Erster Vortrag
Es sind das Dinge, auf die man hinweisen kann, aber sie sind nicht die Hauptsachen im Leben. Die Hauptsachen im Leben sind die, daß immer Wechselverhältnisse von Mensch zu Mensch auftreten. Wenn Mensch dem Menschen so gegenübersteht, daß er jeder Menschenseele gegenüber das Spirituelle im Menschen ahnt, dann wird er sich zu ihm ganz anders stellen, als wenn er nur das im andern vorhanden glaubt, was eine materialistische Weltanschauung annimmt. Das heilige Rätsel, das uns jede Menschenseele sein muß, das kann sie unsern Gefühlen, unsern Empfindungen nach nur sein, wenn wir in unserer Seele etwas haben, was auf die andere Seele das spirituelle Licht zu werfen in der Lage ist. Durch Vertiefung in die kosmischen Geheimnisse, mit denen die menschlichen Geheimnisse zusammenhängen, lernen wir eben die menschliche Natur kennen, lernen erkennen, wem wir gegenüberstehen, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen; lernen vor allen Dingen zum Schweigen zu bringen, was wir als Vorurteil sonst dem Menschen gegenüber haben, und lernen die echten, wahren, richtigen Seiten des Menschen fühlen und erkennen. Das wichtigste Licht, welches die Anthroposophie geben wird, wird das sein, das die Menschenseele beleuchten wird. Dadurch werden auch die rechten sozialen Empfindungen und die rechten Empfindungen der Liebe, die zwischen den Menschen walten sollen, als eine Frucht der wahren spirituellen Erkenntnis in die Welt kommen. Dies, was da kommen soll, kann eben nur aufgefaßt werden als eine Frucht, deren Wachsen und Gedeihen wir nur durch das spirituelle Erkennen pflegen können. Wenn Schopenhauer gesagt hat: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer», so hat er einem richtigen Gefühl entsprochen, denn Moralgrundsätze ausfindig machen ist ja wirklich nicht gar so schwer, und Moralpredigten halten ist auch nicht so schwer. Aber die menschliche Seele da anzufassen, wo in ihr die Erkenntnisse keimen, die durch sich selbst zur wahren Moral werden, die das menschliche Leben tragen kann, das ist es, worum es sich handelt. Wie wir uns ein jeder selber zu den spirituellen Erkenntnissen verhalten, das wird in uns auch die Keime für eine wirkliche Menschenmoral der Zukunft begründen können. Die Moral der Zukunft wird sich auf spirituelle Erkenntnis aufbauen; sie wird sich entweder so auf bauen - oder sie wird überhaupt nicht begründet werden können!
Cite:
GA 141/1912-11-05/p025 · edition original