The Tension Between East and West
GA 83 — 1 June 1922, Vienna
Anthroposophie und Naturwissenschaft
Meine sehr verehrten Anwesenden! Dieser Kongreß ist Ihnen als ein Weltanschauungskongreß angekündigt worden, und Sie werden ihn wohl auch nach der Ankündigungsweise als einen solchen hinnehmen. Wer aber heute über Weltanschauungsfragen sprechen will, darf nicht vorbeigehen an der Naturwissenschaft, vor allen Dingen nicht an den Weltanschauungskonsequenzen, welche diese Naturwissenschaft gebracht hat. Diese Naturwissenschaft ist ja in einem gewissen Sinne seit Jahrhunderten, man darf sagen, seit dem 15., 16. Jahrhundert, immer mehr und mehr die Beherrscherin des menschlichen Denkens innerhalb der Kulturwelt geworden.
Nun würde man ja sehr viel zu sagen haben, wenn man hinweisen wollte auf die großen Erkenntnistriumphe dieser Naturwissenschaft und auf die Umgestaltung unseres ganzen Lebens durch die Errungenschaften naturwissenschaftlicher Forschung. Das hieße aber, für alle Anwesenden Bekanntes wiederholen. Vom Weltanschauungsstandpunkt aus muß an der Naturwissenschaft noch etwas ganz anderes interessieren, Das ist die Rolle als Erzieher der ganzen zivilisierten Menschheit, welche die Naturwissenschaft seit langer Zeit eingenommen hat. Und gerade wenn man von dieser erzieherischen Rolle im Entwickelungsgang der modernen Menschheit spricht, dann kommt man eigentlich auf, ich möchte sagen, zwei Paradoxien. Gestatten Sie mir, von diesen Paradoxien heute auszugehen.
Das erste, was sich vollzogen hat mehr in bezug auf das menschliche Innere, von der naturwissenschaftlichen Forschungsweise aus, das ist eine Umgestaltung des menschlichen Gedankenlebens als solchem. Wer unbefangen frühere Weltanschauungsströmungen ins Auge zu fassen weiß, der wird sich sagen müssen, daß innerhalb dieser Weltanschauungsströmungen, aus den Bedingungen der Menschheitsentwickelung in älteren Epochen, das Denken wie selbstverständlich etwas aus dem eigentlichen Menschlichen hinzugetan hat zu demjenigen, was Experiment und Beobachtung der Natur ergaben. Man braucht sich nur zu erinnern an die gegenwärtig überwundenen Erkenntniszweige, an die Astrologie, die Alchimie, und man wird darauf kommen, wie in solchen für ehemalige Kulturepochen angemessenen Erkenntnisarten an die Natur so herangegangen wurde, daß wie selbstverständlich das menschliche Denken aus sich heraus zu demjenigen etwas hinzugab, was es aussagen wollte, oder auch, was es sich offenbaren ließ durch die Dinge der Welt.
Das hat vor der naturwissenschaftlichen Gesinnung der neueren Zeit aufgehört. Wir sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, heute gewissermaßen verpflichtet, die Wahrnehmungen, die uns Beobachtung und Experiment geben, rein hinzunehmen, sie zu verarbeiten zu den sogenannten Naturgesetzen. Wir bedienen uns in der Bearbeitung von Experiment und Beobachtung allerdings des Denkens; aber wir bedienen uns des Denkens nur als eines Mittels, um die Erscheinungen zusammenzustellen, so daß sie uns durch ihr eigenes Dasein ihren inneren Zusammenhang, ihre Gesetzmäßigkeit offenbaren. Und machen es uns zur Aufgabe, vom Denken aus nichts hinzuzutun zu dem, was wir in der Außenwelt beobachten können. Wir sehen dies geradezu als ein Ideal naturwissenschaftlicher Gesinnung, und das mit Recht, an.
Was ist unter solchen Einflüssen das menschliche Denken geworden? Es ist eigentlich der Diener, das bloße Mittel für die Forschung geworden., Der Gedanke als solcher hat gewissermaßen nichts mehr zu sagen, wenn es sich darum handelt, die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in der Welt zu untersuchen.
Damit aber ist das eine Paradoxon gegeben, auf das ich hinweisen möchte. Dadurch ist der Gedanke gewissermaßen als ein menschliches Erlebnis ausgeschaltet aus dem Verhältnis, das der Mensch mit der Welt in bezug auf Realitäten eingeht. Der Gedanke ist ein formales Hilfsmittel geworden, um die Realitäten zu begreifen. Er ist innerhalb der Naturwissenschaft nicht mehr ein Selbstoffenbarendes.
Das bedeutet für das Innere des Menschenlebens außerordentlich viel. Es bedeutet, daß wir hinschauen müssen auf das Denken als auf dasjenige, was sich weise und bescheiden zurückzuhalten hat, wenn es auf die Betrachtung der Außenwelt ankommt, was gewissermaßen innerhalb des Seelenlebens eine eigene Strömung ist.
Und fragt man sich dann: Wie kann Naturwissenschaft selber an dieses Denken heranrücken? - dann kommt man eben auf das Paradoxon, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Wenn sich das Denken zurückziehen muß in die Verarbeitung der Naturprozesse, wenn es nur formell, aufklärend, zusammenstellend, ordnend eingreifen darf, dann liegt es auch nicht innerhalb der Naturprozesse selber, dann wird es paradox, wenn wir die, allerdings jetzt vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus, berechtigte Frage aufwerfen: Wie können wir aus naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit das Denken als eine Offenbarung des menschlichen Organismus begreifen? - Und da können wir heute denn doch nichts anderes sagen, wenn wir unbefangen und ernst im naturwissenschaftlichen Leben drinnenstehen, als: in demselben Maße, in dem sich das Denken zurückziehen mußte von den Naturprozessen, kann zwar die Betrachtung der Naturprozesse immer wieder und wiederum anstreben, bis zum Denken hinzugelangen, aber sie kann dieses Streben nicht zu irgendwelcher Befriedigung bringen. Das Denken ist gewissermaßen, wie es methodisch ausgeschaltet ist, so auch in der Realität aus den Naturprozessen ausgeschaltet, ist verurteilt, bloßes Bild und keine Realität zu sein.
Ich glaube nicht, daß heute schon viele Menschen im vollen Bewußtsein sich die Tragweite dieses Paradoxons klarmachen. Aber in den unterbewußten Untergründen des Seelenlebens lebt in einer ungezählten Menge von Menschen der Gegenwart schon die Empfindung davon, daß wir mit demjenigen, was uns zum Menschen eigentlich macht - denn nur als denkende Wesen können wir uns als Menschen betrachten, im Denken schen wir unsere menschliche Würde —, als mit etwas durch die Welt gehen, dessen Realität wir vorläufig nicht zugeben können, das wir als Bilddasein durch die Welt tragen. Wir fühlen uns gewissermaßen in einer Nichtrealität, indem wir auf unser Edelstes in der Menschennatur hinweisen.
Das ist etwas, was dem auf der Seele liegt, der in ernster Weise sich in die naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden sowohl der unorganischen Naturwissenschaft wie der Biologie eingelassen hat und für sich im Sinne einer Weltanschauung mehr die Konsequenzen dieser Forschungsmethoden als der einzelnen Ergebnisse ziehen möchte.
