Anthroposophy Has Something to Add to Modern Science
GA 73 — 5 November 1917, Zurich
Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Menschlichen Seelenfragen
Was in diesem Vortrage hier mit Anthroposophie gemeint sein wird, soll nicht irgend etwas sein, das sich aus einer sektiererischen Bewegung oder Geistesströmung oder dergleichen heraus ergibt, sondern etwas viel AllgemeinerMenschliches: eine Geistesströmung, welche sich mit innerer Notwendigkeit in unserer Zeitepoche ergibt aus dem Heraufkommen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung im Laufe der letzten Jahrhunderte in der Gestalt, welche diese naturwissenschaftliche Weltanschauung insbesondere in unserer Zeit angenommen hat.
Dabei ist aber nicht zu denken, daß dieses als Anthroposophie Gemeinte wie eine logische Folge, wie irgendeine Urteilskonsequenz sich ergeben soll aus naturwissenschaftlichen Voraussetzungen; sondern gedacht ist vielmehr, daß diese Anthroposophie sich als lebendiges Gebilde, als Erlebnis, selbst entwickeln muß in einem Zeitalter, das für viele Fragen des Lebens, der Welt, naturwissenschaftlich denken muß. Mehr wie ein lebendiges Kind — wenn ich so sagen darf — der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart, denn als eine bloß logische Konsequenz, ist diese Anthroposophie gedacht.
Nun muß ich mich allerdings bemühen, sehr verehrte Anwesende, diese vier Vorträge, die über die verschiedensten Gebiete der gegenwärtigen Wissenschaften sich erstrekken sollen, zu einem Ganzen zu gestalten. Daher wird der einzelne Vortrag als solcher kein abgeschlossenes Ganzes sein können, und ich werde sehr bitten müssen, dieses zu berücksichtigen.
Wenn ich die Vortragsserie eröffne mit einer Besprechung der Beziehungen von Anthroposophie und Seelenwissenschaft, so scheint dies insofern natürlich, ja selbstverständlich zu sein, als Anthroposophie, die orientiert sein will nach der geistigen Welt, die ihre Forschungsergebnisse aus der geistigen Welt heraus suchen soll, zunächst ganz besonders sich wird zu schaffen machen müssen mit den inneren Angelegenheiten des Menschen selbst, mit dem seelischen Leben des Menschen. Dies auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber kommt in Betracht, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere im Laufe des 19. Jahrhunderts, dasjenige, was man Seelenwissenschaft, Psychologie nennt, im Grunde ein ganz anderes Gepräge erhalten hat, als es noch vor kurzer Zeit hatte. Seelenwissenschaft ist gerade durch die Ausdehnung des naturwissenschaftlichen Denkens über viele Gebiete des Lebens vielleicht rätselvoller geworden, mehr erfüllt worden von allen möglichen Lebensrätseln als irgendeine andere wissenschaftliche Betätigung der neueren Zeit. Es war ja nur natürlich bei den großen, gewaltigen Ergebnissen des naturwissenschaftlichen Forschens, daß naturwissenschaftlich-methodisches Denken, naturwissenschaftliche Anschauungsweise gewissermaßen Besitz ergriff von alldem, was im Bereiche der menschlichen Erkenntnis liegt. So ist es denn auch gekommen, daß diese naturwissenschaftliche Anschauungsweise, man könnte sagen, ihre Macht ausgedehnt hat in der neueren Zeit über das Gebiet des Seelenlebens.
Nun möchte ich von vornherein das Vorurteil, das Mißverständnis, das sich so leicht gerade gegenüber anthroposophischer Forschung erheben will, berichtigen, das darinnen bestehen könnte, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht rechnen wolle mit dem, was naturwissenschaftliche Vorstellungsart der neueren Zeit der Menschheit zu bieten hat. Im Gegenteil, die weiteren Vorträge, die ich hier werde zu halten haben, werden gerade zeigen, wie Naturwissenschaft erst dann zu ihrem vollen Rechte kommt, wenn sie diejenige starke Begründung erfährt, die sie durch Anthroposophie oder Geisteswissenschaft erfahren kann. Und in gewisser Beziehung wird sich das schon bei der Betrachtung des Verhältnisses der Anthroposophie zur menschlichen Seelenwissenschaft zeigen. Es ist ein berechtigtes Ideal der modernen Naturwissenschaft, dasjenige, was sie betrachtet als natürliches Geschehen, als Inhalt der Naturprozesse und Naturtatsachen, abzulösen von jeglichem Seelischen, nirgends in die wissenschaftliche Beobachtung, in das wissenschaftliche Experiment hineinzumischen irgend etwas, was aus dem Subjektiven — wie man es nennt —, was aus dem seelischen Erleben kommt. Dadurch allein kann diese naturwissenschaftliche Denkweise hoffen, daß der Mensch nicht das objektive Bild der Naturtatsachen durch dasjenige trübt, was er durch seine seelischen Tendenzen, durch seine seelischen Erlebnisse in die Natur hineinträgt.
Es ist nur natürlich, daß unter einem solchen Ideal ganz besonders die Seelenwissenschaft eine bestimmte Ausprägung erfahren mußte. Denn so wie sich die Seele zur Außenwelt stellen muß in der wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur, so hat sich diese Seele in früheren Zeitläuften zur Außenwelt nicht gestellt. Wer wirklich einen Sinn dafür hat, sich in wissenschaftliches Denken, in Weltauffassungen verflossener Jahrhunderte hineinzufinden, der kann bemerken, daß in diesen früheren Zeitläuften die Menschen überall, wenn sie versuchten, die Naturtatsachen zu erklären und zu begreifen, diese Naturtatsachen nicht rein sonderten von dem, was die Seele empfand an diesen Naturtatsachen, was die Seele sich als, sagen wir, symbolische oder andere Vorstellungen an diesen Naturtatsachen machen wollte. Es war gewissermaßen dasjenige, was der Mensch an der Natur erlebte, vermischt mit dem, was objektive Naturtatsache selbst war. Dadurch aber, daß die Naturwissenschaft selbst nicht frei von manchem war, was die Seele hergab, dadurch kam man in bezug auf die Seelenwissenschaft in keine so rätselvolle Lage hinein wie in der Gegenwart. Wer schon Seelisches in der Natur geoffenbart kriegte und mit den rein materiellen Tatsachen das Seelische mit herausnahm aus der Natur, der konnte auch viel eher glauben, in bezug auf das Gebautsein des Seelischen im Wesen der geistigen Welt im Einklange mit der Natur- und Weltbetrachtung irgend etwas zu erfahren — viel eher, als dies jetzt möglich zu sein scheint, wo man die Natur so betrachten will, daß gerade alles «Subjektive», alles Seelische bei dieser Betrachtung wegbleibt. Wie soll man denn mit einer naturwissenschaftlichen Anschauungsart, die gerade ihr vollkommenstes Ideal darinnen sieht, das Seelische auszuschließen, die also Begriffe, Ideen, Methoden ausbilden muß, welche auf dem Ausschluß des Seelischen beruhen, wie soll man denn mit diesen Methoden nun herübergehen können in das Seelische und von diesem Seelischen irgend etwas erkennen können? Wie soll man denn anwenden können, was man an der Naturwissenschaft, die das Seelische ausschließt, gelernt hat, auf die Betrachtung des seelischen Lebens?
Dennoch, wir werden im dritten Vortrage sehen, wie gerade Physiologie, und wie auch eine sehr zukunftsreiche Wissenschaft, die gegenwärtig erst anfängt, sich die Universitätslehrstühle zu erobern: die experimentelle Psychologie, ihre guten Grundlagen finden werden, wenn man wiederum die Möglichkeit findet, trotz dem Ideal naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise zu einer Seelenwissenschaft zu kommen. Denn, was hier vertreten werden soll, das steht in keiner Beziehung demjenigen ablehnend gegenüber, was von seiten der Naturwissenschaft als Hilfswissenschaft dem seelischen Leben zugeflossen ist. Im Gegenteil! Gerade was psychologische Laboratorien der neueren Zeit anstreben, wird von einem gewissen anthroposophischen Gesichtspunkte aus erst seine rechte Fruchtbarkeit, seine rechte Bedeutung gewinnen.
Man kann sich nun fragen: Was will eigentlich der Mensch, wenn er sich wissenschaftlich der Natur gegenüberstellt in der Form, wie das heute die Naturwissenschaft mit Recht tut? Was will eigentlich der Mensch an der Natur erkennen? Man könnte über diese Frage stundenlang reden; allein ich will nur kurz andeuten, wie sie etwa beantwortet werden kann.
Der Mensch entwickelt in dem, was sich abspielt im Laufe des seelischen Lebens, gewisse Bedürfnisse, die sich einfach dadurch ergeben, daß er in sich seelisch erlebt und außer sich den Ablauf der Naturtatsachen hat. Aus diesen Bedürfnissen heraus entwickelt sich dasjenige, was Naturwissenschaft ist. Man will in der Seele selbst zurechtkommen mit dem, was die Seele fragen kann, mit dem, was die Seele als Rätsel, als Zweifel sich aufwerfen kann bei der Anschauung der Natur. Und man will die Natur in einem solchen Bilde sehen, daß dasjenige, was als innerer Ablauf der seelischen Erlebnisse in uns erfahren wird, dabei zu seinem Rechte kommt. Der Beobachter ist es eigentlich, der die Direktiven, der die Tendenzen der Naturwissenschaft gibt. Man braucht sich nur etwa an einen solchen Ausspruch wie den von Da» Bois-Reymond zu erinnern, den er gelegentlich seiner berühmten Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» tat: Eine Naturerkenntnis ist dann vorhanden, wenn unser Kausalitätsbedürfnis — also ein Subjektives, etwas, das im menschlichen Erleben begründet ist —, wenn das befriedigt ist. Das aber setzt voraus, daß dieses subjektive, persönliche seelische Erleben mit seinen Fragen, mit seinen Zweifeln wie einer Sphinxnatur gegenübersteht dem äußeren Ablauf der Naturerscheinungen, daß diese nicht in ihrem ersten Anblicke ergeben, was das Seelenleben als ein Bild von ihnen formt. Wir können das erste Bild, das sich dem vorläufigen Anschauen ergibt, durch das, was in unserer Seele abläuft, verändern und bekommen dadurch gerade die Naturwissenschaft.
Können wir dies mit dem seelischen Leben ebenso machen? Diese Frage beantwortet man sich nur nicht immer deutlich und exakt genug. Zum Seelischen können wir uns nicht in derselben Art fragend mit dem gewöhnlichen Bewußtsein stellen, wie zur Natur. Dieses Seelische läuft in uns ab. Wir können es bloß erfahren, bloß erleben. Aber wir werden nichts gewinnen, wenn wir das, was uns schon bekannt ist, dann so gliedern, wie wir gesetzmäßig die Natur gliedern, um zu einer Naturwissenschaft zu kommen. Dieses seelische Erleben, wie es im gewöhnlichen Alltagsdasein auftritt, kann man erleben; aber es ist eigentlich, indem man es so erlebt, kein Anlaß da, es in derselben Weise zu behandeln wie die Naturtatsachen. Diese führen auf Schritt und Tritt sozusagen ins Unbekannte, während wir im seelischen Erleben unmittelbar drinnenstehen. Man muß sich schon an der Naturwissenschaft selbst gewisse Fragestellungen anerziehen, wenn man dem seelischen Erleben gegenüber eine ähnliche Methode anwenden will, wie sie in der Naturwissenschaft üblich ist.
