Dritter Vortrag
Die Mutter hatte zwar manches zu erwidern, wenn er sagte: Auch wenn heute noch die Stimmen der alten hebräischen Propheten ertönten, so würde es doch keine Menschen geben, um diese Stimmen zu verstehen. Die Mutter sagte darauf, daß zum Beispiel Hillel dagewesen sei, ein großer Gesetzeslehrer, und der Jesus von Nazareth wußte auch zu würdigen, wer Hillel war und was er für das Judentum bedeutete. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, welche Bedeutung dieser Hillel hatte. Sie finden es im jüdischen Schrifttum genügend gewürdigt. Hillel war ein Erneuerer der schönsten Tugenden und Lehren des alten Judentums, wie auch eine Persönlichkeit, die durch ihre eigene Art und Weise dieses alte Judentum wieder zu einer Art Erneuerung brachte. Aber das war nicht dadurch gekommen, daß Hillel ein Gelehrter war, sondern dadurch, daß er durch sein Tun und Treiben, vor allem aber in seinem Fühlen, Wollen und Wünschen und in seiner Art, die Menschen zu behandeln, zum Ausdruck brachte, wie wirkliche Weisheit jeglicher Art in der Menschenseele die Seele umgestaltend wirkt. Was man insbesondere im Judentum pries, aber in der damaligen Zeit nicht mehr recht verstand: die Geduld in der Behandlung anderer Menschen - dem Hillel wurde sie mit Recht zugeschrieben. Er hatte ja auch auf sonderbare Art die Möglichkeit erlangt, unter den Hebräern zu wirken. Er stammte aus Babylon, aber aus einem Geschlechte, das von den Juden zur Zeit der Gefangenschaft hinüberverpflanzt war nach Babylon, und das seinen Ursprung auf die Familie David selbst zurückführte. Auf diese Weise hatte er in sich vereinigt, was er aus dem Babyloniertum hatte aufnehmen können, mit dem in seinem Blute pulsierenden Hebräertum. Und wie sich das in seiner Seele gestaltet hat, das wird in einer bedeutungsvollen Legende erzählt.
Cite:
GA 148/1913-11-18/p013 · edition original