Man möchte sagen: Hier liegt etwas, was zu herben Zweifeln der Menschenseele hinführen kann. Zweifel entstehen allerdings zunächst im Verstand, aber sie strömen hinunter in das menschliche Gemüt. Und gerade derjenige, welcher in einem tieferen, unbefangenen Sinn die menschliche Natur - in dem Sinn, wie ich es in den nächsten Vorträgen für Einzelheiten werde auszuführen haben — zu betrachten versteht, der weiß, wie die Gemütsverfassung, namentlich wenn gewisse Strömungen dieser Gemütsverfassung in die Dauer übergehen, hinunterwirkt selbst in die Leibesverfassung des Menschen und wie aus dieser Leibesverfassung oder Leibesdisposition zu diesem und jenem wiederum heraufquillt die Lebensstimmung. Ob wir den Zweifel hinunterschicken müssen durch unser Gemüt oder nicht, davon hängt es ab, ob wir mutvoll durch das Leben schreiten, so daß wir für uns selbst aufrecht zu stehen wissen, daß wir auch in heilsamer Weise wirken können unter unseren Mitmenschen, oder ob wir verstimmt, niedergeschlagen, untüchtig für uns selbst, untüchtig für unsere Mitmenschen durch das Leben wandeln. Ich sage nicht - und meine nächsten Vorträge werden zeigen, daß ich das nicht zu sagen brauche —, daß das, was ich jetzt ausgesprochen habe, dauernd zum Zweifel führen muß; aber es führt leicht, wenn keine Fortsetzung der Naturwissenschaft nach jenen Richtungen hin stattfindet, die ich zu schildern haben werde, auf den Weg des Zweifels.
Die großartigen Errungenschaften der Naturwissenschaft nach der Außenwelt hin stellen an den Menschen in bezug auf seine Seele außerordentliche Anforderungen, wenn er, wie es der hier vertretene Weltanschauungsstandpunkt durchaus muß, in positiver Art zur Naturwissenschaft steht — Anforderungen: Stärkeres, Kräftigeres dem Zweifel entgegensetzen zu können, als man entgegenzusetzen braucht, wenn diese Anforderungen nicht von den gesicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft kommen.
Führt nach dieser Seite hin also, allerdings nur scheinbar, die Naturwissenschaft zu etwas Negativem für das Seelenleben, so hat sie uns - und damit habe ich mein zweites Paradoxon auszusprechen - nach der anderen Seite etwas außerordentlich Positives gebracht; und ich spreche mit diesem Positiven wiederum ein Paradoxon aus, das mir besonders stark vor die Seele getreten ist, als ich vor jetzt mehr als zwanzig Jahren meine «Philosophie der Freiheit» ausgearbeitet habe, als ich versuchte, unter Aufrechterhaltung einer wirklichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung hinter das Wesen der menschlichen Freiheit zu kommen.
Ja, Naturwissenschaft mit ihrer Gesetzmäßigkeit kommt eigentlich theoretisch leicht zu einer Ableugnung der menschlichen Freiheit. Hier aber ist es, wo Naturwissenschaft für ihre Anschauungen theoretisch eigentlich das Gegenteil von dem herausbekommt, was sie in der Praxis ausbildet. Wenn wir immer ernster und ernster uns vertiefen in die Bildnatur des Denkens, wenn wir gerade aus dem Verfolg naturwissenschaftlicher Anschauungsart, nicht naturwissenschaftlicher Theorien, dazu kommen, diese Bildnatur des Denkens, von der ich gesprochen habe, innerlich seelisch richtig zu erleben, dann sagen wir uns: Wenn das Denken in uns nur Bild ist, wenn es nicht eine Realität ist, dann hat es nicht wie eine Naturkraft eine zwingende Wirkungsweise. Ich darf dann dieses Denken vergleichen, und der Vergleich ist mehr als ein solcher, etwa einer Summe von Spiegelbildern. Bilder, vor denen ich stehe, können mich nicht zwingen. Vorhandene Kräfte können mich zwingen, ob sie außer mir oder in mir vorhanden gedacht werden; Bilder können mich nicht zwingen. Bin ich also in der Lage, innerhalb jenes reinen Denkens, das gerade die Naturwissenschaft durch ihre Methoden in uns heranerzieht, meine moralischen Impulse zu fassen, kann ich moralische Impulse so in mir ausgestalten, daß ich zu ihrer Ausgestaltung lebe in dem selben Denken, zu dem mich die Naturwissenschaft erzieht, dann habe ich in diesen im reinen Denken erfaßten moralischen Impulsen keine zwingenden Kräfte, sondern Kräfte und Bilder, nach denen ich mich nur selbst bestimmen kann. Das heißt, wenn Naturwissenschaft auch noch so sehr, man möchte sagen, sogar mit einem gewissen Rechte, aus ihren Untergründen heraus die Freiheit leugnen muß, so erzieht sie, indem sie zu dem Bilddenken erzieht, den Menschen unserer Kulturwelt zur Freiheit.
Das sind, ich möchte sagen, die beiden Pole, der eine in bezug auf das Gedankenleben, der andere in bezug auf das Willensleben, vor die die menschliche Seele durch die naturwissenschaftlichen Anschauungen der Gegenwart hingestellt wird. Aber damit weisen wir zugleich darauf hin, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung über sich selbst hinauszeigt. Sie muß ja irgendeine Stellung einnehmen zu dem menschlichen Denken. Aber sie schaltet dieses menschliche Denken aus. Sie weist damit auf eine Forschungsmethode hin, die sich vor ihr, vor dieser Naturwissenschaft, voll rechtfertigen und die dennoch zu einem begreiflichen Erleben des Denkens hinführen kann. Sie weist auf der anderen Seite darauf hin, daß die naturwissenschaftliche Anschauungsweise, weil sie selbst im Grunde genommen theoretisch bis zur Freiheit nicht herankommen kann, fortgesetzt werden muß in ein anderes Gebiet, um eben die Sphäre der Freiheit zu erreichen.
Was ich hier wie eine Notwendigkeit, die sich aus der Naturwissenschaft selbst ergibt, hinstelle, das Fortsetzen dieser Naturwissenschaft in ein Gebiet hinein, zu dem wenigstens die heute anerkannte Naturwissenschaft nicht kommen kann, versucht die Weltanschauung, die hier vertreten werden soll. Sie kann das heute, da sie im Anfang ihres Werdens steht, selbstverständlich nur in einer gewissen unvollkommenen Art. Aber der Versuch muß gemacht werden; denn gerade die Seelenerlebnisse in bezug auf das Denken und die Freiheit, die ich geschildert habe, breiten sich aus über immer mehr Seelen der gegenwärtigen Kulturmenschheit. Wir dürfen ja heute nicht mehr glauben, daß sich etwa nur diejenigen, die sich irgendwie mit der Wissenschaft zu tun gemacht haben, solche Forderungen und Fragen und Rätsel vorlegen müssen, wie ich sie charakterisiert habe. Auch in die Kreise, man möchte sagen, bis in die fernsten Dörfer hinaus, in die keine naturwissenschaftlichen Ergebnisse erheblicher Art dringen, dringt die Erziehung zu einem solchen Denken, wie die Naturwissenschaft es fordert, und bringt dann, wenn auch heute noch sehr, sehr unbewußt, die Ungewißheit in bezug auf die menschliche Freiheit. Daher handelt es sich bei diesen Dingen nicht bloß um wissenschaftliche Fragen, sondern es handelt sich durchaus um allgemeine Menschheitsfragen.
Es handelt sich also darum: Kann man, wenn man sich auf den Boden naturwissenschaftlicher Erziehung stellt, innerhalb des Erkenntnisweges weiter dringen, als die Naturwissenschaft der Gegenwart dringen kann?
Meine sehr verehrten Anwesenden! Das kann versucht werden; kann so versucht werden, daß man die Wege vor dem strengsten Naturwissenschafter rechtfertigen kann; kann auf Wegen gesucht werden, die von naturwissenschaftlicher Gesinnung und von naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit angelegt sind. Von solchen Wegen möchte ich nun zunächst heute, meine Vorträge einleitend, sprechen. Aber dieser Erkenntnisweg ist, obzwar er von vielen Seelen heute bereits unbewußt ersehnt wird, noch nicht einmal in Begriffen leicht auszusprechen. Daher möchte ich, damit wir uns am heutigen Abend verständigen können, nur zur Verständigung, die Schilderung von älteren Erkenntniswegen heranziehen, welche die Menschheit gegangen ist, um zu Erkenntnissen zu kommen, die über dieses Gebiet, das heute die Naturwissenschaft behandelt, hinaus liegen.
