The Stimulating Effect of Anthroposophy on the Individual Sciences

GA 76 — 6 April 1921, Dornach

Organische Naturwissenschaften und Medizin

Das Gebiet, auf das ich heute zu sprechen kommen werde, ist ein so ausgedehntes — selbst wenn es nur von einem einzigen Gesichtspunkte aus beleuchtet werden soll -, daß dasjenige, was ich in der Lage sein werde heute zu geben, nur spärliche Andeutungen werden sein können, und ich bitte Sie, dies in Berücksichtigung zu ziehen. Es handelt sich ja darum, daß im Fortschreiten von den anorganischen Naturwissenschaften zu den organischen Naturwissenschaften — und dann weiterhin zu psychologischer und geistiger Betrachtung — auf der einen Seite sich immer mehr und mehr die Notwendigkeit geisteswissenschaftlichanthroposophischer Betrachtung ergibt, daß sich aber auch andererseits bei diesem Fortschreiten immer mehr und mehr zeigt, wie das, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, befruchtend wirken kann auf die einzelnen Fachwissenschaften.

Bei dem, was gesagt werden konnte über das Wesen des Mathematischen, über das Wesen der anorganischen Naturwissenschaften, da handelte es sich weniger darum, daß durch geisteswissenschaftliche Betrachtung irgendwie in einer ganz durchgreifenden Art eine andere Behandlungsweise und namentlich ein anderer Inhalt herbeigeführt werde, als er in unserer gegenwärtigen Wissenschaftsgesinnung schon vorhanden ist. Sie haben daher aus den bisherigen Vorträgen über Mathematisches und über anorganische Naturwissenschaften einen gewissen Grundton vernehmen können, der dahin ging, anzudeuten, wie überall, im Mathematischen sowohl wie im Anorganischen, die, wenn auch von den meisten unbemerkten, Anfänge zu derjenigen Behandlungsweise dieser Wissenschaften vorliegen, die von der hier gemeinten Geisteswissenschaft als die richtige anerkannt werden muß. Sie haben gesehen, wie man hindeuten muß auf den Übergang von der analytischen Behandlung der Geometrie zu der synthetischen Behandlung, und wie man da findet, wie ein Weiterbeschreiten dieses Weges in imaginatives Betrachten hinführt, wenn man nur nicht beim Formalen stehenbleibt, sondern zu einem lebendigen Erfassen desjenigen, was da eigentlich vorliegt, übergeht. Und Sie haben dann gesehen, als eine mehr rein mathematische Betrachtung dargeboten wurde, wie aus einer gewissen lebendigeren Behandlung der Probleme dasjenige hervorgehen soll, was man sich im Mathematischen und in den anorganischen Naturwissenschaften als das im anthroposophischen Sinne Richtige zu denken hat. Gewissermaßen sind wir untergetaucht in diese Wissenschaften und haben in ihnen selber die Kraftpunkte gesucht, in deren Richtungen weitergegangen werden soll. Es handelt sich nur darum, daß man bei diesen Wissenschaften streng innerhalb der gegenständlichen Betrachtungsweise bleibt, welche die Eigentümlichkeit des gegenwärtigen Menschheitsbewußtseins ist, und daß man nicht nötig hat, zu etwas anderem zu kommen als zu einem gewissen Wie in der Behandlungsweise dieser Betrachtung.

In derselben Lage ist man nicht bei den organischen Naturwissenschaften, obwohl etwas wiederum in anderer Beziehung Ähnliches auch hier vorliegt. Wenn man heute von Mathematik, von anorganischen Naturwissenschaften, von Phoronomie, Mechanik und so weiter spricht, dann hat man auf die Denkweise hinzuweisen, an der man etwas zu reformieren hat, wie das gestern geschehen ist. Bei den organischen Naturwissenschaften beginnt aber, daß man hinzuweisen hat nicht auf das Abzuweisende, sondern auf das Aufzunehmende. Das beginnt schon innerhalb der Tatsachenwelt selber. Da kann durch eine bloße Reform der Denkweise eigentlich nichts Ausgiebiges erreicht werden.

Ich möchte zunächst eine kurze historische Betrachtung erläuternd voranschicken, durch die klargemacht werden soll, in welcher Weise auf diesem Gebiete vorzuschreiten ist, um zu einer fruchtbaren Anschauung zu kommen. Wir haben an anderen Stellen in unserer Betrachtung darauf hingewiesen, daß im fortlaufenden Entwickelungsgange der Menschheit eigentlich erst seit dem i5. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit heraufgetaucht ist, was wir die besondere Art unseres heutigen Bewußtseins nennen. Alle frühere Betrachtungsweise war im Grunde genommen eine ganz andere. Es ergriff die Menschheit erst von dem genannten Zeitpunkte an jene Bewußtseinsform recht, die auf der einen Seite zum Gebrauche der Freiheit führt, aber auf der anderen Seite den Menschen, dadurch daß sie ihn auf sich selbst zurück weist, in eine Abstraktion hineinwirft, durch die er gegenüber der Seinswelt in einer gewissen Weise wirklichkeitsfremd wird. Es ist die Betrachtungsweise, die sich nur an äußere Beobachtungen und deren Beschreibung hält, an Anordnung von Versuchen, von Experimenten und Beobachtung ihrer Ergebnisse, das heißt der Antworten, die die Natur erteilt, wenn ihr nicht bloß theoretisch, sondern praktisch, im Experiment, Fragen gestellt werden.

