Three Lectures on the Mystery Dramas

GA 127/1911-12-19/p021 ·1911-12-19 · original (original)

Für Capesius sind Märchen die Anreger für die imaginative Erkenntnis. Nicht was in ihnen enthalten ist, was sie mitteilen, sondern wie sie verlaufen, wie ein Zug sich an den anderen gliedert, das wirkt und webt in seiner Seele. Der eine Zug läßt gewisse Seelenkräfte nach aufwärts streben, ein anderer andere nach abwärts, wieder durch andere werden aufstrebende und abwärtsstrebende durchkreuzt. Dadurch kommt er in seiner Seele in Bewegung, dadurch wird herausgeholt aus seiner Seele das, was ihn zuletzt befähigt, hineinzuschauen in die geistige Welt. Für viele kann gerade das Märchen das Alleranregendste sein. Deshalb finden wir bei den Märchen, die in früheren Zeiten entstanden sind, immer etwas, was zeigt, wie Züge des alten hellseherischen Bewußtseins in die Märchenzüge hereinspielen. Die ersten Märchen sind nicht so entstanden, daß sie jemand ausgedacht hat, nur die Theorien der gegenwärtigen Märchenprofessoren, welche die Märchen erklären, sind so entstanden. Die Märchen sind nirgends ausgedacht, sind die letzten Reste des alten Hellsehens, die von den Menschen, welche noch die Kräfte dafür hatten, im Traume erlebt waren. Was im Traume gesehen wurde, das wurde erzählt, so wie das Märchen vom gestiefelten Kater, das nur eine Umbildung ist des Märchens, das ich Ihnen heute erzählte. Alle Märchen waren schließlich vorhanden als letzte Reste des ursprünglichen Hellsehens. Daher kann ein wirkliches Märchen nur entstehen, wenn - entweder bewußt oder unbewußt - in der Seele des Märchendichters die Imagination vorhanden ist, die sich hineinprojiziert in die Seele, sonst ist es nicht richtig. Ein beliebig ausgedachtes Märchen kann nie richtig sein. Wenn heute noch da oder dort durch irgendeinen Menschen ein wirkliches Märchen entsteht, so entsteht es auch nicht anders als dadurch, daß in dem Menschen die Sehnsucht erwacht nach den alten Zeiten, welche die Menschheit einstmals durchgemacht hat. Diese Sehnsucht ist vorhanden, nur schleicht sie sich manchmal in gar verborgene Seelentiefen ein, und der Mensch verkennt in dem, was er bewußt schaffen kann, oft sehr, wie vieles aus den verborgenen Tiefen des Seelenlebens heraufkommt, und wie vieles nur durch das entstellt ist, was der Mensch mit seinem gegenwärtigen Bewußtsein machen kann.

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