Zehnter Vortrag
Nun werden Sie begreifen, daß in dem Moment, als das geschah, nicht allein der kleine Raumesteil beteiligt war, in dem sich die Johannes-Taufe abspielte. Das wäre nur eine Kurzsichtigkeit der Menschen, wenn sie glauben würden, daß etwas, was in betreff irgendeiner Wesenheit geschieht, eingeschlossen wäre in die Grenzen, die das Auge sieht. Das ist die starke Illusion, der sich die Menschen hingeben können, wenn sie nur ihren äußeren Sinnen vertrauen. Wo ist denn für die äußeren Sinne die Grenze des Menschen? Wenn man oberflächlich spräche, würde man diese Grenze sehen in seiner Haut. Da hört der Mensch auf nach allen Seiten. Es könnte sogar jemand sagen: Wenn ich dir die Nase abschneide, die zu dir gehört, so bist du kein ganzer Mensch mehr; daran erkenne ich, daß das alles zu deiner Wesenheit gehört. — Aber es ist das doch eine sehr kurzsichtige Betrachtung. Ein paar Dezimeter vor der Haut des Menschen sucht man schon nicht mehr das, was zum Menschen gehört, wenn man sich auf die physische Betrachtung beschränkt. Aber bedenken Sie, daß Sie mit einem jeden Atemzug Luft einatmen aus dem ganzen Luftkreis Ihrer Umgebung. Wenn man Ihnen die Nase abschneidet, sind Sie kein ganzer Mensch mehr; wenn man Ihnen aber die Luft abschneidet, auch nicht! Es ist nur eine willkürliche Ansicht, wenn Sie sich den Menschen in seiner Haut begrenzt vorstellen. Das gehört alles zum Menschen, was ringsherum ist. Auch schon im physischen Sinne gehört es zum Menschen. So daß, wenn mit dem Menschen irgend etwas geschieht an einem bestimmten Orte, es nicht so ist, daß nur der Platz, den der menschliche Körper einnimmt, daran beteiligt wäre. Würden Sie einmal versuchen, in einer Meile im Umkreise eines Menschen in genügend starker Art die Luft zu verpesten, so daß sich die Dämpfe bis zu dem Menschen hin erstrecken, dann würden Sie sehr bald merken, daß der ganze Raum im Umkreise einer Meile beteiligt ist an den Lebensvorgängen dieses Menschen. Und die ganze Erde ist beteiligt bei jedem Lebensvorgang. Wenn das schon beim physischen Lebensvorgang der Fall ist, so wird es Ihnen nicht unbegreiflich erscheinen, daß bei einem Ereignis wie der Johannes-Taufe die geistige Welt beteiligt war im weitesten Umkreise, und daß vieles, vieles geschah, damit dieses geschehen konnte.
Cite:
GA 112/1909-07-03/p016 · edition original