Fünfter Vortrag

GA 133/1912-05-02/p015 ·1912-05-02 · original (original)
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Schauen wir jetzt den Gang der Entwickelung im 19. Jahrhundert an. Nehmen wir einmal davon Abstand, was sich in den katholischen Ländern zugetragen hat und sehen wir nur auf protestantische Gegenden, denen das Dogma der Maria konfessionell fern liegt. Sehen wir da, was für ein Siegeszug nicht nur mit der «Sistinischen Madonna », sondern mit allen Raffaelschen Madonnen sich vollzogen hat. Da können wir dann bemerken, selbst wenn wir jetzt nicht die Originale im Auge haben, sondern an die vielen, in bester Art hergestellten Stiche denken, wie sich die Menschen bemühen, Raffaels ganzes Schaffen in möglichst vollkommener Art vor die Menschheit hinzustellen. Wenige Menschen haben doch Gelegenheit, immer die Originale an den Ursprungsstätten zu sehen. Man kann selbstverständlich an einem Stiche nicht sehen, was das eigentlich Künstlerische ist; das zu glauben, wäre eine rohe Barbarei. Aber da ist etwas anderes eingezogen in die Entwickelung der Menschheit: da ist in die Gegenden, die überhaupt nichts wissen wollten von dem Dogma der unbefleckten Empfängnis, ein Christentum eingezogen, unabhängig von allen konfessionellen Unterschieden. Die Leute haben die konfessionellen Unterschiede in Theorien und Systemen verfochten. Und während sie dies taten, ist ein einheitliches Bild dieses großen Mysteriums — man möchte sagen: in okkulten Schriftzügen - in den Nachbildungen der Raffaelschen Kunst eingezogen, dieses Mysterium wieder belebend. Ein Herold des Christentums steht wieder vor uns. Großes und Ungeheutes wird sich in Zukunft daraus noch entwickeln. Und wenn wir Verständnis dafür haben, werden uns zu Hilfe kommen die Empfindungen, die in die Menschheit eingedrungen sind: was herunterstrahlt von dem Bilde der «Sixtinischen Madonna», von der «Madonna mit den Fischen» und anderen Madonnen oder von der «Schule von Athen», der «Disputa » und andern Bildern von Raffael. Ohne daß sie es wissen, haben heute die Menschen in ihren Seelen die Gefühle eines interkonfessionellen Christentums, das da lebt in dieser wunderbaren okkulten Schrift.

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