziert geworden ist, in der sie nicht einmal das Bestreben entwickeln für viele Dinge, das unmittelbare Verhältnis zur Wirklichkeit zu suchen. Was ein Bodenprodukt ist, was Kohl oder Weizen ist, und was Kohl oder Weizen als Ware für den Menschen für eine Bedeutung haben, das weiß der Mensch zunächst. Was die Verrichtung menschlicher Arbeit bedeutet von Mensch zu Mensch, das weiß er auch noch; was eine geistige Leistung bedeutet, das weiß er auch noch, weil er zur Befriedigung seiner Seelenbedürfnisse geistige Leistungen entgegennehmen will. Solange der Mensch innerhalb des Umkreises solcher Dinge steht, verbindet er die Vorstellungen, die er darüber gewinnt, und dasjenige, was er aus dem Leben infolge dieser Vorstellungen macht, mit der unmittelbaren Wirklichkeit. Aber das Leben ist komplizierter geworden, und heute gibt es viele Dinge im äußeren Leben, für die der Mensch kaum noch die Möglichkeit hat, auch nur daran zu denken, wie diese Dinge mit der unmittelbaren Wirklichkeit zusammenhängen. So sonderbar das klingt, für Wichtigstes ist dies der Fall. Was weiß der Mensch, wie Kapital, Zins, Rente, Geld selbst oder gar Kredit zusammenhängt mit demjenigen, was durch Kapital, durch Rente, durch Zins, durch Kredit, durch Geld im Leben vorgeht und in dem er drinnensteht? Der Mensch gibt nur Geldstücke von einer Hand in die andere; der Mensch bedient sich der Zinsanweisung, bedient sich der Rente für sein Leben. Wo hat er die Möglichkeit heute, daran zu denken, was es heißt: Geld aus einer Hand in die andere übergehen zu lassen, daß man im Grunde genommen, indem man Geld aus der einen Hand in die andere übergehen läßt, soundso viel menschliche Arbeitskraft aus einer Hand in die andere übergehen läßt!

Oder man braucht nur noch an etwas anderes zu erinnern, um zu sehen, wie die Menschen heute hier den Zusammenhang mit der Wirklichkeit verloren haben. Jene Nationalökonomen, die heute die offiziellen Nationalökonomen sind und die oftmals so hilflos sind in bezug auf das Auffinden von wirklich sozialen Impulsen, die so Fruchtloses geleistet haben, was gerade jetzt sich in seiner Fruchtlosigkeit zeigt, wo es sich bewahrheiten und erwahren sollte im Leben, jene Nationalökonomen, sie können ebensowenig ganz klar Antwort darauf geben, was eigentlich Geld ist im sozialen Prozeß. Das ist ja ein Streit in der nationalökonomischen Wissenschaft, was Geld eigentlich ist. Es gibt sogenannte Metallisten und Nominalisten in der nationalökonomischen Wissenschaft in bezug auf das Geld. Die Metallisten behaupten, daß beim Geld in Betracht kommt der Metallwert, der Stoff als solcher. Die Nominalisten behaupten, daß bloß der Name, die Bewertung, die durch den Staat oder durch sonstige Korporationen dem betreffenden Stück zukommen, mit Ausschluß des metallischen Wertes, im sozialen Verkehr eine Bedeutung hat. Also nicht nur, daß man nicht Veranlassung nimmt, in diesen Dingen mit seinem ganzen Empfinden, mit seinem ganzen Menschenleben die Wirklichkeit zu verfolgen, sondern man weiß gar nicht einmal in der Wissenschaft, wie diese Dinge mit der Wirklichkeit zusammenhängen.