Man könnte nun sagen: Der Natur gegenüber ist der Beobachter als selbstverständliche Außenpersönlichkeit gegeben; dem seelischen Erleben steht kein Beobachter gegenüber. Daher verzweifelten manche Leute überhaupt an einer Möglichkeit, das seelische Leben zu beobachten, weil sie sich gar nicht vorstellen konnten, wie die Spaltung sich vollziehen könnte: daß man zu gleicher Zeit den Ablauf des Seelenlebens hat und dennoch Beobachter ist.
Das ist es aber gerade, dieses sonderbare Paradoxon, was eintreten muß, um eine Seelenwissenschaft, die sich der Naturwissenschaft zur Seite stellen kann, ich möchte sagen, im Geiste der Forderungen der Naturwissenschaft wieder erstehen zu lassen. Die Frage nach dem Beobachter des seelischen Lebens muß ernst, muß in ihrer vollen Bedeutung und Tiefe genommen werden. Dasjenige, was in uns lebt, kann dieses Seelische nicht unmittelbar beobachten. Wenn der Naturforscher, der das Ideal naturwissenschaftlicher Anschauung in der Gegenwart erfüllen will, in seiner Vorstellungsweise alles absondert, was Seele ist, wenn er gewissermaßen das Seelische ganz zurücktreten läßt, so muß der Seelenforscher heute den gerade entgegengesetzten Weg gehen: Er muß nun nichts absondern von den seelischen Erlebnissen, sondern er muß etwas hereinholen in diese seelischen Erlebnisse; er muß diese seelischen Erlebnisse mit etwas durchdringen, was im gewöhnlichen Bewußtsein nicht da ist. Gerade den entgegengesetzten Weg muß der Seelenforscher gehen! Weil Naturwissenschaft groß geworden ist auf ihrem Wege, muß der Seelenforscher diesen entgegengesetzten Weg gehen. Die große, bedeutungsvolle Frage entsteht: Wie kann dieser Weg gefunden werden?
Da werde ich nun manches Paradoxe zu sagen haben. Aber ich bitte, darauf Rücksicht zu nehmen, daß dasjenige, was im Laufe der menschlichen Geistesentwickelung auftrat, in den ersten Zeiten seines Auftretens immer einen paradoxen Charakter hatte. Man denke nur an die großen, umwälzenden naturwissenschaftlichen Errungenschaften selbst, wie sie auf den Menschen gewirkt haben, welche Zweifel, welche Anfechtungen, welche Kämpfe sie hervorgerufen haben! Dem Seelischen steht der Mensch noch viel näher als der Natur. Kein Wunder, wenn sich auch bezüglich der neueren Seelenwissenschaft so manches von dem wieder ergeben kann, was sich bei dem Fortschritte des naturwissenschaftlichen Forschens ergeben hat.
Klar muß man sich von vornherein bei der anthroposophisch orientierten Seelenwissenschaft sein, daß man mit dem Bewußtsein, das unseren Alltag erfüllt, das auch in der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Forschung üblich ist, wie ich schon angeführt habe, nicht auskommt. Seelenwissenschaft wird eine Bewußtseinsfrage werden. Und als solche Bewußtseinsfrage habe ich diese Seelenwissenschaft in meinem vor einem Jahre erschienenen Buche «Vom Menschenrätsel» behandelt: Wenn die Seele so, wie sie im gewöhnlichen Erleben ihren eigenen Erfahrungen gegenübersteht, von diesen Erfahrungen im Grunde nichts wissen kann - wenn sie sie nur erleben kann, wie man die äußere Natur, bevor man ein naturwissenschaftliches Bild von ihr hat, erlebt —, so deutet das schon darauf hin, daß diese Seele mit sich Veränderungen vornehmen muß, wenn sie ihre eigenen Tatsachen beobachten will. Das wird manche Schwierigkeiten geben gegenüber der herrschenden Denkweise der Gegenwart. Diese geht dahin, an die Seele ja nicht zu rühren, sie so zu lassen, wie man sie gewissermaßen, wie man etwa sagt, «aus den Händen der Natur selbst» erhalten hat, und in der Wissenschaft an dasjenige, was da in ihr lebt, anzuknüpfen. Seelenwissenschaft wird aber aus den tieferen Quellen, die für das gewöhnliche Erleben verborgen sind, Kräfte heraufholen müssen, durch die andere Beobachtungsmethoden, andere Vorstellungsarten entstehen, als sie im gewöhnlichen Leben da sind.
Nun will ich in Kürze schlicht schildern, was mit der menschlichen Seele vorgehen muß, wenn sie ein wirklicher Beobachter der eigenen seelischen Erlebnisse werden will, besser gesagt, wenn sie den inneren Beobachter, der in ihr verborgen ist, erwecken will, damit sie ihr eigenes Erleben erforschen kann. Mit dem Denken, mit all den Vorstellungsformen, die man sich bei der Betrachtung der äußeren Natur aneignet, kommt man dem Seelischen gegenüber nicht zurecht. Man kommt mit all diesen Vorstellungen — wie man, gerade wenn man innerlich ringt mit der Erkenntnis, bald bemerken kann — überhaupt nicht hinaus über den Tatsachenkreis, der sich naturwissenschaftlich überschauen läßt; man kommt damit gar nicht heran an das Seelische.
Die Sache wird in dem Augenblicke anders, da man an die Punkte — ich nenne sie Grenzorte des Erkennens — kommt, an denen der Mensch zunächst zweifelnd steht und oftmals sich sagt: Bis hierher kommen wir mit dem, was uns als Menschen einmal beschieden ist in bezug auf unseren Erkenntnistrieb; aber hier liegen unübersteigliche Grenzen; über die kommt man nicht hinaus. - Man braucht nur zu sehen, wie Menschen, die, gerade erfüllt von der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise der letzten Zeiten, mit ihren Gedanken versuchen, immer tiefer und tiefer in das Dasein hineinzuschürfen, an solche Grenzorte des Erkennens herangelangen. Ich will ein paar Beispiele anführen, die uns zeigen werden, wie der nach Erkenntnis Ringende da wirklich an ganz besondere Stellen des Seelenerlebens kommt.
Als erstes Beispiel möchte ich eines anführen, das ich gefunden habe bei einem vielleicht als Philosoph weniger geschätzten, aber als Persönlichkeit um so höher zu schätzenden Erkenntnissucher: bei dem berühmten Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer. Als Vischer das interessante Büchelchen Volkelts über «Die Traum-Phantasie» besprach, da warf er sich mit aller inneren Erkenntnisenergie die Frage auf: Welches kann die Beziehung sein der menschlichen Seele und des menschlichen Leibes?
Es ist ein anderes, ob man sich aus philosophischen Voraussetzungen, aus Schulbegriffen heraus dieses Problem vorlegt, ob man sich nur verstandesmäßig damit beschäftigt, oder ob es aus einem harten Denk-Erleben heraus vor die Seele tritt, so daß es wirklich wie sphinzartig sich vor diese Seele hinstellt. Aus solchem bangem Erleben heraus stellte sich — das sieht man dem ganzen Zusammenhang an der sogenannte V-Vischer, Friedrich Theodor Vischer, die Frage. Er sagt: Die Seele des Menschen, sie kann nicht im Leibe sein; aber sie kann auch nicht anderswo als im Leibe sein. — Ein vollständiger Widerspruch! Aber ein Widerspruch, der sich nicht logisch herbeigezerrt ergibt, sondern der sich aus dem vollen inneren Denken heraus ergibt, ein Widerspruch, in dem man ringt, ein Widerspruch, der der Beginn sein kann eines inneren Erkenntnisdramas. Und vor solchen inneren Erkenntnisdramen, weil sie zum Erleben führen, darf man nicht zurückschrecken, wenn wirkliche Seelenwissenschaft entstehen soll.
Ich habe damit eine der sehr bedeutungsvollen Fragen, die an den Grenzorten des Erkennens entstehen, angedeutet. Es gibt viele. Du Bois-Reymond hat von sieben Welträtseln gesprochen. Man könnte Hunderte und Hunderte kleinerer und größerer solcher Fragen anführen. Bei diesen Fragen kann man so stehenbleiben, daß man sagt: Bis hierher reicht das menschliche Erkennen, weiter kann man nicht gehen! — Aber wenn man sich dieses Geständnis macht, dann fehlt es nur an Erkenntnismut. Das, um was es sich handelt, ist: bei solchen Fragen mit dem vollen inneren Seelenleben stehenbleiben zu können, diese Fragen mit allen gesamten Kräften der Seele nicht verstandesmäßig zu betrachten, sondern sie zu durchleben und Geduld zu haben, zu warten; ob sich da etwas wie eine Offenbarung von außen ergibt. Und das geschieht.
Wer sich solche Fragen nicht mit den vorgefaßten Begriffen, die er schon hat, beantworten will, sondern gewissermaßen untertaucht in das Wogen, das solche Fragen über die menschliche Seele bringen, der kommt zu einem völlig neuen Erleben, das er nicht im gewöhnlichen Bewußtsein haben kann. Ich kann mich durch einen Vergleich ausdrücken über dieses Erleben. Es ist ein elementares Erleben des Seelendaseins und ein elementares Erleben für die Entstehung einer anthroposophisch orientierten Seelenwissenschaft oder Psychologie. Man muß es nur in seiner vollen Realität nehmen, nicht in seiner abstrakten Torheit. Wir denken - ob der Vergleich nun mehr oder weniger berechtigt ist oder nicht, darauf kommt es jetzt nicht an, was er uns sagen soll, wird er uns sagen —, wir denken an ein ganz niedriges Tier, das noch nicht einen nach außen hin differenzierten Tastsinn sich ausgebildet hat, das gewissermaßen mit seinem Erleben nur innerlich in sich selber wühlt und an die physischen Gegenstände um sich herum anstößt. Wir denken uns im Sinne der Evolutionstheorie, solch ein Leben sich vervollkommnend. Was kann da entstehen? Dasjenige, was beim niedrigen Wesen nur ein Stoßen an die äußeren Dinge ist und ein innerlich undifferenziertes Erleben dieser Stöße, das differenziert sich im Laufe der Entwickelung so, daß der’Iastsinn entsteht. Die naturwissenschaftliche Evolutionslehre stellt die Differenzierung des Sinnenlebens überhaupt so, ich möchte sagen, aus dem Gestoßenwerden von den Dingen, aus dem Differenziertwerden durch dieses Gestoßenwerden dar. Was da äußerlich, physiologisch, physisch meinetwillen geschieht: die Entwickelung eines differenzierten Tastsinnes aus dem bloßen Anstoßen an die äußeren Gegenstände, das wiederholt sich auf rein seelischem Gebiete, wenn man die Dinge lebensvoll nimmt, wenn man an solche Grenzorte des Erkennens mit vollem, innerem Seelenanteil kommt. Da fühlt man sich an diesen Grenzorten zunächst wie in der Dunkelheit der geistigen Welt drinnen, anstoßend überall. Daß solche Fragen wie bei Vischer entstehen, ist einem ein Beweis: Man lebt in einem dunklen seelischen Dasein, gegründet in der geistigen Welt, stoßend an die geistige Welt. Aber differenzieren muß sich nun dasjenige, was so stößt an die geistige Welt!