Man kann sagen: Vieles von dem, wovon heute die Meinung besteht, daß es gar nicht Objekt der Erkenntnis sein könne, sondern nur Objekt eines Glaubens, was traditionell heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung, was als ehrwürdige Tradition heute lebt und als solche als Glaubensinhalt hingenommen wird, das ist, vor einer wirklich unbefangenen Geschichtsbetrachtung, doch herstammend aus älteren, unserer heutigen Kultur nicht mehr angemessenen Erkenntnismethoden. Alles, wovon man heute glaubt, daß es eben Glaubensvorstellung bleiben solle, was als altehrwürdige Tradition hingenommen wird, das führt den psychologischen Geschichtsbetrachter zurück in uralte Menschheitsepochen. Und dort zeigt sich, daß solche heutigen Glaubensinhalte als der damaligen Zeit angemessene Erkenntnisinhalte von irgendwelchen Menschen durch Ausbildung ihrer eigenen Seele, durch Entwickelung verborgener Seelenkräfte gesucht worden sind, also wirkliche Erkenntnisinhalte bildeten. Man ist sich heute nicht bewußt, wie manches einmal gefunden worden ist, was geschichtlich heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung; aber es ist auf älteren Erkenntniswegen gefunden worden.
Wenn ich solche Erkenntniswege schildere, so geschieht es allerdings schon mit Hilfe der Methoden, die ich später schildern werde, also so, daß vielfach diejenigen, die nur aus äußeren historischen, nicht aus geistigen Dokumenten die älteren Epochen der Menschheit schildern, Anstoß nehmen können an meiner Schilderung. Derjenige aber, der unbefangen auch die äußeren historischen Dokumente prüft und sie dann vergleicht mit dem, was ich heute aus einem gewissen Schauen heraus zu sagen haben werde, der wird dennoch einen wirklichen Widerspruch nicht finden. Und als zweites möchte ich betonen, daß ich diese älteren Erkenntniswege nicht etwa aus dem Grund schildere, weil ich sie heute irgend jemandem anempfehlen möchte, um höhere Erkenntnisse zu erringen. Sie sind älteren Epochen angemessen und können heute dem Menschen, wenn er sie aus einem Irrtum heraus auf sich anwendet, sogar schädlich werden. Also nur damit wir uns verständigen können über heutige Erkenntnismethoden, greife ich zwei ältere Wege heraus, schildere sie und veranschauliche daran die Wege, die der Mensch heute zu gehen hat, wenn er über die bloße Sphäre des naturwissenschaftlichen Erkennens, wie es heute gilt, hinaus will,
Da haben wir zunächst einen Weg — wie gesagt, ich könnte aus der Fülle der älteren Erkenntniswege auch andere herausgreifen, ich greife aber die zwei folgenden heraus -, da haben wir zunächst einen Weg, der in seiner reinen Gestalt in uralten Zeiten im Orient von einzelnen Menschen begangen worden ist: den Jogaweg.
Der Jogaweg hat mannigfaltige Phasen durchgemacht, und gerade das, worauf ich heute den größten Wert legen werde, ist in spätere Epochen hineingekommen in einem durchaus dekadenten, schadhaften Zustand, so daß der Historiker, wenn er spätere Epochen betrachtet, vom Menschen ausgehend das, was ich zu schildern haben werde, als etwas für ihn sogar Schädliches wird schildern müssen. Allein die Menschennatur hat in den aufeinanderfolgenden Epochen die mannigfaltigsten Entwickelungen durchgemacht. Für alte Epochen war etwas ganz anderes der Menschennatur angemessen als in späteren. Was in früheren Zeiten eine echte Erkenntnismethode sein konnte, wurde vielleicht später nur verwendet, um dem Machtkitzel der Menschen, dem Machtkitzel des einzelnen Menschen gegenüber seinen Mitmenschen zu frönen. Das war in den ältesten Zeiten, für die ich die Jogaübung charakterisieren möchte, nicht der Fall.
Worin bestand der Jogaweg, der in sehr alten orientalischen Zeiten von einzelnen, die, wenn wir den heutigen Ausdruck gebrauchen wollen, Gelehrte in höheren Weltengebieten bildeten, gegangen worden ist? Nun, er bestand neben anderem in einer besonderen Art von Atmungsübungen. Ich greife die Atmungsübungen aus einer Fülle von Übungen, die der Jogaschüler oder -Gelehrte, der Jogi, auf sich nehmen mußte, heraus. Wenn wir heute auf unser Atmen achten, so müssen wir sagen: Es ist ein Prozeß, der sich im gesunden menschlichen Organismus zum größten Teil unbewußt vollzieht. Man muß schon in irgendeiner Weise etwas Krankhaftes in sich tragen, wenn man das Atmen spürt. Je selbstverständlicher, so möchte man sagen, sich der Atmungsvorgang in unserem Leben abspielt, desto richtiger ist es für das gewöhnliche Bewußtsein und für das gewöhnliche Leben. Der Jogi aber gestaltete für die Zeit seines Übens, in der er sich Erkenntniskräfte anentwickeln wollte, die im gewöhnlichen Bewußtsein nur schlummern, den Atmungsprozeß um. Warum tat er das? Er gestaltete ihn so um, daß er eine andere Zeitlänge zum Einatmen, zum Atemhalten, zum Ausatmen verwendete, als man das im gewöhnlichen selbstverständlichen Atmen tut. Er tat das, um sich den Atmungsprozeß zum Bewußtsein zu bringen. Der gewöhnliche Atmungsrhythmus wird nicht bewußt. Der umgestaltete Atmungsrhythmus, der aus der menschlichen Willkür heraus in seinen Zeitlängen festgesetzt wird, der verläuft vollständig bewußt. Was aber geschieht dadurch? Nun, man braucht sich nur physiologisch auszudrücken, wenn man einsehen will, was der Jogi erreichte durch dieses Sich-zum-Bewußtsein-Bringen seines Atmungsprozesses: Wenn wir einatmen, geht der Atemstoß in unseren Organismus hinein, er geht aber auch durch den Rückenmarkskanal in das menschliche Gehirn hinein. Da vereinigt sich der Rhythmus der Atmungsströmung mit den Vorgängen, welche die materiellen Träger des Gedankenlebens sind, mit den Nerven-Sinnesvorgängen. Wir haben eigentlich niemals, wenn wir im gewöhnlichen Denken leben, bloße Nerven-Sinnesvorgänge, sondern immer Nerven-Sinnesvorgänge, die durchströmt sind von unserem Atmungsrhythmus. Eine Verbindung, ein Ineinanderwirken, ein Sich-Harmonisieren der Nerven-Sinnesvorgänge und der Atmungsrhythmus-Vorgänge, die finden immer statt, wenn wir unser Gedankenleben ablaufen lassen. Indem nun der Jogi in vollbewußter Weise seinen veränderten Atmungsrhythmus in den Nerven-Sinnesprozeß hineinschickte, verband er auch für sein Bewußtsein den Atmungsrhythmus mit dem Denkrhythmus, mit dem logischen Rhythmus, besser gesagt, mit der logischen Zusammensetzung und Analyse der Gedanken. Dadurch veränderte er sein ganzes Gedankenleben. Nach welcher Richtung veränderte er es? - Nun, gerade dadurch, daß ihm sein Atmungsleben voll bewußt wurde, durchströmten gewissermaßen die Gedanken nun ebenso seinen Organismus wie die Atmungsströmung selbst. Man möchte sagen: der Jogi ließ auf den Atmungsströmungen die Gedanken laufen, und er erlebte sich im inneren Rhythmus seines menschlichen Wesens erfüllt mit auf den Strömungen des Atmens lebenden Gedanken. Dadurch hob sich der Jogagelehrte heraus von der übrigen Masse seiner Mitmenschen, und er konnte dieser Masse Erkenntnisse verkünden, die sie selber nicht haben konnte.
