Vierter Vortrag
Wer dieses Gespräch des Sokrates bei Plato im «Phaidon» in seiner ganzen Stimmung erfassen kann, der fühlt sich unmittelbar versetzt in eine Empfindung, wie sie ausgeht von den erhabenen Lehren des Buddha, da, wo dieser zu den Herzen der Buddha-Schüler spricht. Und man kann dann sagen mit Bezug auf das, was der Unterschied, was das polarisch Verschiedene dieser beiden Persönlichkeiten ist: An einem besonderen Punkt erheben sie sich so, daß eine Einheit auch in dem polarisch Verschiedenen hervortritt. Wenn wir den Blick zu Buddha wenden, werden wir finden: Im ganzen sind die Buddha-Reden so, daß man sagen möchte, jene Empfindung, die man dem Gespräch des Sokrates über die Unsterblichkeit der Seele gegenüber hat, man hat sie durch die ganzen Buddha-Reden hindurch. Ich meine jetzt die Stimmung, die Seelenspannung. Das aber, was über die anderen, die sokratischen Reden immer ausgegossen ist, die stets darauf hinausgehen, den Menschen zu seiner eigenen Vernunft zu bringen, man findet es selten, aber zuweilen doch, bei Buddha; es klingt zuweilen durch. Man fühlt förmlich etwas wie ein versetztes sokratisches Gespräch, wenn Buddha einmal dem Schüler Sona klarmachen will, daß es nicht gut ist, bloß im Sinnensein zu verweilen und bloß mit dem sinnlichen Dasein zusammenzuhängen oder sich nur zu kasteien oder nur zu leben wie die alten, sich kasteienden Menschen, sondern daß es gut ist, wenn man den Mittelweg einschlägt. Da steht Buddha dem Schüler Sona gegenüber und spricht zu ihm etwa so: «Sieh einmal, Sona, wirst du gut auf der Laute spielen können, wenn die Saiten der Laute zu schlaff gezogen sind?» «Nein», muß Sona sagen, «ich werde nicht gut auf der Laute spielen können, wenn die Saiten zu schlaff gezogen sind.» «Nun wohl», sagt Buddha zu Sona, «wirst du gut auf der Laute spielen können, wenn die Saiten der Laute zu straff gezogen sind?» «Nein», muß Sona sagen, «ich werde nicht gut auf der Laute spielen können, wenn die Saiten der Laute zu straff gezogen sind.» «Also wann», meint Buddha, «wirst du gut auf der Laute spielen können?» «Wenn die Saiten der Laute weder zu schlaff noch zu straff gespannt sind», antwortet Sona. «Und so», meint Buddha, «ist es auch mit dem Menschen. Der Mensch wird nicht zu allen Erkenntnissen kommen können, wenn er zu stark dem Sinnesleben verfällt; und er wird auch nicht zu allen Erkenntnissen kommen, wenn er sich bloß kasteiend zurückzieht von allem Dasein. Der Mittelweg, den man einschlagen muß bei den gespannten Saiten der Laute, er muß auch eingeschlagen werden in bezug auf die Stimmung der Menschenseele.»
Cite:
GA 139/1912-09-18/p016 · edition original