Was von Seelenkräften angewendet wird, indem auf diese Art die Wissenschaft zustande kommt, das ist die kombinierende Verstandeskraft. Diese kombinierende Verstandeskraft ist zunächst, ich möchte sagen, das große praktisch-wissenschaftliche Problem. Sie wird dieses, wenn man die Frage aufwirft nach ihrer richtigen Anwendbarkeit. Und diese Frage nach der richtigen Anwendbarkeit der Verstandes- oder auch der gewöhnlichen Vernunftkraft - im Beobachten, im Zusammenfassen der Beobachtungen, im Experimentieren —, diese Frage ist besonders für Goethe aufgetaucht. Und wer sich — Sie können das nachlesen in meinen jetzt schon fast vierzig Jahre alten «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» — in das vertieft, was da eigentlich bei Goethe zum Problem geworden ist, der wird finden, daß Goethe die Verstandes- oder Vernunftkraft nicht so angewendet wissen wollte, daß sie der Wissenschaft einen eigentlichen Inhalt gibt, daß man gewissermaßen aus der Verstandesoder Vernunftkraft heraus etwas über das Sein als solches aussagt, sondern so, daß diese Verstandes- oder Vernunftkraft nur dazu verwendet wird, die Phänomene so angeordnet zu denken, daß das eine Phänomen das andere erklärt. Dann hat man also, indem man sich seines Verstandes oder seiner Vernunft bedient, nichts hinzugetragen zu dem, was die Phänomene selber aussprechen.

Es handelt sich darum, wenn man rein den Verstand anwenden will, daß man dann auch rückhaltlos vorschreitet zu einer reinen Phänomenologie, das heißt, den Verstand nur dazu benützt, ein Phänomen reinlich anzuschauen, nichts anderes zu tun, als es eben zu reinlichem Anschauen zu bringen, und dann das andere dazugehörige Phänomen danebenzustellen; so daß durch diese Anordnung der Phänomene — was dann im Experiment auch zur praktischen Ausführung kommt — die Phänomene selbst veranlaßt werden, daß sie sich gegenseitig erklären. Der Verstand hat also bloß eine ordnende, eine gewissermaßen real methodologische Bedeutung, keine qualitative Bedeutung. Aus ihm darf im Goetheschen Sinne nichts hervorgehen, was irgendwie über das Sein selbst etwas aussagt.

Das ist, wie ich glaube, scharf präzisiert, was Goethe als den Gebrauch der Verstandeskraft ansah, und das ist auch dasjenige, dem das allgemeine Bewußtsein der Menschheit seit dem ersten Drittel des i5. Jahrhunderts zustrebt. Man kann sagen, es haben noch nicht alle gelernt, dann, wenn es sich um den Verstand handelt, in einer gewissen Weise zu resignieren, wie das Goethe in seinen eigenen Forschungen tun wollte, wenn es auch bei ihm nicht überall voll zur Ausführung gekommen ist. Aber unbewußt lebt in dem Wissenschaftsstreben, aus dem gerade Geisteswissenschaft heraus will — aber auf andere Art als durch den Verstand -, diese Art des Verstandeslebens doch wie ein unbewußtes Ideal.

Und es ist das, was ich jetzt sage, mit Händen zu greifen, wenn man jene Fortgänge sieht, die im naturwissenschaftlichen Denken vorliegen, sagen wir, von dem Anfang des 19. Jahrhunderts — und ich meine jetzt nicht bei den Naturphilosophen, sondern bei den empirischen Naturforschern etwa von der Art des Johannes Müller bis etwa zu Mach oder gar zu Poincare und den anderen, oder zu Fritz Mauthner, der allerdings kein Naturforscher ist.

Wer so recht eine Anschauung gewinnen will, was da vorliegt, der muß sich bekanntmachen mit etwas, was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine gewisse Rolle gespielt hat, was aber dann gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig fallengelassen worden ist, und was jetzt in einer merkwürdigen Gestalt da oder dort wiederum in der wissenschaftlichen Betrachtung auftaucht. Das ist die Idee der Lebenskraft, das, was man im wissenschaftlichen Leben den Vitalismus nennt.

Wenn wir zu der Vorstellung von Vitalkraft zurückgehen, die man in älteren Zeiten hatte, so sieht man, daß die Anhänger des Vorhandenseins dieser Vitalkraft sich sagten: Wenn wir ein Ding der anorganischen Natur betrachten, so finden wir in diesem Ding der anorganischen Natur allerlei Kräfte, Wärmekraft, Lichtkraft, elektrische Kraft und so weiter; wenn wir aber ein Wesen der organischen Welt betrachten, so finden wir außerhalb diesen Kräften, welche die anorganische Natur konstituieren, auch noch die Vitalkraft, die Lebenskraft. Diese Lebenskraft ist in jedem Lebewesen vorhanden wie im Magneten die Magnetkraft. Sie bemächtigt sich gewissermaßen der anorganischen Kräfte, um diese zusammenzufassen und aus ihnen Wirkungen hervorzubringen, die sie, auf sich selbst gestellt, nicht leisten können.