Um einzusehen, was da eigentlich geschah, muß man ein wenig hinschauen auf die besondere Art, wie die älteren Erkenntnisse im gewöhnlichen populären Bewußtsein der Menschenmassen wirkten.
Wir legen heute den größten Wert darauf, daß, wenn wir in die Außenwelt hinausschauen, wir reine Farben schauen, daß, wenn wir Töne hören, wir reine Töne hören, und daß wir ebenso die übrigen Wahrnehmungen in einer gewissen Reinheit, das heißt in der Reinheit, wie sie uns der bloße Sinnesprozeß geben kann, hinnehmen. Das war für die Bewußtseine älterer Kulturmenschen nicht so. Nicht daß, wie vielfach irrtümlicherweise eine gewisse Gelehrsamkeit glaubt, die Menschen älterer Zeiten in die Natur allerlei hineinphantasiert hätten! Die Phantasie war nicht so außerordentlich wirksam. Aber es war dieser älteren Kulturmenschheit durch die ganze Konstitution des Menschen der damaligen Zeit ganz natürlich, nicht bloß reine Farbenerscheinungen, reine Tonerscheinungen, reine andere Sinnesqualitäten zu sehen, sondern in allem zugleich ein Seelisch-Geistiges wahrzunehmen. So sah man in Sonne und Mond, in den Sternen, in Wind und Wetter, in Quelle und Fluß, in den Wesen der einzelnen Naturreiche Geistig-Seelisches, wie wir heute reine Farben sehen, reine Töne hören, die wir dann erst mit Hilfe des rein gewordenen Denkens in ihrem Zusammenhang zu erkennen suchen. Damit war aber für die ältere Menschheit ein anderes noch gegeben: nämlich daß damals nicht ein so starkes, innerlich gefestigtes Selbstbewußtsein vorhanden war, wie wir es heute haben. Indem der Mensch Geistig-Seelisches in allen Dingen der Umwelt wahrnahm, nahm er sich selber als ein Glied dieser ganzen Umwelt wahr. Er sonderte sich nicht als ein selbständiges Ich von dieser Umwelt ab. Wenn ich vergleichsweise sprechen wollte, so könnte ich sagen: Wenn meine Hand Bewußtsein hätte, wie würde sie dann denken über sich selbst? Sie würde sich sagen, sie sei kein selbständiges Wesen, habe nur Sinn an meinem Organismus. So etwa hat der ältere Mensch sich nicht als ein selbständiges Wesen ansehen können, sondern als ein Glied der gesamten Natur, die er aber durchgeistigt, durchseelt anschauen mußte.
Aus dieser Anschauung, die die Unselbständigkeit des menschlichen Ichs bedingte, hob sich der Jogi heraus. Er kam dadurch, daß er sein Denken gewissermaßen zusammenkoppelte mit dem Atmungsprozeß, der die ganze innere Wesenheit des Menschen erfüllt, zu einer Erfassung des menschlichen Selbstes, des menschlichen Ichs. Dasjenige, möchte ich sagen, was für uns heute durch unsere vererbten Eigenschaften, durch unsere Erziehung, wenn wir ein erwachsener Mensch sind, selbstverständlich ist, daß wir uns als Selbst, als Ich fühlen, das mußte in jenen alten Zeiten auf dem Umwege durch Übungen errungen werden. Dadurch aber hatte man von dem Erleben dieses Selbstes, dieses Ichs, etwas ganz anderes, als wir heute haben. Es ist durchaus zweierlei: ob man etwas wie selbstverständliches Erleben hinzunehmen hat — und uns ist das Ich-Gefühl, das Selbstgefühl ein selbstverständliches Erleben -, oder ob man es auf solchen Wegen, auf Erkenntniswegen, sich erst erringt, wie es für eine ältere orientalische Kultur der Fall war. Da lebte man mit, was im Universum kraftet und wellt und webt, während man heute, wenn man schon auf einem gewissen Niveau dasselbe erlebt, nichts mehr vom Universum miterlebt. Daher offenbarte sich durch seine Übungen die menschliche Selbstheit, die menschliche Ichheit, das menschliche Seelenwesen für den Jogi. Und wir können sagen: Indem dann dasjenige, was auf diesem Erkenntniswege gefunden werden konnte, als Offenbarungen in das allgemeine Kulturbewußtsein überging, wurde es der Inhalt wichtigster geistiger Erzeugnisse älterer Zeiten.
Wiederum will ich aus vielem eines herausheben. Da haben wir wunderbar herüberleuchtend aus dem alten Orient das herrliche Lied Bhagavad Gita. Wir haben in dieser Gita in einer wunderbaren Weise, aus tiefster menschlicher Lyrik heraus, die Erlebnisse an dem menschlichen Selbst geschildert: wie dieses Selbst den Menschen, wenn er es erlebend erkennt, erkennend erlebt, zu einem Mirtfühlen mit dem All führt, wie es ihm seine eigentliche Menschlichkeit und seinen Zusammenhang mit einer Überwelt, mit einer geistigen, mit einer übersinnlichen Welt offenbart. In immer neuen wunderbaren Tönen schildert die Gita dieses Erleben des eigenen Selbstes in seiner Hingabe an das All. Für denjenigen, der sich, wie gesagt, mit unbefangener Geschichtsbetrachtung in diese älteren Zeiten zu vertiefen versteht, ist es klar, daß die herrlichen Klänge der Gita hervorgegangen sind aus dem, was durch solche Erkenntnisübungen, wie ich sie geschildert habe, erlebt werden konnte.
Ein solcher Erkenntnisweg war für eine ältere orientalische Kulturepoche der angemessene. Es war dazumal allgemeines Menschheitsurteil, daß man sich in eine gewisse Einsamkeit und Einsiedelei zurückziehen müsse, wenn man Verbindung mit übersinnlichen Welten haben wollte. Und zur Einsamkeit, zur Einsiedelei verurteilte sich in einer gewissen Beziehung derjenige, der solche Übungen machte. Denn diese Übungen bringen den Menschen in eine gewisse Sensibilität. Sie machen ihn überempfindlich gegenüber der robusten Außenwelt. Er muß sich vom Leben zurückziehen. In älteren Zeiten fanden gerade solche einsame Menschen Vertrauen bei ihren Mitmenschen. Man nahm, was sie zu sagen hatten, als Erkenntnisvorstellungen hin. Heute ist das unserer Kultur nicht mehr angemessen. Mit Recht fordert die heutige Menschheit, daß derjenige, zu dem sie als einem Erkennenden Vertrauen haben soll, mitten im Leben drinnenstehe, daß er es aufnehmen könne mit dem robusten Leben, mit menschlicher Arbeit und menschlichem Wirken, wie es die Zeitforderung gestaltet. Mit dem, der sich zurückziehen muß vom Leben, fühlen sich die heutigen Menschen eben nicht in derselben Weise verbunden wie die Menschen älterer Kulturepochen.
Wer das gründlich überdenkt, muß sich sagen: Heutige Erkenntniswege müssen anders sein — und wir werden von solchen anderen Wegen gleich nachher zu sprechen haben. Vorher möchte ich aber, wiederum nur zur Verständigung, nicht, weil ich ihn etwa anempfehlen möchte für einen Menschen der Gegenwart, noch einen Weg, der ebenfalls für ältere Zeiten ein angemessener war, den Weg der Askese, seinem Prinzip nach schildern.