Gerade auf diesem Felde zeigt sich, wie die Zeit drängt, die Wirklichkeit wieder zu finden. Das ist nun dasjenige, was Geisteswissenschaft den Menschen bringen kann: eine andere Art von geistiger Beweglichkeit und auch von geistiger Notwendigkeit. Es ist ja wahr: Geisteswissenschaft, so wie sie hier vorgetragen wird, finden viele Menschen schwer, weil sie sich anstrengen müssen, geistig anstrengen müssen; und man liebt heute nicht, sich geistig anzustrengen. Wenn man naturwissenschaftlich beobachtet, Experimente macht, beobachtet man die Vorgänge, und das Denken ist mehr nur so eine Begleitung. Das geht an der Hand der äußeren Vorgänge vor sich. Das liebt man überhaupt heute in der Zeit der Kinos, wo man sich gern etwas vormachen läßt, das man mit dem Denken nur begleitet; das liebt man heute, wo man natürlich weniger gerne zu solchen Vorträgen geht, bei denen man mitgehen soll; man liebt viel mehr das, wo Lichtbilder gezeigt werden, wo nicht so viel gedacht zu werden braucht. Gewiß, Geisteswissenschaft fordert schon Anstrengung, Aktivität des menschlichen Seelenlebens. Das ist es, warum sie sich so schwer einbürgert, warum sie so viele Gegner, scheinbare Gegner findet. Aber es ist auch die Kompensation da, es ist auch das Gegenbild da. Diese Geisteswissenschaft macht die Begriffe, macht das Ideenvermögen des Menschen beweglich, macht es so, daß es vor allen Dingen auch den Willen hat, eindringen zu wollen in dasjenige, was in der Wirklichkeit vorliegt. Daher wird Geisteswissenschaft gerade in denjenigen Wissensgebieten, die durch das heutige, ich möchte sagen, nur begleitende Denken zu nichts Rechtem kommen, namentlich in der Nationalökonomie zum Beispiel, in der Volkswirtschaftslehre, in der Sozialwissenschaft und im sozialen Leben selbst, Ordnung schaffen können. Sie wird die langen Wege gehen können, die von solchen Dingen wie Geld, Kapital, Zins, Rente, Kredit bis zu der Wirklichkeit restlos hinführen.

Gewiß sind heute sehr viele Leute, die sagen: Was, das soll Geisteswissenschaft, diese hohe, erhabene Geisteswissenschaft, die ja nur in geistigen Dingen schweben soll, die soll so etwas Materialistisches erstreben wie das Verständnis für Kapital und Zins und Rente und Kredit und so weiter? Dies muß ja gerade überwunden werden, aus dem muß man ja gerade herauskommen, wenn man in die Erhabenheit der geistigen Höhen kommt. — Das mag nach der einen Seite ja ganz richtig sein, aber nach dieser einen Seite, nach der es richtig ist, befriedigt es doch, wenigstens für dieses Erdenleben, nur egoistische oder raffiniert egoistische Instinkte des Menschen. Dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß diese Geisteswissenschaft gerade das Praktischste für dieses menschliche Leben sein kann, daß sie, wenn in der richtigen Weise eingeführt, gerade für diejenigen Dinge, die sonst wie Scheinwirklichkeit über der wahren Wirklichkeit schweben, die wahre Wirklichkeit durchschauen lassen wird.

Und so möchte ich, weil die Zeit drängt, auf eine Sache besonders hinweisen. Wer heute das proletarische Denken kennt — und das proletarische Denken bleibt noch immer das Wichtigste innerhalb der sozialen Frage -, der weiß, daß eine Aufstellung des Marxismus ganz besonders einleuchtend ist für den Proletarier, daß aus dem, was durch die proletarische Bewegung durch die Welt geht, die eine Forderung immer wieder besprochen wird in der verschiedensten Gestalt. Das ist das, daß Karl Marx den Leuten plausibel zu machen verstand: Es gibt auf dem Weltmarkt Waren, die werden gekauft nach Angebot und Nachfrage und so weiter. Da herrscht ein bestimmtes Gesetz. Aber unter diesen Waren ist durch die moderne soziale Ordnung auch eine ganz besondere Ware, das ist die menschliche Arbeitskraft, die der Unternehmer kauft. Andere Leute haben andere Waren, die sie zum Markt tragen und verkaufen, Gegenstände als Ware, die menschliche Bedürfnisse befriedigt. Derjenige, der sich heute als Proletarier empfindet, hat, weil er besitzlos ist, solche Dinge nicht zu verkaufen; er hat zu verkaufen nur seine menschliche Arbeitskraft. Die trägt er zum Markt, die wird ihm abgekauft nur für so viel, als gerade notwendig ist, um seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie zu bestreiten. Nur so viel, als die menschliche Gesellschaft aufbringen muß, um sein Leben zu fristen, bekommt er, während der Mehrwert - das ist ja der marxistische Ausdruck - von den Unternehmern eingeheimst wird oder in die übrige soziale Zirkulation übergeführt wird.