Im wirklichen Erleben solcher Grenzfragen fügt sich, offenbart sich in die Seele etwas hinein, was sonst nicht da ist, was ebensowenig vorher in der Seele da ist, wie die Wahrnehmung der äußeren Gegenstände durch einen differenzierten Tastsinn da ist für das Wesen, das diesen differenzierten Tastsinn noch nicht entwickelt hat, sondern nur an die Dinge stößt. Man muß dazu kommen, die Grenzfragen, diese zahllosen, quälenden, sphinxartigen Grenzfragen zu erleben, um zu wissen: die Methoden, die wir an der Natur gewinnen können, die Methoden, die gerade das Ideal naturwissenschaftlicher Anschauungsweise erfüllen, sie führen, wenn es sich um das Seelisch-Geistige handelt, nur bis zu einem Stoßen an den Grenzen; da muß das Leben weiterrücken!
Und es kann weiterrücken. Das kann nur eine Erfahrungstatsache sein. Was ich hier meine, das tritt dem in der Naturwissenschaft wurzelnden Denker der letzten Jahrzehnte nur allzu klar, nur allzu bedeutsam vor die Seele. Denn erst allmählich kann die Zeit heraufkommen, wo durch geduldiges Sich-Hineinfinden in diese Grenzfragen des Erkennens die Seele wirklich ihr Lebensgebiet ausdehnt. Ich habe Beispiele solcher Grenzfragen angeführt in dem kleinen Kapitel, das ich gerade über diese Fragen in meinem Buche, das in den nächsten Tagen erscheinen wird, «Von Seelenrätseln», geschrieben habe.
Ich möchte noch eine andere solche Grundgrenzfrage, wie sie auftritt bei Friedrich Theodor Vischer, anführen, als Beispiel, wie jemand, der wirklich beginnt, das Erkenntnisdrama in sich zu erleben, herankommt an das, was ich eben jetzt charakterisiert habe — wenn auch, als Friedrich Theodor Vischer strebte, noch nicht die Zeit da war, in der die Seele durchbrechen konnte durch die Grenzen, an denen sie steht —, innerlich tastend, noch nicht äußerlich differenziert im geistigen Tasten. Vischer sagt da: «Kein Geist, wo kein Nerven-Zentrum, wo kein Gehirn, sagen die Gegner. Kein Nerven-Zentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es nicht von unten auf unzähligen Stufen vorbereitet wäre; es ist leicht, spöttlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit und Kalk zu reden, — nicht schwerer, als es uns wäre, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweiß im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunterschiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daß die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muß, als so vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daß wir uns» — ich bitte, die Redeweise ins Auge zu fassen! — «Beulen daran stoßen; es ist eine Diremtion von solchem Schein der Absolutheit, daß mit Hegels Anderssein und Außersichsein, so geistreich die Formel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren Scheidewand einfach verdeckt wird. Die richtige Anerkennung der Schneide und des Stoßes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, aber keine Erklärung dafür.»
Man kann nicht genauer die Schilderung dieses inneren Seelenlebens haben: wie es sich fühlt zunächst anschlagend an die geistige Welt da, wo es diese Grenzfragen erlebt, wie es sich sehnt, sich aus diesem Heranschlagen an die geistige Welt zu differenzieren zu einem wirklichen Tasten der geistigen Welt, zu einem Aufgehen eines - um den Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen - geistigen Organes. Wie Goethe von Geistesaugen und Geistesohren spricht, so könnte man sagen, gehen auf der elementarsten Stufe geistige Tastorgane auf, dadurch, daß man sich in diese Dinge hineinlebt. Das ist ein wirklicher Lebensprozeß, ein wirklicher Wachstumsprozeß; das ist nicht eine bloße Anwendung desjenigen, was man schon gelernt hat an den anderen Wissenschaften; sondern das ist etwas, was so real ist wie das Heranwachsen des Kindes, was aber die Seele in Regionen hineinbringt, die sie vorher nicht erlebt hat.
Über diese Dinge täuschen sich heute viele. Einer ganz prinzipiellen Täuschung auf diesem Gebiete gibt sich der berühmt gewordene Philosoph Bergson zum Beispiel hin. Bergson spricht davon, daß man nicht die Welt umfassen könne mit dem zergliedernden Verstande, daß man insbesondere das Seelenleben nicht erfassen könne mit dem zergliedernden Verstande, weil im Seelischen, weil überhaupt im Dasein überall «Werden» ist, überall «Fließen», überall «Leben». Was glaubt Bergson? Daß dasjenige, worauf es ankommt, schon da ist, daß man es suchen kann mit den Kräften, die man schon hat. Das ist aber der große Irrtum. Da finder man nicht dasjenige, was das Seelische wirklich erklären kann, sondern die Seele muß über sich selber hinausgehen; die Seele muß etwas entwickeln, was sie nicht hat. Sie muß nicht glauben, daß das Leben, das sie erforschen soll, schon da ist, sondern daß dieses Leben erst errungen werden muß.
Vor diesem Sich-Vertiefen in das Erkenntnisdrama des Inneren haben viele — ich darf den Ausdruck wohl gebrauchen — eigentlich eine große Angst. Sie glauben, in den Abgrund der Subjektivität, in den Abgrund der Individualität hineinzukommen. Wenn sie sich wirklich in solcher Art in diesen Abgrund hineinbegeben würden, wie es jetzt geschildert worden ist, dann würden sie finden, daß, indem sie das tun, sie innerlich ein so Objektives finden, wie man äußerlich das Objektive findet, wenn man der Natur gegenübersteht. Es ist nur eine Illusion, wenn man glaubt, daß der eine Mensch dieses, der andere jenes beim Durchleben des Erkenntnisdramas findet. In gewisser Beziehung müssen die individuellen Erlebnisse verschieden sein, weil sie verschiedene Aspekte, verschiedene Ansichten desselben Dinges von verschiedenen Seiten sind. Aber damit, daß man Photographien von verschiedenen Seiten von irgendeinem Ding aufnimmt und diese Photographien verschieden sind, damit ist nicht gesagt, daß das Ding selbst nicht sein Objektives diesen Aspekten darbietet. Man muß das, was der Erkenner auf diese Weise heraufholt aus seiner Seele, nicht so nehmen, daß man es rein dogmatisch hinnimmt, daß man nun an die besondere Formulierung, die er gibt, wie an ein Dogma oder ein Naturgesetz glaubt. Sondern man muß sich klar sein: Es mag noch so subjektiv durch den besonderen Aspekt das sein, was durch die geistigen Tastorgane erscheint — und wenn die Methoden, die ich jetzt nur prinzipiell angegeben habe, weiter ausgebildet sind, so entstehen wirklich geistig-seelische Organe, die man mit Geistesaugen und Geistesohren vergleichen kann -, wenn auf Grundlage des schauenden Bewußtseins, so nenne ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», die geistige Welt charakterisiert wird, dann mag das, was der Beobachter schildert, ein subjektiver Aspekt sein; aber indem man es hinnimmt, steht man der geistigen Wirklichkeit gegenüber, wie man ein wirkliches Abbild eines Baumes hat, wenn man es auch nur von einer Seite hat. Das ist das, was gerade auf diesem Gebiete verstanden werden muß.
Wenn der Mensch in diesem seinem seelisch-geistigen Leben über sich selbst hinausgeht, ergibt sich das, was ich in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» schildere, in der Sie eine ausführliche Darstellung finden können, was die Seele mit sich zu machen hat, um so über sich hinauszugehen. Ich konnte heute selbstverständlich nur das Prinzipielle angeben. Wenn Sie das, was da in diesem Buche dargestellt ist, bis zu einem gewissen Grade verfolgen, werden Sie finden, warum ich die Erlebnisse, die völlig neue Erlebnisse sind gegenüber dem gewöhnlichen Bewußtsein, zunächst Imaginationen genannt habe, und die Bewußtseinsstufe, die sich da entwickelt, das imaginative Bewußtsein.
Dieses imaginative Bewußtsein ist nichts Phantastisches. Es hat einen Inhalt, der neu ist gegenüber dem, was man vorher erfahren hat. «Imaginatives Bewußtsein» ist ein Wort wie so viele. Worauf es ankommt, ist, daß in den Imaginationen, die man sich als Bereicherung des Seelenlebens erwirbt, klar ausgedrückt ist, daß sie, nun, sagen wir, Abbilder sind einer geistigen Wirklichkeit, wie unsere gewöhnlichen Vorstellungen Abbilder sind der äußeren physischen Wirklichkeit.
Ich habe Ihnen den Prozeß geschildert, durch den die Seele auf der ersten Stufe sich über sich selbst hinaushebt zu dem, was man imaginatives Erkennen nennt. Mit diesem imaginativen Erkennen lebt man tatsächlich in einem Zustande, den man mit einem paradoxen Wort bezeichnen muß — das selbstverständlich unter den Denkgewohnbheiten der Gegenwart nur spöttisch behandelt werden kann: Man lebt, indem man seine Seele vereinigt mit dem, was man so erlebt, man lebt außerhalb des Leibes. Darauf kommt es an! Und man lernt vor allen Dingen dasjenige, was man so erlebt ohne die Zuhilfenahme des Leibes, zu unterscheiden: erstens von den gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmungen, die an der sinnlichen Außenwelt gewonnen sind; aber auch von alledem, was Visionen, Halluzinationen, Illusionen sind.
Denn das muß immer festgehalten werden: Der Weg, der hier angedeutet worden ist, führt nach der gerade entgegengesetzten Linie hin als der Weg, der als ein krankhafter bezeichnet werden kann, der nach dem illusionären, nach dem visionären Leben führt. Gerade wer sich in das imaginative Leben hineinfindet, der weiß, daß das, was wir sinnlich wahrnehmen, mit unseren gesunden Sinnen an der Natur wahrnehmen, daß das geistig höher steht als alles, was durch Visionen, Halluzinationen vor unsere Seele treten kann. Indem wir uns Visionen hingeben, tauchen wir tiefer in unsere bloße Leiblichkeit hinab, verbinden wir uns inniger mit der Leiblichkeit, durchziehen wir die Leiblichkeit mit unserem Seelischen, machen uns nicht von ihr frei.
Wenn wir im dritten Vortrage über den Menschen als Naturwesen sprechen werden, wird uns klarwerden, warum die Inhalte der Visionen mit Geistwahrnehmungen verwechselt werden können. Heute, wo wir von dem seelischen Erleben sprechen, handelt es sich darum, den Unterschied scharf hervorzuheben: daß der Visionär hinuntersteigt in sein Leibesleben, derjenige aber, der nach der imaginativen Erkenntnis strebt, in ein rein Seelisches sich hineinlebt, durch das er zu einem vom Leibe unabhängigen Erleben kommt.
Das ist, wie gesagt, eine paradoxe Vorstellung für die Denkgewohnheiten der Gegenwart. Derjenige, der heute aus laienhaften Untergründen, aus dilettantischen Vorstellungen heraus an die geistige Welt kommen möchte, der möchte sich diese geistige Welt so gern nach dem Musterbilde der äußeren Wahrnehmungen vorstellen, der möchte so gern — man sieht das an dem verhängnisvollen Spiritismus —, daß ihm, wie durch ein physisches Experiment im Laboratorium eine Naturtatsache, so geistige Tatsachen entgegentreten. Er möchte den Geist greifen. Was uns aber entgegentritt in der imaginativen Wahrnehmung, das läßt sich nicht mit etwas Greifbarem vergleichen. Ich habe es in dem Buch «Von Seelenrätseln» verglichen — aber es ist nicht dasselbe, es läßt sich nur vergleichen — mit den Erinnerungsvorstellungen, die wir aus dem Untergrunde unseres seelischen Lebens glauben heraufzuholen über vergangene Erlebnisse. Die Dünnheit, bloß seelisch-geistig, die solche Erinnerungserlebnisse haben, das ist das einzige, worin der Geist, in dem die Seele wurzelt, überhaupt erlebt werden kann. Nur daß die Imaginationen, die so wie Erinnerungsvorstellungen in der Seele aufgehen, nicht anknüpfen an in der physischen Welt Erlebtes, sondern daß sie durch ihren eigenen Inhalt ankündigen: man ist eingetreten in eine neue, geistige Welt, in eine Welt, die man vorher nicht gekannt hat. Man muß sich erst nach und nach bekanntmachen mit der ganz anderen Art des seelischen Erlebens, wenn man so mit seinem Ich nun nicht die Stütze hat der leiblichen Organe, durch die man die äußeren Wahrnehmungen sich verschafft; man muß sich nach und nach erst gewöhnen in dieses Leben hinein.
