Zweiter Vortrag
Sie kennen alle den Gang der Erde um die Sonne aus der gewöhnlichen astronomischen Wissenschaft, und wir wollen jetzt einmal, nur so ganz annähernd im allgemeinen, den Gang der Erde um die Sonne betrachten und das, was dazugehört. Wenn wir diesen Gang der Erde um die Sonne und auch dazu den Gang der anderen Planeten, die zur Sonne gehören, so betrachten, wie sie gewöhnlich in der gebräuchlichen heutigen Wissenschaft betrachtet werden, dann ist diese Betrachtung für die Geisteswissenschaft nur der allerallererste Anfang. Für die Geisteswissenschaft ist nämlich dasjenige, was sich in der äußeren physischen Welt vollzieht, ein Gleichnis, ein äußeres Bild für innere geistige Vorgänge, und dasjenige, was wir lernen aus der gewöhnlichen elementaren Astronomie, was wir gewohnt worden sind, von Kindheit auf zu lernen über unser Planetensystem, das läßt sich vergleichen mit Bezug auf dasjenige, was ihm in Wirklichkeit zugrunde liegt, mit dem, was ein Kind lernt, wenn es den Gang der Uhr kennenlernt. Wenn Sie diesen Gang der Uhr dem Kinde verständlich machen wollen, so machen Sie ihm klar, daß da auf dem Zifferblatte zwölf Ziffern und zwei Zeiger sind, daß der eine von diesen langsam geht und der andere schneller. Sie machen dem Kinde klar, was konventionell die zwölf Ziffern und die zwei Zeiger bedeuten, und Sie machen ihm klar, was da konventionell festgestellt ist, damit das Kind lernt, Ihnen zu sagen, daß, wenn der eine Zeiger über dieser Ziffer steht und der andere über jener, es meinetwillen /210 Uhr ist. Es würde das aber noch nicht viel bedeuten, wenn das Kind nur wüßte, die Uhr so zu beschreiben. Das Kind muß mehr lernen; das Kind muß lernen, zum Beispiel, wenn des Morgens der eine Zeiger über 6 und der andere Zeiger über 12 steht, daß das für eine gewisse Zeit des Jahres bedeutet, daß die Sonne aufgeht. Es muß dasjenige, was sich auf dem Zifferblatt der Uhr ausdrückt, auf andere große Ereignisse beziehen lernen. Das heißt, das Kind muß lernen, die Verhältnisse der Welt anzusehen als das, worauf es ankommt, und in demjenigen, was die Uhr ausdrückt, gleichsam nur ein Gleichnis, ein Bild für die Verhältnisse der Welt. So lernt der Mensch, wenn er der großen Welt gegenüber ein Kind ist, daß sich in der Mitte unseres Sonnensystems die Sonne befindet, daß dann herumgeht zuerst dasjenige, was man als den Planeten Merkur bezeichnet, dann, was man als Venus bezeichnet; daß dann herumgehen Erde mit dem Monde, dann Mars, Jupiter und Saturn. Die anderen wollen wir jetzt unberücksichtigt lassen. Also dasjenige, was man so lernt in der äußeren Astronomie, was Sie zum Beispiel da weiter im Kalender lesen können - wenn Sie einen solchen haben, der die einzelnen Himmelserscheinungen angibt -, daß in gewissen Monaten der Saturn oder der Mars und so weiter da und dort zu finden sind. Wenn Sie diesen Gang der einzelnen Planeten kennen, und Sie kennen die gegenseitige Stellung derselben in bestimmten Jahreszeiten, dann haben Sie so viel gelernt über den Himmelsraum, wie ein Kind gelernt hat, das weiß, wenn die Zeiger der Uhr an bestimmten Ziffern stehen, dann ist es ½10 Uhr.
Cite:
GA 119/1910-03-22/p020 · edition original