Die Empfindung, daß er seine Arbeitskraft zu Markte tragen muß, das ist dasjenige, was in dem Proletarier lebt, das ist dasjenige, was er durch die sogenannte Vergesellschaftung der Produktionsmittel eben abschaffen will.

Nun ist dieser Gedanke ein solcher, der, wenn er nicht angefaßt wird von einem tieferen Gesichtspunkte aus, große moralische Unzuträglichkeiten herbeiführen wird. Hingewiesen muß werden mit jener Denkkraft, die gewonnen wird durch den Wirklichkeitssinn, den die Geisteswissenschaft gibt, daß nicht in der Weise, wie es bei Auguste Comte auftritt, sondern noch in einer ganz anderen Weise etwas als Tendenz in der Entwickelung der Menschheit liegt, was heute herausfordert Neugestaltung von etwas ganz Bestimmtem. Das ist nämlich so: Wir können zurückschauen noch in die griechische Zeit. Wir haben ja die Segnungen dieser griechischen Kultur an vielen von uns hinreichend erlebt — oder auch nicht hinreichend erlebt -, aber diese griechische Kultur, sie weist uns zurück auf das griechische Sklaventum, und sie läßt uns dann weiter denken, wie das Sklaventum selbst nach und nach in der Menschheitsentwickelung verschwunden ist. Was ist denn übergegangen mit dem Sklaventum an den anderen Menschen? Der ganze Mensch. Fast noch mit der Leibeigenschaft ist der ganze Mensch an den andern Menschen übergegangen. Da mußte der ganze Mensch als Sklave an den andern Menschen übergehen. Es lag so in der Menschheitsentwickelung und entsprach den dazumaligen menschlichen Instinkten. Und wenn man auf der einen Seite die Erfahrung macht, daß Plato, der große Philosoph, die Sklaverei für notwendig hält, so muß man als die Kompensation, die damit stets verbunden ist, eben wissen, daß der Sklave aus seinen Instinkten heraus, aus patriarchalischem Gefühle heraus das Sklaventum nicht als dasjenige empfand, als was wir es heute in der Rückschau in der menschlichen Entwickelung empfinden. Es lag eben damals die Sklaverei in der menschlichen Entwickelung.

Nun ist die Tendenz in der Entwickelung die, daß der Mensch immer weniger und weniger hingibt; als Sklave gab er noch sich ganz, dann kam die Zeit, wo er seine Arbeit hingibt, wo seine Arbeit ihm abgekauft wird nach demselben Wert, wie man Ware kauft. Wie in alten Zeiten der Mensch noch sich ganz hingegeben hat in der Sklaverei, und so, wie die Sklaverei überwunden worden ist durch eine historische Notwendigkeit, nicht durch den menschlichen Willen, so wird auch das überwunden werden, daß der Mensch nur einen Teil von seiner Wesenheit, seine Arbeit, hingibt.

Und dieses Gefühl, daß das so ist, daß das überwunden werden wird, das drückt sich aus in dem Verständnis des Proletariers gegenüber der ja allerdings sehr irrtümlich und einseitig geltend gemachten marzistischen Theorie von Arbeitskraft als Ware und so weiter. Aber wahr ist daran, daß zuerst der ganze Mensch, dann dieser Teil des Menschen, die menschliche Arbeitskraft, und jetzt als drittes, wonach die Entwickelung strebt, nur etwas anderes noch übergehen kann von einem Menschen zum anderen. Aufgehoben wird das soziale Leben nicht werden, aber etwas anderes wird an die Stelle treten. Wird man einmal von diesem anderen sprechen, wird man verstehen, die soziale Wirklichkeit so zu begreifen, daß man von diesem anderen sprechen kann, dann wird man Verständnis finden, indem man die neuen Gedanken haben wird, welche dem sozialen Leben entgegenkommen.