Vor allen Dingen: trotzdem ich diese Vorstellungen der imaginativen Erkenntnis mit Erinnerungsvorstellungen verglichen habe, trotzdem hat alles, was als Imagination auftritt, was also die Wiedergabe einer geistigen Wirklichkeit ist, eine Eigentümlichkeit, an die wir uns sehr schwer gewöhnen, nämlich die Eigentümlichkeit, daß je vollkommener eine solche geistige Wahrnehmung in der Imagination ist, desto weniger können wir uns, nachdem wir sie gehabt haben, an sie erinnern. Wir sind gewöhnt, an dasjenige uns zu erinnern, was durch unsere Seele gezogen ist. So, wie wir das geistige Erlebnis haben, so erzeugt es uns nicht Erinnerungskraft unmittelbar; sondern der Vorgang ist ein ganz anderer. Ich habe ihn in meinem Buch «Von Seelenrätseln» geschildert. Der Vorgang ist der folgende: Wenn man eine bestimmte Imagination haben will, so muß man sich dazu vorbereiten, man muß die Seele üben, daß sie innerlich die Kräfte entwickelt, durch die die Imagination sich ihr offenbaren kann. An das, was die Seele tut, an das, was die Seele vornimmt, um zu der Imagination zu kommen, an das kann man sich erinnern. Dadurch kann man die Imagination von neuem hervorrufen. Man kann also, wenn man einmal ein geistiges Erlebnis in imaginativer Erkenntnis gehabt hat, sich nicht ohne weiteres an dasselbe erinnern, sondern man muß wiederum alle die inneren Seelenvorbereitungen machen; an die kann man sich erinnern. Man kann sich sagen: Das hast du getan, jenes hast du getan; tu’ es wieder, dann bekommst du das Erlebnis wieder. -— Und nur dann, wenn es uns gelingt, gewissermaßen in das gewöhnliche Bewußtsein, in das gewöhnliche Denken, vorstellungsmäßig, Abbilder der Imaginationen hereinzubringen, dann können wir uns an diese Abbilder erinnern. Aber das, was wirklich Imagination ist, das muß immer von neuem auftreten, sonst ist es keine wirkliche Imagination.
Eine andere Eigentümlichkeit ist diese: Vorstellungen, die wir im äußeren Leben gewinnen, werden von uns um so leichter gebildet, je öfter wir sie bilden. Während wir da eine gewisse Übung bekommen und die Dinge in unsere Gewohnheit übergehen, ist das bei dem Erleben der Imagination, bei dem Erleben wirklicher geistiger Tatsachen nicht der Fall. Das Gegenteil ist der Fall: Je öfter wir unter denselben Bedingungen eine Imagination haben wollen, desto undeutlicher wird sie. Daher rührt der sonderbare Umstand, der recht paradoxe Umstand, daß Schüler des geistigen Lebens, die sich Mühe geben, zu gewissen Imaginationen zu kommen, solche Imaginationen haben und dann verwundert sind, warum sie sich nicht wiederholen. Da verliert sich sogar die Gabe, die Sache wieder hervorzurufen, oftmals schon das zweite, dritte Mal, und es ist dann notwendig, daß neue und immer erneuerte Veranstaltungen gemacht werden, um das, was uns gewissermaßen flieht, indem es einmal aus der geistigen Welt an uns herangetreten ist, wieder heraufzurufen.
Solche inneren seelischen Übungen, welche diese Schwierigkeiten überbrücken, finden Sie alle im einzelnen geschildert in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wenn auch das selbst nur ein kurzer Abriß desjenigen ist, was später über diese Dinge von mir gesagt worden ist.
Eine weitere Eigentümlichkeit ist diese, daß man mit solchen imaginativen Vorstellungen nur zurechtkommit, wenn man in dem Denk-, wie in dem Vorstellungs-, Empfindungs- und Willensleben, das man sich als Mensch bis zu dieser geistigen Schulung angeeignet hat, Anhaltspunkte findet, um die Imaginationen mit Vorstellungen zu durchdringen. Wenn man nicht sorgfältig hierauf achtgibt, kann man zwar nicht krankhaft, aber seelisch verworren und verdunkelt werden. Man kommt immer wiederum dazu, sich zu sagen: Jetzt erfährst du etwas Geistiges, das kannst du noch nicht verstehen, du hast nicht tief genug Begriffe dafür ausgebildet. - Dann muß man aufhören, dann muß man den Weg so ändern, daß man versucht, sein gewöhnliches, in der Sinnenwelt auszubildendes Vorstellen weiterzuführen, um bei einer späteren Gelegenheit das zu verstehen, was man vorher nicht verstanden hat.
Kurz, ich könnte noch viele solche Eigenschaften anführen, man macht Bekanntschaft mit lauter Dingen, welche frappierend, paradox sind gegenüber dem seelischen Erleben, das dem gewöhnlichen Bewußtsein angehört. Dann aber erst, wenn man in dieser Weise gewissermaßen das Seelische losgerissen hat von dem Leiblichen, dann erst steht man im Geistigen, in der geistigen Welt drinnen, Die Erfahrung, die geistige, kann keiner bestreiten.
Mit dem, was ich Ihnen bisher geschildert habe, kommt man bis zu gewissen Einsichten. Man kommt zu der Einsicht, daß außer dem physischen Leib, den man an sich trägt und der das Objekt der Anatomie, der Physiologie, überhaupt der äußeren Naturwissenschaft ist, uns wirklich das eigen ist, was ich in meinen neueren Büchern, damit kein Mißverständnis entsteht, «Bildekräfteleib» nenne, während ich es früher «Atherleib» genannt habe. Es ist wirklich ein zweites Element, das in uns ist und das sich niemals der gewöhnlichen Wahrnehmung, dem gewöhnlichen seelischen Erleben ergeben kann, sondern das sich nur ergeben kann, wenn dieses seelische Erleben bis zur Imagination fortschreitet. Denn dieser Bildekräfteleib ist nichts Räumliches; dieser Bildekräfteleib ist etwas, das nur in der Zeit lebt, das aber in der Zeit so lebt, daß alles, was in unserem physischen Leib, sagen wir, von unserer Geburt oder Empfängnis bis zu unserem Tode wirkt, herausquillt aus diesem Bildekräfteleib. Einen zweiten Leib, einen Bildekräfteleib tragen wir in uns. Er wird eine Realität, eine Wirklichkeit für das imaginative Bewußtsein.
Aber weiter kommen wir mit diesem imaginativen Bewußtsein nicht, als zu dem, was uns als Bildekräfteleib — der Ausdruck ist paradox, das macht aber nichts — von der Geburt bis zum Tode begleitet. Weiter kommt man, wenn man nun zu dem, was eben angedeutet worden ist, fortschreitend noch in anderer Weise die nun frei gewordene Seele innerlich erkraftet, innerlich erstarkt, wenn man nun in immer erneuter und erneuter geduldiger Übung zu dem, was man Vorstellungsleben, was man Begriffsleben nennt, ein ganz neues Verhältnis bekommt.
Vorstellen ist für uns im gewöhnlichen Leben ja etwas, wodurch wir uns die äußeren Gegenstände vergegenwärtigen. Wenn wir eine Vorstellung haben, glauben wir: das, was wir innerlich von einem äußeren Gegenstand besitzen können, besitzen wir eben! Davon müssen wir für das Gebiet des geistigen Erlebens loskommen. Wir müssen uns gewissermaßen in die Lage versetzen können, unsere Vorstellungen wie innerlich gegeneinander kämpfende Kräfte und Mächte in uns im innerlichen Erkenntnisdrama ablaufen zu lassen. Wir müssen die Fähigkeit gewinnen, eine Vorstellung in den Kampf mit der anderen treten zu lassen. Wir müssen uns die Sehnsucht erwerben, wenn wir eine Sache von einer Seite charakterisiert haben, sie auch von der entgegengesetzten Seite zu charakterisieren. Auf dieser Stufe werden die Ausdrücke: Materialismus, Idealismus, Spiritualismus, Sensualismus und so weiter, sie werden alle Redensarten, weil alle diese Begriffe, die bloß aus den Begriffsnetzen herausgesponnen sind, sich eben wie photographische Aufnahmen von verschiedenen Seiten erweisen.
Wir lernen erkennen, daß wir mit unseren Begriffen auf geistigem Gebiete uns so verhalten müssen, wie wir uns auf sinnlichem Gebiete in unseren Sinnesorganen verhalten. Wir gehen um die Gegenstände herum. Wir betrachten die Begriffe nicht als Abbilder, sondern nur als dasjenige, was einseitig von diesem oder jenem Aspekte aus die Dinge charakterisiert.
Der Geistesforscher wird daher gerade den Trieb in sich ausbilden, die Dinge von der einen Seite zu charakterisieren, und sie auch von der anderen Seite, von der entgegengesetzten Seite zu charakterisieren. Er wird namentlich eine Sehnsucht empfinden, gewisse Vorstellungen sich zu bilden und dann sich selbst zu widerlegen, diesen innerlichen Kampf wirklich durchzumachen. Ich gebe da nur einige prinzipielle innerliche Gesichtspunkte an, die man aufsteigend wahrmachen muß, wenn man an dem Grenzort der Erkenntnis bis zu einem gewissen Punkt gekommen ist.
Dann entwickelt sich die Seele weiter. Sie gelangt dazu, das in sich zu entwickeln — und ich bitte, da von allem Aberglauben oder vorurteilsvoller Vorstellung abzusehen -, was ich in meinen Büchern genannt habe die inspirierte Erkenntnis. In einem höheren Grade löst sich dadurch die Seele vom Leibe los, und nach dem Erringen dieser Erkenntnisstufe ist man nun nicht bloß imstande, zu überschauen, was als ein Bildekräfteleib in der Zeitenfolge unser Dasein von der Geburt bis zum Tode begleitet, sondern jetzt ist man imstande, auch Geistiges zu schauen, das außer unserem Leibe ist, geistige Wirklichkeit, wie die physischen Augen physische Wirklichkeit schauen. Ich werde im nächsten Vortrage von der äußeren geistigen Wirklichkeit zu sprechen haben und will hinweisen zunächst auf das, was der Mensch als in ihm selbst beschlossene geistige Wirklichkeit mit dieser inspirierten Erkenntnis nunmehr schaut.
