Three Lectures on the Mystery Dramas
> Es war einmal ein Knabe, > Der wuchs als armer Förstersleute einzig Kind > In Waldeseinsamkeit heran. — > Er lernte außer seinen Eltern > Nur wenig Menschen kennen. > Er war von schwachem Gliederbau: > Durchscheinend fast war seine Haut. > Man konnte lang ins Aug’ ihm schaun; > Es barg die tiefsten Geisteswunder. > Und wenn auch wenig Menschen nur > Des Knaben Lebenskreis betraten, > Es fehlte ihm an Freunden nicht. > Wenn in den nahen Bergen > Erglühte golden Sonnenhelle, > Dann sog des Knaben sinnend Auge > Das Geistesgold in seine Seele ein: > Und seines Herzens Wesen, > Es ward so morgensonnengleich. > Doch wenn durch finstre Wolken > Der Morgensonne Strahl nicht drang > Und düstre Stimmung alle Berge überzog, > Da ward des Knaben Auge trüb > Und wehmutvoll sein Herz - —. > So war er hingegeben ganz > Dem Geistesweben seiner engen Welt, > Die er nicht fremder fühlte seinem Wesen > Als seines Leibes Glieder. > Es waren ihm ja Freunde auch > Des Waldes Bäume und die Blumen; > Es sprachen Geisteswesen aus den Kronen, > Den Kelchen und den Wipfeln -, > Verstehen konnte er ihr Raunen - —. > Geheimer Welten Wunderdinge > Erschlossen sich dem Knaben, > Wenn seine Seele sich besprach > Mit dem, was leblos nur > Den meisten Menschen gilt. > Und sorgend oft vermißten abendlich > Die Eltern den geliebten Sprossen. — > An einem nahen Orte war er dann, > Wo aus den Felsen eine Quelle drang > Und tausendfach zerstäubend > Die Wassertropfen über Steine sprengte. > Wenn Mondeslichtes Silberglanz > In Farbenfunkelspielen zauberhaft > Sich spiegelt’ in des Wassers Tropfenstrom, > Da konnt’ der Knabe stundenlang > Am Felsenquell verharren. > Und Formen, geisterhaft gebildet, > Erstanden vor dem Knabenseherblick > Im Wassertreiben und im Mondenlichtgeflimmer. > Zu dreien Frauenbildern wurden sie, > Die ihm von jenen Dingen sprachen, > Nach denen seiner Seele Trieb gerichtet. — > Und als in einer milden Sommernacht > Der Knabe wieder an der Quelle saß, > Ergriff der Frauen eine viele tausend Stäubchen > Des bunten Wassertropfenwesens > Und reichte sie der zweiten Frau. > Die formte aus den Tropfenstäubchen > Ein silberglänzend Kelchgefäß > Und reichte es der dritten Frau. > Die füllte es mit Mondessilberlicht > Und gab es so dem Knaben. > Der hatte alles dies geschaut > Mit seinem Knabenseherblick. — > Ihm träumte in der Nacht, > Die dem Erlebnis folgte, > Wie er beraubt des Kelches > Durch einen wilden Drachen ward. > Nach dieser Nacht erlebte jener Knabe > Nur dreimal noch das Quellenwunder. > Dann blieben ihm die Frauen fort, > Auch wenn der Knabe sinnend saß > Am Felsenquell im Mondensilberlicht. > Und als dreihundertsechzig Wochen > Zum dritten Mal verstrichen waren, > War längst der Knabe Mann geworden > Und von dem Elternhause und dem Waldesgrund > In eine fremde Stadt gezogen. > Da sann er eines Abends, > Von harter Arbeit müde, > Was ihm das Leben wohl noch bringen möge. > Es fühlte sich der Knabe plötzlich > Nach seinem Felsenquell entrückt; > Und wieder konnte er die Wasserfrauen schauen. > Und dieses Mal sie sprechen hören. > Es sagte ihm die erste: > Gedenke meiner jeder Zeit, > Wenn einsam du dich fühlst im Leben. > Ich lock’ des Menschen Seelenblick > In Atherfernen und in Sternenweiten, > Und wer mich fühlen will, > Dem reiche ich den Lebenshoffnungstrank > Aus meinem Wunderbecher. — > Und auch die zweite sprach: > Vergiß mich nicht in Augenblicken, > Die deinem Lebensmute drohen. > Ich lenk’ des Menschen Herzenstriebe > In Seelengründe und auf Geisteshöhn. > Und wer die Kräfte sucht bei mir, > Dem schmiede ich die Lebensglaubensstärke > Mit meinem Wunderhammer. — > Die dritte ließ sich so vernehmen: > Zu mir erheb’ dein Geistesauge, > Wenn Lebensrätsel dich bestürmen. > Ich spinne die Gedankenfäden > In Lebenslabyrinthen und in Seelentiefen, > nd wer zu mir Vertrauen hegt, > Dem wirke ich die Lebensliebesstrahlen > Auf meinem Wunderwebestuhl. — — — > Es träumt’ in jener Nacht, > Die dem Erlebnis folgte, > Dem Manne, daß ein wilder Drache > In Kreisen um ihn her sich schlich > Und nicht ihm nahen konnte: > Es schützten ihn vor jenem Drachen > Die Wesen, die er einst am Felsenquell geschaut > Und die aus seiner Heimat > Mit ihm zum fremden Ort gezogen waren.
Cite:
GA 127/1911-12-19/p008 · edition original