Dieser Weg der Askese wurde dadurch gegangen, daß man Leibesvorgänge, Leibesanforderungen herablähmte, herabstimmte, so daß der menschliche Leib nicht in derselben robusten Weise wirkte, wie er im normalen Leben wirkt. Man lähmte die Leibesfunktionen auch dadurch herab, daß man den menschlichen äußeren physischen Organismus in schmerzhafte Zustände hineinbrachte. Alles das brachte diejenigen, die diesen asketischen Weg gingen, zu gewissen menschlichen Erlebnissen, die durchaus Erkenntniserlebnisse waren. Ich will gewiß nicht sagen, daß es für den gesunden menschlichen Organismus, durch den wir hereingeboren sind in das Erdenleben zwischen Geburt und Tod, richtig sei, ihn herabzustimmen, wenn es sich darum handelt, diesen Organismus in das gewöhnliche Leben wirksam hineinzustellen. Dieser gesunde Organismus ist für die äußere sinnliche Natur, die zwischen Geburt und Tod des Menschen doch das menschliche Leben trägt, durchaus das Angemessene. Dabei bleibt es dennoch richtig, daß die alten Asketen, die diese Organisation herabgestimmt hatten, dazu kamen, nun ihr Seelisches rein zu erleben und sich mit ihrem Seelischen drinnenstehend zu wissen in einer geistigen Welt.
Gerade dadurch ist nämlich unser physisch-sinnlicher Organismus für das Leben zwischen Geburt und Tod das Angemessene, daß er uns, wie eben die Erlebnisse der Asketen zeigen konnten, verbirgt, was geistige Welt ist. Und es war einfach ein Erlebnis der alten Asketen, daß man durch Herabstimmen der Leibesfunktionen in die geistigen Welten bewußt eintreten konnte. Das ist wiederum kein Weg für die Gegenwart. Derjenige, der in dieser Art seinen Organismus herabstimmt, der macht sich untauglich für das Wirken unter seinen Mitmenschen, der macht sich auch untauglich gegenüber sich selbst. Das heutige Leben fordert Menschen, die sich aus ihm nicht zurückziehen, die sich ihre Gesundheit erhalten oder, wenn sie geschwächt ist, sie sogar verstärken, nicht aber Menschen, die sich vom Leben zurückziehen. Die könnten kein Vertrauen gewinnen, einfach nach der Gesinnung unserer Gegenwart. Daher kann dieser Weg der Askese, der aber durchaus in älteren Zeiten zu Erkenntnissen geführt hat, nicht ein heutiger Weg sein.
Aber sowohl dasjenige, was der Jogaweg, wie dasjenige, was der asketische Weg an Erkenntnissen über die übersinnliche Welt geliefert hat, ist in uralten, ich möchte sagen, heiligen Traditionen erhalten, wird heute von der Menschheit hingenommen als etwas, was gewisse seelische Bedürfnisse befriedigt. Und man fragt nicht danach, wie das, was man so als Glaubensvorstellungen aufnimmt, dennoch auf einem wirklichen, wenn auch für unsere heutige Zeit nicht mehr angemessenen Erkenntnisweg gesucht worden ist.
Der heutige Erkenntnisweg muß ein durchaus anderer sein. Wir haben ja gesehen: der eine Weg, der Jogaweg, versuchte gewissermaßen auf dem Umweg durch das Atmen zu dem Denken zu kommen, um dieses Denken in einer anderen Weise zu erleben, als es im gewöhnlichen Leben wahrgenommen wird. Wir können aus dem schon angeführten Grunde diesen Umweg durch das Atmen nicht machen. Daher müssen wir versuchen, auf eine andere Weise zu einer Umgestaltung des Denkens zu kommen, um durch das umgestaltete Denken dann zu Erkenntnissen zu gelangen, die eine Art Fortsetzung der Naturerkenntnisse sind. Deshalb gehen wir heute, wenn wir uns richtig verstehen, davon aus, das Denken nicht durch den Umweg des Atmens zu bearbeiten, sondern es direkt zu bearbeiten, indem wir gewisse Übungen machen, durch die wir das Denken innerlich kraftvoller, energischer gestalten, als es im gewöhnlichen Bewußtsein ist.
Im gewöhnlichen Bewußtsein geben wir uns einem mehr passiven Denken hin, das sich an den Verlauf der äußeren Vorgänge hält. Wenn wir einen neueren übersinnlichen Erkenntnisweg gehen wollen, dann setzen wir gewisse leicht überschauliche Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins. Wir bleiben innerhalb des bloßen Gedankens. Ich weiß, daß manche Menschen dasjenige, was ich jetzt schildern werde, schon im späteren Jogaweg, zum Beispiel in dem des Patanjali, finden wollen. Aber so, wie das heute gemacht wird, ist es durchaus innerhalb orientalischer Geistesschulung noch nicht enthalten; deshalb nicht enthalten, weil selbst, wenn heute ein Mensch die Jogaübungen ausführte, sie anders wirkten - wegen der Veränderung, die der menschliche Organismus durchgemacht hat —, als sie bei den Menschen früherer Epochen gewirkt haben.
Wir wenden uns also heute direkt an das Denken und zwar dadurch, daß wir Meditation pflegen, daß wir uns konzentrieren auf gewisse Gedankeninhalte durch längere Zeiten. Wir machen seelisch etwas durch, was sich vergleichen läßt mit der Erkraftung eines Muskels. Wenn wir einen Muskel in fortdauernder Arbeit immer wieder und wiederum gebrauchen, ganz gleichgültig, welches Zweck und Ziel dieser Arbeit sind, muß er erkraften. Dasselbe können wir mit dem Denken ausführen. Statt daß wir uns mit diesem Denken immer nur hingeben dem Verlauf der äußeren Vorgänge, bringen wir mit starker Willensanstrengung von uns selbst gebildete oder von einem auf diesem Gebiet Kundigen uns gegebene, überschaubare Vorstellungen, in denen keine Erinnerungsreminiszenzen leben können, deren wir uns nicht bewußt sind, in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins, schalten alles andere Bewußtsein aus, konzentrieren uns nur auf einen solchen Bewußtseinsinhalt. Ich möchte mit einem Goetheschen Faus-Wort sagen: Zwar ist es leicht — es sieht nämlich so aus —, doch ist das Leichte schwer! Denn das muß von dem einen wochenlang, von dem andern monatelang vollzogen werden. Wenn dann das Bewußtsein lernt, auf demselben Gedankeninhalt so zu ruhen und immer wieder zu ruhen, daß er einem völlig gleichgültig ist, und man alle innere Aufmerksamkeit und alles innere Erleben auf die Erkraftung, auf die seelische Energisierung des Gedankenlebens wendet, dann gelangen wir zuletzt zu dem entgegengesetzten Vorgang gegenüber dem, den der Jogi durchmachte. Wir reißen nämlich unser Denken von dem Atmungsprozeß los.
Es erscheint das heute noch dem Menschen als etwas Absurdes, als etwas Phantastisches. Allein, geradeso wie der Jogi gewissermaßen sein Denken nach dem Innern des Leibes getrieben hat, um es mit dem Rhythmus seines Leibesatems zu verbinden und so sein Selbst, seine innere Geistigkeit zu erleben, geradeso lösen wir das Denken los auch von dem Rest des Atmungsprozesses, der unbewußt in all unserem gewöhnlichen Denken lebt. - Die genaueren Übungen, in allen Einzelheiten, die ein streng exaktes System darstellen, finden Sie geschildert in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in dem anderen, «Geheimwissenschaft», oder auch in «Von Seelenrätseln» und in anderen meiner Schriften. - Man gelangt allmählich auf diese Weise dazu, den Gedankengang nicht nur aus dem Atmungsprozeß herauszuziehen, sondern völlig frei von der Leiblichkeit zu machen. Jetzt sieht man erst ein, welch großen Dienst auch die sogenannte materialistische, besser gesagt mechanistische Weltanschauung der Menschheit geleistet hat. Sie hat uns aufmerksam gemacht, daß das gewöhnliche Denken auf dem Untergrunde leiblicher Vorgänge steht. Dadurch kann gerade die Anregung kommen, ein Denken zu suchen, das nicht mehr auf leiblichen Vorgängen ruht. Das kann aber nur gefunden werden, indem das gewöhnliche Denken erkraftet wird in der geschilderten Weise. Dadurch gelangen wir zu einem leibfreien Denken, zu einem Denken, das in bloß seelischen Vorgängen besteht. Ja, wir lernen auf diese Weise das, was in uns Bildnatur war, zwar zunächst nur als Bilder kennen, aber als Bilder, die selbständiges, von unserer Leiblichkeit unabhängiges Leben uns zeigen.
