Nervosität und Ichheit
Noch eine Kleinigkeit sei erwähnt, die allerdings im späteren Leben nicht mehr soviel nützt, aber wenn der Mensch sie in früher Jugend nicht gepflegt hat, so ist es gut, wenn er sie im späteren Leben treibt. Das ist, daß wir gewisse Dinge, die wir vollbringen - gleichgültig ob die Dinge, die wir vollbringen, eine Spur hinterlassen oder nicht -, zugleich anschauen. Bei dem, was man schreibt, läßt sich das verhältnismäßig leicht machen. Ich bin überzeugt, daß mancher eine scheußliche Schrift sich abgewöhnen würde, wenn er versuchte, Buchstaben für Buchstaben anzuschauen von dem, was er geschrieben hat, wirklich das Auge noch einmal über das schweifen zu lassen, was er geschrieben hat. Beim Schreiben läßt es sich verhältnismäßig ganz gut ausführen, das, was man tut, zu gleicher Zeit anzuschauen. Aber übungsweise ist auch noch etwas anderes gut, das aber nicht lange fortgesetzt werden sollte. Das ist, wenn der Mensch versucht, sich zuzuschauen, wie er geht, wie er die Hand bewegt, seinen Kopf bewegt, bei der Art und Weise, wie er lacht und so weiter, kurz, wenn er versucht, sich von seinen Gebärden eine bildhafte Rechenschaft zu geben. Die wenigsten Menschen nämlich - davon können Sie sich durch genügende Lebensbeobachtung überzeugen — wissen eigentlich, wie sie gehen. Die wenigsten haben eine Vorstellung davon, wie es aussieht, wenn man das Auge auf sie richtet, während sie gehen. Es ist aber gut, so etwas zu tun, um so von der Wirkung seines Tuns eine Vorstellung zu gewinnen. Es darf aber, wie gesagt, nicht immer fortgesetzt werden, sonst trägt es zu stark zur menschlichen Eitelkeit bei. Abgesehen davon, daß wir ganz sicher viel an uns korrigierten, wenn wir eine solche Sache im Leben anwendeten, ist diese Übung wiederum von ungeheuer günstiger Wirkung auf die Konsolidierung des Äther- oder Lebensleibes und auch auf die Beherrschung des Ätherleibes durch den astralischen Leib. Wenn der Mensch seine Gebärden beobachtet, wenn er das anschaut, was er tut, sich eine Vorstellung von seinen Taten macht, so hat er den Erfolg, den Nutzen, daß die Herrschaft seines astralischen Leibes über den Ätherleib eine immer stärkere und stärkere wird. Dadurch kommt der Mensch in die Lage, wenn es nötig ist, auch einmal etwas mit Erfolg zu unterdrücken, zum Beispiel gewisse Handlungen oder Bewegungen willkürlich zu unterlassen oder anders zu machen als es in seiner Gewohnheit liegt. Es gehört gerade zu den größten Errungenschaften des Menschen, Dinge, die man tut, unter Umständen auch anders machen zu können. Es soll ja hier gewiß nicht entwickelt werden eine, sagen wir, Schule des Schriftverstellens; denn heute lernen eigentlich die Menschen die Schriftzüge nur dann anders zu gestalten, wenn sie das zu etwas Unrechtem anwenden wollen. Aber es ist, wenn man sich dabei vornimmt, durchaus ehrlich zu bleiben, für die Konsolidierung des Ätherleibes gut, einmal andere Schriftzüge anzunehmen. Es ist aber überhaupt gut, sich die Fähigkeit anzueignen, diese oder jene Verrichtung, die man vorzunehmen hat, auch einmal anders machen zu können, durchaus nicht darauf angewiesen sein zu müssen, daß man die Sache nur in einer Weise machen muß. Und so braucht ja der Mensch durchaus nicht gleich ein fanatischer Anhänger der gleichen Benützbarkeit der linken und der rechten Hand zu sein; aber wenn er doch in einer mäßigen Weise versucht, wenigstens gewisse Verrichtungen auch mit der linken Hand vornehmen zu können, die er sonst mit der rechten macht - er braucht das nicht weiter zu treiben, als daß er eben einmal imstande ist, das zu tun -, so übt das einen günstigen Einfluß aus auf die Herrschaft, die unser astralischer Leib auf den ätherischen ausüben soll. Stärkung des Menschen in dem Sinne, wie sie gegeben werden kann durch geisteswissenschaftliche Einsicht, das gehört zu dem, was unserer Kultur gebracht werden soll durch die Verbreitung der Geisteswissenschaft.
Cite:
GA 143/1912-01-11_02/p019 · edition original