Dieser Vitalkraft wurde der letzte Stoß zum Abdanken gegeben durch die Darstellung eines organischen Stoffes in synthetischer Weise von Wöhler und Liebig, und sie wurde als solche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fallengelassen. Aber im sogenannten Neovitalismus taucht sie wiederum in der neuesten Zeit aus der Verborgenheit auf, weil gewisse Denker dazugekommen sind, sich zu sagen: Wenn wir die Methoden, die wir ausgebildet haben, um mit Hilfe der anorganischen Kräfte das Anorganische zu erklären, auf das Organische anwenden, dann kommen wir eben nicht aus; wir müssen im Organischen etwas anderes suchen. — Und, ich möchte sagen, mit einem deutlichen Anklang an die alte Lebenskraft taucht im Neovitalismus wiederum so etwas herauf für die Erklärung in den organischen Wissenschaften.

Wer sich aber wirklich ordentlich kritisch einläßt auf dasjenige, was als Lebenskraft selbst noch in der Betrachtung von Johannes Müller vorkommt, der wird finden, daß in dieser Lebenskraft etwas vorliegt, was sich als Begriff in Wirklichkeit nicht vollziehen läßt. Und ich möchte sagen, an der Unmöglichkeit, die Lebenskraft als Begriff zu fassen, ist sie im Laufe des 19. Jahrhunderts in der wissenschaftlichen Betrachtung abgestorben. Man konnte sie nicht fassen. Und warum konnte man sie nicht fassen? Zunächst wird man, wenn man ganz vorsichtig vorgeht in der Betrachtung der organisch-naturwissenschaftlichen Methodik des 19. Jahrhunderts, sehen, wie diejenigen, die da mit der Idee dieser Lebenskraft ringen, finden, sie können damit nichts anfangen. Was sie anfangen wollen, entschwindet ihnen sogleich, wenn sie mit ihrer Idee an die Erscheinung herangehen. Sie kommen doch nicht auf den eigentlichen Nerv der Sache. Sie kommen nicht darauf aus dem Grunde, weil sie die eigentliche Funktion der Verstandestätigkeit nicht scharf fassen.

Die Verstandestätigkeit tendiert in unserem Zeitalter dahin, nur das Phänomen zu betrachten und es hinzustellen neben ein anderes, damit Phänomen das Phänomen erklärt. Aber das läßt sich bei der Lebenskraft nicht ausführen. Bei der Lebenskraft muß man immer, wenn man überhaupt etwas tun will, von der Verstandestätigkeit aus etwas hineinschieben in das Phänomen. Man muß gewissermaßen dem Phänomen etwas unterschieben. Und darinnen liegt das, was allmählich im Gebrauche der Idee von der Lebenskraft bedenklich geworden ist. Das war dann die Ursache, daß man sie ganz hat fallen lassen und daß als ein gewisses Ideal in weitesten Kreisen entstanden ist, die Lebewesen nun überhaupt als einen Zusammenfluß, eine Kombination derjenigen Kräfte anzuschauen, die auch in der anorganischen Natur walten.

Mit anderen Worten: die Idee der Lebenskraft ist eigentlich eine Art Wechselbalg geworden. Man ist dazu gekommen, das Konstitutive in den Wissenschaften nur im Phänomen zu suchen. Die Lebenskraft ergab sich als Phänomen nicht. Man mußte - was aber eigentlich nicht statthaft war in diesem Zeitalter der Menschheitsentwickelung — vom Verstande aus die Vitalkraft konstruieren. Das war der negative Teil der Entwickelung, in der wir heute drinnenstehen. Denn in dem Neovitalismus tritt nichts Anschauliches auf. Was der Neovitalismus an die Stelle einer bloß das Anorganische kombinierenden Erklärung der Lebenserscheinungen setzt, das ist nichts anderes als eine Art Aufwärmung des alten Vitalismus. Und man könnte sagen, daß deutlich im äußeren Betriebe des wissenschaftlichen Lebens eine Art Abbild dessen vorhanden ist, was da eigentlich vorgeht im inneren Geistesleben. Ich kann heute nur in einzelnen Erscheinungen hinweisen auf dieses Abbild. Aber wer die beieinanderliegenden Phänomene gerade so betrachten kann, daß sie sich gegenseitig aufhellen, der wird schon die Bewahrheitung desjenigen, das ich jetzt meine, auch einsehen. Was sich aus einer älteren Betrachtungsweise erhalten, was die Begriffe und Ideen daraus zurückgehalten hat, das figurierte bis vor kurzer Zeit, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, noch recht unansehnlich als Philosophie. Und ich habe dasjenige, was mit dieser Philosophie vorging, in meinem ersten Vortrage dieser Reihe, wenigstens andeutungsweise auseinanderzusetzen versucht. Allein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da gingen schon einzelne merkwürdige Erscheinungen auf dem Gebiete des philosophischen Lebens vor.