Jene Intuition, welche aus der Geisteswissenschaft fließt, sagt uns: Wir stehen unmittelbar in der Zeit, in der die soziale Struktur der Erdenmenschheit sich so umändern will, daß nun nicht mehr überhaupt Arbeitskraft, physische Arbeitskraft in Austausch gebracht werden kann mit irgendwelchem Mittel, das man auch für Ware hingibt, für objektive Ware, sondern daß diese menschliche Arbeitskraft frei verrichtet wird dadurch, daß der Mensch an eine bestimmte Stelle gestellt wird, in eine bestimmte soziale Position hineingerückt wird und den Orr, in dem er sich befindet, sich bestimmen läßt von der menschlichen Gesellschaft und auch seine Zeit verdingt für die menschliche Gesellschaft. Erst war es der ganze Mensch, der sich verkaufen mußte oder der verkauft wurde; dann wurde es die menschliche Arbeitskraft; und als drittes ist es Ort und Zeit. Auf gewissen Gebieten ist das schon durchgeführt. Es ist nicht so, daß wir sagen können: Wir selber, die wir in anderen Lebenspositionen sind als ein Proletarier, geben auch unsere Arbeitskraft hin, unsere Leistungen hin, irgend etwas anderes hin. Wir werden nicht für unsere Arbeitskraft bezahlt, sondern höchstens dafür bezahlt, daß wir an einem bestimmten Ort wirken und eine bestimmte Zeit hindurch unsere Kraft opfern für die Gesamtmenschheit. Dasjenige, was nicht mehr dem Menschen selber angehört, wodurch der Mensch in seiner Umgebung, sozialen Umgebung, drinnensteht, seine Position, die heute mehr oder weniger nur bei den Beamten — aber da führt es zu anderen Unzuträglichkeiten — bestimmt wird aus der sozialen Struktur heraus, das wird es sein, was an die Stelle treten wird der Bezahlung und des damit Zur-Ware-Werdens der Arbeitskraft.

Das ist dasjenige, was einem sich offenbart, wenn man aus den geistigen Impulsen heraus die Menschheitsentwickelung, wie sie der Zukunft entgegeneilt, beobachtet. In dem Augenblicke, wo man dies einsieht, wird man, wenn man von autoritativer Stelle herab spricht und wirkt in den Einrichtungen, in den Gesetzen, wirkt da, wo gewirkt werden muß, im öffentlichen Leben, dann wird man so wirken, daß man zustrebt zum Beispiel einem solchen sozialen Prinzip, und dann wird man dem entgegenkommen, was als soziale Forderung heute in der Menschheit lebt. Die Zeit drängt, und ich kann anderes aus der Geisteswissenschaft heraus nicht mehr anführen.

Man kann gut sagen: In den Proletarierköpfen lebt jetzt etwas anderes, in den Proletarierköpfen leben eben die marxistischen Ideen oder auch bei revolutionistisch gesinnten Leuten die den marxistischen ähnlichen Ideen; man hat es doch mit diesen Leuten zu tun. O nein! Ich selbst, sehr verehrte Anwesende - ich mache noch am Schlusse diese persönliche Bemerkung -, der ich Jahre hindurch unter diesen Leuten gelehrt habe, ich bin nicht durch diese Leute, sondern gegen den Willen der 400 Schüler von vier Abgesandten der Führerschaft hinausgedrängt worden. Diese Führer aber, die werden nicht mehr lange Führer sein. Dasjenige, was als Wüste zurückgeblieben ist nach dieser kriegerischen Katastrophe und worauf jetzt eine Zeitlang diese Führer wirken können, das wird diese Führer verschwinden sehen; denn sie werden aus ihren Ideen heraus nichts machen können. Mit dem Vertrauen zu den Führern wird das Vertrauen zu den alten Ideen verlorengehen.

Und dasjenige ist es, was man herbeisehnen möchte, daß dann, wenn die Möglichkeit dazu da ist, auch Ohren dasein werden, zu hören das, was als wirkliche soziale Ideen verkündet werden kann, daß dann genügend Leute dasein werden, die geneigt sind, solche sozialen Ideen wirklich hineinzutragen in die Menschheit, solche sozialen Ideen, die aufbauend sind, fruchtbar sind, anstelle derjenigen, die heute Raubbau treibend — wie diejenigen von Lenin, Trotzkij und anderen - Zerstörung und Tod über die Menschheit bringen wollen.

Das ist dasjenige, was vor allen Dingen heute zu berücksichtigen ist. Was man ausführen könnte über breite Gebiete des sozialen Lebens, ich wollte es nur andeuten, damit prinzipiell gesehen werde, wie diese Geisteswissenschaft auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens demjenigen, was wichtigste Forderung der Gegenwart ist, entgegenkommt.

