Die lebendige Wechselwirkung zwischen Lebenden und Toten
Einer unserer Freunde wurde vor einiger Zeit, vielleicht nicht einmal vor einem Jahre, zugleich mit seiner Frau, jede Nacht beunruhigt. Sie fühlten eine Beunruhigung. Und da vor kurzer Zeit der Vater des Betreffenden gestorben war, so hatte unser Freund sogleich die Meinung, daß der Vater etwas wolle, sich als Seele bei ihm melde. Und als unser Freund mit mir zu Rate gegangen war, da stellte es sich heraus, daß der Vater, der im Leben von Geisteswissenschaft nichts wissen wollte, nach dem Tode das lebendigste Bedürfnis hatte, von Geisteswissenschaft etwas zu erfahren. Und als dann der Sohn mit seiner Frau zusammen den Zyklus über das Johannes-Evangelium, den ich einmal in Kassel gehalten habe, dem Vater vorlas, war diese Seele in hohem Grade befriedigt, fühlte sich über manche Disharmonien, die sie vorher kurz nach dem Tode empfunden hatte, herausgehoben. Das ist in diesem Falle deshalb bemerkenswert, weil die betreffende Seele diejenige eines Predigers war, der seinen religiösen Standpunkt immer und immer vor den Menschen vertreten hat, nach dem Tode aber nur befriedigt sein konnte durch das Mitlesenkönnen einer geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung über das Johannes-Evangelium. So sehen wir, daß durchaus nicht notwendigerweise derjenige, dem wir helfen wollen, dem wir dienen wollen nach dem Tode, im Leben Anthroposoph gewesen zu sein braucht, obwohl wir natürlich diesem ganz besonders dienen werden, wenn wir ihm vorlesen.
Cite:
GA 140/1913-10-10/p014 · edition original