Was da auftaucht vor der inspirierten Erkenntnis, das lebt nicht in unserem Dasein von der Geburt bis zum Tode, das hat vor uns gelebt, bevor wir durch die Geburt, oder sagen wir Empfängnis, in den irdischen Leib eingetreten sind; und nachdem wir durch den Tod in die geistige Welt eintreten werden, wird es mit uns leben. Das hat sich verbunden mit den Erbmassen, die uns von Eltern und Voreltern physisch überkommen; das durchdrang dieses Physische. Zur Anschauung desjenigen, was von uns unserem physischen Dasein seelisch vorangegangen ist, was unserem physischen Tode folgt, gelangt man wirklich durch die inspirierte Erkenntnis, weil man zu einem geistigen Anschauen des von diesem physischen Leib völlig Unabhängigen gelangt. Der Bildekräfteleib ist noch an dieses physische Dasein gebunden; er zerstäubt, wenn er von diesem physischen Dasein getrennt wird. Was die inspirierte Erkenntnis wahrnehmen kann, das zerstäubt nicht, das bleibt in sich, das ist dasjenige, das durch Geburten und Tode geht. Auf dem Gebiete der inspirierten Erkenntnis kann nun der Mensch wirklich sachgemäß untersuchen, was ihn verbindet mit rein geistigen Welten, was kraftvoll arbeitet, so daß er dieser Mensch wird, wenn sich mit seinem geistigen Teil verbindet die physische Erbmasse. _
Und das dritte, wozu man gelangt, ist die Intuition. Damit ist nicht das Unklare gemeint, das gewöhnlich mit «Intuition» bezeichnet wird, sondern dasjenige, was ich nun andeuten will. Was man als dritte Stufe der geistigen Erkenntnis erringen kann, das erlangt man dann, wenn man vollständig gewahr wird — es wird das in einem bestimmten Zeitpunkte der seelischen Entwickelung auftreten —, daß man ein anderer ist, daß man wirklich einen inneren Beobachter in sich gefunden hat durch die Anstrengungen, die man gemacht hat durch Imagination und Inspiration hindurch.
Da tritt ein Bedeutsames ein innerhalb desjenigen, was ich das Erkenntnisdrama genannt habe. Da tritt etwas ein, wo man sagen kann: Man sieht, daß aus dem Geistigen heraus nicht nur dieser unser physischer Leib mitgestaltet ist, man lernt sehen, daß unsere Seele selber, so wie sie mit ihren Gefühlen, mit ihren Tendenzen, mit ihren Ambitionen, mit ihren Affekten, mit ihrem Willenscharakter in uns lebt, daß sie so selber durch geistige Vorgänge geworden ist. Ein innerlicher Schicksalsschlag wird das Erkenntnisdrama.
Man mag Schicksalserlebnisse haben im Leben, die einen himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt sein lassen, man mag das Schlimmste und das Freudigste erleben: was man erlebt, wenn man das Werden nicht nur des Leiblichen, sondern das Werden des Seelischen erlebt, das ist ein Schicksalsschlag, ein innerlicher Schicksalsschlag, der für den, der ihn voll erlebt im Erkenntnisdrama, mehr bedeutet als die höchsten und tiefsten, freudvollsten und leidvollsten Schicksalserlebnisse des äußeren Daseins.
Wenn das so sein kann, wenn in der Seele wirklich diese innere Kraft den Umschwung bewirken kann, daß ihr nicht nur das Leibliche aus dem Geistigen heraus erscheint, sondern das Seelische selbst innerhalb des geistigen Werdens, dann tritt die intuitive Erkenntnis ein. Und dann ist das Gebiet beschritten, welches die wiederholten Erdenleben, das Zurückschauen zu früheren Erdenleben und das Gewißsein, daß dieses Erdenleben sich wiederholen wird, umfaßt. Die Erkenntnis tritt ein, daß das gesamte Leben des Menschen besteht aus aufeinanderfolgenden Erdenleben mit dazwischenliegenden Leben in der geistigen Welt vom Tod zu einer neuen Geburt.
Mit alldem muß verbunden sein, daß unser innerer seelischer Blick auf etwas gerichtet wird, für das er eigentlich nicht eingeschult ist durch den Bezug auf die äußere Natur.
Mit Bezug auf die äußere Natur fragen wir stets nach der Herkunft, nach den Ursachen. Mit den Fragen nach der Herkunft, nach den Ursachen, kommen wir aber nicht dem Geiste gegenüber zurecht. Derjenige, der sich das geistige Gebiet so erschließt, wie ich es erwähnt habe, dem offenbart sich, daß sich in alles Wachsende, Gedeihende, in alles Fortschreitende, sich Entwickelnde hineinstellt eine rückschreitende Entwickelung, ein fortdauerndes Abbröckeln des Daseins, ein fortdauerndes Zerstörerisches. Deshalb haben diejenigen, die vielleicht nicht in dieser modernen Form dies durchschauten, aber in den Formen, in denen man früher solche Sachen gewußt hat, gesagt: Geistige Erkenntnis führt an die Pforte des Todes. - Man lernt erkennen, daß Bewußtsein, geistiges Erleben, bewußtes Geist-Erleben nur auftreten kann dadurch, daß sich in das Wachsende, Gedeihende, in das Fortschreitende der Entwickelung hineinstellt dasjenige, was dieses Dasein abbröckelt; und man lernt erkennen, daß der Tod nur das einmalige große Ereignis ist, das man sich aufgeteilt, gewissermaßen in seine Atome zerteilt denken kann als dasjenige, was in uns fortwährend geschieht, während wir im leiblichen Leben bewußt werden. Das Wissen in dieser Welt ist ein Hereintreten im kleinen desjenigen, was uns mit einem Schlag überfällt, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen.
Man lernt die Verwandtschaft des Bewußtseins mit dem Sterben erkennen. Und eben dadurch, daß man die Verwandtschaft des Bewußtseins mit dem Sterben erkennen lernt, dadurch lernt man auch erkennen, wie dieses Bewußtsein hindurchschreitet durch die Pforte des Todes, wie der Tod gerade ein Erwecker ist eines anderen Bewußtseins, in das wir eintreten, wenn wir den physischen Leib ablegen, den wir ja gewissermaßen nur behufs der Erkenntnis ablegen, wenn wir solche imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis erwerben.
Man muß sich hineinfinden, über seine Beziehung zur Welt in ganz anderer Art zu denken, als man es vorher gewohnt war, wenn man sich einen wirklichen Begriff machen will von geistigem Erkennen. Vor allen Dingen muß man den Glauben ganz verlieren, daß man den Geist irgendwie finden kann, wenn man die materielle Welt deutet, wenn man die materielle Welt irgendwie kritisiert, wenn man an der materiellen Welt Gesetze findet. Die Gesetze, die man an der materiellen Welt findet, die gelten auch nur für die materielle Welt. Den Geist findet man nicht durch Deutung der Sinneswelt; den Geist findet man im physischen Leib an der Sinneswelt; aber man findet ihn im freien Erleben des geistigen Gebietes.
Ich kann mich durch einen Vergleich klarmachen: Wenn wir die Wortreihen, die Buchstabenreihen lesen, so nehmen wir sie nicht so auf, daß wir sagen: da ist ein senkrechter Strich, da ist ein horizontaler Strich; wir deuten nicht die Buchstaben, wir sehen über die Buchstabenreihe und Wortreihe hin, und da entwickelt sich ein innerlicher Inhalt. Dieser Inhalt hat mit einer Deutung der Buchstaben nichts zu tun. Man muß lesen gelernt haben. Was sich beim Leser entwickelt, ist etwas ganz anderes, als was in den Buchstaben liegt. Man kann nicht den Geist, den man beim Lesen aus den Buchstaben heraus findet, aus dem Setzerkasten holen. Ebensowenig kann man aus der Natur durch Deutung der Natur das geistige Leben finden. Das geistige Leben kann man nur finden, wenn man die Seele über sich selbst hinaufhebt und dadurch dasjenige findet, was nun aus dem Geiste selbst hereinragt in dieses physische Leben, insofern im Physischen die Seele sich erlebt zwischen Geburt und Tod.
Sie sehen, da kommt eine Seelenwissenschaft zustande, welche gut neben der Naturwissenschaft stehen kann, weil sie gar nicht die Methoden auf das Seelische überträgt, welche an der Natur herangebildet sind, weil sie aber auch nicht bei diesem Seelischen, wie es im gewöhnlichen Dasein erlebt wird, stehenbleibt, sondern in dieses Seelische hineinträgt ein Objektives, aus dem heraus dieses Seelische sich erlebt, und aus dem auch das Leibliche geboren ist, wie wir im dritten dieser Vorträge sehen werden.
Das sind einige Andeutungen, nur die allerersten, elementaren Andeutungen — bezüglich alles übrigen muß ich auf meine Bücher verweisen —, Andeutungen, wie der Mensch das finden kann, das in ihm liegt und das sein Ewiges ist, wie diese Seelenlehre, die anthroposophisch orientiert ist, den Menschen wiederum wirklich dazu führt, daß nun nicht mehr einzutreten braucht, was bei einem sehr bedeutenden, aber tragisch sein Denken ertragenden Forscher der Gegenwart eingetreten ist, bei dem im März dieses Jahres hier in Zürich verstorbenen großen Psychologen Franz Brentano. Franz Brentano lebte sich hinein in die psychologische Forschung in dem Zeitalter, als die äußere naturwissenschaftliche Denkweise heraufkam. Er wollte die naturwissenschaftliche Methode, so wie sie ist, anwenden auf das Seelenleben. Man kommt mit dieser naturwissenschaftlichen Methode aber nicht weiter, als Vorstellungen zu vergleichen: wie Gefühle aus der Seele herauf wollen, wie Aufmerksamkeit ist und so weiter im äußeren physischen Leben. Aber Franz Brentano beklagt es in seinem Buch «Psychologie vom empirischen Standpunkte», im ersten Band, den er geschrieben hat, und der der einzige geblieben ist, er beklagt, was die Seelenwissenschaft da nicht erreichen kann, indem er sagt: Was kann uns helfen, wenn wir auch recht naturwissenschaftlich zu Werke gehen, die Vergleichung von Vorstellungen, die Assoziation von Vorstellungen, das Entstehen von Lust und Unlust und so weiter, wenn sich die großen Hoffnungen eines Platon und Aristoteles nicht erfüllen können: daß wir Einsicht gewinnen können durch die Seelenwissenschaft in das Fortleben des besseren Teiles unseres Wesens nach dem Durchgehen durch die Pforte des Todes. — Franz Brentano beklagt, daß er mit seinen Mitteln sich an diese Probleme nicht heranmachen kann. Das ist merkwürdig, wie er bis zu seinem Lebensende gerungen hat mit diesen Problemen. Die Aufrichtigkeit, die Ehr;'chkeit seines Ringens geht gerade aus dem tragischen Umstande hervor, den ich im dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln» in einem Nachruf an Franz Brentano ausgeführt habe. Immer wieder und wiederum versprach er die Fortsetzung seiner «Psychologie», nachdem der erste Band erschienen war. Sie war auf vier oder fünf Bände berechnet, im Frühling 1874 erschien der erste Band, für den Herbst versprach er den zweiten, dann in kurzen Zeiträumen die folgenden: Nichts ist wieder erschienen! Er wollte mit naturwissenschaftlicher Methode das Seelenleben meistern, er wollte ehrlich und aufrichtig zu Werke gehen. Hätte er es vermocht, hätte nicht die naturwissenschaftliche Methode wie ein Bleigewicht an seinen Forscherkräften gehangen, weil er sie eben mißverstand, er wäre fähig gewesen, einzutreten durch das Tor in das geistige Erleben, das aus der Seele etwas heraufholt, was nicht da sein kann, wenn man bloß naturwissenschaftliche Methoden hat. An dem tragischen Forscherleben Franz Brentanos zeigt sich wie an vielen anderen Persönlichkeiten der Gegenwart — aber bei ihm, weil er eine so bedeutende und zu gleicher Zeit innerlich so grundehrliche Natur war, besonders eindringlich —, wie gerade durch die naturwissenschaftlichen Errungenschaften eine solche Seelenwissenschaft mit Notwendigkeit gefordert wird, die nur in vom Leiblichen befreiten seelischen Erfahrungen erlangt werden kann. Da werden wiederum die großen Probleme vor die Seele hintreten können, die vor allen Dingen den Menschen beschäftigen müssen, indem er den Blick auf sein eigenes Seelenleben richtet: das große Problem des unsterblichen Lebens — indem wir den wirklich unsterblichen Teil erfassen durch solche Methoden, wie wir es geschildert haben — und auch das Problem der Willensfreiheit, von dem wir in diesen Vorträgen noch sprechen werden, beides Probleme, die gerade die wichtigsten, die zwingendsten sind. Man lese aber nach die Psychologien der letzten Jahrzehnte, Diese Probleme sind vollständig verbannt, ja verschwunden aus der psychologischen Forschung, einfach aus den Gründen, die in der heutigen Betrachtung angegeben worden sind.