Zum Schlusse möchte ich noch darauf aufmerksam machen, daß diese Geisteswissenschaft auch auf dem dritten Gebiete, dem des religiösen Lebens, das finden will, was gerade Ziel der Gegenwart auch auf diesem Gebiete ist. Man kann so leicht von Leuten, die diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nur oberflächlich kennenlernen, den Einwand hören: Das ist eine sektiererische Bewegung, die will eine neue Religion stiften - und dergleichen. Die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ist ebensowenig Sekten bildend wie irgendeine neue Religion stiften wollend. Sie will Wissenschaft sein, diejenige Wissenschaft, die von dem Impuls der Zeit selbst gefordert wird. Sie will ebensowenig dilettantisch sein, wie die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete dilettantisch sein darf; sie steht auch nicht im Gegensatz zu der Naturwissenschaft, sondern in größerem Maße noch als die heutigen Naturwissenschafter selbst stellt sie sich auf den Standpunkt, der inauguriert worden ist gerade durch die naturwissenschaftliche Richtung.

Aber etwas anderes ist der Fall. Diese Geisteswissenschaft sucht, gemäß den Forderungen der Gegenwart — und diese Forderungen werden sich der Zukunft zu immer weiter und weiter ergeben -, auch die religiösen Bedürfnisse in der Weise zu verstehen, wie sie nunmehr unter den veränderten Verhältnissen immer mehr werden verstanden werden müssen. Geisteswissenschaft will Wissenschaft sein. Wissenschaft führt immer weg von der menschlichen Individualität, wenn sie auch gerade verständlich macht auf sittlichem und sozialem Gebiete das Individuelle, wenn sie auch da gerade anregt die Quellen der individuellen Impulse. Aber als Wissenschaft selbst, als Erkenntnis, macht sie den Menschen selbstlos, führt weg von der Individualität, führt in dasjenige, was umfassend, universell ist. Jedoch der Mensch braucht zu seinem vollen Menschtum stets, daß er zum Übersinnlichen ein unmittelbar individuelles Verhältnis habe, ein Verhältnis, das er unmittelbar subjektiv ausleben kann. Der Mensch braucht nicht nur den Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt, so wie die Wissenschaft, die Geist-Wissenschaft ihn bieten kann, der Mensch braucht den Zusammenhang durch Kultus, Sakramentales und so weiter mit den Religionsstiftern und all der realen, äußeren sinnenfälligen Entwickelung durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch, die sich an die Religionsstifter und an die äußeren Offenbarungen anhängen. Geisteswissenschaft wird dasjenige, was da lebt, im äußeren Kultus, was lebt in den äußeren Bekenntnisformen, Geisteswissenschaft wird es geistig vertiefen, wird zeigen, wie das sich übersinnlich in der Sinnenwelt Offenbarende sich ausnimmt, wenn man es mit der übersinnlichen Erkenntnis durchdringt. Geisteswissenschaft wird so den Menschen in wahrhaft modernem Sinne vorbereiten, religiöse Bedürfnisse zu haben. Aber diese religiösen Bedürfnisse können nicht anders befriedigt werden, als indem man hinschaut auf die alten Religionen.

Es war merkwürdigerweise ein katholischer Kardinal, Newman, der bei seiner Antrittsrede in Rom das Wort ausgesprochen hat, das sonderbare Wort, er sehe für die katholische Kirche kein anderes Heil als eine neue Offenbarung. — Der katholische Kardinal zeigte damit bloß, daß er die seitherige Stellung des Menschen zu der alten Offenbarung nicht einnehmen kann, denn er verkündete gerade das, was durch die Geisteswissenschaft heraufkommen soll. Sie nimmt die Welt in ihrer Wirklichkeit, und sie weiß, daß - obzwar die Gesetze der Entwickelung der Menschheit andere sind als die des einzelnen Menschen -, daß, wie bei einzelnen Menschen Gesetze in der Entwickelung auftreten, so auch in der ganzen Menschheitsentwickelung. Und diese Gesetze in der Entwickelung des Einzelmenschen sind so, daß dasjenige, was der Mensch mit 50 Jahren erlebt, nicht eine Wiedererneuerung sein kann desjenigen, was er zum Beispiel mit 25 Jahren erlebt hat. Man kann nicht mit 50 Jahren in derselben Seelenverfassung dasselbe erleben, was man mit 25 Jahren erlebt hat. Für jedes Zeitalter gehört etwas anderes und in anderer Form.