Wir können sehen, wie ein recht gewissenhafter Denker, der nur nicht in der Lage war, die Probleme, die er aufwarf, zu Ende zu denken — ich habe ihn an dieser Stelle in diesen Tagen erwähnt -, wie Franz Brentano für die Philosophie die naturwissenschaftliche Methode fordert. Ihm war nichts anderes gegeben als naturwissenschaftliche Methode als dasjenige, was eben in der Gegenwart als solche üblich ist. Gewissermaßen war damit das Leitmotiv für alle diejenigen gegeben, die nicht mehr auf eine besondere geistige Methode reflektieren wollten, sondern die sich der allgemeinen Autorität des landläufigen naturwissenschaftlichen Denkens fügten. Dann aber kamen noch andere Erscheinungen. An einzelnen Fakultäten, wo, sagen wir, alte Herbartianer wirkten, kam es dazu, daß diese ihre Lehrkanzeln verließen, und es gab dann Fakultäten, welche an diese unbesetzten Lehrkanzeln für Philosophie nunmehr nicht Philosophen im alten Sinne beriefen, sondern naturwissenschaftlich Denkende. So zum Beispiel war es in Wien, wo Mach, der Naturforscher, die Lehrkanzel für Philosophie, die leer geworden war, zu beziehen hatte. Man empfand das noch etwas unbehaglich, und man nannte deshalb das Fach, das er zu vertreten hatte, «induktive Philosophie», hatte ihm also die Lehrkanzel für Induktive Philosophie übertragen, danebengesetzt allerdings einen Mann — ich schätze diesen Mann sehr, aber ich charakterisiere jetzt ja objektiv Kulturerscheinungen, und damit spielt die persönliche Schätzung keine Rolle —, der vorher Professor für christliche Philosophie an der theologischen Fakultät der neuen Universität war. Damit dokumentierte man, daß man dasjenige, was in der Philosophie sein sollte, nicht aus irgendeiner neuen Forschungsweise herausnahm, sondern aus der alten Tradition. Und was sich da, ich möchte sagen, in einer gewissen auffälligen Weise vollzog, das vollzieht sich ja immer wieder. Abgesehen davon, daß ganz naturwissenschaftlich Denkende an die psychologischen Lehrkanzeln herangebracht werden und in ein früher als philosophisch angesehenes Gebiet ganz naturwissenschaftliche Denkweise hineintragen, sehen wir auch sonst, wie naturwissenschaftlich Denkende heute ganz offiziell als Träger der Philosophie funktionieren. In solchen Erscheinungen spricht sich dasjenige auch äußerlich aus, was ich hier anzudeuten habe: mit dem, was da in der neueren Zeit heraufgekommen ist als der kombinierende Verstand, der in seiner Reinheit nur so angewendet werden kann, wie ihn Goethe angewendet wissen wollte, mit dem läßt sich über die Lebenserscheinungen nichts ausmachen.

Hier liegt wiederum der Punkt, wo Ehrlichkeit und Unbefangenheit des wissenschaftlichen Denkens streng gefordert werden muß. Und die Methoden, die mit Hilfe äußerer Beobachtung, äußeren Experimentes, mit Hilfe dieses kombinierenden Verstandes forschen, die können, wenn sie mit sich selber richtig kritisch zu Werke gehen, wenn sie sich aus ihren Betrachtungen heraus, wenn ich so sagen darf, ein volles Bewußtsein über ihre eigene Tragweite verschaffen, nicht anders, als sagen: Wir sind als Methoden nur anwendbar auf das Gebiet der anorganischen Naturwissenschaften, da gehören wir hinein, da können wir die Betrachtungsweise groß machen; aber wir dürfen nicht, ohne den ganzen Sinn der Betrachtungsweise, auch den Inhalt der Betrachtungsweise zu ändern, in das Gebiet der organischen Naturwissenschaften heraufsteigen. Das muß von dieser Methode unberührt bleiben.

Geisteswissenschaft hat nun von der anderen Seite aus zu sprechen. Geisteswissenschaft hat zu sagen: Es gibt auch die Möglichkeit einer Bewußtseinsentwickelung, entsprechend dem Lauf, der von jenen Bewußtseinsformen aus genommen worden ist, die vor dem 14. Jahrhundert noch ihre letzten Blüten getrieben haben. Wie von diesen Bewußtseinsformen aus zum rein gegenständlichen Bewußtsein, das nicht in der Phänomenalität steckenbleiben soll, fortgeschritten worden ist, so muß heute, behufs wissenschaftlicher Betrachtungsweise des Organischen, durch die innerliche Entwickelung der Seele heraufgeschritten werden zu den anderen Bewußtseinsformen: zum imaginativen Bewußtsein, inspirierten Bewußtsein, intuitiven Bewußtsein.

Denn soll der Verstand zurechtkommen mit den Lebenserscheinungen, dann muß für den Verstand das, was sich innerhalb des Gebietes der Lebenserscheinungen abspielt, Beobachtung werden, Phänomen werden. Das kann es nicht innerhalb der sinnlichen Beobachtung. Der Verstand kann nicht konstitutiv werden für einen Inhalt der organischen Naturwissenschaften. Der Verstand muß sich auch da kombinierend verhalten. Aber die Anschauung muß ihm geliefert werden. Diese Anschauung wird ihm geliefert im imaginativen Erkennen. In der Ausbildung des imaginativen Erkennens, wie ich sie dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wird nämlich, abgesehen von allem übrigen, was über dasselbe gesagt werden kann, die Möglichkeit errungen, mit dem alten Vitalismus, der einen Wechselbalg von Begrifflichkeit geliefert hat, zu brechen und die imaginative Anschauung des Lebens an dessen Stelle zu setzen.