Das ist der erste Schritt zu einem Erkenntnisweg, wie er dem modernen Menschen heute angemessen ist. Dadurch aber gelangen wir zu einem Erlebnis, das dem gewöhnlichen Bewußtsein verborgen ist. Wie der indische Jogi sich in seinem Denken verbunden hat mit dem, was innerer Atmungsrhythmus war, und dadurch auch mit seinem geistigen Selbst, das in dem Atmungsrhythmus lebt, ebenso wie er also nach innen stieg, so gehen wir nach außen. Indem wir das logische Denken losreißen von dem Organismus, an den es eigentlich gebunden ist als logisches Denken, dringen wir mit diesem Denken in den äußeren Rhythmus der Welt ein, ja wir erfahren jetzt erst, daß es einen solchen äußeren Rhythmus gibt. Wie sich der Jogi den inneren Rhythmus seines Leibes zum Bewußtsein brachte, so kommt uns auf geistige Art ein äußerer Weltrhythmus zum Bewußtsein. Wenn ich mich bildlich ausdrücken darf: wir stehen im gewöhnlichen Bewußtsein so da, daß wir unsere Gedanken logisch zusammensetzen und uns damit des Denkens als eines Mittels zur Erkenntnis der äußeren sinnlichen Welt bedienen. Jetzt lassen wir das Denken einlaufen in eine Art musikalischen Elementes, das aber durchaus ein Erkenntniselement ist, wir gewahren einen Rhythmus, der auf dem Grund aller Dinge als ein geistiger Rhythmus vorhanden ist, wir dringen ein in die Welt, indem wir sie im Geiste beginnen wahrzunehmen. Unser Denken wird aus dem abstrakten toten Denken, aus dem bloßen Bilddenken ein in sich selbst belebtes Denken. Das ist der bedeutsame Übergang, der durchgemacht werden kann von dem abstrakten, bloß logischen Denken zu einem lebendigen Denken, von dem wir durchaus das Gefühl haben, daß es fähig ist, eine Realität zu bilden, wie unser Wachstumsprozeß als lebendige Realität von uns erkannt wird.
Mit diesem lebendigen Denken aber kann man nun tiefer in die Natur hineindringen, als man es durch das gewöhnliche Denken kann. Wie das? Ich möchte es an einem Beispiel veranschaulichen, das dem heutigen Leben entnommen ist, wenn auch an einem viel angefochtenen Beispiel. Wir richten unser abstraktes Gedankenleben heute zum Beispiel beobachtend und experimentierend auf ein höheres Tier. Wir machen uns durch dieses Denken innerlich bildhaft gegenwärtig, wie die Gestaltung der Organe dieses Tieres ist, das Knochensystem, Muskelsystem und so weiter, wie die Lebensprozesse ineinander überströmen. Wir machen uns ein Gedankenbild dieses Tieres. Dann gehen wir mit demselben Denken über zu dem Menschen, machen uns wiederum innerlich ein Gedankenbild von diesem Menschen, wir vergegenwärtigen uns wiederum die Gestaltung seines Knochensystems, seines Muskelsystems, des Ineinanderströmens seiner Lebensvorgänge und so weiter. Dann können wir äußerlich das, was wir an Gedankenbildern gewonnen haben in dem einen und andern Fall, miteinander vergleichen. Sind wir mehr darwinistisch geneigt, so lassen wir den Menschen in einem realsinnlichen Prozeß sich herausentwickeln aus tierischen Vorfahren; sind wir mehr spirituell-idealistisch geneigt, so stellen wir uns die Verwandtschaft in einer anderen Weise vor. Darauf wollen wir jetzt nicht eingehen. Wichtig aber ist, daß wir nicht imstande sind, mit unserem abstrakten, toten Denken, wenn wir uns das Bild gestaltet haben von dem Tier, aus dem inneren Gedankenleben zu dem menschlichen Bild herüberzukommen: wir müssen mit dem Gedankenleben an die äußere sinnliche Wirklichkeit des Menschen herandringen, müssen unsere Ideen, unsere Gedankenbilder an den Sinnesrealitäten gewinnen und können sie dann miteinander vergleichen. Wenn wir aber vorgedrungen sind zum lebendigen Denken, dann können wir auch ein Gedankenbild, aber ein lebendiges Gedankenbild, formen von dem Knochensystem, von dem Muskelsystem, von dem Ineinanderfließen der Lebensvorgänge im Tiere, und wir können, weil jetzt unser Gedanke ein lebendiger geworden ist, diesen Gedanken dann innerlich als ein lebendiges Gebilde verfolgen und kommen im Gedanken selbst herüber zum Bild des Menschen. Ich möchte sagen: Es wächst sich der Gedanke des Tieres zum Gedanken des Menschen aus. Wie man da vorgeht, kann ich nur an einem Beispiel andeuten.
Wenn wir eine Magnetnadel vor uns haben, so wissen wir, sie bleibt, wenn sie magnetisiert ist, nur in einer Lage in Ruhe, und zwar dann, wenn ihre Richtung zusammenfällt mit der Nord-Südrichtung des Magnetismus unserer Erde. Diese Richtung ist eine besonders ausgezeichnete; für alle anderen Richtungen verhält sich die Magnetnadel neutral. Alles das, was wir da an diesem Beispiel vor uns haben, wird für das lebendige Denken Erlebnis gegenüber dem Gesamtraum. Der Raum ist für das lebendige Denken nicht mehr das gleichgültige Nebeneinander, wie er es ist für das abstrakte, tote Denken. Der Raum wird innerlich differenziert, und wir lernen erkennen, was es heißt, daß beim Tiere die Rückgratlinie im wesentlichen horizontal geht. Wo das nicht der Fall ist, können wir gerade aus tieferer Gesetzmäßigkeit die Abnormität als besonders bedeutsam nachweisen; aber im wesentlichen liegt die Rückgratlinie des Tieres in der Horizontalen, man möchte sagen: parallel zur Erdoberfläche. Es ist nun nicht gleichgültig, ob die Rückenmarkslinie in dieser Raumrichtung drinnenliegt oder in der Vertikalrichtung, zu der sich der Mensch im Verlaufe seines Lebens aufrichtet. So lernen wir im lebendigen Denken erkennen, daß wir, wenn wir die Hauptlinie des Tieres aufrecht richten wollten, also in eine andere Weltraumrichtung bringen wollten, alle übrigen Organe umformen müßten. Der Gedanke wird lebendig einfach durch die Drehung, die um 90 Grad von der Horizontalzur Vertikalorientierung durchgemacht wird. Wir gelangen so, innerlich angeregt, herüber aus der Tiergestalt in die menschliche Gestalt.