Nun ist die Entwickelung im Laufe der Menschheit etwas anderes. Sie ist nicht so wie beim einzelnen Menschen, und die Analogien aufzusuchen zwischen den einzelnen Menschen und der historischen Entwickelung ist ein Dilettantismus, ist falsch. Aber Geisteswissenschaft findet solche Gesetze, nach denen sich die ganze Menschheit entwickelt, und weiß, daß die Begründung von Religionen etwas ist, was ganz bestimmten Zeitaltern angehört, die hinter uns liegen, daß im Christentum sich zusammengefaßt hat synthetisch dasjenige, was in den übrigen Religionen verteilt war, daß das Christentum als religiöse Form in gewissem Sinne der Abschluß der religiösen Formen ist, daß man nicht im Sinne des Kardinals Newman auf eine neue Offenbarung zu warten hat, sondern daß man nur lichtvoller diejenige Offenbarung in neuerem Sinne, in höherem Sinne umgestaltet verstehen kann, die im Christentum als Religion unter anderen religiösen Offenbarungen aufgetreten ist. Gerade weil Geisteswissenschaft im Sinne der Wirklichkeit denkt und nicht gegen die Wirklichkeit, weiß sie, daß sie etwas Untunliches machen würde, wollte sie eine neue Religion stiften. Sie würde damit dasselbe tun, wie wenn sie einen 50 Jahre alten Menschen wieder 30 Jahre alt machen wollte. Denn worauf es ankommt in der Menschheitsentwickelung, das ist, daß die Art und Weise, sich zur religiösen Offenbarung zu stellen, mit der Zeit sich ändert, daß neue innere Grundlagen geschaffen werden müssen. Diese neuen inneren Grundlagen werden gerade für den heutigen Menschen und seine Forderungen, die allerdings für viele noch unbewußt bleiben, gerade durch die Geisteswissenschaft geschaffen. Und diejenigen, die sich aus der offiziellen Vertreterschaft dieses oder jenes Religionsbekenntnisses heraus fürchten oder wenigstens angeben, sich zu fürchten, daß Geisteswissenschaft die Menschen irreligiös machen könnte, die sollten sich vor allen Dingen einmal fragen, ob sie nicht viel mehr beitragen zur Irreligiosität der Menschen als diese Geisteswissenschaft, die im Gegenteil die Menschen gerade im rechten, wahren Sinne wiederum zum religiösen Leben zurückführen wird.

Derjenige, der dieses religiöse Leben als Kirchenbekenntnis auf einer bestimmten Stufe zurückhalten will, der nicht will, daß hereindrängt das, was aus der neuen Seelenlage der Menschen notwendigerweise hereindrängen muß, der ist viel mehr ein Gegner der Religion, auch wenn er im Priesterkleide auftritt, als derjenige, der sich fragt: Wie kann der Mensch bei seinem vertieften Inneren auch jenen Zug wiederum in seiner Seele entwickeln, der ihn zum Verständnis des religiösen Lebens hinführt? — Geisteswissenschaft ist keine Religionsstiftung; sie ist Wissenschaft vom übersinnlichen Leben. Aber indem sie dieses ist, führt sie den Menschen auch zur Vertiefung derjenigen Instinkte, die gerade das religiöse Leben, das zurückgegangen ist unter der bloßen äußeren Naturerkenntnis, die gerade dieses religiöse Leben in den verschiedensten Formen wiederum in der Menschheit lebendig und fruchtbar machen wird.