Selbstverständlich kommt jetzt der ungeheuer billige Einwand, der nun gemacht werden kann. Es kann gesagt werden: Nun ja, aber wir normalen Menschen haben eben nur diesen kombinierenden Verstand. Es mag solche Käuze geben, welche zur Imagination, Inspiration und so weiter fortschreiten. Wir wollen das nicht weiter bezweifeln, aber wir haben sie eben nicht. Deshalb gilt für uns eine Philosophie, welche diese Inhalte der Imagination und so weiter ablehnt, welche sich nicht damit zu schaffen macht, diese Inhalte der Imagination, Inspiration und so weiter in sich selber als Philosophie hereinzunehmen. Dieser billige Einwand ist in der folgenden Weise zu entwerten. Ich will mich mit einem Beispiel verdeutlichen, das ich öfter schon erwähnt habe. Wenn die Geistesforschung einfach die Tatsachen nimmt, die heute schon der empirischen organischen Wissenschaft vorliegen, dann kommt man zum Beispiel in der Lehre vom menschlichen Herzen zu ganz anderen Anschauungen als denen, die durch einen falschen, aus alten Zeiten traditionell fortbewahrten alten Verstandesgebrauch noch immer in der landläufigen Wissenschaft zustande kommen. Da wird das Herz angesehen wie so eine bessere Pumpe, welche das Blut durch den Organismus treibt. Diese Anschauung folgt nur dann als eine «richtige» für den Menschen, wenn er auf den menschlichen Organismus als ein Lebewesen den Verstand anwendet, der darauf nicht anwendbar ist. Sobald man zur imaginativen Betrachtung aufsteigt, kommt man dazu, sich zu sagen: Nicht das Herz treibt das Blut durch die Adern des Organismus, sondern die Herzbewegung ist das Ergebnis des inneren Blutlebens. Das Blut selbst ist es, welches aus dem intensiven eigenen Leben, welches zentralisiert ist im Herzen, diese Bewegung verursacht, so daß die Herzbewegung die Folge der Blutbewegung, und nicht das Umgekehrte der Fall ist. Das ergibt sich unmittelbar aus der imaginativen Betrachtung des menschlichen und dann auch des tierischen Organismus. Nun, wer ohne diese imaginative Betrachtung eine Herzlehre, eine Herzbewegungslehre aufstellt, der muß, wenn er ehrlich ist, dazu kommen, in dieser Betrachtungsweise Unzulängliches zu finden, an dem stehenzubleiben ist. Und wenn er dann ausschaltet, was er selbst in seiner Erklärung als unzulänglich erkannt hat, aber beibehält die empirische Erkenntnis der Tatsachen, der gesamten Tatsachenwelt des menschlichen und tierischen Organismus, insofern sich diese Tatsachenwelt auf Blutbewegung und Herzbewegung bezieht, wenn er alles zusammenfaßt — Geisteswissenschaft schreckt nie vor einer wirklich gründlichen und gewissenhaften Prüfung durch andere zurück —, was aus dem Umfang der gegenwärtigen Anatomie, Physiologie, Biologie und so weiter zu gewinnen ist, namentlich auch, was, erläuternd dieses Problem, aus der Embryologie zu gewinnen ist, dann wird er sich sagen: Nun, derjenige, der auf dem Boden imaginativer Erkenntnis steht, gibt diese Erklärung. Ich kenne die Tatsachen; setze ich das Ergebnis der imaginativen Erkenntnis ehrlich voraus, prüfe ich daran meine Tatsachen, die ich gut kenne, dann stimmt das völlig, und es ist damit aller nur wünschenswerte Grund vorhanden, um dasjenige, was durch imaginative Erkenntnis gewonnen wird, anzunehmen.

Es kann, sobald gewissenhaft und ehrlich auf diesem Gebiete in der Richtung der wissenschaftlichen Bewußtseinsentwickelung fortgeschritten wird, nicht mehr die Ausrede gelten, wer nicht selber imaginative Erkenntnis habe, der brauche diese imaginative Erkenntnis nicht anzuerkennen. Sondern es muß an dessen Stelle das andere treten, daß man sagt: Ich kenne gut die Tatsachen, die sich der sinnlichen Beobachtung darbieten, eine Erklärung aber kommt mir nur von seiten des imaginativen Anschauens. Mit dieser Erklärung finde ich mich zurecht. Die Tatsachen sind verständlich aus ihr heraus; also sind alle Voraussetzungen für die Annahme gegeben. — Und im Grunde genommen zeigt derjenige, der aus dem eben charakterisierten Grunde die übersinnliche Erkenntnis auf diesem Gebiete ablehnt, nicht, daß er die übersinnliche Erkenntnis nicht beherrscht. Die ist ja heute noch nicht so weit, daß man sie leicht beherrschen könnte. Sondern er beweist, daß er die ihm vorliegenden Tatsachen nicht richtig werten kann. Er beweist den Mangel seiner Einsicht in die sinnlich-empirisch gewonnene Tatsachenwelt selber. Und das ist am häufigsten der Fall in der heutigen Betrachtungsweise der organischen Naturwissenschaften. Die Betrachtungsweise, die für die organischen Naturwissenschaften nötig ist, ist diejenige, welche sich von dem bloßen gegenständlichen Erkennen zu dem imaginativen Erkennen erhebt. Denn im imaginativen Erkennen enthüllt sich erst das Geheimnis des Lebens.