Aber nicht nur, daß man an diese großen Seelenfragen herankommt! Sondern auch dasjenige, was der Psychologe sucht, was er gerade mit seinen durch Vertiefung in die naturwissenschaftliche Denkweise entstandenen Methoden erforschen will, auch das wird erst völlig klar, wenn man es verfolgen kann von dem Gesichtspunkte aus, der hier angedeutet worden ist. Die Sache liegt schon so: Naturwissenschaft wird auf der einen Seite gelten, Geisteswissenschaft, Geistesforschung auf der anderen Seite. Aber wie man beim Tunnelgraben, wenn man richtig alles erwogen hat, von zwei Seiten grabend, in der Mitte sich zusammenfindet, so finden sich Geistesforschung und Naturforschung zusammen und geben erst ein Ganzes der vom Menschen erstrebten Erkenntnis.
Ich will nur ein Beispiel anführen, wie auch die gewöhnliche Psychologie dadurch erobert werden kann, daß man sich in diese hohen Gebiete begibt, auf welche heute nur elementar hingedeutet worden ist. Es liegen vor dem Menschen, wenn er psychologisch forscht, solche Fragen wie die nach dem Gedächtnis, nach der Erinnerung. Man könnte verzweifeln, wenn man sich in den gewöhnlichen Psychologien mit dem Erinnerungsproblem befaßt. Da wird einem so ganz klar, wie da die Grenzorte des Erkennens sind: Der Mensch stellt sich etwas vor, gewinnt eine Vorstellung an einer äußeren Wahrnehmung; nun ja, diese Vorstellung «geht hinunter» ins seelische Element, «verschwindet», so sagt man, aber der Mensch kann sich später an die Vorstellung erinnern. Wo war sie?
Ich will mich jetzt nicht verbreiten über all das, was seit Jahrhunderten gesagt wird über diese Fragen. Nach der einen Seite sagt man: Solche Vorstellungen verschwinden hinunter ins Unbewußte, treten dann wiederum hinauf über die Schwelle des Bewußtseins. — Ich möchte jemanden kennen, der imstande ist, wenn er diese Worte prägt, mit ihnen einen inhaltlichen Sinn zu verbinden! Man verliert sofort einen Sinn, wenn man von diesem «Hinuntersteigen» und «Hinaufsteigen» der Vorstellungen spricht. Sprechen kann man von allem; aber vorstellen kann man es sich nicht; denn es entspricht keiner irgendwie gearteten Wirklichkeit. Die mehr physiologisch orientierten Psychologen sprechen davon, daß «Spuren» sich «eingraben» in das Nervensystem, in das Gehirn; diese Spuren «rufen» dann diese Vorstellungen «erneut hervor». Man krankt dann daran, zu erklären, wie aus diesen Spuren hervorgegraben wird die Vorstellung, die hinuntergezogen ist. Wie gesagt, man kann verzweifeln an dem, was da Inhalt der gewöhnlichen Psychologien ist. Wieviel ernste, edle, echte Forscherarbeit wird doch auf diese Probleme gewendet! Durchaus nicht verkannt werden soll diese ehrliche, echte Forschungsarbeit.
Die Wahrheit ist aber, daß auch diese einfache Tatsache des Seelenlebens sich erst im rechten Lichte zeigt, wenn man sie mit derjenigen Kraft der Seele betrachtet, die nun die Geistorgane hat, die nun wirklich vom Gesichtspunkte, der in der geistigen Welt eingenommen wird, auch das gewöhnliche Seelenleben beobachtet. Da merkt man: Es ist gar keine Rede davon, daß eine Vorstellung, die ich jetzt habe, irgendwo «hinunterzieht» und irgendwo wieder «heraufkommt». Das Erinnern wird überhaupt ganz falsch vorgestellt. Eine Vorstellung, die ich durch eine äußere Wahrnehmung jetzt gewinne und jetzt habe, die lebt in mir überhaupt nicht als etwas Reales, sondern als Spiegelbild, das sich die Seele bildet durch die Spiegelung des Leibes. Wir werden davon näher im dritten Vortrage sprechen. Und es lebt diese Vorstellung nur jetzt! Wenn ich sie aus dem Seelenleben verloren habe, dann ist sie nicht mehr da. Es gibt das gar nicht: Hinuntertauchen von Vorstellungen und Wiederherauftauchen — und so Erinnerungen bilden. Die triviale Vorstellung der Erinnerung ist schon falsch.
Worauf es ankommt, ist: wenn man die Kraft der Seele für das geistige Schauen geschärft hat, so sieht man — wie man in der Außenwelt beobachtet, so kann man im Geiste das beobachten —, daß, während wir eine Vorstellung gewinnen durch eine Wahrnehmung, noch ein anderer Vorgang vor sich geht. Und nicht der Vorstellungsvorgang, sondern dieser andere, unterbewußte Vorgang, der sich parallel dem Vorstellen abspielt, erzeugt in uns etwas, das, indem ich die Vorstellung habe, gar nicht unmittelbar ins Bewußtsein kommt, das aber fortlebt. Habe ich jetzt eine Vorstellung, so entsteht ein unterbewußter und jetzt rein an das Körperliche gebundener Prozeß. Wenn später durch irgendeine Veranlassung dieser Prozeß wieder aufgerufen wird, dann bildet sich, indem die Seele jetzt hinblickt auf diesen Prozeß, der ein rein leiblicher ist, aufs neue die Vorstellung. Eine erinnerte Vorstellung ist eine aus den Tiefen des Leibeslebens herauf gebildete neue Vorstellung, die der alten gleicht, weil sie durch den unterbewußten Prozeß, der sich gebildet hat im leiblichen Leben, heraufgerufen wird. Die Seele liest gewissermaßen das Engramm, das in dem Leibe eingegraben ist, wenn sie sich an eine Vorstellung erinnert.
So werden schon die gewöhnlichen Vorstellungen der Psychologen korrigiert. Man gewinnt das Richtige anstelle desjenigen, was im gewöhnlichen Erleben ganz falsch vorgestellt wird. Und so könnte ich, die ganze Psychologie durchgehend, Ihnen an vielen Punkten zeigen, wie sich vor der wirklichen Erkenntnis das, was die Seele eigentlich glaubt als ihr Erlebnis zu haben, als eine Illusion erweist, wie man ganz falsche Vorstellungen über dieses Seelenleben hat, wie diese sich erst korrigieren lassen müssen dadurch, daß die Seele sich befreit vom Leibe und nun wirklich vom geistigen Gesichtspunkte aus ihr Erleben beobachten kann.
Gerade durch solche Vorstellungen, die auf der einen Seite wirklich der Wissenschaft den Geist erschließen und die geistige Welt eröffnen, wird auf der anderen Seite erst dasjenige, was in treuer und fleißiger Forschung nach naturwissenschaftlicher Methode auch in der Experimentalpsychologie, in der physiologischen Psychologie gewonnen wird, an die rechte Stelle gerückt. Und diesen Gebieten steht wahrhaftig die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht feindlich, nicht unsympathisch gegenüber. Sondern sie, die weiß, daß die gewöhnlichen Methoden, die an der äußeren Natur gewonnen werden, im seelischen Erleben nicht zu Lösungen, sondern nur zu Fragen führen können, zu richtigen Fragestellungen, sie wird gerade durch ihr Licht erst dasjenige recht fruchtbar machen können, was auf dem äußeren naturwissenschaftlichen Wege gewonnen werden kann.
Wie das Arbeiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wirklich von der anderen Seite des Berges her, wie man einen Tunnel von zwei Seiten gräbt, der Naturwissenschaft sich entgegen arbeitet, kann sich auch an einem weiteren Beispiel zeigen. In der letzten Zeit sind darwinistisch orientierte Naturforscher zu etwas sehr Interessantem gekommen, das ich gleich anführen werde. Vorher will ich noch erwähnen, daß die unterbewußte Tätigkeit, welche der Erinnerung zugrunde liegt, indem sie sich parallel dem Vorstellen unterbewußt entwickelt, zwar etwas anderes, aber verwandt ist mit dem, was in den Vererbungskräften, in den Wachstumskräften liegt. Den Kräften, die in uns wachsen, sind diejenigen Kräfte verwandt, die wirksam sind im Unterbewußten, wenn wir an einer sinnlichen Wahrnehmung eine Vorstellung bilden und die Dispositionen hervorrufen im Leiblichen, die später gelesen werden, die zur Erinnerung führen. Durch wirkliche seelische Beobachtung kommt man zu einer klaren Anschauung über die Verwandtschaft der Gedächtniskräfte mit den Vererbungs- und Wachstumskräften. Es wird eine Brücke geschaffen — und wir werden von solchen Brücken in den nächsten Tagen noch deutlicher sprechen — zwischen Seelisch-Geistigem und Leiblichem.
Und nun sehe man, wie Richard Semon, der darwinistisch orientierte Naturforscher, in einem sehr interessanten Buche ausgeht von den Vererbungsverhältnissen, von dem Auftreten von Vererbungsmerkmalen, und dazu kommt, diese Vererbungskräfte zusammenzubringen mit den Gedächtniskräften! Der Naturforscher kommt also dazu, die Vererbungskräfte verwandt mit den Gedächtniskräften zu finden. Der Seelenforscher kommt dazu, die unterbewußten, der Erinnerung zugrundeliegenden Kräfte mit denen der Vererbung verwandt zu finden!
Diese Dinge geschehen ganz unabhängig voneinander. Was Richard Semon als Mneme beschrieben hat in seinem sehr interessanten Buch, das begegnet sich mit der Seelenforschung, die anthroposophisch orientiert ist, und die sich auf die Betrachtung derjenigen Gebiete ausdehnt, die nach naturwissenschaftlichen Methoden auch am Menschen erforscht werden. Doch davon dann im dritten Vortrage.
