The Gospel of St. John

GA 103/1908-05-25/p005 ·1908-05-25 · original (original)

Daß diese Worte mit der Goldwaage zu wiegen sind, haben wir bereits gesagt, und es muß durchaus festgehalten werden, daß auf der einen Seite gilt: Die Worte einer solchen religiösen Urkunde müssen im buchstäblichen Sinne genommen werden; aber auf der anderen Seite gilt auch das: Wir müssen diesen buchstäblichen Sinn erst finden, erst kennen. Es wird oftmals der Satz zitiert: «Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig» (2.Kor. 3, 6). Diejenigen Menschen, die diesen Satz zitieren, wenden ihn oftmals in einer sonderbaren Weise an. Sie betrachten diesen Satz als einen Freibrief, ihre eigene Phantasie, die sie den «Geist der Sache» nennen, aus diesen Worten herauszulesen, und sagen dann zu jemandem, der sich Mühe gibt, erst den Buchstaben zu kennen, ehe man zum Geist kommt: Ach, was geht uns der Buchstabe an; der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig! - Wer so redet, steht ungefähr auf der selben Höhe wie ein Mensch, der da sagen würde: Der Geist ist das eigentlich Lebendige, der Körper ist ein Totes; also zerschlagen wir den Körper, dann wird der Geist lebendig werden! — Wer so redet, weiß nicht, daß der Geist sich stufenweise bildet, daß der Mensch die Organe seines physischen Leibes benutzen muß, um das, was er in der physischen Welt erfährt, aufzunehmen und es dann in den Geist hinaufzutragen. Erst müssen wir also den Buchstaben kennen; dann können wir auch den Buchstaben töten, wie der Menschenleib vom Menschengeiste abfällt, wenn der menschliche Geist alles aus dem Leibe herausgeholt hat.

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