Goethe hat von der reinen Phänomenologie aus, die er angewendet wissen wollte zum Beispiel in der Farbenlehre und in der Tonlehre, hingestrebt zu dem, was er seine Morphologie nannte, zu der Erfassung des SichGestaltenden. Er ist nur bis zu einem gewissen Grade der Erkenntnis gekommen. Was er inauguriert hat, das muß fortgesetzt werden. Man sieht, wie er nur bis zu einem gewissen Grade gekommen ist: nachdem seine Betrachtungsweise bis zu einem hohen Grade, wenn auch nicht ganz, für das unbewußte Pflanzenreich ausgereicht hatte, mußte er, als er von dem Pflanzenreich zu der Betrachtung der Metamorphose des tierischen Reiches gehen wollte, stehenbleiben. Sehen Sie sich die Abhandlungen an, die er in bezug auf die Metamorphose des tierischen Reiches geschrieben hat. Sie werden überall sehen, wie er als ein gewissenhafter Mensch abbricht, weil es eben nicht mehr weitergeht, weil man von einem gewissen Momente von dieser Morphologie Goethes, wenn man weiter kommen will, zu etwas noch Geistigerem hinkommen muß, als die bloße Gestalt ist: zu dem, was innerlich die Bewußtheit mit der Empfindungs- und Willenswelt — nun im inspirierten Erkennen — erfassen kann.

Wenn man die Sache so ansieht, dann wird man hauptsächlich in der Betrachtungsweise, in dem Wie des Anschauens, in dem Wie der Ausbildung der Methodik ein Wesentliches sehen. Und — wie gesagt, ich kann heute nur andeuten — wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus einen Blick werfen auf das, was im Verlaufe des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts Evolutionslehre geworden ist, dann werden wir das Folgende finden: Zunächst wird äußerlich empirisch die Reihe der Lebewesen verfolgt, von der unvollkommenen, sogenannten unvollkommenen Monere bis herauf zum Menschen, und es wird in der Betrachtungsweise so verfahren, daß man sich immer das Vollkommenere aus dem Unvollkommeneren hervorgehend denkt. Wenn man in einer etwas anderen Weise vorgeht, wie das bis zu einem gewissen Grade Haeckel getan hat, so konstruiert man wenigstens in der Vorfahrenreihe der jetzigen Wesen solche, welche wiederum ziemlich genaue Abklatsche der jetzigen Lebewesen sind. Die konstruierten Wesen der Vorzeit in dem alten Haeckelschen Stammbaum haben durchaus den Charakter desjenigen, was auch heute lebt.

Dasjenige aber, was sich der Imagination darbietet, führt zu einer ganz anderen Betrachtungsweise. Und ich will -— weil es die Kürze der Zeit fordert, nur schematisch — diese Betrachtungsweise andeuten: Wenn man vom Standpunkte der imaginativen Anschauungsart ausgeht, kann zum Beispiel das menschliche Haupt in Vergleichung mit der Rückenwirbelsäule sachgemäß nur so betrachtet werden, daß man sagt: Diese menschliche Hauptgestaltung, so unähnlich sie auch in der äußeren Form, in ihrer heutigen Metamorphose der Rückenwirbelsäule ist, kann nur metamorphosisch vorgestellt werden als eine Umbildung der Rückenwirbelsäule. Man hat sich zu denken, daß die Nervenorganisation des Rückenmarks sich umgestaltet, metamorphosiert zu dem, was uns als das Gehirn erscheint, und daß sich auch die umschließenden Knochen, die Wirbelknochen der Rückenmarkswirbelsäule, umgestalten zu dem, was die Schädeldecke wird.

Aber nun ist es wichtig, das Folgende ins Auge zu fassen. Man muß sich vorstellen, daß in einer gewissen Beziehung dasjeige, was ich hier im Gegensatz zu der Linie a-b wie einen Kreis hingezeichnet habe, gewissermaßen eine aufgeplusterte Rückenwirbelsäule ist und hinweist auf dasjenige, was es einmal in einer früheren Metamorphose war: selbst etwas wie eine Rückenwirbelsäule, aber unter anderen äußeren Bedingungen. Was ich als einen Kreis gezeichnet habe, hat sich also in gewisser Weise aus a-b herausgebildet. Was aber heute als Rückenwirbelsäule am menschlichen Organismus ist, das hat sich dem also Ausgebildeten erst später angegliedert. Das ist beim Menschen die spätere Bildung. Nachdem sich der Schädel umgebildet hatte aus einer Kräfteanordnung, die heute in etwas anderer Weise in der Rückenwirbelsäule erscheint, gliederte sich an ihn diese heutige Rückenwirbelsäule an. Was das «Unvollkommenere» am Menschen ist, ist also das Spätere, und was das «Vollkommenere» ist, ist das Frühere. Und wir werden zurückgeführt, wenn wir sinngemäß vorgehen, in ein Zeitalter, in dem in anderer Metamorphose die Kräfte, welche das menschliche Haupt bilden, schon vorhanden waren, nicht aber die Kräfte, welche die heutige menschliche Rückenmarksäule bilden.