Gewiß, schon das Elementare, das ich mir erlaubte heute vorzubringen über die Erfolge eines wirklichen Geist-Erlebens der Seele und dadurch über die Begründung einer neueren Seelenwissenschaft, es muß den Denkgewohnheiten der Gegenwart gegenüber vielfach paradox erscheinen. Aber wenn das auch durchaus gerade dem am begreiflichsten ist, der in diesen Dingen drinnensteht, so darf wohl auch gesagt werden, man möge sich nur wirklich nicht bloß in einem Vortrage anregen lassen, sondern sich vertiefen in den ernsten Gang geisteswissenschaftlicher Forschung. Man wird sehen, daß die Kräfte zwar auf andere Weise verwendet werden als auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, daß aber der Forscherweg der Anthroposophie nicht minder ernst, nicht minder mühevoll ist als derjenige, der auf seiten der naturwissenschaftlichen Forschung entwickelt wird, wenn auch gerade dasjenige, was bei der Naturwissenschaft Resultat, Ergebnis ist, bei der Geistesforschung Ausgangspunkt sein muß: Wir langen bei den Begriffen, Vorstellungen, Naturgesetzen an, wenn wir Natur erforschen wollen. Wir gehen davon aus, daß uns das, was Naturforscher erleben, bis an die Grenzorte bringt, wenn wir in die Geistesforschung und in die anthroposophische Seelenforschung eintreten wollen.
So meine ich, daß die Psychologie, die Seelenforschung, die auf Anthroposophie fußt, nicht als gegnerisch gegenüber den berechtigten Forderungen der heutigen naturwissenschaftlichen Denkweise bezeichnet werden darf. Im Gegenteil: sie lehnt nichts ab, was aus den berechtigten Forschungen der Naturwissenschaft hervorgeht; sie ist nirgends gegnerisch zu dieser berechtigten Naturwissenschaft! Aber sie kann nicht stehenbleiben etwa dabei, bloße logische Folgerungen zu ziehen aus dem, was die Naturwissenschaft schon selbst gibt. Eine solche Philosophie bedeutet Geisteswissenschaft nicht, die nur weiter logische Folgerungen ziehen will aus der Naturwissenschaft. Nein! Ein höheres Bekenntnis muß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ablegen, das Bekenntnis, daß hervorgehen muß diese Geistesforschung aus der Naturwissenschaft nicht als eine abstrakte logische Folge, sondern als ein lebendiges Kind.
Und den Glauben, den stärkeren Glauben als mancher Naturforscher, der die Geistesforschung ablehnt, den stärkeren Glauben an die Naturforschung hat der Geistesforscher, daß diese Naturforschung stark genug ist, nicht nur zu ihren logischen Konsequenzen zu führen, sondern stark genug, ein ganz Lebendiges gleichsam aus sich heraus zu gebären, das entsteht mit eigener Lebenskraft, durch eigenes freies Leben gedeihen muß, und das sein muß: die von der Naturwissenschaft selber geforderte Geisteswissenschaft.
Fragenbeantwortung
Zum Thema der wiederholten Erdenleben wurden mehrere Fragen gestellt.
Sehr verehrte Anwesende! Die Fragen, die hier aufgeworfen worden sind, sie sind solche, daß vieles Unbefriedigende an der Antwort bleibt, wenn man sie kurz beantwortet, oder aber, daß man, wenn man sie richtig befriedigend beantworten wollte, ganze Bücher sprechen müßte. Zunächst liegt die Frage vor:
Was für einen Zweck hat die Reinkarnation?
Ja, sehr verehrte Anwesende, im Grunde genommen ist die Frage nach dem Zweck — ich muß schon der Antwort den wissenschaftlichen Charakter geben, sonst ist es ja nur ein Herumreden — geradeso wie die Frage nach dem Grunde— ob nun die Teleologie berechtigt ist oder nicht, darauf kann ich mich nicht einlassen -, eine Frage, die in der physischen Welt entspringt, innerhalb der physischen Welt ihre Bedeutung hat. Die Reinkarnation — wenn man so die wiederholten Erdenleben nennen will, ich vermeide gern Schlagworte, deshalb sprach ich auch heute von wiederholten Erdenleben -, die Reinkarnation aber ist von Gesetzen getragen, welche der geistigen Welt angehören, welche in der geistigen Welt ihre Bedeutung haben. Und daran gewöhnt man sich am allerschwersten: daß man beim Übergang von der physischen Welt in die geistige Welt auch seine Begriffe wandeln, metamorphosieren muß, daß die Begriffe, welche für die physische Welt gelten, ihre Bedeutung, ihre Tragweite verlieren, wenn man in die geistige Welt eintritt. Wer begonnen hat, den eigentlichen Charakter der geistigen Welt zu kennen, der frägt nicht eigentlich, wie man nach dem Zwecke einer Maschine frägt, nach dem «Zweck des Menschen», viel weniger nach dem «Zweck der Reinkarnation».
Ich habe im Laufe des Vortrags gesagt: die Denkungsweise, die an Hand der Naturwissenschaft gewonnen wird — das ist ja im wesentlichen auch die Denkweise, die an der physischen Außenwelt gewonnen wird -, sie führt höchstens zu den richtigen Frage-Stellungen; aber die Antworten muß man dann versuchen, aus der geistigen Welt hereinzuholen.
Nun, natürlich, wer so etwas frägt: «Welchen Zweck hat die Reinkarnation?» -, der denkt sich etwas dabei. Es entspricht das einem gewissen Bedürfnis, etwas zu wissen, obwohl die Frage nach dem Zweck ja eigentlich in dieser Sphäre nicht anwendbar ist, um die es sich da handelt. Nun aber bitte ich Sie, folgendes zu bedenken. Ich möchte sagen, ich muß die Bausteine zur Fragenbeantwortung zusammentragen. Geisteswissenschaft ist eben etwas, was man nicht wie ein kleines Handbuch so schnell sich aneignen kann, sondern es ist etwas, was wirklich ein sehr umfassendes Gebiet ist.
Wenn wir im Leben Fragen stellen, so können wir so verfahren, daß wir gewissermaßen mit den Fragen immer bis ans Ende gehen. Aber vielleicht wird das nicht in allen Fällen anwendbar sein. Sehen Sie, solch eine Frage wie diese, die wird einem hundert und hundertmal gestellt. Ich habe oftmals das Folgende dazu gesagt: Es kann Menschen geben, die wollen von Zürich nach Rom fahren, und sie wollen den Weg wissen. Ja, wenn ihnen jemand den genauen Weg mit allen Details nicht angeben kann in Zürich hier, so wollen sie überhaupt nicht nach Rom fahren. Es kann aber auch solche Menschen geben, welche befriedigt sind, den Weg von Zürich nach Lugano zu wissen, und die dann befriedigt sind, wenn sie in Lugano erfahren, wie sie weiterkommen, und dann, wie sie wieder weiterkommen. Das ist ein Vergleich. Er will das Folgende besagen: Wenn wir in einem Erdenleben stehen, so ist dieses hinblickend auf folgende Erdenleben. Darinnen drückt sich eine Entwickelung aus. Wir werden in anderen Erdenleben Dinge gewinnen, die wir in diesem Erdenleben nicht gewinnen. Wir gehen durch Erlebnisse, die uns andere Prüfungen, andere Erfahrungen bringen. Würden wir in diesem Erdenleben alle Fragen beantworten können, so würde dieses Erdenleben nicht folgende Erdenleben erzeugen!
So handelt es sich für Geisteswissenschaft darum, die Tatsache der Reinkarnation, wenn ich den Ausdruck schon gebrauchen soll, hinzustellen. So wie der Mensch dem einzelnen Erdenleben aus seinen freien Impulsen heraus den Zweck gibt, so gibt er aufeinanderfolgende Zwecke, von denen einer aus dem anderen hervorgeht, den wiederholten Erdenleben. Und er wird sich nicht einbilden, in einem Erdenleben den ganzen Umfang des menschlichen Daseins, das durch die wiederholten Erdenleben geht, zu definieren. Definitionen, die etwas umfassen wollen, gewöhnt man sich überhaupt ab, wenn man in das wirklich geistige Seelenerleben hineinkommt. Definitionen sind im gewöhnlichen physischen Leben ganz gut; im geistigen Leben, wo alles auf Aspekte hinausläuft, da wird man wirklich, wenn jemand just Definitionen verlangt, erinnert an das Beispiel, das in der griechischen Literatur gegeben ist, wo ausgeführt wird, was eine Definition ist. Auf die Frage, wie man einen Menschen definieren solle, wird gesagt - man kann ja immer nur aus einzelnen Merkmalen heraus definieren -: Ein Mensch ist eine Wesenheit, die zwei Beine und keine Federn hat. —- Da brachte das nächste Mal einer einen Hahn mit, den er gerupft hatte - als «Menschen».
Nun, ich weiß selbstverständlich, was die Logik alles fordert von einer richtigen Definition. Dennoch, vor dem geistigen Auge nehmen sich Definitionen doch als Einseitigkeiten aus. Ebenso alle Zwecksetzungen, Kausalsetzungen und so weiter. Die Wirklichkeit ist etwas, in das man sich hineinfindet, in dem man lebt und webt, das man aber nicht mit einseitigen Begriffen umspannen wird. Man wird in den aufeinanderfolgenden Erdenleben die Zwecke finden. So daß also ein rechter Inhalt nicht da ist bei der Frage nach dem «Zweck der Reinkarnation».
Frage: Ist Reinkarnation ein Produkt der Vorstellung im Geistigen?
Ja, sehr verehrte Anwesende, das kann man schon sagen, aber man muß dazunehmen, was ich in meinem Buch «Von Seelenrätseln» gezeigt habe: Vorstellungen, so wie man sie im gewöhnlichen Bewußtsein hat, sind eigentlich vor dem geistigen Schauen keine wirklichen Vorstellungen, sondern sie sind abgelähmte Vorstellungen, sie sind wie die Leichen der Vorstellungen. Das ist das Merkwürdige. Was in der Seele lebt, ist weit mehr als das, was im gewöhnlichen Bewußtsein zum Bewußtsein kommt. Was in der Seele lebt, wird herabgelähmt, weil es nicht ertragen würde vom gewöhnlichen Bewußtsein, und lebt dann wie ein Vorstellungsleichnam. Daher die abstrakten Begriffe in der Seele. Was man da hat, das ist eigentlich nur ein Spiegelbild, das ist etwas, was auftritt und vergeht, was gar nicht erinnert wird, wie ich im Vortrag ausgeführt habe. Was aber dahintersteht, was in die Imagination hereinkommt, diese lebendige geistige Realität, das ist dasjenige, was durch den Tod hindurchgeht und was in den Kräften der Reinkarnation allerdings lebt. Vielleicht wird das die Antwort der Frage sein.
Frage: Ist Reinkarnation absolute gesetzmäßige Einrichtung, nicht ein Ergebnis der Bildekräfte?
Ein Ergebnis der Bildekräfte ist nur das Leben zwischen Geburt und Tod beziehungsweise Empfängnis und Tod. Aber das, was hier Reinkarnation genannt wird, steht unter weit höheren geistigen Gesetzen. Ob sie eine «gesetzmäßige Einrichtung» ist, das ist schwer zu beantworten; sie ist eben eine Tatsache. Die wiederholten Erdenleben sind eine Tatsache, «Ein Ergebnis der Bildekräfte?» Den Bildekräfteleib eignet sich der Mensch erst an, wenn er als Seele gegen die Empfängnis zugeht; den legt er auch nach dem Tode wieder ab; der Bildekräfteleib ist — wie ich im Vortrag ausgeführt habe — nichts Ewiges. Die Kräfte aber, die in Betracht kommen, wenn von den Gesetzen der Reinkarnation gesprochen wird, sind solche, die gar nicht hereintreten, nicht nur nicht ins Ich-Bewußtsein, sondern gar nicht in den Bereich der gewöhnlichen physischen Welt.