Auf diese Weise dringen wir aber, indem wir zuerst untertauchen in den Rhythmus des Naturgeschehens und dadurch auf das der Natur zugrunde liegende Geistige kommen, weiter in das Innere des Naturgeschehens hinein. Wir gelangen dazu, in unseren lebendigen Gedanken etwas zu haben, womit wir untertauchen in Wachstum und Werden der Außenwelt. Wir gelangen wieder hinein in die Geheimnisse des Daseins, aus denen wir uns herausgezogen haben im Verlauf der Menschheitsentwickelung durch die Entfaltung des Ich-Bewußtseins, des Selbstgefühls.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, kann jeder von Ihnen einen sehr gewichtigen Einwand machen. Man kann zum Beispiel sagen: Ja, ein solches Denken, das ja scheinbar lebendig war, haben gewisse Persönlichkeiten gehabt, aber die Gegenwart mit ihrer ernsten Forschergesinnung hat sich mit Recht abgewendet von solchem «lebendigen Denken», wie es zum Beispiel der Philosoph Schelling entfaltet hat oder der Naturphilosoph Oken. Auch ich gebe denjenigen völlig recht, die zunächst einen solchen Einwand machen, denn die Art und Weise, wie Oken und Schelling an äußeren Vorgängen und Wesenheiten gewonnene Bildideen innerlich lebendig machen und sie dann auf andere Naturtatsachen und Wesen anwenden, um so «im Sinne der Natur» sozusagen zu schauen, diese Art hat etwas sehr Phantastisches, etwas von dem, was sich entfernt von der Realität, was nicht Wirklichkeit in sich atmet. Solange man nicht auf dem Erkenntnisweg zu einem anderen Element übergeht mit diesem lebendigen Denken, als dieses selbst ist, so lange kommt man auch nicht durch das lebendige Denken zu einem Verbürgen der Wirklichkeit. Erst dann, wenn man zu den Gedankenübungen Willensübungen hinzumacht, kommt man dazu, in den lebendigen Gedanken ein Verbürgtsein geistiger Wirklichkeit zu haben.
Willensübungen können in der folgenden Weise charakterisiert werden. Seien wir einmal ganz ehrlich mit uns selbst. Im gewöhnlichen Leben müssen wir uns sagen, wenn wir zehn Jahre, zwanzig Jahre zurückdenken: Im eigentlichen Inhalt unseres Seelenlebens sind wir vielfach andere Menschen geworden; aber wir sind es geworden, indem wir uns als Kinder den vererbten Eigenschaften, der Umgebung, der Erziehung, im späteren Leben diesem Leben selbst mehr oder weniger passiv hingegeben haben. Derjenige, der zu einem Erkennen der geistigen Wirklichkeit gelangen will, muß das, was allerdings nicht etwa im vollen Sinne des Wortes, sondern mehr oder weniger passiv erlebt wird, in innerer Willenserziehung, Willenszucht, wenn ich mich des groben Ausdrucks bedienen darf, selber in die Hand nehmen. Sie finden die entsprechenden Übungen, die intime Seelenübungen sind, wiederum in den genannten Büchern geschildert. Ich möchte nur prinzipiell andeuten, worauf es ankommt.
Wie wir heute gewisse Gewohnheiten haben, die wir vor zehn Jahren vielleicht noch nicht hatten, weil sie erst das Leben uns aufgedrungen hat, so können wir auch mit festem innerem Sinn uns vornehmen: Du prägst dir diese oder jene Charaktereigenschaften ein. Am besten geschieht das Einprägen solcher Charaktereigenschaften, für deren Gestaltung man jahrelang an sich arbeiten muß, so, daß man oft und oft die Aufmerksamkeit hinlenken muß auf jene Willenserkraftung, Willenserstarkung, die verbunden ist mit einer solchen Selbstzucht. Wenn man in dieser Weise seine Willensentwickelung in die eigene Hand nimmt, so daß man in der Tat dasjenige, was sonst die Welt aus einem als Mensch macht, zum Teil selbst aus sich macht, dann nehmen die lebendigen Gedanken, in die man sich durch die Meditation und Konzentration hineingefunden hat, für unser Erleben etwas ganz Besonderes an. Sie werden nämlich immer mehr und mehr zu schmerzhaften Erlebnissen, zu inneren Leiderlebnissen des Seelischen. Und niemand kann im Grunde genommen zu höheren Erkenntnissen kommen, der nicht diese Leid- und Schmerzerlebnisse durchgemacht hat. Diese Leid- und Schmerzerlebnisse müssen durchgemacht und dann überwunden werden, so daß man sie sich gewissermaßen einverleibt und über sie hinauskommt, zu ihnen wiederum eine neutrale Stimmung gewinnt.
Was da im Menschen vorgeht, kann man sich so vergegenwärtigen: Nehmen Sie das menschliche Auge - was ich sage, könnte in allen Einzelheiten sehr wissenschaftlich ausgeführt werden; ich kann es aber nur allgemein andeuten —, nehmen Sie dieses Auge. Indem das Licht, indem Farben auf dasselbe wirken, gehen Veränderungen im physischen Innern dieses Auges vor sich. Wir würden, wenn wir nicht so robust wären — eine ältere Menschheit hat gewiß diese Veränderungen als Leid, als leisen Schmerz empfunden —, auch diese Veränderungen im Auge, im Ohr, wenn wir uns also nicht sozusagen neutral gegen sie verhielten durch unsere Organisation, als leisen Schmerz erleben müssen. Alle Sinneswahrnehmung baut sich im Grunde genommen auf Schmerz und Leid auf.
Indem wir auf diese Weise unser ganzes Seelenleben mit den lebendigen Gedanken schmerzhaft, leidvoll durchdringen, durchdtingen wir den Leib - nicht in der selben Weise wie der Asket — mit Schmerz und Leid; wir lassen ihn gesund, lassen ihn den Anforderungen des gewöhnlichen Lebens gemäß entwickelt, aber wir erleben innerlich-intim Schmerz und Leid in der Seele. Derjenige - das mag vergleichsweise herangezogen werden —, der es ein wenig zu höherer Erkenntnis gebracht hat, der wird Ihnen immer sagen: Das, was mir das Lebensschicksal an Lust und Freude gebracht hat, ich nehme es dankbar von meinem Schicksal hin; meine Erkenntnisse aber verdanke ich dem, was ich gelitten habe, meinen Schmerzen, meinem Leid.
So bereitet das Leben den Erkenntnissuchenden schon in einer gewissen Weise darauf vor, daß er einen Teil seines wahren höheren Erkenntnisweges durch Überwindung von Leiden und Schmerzen durchmachen muß. Denn überwinden wir dieses Leid, diesen Schmerz, dann machen wir unser ganzes Seelenwesen zu einem, wenn ich mich des Ausdrucks vergleichsweise bedienen darf, «Sinnesorgan», eigentlich müssen wir sagen Geistorgan, Seelenorgan. Und jetzt lernen wir so hineinschauen in die geistige Welt, wie wir durch unsere gewöhnlichen Sinne hineinschauen, hineinhören in die physische Welt. Von erkenntnistheoretischen Erwägungen brauche ich heute nicht zu sprechen. Ich kenne natürlich den Einwand, daß auch die äußere Erkenntnisweise erst untersucht werden muß; allein das geht uns heute nichts an. Ich will nur sagen, daß wir in demselben Sinn, in dem wir im gewöhnlichen Leben die äußere physische Welt durch unsere Sinneswahrnehmungen verbürgt finden, nach dem überwundenen Seelenleid durch unser Seelen-, durch unser Geistorgan, das wir als ganzer seelischer Mensch geworden sind, die geistige Welt verbürgt finden.
Mit diesem Schauen, das ich auch - im Gegensatz zu allen alten nebulosen hellseherischen Künsten, die der Vergangenheit angehören — das moderne exakte Hellsehen nennen möchte, können wir auch eindringen in das, was die menschliche ewige Wesenheit ist. Wir können in einer exakten Weise eindringen in die Bedeutung der menschlichen Unsterblichkeit. Doch das muß dem morgigen Vortrag vorbehalten bleiben, wo ich über die besondere Beziehung dieser Weltanschauung zu den Seelenfragen des Menschen werde zu sprechen haben. Heute wollte ich zeigen, wie der Mensch, im Gegensatz zu älteren Erkenntniswegen, zu einem modernen übersinnlichen Erkenntnisweg gelangen kann. Der Jogi suchte zum Selbst in die menschliche Wesenheit hineinzudringen; wir suchen zum Rhythmus der Welt hinauszudringen. Der alte Asket stimmte den Leib herab, damit gewissermaßen das seelisch-geistige Erleben herausgepreßt wurde und für sich da sein konnte; der moderne Erkenntnisweg ist nicht der Askese geneigt, sieht ab von allen Kasteiungskünsten, wendet sich intim an das Seelenleben selber. Beide modernen Wege also lassen den Menschen voll im Leben drinnenstehen. Der alte asketische und der alte Jogaweg zogen aber den Menschen aus dem Leben heraus.