Wenn wir aber diese letzteren Kräfte ins Auge fassen, dann sind es dieselben Kräfte, die uns zum Beispiel im Tierreiche entgegentreten, wo die Schädelbildung eine Gestaltung ist, die nur eine geringere Umwandlung gegenüber der Rückenwirbelsäule aufweist als beim Menschen. So daß wir sagen müssen: Was im menschlichen Haupte vorliegt, weist uns als früheste Bildung in ältere Zeiten zurück als das, was dann als Mensch schon mit der Rükkenwirbelsäule aufgetreten ist, und auch als das, was im Tierreiche vorliegt. Wir haben in der Evolution nicht den Menschen abzuleiten aus dem Tierreiche, sondern wir haben uns zu sagen, eine sinngemäße Ausdeutung der Tatsachen selber zeigt uns, daß der Mensch ein älteres Wesen ist als die Tiere, daß die Tiere später entstanden sind und es in ihrer Evolution nur zu dem gebracht haben, was beim Menschen heute auch in seiner späteren Gestaltung als Rückenwirbelsäule zutage tritt, es aber, weil ihnen eine kürzere Zeit zur Verfügung stand, nicht dahin gebracht haben, die Schädelmetamorphose in dem menschlichen Sinne auszubilden.

Wenn Sie diesen Gedanken, den ich hier nur skizzenhaft vorbringen kann, ausdenken, dann kommen Sie zu einer wirklich sinngemäßen Auffassung der Evolutionslehre. Die großartigen Tatsachen, die vorliegen, die man nur in ihrem ganzen Umfange kennen muß, werden erklärlich, wenn man diese aus imaginativem Erkennen geschöpfte Anschauungsweise zugrunde legt. Und aus diesen Voraussetzungen heraus kommt man dann zu ganz gewissen Bezügen, Verhältnissen desjenigen, was in der äußeren Wissenschaft unseren Erdenverhältnissen vorliegt.

Denken Sie, daß man durch Weiterverfolgen dieses Gedankens dazu kommt, sich zu sagen, wie der Mensch zu dem Tiere steht. Man kann auf diese Weise aber auch weiterschreiten und erkennen lernen, wie der Mensch steht zu dem Pflanzenreich und zuletzt zu dem mineralischen Reich, das man durch Beobachtung, Experiment und den kombinierenden Verstand in seinem Phänomenzusammenhang erfaßt.

Mit einer solchen Vorstellungsweise kommt man dazu, des Menschen Verhältnis zu seiner Umwelt wirklich zu durchschauen, wie man in einer gewissen Weise die Beziehungen der Gebiete, die uns in der mathematischen Wissenschaft zu mathematischen Urteilen führen, durchschaut. Man kommt dazu, immer mehr und mehr auszubilden, was Goethe wie ein Ideal vorschwebte, indem er sagte, seine Urpflanze müsse in der Idee etwas werden, mit dem man erkennend jede einzelne Pflanze in ihrem entsprechenden Charakter vor die Seele hinstellen kann. Geradeso wie man, wenn man den allgemeinen Begriff des Dreieckes hat, auch weiß, was bei irgendeinem besonderen Dreieck auftritt. Diese Metamorphosierung der menschlichen Erkenntnis für das organische Erkennen, das ist es, was Goethe als ein Ideal vorschwebte.

Aber nun möchte ich mich wiederum durch ein Beispiel veranschaulichen. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte ausgehen, kommen wir dazu, wirklich genauer ins Auge zu fassen, was sich zum Beispiel im menschlichen Haupte als Funktionen abspielt. Wir lernen erkennen, wie die Funktionen des menschlichen Hauptes, indem sie in der Art, wie ich es hier dargestellt habe, der Evolution unterliegen, heute bereits wiederum in Rückbildung begriffen sind, wie sie von anderen Zuständen ausgegangen sind, zum menschlichen Haupte geworden sind, wie aber heute durch die äußeren Einflüsse ein Mineralisierungsprozeß stattfindet im menschlichen Haupte. Und dieser Mineralisierungsprozeß ist die Parallelerscheinung zu unserem verstandesmäßigen Erkennen, das auch nur das mineralisch Physische aufzufassen weiß, weil es gebunden ist an einen Mineralisierungsprozeß im menschlichen Nerven-Sinnesapparat. Man lernt gerade kennen, wie dem, was man im verstandesmäßigen Erkennen vollbringt, als sein physischer Träger ein ins Organische des Menschlichen hinein sich bauender Mineralisierungsprozeß parallel geht, ein Absetzen von rein Mineralischem innerhalb des Organischen. Indem man dieses Mineralische im Organischen absetzt, kommt man dazu, für das Seelische dasjenige auszuführen, was verstandesmäßige Tätigkeit dieses menschlichen Wesens ist. Man kommt dazu, innerlich den Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physisch-Leiblichen wirklich aufzufassen, nicht bloß abstrakt davon herumzureden, wie es die «psychophysischen Parallelitiker» und ähnliche Phraseure auf dem Gebiete der Psychologie tun.

Das ist die Art, wie aus dem gegenwärtigen Bestande der organischen Naturwissenschaft auf den Weg hingewiesen werden kann, den sie nehmen muß. Da kann man nicht dabei stehenbleiben, eine bestimmte Denkweise zu fordern; da kann man nur das, was in den empirischen Tatsachen selber weitertreibt, suchen, da muß man an die Stelle der bestehenden Denkweise eine andere, nämlich die des imaginativen Erkennens wirklich treten lassen.

Dann kommt man aber auch zu einer wirklich fruchtbaren Anwendung dieser Erkenntnis. Sucht man in der Außenwelt irgend etwas, das nun, versetzt in die Außenwelt, dem entspricht, was im menschlichen Haupte als Mineralisierungsprozeß parallel dem Verstandeserkennen vor sich geht, dann findet man draußen in der Natur das, was sich abspielt zwischen den Kräften in der Erde und dem, was in der Wurzel der Pflanze vor sich geht, und man findet den innerlichen Bezug zwischen dem, was konstituierend ist in der Wurzelbildung der Pflanze, mit dem, was konstituierend ist für das, was im menschlichen Haupte vor sich geht.

