Sechster Vortrag

GA 139/1912-09-20/p005 ·1912-09-20 · original (original)
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Wir sehen jeden Frühling die Pflanzen aus dem Erdboden hervorbrechen, sehen sie heranwachsen und heranreifen, Früchte bringen, Keime entlassen, und aus diesen Keimen sehen wir, wenn sie wieder in die Erde gesenkt werden, im nächsten Jahre gleiche Pflanzen in derselben Weise hervorwachsen, zu ihrer Höhe herangedeihen und wieder Keime entwickeln. So wiederholt sich dieser Vorgang von Jahr zu Jahr. - Wenn wir rechnen mit Zeitspannen, die der Mensch zunächst überschaut, dann müssen wir sagen: Wir haben es da mit einer richtigen Wiederholung zu tun. Die Maiglöckchen, die Primeln, die Hyazinthen, sie sehen jedes Jahr gleich aus. Was sie sind, wiederholt sich in ihnen in der gleichen Form, in der gleichen Art jedes Jahr. Wir können in einer gewissen Weise noch hinaufsteigen bis zu den Tieren und werden dort ein Ähnliches finden. Denn wenn wir das einzelne Tier betrachten, die einzelne Löwenspezies, die einzelne Hyänenspezies, die einzelne Affenart, dann finden wir, daß in einer gewissen Weise das, was werden soll aus einem solchen Wesen, gleich von Anfang an veranlagt ist. Daher sprechen wir mit einem gewissen Recht bei den Tieren nicht von einer eigentlichen Erziehung. Unverständige Leute fangen allerdings in der neueren Zeit an, allerlei Erziehungs- und pädagogische Begriffe auch bei den Tieren anzuwenden. Aber weder kann das als die Hauptsache angesehen werden, noch kann es bei einer richtigen Charakteristik ins Auge gefaßt werden. Im Grunde genommen sehen wir die Wiederholung auch bewahrheitet in der Natur, wenn wir kleine Zeitspannen ins Auge fassen. Wir sehen Frühling, Sommer, Herbst und Winter in regelmäßiger Wiederholung durch die Jahrhunderte hindurch. Und nur wenn wir recht große Zeitspannen nehmen, wie sie zunächst für die menschliche Beobachtung nicht in Betracht kommen, würden wir so etwas sehen wie die Notwendigkeit des Rechnens mit dem Zeitbegriff, würden uralte Zeiten sehen, wie die Dinge da anders verlaufen als in unseren Zeiten, und würden zum Beispiel darauf eingehen können, daß die Art, wie die Sonne aufgeht und untergeht in der Gegenwart, sich in eine ferne, ferne Zukunft hinein verändert. Aber das sind Gebiete, die sich erst ergeben, wenn wit in die eigentliche Geisteswissenschaft einrücken. Für das, was der Mensch zunächst beobachten kann, man möchte sagen, für die astronomische Natur, gilt auch die Wiederholung, die Wiederholung des Gleichen oder des Ähnlichen, wie wir sie in der alljährlichen Wiederkehr der Pflanzenformen ganz besonders vor uns haben. Bei dieser Wiederholung hat die Zeit als solche nicht eine tiefere Bedeutung. Sie ist nicht im wesentlichen Sinne dadurch, daß sie Zeit ist, ein real wirkender Faktor.

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Cite: GA 139/1912-09-20/p005 · edition original