Die Prüfung der Seele — Dreizehntes Bild
(Es treten ein: Benedictus, Theodosius und Romanus.) BENEDICTUS: Berufen hab' ich euch, die ihr Gefährten Mir seid im Suchen nach dem Geisteslicht, Das zu den Menschenseelen strömen soll. Ihr kennt der Seelensonne Wesenheit: Sie leuchtet oft in vollster Mittagshelle Und dringt in andern Zeiten dämmernd nur In Seelentraumesnebel kraftlos ein. Und oft muß sie den Finsternissen weichen. Des Tempeldieners Geistesblick muß dringen In Seelentiefen, welchen kraftvoll strahlet Das Geisteslicht aus Weltenhöhenorten. Er muß jedoch auch dunkle Ziele finden, Die unbewußt in Seelenfinsternissen Des Menschen Werdekräfte lenken wollen. Die Geisteswesen, die der Menschenseele Aus Weltenmächten Geistesnahrung spenden, Sie sind im Weihetempel jetzt erschienen, Zu lenken eines Mannes Seelenziel Aus Geistesnacht ins Reich des Höhenlichts. Er ist vom Wissensschlafe noch umfangen; Doch schon erklangen ihm die Geistesrufe In unbewußten Wesensuntergründen. Was sie in seiner Seele Tiefen sprachen, Wird bald zum Geistgehör auch dringen können. THEODOSIUS: Es konnte diese Seele sich bisher Im Geisteslichte noch nicht wiederfinden, Das durch die Sinnesoffenbarung strahlet Und alles Erdenwerdens Sinn enthüllt. Sie sah den Gottesgeist naturentblößt Und gottentfremdet, was natürlich ist. So mußte sie durch viele Erdenleben Sich fremd dem Sinn des Daseins gegenüberstellen Und konnte stets nur solche Leibeshüllen Zum Werkzeug ihres Eigenwesens finden, Die sie von Welt und Menschenwesen trennten. Sie wird im Tempel sich die Kraft erwerben, Das fremde Sein als eignes zu empfinden, Und so sich auch die Macht gewinnen können, Die aus Gedankenlabyrinthen führt Und nach den Lebensquellen Wege weist. BENEDICTUS: Ein andrer Mann erstrebt des Tempels Licht; Er wird erst künftig unsren Pforten nahen Und diesen Weiheort betreten wollen. Er hat gepflanzt in ernstem Forscherleben Des Denkens Keime in die Seelengründe. So mußte sie das Geisteslicht erreichen Und außerhalb des Tempels reifen lassen. Er konnte schauen, wie sein Erdendasein Als Folge eines andern sich erweist, Das er in langvergangner Zeit erlebt. Er ist sich nun der Fehler jenes Lebens Und ihrer Wirkung vollbewußt geworden. Ihm fehlt die Kraft, die Pflichten zu erfüllen, Die er durch Selbsterkenntnis fühlen kann. ROMANUS: Capesius soll durch des Tempels Kraft Erkennen, wie in Einem Erdenleben Der Mensch mit Pflichten sich beladen muß, Die erst durch viele Lebenspilgerfahrten In vollem Maße sich erfüllen lassen.
Cite:
GA 14/ga014-2_scene13/p003 · edition original