In einer ähnlichen Weise wird man dann Beziehungen finden zwischen dem, was zum Beispiel im Krautartigen, Blattartigen der Pflanze vor sich geht, und dem, was im rhythmischen System des Menschen, drinnen in seinem Organischen, vor sich geht. Und man findet die Beziehungen zwischen den Funktionen im Blütenhaften und im Fruchtenden mit dem, was im menschlichen Stoffwechselsystem, im Sexualsystem und so weiter vor sich geht. Man kann von diesem Gesichtspunkte aus eine Überschau gewinnen über das Pflanzenleben.

Wenn man weiß, wie im menschlichen Organismus das, was ich den Mineralisierungsprozeß genannt habe, so wirkt, daß sich dieser Mineralisierungsprozeß innerlich vollzieht, im Gegensatz zu dem äußerlichen Mineralisterungsprozef, der sich auch in dem oberen Bestande der Pflanze vollzieht, dann merkt man den Zusammenhang zwischen dem, was innerlich in der Hauptesorganisation vor sich geht, und dem, was im Wurzelbildungsprozeß vor sich geht, namentlich in dem, was als Mineralisierendes im Wurzelbildungsprozeß auftritt. Man merkt dann auch, daß in einer gewissen Weise ein Gegensatz vorliegt — trotz der Ähnlichkeit ein Gegensatz -, wie er sich etwa ausdrückt, wenn ich drei und drei habe, das eine positiv, das andere negativ. Dann habe ich zweimal drei, aber habe doch einen Gegensatz darinnen. So ist vorhanden etwas, was in einer gewissen Beziehung gleich und doch gegensätzlich ist: in dem innerlichen Mineralisierungsprozeß des menschlichen Hauptes und in dem äußeren der Pflanzenwurzelbildung, und auch in dem äußeren Mineralisierungsprozeß des Erdenplaneten selber. Von hier aus findet man dann auf rationale Weise den therapeutischen Bezug zwischen dem, was äußerlich ist und dem, was im Menschen innerlich ist. Und der Übergang kann gefunden werden über die Pathologie zur rationalen Therapie.

Auf dieses letztere kann ich hier nur hinweisen. Denen, die es angeht, werden ja noch weitere Aufschlüsse gerade über dieses Kapitel gegeben werden, wie es auch schon in einem Frühlingskurs des vorigen Jahres für Ärzte und Medizinstudierende geschehen ist. Das wird aber das Bedeutsame sein, daß wirkliche Wissenschaftlichkeit — die zu gleicher Zeit nicht bloß Theorie, sondern Hinweis auf fruchtbares Handeln, auf die Tat ist — aus der Geisteswissenschaft heraus wird geboren werden können.

Die Menschheit steht heute, insbesondere auf wissenschaftlichem Gebiete, vor der Notwendigkeit, nicht einen kleinen, sondern einen großen Entschluß zu fassen: den Entschluß, in das organische Leben hineinzukommen dadurch, daß man nicht bloß den Inhalt der alten Denkweise etwas modifiziert, sondern daß man in diese alte Denkweise selber ein neues Element hineinbringt, das Element übersinnlicher Erkenntnis. Was heute diesem Entschluß bei dem größeren Teil derer, die ihn fassen sollten, noch entgegensteht, das ist nicht irgendein Mangel der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, das ist ein Mangel, ein begreiflicher Mangel, an Mut für diesen starken radikalen Umschwung. Man möchte viel lieber leiden, als zu etwas Neuem vorschreiten. Man möchte beim alten bleiben und das Alte in kritischer oder in anderer Weise nur etwas umformen.

Aber nicht eher wird Licht in das hineinkommen, was hier für unsere gegenwärtige Zivilisation auf dem Erkenntnisgebiete vorliegt, als bis man den Mut faßt zum Vorschreiten von der Denkweise, die üblich ist, zu einer anderen Denkweise. So lange wird nichts Ersprießliches herauskommen, als man bei der Ausrede sich beruhigt, «man könne ja doch die imaginative Denkweise nicht erreichen», was auch nicht wahr ist. Sondern erst dann wird ein Umschwung eintreten, wenn man einsehen wird: man darf nicht träge bleiben innerlich, wenn die Wissenschaft in ihrer Betrachtungsweise in fruchtbarer Art ihren Fortgang nehmen soll. Man muß innerlich regsam und fleißig werden. Ein Willensentschluß, nicht bloß eine theoretische Erwägung ist hier notwendig. Und da zu Willensentschlüssen — das weiß jeder Psychologe — die Menschheit schwerer zu bringen ist als zu theoretischen Erwägungen, bei denen man hübsch ruhig in seinem Inneren bleiben kann, so hat die moderne Menschheit gerade Gelegenheit, zu zeigen, wie sie aus der Not heraus zur Größe sich erheben kann, indem sie sich entschließt, zunächst auf dem soeben genannten Gebiete, auf dem Erkenntnisgebiete, auf dem Geistgebiete den Mut zu einem großen Umschwung, nicht zu kleinen Erwägungen aufzubringen.

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