Neunter Vortrag

GA 141/1913-03-04/p013 ·1913-03-04 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Wir sehen in diesem Erdenleben, wenn wir es verständig betrachten, manche Menschen - insbesondere in unserer Zeit sind diese Menschen wieder sehr häufig -, die in einer gewissen Weise nur halb denken können, deren Logik überall stillesteht gegenüber der Wirklichkeit. Ein Beispiel sei angeführt. Ein im übrigen durchaus in seinen Bestrebungen ehrlicher freisinniger Prediger hat bei einer Gelegenheit im ersten Freidenkerkalender folgendes gesagt: Man solle den Kindern nicht religiöse Begriffe beibringen, denn das wäre unnatürlich. Wenn man die Kinder aufwachsen läßt, ohne daß man ihnen religiöse Begriffe einpfropft, dann sehen wir, daß sie von selbst nicht zu Begriffen kommen von Gott, Unsterblichkeit und so weiter. Daraus könnte man aber ersehen, daß solche Begriffe dem Menschen unnatürlich sind; und was dem Menschen unnatürlich ist, das dürfte man ihm auch nicht beibringen, sondern nur das, was man aus seiner eigenen Seele ihm herausholen kann. — Wie bei sehr vielen Dingen, so gibt es bei einem solchen Ausspruche tausend und aber tausend Menschen der Gegenwart, denen dies sehr klug, sehr scharfsinnig gedacht erscheint. Aber man braucht nur wirkliche Logik anzuwenden, dann findet man das Folgende. Man nehme einen Menschen, der noch nicht sprechen gelernt hat, setze ihn aus auf eine einsame Insel und sorge dafür, daß er keine Sprachlaute hören wird. Die Folge wird dann sein: er lernt nie sprechen. Und wer nun sagt, man dürfe dem Menschen keine religiösen Begriffe beibringen, der müßte logischerweise auch sagen, der Mensch solle nicht sprechen lernen, denn die Sprache vermittele sich nicht durch sich selbst. Der betreffende freireligiöse Prediger kann also den angeführten Gedanken nicht verbreiten durch seine Logik, denn er steht still mit seiner Logik vor den Tatsachen. Er kann nur einen kleinen Kreis damit umfassen und merkt nicht, daß der Gedanke, wenn man ihn überhaupt faßt, sich von selber aufhebt.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/141/1913-03-04/p013.json
Cite: GA 141/1913-03-04/p013 · edition original