Neunter Vortrag
Da haben Sie etwas, wo gegenwärtig die Tatsachen weit hinausgehen über das, was die Wissenschaft an Begriffen hat; denn deren Begriffe rühren noch von älteren Epochen her. Nun können Sie fragen: Zeigt sich denn das irgendwie? — Populäre Bücher sprechen wenig davon, aber auf dem Felde des okkulten Betriebes tritt es klar hervor. Ich möchte Sie da auf etwas aufmerksam machen. Ich kann es zwar nur andeuten, möchte aber anführen, daß es einen sehr merkwürdigen Gegensatz gibt zwischen zwei Naturforschern und Denkern der Gegenwart, der aber auch weitere Kreise gezogen hat und andere ergriffen hat. Und wie die Charaktere der beiden Naturforscher sind, das redet bezeichnend für die ganze Sachlage. Da haben Sie Haeckel, der, weil er seine bewunderungswürdigen Tatsachen mit den urältesten Begriffen verarbeitet, alles auf Vererbung zurückführt und die ganze Keimesgeschichte als auf Vererbung beruhend darstellt. Und ihm steht gegenüber der Forscher, der sich eigentlich nun mehr an die Tatsachen hält und dem daher mit einem gewissen Recht vorgeworfen werden kann, daß er zu wenig denkt, His, der Zoologe und Naturforscher. His war genötigt durch die eigentümliche Art, wie er die Tatsachen verfolgt hat, gegen die Vererbungsidee bei Haeckel aufzutreten und darauf aufmerksam zu machen, daß gewisse Organe und Organformen im Menschen nur zu erklären sind, wenn man davon absieht, daß sie ihren Ursprung dem Zusammenwirken der Geschlechter verdanken; worüber dann Haeckel spottete: Also schreibt Herr His die Entstehung des Menschenleibes einer gewissen jungfräulichen Einwirkung zu, die nicht auf einem Zusammenwirken der Geschlechter beruht! - Das ist aber auch ganz richtig. Denn die wissenschaftlichen Tatsachen drängen heute dazu, daß das, was auf das Zusammenwirken der Geschlechter zurückgeführt werden kann, abzutrennen ist von dem, was direkt vom Makrokosmos hereinkommt — was natürlich für weite Kreise heute eine ganz absurde Idee ist. Daraus sehen Sie, daß heute schon auf dem Boden der Wissenschaft hingedrängt wird zu neuen Begriffen. Wir stehen mitten drinnen in einer Entwickelung, die da sagt: Wollt ihr die Tatsachen, die euch gegeben werden, richtig begreifen, so müßt ihr eine Reihe ganz neuer Begriffe aufnehmen; denn ihr reicht nicht mehr aus mit dem, was ihr als Begriffe aus alten Zeiten überkommen habt.
Cite:
GA 124/1911-03-13_02/p029 · edition original