Das hat Geisteswissenschaft zu erwidern gerade den heute von dieser Seite aus kommenden zahlreichen Angriffen, die aber wirklich von solchen ausgehen, die dem religiösen Leben in Wirklichkeit vielleicht feindlicher sind — obwohl sie mit Worten ihre Religion und ihr Bekenntnis verteidigen — als irgend jemand, der nur gleichgültig ist; geschweige denn der Geisteswissenschafter, der gerade zur wahren Religiosität zurückführen wird. Solchen Leuten möchte man immer eine Antwort geben, die ich auch heute wiederum zitieren werde, die ich genötigt war, einmal jemandem zu geben. Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einen Vortrag über «Christentum und Weisheit». Da waren auch zwei katholische Geistliche drinnen; die hörten zu. Sie hatten sonst anderes nicht gehört, nur diesen Vortrag; der kam ihnen nicht gar so ketzerisch vor. Hinterher kamen sie zu mir und sagten: Sie sagen Dinge, gegen die wir uns nicht gerade wenden müssen als offizielle Vertreter der Religion. Aber es ist doch nicht richtig, daß Sie das auf diese Weise vorbringen. Wie Sie es vorbringen, so ist es nur für bestimmte Leute verständlich. Wie wir die Sache vorbringen, so ist es für alle Leute verständlich. - Ich sagte darauf: Hochwürden, sehen Sie, ich glaube ganz gerne — denn das liegt in der menschlichen Natur -, daß Sie denken, jeder Mensch müßte in einem ähnlichen Falle das gleiche tun wie Sie, denn das liegt eben in der menschlichen Natur, daß man immer glaubt, so wie man’s macht, sollte eigentlich ein jeder es machen. Aber ob ich denke, ich mache es richtig, oder ob Sie denken, Sie machen es richtig, darauf kommt es dem gar nicht an, der mit der Wirklichkeit denkt, sondern auf diese Wirklichkeit kommt es an. Die Wirklichkeit selber diktiert in diesem Falle die Antwort auf Ihren Einwand. Ich frage Sie: Gehen alle Leute noch zu Ihnen in die Kirche - das würde ja zeigen, daß Sie für alle sprechen -, oder bleiben auch welche draußen? - Da konnten sie nicht anders als mir sagen, daß auch welche draußen bleiben. Nun, sehen Sie, für diejenigen, sagte ich, die da draußen bleiben und die doch ein lebendiges, gesundes Empfinden haben, den Weg zu dem Christus hin zu finden, für die rede ich.

Das sagt die Wirklichkeit, nicht der subjektive Glaube, den jeder selbstverständlich haben kann. Lassen wir nicht uns entscheiden, sondern die Wirklichkeit entscheiden. Diese Wirklichkeitserkenntnis, diese innere Wirklichkeitssuche, das ist es, was gerade auf den drei heute im Kriege befindlichen Gebieten, auf dem Gebiet des sittlichen, sozialen, religiösen Lebens Geisteswissenschaft der Menschheit wird bringen können. Und vielleicht wird man, wenn man diese Dinge durchschaut, sich sagen können: Diese Geisteswissenschaft hat schon Aufgaben gerade für die Gegenwart. Und es ist nicht ein Zufall und nicht eine Willkür, nicht irgendeine Agitation eines einzelnen, daß diese Geisteswissenschaft gerade in der Gegenwart sich einlebt dem menschlichen Denken, Empfinden und den Willensimpulsen. Denn man kann in einer gewissen Weise sagen: Die Gegenwart selbst mit ihren schweren Erlebnissen, mit dem tragischen Geschick, das über die Menschheit kommen wird und wohl noch manches Tragische in ihrem Schoße trägt, diese Gegenwart, sie zeigt selbst, daß ein neues Heilmittel notwendig ist für mancherlei Dinge. Und mancherlei Dinge gibt es - das möchte ich zum Schlusse dieser Betrachtungen aussprechen -, für welche gerade der Wirklichkeitssinn, den Geisteswissenschaft entwickelt, zeigt, daß sie allein das Heilmittel sein kann und daß, wenn die Menschheit nicht den Mut und nicht das Interesse findet, sich zu dieser Geisteswissenschaft zu retten, man für viele Dinge des Heilmittels ermangeln werde.

Wird man nicht Geisteswissenschaft haben wollen, so wird man in vielen Dingen nicht weiterkönnen. Und man wird daher, da man in der Menschheit niemals in die Notwendigkeit versetzt ist, zum Pessimismus seine Zuflucht zu nehmen, sondern immer an die guten Seiten der Menschennatur glauben darf und glauben muß, man wird deshalb glauben dürfen: Weil die Menschheit die Beobachtung des übersinnlichen Lebens braucht, so wird sie den Weg zu dieser übersinnlichen Erkenntnis wählen und ihn dann auch finden.

German original of Moral, Social, and Religious Life from the Perspective of Anthroposophy · ← Previous