Sehen Sie, da könnte sich schon auf diesem Gebiete der Weg für viele Menschen eröffnen, wenn man nur suchen würde in der richtigen Weise. Es handelt sich darum — wie ich schon für einzelne Dinge angegeben habe -, daß die Erlebnisse in der geistigen Welt paradox wirken gegenüber den Erlebnissen des gewöhnlichen Daseins, daß in vieler Beziehung die Dinge ganz anders wirken, die man erlebt, wenn man in die geistige Welt eintritt, gegenüber den Dingen der physischen Welt. Und da muß man sagen: der Mensch kommt, weil er sein Vorstellungsvermögen nach den Erfahrungen des natürlichen Lebens, des natürlichen Geschehens einrichtet, mit seinen Begriffen kaum über Raumesvorstellungen hinaus. Eine genauere, eine wirklich ehrliche Selbsterkenntnis zeigt, wie wenig der Mensch über Raumesvorstellungen hinauskommt. Denn sehen Sie: die Zeitvorstellungen, woran gewinnt man sie? Eigentlich aus Raumvorstellungen! Die Raumänderungen, die Ortsänderungen der Sonne, des Mondes, der Zeiger der Uhr sogar bei uns, aus denen gewinnen wir Zeitvorstellungen. Aber es sind eigentlich Raumvorstellungen, die wir da haben. Das Geistige aber in seiner niedersten Form als Bildekräfteleib lebt schon in der Zeit. Da muß man schon eine wirkliche Vorstellung von der Zeit haben!
Aber eine wirkliche Vorstellung von der Zeit verschaffen sich heute die wenigsten Menschen. Und noch weniger verschafft man sich eine wirkliche Vorstellung von den verschiedenen Geschwindigkeiten — also jetzt nicht Zeiten, sondern Geschwindigkeiten —, die im Seelisch-Geistigen herrschen. Unser seelisches Leben beruht darauf, daß zum Beispiel das Denken, das Vorstellen, mit einer ganz anderen Geschwindigkeit abläuft als das Fühlen, und dieses wiederum mit einer ganz anderen Geschwindigkeit als das Wollen. Diese Dinge — daß innerlich im Seelenleben verschiedene ineinandergeschichtete Geschwindigkeiten sind bewirken gerade das innere Entstehen des Bewußtseins. Bewußtsein entsteht nur da, wo irgend etwas sich stört. Daher ist Bewußtsein sogar verwandt mit dem Tode: weil der Tod das Leben stört. Aber überhaupt: es stört sich etwas! Daher ist zum Beispiel die Bergsonsche Vorstellung so falsch, daß man überall aufs Leben sehen muß und auf die Bewegung; während man geradezu zum Wesen der Bewegung kommt, wenn man die Bewegung hindert, zum Wesen des Lebens kommt dadurch, daß man sieht, wie das Leben vom Tode erfaßt wird. Etwas anderes, als das Leben auffassen, ist es, in das Wesen des Lebens eindringen.
Diese Dinge führen dazu, einzusehen, daß Gesetzmäßigkeit selbst etwas anderes wird, wenn man in das geistige Leben eintritt, was vielen Menschen höchst unbequem ist. Sie fassen daher gar nicht den Mut, in die geistige Welt einzudringen mit ihren Begriffen und Ideen: weil diese Begriffe und Ideen sich verändern müßten! Wenn man wirklich geistig forscht, lernt man das im Grunde genommen sehr, sehr gründlich kennen. Ich rede sehr ungern von Persönlichem, weil das Persönliche mit dem Objektiven nicht viel zu tun hat. Aber vor vielen Jahren schon trat mir eine wichtige Frage entgegen, die auf einem gewissen Spezialgebiet für mich fruchtbar geworden ist: Herbart und andere Psychologen haben das Rechnen, die Mathematik angewendet auf die Seelenforschung; sie versuchten, seelische Tatsachen zu berechnen. Eduard von Hartmann hat dann sogar moralisch zu nehmende Tatsachen zu berechnen versucht, indem er den Pessimismus mathematisch zu begründen unternahm; auf die eine Seite, die Soll-Seite des Lebens buchte er alle Lusterlebnisse, auf die Haben-Seite alle Unlusterlebnisse und sagte dann: die Bilanz ergibt einen Überschuß an Unlust — also ist das Leben schlecht.
Ich habe gezeigt, daß die ganze Rechnung unsinnig ist. Sie können diesen Beweis finden in dem entsprechenden Kapitel meiner «Philosophie der Freiheit», die 1894 geschrieben ist. Wenn man hier von Rechnung sprechen will, so ist der Rechnungsanfang ganz anders zu machen. Er ist so zu machen, daß man nicht eine Subtraktion macht, eine zur Bilanz führende Subtraktion, sondern daß man eine Division aufschreibt, einen Bruch, daß man als Zähler aufschreibt alles, was man an Lust, an Freude, an Erhebung erlebt in seinem Lebenslauf, und als Nenner allen Schmerz, alles Leid. Betrachten wir diesen Bruch. Wann würde das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen? Wenn der Nenner Null wäre, gar kein Schmerz da wäre, so wäre der Wert unendlich groß. Aber der Nenner muß unendlich groß werden, wenn der Bruch den Wert Null haben sollte, Das heißt: erst dann würde das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen, wenn die Schmerzen unendlich groß wären. Die Entscheidung darüber gibt uns keine abstrakte Rechnung, sondern die Entscheidung gibt uns das Leben selber. Das Leben rechnet so!
Wenn man auf seelische Ereignisse sieht, so kann man das Verhältnis der Rechnung zum seelischen Ereignis nicht so machen, wie Herbart oder wie Hartmann in diesem Falle. Sondern das Leben gibt das Resultat, und wenn man dann hinaufkommt in die geistigen Welten, so zerteilt sich das Resultat auseinander — eine Summe in Summanden, ein Bruch in Zähler und Nenner. Gerade ins Umgekehrte kommt man hinein. Während man hier im physischen Leben die einzelnen Summanden und Zähler und Nenner hat und dann das Resultat bekommt, ist es umgekehrt: im geistigen Erleben ist das Resultat da; es wird erlebt, und in die geistige Welt hinein gehen die einzelnen Elemente, die zum Resultat führen. Sie sehen also: man muß viele Vorstellungen gründlich umdenken, wenn man die Schwelle überschreiten will zwischen der physischen und der geistigen Welt.
Vielleicht können solche Ausführungen, die ich an diese Frage angeknüpft habe, doch bei Ihnen die Vorstellung hervorrufen, daß wirklich diese Geisteswissenschaft nicht etwas ist, das so aus dem Ärmel herausgeschüttelt oder aus der Phantasie herausgeboren ist, sondern daß sie etwas ist, was schon wirklich — wie ich im Vortrag gesagt habe — mit nicht geringeren Kräften erarbeitet wird, als in irgendeiner anderen wissenschaftlichen Arbeit Kräfte angewendet werden. Nur stehen sie auf einem anderen Gebiete. So daß man sagen muß: es ist Gesetzmäßiges in jenem Verlaufe, der durch die wiederholten Erdenleben ausgedrückt wird. Aber die Natur dieses Gesetzmäßigen muß man sich eigentlich erst verschaffen. Daher sagte ich, es handelt sich nicht darum, daß man deutet die Naturerscheinungen, sondern daß man sich wirklich erhebt über die Naturerscheinungen und das Geistige frei in sich erlebt. Damit habe ich die Frage beantwortet.
Nun eine merkwürdige Frage — merkwürdig nach diesem Vortrage: Welches sind die geistigen Tastorgane?
Ja, etwas Sinnliches darf man sich nicht vorstellen darunter. Ich habe scharf hervorgehoben, daß es sich um etwas Seelisch-Geistiges handelt, das man nur mit dem vergleichen kann, was in der Erinnerung auflebt. Also wenn man das so beantwortet haben will, daß man zum Unterbegriff «geistige Tastorgane» einen Oberbegriff sucht, den man schon kennt, dann wird man mit dieser Sache nicht zurechtkommen. Sondern man muß sich eben hindurchwinden durch das, was gezeigt worden ist: Die Seele gerät an Grenzen, differenziert sich und entwickelt «geistige Tastorgane», die, auf seelisch-geistigem Gebiet, verglichen werden können mit den Tastorganen auf physischem Gebiet, so wie «Geistesaugen» und «Geistesohren» mit physischen Augen und physischen Ohren.
Frage: Gibt es klare Definitionen davon, was man unter «Glaube» versteht?
Nun müßte ich Ihnen natürlich eine Sprachgeschichte des Wortes «Glaube» geben, wenn ich vollständig sein wollte, und von da ausgehend dann die verschiedenen Formen des Glaubens entwickeln. Ich möchte aber das Folgende sagen: Das Wort «Glaube» hat in unserer neueren Zeit die eingeschränkte Bedeutung erhalten des Fürwahrhaltens aus subjektiven Gründen heraus, also eine Erkenntnis, die eigentlich keine Erkenntnis ist, sondern nur ein subjektives Surrogat für eine Erkenntnis. Das hat man nicht zu allen Zeiten unter «Glaube» verstanden. Will man verstehen, woraus die Glaubensvorstellung eigentlich entstanden ist, so muß man sich folgendes vorhalten.
Wie ich nur angedeutet habe im heutigen Vortrage, war früher die Seele in einer anderen Weise mit der Wirklichkeit verknüpft. So abgesondert hat die Seele eine Naturwirklichkeit von sich selber erst in neueren Zeitläuften. In jenen älteren Zeiten, in denen die Seele noch mehr mit der geistigen Wirklichkeit verknüpft war und ein inneres Bewußtsein von seelischem Gehalt in einer anderen Art entwickelt hat, als das jetzige moderne Anthroposophische sein muß, da wußte man: wenn man etwas für wahr hält, so ist das nicht bloß ein theoretisches Verhalten, sondern es ist in diesem Fürwahrhalten zugleich eine Kraft des Seins drin. Wenn ich ein Ideal habe und glaube an mein Ideal, so ist dieses glauben an das Ideal nicht bloß das Präsentmachen der Idee des Ideals im Bewußtsein, sondern es verbindet sich eine seelische Kraft mit dem Ideal. Und diese Verbindung einer seelischen Kraft mit dem Ideal gehört von seiten des Menschen der Wirklichkeit an. Man arbeitet an der Wirklichkeit mit. Es ist also eine positive Kraftentfaltung, die im «Glauben» liegt.
In einer entsprechenden Weise kommt in dem interessanten Buch von Ricarda Huch: «Luthers Glaube», der Glaubebegriff zum Vorschein. Da ist wiederum gefunden der Glaubebegriff nicht bloß als ein Fürwahrhalten, sondern als ein Mit-dem-Realwerden-sich-Verbinden; so daß man, ich möchte sagen, indem man in der Glaubenskraft drinnensteht, etwas in sich hat wie den Keim, den die Pflanze in sich hat, der auch noch keine wirkliche Pflanze ist, aber die Kraft hat, eine wirkliche Pflanze zu werden.
Es ist nicht ein Erkenntnisabbild, was man also im Glauben haben wollte, aber es ist ein Vorstellungselement, das sich mit einer wirklichen Kraft verbindet, so daß man mit dem Glauben in der Realität steht. Und würde jemand selbst behaupten wollen, daß der Glaube ihm keine Erkenntnis bringt, so würde er trotzdem noch zugeben müssen, wenn er den Glaubebegriff in dieser Weise anwendet, daß ihn das, was dieser Glaubebegriff als Realität enthält, in die Wirklichkeit hineinstellt. — Das sind so kleine Andeutungen, Skizzen.