Dritter Vortrag

GA 126/1910-12-29/p012 ·1910-12-29 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Ich weiß nicht, ob die meisten von Ihnen wissen, daß Richard Wagner lange Zeit hindurch die herbsten, die furchtbarsten Kritiker und Ablehner gefunden hat. Diese Kritiker und Ablehner haben eine gewisse Art von Anführung gehabt in dem außerordentlich geistvollen musikalischen Schaffen Eduard Hanslicks in Wien, der das interessante Büchelchen «Vom musikalisch Schönen» geschrieben hat. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß damit dem Neuaufgehen einer historischen Morgenröte das Alte sozusagen entgegengestellt war. Dieses Buch «Vom musikalisch Schönen» kann ein historisches Denkmal für die spätesten Zeiten werden. Denn was wollte Hanslick? Er sagt: Man kann nicht in dieser Weise Musik machen wie Richard Wagner; das ist gar keine Musik, denn da nimmt die Musik sozusagen den Anlauf, auf etwas hinweisen zu wollen, was außerhalb des Musikalischen steht, auf etwas Übersinnliches. Musik sei aber «Arabeske in Tönen» — das war ein Lieblingswort des Hanslick. Das heißt, eine arabeskenartige Aneinanderfügung von Tönen, und der musikalisch-ästhetische Genuß kann darin bestehen, sich rein menschlich zu erfreuen an der Art und Weise, wie die Töne ineinander und nacheinander erklingen. Hanslick sagte, Richard Wagner sei überhaupt kein Musiker, er verstehe gar nicht das Wesen des Musikalischen. Das Wesen der Musik müsse liegen in einer bloßen Architektonik des Tonmaterials. - Was kann man über eine solche Erscheinung sagen? Nichts anderes, als daß Hanslick im eminentesten Sinne ein Nachzügler, ein Reaktionär der vierten Kulturepoche war. Da hatte er recht - für diese Kulturepoche; aber was für eine Kulturepoche richtig ist, gilt nicht mehr für die nächste. Man kann von seinem Standpunkt aus sagen, Richard Wagner sei kein Musiker. Dann aber müßte man weiter sagen: Es ist diese Epoche jetzt vorbei, wir müssen uns nun mit dem zufriedengeben, was aus dieser Epoche stammt, wir müssen uns versöhnen damit, daß sich das im Hanslickschen Sinne Musikalische erweitert über sich selbst hinaus zu einem Neuen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/126/1910-12-29/p012.json
Cite: GA 126/1910-12-29/p012 · edition original