Zweiter Vortrag

GA 148/1913-12-10/p016 ·1913-12-10 · original (original)
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Als Jesus eine Strecke weitergegangen war, begegnete er einem Menschen, der den Eindruck machte des tiefsten Leides, des Gepreßtseins, des Bedrücktseins. Gesenkten Hauptes, auch physisch bedrückten Leibes ging der Betreffende dem Jesus entgegen. Da vernahm er, wie jene Wesenheit, die ich vorgestern gerade als den Jesus zu dieser Zeit charakterisierte, Worte zu ihm sprach, die wie aus tiefstem Quell dieser Wesenheit heraus tönten. Dieser gepreßte Mann hörte, daß Jesus sprach: Wozu hat deine Seele ihr Weg geführt? Ich kannte dich einst vor Jahrtausenden, vor vielen Jahrtausenden, da warst du anders. — Es fühlte sich dieser gepreßte Mensch gedrängt, gewisse Dinge auszusprechen vor dieser Erscheinung, denn als Erdenmenschen können wir eine solche Wesenheit, die nur aus dem physischen Leib, Ätherleib und Astralleib bestand, mit der Nachwirkung des Zarathustra-Ichs in diesen drei Leibern, nicht bezeichnen. Wir können sie nur eine Wesenheit nennen. Der in Verzweiflung befindliche Mensch fühlte sich gedrängt zu dieser Wesenheit zu sagen: Ich bin in meinem Leben zu hohen Würden gekommen, und stets, wenn ich zu neuen Würden gestiegen, fühlte ich mich so recht in meinem Element, und oft überkam mich die Empfindung: Was bist du doch für ein seltener Mensch, daß deine Mitmenschen dich so erhöhen, daß du es auf der Erde so weit bringen konntest. Was bist du für ein seltener Mensch! Ich war über alles glücklich. Dann aber ist es schnell gegangen, daß ich dieses Glück verlor. In einer Nacht ist das gekommen. Und eben als ich einmal eingeschlafen war, kam ein Traum so über mich, daß ich in den Traum das Gefühl hineinbrachte, daß ich mich vor mir selbst schämte, so etwas zu träumen. Ich träumte, daß ein Wesen vor mir stand, das mich fragte: Wer hat dich so groß gemacht, dich zu so hohen Würden gebracht? — Darüber schämte ich mich, daß überhaupt im Traum eine solche Frage an mich gerichtet werden konnte, denn es war mir so klar, daß ich eben ein seltener Mensch war und daß ich selbstverständlich durch meine großen Tugenden zu diesen Würden gekommen war. Und als das Wesen so zu mir gesprochen hatte, war ich im Traum ganz ergriffen von einem immer größer werdenden Schamgefühl vor mir selbst, im Traum -, so sagte dieser sich in Verzweiflung befindliche Mensch. Da ergriff ich die Flucht, aber kaum war ich entflohen, so stand die Erscheinung in veränderter Gestalt wieder vor mir und sagte: Ich habe dich erhöht, dich zu Würden gebracht. - Da erkannte ich in ihm den Versucher, von dem die Schrift erzählt, daß er im Paradiese schon der Versucher war. Da wachte ich auf und seit dem Augenblick habe ich keine Ruhe mehr. Ich verließ meine Würden, den Wohnort, alles, und irre seitdem tatenlos in der Welt umher. Und jetzt führt mich, irrenden Menschen, der ich mich durch Betteln ernähre, mein Weg vor dich. - Und in dem Augenblicke, wo der Mann das gesprochen hatte — so ergibt es die Akasha-Chronik -, da war die Erscheinung wieder vor ihn, stellte sich vor Jesus von Nazareth, der in dem Augenblicke wieder vor seinen Augen verschwand. Dann löste sich die Erscheinung auf, und der Mann war seinem Schicksal überlassen.

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Cite: GA 148/1913-12-10/p016 · edition original