So versuchte ich, Ihnen heute einen Weg zu schildern, der gemacht werden kann dadurch, daß man in der Seele schlummernde Erkenntniskräfte auf mehr geistigseelische Erkenntnisart entwickelt, als sie einstmals entwickelt worden sind.
Dadurch aber gelangt man auch - das will ich zum Schluß noch andeuten — tiefer in das Wesen der Natur hinein. Die Weltanschauung, von der ich hier spreche, steht in keinerlei Opposition zu der Naturwissenschaft der Gegenwart. Im Gegenteil, sie nimmt gerade das, was echte Forschergesinnung ist innerhalb dieser naturwissenschaftlichen Forschung, heraus und bildet es durch ihre Übungen als eigene menschliche Fähigkeit aus. Die heutige Naturwissenschaft sucht Exaktheit und fühlt sich besonders befriedigt, wenn sie diese suchen kann durch die Anwendung der Mathematik auf die Naturvorgänge. Warum ist das der Fall? Das ist aus dem Grunde der Fall, weil die Wahrnehmungen, die uns die äußere Natur durch die Sinne für die Beobachtung und das Experiment gibt, schlechterdings außer uns sind. Wir durchdringen sie mit etwas, was wir ganz allein in unserem innersten Menschenwesen ausbilden, wir durchdringen sie mit den mathematischen Erkenntnissen. Und das Kantsche Wort wird oftmals ausgesprochen, aber noch viel öfter, ich möchte sagen, ausgeübt von naturwissenschaftlich Denkenden: In einer jeden wirklichen Erkenntnis ist nur so viel Wissenschaft, als Mathematik drinnen ist. Einseitig ist das, wenn man die gewöhnliche Mathematik nimmt. Aber indem man diese auf die Naturerscheinungen anwendet, auf die leblosen Naturerscheinungen, sogar heute schon ein gewisses Ideal darinnen sieht, zum Beispiel die Chromosomen in den Keimanlagen zählen zu können, zeigt man, wie man sich befriedigt fühlt, wenn man das, was sonst als Äußeres neben oder vor uns steht, mit Mathematik durchsetzen kann. Warum? Weil Mathematik im Innern in unmittelbarer Gewißheit erlebt wird, was wir uns zwar durch Zeichnungen oft versinnbildlichen müssen; allein die Zeichnungen sind nicht wesentlich für die Gewißheit, für die Wahrheit. Das Mathematische wird innerlich angeschaut und gefunden, und das, was wir intim innerlich finden, verbinden wir mit dem äußerlich Angeschauten. Dadurch fühlen wir uns befriedigt.
Wer in seiner Ganzheit diesen Erkenntnisvorgang durchschaut, muß sich sagen: Alles das kann den Menschen allein erkenntnismäßig befriedigen, kann im Menschen allein zu einer Wissenschaft führen, was auf etwas beruht, was er wirklich durch die Kräfte seines Inneren erleben, erschauen kann. Mit der Mathematik dringt man ein in die Tatsachen und in die Wesensstrukturen der leblosen Welt, höchstens, ich möchte sagen, primitiv etwas herauf in die belebte Welt. Man braucht aber eine innerliche Anschauung, so exakt, wie die mathematische Anschauung ist, wenn man in die höheren Wirkungsweisen der Außenwelt eindringen will. Die Haeckelsche Schule selber hat in einem ihrer hervorragendsten Vertreter ausdrücklich zugestanden, daß man zu einer ganz anderen Forschungs- und Betrachtungsweise vordringen müsse, wenn man aus dem Anorganischen in das Organische der Natur heraufwill. Für das Anorganische hat man die Mathematik, die Geometrie; für das Organische, für das Lebendige hat man zunächst noch nichts, was innerlich so gestaltet wird wie etwa ein Dreieck, wie ein Kreis, wie eine Ellipse. Durch lebendiges Denken gelangt man dazu: nicht mit gewöhnlicher Zahlen- und Figurenmathematik, sondern mit einer höheren Mathesis, mit einer Anschauung, die qualitativ ist, die gestaltend wirkt, die — wenn ich auch dadurch für viele etwas Horribles aussprechen muß, so muß ich es doch sagen —ins Künstlerische heraufgreift.
Indem wir mit einer solchen Mathematik eindringen in die Welten, in die wir sonst nicht eindringen können, erweitern wir naturwissenschaftliche Gesinnung ins biologische Gebiet herauf. Und man kann sich überzeugt halten, daß einstmals die Epoche kommen wird, wo man sagen wird: ältere Zeiten haben mit Recht betont, aus der unorganischen Natur ist soviel Wissenschaft zu gewinnen, als man ihr mit der Mathematik im weitesten Sinne beikommen kann, insofern die Mathematik eine quantitative ist; aus den Lebensvorgängen kann soviel Wissenschaft gewonnen werden, als man fähig ist, in sie einzudringen mit einer innerlich lebendigen Gedankengestaltung, mit einem exakten Hellsehen.
Man glaubt gar nicht, wie nahe in Wirklichkeit diese moderne Art des Hellsehens gerade dem mathematischen Anschauen steht. Und man wird einstmals, wenn man einsehen wird, wie aus dem Geiste moderner Naturerkenntnis hier Geist-Erkenntnis gewonnen werden soll, gerade aus diesem Gebiet moderner Naturerkenntnis heraus die hier gemeinte Geisteswissenschaft gerechtfertigt finden. Denn sie will nicht in irgendeine Opposition treten zu den bedeutsamen, großartigen Ergebnissen der Naturwissenschaft. Sie möchte etwas anderes versuchen: Geradeso wie wir, wenn wir einen Menschen vor uns stehen haben, mit den äußeren Sinnen seine Sinnesgestalt anschauen können, seine Gebärden, sein Mienenspiel, den eigentümlichen Blick seiner Augen, wie wir aber nur ein Äußeres des Menschen erkennen, wenn wir nicht durch all das hindurchschauen auf ein Seelisches in ihm, wodurch wir erst den ganzen Menschen vor uns stehen haben, geradeso schauen wir, ohne Geisteswege zu wandeln, mit einer Naturwissenschaft nur die äußere Physiognomie der Welt, nur, ich möchte sagen, die Gebärden der Welt, die Mimik der Welt. Erst dann erkennen wir etwas von dem, womit wir selber verwandt sind als dem Ewigen dieser Welt, wenn wir über die äußere Physiognomie, die uns die Naturerscheinungen geben, über diese Mimik und Gebärden, hineindringen in das Seelische der Welt.
Das möchte jene geisteswissenschaftliche Anschauung, deren Methoden ich Ihnen zunächst einleitend heute schildern wollte. Sie möchte nicht sein eine Gegnerin der triumphalen modernen Naturwissenschaft, sie möchte diese in ihrer Bedeutung und Wesenheit voll hinnehmen, wie man den äußeren Menschen voll hinnimmt. Sie möchte aber so, wie man, durch den äußeren Menschen durchdringend, auf das Seelische schaut, durch die Naturgesetze, nicht mit Dilettantismus und Laientum, sondern mit ernsthafter Gesinnung, durch die Physiognomie der Naturgesetze hindurchdringen zu dem, was als Geistiges, als Seelisches der Welt zugrunde liegt. Und so möchte diese geisteswissenschaftliche Anschauung nicht der Naturwissenschaft irgendwelche Gegnerschaft schaffen, sondern sie möchte sein die Seele, der Geist dieser Naturwissenschaft.